Interviews-Archiv

2011

Wie ich gerade in meinen Ordner „Fanzineartikel“ auf meinem Computer schaue, sehe ich, dass ich lange kein Interview mehr gemacht habe. Schon komisch, wie sich das tägliche Brot verdienen auf seine Hobbys auswirkt. Tja, es einen manchmal sogar auffrisst.
Bei der Arbeit an der neuen Platte meiner Band ist es jedoch nötig geworden, ein Mitglied der Band HERMANN’S ORGIE ausfindig zu machen, weil wir eine Coverversion von ihnen auf eben jener veröffentlichen wollen. Allerdings gestaltete sich das gar nicht mal so leicht, denn im Internet ist kaum etwas über die Band zu finden.
Mit etwas kriminalistischen Geschick, welches ich wohl zum einen von meinem Vater geerbt und zum Anderen durch das sonntägliche Anschauen des Tatorts aneignen konnte, habe ich es dann doch aber irgendwie geschafft, Sänger Tom ausfindig zu machen. Da man ja aber ein Stück nicht einfach so covert und man ja auch gern herausfinden möchte, was hinter dieser Band steckt, lag es nahe, meinem Gegenüber ein paar Fragen zu stellen, die ich schon immer mal loswerden wollte. Leider hatte Tom so viel um die Ohren, so dass er die Fragen an Clement, den ehemaligen Bassisten weiterleitete. Der, mittlerweile in London lebend, hatte glücklicherweise etwas Zeit, meine Fragen zu beantworten. Es ergab sich ein ziemlich interessantes Gespräch, wie Ihr im Folgenden sehen werdet. Viel Spaß.

Hallo Clement. Durch stundenlange Netzrecherche habe ich es irgendwie geschafft, Dich ausfindig zu machen. Zuerst erreichte ich Tom, der am Telefon etwas überrascht klang, auf einmal nach über 30 Jahren mit seiner Vergangenheit konfrontiert zu werden, als ich nach einem Mitglied der Band HERRMAN’S ORGIE fragte. Ging Dir das genauso?

C: ich wurde gerade vor kurzem mit der 'Vergangenheit' konfrontiert, STEREO TOTAL hatten eine Cover Version von 'Moderne Musik' veröffentlicht (http://www.stereototal.de/music/parisberlin_de_info.html). Das war überraschend. Ich habe mir dann zum ersten Mal seit gut 30 Jahren die Musik mal wieder angehört und war noch mehr erstaunt festzustellen, dass mir einige Titel immer noch sehr gefallen.

Ich hatte zuerst Tom kontaktiert, der aber die Fragen an Dich weitergeleitet hat. Warum überlässt er Dir das Interview? Hatte er keine Lust, dazu noch Fragen zu beantworten oder hat er so viel zu tun?

C: Ich nehme an, Tom hat einfach sehr viel um die Ohren, im wahrsten Sinne des Wortes…

Über Eure Band ist im Internet sehr wenig zu finden. Es gibt eine halbherzige MySpace – Seite, die seit 2004 nicht mehr aktualisiert wird und hier und da ein paar Verweise auf die alten Platten. Warum kann man nicht mehr finden?

C: Diese MySpace Seite ist nicht von uns eingerichtet worden und auch nicht autorisiert. Wir denken aber drüber nach, noch mal etwas Hübsches zu machen.

Da ja nicht so viel zu finden ist, erzähl doch mal bitte kurz einen Abriss der Bandgeschichte (Gründung, Umfeld, Namensgebung, Auflösung, …)

C: Tom und ich hatten schon mit 14 zusammen musiziert. Wir hatten die Glam Rock Phase mit BOWIE, NEW YORK DOLLS und ROXY MUSIC gerade hinter uns und wollten selber Musik schreiben. Rock natürlich, und mit englischen Texten. Zwei Jahre später kam dann Punk auf, musikalisch änderte sich damit alles. Ich hatte die DAMNED in der Markthalle gesehen und Tom hatte die erste CLASH LP. Auf Parties ließ man einfach die ersten drei RAMONES Scheiben ohne Unterbrechung durchlaufen. Eine großartige Zeit, mit fantastischen Gigs in Hamburg, wir fühlten uns als wären wir allen 10 Jahre voraus. Punk hatte etwas Futuristisches. Kurze Haare waren in den 70ern eine Provokation, selbst unsere Lehrer hatten alle mindestens kragenlange Frisuren. Es gibt nichts Besseres als mit 16 Jahren in der Zeit einer musikalischen Revolution zu leben.

Trotz allem hatten wir nicht gleich den Impuls eine Punkband zu gründen. Es gab reichlich deutsche Bands die Englisch sangen aber das schien uns zu albern. Wenn schon deutschen Punk dann musste es auch Deutsche Texte haben. Das war wohl die einfachste Sache der Welt aber es hat lange gedauert bis wir uns tatsächlich trauten. Die deutsche Sprache war noch weitgehend mit dem deutschen Schlager synonym. Es war kein einfacher Schritt, und deutsche Reime zu schmieden schien schwieriger als Englisch und passte nicht so gut zur Musik - dachten wir zumindest. Letztendlich ging es besser als wir gedacht haben, trotzdem waren Bands die deutsch sangen selten zu der Zeit. Meine Freundin kam dann mit dem Namen HERMANNS ORGIE' auf, aus Spaß, wir wollten etwas Surreales und Witziges und das passte prima.

Dazu muss man sagen dass in Deutschland in den 70ern wenig gute Musik zu hören war. Im Radio gab es 'Musik für junge Leute' und sonst fast nichts. Die Musikpresse bestand aus Bravo, und ein Magazin, das 'Pop' hieß. Nur 'Sounds' brachte Berichte von der aktuellen Musikszene in den Staaten und in England.

Während bei der ersten LP 4 Bandmitglieder erwähnt werden, scheint es bei der Nachpressung, dass nur Du und Tom Mitglieder der Band gewesen seid. Ihr bedankt Euch dann „nur“ beim Trommler und dem Saxophonisten. Ward Ihr eigentlich eine 2-Mann-Band?

C: Tom und ich waren immer der Kern von HO und Schlagzeuger zu finden war immer schwierig. Wir wohnten in einem Hamburger Vorort und die meisten Schlagzeuger in der Provinz lebten noch im Prog-Rock Zeitalter. Carl Palmer war der Held des Kleinstadt-Drummers, nicht Rat Scabies. Wir fanden letztendlich Frank, der vorher in einer Tanzband gespielt hatte. Das gab unseren Songs einen leichten Disco Touch. Frank war auch noch nicht 16, deshalb ließen ihn seine Eltern nicht nach 10 Uhr abends in Kneipen auftreten. Zudem waren auch wenig Lokale bereit Punk Bands auftreten zu lassen. Wir hatten wenig Beziehungen zu der Hamburger 'in-crowd', oder genauer gesagt, wir hatten überhaupt keine Beziehungen.

Besteht denn noch Kontakt zu den anderen ehemaligen Musikern außer zu Tom? Was machen sie heute?

C: Nicht viel. Frank, der erste Trommler, hat mich mal über Facebook kontaktiert. Sonst nichts. Ich glaube Frank ist jetzt ein Mega-Producer im populären Musikbereich.

Eure Platten werden bei eBay immer noch zu horrenden Preisen verkauft. Wie groß war denn damals die Auflage. Es gab dann nochmal die Nachpressung mit schwarzem Cover, aber auch die ist nicht billig zu haben. Schon mal darüber nachgedacht, sie nochmals oder gar als CD zu veröffentlichen?

C: Wir haben es überlegt, aber die Zeit und das Geld, das erforderlich wäre macht es z. Zt. nicht möglich. Außerdem fehlen die originalen 8-Spur Aufnahmen...

Also wenn, dann würdet Ihr das liebevoll gestalten wollen und nicht einfach nur „von LP auf CD überspielen wollen“. Sehe ich das richtig? In dieser Hinsicht hat das Hamburger Label WEIRD SYSTEM tolle Sachen herausgebracht (z.B. die tollen Zusammenfassungen mit SLIME, NEUROTIC ARSEHOLES, TEMPO, etc.…). Da man ja ursprünglich aus derselben Stadt kommt, würde sich sowas ja vielleicht anbieten…

C: Ja, die Plattensammler, die die Original Scheibe haben, dürfen sich freuen, eine simple Neuauflage wird es nicht geben. Wenn überhaupt, würden wir das völlig überarbeiten und so machen, dass es uns heute gefällt und Spaß macht, daran zu arbeiten. Reine Nostalgie liegt uns nicht am Herzen, und mit den Musikpuristen, die nur die Originalaufnahme als authentisch betrachten, haben wir auch nichts am Hut.

Einige Lieder waren durch den Verlust der Bänder völlig verloren gegangen und ich würde gerne ein paar Stücke neu aufnehmen um zu sehen, wie sie klingen und ob die Lieder als Kompositionen noch Sinn machen. Danach muss man sich fragen: 'Mache ICH eigentlich noch Sinn? Macht es noch Spaß?' Und für all das braucht man halt Zeit, und die ist für uns Mangelware. Leider. Aber wer weiß, wir sind ja noch jung...

Wenn man im Netz ein wenig recherchiert bekommt man interessante Gerüchte zu hören. Z.B.: „.. dass der Band deshalb der große Erfolg versagt blieb, weil sie trotz Einladung zum "In die Zukunft"-Festival in der Hamburger Markthalle dort nicht auftraten - ihr Bassist (also Du) hatte seinen Winterurlaub schon gebucht und konnte ihn nicht stornieren!“ und „Ihre LP hat kultur-historischen Wert, weil sie u.a. DDR-Radio- und -Fernsehnachrichten verwendeten.“ . Was hat es damit auf sich?

C: Ich war in den Urlaub gefahren und Tom wollte mich von Hamburg aus in die Schweiz fahren um mich für den Abend abzuholen. Wahnsinn. 'Erfolg' hatte keine Bedeutung für mich, ich war gerade 18 Jahre alt und hatte meinen ersten Urlaub zusammen mit meiner Freundin. Das hatte Priorität. Die 'in die Zukunft' Festivals waren sehr merkwürdige Veranstaltungen mit ihrer Mixtur von Hardcore Punk und experimentellen New Wave Bands. Wir wären da irgendwie in der Mitte gelandet. Keine Ahnung ob uns das irgendwie geholfen hätte. Die 'Moderne Welt' LP war meiner Meinung nach so-oder-so ein Riesenerfolg für eine Punkband mit deutschen Texten, vor allem weil alles selbstproduziert und finanziert war. Tom hat da ganz fantastische Arbeit geleistet. "Punk" war aber mittlerweile auch schon gestorben. Das konnte man schon daran erkennen, das überall 'Punk's not dead' Graffitis auftauchten. In der Punk Szene hatte sich die Lederjackenuniform durchgesetzt. In der Markthalle tauchten die ersten Neo-Nazi Punks auf, die 'Subway Army', die ironischerweise von einem Farbigen angeführt wurden. Plötzlich war man in Schlägereien vor der Bühne verwickelt und die Musik wurde ein wenig schal. Und danach kam die 'Neue Deutsche Welle' und der Rest ist Geschichte...

Und was ist mit den DDR – Radio- und TV-Nachrichten? Was war da?

C: Das DDR Radio hatte uns fasziniert, die Identitätslosigkeit und Monotonie der Sprecher; die Situation, in der ein Land geteilt war mit zwei konkurrierenden Systemen... Ich weiß nicht ob man sich das heute noch vorstellen kann, aber es hatte schon damals einen sehr surrealen Touch. Es gab, nur wenige Kilometer entfernt, eine völlig andere Welt hinter einer hohen Mauer. Und alles was man davon zu hören bekam waren diese Roboterstimmen. Es war halt die Zeit des 'Kalten Krieges'. Das war unsere Erfahrung zu der Zeit. Verwirrung. Kontraste. Heutzutage müsste man die natürlich anders ausdrücken. Die 'Moderne Welt', hat sich vielleicht nicht viel verbessert, aber sie hat sich schon sehr verändert.

Und dort wurdet Ihr im Radio auch gespielt!?

C: Meinst Du im Osten oder Westen oder allgemein? Im Osten sind wir natürlich nicht im Radio gespielt worden... Wir sind unseres Wissens nur im West-Rundfunk gespielt worden, und da auch nur selten da wir nicht in der Gema waren (oder sind), d.h. ein Radio Sender musste vor spielen der Platte mit uns einen Vertrag machen.

Man findet auch relativ wenig Live-Reviews. Ward Ihr eher eine „Studio-Band“ oder habt Ihr schon des Öfteren Live gespielt. Wo seid Ihr überall gewesen? Eher im Raum Hamburg oder auch Deutschlandweit?

C: Außerhalb Hamburgs sind wir nie aufgetreten. Wie gesagt wir hatten keine Beziehungen oder Kontakte zu irgendwelchen Promotern.
Wenn wir Gigs erhaschen konnten waren diese meistens in den Vororten Hamburgs oder in Läden die nicht wussten, was Punk Rock war. So hatten wir dann einen Auftritt in den 'Hafenkasematten', damals Hamburgs ältester Jazzschuppen. Da haben wir dann vor drei entsetzten Jazzliebhabern gespielt. Die Aufnahmen davon haben wir für unsere erste selbstproduzierte Single verwendet (http://www.youtube.com/watch?v=tE6YFVp_bJU). Es wird niemanden überraschen, zu hören, dass wir danach nicht wieder in die 'Hafenkasematten' eingeladen wurden. Die Szene war auch ziemlich hart da, die Punks immer Ärger mit Teds und den St. Pauli Zuhältern hatten. Bei einem Gig in Bergedorf hatten wir auf einmal ca. 20 Teds im Publikum, die gehört hatten das eine Punkband auftreten würde, und versammelten sich drohend vor der Bühne und wir waren froh einigermaßen heil da raus zu kommen. Bin auch selber manchmal von Teds über den Hamburger Dom gejagt worden, aber sobald man in das Karolinenviertel kam war man sicher. Dort waren alle Kneipen die die Punks besuchten und das 'Rip Off', ein unabhängiger Plattenladen der auch heute noch besteht.

Anfang der 80er Jahre wurde dann wohl auch Euer privates Tonstudio ausgeraubt. Wie habt Ihr das verkraftet? Wurden die Täter jemals gefunden? Ihr habt ja auch die erste SLIME-Single veröffentlicht. Das waren ja die Bänder dann vermutlich dabei.

C: Nachdem das Studio ausgeraubt worden war, war es schwierig weiter zu machen. Die Situation war deprimierend und finanziell drückend.
Der Raub wurde ein paar Tage vor Inkrafttreten der Versicherung ausgeführt. Die Täter wurden nicht ausfindig gemacht, viele Wochen Arbeit waren verloren und es gab keine finanzielle Entschädigung.
Um die Schulden zu tilgen, musste die LP erscheinen, Tom schaffte mit den verbliebenen Mastertapes ein kleines Meisterwerk zu zaubern, aber trotzdem war es nicht das geworden, was wir erhofft hatten. Zusätzlich musste ich nach Berlin ziehen - aus Gründen, die allen, die alt genug sind, klar sein werden. Punk war zudem schon lange tot. Wir hatten andere Projekte die mehr experimentell, und für uns aufregender, waren. Tom hatte die 'Tonträger' und ich machte minimale Synth-Musik mit 'Tse Tse' (http://www.reverbnation.com/eplay/artist_890706).

Berlin hat mir nicht gefallen. Mit der Mauer und den Wachtürmen war es sehr klaustrophobisch (Tom hat das auch in 'Wir geh'n nach Berlin' sehr gut beschrieben). Ich bin dann nach London ausgewandert. London war immer mein musikalisches Mekka gewesen und ich habe dort immer in diversen Bands gespielt, ohne nennenswerten Erfolg, aber es machte alles nichts, denn ich lebte den idealen 'Punk' Lebensstil in netten Squats mit Drogen, Parties und viel Rock'n'Roll… bis vor einigen Jahren habe ich noch mit Garagepunk Bands gespielt und habe beim DIRTY WATER CLUB mitgeholfen, einem der letzten, wirklich der Musik gewidmeten Music Clubs in London (http://www.dirtywaterclub.com).

Das war damals sehr frustrierend und hat uns sehr viel Schwung genommen. Die geklaute Technik haben wir viel später dann nach und nach ersetzen können. Verloren gegangen waren aber auch ein halbes Dutzend Mastertapes unveröffentlichter Sachen. Das hat vielleicht zwei oder drei Hamburger Punkbands die „Karriere“ gekostet.

Aber für SLIME hat es wenigstens gereicht….?! Ward Ihr sozusagen teilweise auch „Wegbereiter“ für einige Bands?

C: Ja, SLIME waren ein Erfolg, einfach deshalb weil die Jungs prima Songs hatten, die provokativ und zum mitsingen geeignet waren. Die 'Bullenschweine' Single ist ein wahrer deutschsprachiger Klassiker.

Im Endeffekt waren viele in der Szene für die kleinen Erfolge verantwortlich. Die Bands, die Plattenläden die die Platten führten, die unabhängigen Vertriebe und natürlich die Labels, die das Geld zusammenkratzten um die Produktion und Pressung zu finanzieren. Es gab in dieser kleinen Szene einen sehr hohen Prozentsatz an kreativen Enthusiasten die nicht warteten bis sie vom System bedient wurden.

Ihr habt dann nochmal einen Neuanfang mit NEULAND versucht. Warum hat das dann nicht mehr funktioniert?

C: Das hat schon noch funktioniert. Aber Mitte der 80-er war die eigentliche Herausforderung nicht mehr, Platten nur zu veröffentlichen, sondern diese auch zu verbreiten. Also auch darüber nachzudenken, wie man Läden wie Karstadt dazu bringen könnte, Indie-Platten ins Regal zu stellen. Das klingt heute selbstverständlich - das war es damals aber überhaupt nicht. In den ersten Jahren des Punkrock waren die Platten nur über sehr wenige Läden zu bekommen. In vielen kleinen Städten gab es schlichtweg keine Möglichkeit an solche Musik zu kommen. Da half nur hin und wieder die Pilgerreise nach Hamburg, Berlin oder sonst eine größere Stadt in der Nähe. Tom hatte sich ab 1985 bis einschließlich 1998 (in verschiedenen Konstellationen) um den Vertrieb von Indie-Platten gekümmert.

Tom betreibt ja derweil ein Masteringstudio und mastert alles von BLÜMCHEN bis zu den SKATOONS. Er ist also immer in der Musik verwurzelt geblieben. Wie sieht es bei Dir aus? War das Dein Ziel oder hat sich das so ergeben?

C: Ich habe mein ganzes Leben lang Musik und Lärm gemacht und mache das auch noch heute. Auf dem Computer jetzt natürlich hauptsächlich, aber irgendwann werde ich sicher auch wieder 'ne Band gründen und zurück in den Übungsraum gehen. In 'ner Band zu sein ist zwar 90% Streit und harte Arbeit aber irgendwie vermisst man das. Und auf einer Bühne zu stehen ist fantastisch, selbst wenn es nur in der Kneipe um die Ecke ist.

Clement, Du lebst mittlerweile in London. Was machst Du? Liegt es nahe, wenn man in Hamburg wohnte, in die Welt hinauszuziehen?

C: Ich war damals in Berlin 'gestrandet', ohne Perspektiven. Dann bin ich für eine Woche, auf Urlaub, nach London gefahren, und nicht zurückgekommen. Als Hamburger fühlt man sich vielleicht sowie so schon ein wenig im Angelsächsischen zuhause, und London war in den frühen '80ern ein fantastischer Ort für jemanden der jung ist, und außer Musik nicht viel im Kopf hat. Die Stadt war ein Spielplatz, ein Fest fürs Leben, mit Konzerten, Clubs und Parties. Hausbesetzen war legal, so konnte man günstig wohnen und die Arbeit auf das nötigste beschränken. Und die Londoner waren extrem aufgeschlossen und aufnahmebereit.

An eine 'Karriere' war während dieser Zeit natürlich nicht zu denken. Mitte 30 habe ich dann noch schnell was studiert, und kurz danach kam dann das Internet. Es war wieder „Stunde Null“. Da hatte am Anfang keiner viel Erfahrung. Ich habe bei Apple im web-Team Arbeit gefunden und arbeite auch heute noch mit Web-Design. Der ex-Punk hat sich also halbwegs erfolgreich in die bürgerliche Gesellschaft wieder eingegliedert. Und Musik machen wir trotzdem noch. Es lebe die Technologie!

Hamburg wird nie aufhören mich zu faszinieren, aber ich bin da heutzutage nur noch Tourist. Persönlich würde ich jedem empfehlen, wenigstens einmal im Leben in ein anderes Land zu ziehen.

In Zeiten von Reunions – habt Ihr schon mal daran gedacht, wieder mal ein paar Konzerte zu geben. Es gibt ja schon ein paar Leute, die das hören wollen würden….

C: Haben wir nicht dran gedacht und das würde auch aus organisatorischen Gründen nicht gehen, von den persönlichen Implikationen ganz abgesehen. Wenn überhaupt, würden wir ein paar arbeitslose Jugendliche anheuern, denen Instrumente in die Hand drücken und unter dem HERMANNS ORGIE Namen auf Tour schicken! Dann könnten wir uns das Ganze von der Bar aus ansehen und mitlallen... Das wäre doch 'ne viel bessere Idee.

Haha. Das wäre ne Idee… Man blickt ja oftmals etwas wehmütig in die eigene Vergangenheit zurück. Was vermisst Du aus den alten Tagen und was hast Du Dir bewahrt?

C: Wir vermissen die besondere Wertschätzung der Musik im Allgemeinen und des Tonträgers im Besonderen. Mit dieser Wertschätzung sind wir aufgewachsen. Die Musik der Hippies und zu einem geringen Ausmaß auch die Musik der Punks hatte die Kraft, das Weltgeschehen zu beeinflussen. Von einer solchen Kraft kann in der heutigen Musikkultur nicht die Rede sein.

Clement, Vielen Dank für das Interview!

Mieschka Mayonaise
Fotos: Rüdiger Ladwig

mieschka | Mi., 07. Dez 2011 | Interview

Im Oktober 2004 kam ich zum ersten Mal mit der Berliner Rockabilly – Formation in Kontakt. Das URBAN ZOMBIE – Label hatte mir gerade die Debütsingle der Band zukommen lassen und ich war von Anfang an begeistert. Später ergab sich immer mal wieder die Möglichkeit das Trio, welches im Lauf der Jahre auch ein paar Schlagzeugerwechsel verkraften musste, live zu erleben. Und das war immer ein Riesenspaß. Meine Konzertaktivitäten sind in den letzten Jahren leider etwas weniger geworden. Aber als dieser Tage eine neue 7“ der Band ins Haus flatterte, dachte ich mir, ich muss mal nachhaken, was ich so in den letzten Jahren verpasst habe. Leider hat es für den ganz großen Durchbruch noch immer nicht gereicht, aber das kann sich ja noch ändern. Die Leute, die von der Band bisher noch gar nichts wussten, sollten sich die folgenden Zeilen mal genau durchlesen, sich ne Platte besorgen oder laden und unbedingt mal ein Konzert besuchen. In Berlin ist die Chance dafür jedenfalls immer wieder ganz gut…

Hallo zusammen. Ich verfolge Euch ja schon ein paar Jährchen. Allerdings gibt es unverständlicherweise wohl Leute, die Euch noch nicht kennen. Von daher solltet Ihr Euch mal kurz vorstellen..

Kathy: Mit meiner ersten Band, THE ACCELERATORS in der UK Punkszene Ende der 70er Jahre, bin ich in die "School of Rock'n'Roll" gekommen….später habe ich weiteren, strengen Rock-Unterricht bei THE BIRDHOUSE erhalten und in den letzten Jahren folgte eine intensive Weiterbildung in Psycho- und Rockabilly

Robbi: Ich habe meinen musikalischen Werdegang in der Psycho-Szene im damaligen West-Berlin gestartet. Mein Opa war Kontrabassist beim UFA-Orchester gewesen und mich hatte daher dieses Instrument schon immer fasziniert, besonders die, für Rockabilly typische, Slaptechnik Nach etwa einem Jahr Unterricht auf einem Fretless E-Bass, habe ich mir mit knapp 18 einen Kontrabass vom ersten selbst verdienten Geld gekauft und THE RAWHEADS rekrutierten mich kurze Zeit später. Mit den Jungs habe ich mir dann etliche Jahre im Übungskeller die Finger blutig gespielt, Auftritte waren eher selten, aber eine EP kam 93 raus. Als ich Ende ´92 von MAD SIN gefragt wurde, ob ich nicht Holly, der damals keine Zeit und Lust mehr hatte, als Bassist zu ersetzen, zögerte ich nicht lange und sagte zu. Es folgten diverse Gigs in Deutschland und eine kleine Tour durch Frankreich und das fünfte Album der Band mit mir am Bass. Da ich mich letztlich aber meinem Studium widmen wollte und von bandinternen Problemen zu sehr genervt wurde, stieg ich im Herbst ´93 wieder aus und machte mit den RAWHEADS weiter, die immer noch parallel dazu existierten. 1995 produzierte ich mit ihnen das Album Inferno, aber kurze Zeit später zerstritten sich Sänger und Schlagzeuger und die Band zerbrach.
Ich dachte mir, es wäre an der Zeit mal etwas anderes zu unternehmen, wurde von der Berliner Hardcore-Punk Band FLAT EARTH aufgenommen und spielte erstmal eine Weile hauptsächlich E-Bass. Nicht allzu lang darauf begann ich dann aber wieder mit Drummer und Gitarristen der RAWHEADS zusammen zu spielen und übernahm nun auch den Gesang. Die Idee war, klassische Rockabilly Nummern im eigenen Stil zu interpretieren, was auch zu einem gewissen Grad zustande kam aber letztendlich dann an persönlichen Problemen des Drummers zum Scheitern kam. Immerhin hatte ich mir inzwischen ein nettes kleines Studio zusammengestellt und auch einige Erfahrung im Aufnehmen gesammelt. Ich lernte Kathy kennen und wir begannen zusammen mit DAVE CROME Kathy´s Songs aufzunehmen... Daraus entstand dann die „I Let the Devil in“ EP.

Dr Duck: Ich habe Anfang der 80er in West-Berlin mit Punk angefangen und bin mit meiner Band “ENDLÖSUNG” in Italien und Holland etwas herumgekommen. Hatte dann eine lange Phase die eher von Beruf und Familienaufbau geprägt war und mache jetzt seit 10 Jahren wieder ernsthafter Musik. KATHY X habe ich 2008 über einen gemeinsamen Freund kennengelernt, das war mein Einstieg in Rockabilly, wobei ich das schon immer gerne gehört habe.

Aus Eurer Bandbio hab ich erfahren, dass Kathy und Rob sich im FRANKEN kennengelernt haben. Wusstet Ihr in dem Moment – „Ja, das ist es – wir müssen eine Band zusammen machen…“? Erzählt doch mal über Euer erstes Aufeinandertreffen….

Kathy: Eigentlich hatte ich das Konzept eines Rockin' Trio in Gedanken schon entwickelt, mit Demo und Gig-Möglichkeiten, aber es fehlten mir die richtigen Musiker, und ich war sehr froh, als ein gemeinsamer Freund mir auf einer Party im Franken Rob Raw vorstellte….

Robbi: Ich war quasi ohne Band und offen für Neues. Als ich mich mit Kathy unterhielt, war sofort ein gutes Gefühl vorhanden und wir stellten schnell fest, dass wir dieselben Vorstellungen hatten, wie eine Band funktionieren sollte. Kathy gab mir auch gleich ihr Demo mit, das sie mit MARK PENNINGTON noch in England aufgenommen hatte und ein paar Tage später trafen wir uns bereits im Übungsraum und es war klar, dass wir zusammenpassten. Kathy hatte bereits vorher DAVE CROME kennengelernt und bei der nächsten Probe war er dann auch schon mit dabei.

Kathy, Du kommst ursprünglich aus London. Was hat Dich nach Berlin verschlagen und warum ziehst Du es immer noch vor, hier zu leben?

Kathy: Es war mein Schicksal nach Berlin zu kommen…. Mit einem bisschen Hilfe von den DEATH VALLEY SURFERS - ich war Gitarristin bei ihnen und wir sind ein paar Mal in Berlin aufgetreten. Ich war beeindruckt - Berlin war so locker im Vergleich zu London und bot mir einen kreativen Lifestyle, der so in London nicht möglich war.

Warum war das in London nicht möglich? London gilt doch eigentlich erher als „hip“ und nicht wenige sind in den 80ern nach England gezogen, gerade wegen dem dortigen Lifestyle. Was hat sich verändert? War dort „Punkrock“ tatsächlich nur eine Moderscheinung?

Kathy: Viele Menschen folgten ihren Träume nach "Swinging London" - ich bin selbst in den 80ern dorthin von Liverpool zurück gezogen. Aber ihre Kreativität ging runter, als sie nach und nach entdeckten, daß man ständig Geld braucht. Dann mehr Geld. Die soziale Erwartung ist es, Eigentum zu kaufen - egal wie hässlich und wie teuer. Die weiteren Gründe für mich waren: erstens das Aufkommen der sogenannten "Live DJs" zum Ende der 90er, die einen Großteil ehemaliger Bandauftrittsorte und das Publikum übernahmen und zweitens die Popularität des "shoegazing" Indie Pop, was mit meinen Stil nichts zu tun hatte. Bezüglich des Punk, ich bin Rock 'n' Roll Musiker, und will keine langweiligen sozial Kommentare machen….Punk war für jeden etwas anderes.

Eigentlich sehe ich Euch ja eher als eine Art „7“-Band“, weil Ihr meistens Eure Sachen gleich als EP veröffentlicht. Und so habe ich Euch auch kennengelernt. Dennoch erschien 2004 eine Full-Lenght CD. Auf einem polnischen Label. Wie kam es dazu? War das eine Ausnahme?

Robbi: Das Album READY FOR ANYTHING entstand, nachdem wir ein Konzert in Warschau gegeben hatten und direkt im Anschluß vom Label COSMIC RECORDS gefragt wurden, ob wir mit ihnen eine CD machen wollten. Natürlich wollten wir und die Zusammenarbeit war auch außerordentlich gut und professionell. Wir waren eine Woche in Olstyn im Norden von Polen, nicht am Nordpol, in einem ausgezeichneten Studio und wurden bestens betreut. Die vertraglichen Angelegenheiten wurden in gemeinsamer Übereinkunft geregelt und die Konditionen für uns waren absolut fair und positiv. Leider entwickelte sich COSMIC dann aber in eine andere Richtung und stellte die Tätigkeit als Plattenlabel anderthalb Jahre später völlig ein. Im Grunde kann man sagen, daß es ein polnisches Start-Up Unternehmen war, das sich wohl doch etwas zu viel vorgenommen hatte und nicht genug Erfahrung in der Musikbranche mitbrachte, um längerfristig Bestand zu haben. Seitdem haben wir uns ausschließlich selber produziert und auf das konzentriert, was wir mit eigenen Mitteln bewerkstelligen und finanzieren können. Nicht zuletzt, weil wir nach wie vor nur wenig, wenn nicht gar keinen Support von anderen Labels, Bookern oder Agenturen angeboten bekommen haben.

Woran kann denn das liegen? Rockabilly ist doch derzeit sehr angesagt und mit Euren Connections zur Berliner Szene sollte sich da doch etwas machen lassen...?

Kathy: Die Rockabilly Szene in Berlin wirkt manchmal etwas geschlossen und konservativ - Die "Rockabilly Leute" sind vielmals fixiert auf traditional Rockabilly. Wir haben eine Menge "Crossover" Songs - und am Schlimmsten: wir haben keine Quiffs und Tattoos.

Manchmal sind Eure Sachen aber auch „schwer“ in handlicher Form zu bekommen. Sie werden fast ausschließlich auf Download-Portalen wie CDBaby oder iTunes veröffentlicht. Was ist der Grund? Steht Ihr nicht so auf „Handfestes“ Zeug?

Robbi: Ganz und gar nicht. Wir lieben Vinyl und Tonträger jeglicher Art. Der Grund für die Veröffentlichungen als Download liegt einzig darin, daß wir so wenigstens überhaupt etwas veröffentlichen können und zudem auch gleich international... Die aktuelle Vinyl-Single ist ja auch wieder eine komplette Eigenproduktion auf dem Mini-Label unseres Drummers... Da wir nur ein kleines Trio ohne großartiges Budget sind, ist es für uns praktisch unmöglich, ohne weitere Unterstützung durch ein Label oder einen Vertrieb größere Schritte zu machen...

Habt Ihr denn einen Überblick, wie oft Eure Sachen heruntergeladen wurden und woher? Das wäre ja mal ziemlich interessant. Vielleicht motiviert das ja einen engagierten Booker, wenn er das hier liest. Und auch als Band ist es doch sicher schön zu sehen, dass hunderte Leute aus den von den Fidji-Inseln Eure Platte runterladen. Vielleicht kann man da ja auch mal spielen…;-)?

Kathy: Es gibt, soweit wie ich weiß keine onestop-Überblickmöglichkeiten, außer, eine Marketing Firma zu mieten. Ich versuche uns weiter zu bringen durch Reverbnation, Soundcloud, Facebook und co. Sie sind alle riesige Zeit-Vampire, aber ich entdecke ab und zu nutzbare Statistiken ….Weißt du, daß wir momentan Nummer 3 in den Reverbnation Charts in der Kategorie "Rock Charts Berlin" sind? Ich bin so aufgeregt, ich muss mich sofort hinlegen, und eine Tasse Kamillentee nehmen.

Zwischendurch gab es mal ein paar Probleme mit Euren Schlagzeugern. Was war da los? Dave ist zurück in die USA gegangen, dazwischen halfen Tom "Blocky" Block & Tom Petersen (von Berlins legendärer Band PVC) aus, bis Ihr schließlich in „Dr. Duck“ Euren neuen Drummer gefunden habt. Wie waren da Eure Erfahrungen?

Robbi: Dave war zu Beginn der Bandgeschichte der perfekte Drummer für uns. Seine Erfahrung und seine Art zu spielen waren die ideale Ergänzung zu Kathy´s Ideen und für die Entwicklung der Band. Das er zurück in seine Heimat gegangen ist, war sehr schade, aber natürlich müssen wir das respektieren. Als wir dann nach längerer Suche auf Blocky stießen, kam wieder neue Energie hinzu und Blocky hatte eine sehr große Spielfreude. Leider stellte sich aber heraus, daß er doch ein völlig anderes Verständnis von der Disziplin hatte, die Kathy´s und meines Erachtens nach für ein gemeinsames Miteinander in einer Band nötig ist. Daher trennten sich unsere Wege recht bald wieder. Mit Tom habe ich gemeinsam drei Jahre bei der Neuauflage von PVC mit dem Original Gründungsmitglied Gerrit Meijer verbracht und als Rhytmusgruppe einen sehr guten Draht aufgebaut, so daß es nahe lag, mit ihm auch bei KATHY X zusammenzuarbeiten. Er wollte aber nicht als festes Bandmitglied dabei sein, da er musikalisch seine Freiheit brauchte und andere Projekte für ihn genauso wichtig waren. So war er als Session Drummer bei KATHY X dabei und hat auch bei den Aufnahmen für die 6-Track CD X-APPEAL mitgewirkt. Schließlich haben wir mit viel Glück und Zufall Felix aka "Dr. Duck" gefunden, der seitdem durch seine große Spielfreude und freundschaftliche Bindung das Trio wieder komplettiert.

Dr Duck: Mir macht KATHY X unglaublich viel Spaß, neben der Musik liegt das vor allem an der lockeren und unkomplizierten Atmosphäre innerhalb der Band, in der man Probleme offen ansprechen kann ohne dass dabei eine komische Stimmung entsteht.

Ihr habt gerade eine neue 7“ herausgebracht. „Fluch der Pharaonen“ heißt diese. Zufrieden damit? Außerdem gibt es diesmal einen deutschen Text. Wie kam es dazu?

Robbi: Wie oben bereits angedeutet, versuchen wir alles nach unseren Kräften mögliche zu unternehmen, um KATHY X bekannter und erfolgreicher zu machen. Eine Single ist unserer Meinung nach wie vor die ursprünglichste Art, einen Tonträger herzustellen und erfreut sich gerade bei Sammlern und Enthusiasten uneingeschränkter Beliebtheit. Deshalb war für uns klar, daß wir wieder eine 7" rausbringen wollten. Finanziell bewegt sich so eine Produktion auch in einer Dimension, die mit unseren Mitteln realisierbar erscheint. Ich bin seit jeher ein großer Fan der KREWMEN und CURSE OF THE PHARAOHS hat es mir so angetan, daß ich mich vor einigen Jahren an eine deutschsprachigen Adaption des Textes gemacht habe. Nachdem ich vom ehemaligen KREWMEN Sänger MARC COLE auch ein persönliches OK für diese bekommen hatte, lag es nahe den Titel auch aufzunehmen. Auf der X-APPEAL war zwar schon eine Version mit TOM PETERSON am Schlagzeug, aber wir wollten mit Felix nochmal ein etwas authentischeres Feeling hinbekommen, was uns auch gelungen ist, denke ich. Der Song ist sozusagen eine Hommage an meine Lieblings-Psycho-Band aus den alten Tagen und ein wenig humoristisch in der deutschen Version, so in Anlehnung an deutsche Schlager der 20er und 30er... so in Richtung MAX RAABE goes Psycho... Außerdem wollte ich bei der Fülle an Kathy´s Songs auch mal einen gesanglichen Beitrag für die Band leisten...

Immer wenn ich einen Newsletter von Euch bekomme, spielt Ihr meistens in Berlin. Habt Ihr nicht die Ambitionen auch mal außerhalb zu spielen? O.k., Ihr wart in Hamburg, Polen und auch in England. Aber das, so scheint es mir, sind einzelne Gigs und keine wirklichen Touren. Woran liegt das?

Kathy: Könntest du uns einen zuverlässigen Tour Manager oder eine Agentur besorgen?

Robbi: Zurück zu alten Problem. Kein Label. Keine Booking Agentur...keine Touren. Die Zeiten, in denen ich mit einem geborgten VW-Bus quer durch Europa kreuze und wir für ´nen Kasten Bier und eventuell einen Schlafplatz bei irgendeinem Bekannten vom Freund des Schwagers des Veranstalters zweieinhalbstunden lang auf der Bühne die Post abgehen lassen, mit komplett eigener Backline und ohne Roadies, versteht sich, sind für uns leider wirklich vorbei. Wir möchten eine gute und möglichst professionelle Show bieten und das bedeutet einen gewissen Grundaufwand an Transport und Logistik der sich schlicht und ergreifend im allerseltensten Fall einigermaßen rechnet. Mit PVC hab ich das noch bis vor knapp zwei Jahren gemacht, aber das war erstens Punk-Rock, zweitens außerordentlich kräftezehrend und letztendlich mehr oder minder auf eigene Kosten. Es geht ja nicht darum, dick abzukassieren, aber ehrlich gesagt finde ich schon, daß eine gute Show auch für die Künstler eine entsprechende Gage erzielen sollte. Leider sind da seit geraumer Zeit von Seiten gewisser Veranstalter andere Vorstellungen an der Tagesordnung...

Dr Duck: Wir versuchen schon das zu organisieren. Viel mehr als eine Wochenendtour kommt dabei leider aus finanziellen Gründen nicht heraus, man braucht einen besserbezahlten Gig, der die Unkosten einbringt und kann dann ein paar kleinere drum herum machen.

Das kann ich gut nachvollziehen. Dann spielen sicher auch die Jobs eine Rolle, oder? Was macht Ihr sonst so nebenbei? Rob – Du betreibst ein kleines Studio, wo Ihr Eure Sachen selbst aufnehmt. Kannst Du davon ein bisschen leben oder ist das noch ein weiteres Nebenprojekt?

Rob: Mein Studio ist eigentlich ein reines Privatvergnügen, das nur für unsere eigenen Projekte und gelegentlich für befreundete Künstler genutzt wird. Im Moment bin ich gerade dabei, endlich meine Diplomarbeit fertig zu stellen und das Geld zum Leben verdiene ich als Kurierfahrer einer Apotheke.

Dr. Duck: Ich arbeite als Softwareentwickler.

Kathy – Du gibst auch viele Solo-Shows. Inwiefern unterscheiden sich diese Gigs von normalen KATHY X Konzerten. Und worauf liegt Dein Hauptaugenmerk. Die Band oder die Solo-Shows?

Kathy: Sobald ich rocke, ist mir das egal…

O.k., dann wünsche ich Euch noch viel Spaß und Erfolg in der Zukunft & dass noch viele weitere 7“ folgen mögen. Danke für das Interview und bis zur nächsten Show. Any last words?

Kathy: Der Schlagzeuger hat immer das letzte Wort…..

Dr Duck: Haut rein! So long, goodbye and good luck!

http://www.kathy-x.de

mieschka | Mo., 28. Nov 2011 | Interview

Oh man, ich schau mal gerade hier auf meine Einträge und merke, dass mein letztes Interview, welches ich veröffentlicht habe schon wieder über ein Jahr her ist.... Mmmh. Naja, VOICE OF CULTURE ist eben für Liebhaber und Leute, die "dranbleiben".... Nun, sicher ist der Tatendrang aus den Anfangstagen ein bisschen verflogen, sicher steht man irgendwie mit 8 Beinen im Leben und man denkt, es gibt Wichtigeres als sich zum hundertsten Mal irgendwelche Interviews von Promoagenturen aufquatschen zu lassen. Sicher ist man auch irgendwann genervt, wie das so genannte Musik Biz funktioniert (Platte, Interview, Tour, Platte, Interview, ......) und dann kommt so eine Platte....

- Pause -

Hier und da gibt es dann doch Licht am am Ende der Flasche Bier und eine Platte liegt im Briefkasten, die man 100 mal am Tag hören könnte.

- Pause -

Und auch tut. Die reisst Dich wie von den Socken, öffnet Dir einmal mehr die Augen und zeigt Dir, dass Deine 8 beine im Leben für den Arsch sind und dass Du seit dem letzten veröffentlichten Interview nur Scheisse gmacht hast. Setz Dich ran un mach auch so eine Platte. Oder anders, es ist nicht alles Scheisse. Nimm Dir mal wieder mehr Zeit für Musik. Und vor allem - Frag nach. Dann tu ich das eben auch.

Hallo Claus! "Römisch Vier", Euer neues Album ist draussen. Ihr macht selbst die Promo, schickt CD´s raus, macht ungewollte Interviews, wie kommt´s?

Wenn man 3 Monate Restanspruch auf Arbeitslosengeld hat, kann man bei Vorlage eines schlüssigen Businessplans nochmal 9 Monate Gründerzuschuss in Höhe des Arbeitslosengeldes beantragen. "Römisch vier" war Bestandteil meines Businessplans.

Mein Traum wäre es natürlich den "Gründerwettbewerb - Mit Multimedia erfolgreich starten", finanziert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie zu gewinnen. Ich denke mit den qr-Codes sind wir auf dem richtigen Weg. Musikalisch und textlich möglicherweise aber auf dem falschen.

Ich komm jetzt mal darauf, weil bei Trash 2001 nix angekündigt ist. Wie kam es dazu? Welche Arbeit steckt dahinter, selbst eine Platte zu veröffentlichen (außer nach Feierabend Promos rauszuschicken)?
Eigentlich dieselbe Arbeit wie immer. Nur der Versand an die Leute, die über die Homepage bestellen kommt dazu. Promos rausschicken is vielleicht 3-4 Tage Arbeit. Muss man halt ein Paar emails verschicken um an die richtigen Ansprechpartner zu gelangen, sonst landet man in einer der gefürchteten Promo-"Archiv"-Kisten.

Und warum machst Du es Dir nicht so einfach, wie es heutzutage fast alle Labels tun - Einfach die CD hochladen und die Platte in schlechter Qualität, ohne Cover aber mit Downloadcode versehen und ins Netz stellen - Würde Dir viel Arbeit ersparen...
Das Online stellen erledigen andere. Sogar in Bestqualität ohne Downloadcodes. Warum sollte ich mir da selber die Mühe machen? Trillerfischrecords hat keine Rechtsabteilung.

Ausserdem binnich kein Fan von Scheissqualität. Wennich in Ruhe Musik über Kopfhörer höre gehe ich mehmals die einzelnen Instrumente und Stimmen durch um zu sehen was da eigentlich gerade abgeht. Wenn die Quali Scheisse ist gibt es zuviele Sachen die mich ablenken. Scheissqualität reicht für Autofahren, Hintergrundgedudel und das Tanzlokal, für mehr nicht.

Du bist also ein Perfektionist in jeder Hinsicht?
Nein, ich höre einfach gerne Musik. Wenn man sich geile Sachen immer wieder reinzieht, fallen einem Sachen in den Schoss die man selber nicht versteht.

Platte-Tour-Platte-Tour - Du machst jetzt fast 20 Jahre Musik - mein Gott bist Du alt - was ist für Dich die Motivation, immer mal wieder ne neue Platte zu machen. Gehen Dir nie die Themen aus?
Die "Themen" werden meistens kurz vor den Aufnahmen aus dem Arsch gezogen. Wenn es keinen festen Studiotermin gäbe, würden alle Lieder nur halbe Strophen- und Chorustexte haben.

Dieses Procedere ist allerdings eher demotivierend, weil ich dann weniger Zeit habe mich um das zu kümmern, was mir eigentlich wichtig ist. Grade auf der neuen Platte sind einige Sachen wo ich denke Scheisse - hamwa vergessen, scheisse - da hätte man mehr draus machen können.

Es hat auch herzlich wenig Spass gemacht 3 Jahre lang mit der selben Platte zu touren. Scheinbar hängen nicht nur uns selber die alten Lieder zum Halse raus, die letzten Konzerte vor der neuen Platte waren immer schlechter besucht.

Na das wird sich ja nun hoffentlich bald ändern. Sind dann die Sachen, wo Du sagt – das hätte man besser oder anders machen können – die Grundlagen für neue Songs oder Projekte?
Nee. Auf der Platte fehlen einfach Gitarrenriffs, Background Gesänge, und Londoner Symphonieorchester. Die Songs sind teilweise einfach nicht überladen genug. Ich bin der Meinung dass ein Song immer wie ein Kaufladen sein muss. Gut sortiert aber trotzdem aufgeräumt.

CHEFDENKER existiert nun seit 8 Jahren, länger als es Knochenfabrik je gab. Gibt es immernoch Plakate, wo angekündigt wird: "mit EX Knochenfabrik-Leuten"? Und hättest Du gedacht, daß es die Band jemals so lange gibt?
Hab ich lange nicht mehr gesehen solche Plakate. Aber vielleicht isset ja gar keine schlechte Idee, wenn wir selba demnächst ein Tourplakat entwerfen, wo das ganz gross draufsteht?

8 Jahre finde ich nicht besonders lang, Chefdenker ist schliesslich so eine Art Kegelverein. Bei Kegelvereinen ist man ja bekanntlich so lange Mitglied, bis man tot umfällt.

Euer Gitarrist lebt seit einiger Zeit in Berlin - war das ein Grund, warum Toto für einige Zeit die Leadgitarre übernommen hat, oder gab es da auch persönliche Gründe?

Toto wollte Musik machen wir wollten einfach nur kegeln, das hat nicht zusammengepasst. Ausserdem hatten wir alle unsere unentspannten Phasen. Heute machen wir ein Paar "Lockerungsübungen" wenn wir im Tourbus sitzen, dann passt das alles.

Und seit Neuestem ist auch noch Caddy / Mirco Eurem Kegelverein beigetreten. Als Vollprofi oder Auswechselspieler?
Schwer zu sagen. Matze steigt ja öfters mal aus der Band aus und dann wieder ein. Aber mal im Ernst - bei Chefdenker sind auch die Auswechselspieler Vollprofis. Wir sind die Real Madrid des Deutschpunk..

Und was sagt "Dat Evelyn" zur neuen Scheibe? Hängt die "Goldene Schallplatte" von Euch jetzt wenigstens im Lokal?
Da sprichst Du ein sensibles Thema an. Beim Evelyn hamwa uns lange nicht mehr gemeldet. Unser Proberaum ist jetz ganz woanders. Eigentlich ein klarer Fall für eine gepflegte Cheffreizeit. Unsere Stammtischseite bleibt natürlich unangetastet, denn was wäre ein Stammtisch ohne das Beharren auf sinnlosen Prinzipien?

Ihr habt auf der Platte mit Axel von WIZO einen Gastsänger. Genau wie er hast Du Dich, wenn meine Infos richtig sind, mal im Schreiben von Klingeltönen oder Kinderplatten beteiligt. Stimmt das? Und ist das eine interessante Sache? Wie läuft das ab?
Ist leider eine Fehlinformation. Ich weiß noch nichtmal wie ich den Scheiss Klingelton in meinem Handy ändern kann. Ich hab dann mal ne Arbeitskollegin gebeten mir irgendwo "Witchita Lineman" als Klingelton runterzuladen. Und beinahe wären wir in die Abo-Falle getappt. Ums kurz zu machen- Witchita Lineman gibbet nirgendwo kostenlos.

Kinderplatte kommt demnächst, allerdings stehen jetzt erstmal Weihnachtsplatte und Greatest Hits I, II und III auf dem Plan.

Das Thema 20 Jahre Musik hatten wir ja jetzt schon. Über die Zeit hat sich viel verändert. Was vermisst Du aus den Anfangstagen und wo, denkst Du wird die sogenannte Szene in 20 Jahren stehen?
Aus den Anfangstagen vermisse ich vor allem meine Erinnerungen. Ich glaube nicht, dass alles schlechter wird. Wer das glaubt sollte sich mal alte Klimbim-Sendungen oder die Berichterstattung der Mondlandung runterladen. Da ist selbst der mikroskopisch kleine Schritt von Ingrid Steeger in Richtung Mario Barth ein grosser Schritt für die Menschheit.

Ich glaube allerdings, daß in nicht allzu ferner Zukunft Diskussionen durch Reflexe ersetzt werden. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn Leute die sich für besonders schlau halten werden immer berechenbarer. In 20 Jahren beginnt mein freiwilliges soziales Jahr als Konzertveranstalter im Jugendzentrum. Ich hoffe die Szene lässt sich bis dahin etwas einfallen, sonst buche ich ein Jahr lang Coverbands.

Dann soll das so sein!

mieschka | Di., 25. Jan 2011 | Interview

2009

Die Tauben waren Anfang der 90er Jahre alles für mich! Sie begleiteten mich durch alle Phasen meines pubertärenden Lebens und ich wusste, sie verstanden mich! Sie konnten ausdrücken, was ich fühle.... Gut, das machen SIDO & Co. heutzutage wohl auch.... Aber hier waren Stromgitarren dabei. Das war ein Gefühl! Und jeder konnte mitmachen!

Keine Ahnung, wieviele Kiddies in 20 Jahren noch einen auf dicke Hose machen... Das, was damals aber in mir vorging, das steckt da immer noch tief drin. Schnapp Dir ein Instrument und leg los. Du bist auf der Bühne. Die anderen stehen nur davor... Das ist bis heute geblieben.

Dann wurde es ruhig um die Tauben, obwohl man nie offiziell etwas von Auflösung o.ä. mitbekommen hatte. Konrad machte hier und da mit RASTA KNAST und WKA Musik, Mikro auch, dann gab es mal wieder ein Konzert in der Glocksee / Hannover und dann war Konrad plötzlich tot.....

Ein tiefer Schock für viele! Nicht nur aus meinem Umfeld oder gar (nur) der Punkrockszene!

In den letzten Jahren hatte er viel Zeit damit verbracht, eine DVD über die BRIEFTAUBEN zusammenzustellen. Eine Zeit, die sicher nicht nur für ihn prägend war, auch wenn er sein Punkrockherz nie verlor.

Nach seinem Tod kümmerte sich sein Bandkumpane Micro darum, daß das Werk überhaupt erscheinen konnte. Mit ihm unterhielt ich mich über die DVD, seine derzeitigen musikalischen Aktivitäten und über Fußball…;-) Viel Spaß!

Hallo Micro! Wie geht es Dir? Hast Du das FORCE ATTACK Festival gut überstanden? Ich konnte dieses Jahr das erste Mal seit 10 Jahren nicht dabei sein, was mich nun besonders ärgert.

Micro: Hallo Mieschka! An mir ist noch alles dran und ich habe das „Force-Attack“ gut überstanden. Leider war ich ja nur am Freitag dabei. Ich war übrigens nach 10 Jahren das erste Mal dabei und es hat mich ganz und gar nicht geärgert. Im Gegenteil – es war schön, ein paar alte und neue Bekannte zu treffen. Das war fast wie ein Klassentreffen.

Kann ich mir vorstellen. Aber nächstes Jahr bin ich wieder dabei! Die MIMMIS kommen aus Bremen und klar, das ist nicht so weit weg von Hannover & mit den MIMMIS verband Dich ja schon immer was. Aber wie kam es zu dem Auftritt?

Micro: Die Idee kam von Fabsi. Das Erscheinen der „Tauben-DVD“ muss auch irgendwie beworben werden – und so bot sich der Mimmis-Gig einfach an. Elf hatte mit „Slime“ zusammen das Stück „Krieg in den Städten“ schon mal für die Tauben gecovert, also passte das alles gut zusammen. Dass die „Mimmis“ dann auch noch Dicken von „Slime“ auf die Bühne geholt haben, um ein paar Slime-Stücke zu spielen, fand ich großartig. Eine super Alte-Männer-Truppe!

Wäre es nicht auch toll gewesen, wenn Olli auch mit dabei gewesen wäre?

Micro: Die Abstürzenden Brieftauben haben sich die meisten Jahre ihrer Existenz als Duo verstanden. Ich habe einen Tag vor dem „Force-Attack“ einen sehr schönen Abend mit Olli verbracht und danach hat er mich zum Proben mit den Mimmis gefahren. Da war er ja auch eine Weile Schlagzeuger und Musiker. Nein, ich denke, es war klar, dass er im Kontext der Tauben nicht dabei war. Er hätte ja sonst auch als „Mimmi“ auf der Bühne gesessen. Trotzdes: Danke Olli – auch im Sinne der Krimi-Leser!

Wie hast Du Dich gefühlt, wieder vor all den 1000 Punks auf der Bühne zu stehen?

Micro: Super!!

Beim Schauen der DVD hatte ich ja schon das ein oder andere Mal Tränen in den Augen. Ging es Dir beim Betrachten des Endproduktes genauso?

Micro: Nein, wenn ich mir die fertige DVD heute ansehe, muss ich eher hin und wieder mal schmunzeln. Jeder hat ja so seine eigenen Erinnerungen hinter so einer Kurzfassung und wenn ich bedenke, was wir damals so alles verzapft haben…..Na gut, das ein oder andere Tränchen ist vielleicht auch dabei – aber das Grinsen überwiegt doch.

Was heißt denn Kurzfassung? Hätte es noch weiteres Material gegeben? Und wie lange hätte die DVD denn sein müssen, um Euer Schaffen möglichst komplett abzudecken?

Micro: …Es fliegt noch eine Menge unbearbeitetes Videomaterial herum und die Originalfassung vom Interview ist ungeschnitten um einiges länger. Das alles zu sichten, und zu bearbeiten dauert unglaublich viel Zeit und allzu viel wiederholt sich dann auch. Ich denke das ding ist rund und kompakt wie es sein soll und es ist im Wesentlichen alles dabei. Soll ja nicht langweilig werden oder???

Soweit ich weiß, hatte sich ja Konrad größtenteils um die DVD-Produktion gekümmert. Inwieweit warst Du da involviert? Habt Ihr Euch regelmäßig getroffen?

Micro: Eigentlich wollte ich mich soweit es möglich wäre aus der Geschichte raushalten. Ich hatte die Tauben zum Zeitpunkt des Glocksee-Gigs (der ja der Aufhänger zu der DVD war) schon weit hinter mich gelassen. Irgendwie hat mich die Vergangenheit dann doch wieder eingeholt und ganz schnell überholt. Konrad und ich haben uns schon wieder öfter getroffen – aber das war eher zum gemütlichen Grillen.
Nach Konrads Tod musste und wollte ich den Part der „Brieftaube“ wieder übernehmen, um seine Arbeit fortzusetzen. Insofern bin ich ja nun voll involviert.

Es heißt, Ihr hattet auch schon wieder ein paar Songs zusammen gemacht. Hatte sich da wieder ein gemeinsames Gefühl entwickelt und hättet Ihr nochmal was zusammen gemacht? Was passiert jetzt mit den Songs?

Micro: …Damit jetzt niemand etwas falsch versteht, bis auf die PunkRockRente sind alle Songs die wir gemeinsam gemacht haben noch zu Zeiten der Existenz der Tauben entstanden. Die neuesten Songs wurden nicht mehr veröffentlicht weil sie einfach noch nicht fertig waren oder sie haben einen Musikalischen Quantensprung dargestellt der nicht wirklich etwas mit den Tauben zu tun hatte. Konrad hatte mal mit Rasta Knast das Lied „Chaostage“ und ich glaube auch „In guten wie in schlechten Tagen“ aus dieser Zeit übernommen. Vielleicht brauche ich ja auch noch mal was aus diesem Fundus? Mal sehen..

Konrads Tod war sicherlich ein schwerer Schlag für Dich. Hattest Du zwischenzeitlich überlegt, die DVD-Produktion hinzuschmeißen oder warst Du danach um so mehr motiviert, das Ding durchzuzuiehen und zu veröffentlichen?

Micro: In der Tat war Konrad`s Tod sehr schwer zu begreifen. Ich war bis zur endgültigen Fertigstellung der DVD immer wieder am Zweifeln, ob das Ding überhaupt noch Sinn macht oder ob ich die ganze Aktion nicht doch lieber abblasen sollte.

Allerdings weiß ich, wie sehr dieses Projekt Konrad am Herzen gelegen hat und das hat mich schon motiviert, mich immer wieder zusammenzureißen und weiter zu machen: „Tu es für Konrad, tu es für alle, die daran mitgewirkt haben, und tu es für dich.“ Heute freue ich mich darüber, dass es dieses einmalige Werk gibt.

Als Taubenfan seit den späten 80ern war es natürlich toll für mich, mal hinter die Kulissen zu schauen. Und der Swen vom Plastic Bomb schrieb auf deren Homepage: "...im nachhinein hatten die mehr als ich damals wahrgenommen habe..." . Wie würdest Du die Bedeutung der Tauben im Nachhinein für den deutschsprachigen Punk einschätzen?

Micro: Manchmal ist man hinterher schlauer, gelle? Tschulligung.

Ich denke, wir haben viele Leute dazu animiert, Musik – oder eben auch Punk-Musik zu machen. Das geht – und das geht auch zu zweit. Ist doch schön, wenn einige Leute ihre Wurzeln bei den „Tauben“ gefunden haben. Weitermachen, Jungs und Mädels!!!

Genau das hat mich tatsächlich dazu animiert meine damalige Band zu starten! Jetzt sind es auch schon fast 15 Jahre, die wir zusammen sind. Danke!

Micro: …Als waschechter Nordmann sag ich jetzt mal „Och, da nicht für!“

Ich habe, glaube ich, so ab der Ausgabe Nr. 6 das Plastic Bomb zu lesen. 2 Ausgaben vorher, so erinnere ich mich, gab es darin ein Interview mit Euch, welches ich nie gelesen habe. Ich fragte mich immer – Wie haben diese tief verwurzelten Punks Euch damals befragt? Von „oben herab“ – angewidert vom „Kommerz-Bravo-Punk“ oder durchaus „ebenbürtig“ – Interessehalber?

Micro: …Es tut mir leid aber ich kann mich beim besten Willen nicht an ein solches Interview erinnern, aber sollte es tatsächlich stattgefunden haben dann haben wir uns sicherlich wie echte Frauen/Männer auf Augenhöhe unterhalten. Wenn nicht wären Konrad und ich nämlich einfach gegangen oder hätten den damals praktizierenden Jungjournalisten aufgesucht und hätten ihm durch unsere Leibwächter einen empfindlichen Schaden in seinen Iro repariert…

Punk ist in den öffentlichen Medien nicht zuletzt durch Euch „salonfähig“ geworden. Immer mal wieder tauchen ähnliche Bands, wenn auch nicht mit solchem Punkhintergrund wie Ihr, in den Charts auf. Siehst Du das auch ein bisschen als Verdienst von Euch an?

Micro: …Also, nun mal hübsch der Reihe nach… zuerst haben wir den Punk verraten, danach haben wir ihn verkauft, und dann salonfähig gemacht. Eine gnadenlose Karriere will man meinen…aber ich stehe dazu, weil mir bis jetzt noch niemand ein Punkgesetzbuch vorgelegt hat. Es ging ja darum zu machen was man will und nicht was man muß oder soll. Also wenn davon ein paar Leute etwas gelernt haben ist das toll aber kein Verdienst.

Wo würdest Du heute stehen, wenn es die Tauben nicht gegeben hätte?

Micro: Wo ich heute stehen würde? Vielleicht im Wald? Keine Ahnung, aber wahrscheinlich wäre ich Raumausstatter (die Lehre habe ich ja gemacht) und würde in einer kleinen Polsterbude mein Dasein fristen.

Und was machst Du sonst jetzt so? Bist Du Mitglied im örtlichen Schützenverein geworden, gehst ab und zu zum Fußball und lässt es ruhig angehen?

Micro: …Du wirst lachen, ich bin ein 96 Fan! ( Zum Verständnis für andersgläubige, das sind die Roten aus unserer niedersächsischen Hauptstadt Hannover ). Ansonsten arbeite ich wie in Hannover so üblich in einem Messe Event Ladenbau Betrieb. Ist nicht immer das was man als ruhig angehen kann sehen muß, aber Schützenverein??? Bitte!!!

Die VideoClips auf der DVD sind ja der Hammer. Bis auf das Srandbad-Video hatte ich keines davon zuvor gesehen. Liefen die denn damals irgendwo im Fernsehen? Und waren die eher als Spaß gedacht oder war das schon auf Promo abgezielt?

Micro: Der Clip von „Du brauchst es“ (übrigens heute der Grund für die FSK 12 auf dem Cover) lief mal im Zuge einer Sendung über Jugendliche in Deutschland irgendwo im Fernsehen. Die anderen Clips haben es leider nie in die Flimmerkiste geschafft. Ich glaube, die Musiksender waren damals einfach noch nicht reif für die Tauben. Schade eigentlich.

Du bist damals bei NARBENGESICHT eingestiegen und spielst jetzt bei den SMELLY CAPS. Kannst Du es einfach nicht lassen, Musik zu machen? Letztere ist ja fast eine ALL-STAR Band. Mit Mitgliedern von den BOSKOPS und weiteren Hannoveranischen Punk Urgesteinen. Spelt Ihr auch manchmal Lieder von Euren alten Kapellen im Proberaum? Oder gar live?

Micro: Tja, leider bin ich bei den „Smelly-Caps“ seit November 2008 nicht mehr dabei.

Dafür spielt jetzt Ralle (ebenfalls von den Boskops) die 2. Gitarre. Mir ist das alles ein bisschen zuviel geworden, also bin ich damals ausgestiegen. Ob ich das Musizieren sein lassen kann, weiß ich noch nicht, das wird sich noch zeigen.

Lieder von den Tauben oder den Boskops haben wir nicht gecovert – wir waren ja die „Smelly–Caps“ und hatten einen ganz anderen Stil.

Hast Du denn sie Absicht, trotzdem in Zukunft irgendwo noch weiter Musik zu machen?

Micro: …Ja, damit werde ich wohl in diesem leben niemanden in meiner Umgebung entlasten. Das ein oder andere Projekt liegt immer an und solange es mir Spaß macht werde ich daran Beteiligt sein. Geburtstage,Hochzeiten, harmlose Verkehrsunfälle und Force Attacks gibt es ja immer mal.

Die Punkrockszene hat sich ja im Laufe der Jahre ziemlich verändert. Kannst Du mit der heutigen Form noch etwas damit anfangen? Wie geht es dabei Deinen Freunden von den MIMMIS, die ja heute immernoch aktiv sind?

Micro: …Sagen wir mal so, ich kann gut damit umgehen. Ansonsten bin ich dieser Szene ganz klar entwachsen. Punk war meine Jugend und hat mit meinem heutigem Alltag nicht mehr so viel zu tun. Punk ist ja auch eine Jugendliche Protesthaltung in der jeder auch seine Nische für sein späteres Leben finden kann. Ich habe noch viel Kontakt zu Leuten die damals mit dabei waren aber das sind glücklicherweise keine Berufsjugendlichen geworden. Etwas bleibt doch immer hängen und im Herzen bleibe ich immer ein Punk. Ich bin ja froh das es immer noch genügend Kids gibt die das weiterführen. Wenn ich dabei mitmachen kann ist das doch Großartig. Wie gehabt, Punx not Dead!!!

So, Micro, dann danke ich Dir dafür, daß Du Dir ein wenig Zeit für mich genommen hast (Oder auch mehr, denn ich weiß, dass Du am Computer nur mit einem „2-Finger-Tippsystem“ arbeitest) und wünsche Dir alles Gute für die Zukunft!

Micro: …Pssst! Sag das nicht jedem sonst lacht noch einer über mich. Also, auch dir alles Gute und „Nix für ungut.“

mieschka | So., 11. Okt 2009 | Interview

Nach Auflösung der legendären TERRORGRUPPE hatte ich mich gefragt, ob es die THE BOTTROPS schaffen werden, in irgendeiner Form an diesen Erfolg anzuknüpfen. Und zwar mit eigenen Mitteln. Nicht so, daß es immer heißt – das sind doch die Ex-Ex-Ex-Leute von ….. Wirkte das erste Album noch ein wenig roh, scheinen sie mit Ihrem zweiten Album „Entertainment Overkill“ sich gefestigt zu haben. Schöner Midtempo-Punkrock mit ansprechenden Texten. Über die neue Platte unterhielt ich mich mit Johnny Bottrop (JB) und Sänger Benno (BBB)…

Gratulation zum neuen Album! Allseits zufrieden?
JB: Es gibt ja immer was zu nörgeln, aber trotzdem das beste Album der The Bottrops ever! Kraftvoll, sauber und mit 20% mehr Inhalt, auch für Buntwäsche geeignet!

BBB: Von allen Platten, die am 24.4.2009 auf einem Kreuzberger Hinterhof-Label erscheinen werden, ist es sicher eines der 100 Stärksten!

Vor kurzem ist ja erst das Gesamtwerk von Herrn Bottrops alter Band HOA erschienen. Befindet Ihr Euch jetzt im „Interview Overkll“??
BBB: Ach Quatsch, der Bottrop hängt doch sowieso den ganzen Tag vor’m DVD-Player rum und schaut Kriegsfilme mit seiner Tochter!

JB: Wir haben ja auch viel zu erzählen, manchmal. Wir erleben immer wieder neue aufregende Abenteuer. Zum Beispiel neulich, wie ich bei Penny aus Versehen voll die falschen Rasierklingen eingekauft habe und...

BBB: Bottrop halt’s Maul

Und jetzt läufst unrasiert wie ein Hippie durch die Gegend? Das ist dann aber gar nicht punkig!
JB: Unrasiert, schlecht tätowiert und kahlköpfig, man könnte meinen... Ach lassen wir das! Schön hässliche Menschen kann nichts entstellen!

Ich durfte ja jetzt schon mal in das neue Album rein sehen und rein hören. Vorneweg, wo sind denn die Comics geblieben? Bis auf ein Minicomic und vereinzelte Bilder habe ich nichts entdecken können. Keine Lust mehr drauf gehabt?
JB: Aber die Bottrops hatten doch noch nie Comics, das war doch diese andere Vorgängerband... Wir haben einen Haufen cooler brotloser Slam-Poeten, Punkliteraten und Bildchenmaler dafür engagiert uns ein bisschen beim Bottrops-Booklet mitzuhelfen. Das Zeugs ist wirklich geil geworden! Die Literaten hatten die Vorgabe "nur höchsten 200 Wörter" damit auch alle Video- und Game-Overkill Geschädigten noch den Handlungssträngen folgen können. Alleine die Geschichten von Antje T. und Cassi Vollmer sind schon das Geld für die CD wert! Guter Scheiss voll auf den Punkt. Da ist kein Buchstabe oder Satzzeichen zuviel drinne!

Warum heißt „HWEN“ „HWEN“? Mich erinnert der Titel ein bisschen an RUMBLE MILITIAS „AMF“, also „Arbeit macht frei“… Gibt es da rechtliche Probleme, so was auf ein Cover zu schreiben? Oder wolltet Ihr einfach nicht so plakativ wirken?
JB: Exakt! Weniger "plakativ". Ein bisschen Understatement schadet nicht! Und ausserdem hasse ich Witze bei denen die Pointe schon im ersten Satz oder in der Überschrift verraten wird. Genau deswegen werden es diese "BZ" und "Bild Zeitung" auch nie zu wirklich guten Punk-Fanzines schaffen. Ich find´s auch persönlich ein bisschen unangebracht, daß jetzt die ersten Vorab-Rezensionen schon das "H.W.E.N"-Kürzel auflösen. Überlasst das doch dem Musikkonsumentenvolk!

Tut mir leid. Naja, kann man jetzt nicht ändern. Ja, hin oder Her. Man wird Euch wahrscheinlich immer als TERRORGRUPPE-Nachfolgeband wahrnehmen… Stört Euch das? Oder macht es Euch wenigstens das Booking leichter? Ihr spielt ja auch, bei Bedarf, alte TG-Gassenhauer…
JB: Wegen dem Titel "TG-Nachfolge" machen wir uns gar keine Sorgen, spätestens in 35-40 Jahren wird niemand mehr diese "Terrorgruppe" kennen, das müssen wir einfach nur ein bisschen aussitzen.

Würdet Ihr auf Anfrage alle alten Sachen drauf haben oder gibt es Songs, die Ihr auf keinen Fall mehr live spielen würdet, gar Euch weigert extra einzuproben?
JB: Es ist natürlich viel interessanter neue unbekannte Sachen einzuproben als alte bekannte, aber meinetwegen… Los, rück mal raus! Welchen alten Hit willste live hören??

BBB: Ob wir den dann auch tatsächlich live spielen können, ist aber `ne ganz andere Geschichte.

Ja wie wärs denn mit der „Voll geilen Studiosession mit Bo Diddley“, der ja wohl gar nicht da war…
JB: Einfach, immer Pentatonik auf E-Dur runterdudeln. Und genauso eine Mundharmonika haben wir ja auch bei "Teleshop Romeo" auf der neuen Scheibe benutzt, sogar fast in derselben Tonart. D? oder auch E? Glaubst du, daß "Voll geile Studiosession" auf den Konzerten wirklich gut ankommen würde? Wie wär´s denn zum Beispiel mit "Rumhängen"? Das wär ja meine Favorit von der "Musik für Arschlöcher".

Nee, mein „Alltime Favourite“ ist immer noch „Blöd davor“. Benno, wenn Ihr alte TG-Sachen spielt, liegt es ja auch Nahe, daß Du alte XARECOWS-Sachen einbringen könntest… „Tanze Pogo mit mir“ könnte ich mir da sehr gut vorstellen…;-) Hast Du auf so was Bock?

BBB: Mir war gar nicht so bewusst, dass den Song noch immer jemand kennt. Freut mich aber natürlich. Ich spiel das mindestens einmal im Jahr bei nen Kumpel an Heiligabend. Der schmeisst dann immer so ganz wilde Partys auf der `ne Menge Leute rumhängen, die glauben Musik machen zu können. Einer davon bin ich! Wir spielen dann immer abwechselnd in rotierenden Bandbestzungen.

JB: Es ist ja auch so, dass diese elenden Stadionrocker von Rockshoe uns leider schon die ganzen Xarecrows-Klassiker vor der Nase weggeschnappt haben, aber Lust hätte ich schon, zB: "Ich gehör mir selbst!"

Ihr habt Eure Record-Release-Party günstig auf den 2. Mai im WILD AT HEART angesetzt. Habt Ihr nicht Angst, daß eine ganze Menge „Zugereister“ die Nacht in Gewahrsam verbringt und gar nicht erst kommen kann?
JB: Nee, die werden doch schon alle in der Nacht vom 30.April bei Exploited und Chaostage-Filmpremiere in Gewahrsam genommen und sind dann am 2ten schon wieder draussen!

Warum das WILD AT HEART? Weil es dort so kuschelig ist und eine intime Atmosphäre herrscht. Oder weil die meisten Leute an dem Abend im SO 36 rumhängen, wo Bands wie ATEMNOT oder DIE BOCKWURSCHTBUDE spielen?
JB: Aber eine Record-Release Party ist doch eine PAAARTY und kein Arena-Rockkonzert. Und würde jemand freiwillig so´ne Typen wie Bockwurschtbude auf seine eigene Party einladen? Wohl kaum!

Zum Schluß noch 2 GANZ WICHTIGE Fragen: Habt Ihr in Bottrop eigentlich einen Fanclub & kennt Ihr den „Tarzan aus Marzahn persönlich?
JB: Nicht nur das, auch Groupies!
BBB: Ja zwei sogar!

JB: Joo, den kennen wir. Darf ich hier eigentlich gar nicht verraten, mach ich aber: Ist der Vater unserer Merchandiserin!

Dann danke ich Euch ganz herzlich für dieses kurze Interview. Viel Spaß bei Eurer Recordreleaseparty.

mieschka | Do., 23. Apr 2009 | Interview

Ein letztes Mal geben sich die Berliner Ska-Punk-Rocker die Ehre und spielen aus 8 Jahren nochmal Ihre größten Hits. Damit sie nicht ganz in Vergessenheit geraten, veröffentlichen sie gleich auch nochmal eine Abschieds-CD. Wie es zur Auflösung kam und vieles mehr erfahrt Ihr hier….

Hallo Ihr! Lange nichts mehr von einander gehört. Und bevor wir uns ganz aus den Augen verlieren, mal ein paar Fragen an Euch! Wie geht’s?
Chrü: Dit sacht der Richtige, Herr Mayonaise... ausn Augen verlieren...tztztz.
Uns gehts super, der Frühling naht, die ersten beiden Konzerte von der Tour waren feuchtfröhlich schön und wir haben alle ein gutes Karma.

Carolita: Aus den Augen verlieren kommt janich nich inne Tüte, Mausebeen!!

Ihr löst Euch nun am 18. April nach 8 Jahren Bandgeschichte auf. Was sind die Gründe?
Chrü: Als wir vor 8 Jahren unsere Seele an den Rock'n'Roll - Satan verkauften, hat er uns Dinge versprochen wie grenzenlose Glückseeligkeit und haufenweise Drogen. Nun sind wir alle Alkoholiker und mögen kein Ska mehr (zu fröhlich). Auf Emo haben wir aber irgendwie auch kein Bock. Schuld ist eigentlich nur Napster. Unsere Carolöte wird auch bald Zahnklempner und muss sich um ihre sadistische Ader kümmern.

Carolita: Wir haben mittlerweile alle ein Alter erreicht, in dem man sagen kann "jaja, damals war alles einfacher!". Was unsere Musikkapelle angeht stimmt das tatsächlich! Als wir alle noch gemeinsam zur Schule gingen, hatten wir in etwa den gleichen Alltag und zur selben Zeit Ferien, man konnte bandorganisatorisch viel leichter planen, und Papi hat uns den Spaß auch noch brav bezahlt! Jetzt müssenwa selber sehn, wovon wir am Wochenende unser Bier bezahlen sollen (wenn wir nicht gerade zufällig selber Konzerte spielen und der Backstagekühlschrank prachtvoll gefüllt ist). Beruflich und studientechnisch wurden die unterschiedlichsten Richtungen eingeschlagen. Die Freizeit die uns bleibt überschneidet sich leider mehr ungünstig als recht, was das Bestehen einer Band, die ihre Musik am Liebsten live zum Besten gibt, sehr schwierig macht. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir nicht die erste Band sind, die sich aus diesen Gründen auflöst.

Lasst Ihr Eure Finger nun ganz von der Musik oder werden schon neue Pläne für neue Projekte gesponnen?
Chrü: Bis auf karrieregeile Ausnahmen können wir eigentlich alle nix besonderes, das mit dem Musikmachen werden wir wohl alle nicht lassen können. Mal schauen was kommt. Jojo und ich haben mit noch ein paar Leuten (Pityfuck, Brainless Wankers) jetzt schon so ne kleine Partycoverband am Laufen, wir wollen uns auf jeden Fall öfter treffen und bei deiner nächsten Abrissparty spielen. Coverbands ist doch eh die Zukunft!

Carolita: Auf jeden Fall werden wir weiter Musik machen!!! Ich studier' ja nicht umsonst wat "Anständjet"... ich mach das, damit ich später keinen asozialen Chef vor der Nase und mein Wochenende für mich (sprich: Zeit für meine wahren Interessen) hab! Also, jetzt mal ganz abgesehen davon, dass ich auf Blut und Schmerzen stehe...das is wieder 'ne andre Jeschichte... ;o)
Wenn allet jut jeht, steh ich innem halben Jahr wieder den Brettern, die die Welt bedeuten zur Verfügung! Voraussichtlich mit dem Musikprojekt "Mad Cows Infected Tourette Zombies"! Mehr wird erstmal nicht verraten.

Zum Abschied bringt Ihr noch eine kleine Platte raus. „Death, Liquor, Kicks and Trombones“ heißt das gute Stück, enthält 9 Tracks und rockt ziemlich gut durch. Zufrieden mit dem Ergebnis?
Chrü: Volker, unser Produzent, is ne geile Sau. Das Aufnahmen haben zwar delikattypisch wieder ewig gedauert aber wir haben diesmal auch allet jut gemacht und uns nicht so gehetzt wie bei der ersten Platte. Also ich find sie super... geiles Abschiedsgeschenk an alle die uns mögen und an uns selba. Mit Tosten und Andi hatten wir dann auch noch super Leute für's Mixing und Mastering... Schade dass nun allet vorbei is....

Carolita: Auf jeden Fall kein Vergleich zur alten Scheibe...im Positiven!! Hatten definitiv sehr großes Glück mit unserer Produktionscrew, ein riesiges Dankeschön nochmal an dieser Stelle! Von mir aus hätte das Schlagzeug etwas lauter sein können...(scheiss Gitarristen!! ;o) ) aber ansonsten bin ich sehr zufrieden!

Als großartige Liveband hattet Ihr Euch ja längst einen Namen gemacht. Neben gefühlten 10000 Konzerten in Berlin ward Ihr, wenn ich mich recht erinnere mal auf Tour in Rumänien, Ende März geht’s nach Polen, Österreich, Schweiz ward Ihr auch…. Wo war es am schönsten? Wo am dreckigsten? Wo habt Ihr das meiste getrunken, bei welchem Konzert hat Caro die meisten Sticks zerdroschen? Ein Resümee…!?
Chrü: Haha, ach du Scheisse. Also wir waren noch nie in Rumänien... das weiteste war dann wohl Italien. An dem Abend hab ich mit meinem fehlerfreien Englisch gepunktet (If someone has a bass over...). Dafür werd ich immernoch verarscht... zu Recht. Für mich waren die Touren mit Frau Doktor eigentlich das persönliche Highlight. Ich liebe diese Band und die Leute. Da war echt Nonstopparty angesacht. Die alten Männer konnten uns
Hosenscheissern noch ordentlich das Saufen beibringen. Ausserdem war alles überamtlich organisiert. Bis auf einige wenige Ausnahmen waren eigentlich alle Konzerte superspassig, ob wenig oder vielbesucht. Die Berlin Konzerte waren natürlich immer was ganz besonderes. Köln ging auch immer gut ab. Die fiesesten Saufstorys inkl. aller ausgelutschter Rock'n'Roll Klischees hat eigentlich unser Mercher, Labelkonzernboss, Fahrer und Tourbooker 'Bönx' zu verzeichnen. Da wird demnächst nen Buch vom übermächtigen Kollegen (Chefdenker, Blinker Links) erscheinen... ohne Scheiss.

Carolita: Ich glaube du meinst Slowenien, nicht Rumänien! In den Karpaten Rumäniens hätte ich als Draculaliebhaberin ja gerne mal gespielt...aber daraus ist bisher leider nix geworden. Ansonsten kann ich mich eigentlich nur Chrü anschließen. Das Dumme ist ja immer, dass man sich an die wirklich guten Abende meistens nur ganz schlecht erinnern kann, da die Großartigkeit eben dieser gewöhnlich durch jede Menge Schnaps und Bier untermalt wurde. Was bleibt ist einfach ein Gefühl von Glückseligkeit (abgesehen vonner Schraube durch'n Kopp), von dem man nicht mehr genau sagen kann, warum es eigentlich da ist. Also mir geht es zumindest so. Und ich kann mir gut vorstellen - dem Bönx auch!

Ist Euer Labelvater Bönx jetzt traurig, eines seiner Zugpferde zu verlieren?
Chrü: Frag ihn selbst, ich denke, er ist erleichtert...haha.

Bönx: Erleichtert ist das richtige Wort...schade ist es dennoch. Ich habe da aber schon so ne Ahnung, ich hatte für Samstag die Kapelle SMACKHAFT gebucht. Irgendwie kamen die mir alle ziemlich bekannt vor.

Carolita: Haha...ja...ganz bestimmt! Aber solange es noch Frau Mansmann gibt...!

Ist die Auflösung jetzt endgültig oder seid Ihr wie DIE ÄRZTE, RATM oder viele andere bald wieder zurück, weil Ihr es doch nicht lassen könnt?
Chrü: Alles nur Promo! Nee quatsch... die Zeit war leider jahrelang nicht unser treuster Freund. Wir hatten einfach irgendwie die Schnauze voll von Stagnation. Ne Band mit Bläsern zusammenzuhalten ist einfach schwierig, wenn manche in der Band anderen Kram zu tun haben, der wichtiger ist als die Musik. Ich hab glücklicherweise das Privileg, mir meine Zeit recht gut einteilen zu können. Caro's Hardcorestudium bspw. hat es uns einfach nicht erlaubt, länger als n paar Monate im Vorraus zu planen... was auf Dauer halt frustrierend ist. Ich denke also, dass es schon relativ endgültig ist.

Carolita: So richtig vorstellen kann ich's mir ehrlichgesagt (noch) nicht. Aber da ich mittlerweile nicht mehr die einzige unter uns bin, die "ordentlich" studiert, wird es wohl darauf hinauslaufen. Zumal sich zudem noch unsere jeweiligen Musikgeschmäcker verändert haben...Ska landet nur noch selten im CD-Player!

mieschka | Do., 16. Apr 2009 | Interview

2008

Datum: 26 04 2008 I Kategorie: Worldbeats I
Kastanetten treffen Synthesizer

Panko ist DJ, Gitarrist und MC der momentan wohl bekanntesten spanischen Band der Worldmusic- Szene: „Ojos de Brujo“. Seit die Formation aus Barcelona - auf deutscht übersetzt „Augen des Hexers“- 2005 den Preis für die beste Band in der Kategorie Worldmusic des BBC gewann, sind sie fast ununterbrochen auf Welttournee. Ihre musikalische Mischung aus Flamenco, Rap, indischen Ragas- Rhytmen und Scratches nennen sie selbstbewusst: Jiphop- Flamenquillo. Dabei gelingt der zehnköpfigen Band eine bisher unbekannte Gradwanderung aus der traditionell verrucht- rauhen Gypsy- Kultur Andalusiens und modernen Urban- Beats. Nach drei Studioalben, und zwei Live DVD's steht jetzt eine Remix- CD des letzten Albums „Techari“ vor dem Vertrieb in die europäischen Musikregale. Wir sprachen mit Panko über seine Musik, die Erben der Mestizo- Szene, die Schwierigkeiten eines eigenen Labels und seine anstehende Show im Berliner Festsaal Kreuzberg.

Seit wann machst du Musik und welche waren die ersten musikalischen Erfahrungen, die dich beeinflussten?
Nun ja, in meiner Jugend begann ich als Schlagzeuger in Punk- Bands zu spielen. Damals dachte ich noch, dass Punk die Welt verändern wird und das alles. Aber bedingt durch meine Herkunft, habe ich meinen Band-Kollegen schon sehr früh die Themen der „Sex Pistols“ oder von „Clash“ in Flamenco-Patterns oder Rumbas vorgespielt. Danach bin ich für eine Zeit auf Bassgitarre umgestiegen. Ich verließ den Punk und zog nach Holland, um dem spanischen Militärdienst zu entgehen. Nach einer Öffnung gegenüber anderen Musikstilen vermischte ich ab den 80'ern nordafrikanische Musik und Flamenco mit Rock. Nachdem ich nach Spanien zurückkehrte, gründete ich die Band „La Esencia“, in der wir die Rumba mit Funk fusionierten. Schließlich landete ich nach weiteren Projekten 1997 bei meiner jetzigen Band „Ojos de Brujo“.

Ich habe gehört, dass du deinen ersten Flamenco nicht mit Spaniern, sondern mit einem ungarischen Freund in Deiner Amsterdamer Zeit gespielt hast?
Ja, das stimmt. Der Gitarrist unserer Amsterdamer Band war Ungar. Mit ihm spielten wir Rumbitas und ein paar kleine Flamencos...schon lustig. Aber damals wurden die Rumbas nicht wie heute wahrgenommen. Es war eher ein exotischer Musikstil aus Spanien, den man mit den postfaschistischen Klischees des Landes, wie dem Tamburin, Kastanetten und anderen Stereotypen verband.

Das heisst, dass deine musikalischen Wurzeln nicht mit dem DJ'ing verbunden waren...
Nein, ganz und gar nicht. Meine DJ- Karriere begann mit Ojos de Brujo. Ich stieg in der Band als Gitarrist und Sänger ein. Und da ich nebenbei als DJ arbeitete, fragte mich unser anderer Gitarrist Ramon, ob ich nicht mal das Scratching über eine Buleria legen wolle. Ich probierte es aus und fand eine neue Ausdrucksweise im modernen Flamenco. Es war eher zufällig. Viele Leute denken, dass ich diese Idee seit 10, 15 Jahren verfolge, aber es entstand vielmehr durch einen Zufall. Und es hat sich einfach behauptet. Oftmals überrascht es mich selbst, dass es geklappt hat.

Du gehst auch ohne Band- Formation, als Solo- Künstler auf Welttourneen. Dabei verstehst du es deinen eigenen Musikstil, den sogenannten „Jiphop- flamenquillo“,alleine mit den Hilfsmitteln deiner Plasttenspieler und Effektgeräte darzubieten. Beschreib uns deinen Style näher, und sage uns wer deine Inspirationsquellen darstellte in diesem einzigartigen Mix.
Der Mix enstand mehr oder weniger spielerisch. Ich hatte Gefallen an musikalischer Forschung.
Am Anfang meiner DJ- Karriere dominierten angelsächsische Musikrichtungen mit Vier-Viertel-Takt. Aber bald schon merkte ich, dass man Flamenco- Rhytmusfiguren darüber legen kann. Ich probierte rum und versuchte die Rhytmen aufeinander abzustimmen. Danach kamen andere traditionelle Musikstile wie die indische Musik oder nordafrikanische Musik hinzu. Später dann Latin und Balkan.Und alles mit dem geraden Beat der angelsächsischen Club- Beats. Ich wollte nicht bei der für diese Musik einfachen Message „Come on, lets go“ bleiben, sondern eher auf ethnokulturelle Athmosphären und die Tiefe der Texte aufmerksam machen.

In der vergangenen Zeit bist du mit Remixes für andere Bands wie für die Londoner „Ska Cubano“ und zahlreichen spanische Mestizo- Bands aufgefallen. Ist dies der nächste Schritt in der musikalischen Entwicklung der „Musica bastarda“ oder „Musica mestiza“? Eine zweite Musik- Generation des „melting pot“ Barcelona?
Ich würde dabei Barcelona nicht dermaßen in den Mittelpunkt stellen. Das findet auf einem europäischen Niveau statt. Es begann mit einem Boom der elektronischen Musik in den Neunziger Jahren. Aber der elektronischen Musik fehlte damals etwas. Denn obwohl sie neu und interessant klang, fehlte ihr eine Art Wurzel. Die Weiterentwicklung dieser Musik, mit meiner Arbeit und der Arbeit vieler anderer europäischen Künstler, ist die Fusion von traditioneller Musik mit Elektro- Beats. Es ist lediglich eine musikalische Angleichung an die heute existierenden Medien , welche uns zur Verfügung stehen. Also verbinden wir Kastanetten, Cajon und „Cacharritos“ mit Computern und anderen modernen elektronischen Werkzeugen um Musik herzustellen.

Mir scheint Barcelona hingegen nicht dermaßen sekundär zu sein. Warum entstand dort diese die verschiedensten Richtungen wie Flamenco, Rap, Ska oder Latin- vermischende Musikrichtung und nicht beispielsweise in Madrid, Sevilla oder Granada?Welches Potential birgt diese Stadt?
Den in Barcelona entstandenen Musikmix kann man sehr gut an der Weiterentwicklung der Rumba Catalana erklären, die aus Katalonien kommt. Dieser ursprünglich durch den Flamenco und die Zigeunermusik bestimmte Musikstil wurde durch die zugezogenen Musiker generiert und neu definiert. Seitdem wird in Barcelona immer mehr gemixt, und es kommen immer wieder erstaunliche und nie gekannte Sounds heraus. Letztendlich ist es aber nicht der Stadt, sondern vielmehr dem Zufall zu verdanken. Dem Zufall der Konvergenz bestimmter Menschen an einem Ort und einem bestimmten Moment. Aber das kann beispielsweise genauso in Berlin stattfinden.

Wie und wann ist in dieser Konvergenz die Idee von „Ojos de Brujo“ entstanden den Hip Hop, den Flamenco und den Worldbeat zu verschmelzen?
Das geschah einfach spontan in Form von regelmäßig stattfindenen Jams in einer Gruppe von Bekannten. Wir dachten anfänglich nicht einmal daran eine Musikgruppe daraus zu gründen. Jeden Samstag trafen wir uns, um uns den Frust und die Schwermut von den Herzen zu spielen. Aus diesen Jams entstand allmählich ein Projekt, das sich nach und nach konsolidierte. Mit der Lust am Spielen und der Lust an der Erforschung neuer Klänge. Anfänglich dachten wir, dass unsere Musik niemandem gefallen wird und dass es ein sehr seltsamer Sound sei. Doch nach den ersten Auftritten bemerkten wir das starke Interesse und Feedback des Publikums. Seitdem haben wir einfach nicht aufgehört zu spielen.

Flamenco mit live- Scratches zu unterlegen ist sehr untypisch und ihr seid die einzige Band, die das live auf der Bühne performt. Musstest du die anderen Musiker dazu überreden und waren sie anfangs skeptisch?
Für die Band war es eher witzig und überraschend, mir eingeschlossen. Einen festen Platz bekamen die elektronischen Arrangements jedoch erst ab unserem zweiten Album „Bari“. Da es etwas völlig Neues war, mussten wir erst einmal unsere Ohren an das Zusammenspiel der akustischen und traditionellen Instrumente wie der Gitarre und dem Cajon mit meinen Elektrobeats gewöhnen. Erst nach der Verfestigung der Band 2003 fand diese Verschmelzung einen festen Ort im Arrangement. Mittlerweile ist es von unserem Sound nicht mehr wegzudenken, und einige andere Bands imitieren diese Idee sogar.

Euren großen Durchbruch hattet ihr mit genau diesem zweiten Album: „Bari“.Darauf folgte eine Welttournee und die Auszeichnung durch den BBC im Jahr 2005 als beste Worldmusic- Band. Was unterschied dieses Album vom ersten, und was war das Rezept für den Hype für die „Ojos“?
Das erste Album „Venguelo“unserer Discografie war noch die Frucht der beschriebenen Jams. Es gab noch einem großen Pool an Musikern und noch keine klare Stossrichtung. Bei „Bari“ hatte sich eine feste Besetzung herauskristallisiert und wir erlebten außerdem das Abenteuer des eigenen Musiklabels. Anfänglich waren wir ungewiss wie diese Unabhängigkeit funktionieren würde, aber wir trauten uns und gründeten ein völlig selbstverwaltetes Label. Umso größer war dann die Überraschung, dass genau diese Veränderungen uns Erfolg einbrachten, bestätigt durch die Anerkennung durch die BBC. Die Belohnung war eine Tour durch Europa und Amerika, und vor allem die große Nachfrage unserer immer größer werdenden Fangemeinde. Dieses Feedback kam aus heiterem Himmel, und bedeutete gleichzeitig die Möglichkeit viele Konzerte zu geben und uns weltweit einen Bekanntschaft- Status zu verleihen. Gleichzeitig führte dieser Prozess zum heutigen Kern der Musiker von „Ojos de Brujo“.

Auf Tour: Wo empfindet ihr die stärkste Einfühlungskraft, das stärkste und reflektierteste Verständnis für eure Musik: Spanien, Südamerika, Algerien?
In Spanien, und hier vor allem in Andalusien und dem Baskenland. Aber eigentlich empfinden wir weltweit eine Art Anteilnahme und Reflektion. Es ist erstaunlich zu beobachten; wie die Leute in den unterschiedlichen Regionen der Welt die Musik auf eine unterschiedliche Art und Weise verarbeiten. Zwar kann in Spanien das Publikum die Flamenco- Rhytmen mitklatschen, dafür singen die Japaner oder Holländer unsere Texte mit, was uns irrsinnig beeindruckt.

Eure Band ist Bestandteil einer neuen musikalischen Bewegung in Europa, die moderne musikalische Elemente mit sehr traditioneller Musik vermischt. In Frankreich oderItalien gibt es ähnliche Phänomene wie „Massilia Soundsystem“ oder „Sud Soundsystem“, die die bereits vom Aussterben bedrohte Volksmusik, wie die Tarantella mit auf dem regionalen Dialekt gesungenen Regggae fusionieren. In Polen unterlegt die Newcomer- Band „Psio Krew“ die durch Geigen und Akkordeon bestimmte Musik der Gorale mit Drum'n' Bass. Wie erklärst Du dir diese Tendenz die Wurzeln mit den Antennen zu vermischen, das Skateboard mit den Kastanetten, die Geige mit der Drummachine? Ist es die Angst vor der Globalisierung und ihrer Vereinheitlichung der Musik, oder ist es einfach ein positiver Aspekt des globalen Dorfes?
Wir Musiker, die Musikstile verschmelzen und zu einem neuen Ganzen fügen, haben in der Elektronik ein neues Instrument gefunden. Anfänglich war elektronische Musik wie der Techno ziemlich langweilig und kalt. Aber die traditionelle Musik hat den Spirit. Dieser Mix kommt bei den Leuten tiefer und subtiler an. Es ist egal welchen traditionellen Musikstil wir nehmen: Manch einem, dem Flamenco, indische Musik, der Banghra, der Rai, oder die Sufi- Musik nie etwas bedeutet haben, merkt nach einer modernen Interpretation: „Mann, ich steh total auf diesen Rhytmus“. Für manche Hörer ist es ein Zerhacken der tradtionellen Klänge, aber für die Liebhaber und Fans dieser Bewegung ist es eine Reflektion der Dinge, die in unserer Zeit vor sich gehen. Wir reisen umher und kommen uns immer näher, wir lernen uns durch diese Medien immer besser kennen. Dank beidem: Der Elektronik und dem Organischen.

Trotzdem sind die inhaltlichen Aussagen der Band in den Texten und beispielsweise eure Videos alles andere als die Schönmalerei einer heilen und hippiesken Multikulti- Welt. In den Liedern „Tiempo de Solea“ oder „Nalta“ gibt es Platz für viel Kritik und Geschichten über Probleme einer immer näherrückenden Welt. Ihr singt über die Migration nach Spanien, über Flucht, Marginalisierung und Abschiebung. Welche sozio- politische Message trägt die Band?
Außer unserer Hingabe zur Musik widmen wir unser Engagement einer Kritik und Reflektion von dem was wir sehen und fühlen. Die Musik drückt die Gefühle dessen aus, was wir mit unseren Augen täglich sehen. Die Kunst ist dabei die Form. In Barcelona sehen wir uns einem immer komplizierteren und härteren Leben gegenüber. Die Leute sind in der europäischen Ellenbogen- Gesellschaft auf der Suche nach Arbeit und schlagen sich irgendwie durch. In einem Europa wo der Euro und die wirtschaftliche Stellung mehr Bedeutung haben als menschliches Leben und außerhalb unserer Grenzen die Menschen vor Hunger sterben. So sollte nach unserem Verständnis Musik und auch andere Kustformen reflektieren und Ordnungen in Frage stellen. Ich weiß nicht wie wahrscheinlich es ist, dass Musik soziale Ordnungen ändern kann- schön wäre es ja- Aber wenigstens kann sie den Hörer stimulieren und ihm vermitteln, dass er mit seiner Meinung nicht alleine ist auf der Welt. Ich weiß nicht, ob wir mit unserer Einstellung die Welt verändern können, aber wir werden versuchen damit ins Grab gehen. Gleichzeitig wollen wir den Hörern Optimismus vermitteln, und sie mit unserem Sound glücklich machen, in einer Welt die schon ziemlich abgefuckt ist.

Sei nicht so bescheiden: Schließlich ist es nicht nur eine romantische und schicke, dazugehörende linke Attitüde. Ihr habt mit der „Fabrica de Colores“ und dem jetzigen „Diquela.com“ ein eigenständiges Label mit Vertrieb und Booking- Argentur gegründet. Offensichtlich mit dem Ziel reale Alternativen für die tägliche, ökonomische Realität von mehreren Familien zu ermöglichen. Erzähl uns davon.
Simpel formuliert ist die Situation in der Musik-Industrie am Arsch. Für Musiker wird es immer schwieriger Platten zu verkaufen, und die Verträge fallen immer mehr zu Gunsten der Majors aus. Wir haben desshalb ein eigenes Label gegründet mit eigenem Management, Vertrieb und Promotion. Die Einnahmen werden unter allen Mitarbeitenden gleichmäßig verteilt. Dieser Weg ist aber eine enorme Herausforderung, da unsere Genossenschaft trotz unseres Erfolgs immer noch verschuldet ist. Es ist schwierig damit zu überleben, da es viele Ausgaben gibt, und wir viele Münder zu ernähren haben. Der einzige Weg ist also diese Arbeit unter allen Teilhabenden so gerecht wie möglich zu verteilen. Es ist eben nicht das Selbe, als wenn einer den wirtschaftlichen Teil lenkt und die anderen sind die Angestellten. Ab dem Moment der Aufteilung müssen alle mit gleichen Kräften den Karren ziehen, und jede Einheit muss wissen was zu tun ist. Momentan nehmen wir ein neues Album auf und teilen diese Arbeit von Neuem: Chavi übernimmt das Label, Ramon die Produktion, andere arbeiten an Bookings in ihren Büros, die sich in unseren Wohnungen befinden. Die Musiker und ihre Familien können von diesem Modell leben, obwohl heutzutage die Selbstständigkeit und Selbstverwaltung eine große Herausforderung und ein Wunder sind.

Im Jahr 2006 ist euer drittes Album „Techari“ rausgekommen, vergangenes Jahr folgte eine DVD mit Videos und der Welttournee 2006/ 07. Letzten Juni sollte eigentlich das immer noch ausstehende Remix- Album „Techari- Remixes“ veröffentlicht werden. Leider ist es bislang nur in Spanien und den USA als CD erschienen, und für den Rest des Marktes nur als Download auf eurer Homepage zu erwerben. Wird es noch veröffentlicht?
„Techari- Remixes“ ist in Spanien und den USA erschienen. Leider kam das Projekt vergangenen Jahres zum Stillstand. Wir mussten unsere Tournee unterbrechen, als wie erfuhren, dass unsere Sängerin Marina schwanger ist. Da wir, wie ich erzählte, von der Hand in den Mund leben und solch ambitionierte Projekte wie eine Veröffentlichung nur mit genügend finanziellen Reserven realisieren können, mussten wir den Vertrieb des Albums für den Rest Europas auf Eis legen. Es gibt Pläne es noch dieses Jahr zu vertreiben. Außerdem nutzen wir diese Pause für Studioaufnahmen für unser neues Album, welches nächstes Jahr erscheinen soll. Live sind wir dieses Jahr deshalb auch nur als Soundsystem- Formation zu sehen.

Auf diesem Remix- Album, welches du nächste Woche in Berlin vorstellen wirst, sind viele namenhafte DJ's zu hören, welche eure Songs geremixed haben. Unter anderem „London Elektricity“ oder „The Nasha Experience“ . Du selbst bist lediglich mit einem Mix von „todo tiende“ vertreten. Wie kommt es?
Wir wollten so viele Bekannte und befreundete Produzenten und DJ's wie möglich auf dieser CD vorstellen und ihnen einen Platz zu ihrer eigenen Interpretation bieten. So ist beispielsweise ein recht ungewöhnlicher Mix von dem Lied „Sultanas De Merkaillo“ von Jim Janik herausgekommen. Es wurde durch mexikanische Gitarrenriffs unterlegt und klingt ein wenig wie Filmmusik von Ennio Morricone. Andere wie „Silencio“ von „London Electricity“ haben einen sehr schnellen Drum' and Bass- Beat. Mein Mix von „Todo tiende“ wiederrum ist eine akustische Reise in die Banghra- Welt.

Was erwartet uns bei deiner Show in Berlin. Du wirst mit deinem Band- Kollegen Max, der Percussionist und MC ist, als Soundsystem auftreten.
Ich möchte noch nicht allzuviel verraten, außer, dass es eine neue Show von geremixten und durch mein Pult geschleuste Klangwelten sein wird. Max wird live Percussion zu den von mir gespielten Beats spielen und am Mikrofon noch unbekannte Texte singen.Wir haben dieses Konzert, was sowohl aus fest einstudierten Tracks wie aus Improvisationsteilen bestehen wird, bisher nur in London und Spanien aufgeführt. Für Deutschland ist es eine Premiere.

Fotos: Jorge Nunez
www.ojosdebrujo.com
www.lachusmaradio.de

Autor: Lukasz Tomaszewski

matthias | Sa., 26. Apr 2008 | Interview

2007

Macaco sind die Vorreiter der spanischen Mestizo-Szene Barcelonas. Was vor zehn Jahren in einem besetzten Hostal in der Innenstadt begann, hat sich heute zu einer Erfolgsstory gemausert, die durch die goldene Schallplatte letztes Jahr gekrönt wurde. Das letzte Album „Ingravitto“ von Macaco geht zwar eher in die elektronisch-poppige Richtung und wendet sich vom typischen Strassensound Barcelonas ab, begeistert jedoch gleichwohl immer mehr Menschen auf der ganzen Welt. Grund genug also, endlich einmal mit dem Macher des Projekts - Dani El Mono Loco - zu sprechen.

1. 1997 ging die Mestizo-Bewegung in den Strassen Barcelonas los, im Zuge dessen sich auch Bands wie Ojos de Brujo und Macaco gegründet haben. Wie war das damals und was ist passiert?
Ich hab damals JuanLu, el Canijo, kennen gelernt, der ein bisschen wie mein kleiner Bruder ist. Er war der Gründer von Ojos de Brujo und hatte die Idee verschiedene Musikstile zu mischen. Mit ihm habe ich ein einem kleinen besetzten Haus gewohnt, zusammen mit Carlos Rivolta von Dusminguet (der in Mexiko gestorben ist). Ausserdem waren dort auch Carlos Caramillo aus Kolumbien, Tontechniker von ODB und der Troba Kung Fu; Kiko aus Brasilien, der Sänger und Gründer von Mesmalua; Danilo, ein Schlagzeuger aus L.A. und Mexiko und Muñeco, der Kubaner, eine super Person und ein grandioser Musiker. Es war halt wie eine kleines illegales Hostal, das wir nach und nach besetzt haben.

2. Ward ihr die einzigen Musiker, die zu der Zeit angefangen haben spanische und lateinamerikanische Musik zu mischen?
Naja, in Barcelona gibt es ja schon immer die Tradition der Rumba Katalana, mit Gato Perez und Peret. Die haben damals schon spanische und lateinamerikanische Stile gemischt. Das sind so etwas wie unsere Grossväter und für mich auf jeden Fall grosse Lehrmeister. Die einzige Art um Geld zu verdienen zu dieser Zeit, war für uns dann, auf der Strasse zu spielen. So haben uns viele Leute gesehen und nach und nach Macaco immer öfter gebucht. Wir hatten ja kein Geld, um ein eigenes Label zu gründen oder um unsere Alben zu produzieren.

3. Welche Musik hat dich am meisten beeinflusst als du jünger warst?
Ich komme aus einer Musikerfamilie. Meine Mutter war Sängerin und meine Vater Jazzschlagzeuger. Bei uns zu Hause gab es also jede Menge Platten. Ich hatte auch das Glück viele Platten mit verschiedenen Stilen zu haben, wie Flamenco, Rumba Katalana, Reggae und Jazz. Mein Vater mochte gern Miles Davis, obwohl diese Platten zur Zeit meiner Eltern verboten waren. Meine Eltern mussten also immer erst über die Grenze, um neue zu kaufen. Später hörst du dann mehr die Musik von ausserhalb und danach kommst du wieder auf deine Wurzeln zurück. Was mich viel beeinflusst hat bei meiner Art zu singen, oder was zumindest gesagt wird ist, dass ich eine Mischung aus einem Rumba- und Reggaesänger bin.

4. Stimmt es, dass du in Soundsystems angefangen hast zu singen?
Wir sind viel auf die Kanaren gefahren, nach Formentera, und haben mit einem DJ zusammen gespielt, der die Beats gemacht hat – Latino- und Reggaebeats. Dazu haben die Musiker dann gesungen, einige mehr melodisch andere mehr Hip Hop, manchmal hat auch einer Trompete gespielt. Wir haben da viel an Stränden, im Wald und auf der Strasse gespielt, um uns unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Wir musste viel improvisieren dabei, aber das war natürlich eine gute Schule.

5. Du benutzt in allen Alben dieselben Strophen oder zumindest dieselben Inhalte. In „Ingravitto“, deinem letzten Album sind deine Texte weitaus klarer und definierter. Wie bist dorthin gekommen?
Mh, anfangs improvisierst du halt mehr. Meine Texte waren mehr von der Strasse und bestanden hauptsächlich aus Reimen. Als wir dann mit der Band angefangen haben mehr live zu spielen, war mir die Musik weniger wichtig. Mir war es wichtiger Lieder zu schreiben. Ich habe mal einen sehr guten Satz von John Lennon gehört, der auf die Frage „Was die nächste Revolution in der Musik wäre“ meinte: „Ein guter Song“. Und das glaube ich auch. Es gibt viele Musiker die denken, je mehr Noten desto besser. Ich glaube aber weniger ist mehr. Dass man versucht mehr in weniger Worten zu sagen. Weniger, dafür aber in guten Strofen. Die Pausen sind wichtig. Das einzige was mir wichtig ist, ist Lieder zu schreiben, die nicht zu populär und nicht zu barok sind, dafür einfach aber nicht simpel. Das ist ein wenig der Weg, den ich gerade einschlage.

6. Deine Musiker haben öfters gewechselt. Siehst du dich eher als Solokünstler mit Band oder als Leader einer Band, die sich ständig ändert?
Also, ich sehe mich mehr als Regisseur eines Films. Macaco ist mein Projekt. Ich war vorher in vielen Kollektiven und ganz ehrlich, ich halte nichts von der Idee eines Kollektivs und alle machen alles. Das ist eine grosse Lüge. Es ist doch so, wie wenn du in einem Boot bist und einer muss halt führen, ein anderer kontrolliert. Die Aufgaben werden verteilt damit die Sache funktioniert. Wie bei einem Fussballteam. Das hat mir mein Leben so gezeigt. Es gefällt mir auch mit anderen Leuten zu kollaborieren, wo jemand anderes der Regisseur ist. So dass ich fragen kann: Wo willst du, dass ich hinlaufe? Und er sagt: Na da hin, oder dort hin.

7. Gefällt es dir mehr zu dirigieren oder dirigiert zu werden?
Mir gefällt beides. Es gefällt mir absolut, wenn ich dirigiert werde, wirklich. Aber nur wenn die andere Person, weiss was sie will. Was mir nicht gefällt sind falsche Wahrheiten. Leute, die sagen sie wären eine Kollektiv und dann ist es doch eine grosse Lüge. Ich hab das oft gesehen, und ich glaube das nicht. Weisst du, ich komme aus einer Familie die viel im Krieg gekämpft hat, die waren Kommunisten. Sie haben die Extreme gesehen. Mir gefallen die Extreme, mir gefallen die Sachen die ausgesprochen werden, die Sachen die geteilt werden. Dass die Leute sagen, ich mach das, ich mach das. Aber einer muss die Entscheidungen treffen. Zu viele Farben in einem Song verwandeln ihn in ein Bild ohne Sinn. Das ist wie eine Essensteller, der wenige Zutaten hat, die dafür aber viel Qualität haben.

8. Muss man viel im Leben mitmachen, um solch definierte Texte zu schreiben?
Auf jeden Fall. Im Leben machst du viel durch und ich hab viele Wunden, körperlich und im Herzen. Ich bin Musiker seit ich sechzehn Jahre alt bin, ich komm aus einer musischen Familie, die es sehr schwer hatte mit der Musik und die mir immer gesagt haben, dass ich nicht von der Musik leben könnte, dass ich mir nichts zu essen kaufen könnte. Ich hab mich aber trotzdem dafür entschieden frei zu sein und wenn ich nur eine Teller mit Bohnen jeden Tag essen würde. Dafür kann ich die Sachen so machen wie ich möchte. Und im Moment kann ich davon leben. Macaco ist eine Band, die stark gewachsen ist und die sehr bekannt ist. Ich trage halt viel Verantwortung jetzt. Früher habe ich auch viele sehr schlechte Jahre erlebt, dafür fange ich jetzt an es zu geniessen.

9. Ab wann konntest du von der Musik leben?
Vorher habe ich auch davon gelebt, aber schlecht. Ich musste zu Labels gehen und ihnen meine Songs für sehr wenig im Tausch geben. Mit „Entre raizes y antenas” habe ich angefangen zu verdienen. Quasi auf dem halben Weg.

10. In der Pressemitteilung zu “Ingravitto” steht, “dass du bereits etwas gefunden hast, was andere noch suchen”. Was ist das?
Mh, ich weiss nicht. Das einzige was ich weiss ist, dass es viele Bands in Spanien und Lateinamerika gibt, die Macaco stark beeinflusst hat. Und als ich “Ingravitto” heraus gebracht habe, war das irgendwie konfliktiv. Viele Mestizo-Band benutzen viele Virtuozismen, viele Arrangements. Und ich hab mich genau in die andere Richtung entwickelt. Ich hab etwas sehr einfaches gemacht, was sehr schwer für mich war. Deswegen haben mich auch viele Leute kritisiert. Danach kamen aber viele wieder an und haben gesagt: Hey Mann, ich fahr voll auf dein Album ab! Das hat mich natürlich geehrt. Mein Ziel war immerhin, gute Lieder zu schreiben.

11. Und auf deinen ersten Alben sind es keine guten Lieder?
Häh? – Ah, doch, aber die waren halt völlig übersättigt. Das beste Beispiel dafür ist ein Lied, dass ich liebe und auch immer noch viel spiele, Laveraveraboom. Der Song ist auf dem ersten Album, JuanLu hat ihn geschrieben. Meine Mutter singt auch darin – man hört sie aber nicht. Das Lied ist sehr rund und hat viele schöne Arrangements und Strophen. Aber es ist so dermassen überproduziert, weil ich so viele Klänge reinpacken wollte, dass der Songs gänzlich überlappt wird.

12. Vielen Leuten gefallen die ersten zwei Alben viel besser als die letzten zwei ...
Natürlich, und das versteh ich auch. Aber das ist ja Geschmackssache. Ich mache die Alben ja zu allererst für mich, weil sie mir gefallen müssen. Später verteidige ich sie dann vor den Leuten. Und schau mal, das populärste Album war bis jetzt „Ingravitto”, und das will nicht kommerzial heissen. Das erste Album war auch nach meinem Geschmack, es ist eins meiner Alben und ich mag es sehr. Du musst das wie mit dem Essensteller sehn. Wie Spaghetti – ich ess gern Nudeln ud koche mir fast jeden Tag welche. Das Beste an der Pasta ist ja, wenn sie al dente ist. Dann gibst du eine bisschen Olivenöl dazu, eine geschnittene Knoblauchzehe und vier Dinge mehr und das wars. Im Gegensatz dazu war das erste Album wie ein Teller mit Spagghetti, die zu lange gekocht wurden und der noch dazu zu voll war, mit Süssem, mit Pfeffer etc...

13. Ok, kommen wir jetzt vom Essen mal wieder zurück zu den Liedern. Du beziehst dich viel auf Brasilien, singst auf Portugiesisch und benutzt brasilianische Elemente in der Musik. Warum gerade Brasilien?
Na weil ich jahrelang brasilianische Musik gehört habe. Es gibt dort wirklich grossartige Komponisten, die sich auf ihre Wurzeln beziehen aber gleichzeitig offen für Dinge von aussen sind. Das sind Künstler wie Chico Science, Lenine oder Marisa Monte. Hast du die Alben von Marisa Monte? Das letzte Album der Tribalistas mit ihr ist absolut klar, mit einer Einfachheit, die mir total gefallen hat. Es ist eins der Alben welches ich am meisten höre. Ich denke das hat etwas mit Reife zu tun, das heraus zu werfen, was du nicht mehr brauchst. Weniger ist mehr. Abgesehen davon, dass ich viele brasilianische Freunde habe, mit denen ich oft zusammen esse und ausgehe. Die Brasilianer gefallen mir wegen ihrer Lebensfreude, ihrem Charakter und weil sie keine Komplexe haben. Ich mag die Lebensweise absolut. Ausserdem war ich ja selbst schon viel dort.

14. Es kommen öfters die Nummer 3 und Worte wie Revolution oder Rebellion in deine Texten vor. Hat das etwas zu bedeuten?
Ach echt? Mh, also “33 revoluciones” zum Beispiel bezieht sich auf die alten Schallplatten die mit 33 Umdrehungen gingen. Das ist ein Wortspiel, so als ob du in der Zeit zurück gehst. Der Song ist auch den alten Sängern gewidmet, die mir persönlich viel gegeben haben. Ausserdem versuche ich nicht pamfletisch in meinen Texten zu sein. Und ich will Revolution oder Freiheit nicht im eigentlichen Sinne verwenden. Mir gefallen eher die persönlichen Evolutionen. Dass ich in den Spiegel schaue und mir sage: Wow, also das gefällt mir und das nicht. Ich versuche mich jeden Tag zu verbessern, also wenigstens versuche ich es. Das sind für mich die kleinen Revolutionen.

16 . Worum geht es eigentlich in in dem Song “La Mano Levanta” (Mit ausgestreckter Hand)?
Das ist ein Song in dem die Beats, das Schlagzeug und die Percussion typisch für den Hip Hop sind. Die Texte sind wie kleine Fotos, die dir mitteilen, dass du nicht in der Vergangeheit verweilen sollst, sondern dass du die Zukunft vom Jetzt aus konstruierst. Ich glaube es ist ein einfacher aber tiefgehender Song. Die Melodie ist typisch für die katalanische Rumba. Und der Refrain ist wie Reggae und Rumba gemischt...

17. Und was bedeutet „Estoy tocando el cielo” (Ich berühre den Himmel)?
Die Träume berühren. Die Freiheit seine Träume zu ergreifen. Ich versuche einen Verbindung herzustellen zwischen der Erde, deinen Leuten, und all den Problemen und den Freuden, und dass du dich über die Fantasiewelt flüchten kannst. Du verbindest dich um zu träumen, zu fliessen, um die Dinge, die täglich umsonst sind zu schätzen, wie die Sonne, der Strand, mit dem Fahrrad zu fahren – was mir zum Beispiel gut gefällt. Davon handelt es.

18. Auf dem neuen Album gibt es auch den Song “Mama Tierra” (Mutter Erde), der von der Umweltproblematik unseres Planeten handelt. Warum auf einmal solch ein Song? Viele Leute fragen sich warum du plötzlich so ökologisch geworden bist.
Na klar, das war schon in den letzten Alben so. Es hat sich nur je nach meinem Lebensmoment geändert. In Rumbo Submarino spricht “S.O.S.” davon und in Entre raizes y antenas “Emitiendo por toda la galaxia”. Als wenn die Mutter Erde in Singular sprechen würde “esta es la historia de un viejo planeta, esta es mi version” (das ist die Geschichte eines alten Planeten, das ist meine Version). „Mama Tierra” ist sehr bekannt geworden und viele Leute haben das Lied nach hunderten und hunderten von Konzerten gehört. Oft kommt dann natürlich jemand an, um dich zu kritisieren. Das ist wie wenn sie von Politikern reden, die sie nicht kennen und sagen: Boah, das macht er jetzt nur, um Stimmen zu gewinnen und zu Hause trennt er bestimmt nicht seinen Müll. Aber das ist mir absolut egal! Dann sollen sie eben nicht Macaco hören und nicht auf meine Konzerte kommen. Die will ich dort nicht haben und sie sind mir auch egal. Ich bin nämlich zufrieden mit mir selbst, wenn ich in den Spiegel schaue. Ausserdem trenne ich meinen Müll zu Hause und ich mach auch immer das Licht aus, wenn es noch brennt. Das ist eben meine Lebenseinstellung. Ich fahr gern mit dem Fahrrad, auch wenn ich mir ein Motorrad gekauft habe, weil mir Motorräder seit ich klein bin gefallen. Und trotzdem fahre zu 100% Fahrrad. Andererseits, wenn mich jetzt jemand auf der Strasse mit meinem Motorrad sieht, sagt er sicherlich: Boah, Macaco ist ja total Scheisse, der verschmutzt die Umwelt. Wenn mich dann widerum andere Leute auf dem Fahrrad sehen, heisst es wieder ich wäre total authentisch. Ich bin weder das eine noch das andere. Ich bin auch nur eine ganz normale Person.

19. Es ist aber auch normal, dass sich die Leute ein Bild von dir machen, wenn du in der Öffentlichkeit stehst...
Na klar, und ich verstehe das auch. Aber das Image gehört dir eben nicht mehr. Jeder nimmt sich einen Teil davon. Und jeder kann von dir denken was er will. Einer sagt du wärst der Tollste und der andere sagt du wärst der totale Idiot. Aber mir ist das egal, total egal. Ich mach die Sachen auf meine Art und ich bin zufrieden mit mir selbst. Es kann ja jeder machen was er will. Ausserdem habe ich mit „Mama Tierra” viel erreicht. Ich kann dir das jetzt hier zwar nicht sagen aber wir haben wirklich viel erreicht, auf dem Papier.

20. Was zum Beispiel?
Also z.B. bei einigen Konzerten auf den Kanaren, in der Region wo viel Raubbau betrieben wurde, wurde aufgehört zu bauen. Die Gemeinde hat das Gebiet wieder zurück genommen.

21. Schreibt ihr das auch auf eure Webseite, damit die Leute darüber Bescheid wissen?
Nein, das wird einfach gemacht und damit ist gut.

22. Du sagst selbst oft von dir, dass du eine Mission hast. Wie siehst du dich als Musiker?
Gut, die Mission die ich vorschlage ist halt Kommunikation, das sage ich auch so in „Sideral“. Das ist doch das schönste was man sagen kann, oder? Im Dialog geht es darum sich hinzusetzen und zu reden. Es heisst, dass der Dialog ein Austausch zwischen zwei intelligenten Personen ist. Ich sage auch immer Dialog – ja - aber nur mit viel Liebe, ohne den anderen anzugreifen. Wenn du attackiert wirst, dann fängst du ja sofort an dich zu verteidigen. Das passiert uns allen. Das heisst, dass du wissen musst wie du dich unterhälst, um eine Übereinstimmung zu finden. Ich sehe mich als Kommunizierer, noch vor dem Musiker. Ich könnte morgen also auch vierzehn Liebeslieder schreiben, wenn ich verliebt wäre. Mir gefällt es ja von Album zu Album zu wechseln, um mich nicht zu wiederholen. Es gibt halt immer Leute die dich kritisieren und du verlierst auch immer Publikum. Aber Inspiration ist eben was es ist und man muss halt über die Dinge, die einen inspirieren, reden.

23. Aber wie schlägst du denn Kommunikation vor, wenn du auf der Bühne singst? Du redest doch eigentlich nicht direkt mit den Leuten, ausser in Interviews, und davon gibt es wenige...
Ja, aber sicher doch! Das ist doch ein total klarer Dialog. Ein Konzert plus Dialog. Zu erst einmal antworten dir die Leute doch, mit ihrer Stille oder mit ihrem Applaus. Das ist doch viel direkter als auf CD. Ein total klarer Dialog. Das ist der direkteste Weg überhaupt und mit den wenigsten Worten. Wir lernen alle Sprachen, sowie die nichtexistenten. Das ist ein Satz von Lec und für mich ist der echt umwerfend. Ich benutze gern Aforismen, weil sie viel Ausdruckskraft haben. Mich haut der Satz immer wieder um. Ich rede doch mit den Leuten, wenn ich auf die Bühne komme und sage: Hört mal, wollt ihr mehr oder sollen wir gehen? Und die Leute antworten: Ja oder nein. Ich muss sie doch überzeugen oder sie mich, absolut klar und direkt!

24. Früher gab es Apostel, Missionare und Profeten. Glaubst du, dass so etwas heute noch existiert, nur in anderer Form?
Nein, wenn ich mich auf Mission beziehe, solltest du das nicht auf diese Art und Weise interpretieren. Ich sehe mich nicht als Guru oder Profet oder Politiker. Ich sage was ich sage, und breite mich damit aus. Sprich, wenn ich demnächst vierzehn Liebeslieder machen möchte, dann soll mir keiner kommen und etwas dagegen sagen. Das ist meine Sichtweise und mir ist egal was die anderen sagen. Wenn sie mich kritisieren ist mir das egal. Ich lese auch keine Zeitschriften mit den Interviews, nur meine Bücher...

25. Inspirierst du dich viel durch Bücher?
Mh, ja, ich weiss nicht ob es mich beeinflusst aber ich lese viel. Zur Zeit lese ich gerade wieder Llorca, der mir sehr gut gefällt. Ich finde das ist ein grandioser Autor, weil er jede Menge Symbolismen verwendet. Sie wollten ihm das Etikett des Politikers verpassen, er hat aber gesagt: Nein, ich bin Schriftsteller. Mir gefällt das Theater und die Poesie und ich vermische gern beides.

26. Ihr spielt ja auch auf der Frankfurter Buchmesse, wo Katalonien dieses Jahr Gastland ist. Und obwohl Macaco viele verschiedene Sprachen mischt, gibt es trotzdem keinen Song in Katalan. Warum nicht?
Ich bin Txarnego, wie sie das hier in Katalonien nennen. Das war viele Jahre lang ein verpöntes Wort. Es ist eine Bezeichnung für die Leute deren Eltern von ausserhalb kamen. Es wurde gesagt, dass sie einen schlechten Akzent hatten, weil sie viele spanische Wörter untermischten. Meine Mutter ist Amaya und mein Vater Katalane. Aber meine Vorfahren waren Andalusier. Mir gefällt Katalan auch total, und ich respektiere es. Aber Macaco ist sehr international und wir reisen viel. Ich rede halt von den Sachen, die ich kenne und deswegen mache ich das auch auf Spanisch. Unsere Reisen waren immerhin eine Konsequenz dessen. Ich werfe auch immer ein Wort auf Katalan dazwischen, das musst du dann finden, aber ich habe nie einen Song auf Katalan geschrieben, weil ich zuviel Respekt davor habe. Vielleicht weil es mir so nahe steht. Die anderen Sprachen sind mir mehr egal. Nichtsdestotrotz habe ich aber ein Album mit einer katalonischen Band aufgenommen. Das war eine grosse Ehre für mich.

34. La Cosa Nostra?
Mh, ich will jetzt keine Namen nennen, aber das sind die Grossväter der Rumba Katalana. Sie haben mich angerufen und gefragt ob ich kollaborieren wollte. Für mich war das natürlich eine Ehre. Die sind aus Gracia, wo immer noch viele Gitanos leben, spanische Juden, die auch den selben Nachnamen haben wie ich – Carbonell.

36. Du hast dieses Jahr auch einen Song deiner Kindheit für ein Yoga-Zentrum in Barcelona aufgenommen. Was für ein Lied war das?
Ah, woher weisst du das denn?

37. Neuigkeiten kommen immer an...
Ja, aber das ist sehr ...Also gut, das war für eine Freundin, die etwas esotherisch ist und die mit sehr vielen Lueten Yoga macht und schon vielen bei ihren Problemen geholfen hat. Die hatte die Idee eine CD heraus zu bringen und ich habe daran teilgenommen. Ich habe zwar nur wenig Zeit, aber wenn ich kann, dann schreibe ich gern Songs für andere Projekte. Ich hab auch gerade einen Remix für Ari, die Hip Hop Sängerin, gemacht...

38. Ja, aber welchen Song hast du für das Yoga-Zentrum ausgewählt?
Das hat eigentlich nichts mit dem Yoga zu tun, weil das Thema ja ein Song deiner Kindheit war. Ich habe einen Text darüber geschrieben, welche Kraft die Erinnerung und der Geruch an deine Kindheit haben. Ich habe auch meine Mutter zum Singen eingeladen und meine Neffen und die Kinder von Freunden. Viele meiner Freunde haben jetzt nämlich Kinder. Lieder haben halt die Kraft dich an Sachen zu erinnern. Ich komme aus einer Familie, die lange Zeit kaputt war und sich erst später wieder zusammen gefunden hat. Und die Musik war immer eine Mittel des Zusammenfindens. Wenn es Musik zu Hause gab war alles gut, wenn nicht, dann war alles schlecht...

39. Schlagen wir mal den Bogen vom Yoga zu dir selbst. Du redest immer davon, dass die Schnelligkeit einen umbringt („La Prisa Mata“). Andererseits bist du selbst sehr schnell. Du hast in den letzten zehn Jahren vier Alben veröffentlicht, andere Bands produziert, Remixe gemacht und viel kollaboriert. Wie behälst du die Balance zwischen der Fülle an Produktionen und der Ruhe, die Dinge gut zu machen?
Mh, da hast du natürlich Recht. Ich versuche immer die Dinge gut zu machen, wenn es um etwas künstlerisches geht, weil ich viel Zeit darauf verwende. Manchmal verbleibt aber gar keine Zeit mehr für mich dabei. Ich geh gern schwimmen, ich bin der totale Meerliebhaber und ich bin gern mit meinen Leuten zusammen. Lange Zeit habe ich aber gar nicht daran gedacht, weil ich mich immer mehr um die Musik gekümmert habe, auf Tour zu sein etc. Deswegen sage ich die Dinge, über die ich singe, auch immer zuerst zu mir selbst. Ich bin kein Weiser, sondern einen Schüler des Lebens. Und das mit „La Prisa Mata“, was das gleiche ist wie “Fast Lane“, ist eine grosse Wahrheit. Genau nachdem ich „Fast Lane” beendet hatte sind schon wieder die Manager gekommen und wollten wissen, wann ich das nächste Album veröffentlichen würde. In dem Moment habe ich dann die krasseste Entscheidung meines Lebens gefällt. Seitdem ich sechzehn bin, spiele ich nun in Bands und die Wahrheit ist, dass ich nie wirklich eine Pause gemacht habe. Manchmal war ich raus, weil ich Drogenprobleme hatte. Ich war halt voll auf Drogen, als ich jünger war. Und wegen Problemen konnte ich eben manchmal nicht da sein, wo ich sein sollte. Später dann, als wir immer auf Tour waren habe ich nie eine Pause gemacht. Immer wenn die Tour vorbei war, habe ich das nächste Album produziert, dann hat die Promo angefangen, die Proben und ich bin wieder auf Tour gegangen. Das war jetzt zehn Jahre so. Die „Ingravitto“-Tour hört jetzt im Oktober auf, danach werde ich ein Jahr lang nicht mehr auf Tour gehen. Ich nehm dann ein Album auf, in unserem kleinen Studio dem Murmullo. Und das wird das Album, was ich am meisten geniessen werde und was mir am meisten Spass machen wird. Ich werde nicht touren und die Promo wird erst anfangen, wenn das Album schon draussen ist. Llen. Aber diesmal widme ich das Album mir selbst.

40. Was für ein Album wird es sein?
Die Formel von weniger ist mehr, habe ich mittlerweile in mein Herz eingraviert. Ich habe mehr Songs als je zuvor. 20 Songs, einige Hefte voll mit Texten und vier Kassetten mit Ideen. Daraus sollen ca. 40 Songs entstehen. Einige werde meine sein, andere mit anderen Musikern zusammen. Ich möchte auch ein neues Projekt mit anderen Musikern anfangen, davon kann ich dir aber noch nichts erzählen, weil es eine Überraschung sein wird. Das nächste Album von Macaco will ich dann nach dem nächsten Sommer heraus bringen. Und danach kommt das Überraschungsalbum, was sicherlich eine sehr grosse Überraschung für die Leute sein wird.

41. Ein Jahr ist aber auch nicht viel Zeit...
Ja, aber ich unterteile die Zeit ab jetzt. Ich produziere das Album in einem Jahr, danach würde die Promo normalerweise noch vor dem Sommer beginnen und danach würde die Tour kommen. Das mache ich diesmal aber nicht so. Da bin ich sehr stolz drauf. Ich werde nicht aufhören zu arbeiten, weil ich Musik liebe. Es ist zwar ein Job aber gleichzeitig ist es auch mein Leben. Ich spiele auch immer Gitarre wenn ich nach Hause komme.

42. Wie ist es so viel Erfolg zu haben, im Vergleich zu vorher?
Mh, für mich hat sich nichts geändert. Ausser, dass ich jetzt mehr Verantwortung trage. Macaco ist halt sehr bekannt geworden. Aber der Prozess war so, so, so, so langsam, Stück für Stück, und so anstrengend, dass es unmöglich ist etwas daran zu ändern. Ein Schritt, eine Treppenstufe, tac. Du kennst dich dann sehr gut und es überrascht dich nichts mehr. Es grüssen mich jetzt mehr Leute auf der Strasse, und naja, es sind halt mehr als letztes Jahr. Und letztes Jahr waren es halt mehr als das Jahr davor. Aber das lief alles über Mund zu Mund Propaganda, eben Schritt für Schritt.

43. Es war auch mal die Rede von anderen Projekten. Eine Reise nach Afrika, ein Film, ein Album „Made in Taiwan“. Wirst du die ebenfalls machen oder eher nicht?
Tja, die Sache ist die, wenn du Projekte mit anderen Personen machst, bist du immer von Ihnen abhängig. Deswegen wollte ich die Freiheit haben, dass Macaco mein Projekt wäre. Damit ich nicht von anderen Personen abhängig bin und die Dinge zu der Zeit machen kann, wann ich will. Das Projekt des Films ist ein Dreimannprojekt mit einem Filmregisseur und einem Kameramann. Die anderen haben aber auch viele Projekte, weswegen wir es wahrscheinlich nicht umsetzen werden. Und die Idee mit der CD “Made in Taiwan” kam auf, weil mir dieses Land so gefällt und ich gern dahin zurück kehren würde. Das wär super so ein Live-Album heraus zu bringen, es ist zwar sehr typisch aber eben auch sehr cool.

Dann wünsche ich dir viel Erfolg mit allen weiteren Projekten und ein erfrolgreiches Jahr. Wir sind gespannt was noch alles kommt.

Autor: Anne

matthias | Di., 02. Okt 2007 | Interview

Den meisten von Euch sind die Augsburger wohl seit dem letzten Bundesvision-Songcontest bekannt. Mich hat bereits ihr Debütalbum „Nah bei mir“ beeindruckt, womit ich mich jetzt aber nicht rühmen möchte. Mit Spannung wartete ich auf ihre neue Albumveröffentlichung. Bis es eben Anfang diesen Jahres soweit war. Ich habe mich lange hineinhören müssen aber auch das zweite Album kann an den Debütlongplayer nahtlos anknüpfen. Zuckersüße Melodien und intelligente Texte, was mich manchmal an die WOHLSTANDSKINDER und/oder ihren Songwriter Tobias Röger erinnert (der jetzt übrigens bei TON mitmischt und auf deren Debütalbum ich sehnsüchtig warte). Um sie ein bisschen zu unterstützen und um auf ein paar persönliche Fragen ein paar Antworten zu bekommen, stellte ich ihnen ein paar Fragen, die leider nur sehr kurz beantwortet wurden. Schade. Liegt wohl hoffentlich am Tourstress. Aber nichtsdestotrotz empfehle ich jedem von Euch beide Longplayer von ganzem Herzen. Denn da werdet Ihr noch viel mehr von ihnen erfahren als hier. Und, wenn Ihr empfänglich genug seid, wunderschöne Stunden erleben…

Hallo! Eigentlich wollte ich ja warten, bis die Tour beendet ist und Ihr Euch ein bisschen verschnaufen konntet. Mittlerweile kommen aber immer wieder neue Daten hinzu, daß ich dafür ja in alle Ewigkeiten warten könnte. Also lasst uns einen Zwischenbericht machen. Wie läuft die Tour bis jetzt?

Also inzwischen ist die Clubtour tatsächlich beendet. Und wir sind sehr zufrieden! Die Konzerte waren durch die Bank sehr gut besucht und die Stimmung war super! Jetzt geht’s dann weiter mit Festivals.

Ihr habt Euch lange Zeit gelassen mit dem neuen Album. Der Termin wurde zweimal verschoben, damit Ihr Euch ganz auf die Promotionarbeit und das Touren widmen konntet. Hat sich aus Eurer Sicht das Warten gelohnt?

Auf jeden Fall. Wichtig war uns, ein Album abzugeben, hinter dem wir zu 100% stehen. Und gute Dinge brauchen manchmal einfach ein bisschen Zeit...

Warum habt Ihr, aus Eurer Sicht, nicht schon mit Eurem ersten Album die Aufmerksamkeit erfahren, die Euch jetzt mit „Hallo, wer kennt hier eigentlich wen?“ zuteil wird? Genug Hitpotential hatte dieses doch schon auch…

Das musst du die Medien fragen! Aber im Ernst: Es ist ja klar, dass die ganze Sache erst mal aufgebaut werden musste. Das haben wir mit „Nah bei mir“ und den vielen Konzerten, die folgten, getan.

Habt Ihr schon immer darauf hingearbeitet, Rockstars zu werden, oder habt Ihr zwischenzeitlich schon mal dran gedacht, bürgerliche Jobs zu machen, was ja in Bayern sicherlich einen höheren Stellenwert besitzt, als Musiker zu sein. Oder sehe ich das falsch?

Was heißt denn da „Rockstars“? So würden wir uns selber wirklich nie bezeichnen, wir sind Musiker. Und das hört sich doch schon viel bürgerlicher an, oder?

Wie sieht es generell mit der Musikszene in Bayern oder speziell eben bei Euch in Augsburg aus? Es scheint so, daß die Hamburger Schule ein Auslandssemester in Bayern absolviert oder würde Ihr Euch gar nicht in diese Schublade stecken wollen

Mir gefallen die Bands der so genannten Hamburger Schule jedenfalls sehr gut. Trotzdem glaube ich, dass wir genug Eigenständigkeit besitzen, um uns davon zu unterscheiden, allein ja schon vom Akzent her! Aber in der Tat muss sich der Süden nicht mehr verstecken. Hier geht einiges!

Naja, zumindest ein Teil Hamburgs steckt ja bei Euch drin, denn Euer Label ist in Hamburg ansässig. Sind ihnen die Alternativen in der eigenen Stadt ausgegangen?

Ja. Ich kenne jedenfalls kein Label in Augsburg, das zu uns passen würde.

Naja, wie dem auch sei. Ich bin ja heilfroh, daß sie Euch rausbringen. Standen damals auch andere Labels vor Eurer Tür und klopften an?

Es gab einige Anfragen, auch von großen Firmen. Für uns stand aber von Anfang an fest, dass wir bei Tapete bleiben.

Welche Filme schaut die Band heute noch gemeinsam im Nightliner an, außer „BanANA JOe“?

Zum Beispiel „IndiANA JOnes“!

Nee, mal ehrlich… Ich habe letztens im Fernsehen den Film gesehen. Und in der Eingangssequenz steht der Filmtitel in etwa so da:

Das heisst also, wenn auch tatsächlich der Fernseher kaputt war und die Ränder abgeschnitten waren, käme nicht ANA JO raus… Also, woher kommt der Bandname tatsächlich???

Das weiß der Himmel!

Eure Konzerte sind schweißtreibende Angelegenheiten. Wenn man dann so im „Flow“ ist, stören einen da die ganzen „Monika-Rufe“??? Habt Ihr das vielleicht ein bisschen selbst forciert, als Ihr überhaupt darauf eingegangen seid? Ich mein, die ÄRZTE haben ihr „Zu spät“ usw… Sollte man das nicht einfach ignorieren?

Wenn wir Lust haben, das zu ignorieren, dann tun wir das auch. Und wenn wir Lust haben, das ironisch zu kommentieren, dann tun wir auch das.

Kurze Frage vor Schluß…. Würdet Ihr nochmal am Bundesvision Songcontest teilnehmen und was haltet Ihr von Veranstaltungen dieser Art? Wie eine typische Schülerbandcontest-Band klingt Ihr ja nicht oder sind Euch tatsächlich diese Wurzeln vertraut?

Jederzeit. Außerdem hat der Bundesvision Songcontest nun wirklich nix mit einem Schülerbandcontest zu tun! Vielmehr ist er inzwischen mehr oder weniger die einzige Möglichkeit, sich live im TV zu präsentieren. Und dagegen kann man ja nun wirklich nichts haben.

mieschka | Do., 24. Mai 2007 | Interview

Es fällt mir ziemlich schwer, eine Einleitung für das folgende Kurzinterview zu finden. Die ganzen Verbindungen der Kölner Musikszene nochmal aufzuarbeiten wäre schon müßig genug. Und wie und warum das Projekt entstand erzählt mein Interviewpartner schon allein. Alles was ich sagen kann ist nur: Es gibt einen neuen Stern am irren Punkhimmel, oder wie immer man auch die Musik von TICK 17 beschreiben soll. Es ist neu. Sowohl die Band als auch die Musikrichtung. Klar gibt es Anleihen von CASANOVAS SCHWULE SEITE oder den CHEFDENKERN, was natürlich daran liegt, daß CHEFIRRER Claus Luer mit an Bord ist, aber gerade der weibliche Gesang, der zweifelsohne Geschmackssache ist, macht die Band zu etwas Besonderem. Macht Euch einfach selbst ein Bild auf der MySpace - Seite der Band (http://www.myspace.com/ticksiebzehn) und erfahrt, was 2 restliche WOHLSTANDSKINDER-Mitglieder, zwei aktive CHEFDENKER und eine neue Sängerin so treiben…

Hallo Raki! Schön zu hören, daß Du wieder musikalisch aktiv bist, jetzt mal von SCHMEISIG abgesehen... Wie kam es zur Gründung von TICK 17?
Tick17 war ursprünglich als Projekt von Claus Lüer gedacht, der ein 45minütiges Opus schreiben wollte, bei dem sich alle 10-20 Sekunden die Akkordfolge ändert, ohne Wiederholung eines Refrains oder einer Strophe… Erst einmal haben wir alle zugestimmt, denn interessant ist die Idee ohne Zweifel. Und ich fand es reizvoll, einerseits mit neuen Leuten rumzurocken, und andererseits zu wissen, dass was Anständiges dabei rauskommt, weil Türk dabei ist und Claus seine großartigen Songideen zu Grunde legt – außerdem hab ich mich mit Matze auf Anhieb gut eingespielt – das reichte schon, um gerne zur Probe zu kommen!

Nachdem wir das ein halbes Jahr ausprobiert hatten, war aber klar, dass wir auf diesem Weg nicht weit kommen, weil sich niemand den Ablauf merken konnte. Das Material war aber so gut, dass wir unbedingt ‚richtige’ Songs daraus machen wollten – und schwupps – war aus dem Projekt eine Band geworden. Die ursprüngliche Idee ist zwar nicht gestorben, aber auf die lange Bank geschoben worden.

Und kann man TICK 17 als Feierabendband betrachten. Oder würdet Ihr unter Umständen nochmal durchstarten wollen. Mit endlosen Ochsentouren quer durch die AZ´s der Republik?

Alle aus der Band haben ein abgeschlossenes Studium in der Tasche und verdienen mit mehr oder weniger Aufwand ihre Brötchen in ihren Jobs. Da wird kaum je wieder die Zeit dafür sein, irgendwo rumzutouren. Außerdem wissen wir mittlerweile gut genug, wo es Spaß macht und sich lohnt zu spielen und wo nicht.

Die Konstellation und Rollenverteilung in der Band ist nicht ganz ungewöhnlich bzw. gab es schon einmal fast. Ein neues Gesicht ist aber die Annie. Wer ist sie? Wo habt Ihr sie kennengelernt und war sie vorher schon musikalisch aktiv? Wenn ja - wo?

Anne war auf der gleichen Schule wie Claus – was die beiden schon musikalisch zusammen betrieben haben, weiß ich nicht. Irgendwann war sie Sängerin bei der Band ‚Karma Kola’, bei der u.a. der erste Knochenfabrikbassist mitgespielt hat.

Welche Daseinsberechtigung hat TICK 17? Welches „Zielgruppe“ habt Ihr in der Zuhörerschaft und wo liegen die Unterschiede, mal abgesehen vom Gesang, zu Bands wie CSS?

Tick17 ist vor allem deshalb großartig, weil sich alle Mitglieder, geschult in all ihren anderen Bands, sehr gut ergänzen und gegenseitig unterstützen – so lassen sich in Siebenmeilenschritten Songs schreiben, die von Anfang an stimmig sind – was in anderen Bands Jahre dauert. Bei uns dauert es dann zwar doch Jahre, weil wir so selten zum Proben Zeit finden. Die Zusammensetzung der Zuhörerschaft ist mir völlig egal. Wer WSK oder Chefdenker erwartet, wird dies nur so weit finden, wie er die individuellen Stile der Musiker herausfiltern kann. Ansonsten mag sich das anhören, wer will. Mir ist nur wichtig, dass ich selbst Spaß beim Songschreiben und Spielen habe – und der Rest der Band natürlich auch!

Wer schreibt die Texte? Abstrakt wie sie sind, würde ich vermuten, daß sie aus Claus´ Feder stammen. Oder fährt da die Annie eine ähnliche Schiene?

Nö, Claus ist der Irre.

Vier Lieder existieren - öffentlich - bereits von Euch. Gibt es schon weitere Songs, werdet Ihr sie aufnehmen und kann man irgendwann ein Album erwarten?

Ja, es gibt weitere, auch bessere Songs, die aber nicht mals als Demoversionen aufgenommen sind. Ein Album soll natürlich irgendwann kommen. Aber wir haben keine Eile!

Na dann bin ich mal gespannt. Ich kanns kaum erwarten…

mieschka | Do., 22. Feb 2007 | Interview

2006

03.07.06 in der Kulturbrauerei Berlin

EIN LÄCHELN DER GLOBALISIERUNG

ODER WIE DER SÄNGER SERGENT GARCIA BEWEIST, DASS MULTIKULTI IM MUSIKALISCHEN EUROPA NOCH LÄNGST NICHT GESTORBEN IST

Nach dreijähriger Aufnahmepause seit seinem letzten Album „semilla desconocida“ und einer zweijährigen Tournee um den Globus ist ein Meilenstein der in Barcelona geborenen Mestizo-Musik zurück. Am 18.August kommt das neue Album „Mascaras“ (Masken) des spanischstämmigen Franzosen Bruno-„le Sergent“-Garcias in die deutschen Plattenläden. Einst Rock-Gitarrist, dann Hip-Hop und Ragga-MC, und schließlich als Bandleader und Verschmelzer des Reggae und der Salsa („Salsamuffin“), wurde er in den letzten Jahren zum Star jener Genre- verwerfenden Musik-Szene. Nun meldet er sich mit einer Mischung aus den Musikstilen der letzten 4 Alben und seinen urbanen Hip-Hop-Wurzeln wieder. Wir sprachen mit ihm nach seinem einzigen Deutschland-Konzert dieses Jahres, in der Berliner Kulturbrauerei, über die Ursprünge seiner Musik, Politik und sein neues Album.

Deine Musik ist definitiv nicht europäischen Ursprungs sondern basiert vielmehr auf lateinamerikanischen, vor allem karibischen Wurzeln. Trotzdem gewinnt die moderne „musica mestiza“ oder wie Du sie nennst „Salsamuffin“ seit Mitte der 90er Jahre an immer größerer Popularität in Europa. Warum?
Ich glaube, dass die Mestizo-Bewegung relativ neu ist. Gleichzeitig war die Musik schon immer Mestizo-Musik. Aber momentan gibt es viele junge Künstler die diesen Musikstil spielen. Aber was macht diese Musik überhaupt aus? Es ist eine Re-Interpretation. Es ist traditionelle Musik verbunden mit den heutigen Aufnahmemöglichkeiten. Und ich glaube, dass dieser Musikstil immer wichtiger werden wird, weil die Menschen heute sehr viel reisen und weil wir in Zeiten weltweiter Migration leben.
So habe ich beispielsweise spanisch-französische Eltern und lebe in Spanien, einige Musiker aus meiner Band sind Kubaner und leben in Frankreich, einer kommt aus Guayana und lebt ebenfalls in Frankreich. Und so ist das Leben, so sieht die Welt heute aus: Heute bewegen sich die Menschen von Kontinent zu Kontinent und nicht nur weil sie gerne Reisen, sondern weil eben ökonomische oder politische Fragen sie dazu zwingen ihr Land zu verlassen. Und wenn du schon gehen musst, dann nimmst du deine Kultur mit in den Koffer, dann begegnest du neuen Menschen und fängst an zu mixen, eben zu „mestizieren“

Das wäre meine nächste Frage gewesen: Ob eben diese Musik durch die Umstände der Globalisierung und weltweiten Migration entstanden ist und sich auch immer wieder neu formiert?
Ja genau. Es ist das andere Gesicht, das schönere Gesicht. Das Hässliche zeigt sich anhand von Elend, Ausbeutung, dem Nord-Süd-Konflikt, der Verschuldung der Dritten Welt, Dürre- oder Umweltkatastrophen. Das schöne Gesicht ist, das wir uns verdammt noch mal vermischen müssen …bis auf unsere Körperflüssigkeiten (lacht).

Wie bist du also zu dieser Musik gekommen, denn deine Musikkariere begann als Rockgitarrist der Gruppe „Ludwig von 88“und führte dann zum MC, bevor Du das Album „Un poquito pa’que’ma’o“ produziertest und den Begriff Salsamuffin erfandest.
Ich bin ich einer sehr bunt gemischten Familie aufgewachsen, habe eine afrikanische Familie, eine französische, eine deutsche, ich habe spanische und algerische Familienmitglieder. Und ich habe sogar eine Familie auf Kuba. Ein sehr buntes Ambiente also. Wir hatten immer schon unterschiedliche Hautfarben und unterschiedliche Religionen, sprachen verschiedene Sprachen und haben eben die unterschiedlichsten Musikstile gehört. Aber wir waren und sind immer eine Familie, und diese Vermischung war immer ein Synonym für uns, auf das wir sehr stolz sind. Und genau so machen wir weiter: Einer meiner Cousins ist mit einer Afrikanerin zusammen, der andere mit einer Vietnamesin, meine Frau ist Mexikanerin… und so mestizieren wir.
Als ich 15 war habe ich natürlich Rockmusik gehört, darüber dann später die Punk-Bewegung entdeckt. Ich konnte mich mit dieser Bewegung identifizieren, weil sie die Energie mit sich trug, die ich gesucht habe. Es war damals einfach die am meisten politische, auf soziale Missstände hinweisende Musik. Ich bin da rein geraten und die Musik hat mich politisiert. Wir haben Solikonzerte oder Protestkonzerte veranstaltet. Diese Zeit hat stark meinen Live- style beeinflusst.

...und dein Mix aus Salsa,Reggae, Rap…
Der Übergang zur afrikanischen und lateinamerikanischen Musik war fließend. Ich machte Musik und lernte neue Musiker aus anderen Musikrichtungen kennen, wir fingen an zusammen zu jammen und ich ergab mich Stück für Stück dieser interkulturellen Maschine, die mich nie mehr losgelassen hat. Ich gab dieser meinen kleinen Finger und sie hat mich verschlungen…(lacht)

Siehst Du also die Mestizo oder Salsamuffin-Szene auch als eine Art Bewegung? Viele bekannte Bands der Szene wie Ojos de Brujo, Panteon Roccoco, Manu Chao ect. haben einen sozialkritischen und politischen Anspruch. Ist es also eine Bewegung, und siehst Du dich als Teil dieser?
Natürlich. Wir als Band sind immer politisch gewesen und setzen auf das Konzept der direkten Aktion. So unterstützen wir zum Beispiel momentan den Kampf der Mapuche-Indianer in Chile, die durch Großkonzerne von ihren traditionellen Territorien vertrieben und vom Staat enteignet werden. Diese sind gezwungen in die Slums der Vorstädte zu ziehen und vergessen und verlieren aus Anpassungszwang ihre Kultur und Identität. Auf unserer Website haben wir deshalb einen Link zum Internationalen Verband der Menschenrechte (FIDH.org). Des Weiteren bin ich Schirmherr eines Verbands mit dem Namen „Francia-America-Latina“, der schon seid vielen Jahren in der Entwicklungshilfe Brigaden zu direkter Hilfe nach Lateinamerika schickt. Diese bauen dann Schulen auf oder beliefern ein Armenviertel mit Wasser, installieren Elektrizität usw.
Ich glaube stark an die direkte Aktion…ja viel mehr als an die Politik auf „großer“ oder „internationaler“ Ebene. Politik kann am besten von den Ameisen gemacht werden. Und die sind wir alle.

Das neue Album „Mascaras“ ist in Mexiko entstanden. Ein Land im Umbruch. Momentan haben soziale Bewegungen in Mexiko großen Einfluss, werden aber gleichzeitig von der Regierung bekämpft. Vor wenigen Tagen gab es Präsidentschaftswahlen. Nimmst Du auf dem neuen Album Bezug auf die soziale und politische Problematik im Land?
Die sozialen Bewegungen werden momentan immer wichtiger und kriegen in der Bevölkerung eine immer größere Anerkennung. Das ist aber kein mexikanisches Phänomen, sondern vollzieht sich auf dem ganzen Kontinent. In Bolivien, Chile, Venezuela oder Mexiko passieren tief greifende Veränderungen. Das was ich sehe und sogar fühle sind der allgemeine Wille und die Notwendigkeit der Anerkennung der indigenen Kulturen des Kontinents. Die native Bevölkerung wurde immer unterdrückt und aus der Öffentlichkeit verbannt. Momentan gibt es eine internationale Wiederentdeckung dieser Kulturen und eine Reflektion ihrer Wichtigkeit. Sie äußert sich in einem Zusammenschluss der „Movimiento Pachaamericano“ genannt wird und spiegelt eine Forderung dieser Völker wieder, endlich als eigenständige Völker und Kulturen akzeptiert zu werden und nicht nur als Comics aus Geschichtsbüchern.
Ihre politische Organisation unterscheidet sich komplett von den marxistischen oder sozialistischen Befreiungsgruppen der 60’er und 70’er Jahre. Denn diese Bewegungen basierten auf Ideen aus Europa und klammerten die Kultur und die Lebensart dieser Menschen aus. So ist es im Nachhinein völlig klar, dass sie scheiterten. Heute gibt es neue Forderungen nach Politikgestaltung, denn die Visionen der indigenen Bevölkerungen sind ganz eigene. Es sind andere Vorstellung vom Teilen und andere Visionen von der Erde auf der wir herumtrampeln, diese Erde muss man respektieren. In der Politik wurde nie über Respekt gegenüber der Erde gesprochen…. und das ist ein neues Phänomen. Und ich bin mir sicher, dass wir alle sehr viel von diesen Ländern lernen werden.

Glaubst du an einen Einfluss der dortigen Bewegungen und wie du sagst“ neuen“ Art über Politik zu reden auf Europa?
Selbstverständlich. In unserer globalisierten Welt werden genau diese Forderungen und die neue Sprache der Politik immer wichtiger werden, und es ist egal ob diese aus Lateinamerika oder Afrika kommen. Sie werden immer konkreter als Alternative zur heutigen Welt und unserer Geschichte werden. Das wird aus reiner Notwendigkeit entstehen, denn man wird einfach merken, dass der Mensch und die Umwelt über den ökonomischen Interessen stehen. Die Alternativen dazu sehen wir bereits: Wir werden ansonsten auf einem Müllberg wohnen.
So kann man sagen, dass wir einfach verurteilt sind uns zu retten.

Kommen wir zur Musik zurück. Jedes Album vom S.G. hat einen sehr persönlichen, konzeptionellen Charakter. „Un poquito pa quema’ o“: begründet deinen typischen Sound. Die Mischung aus Salsa, Reggae, Rap und Ragga. „Sin fronteras“ setzt stark auf traditionelle Salsa, bis hin zu Flamenco. „Semilla desconocida“ trägt eine dominante kubanische und jamaikanische Handschrift. Wie sollen wir uns also die Suche nach einem Konzept vorstellen. Wann setzt du die Akzente und legst dich fest und sagst: So, diese Farbe und diesen Geschmack kriegt das neue Album?
Du hast das ganz gut erkannt. Ich funktioniere wirklich auf der Festlegung von Konzepten. Das habe ich in meiner ersten Band „Ludwig von 88“ gelernt. Damals haben wir auch sehr auf bestimmte Konzepte basierende Alben aufgenommen.
Mir gefällt einfach diese Art Musik zu machen. Warum? Weil ich immer was Neues entdecke und viel dazulerne. Ich arbeite mit und lerne von Musikern, die ich auf meinen Reisen treffe, und wenn ich reise, dann mache ich in jedem Land Musik mit Einheimischen.
Das neue Album ist auf einer Reise in Mexiko entstanden. So erkennt man beim Hören nicht nur den für mich typischen Sound, sondern zum Beispiel die Cumbia. Es ist das erste Mal, dass wir diesen traditionellen Musikstil begleitet von einem Akkordeon aufnehmen. Des Weiteren kommt dem typischen mexikanischen Rap der nördlichen Grenzregionen eine starke Bedeutung zu. Ich wollte aus der karibischen Ecke meinen Fuß auf den urbanen Sound des lateinamerikanischen Kontinents setzen. So konzentrieren wir uns bei dem neuen Album auf Rap, Ragga, ja sogar Reggaeton. Auf meiner zwei Jahre langen Tour bin ich wieder öfter als MC mit Soundsystems aufgetreten und habe die elektronischen Riddims für mich wieder entdeckt. Es ist ein Kreis der sich schließt: Ich bin an einem Ort, lasse mich inspirieren und beeinflussen und bastle ein neues musikalisches Gebilde daraus.

Also liegt der Fokus einerseits auf dem urbanen Hip-Hop-Sound, in Zusammenarbeit mit dem Produzenten der bekantesten mexikanischen Rap-Crew „Control Machete“, nämlich „Toy Hernandez“, und andererseits bleibt alles beim alten Schmelztiegel deiner schon immer favorisierten Musikstile?
Ja genau, beim Hören des Albums wirst Du bestimmt auf einige Überraschungen stoßen: Mit Toy Hernandez habe ich daran gefeilt, wie man elektronische Beats mit ganz folkloristischen Stilen wie der Cumbia verbinden kann. So entstand das Stück: „dulce con chile“. In einem anderer Song, „en este mundo de locos“, kombinieren wir klassische Salsa mit einem fetten Reggaeton-beat. Mir war es ganz wichtig traditionelle und moderne Kultur zu verbinden. Letztendlich jedoch wirst du den typischen Mix von Sargente Garcia wieder erkennen.

Also einerseits ein konzeptionelles Album mit dem Schwerpunkt auf Mexiko, als ein Land welches Folklore und moderne, städtische Club-Sounds verbindet, und andererseits wieder eine nicht geographisch zuzuordnende Platte, die wieder mal Europa, Afrika und Lateinamerika musikalisch verbindet. Es bleibt einfach dein Stil unentwirrbar zu verschmelzen.
Ja, weil sich eine klare Herkunft eines Musikstils nicht bestimmen lässt. Denn die Instrumente die wir benutzen kommen natürlich nicht alle aus Mexiko. So ist das Akkordeon zum Beispiel ein deutsches Instrument, welches früher hauptsächlich in Osteuropa gespielt wurde. Es gibt eine Geschichte, die besagt, dass einst ein Frachtschiff mit einer Ladung von Akkordeons auf dem Weg aus Deutschland nach Argentinien vor der kolumbianischen Küste Schiffbruch erlitten hat und die Instrumente an den Strand gespült wurden. Die indianische Bevölkerung hat dann ihre Flöten gegen Akkordeons getauscht und einen ganz eigenen Sound entwickelt. Die daraus entstandene Cumbia und der kolumbianische Vallenato haben nichts mit der Spielart des deutschen Akkordeons zu tun. Es gibt viele solcher Geschichten. Zum Beispiel die „corneta china“ auf Cuba. Ein Instrument das von den chinesischen Gastarbeitern vor hundert Jahren nach Kuba gebracht wurde. Dieses Instrument ist vom kubanischen Karneval heute nicht mehr wegzudenken. Der brasilianische Pandeiro, der zur Samba gespielt wird, ist nichts anderes als ein Tamburin vom Mittelmeer.

An der kolumbianischen Karibikküste gibt es eine Musikrichtung, die „champeta criolla“ heißt. Sie wurde in den 60’er Jahren von afrikanischen Seemännern mitgebracht und in den Küstenstädten weiterentwickelt: Die Seemänner hatten Schallplatten von „High Live“ und „Soukus“ oder „Juju-music“ und Afrobeat dabei. Nigerianische Popmusik. Diese wurde von den Kolumbianern aufgegriffen und der Rhythmus wurde durch spanische Texte begleitet. Es entstanden die ersten „Champeta-Pick-up’s“, die nichts anderes als Soundsystems sind. Kleine Lastwagen in den buntesten Farben bemalt, mit afrikanischen Göttern und Marienbildern. Auf der Ladefläche steht neben riesigen Boxentürmen ein DJ, der afrikanische Musik spielt und dazu auf Spanisch singt.
Was will ich damit sagen: Die Musik reist mit den Menschen. Die Seemänner haben ihre Musik in die ganze Welt exportiert. Das ist wundervoll: So ist Musik. Und genau so macht es Sergent Garcia und seine Band.

Autor: Lukasz, el chicharon

matthias | Di., 04. Jul 2006 | Interview

Musikdiebe + eine selbstverleumnderische Szene + ein Konzert in Frankfurt B.
Wagner Pa – Sala Apolo, 08.03.06

WAGNER PA und seine Band BRAZUCA MATRACA sind eine der wichtigsten Referenzen, wenn es um Barcelonas vitale Musikszene geht. Wagner war Mitbegründer des legendären „Club Mestizo“, ist seit Jahren als DJ und Musiker tätig, und hat Ende letzten Jahres sein bereits drittes Album „Melic“ herausgebracht. Genau der richtige Zeitpunkt also, um über seine Musik und die Charakteristika der spanischen Musikszene zu sprechen.

Als du angefangen hast aufzulegen, existierte Mestizo noch nicht. Welche Musik hast du damals gespielt?
Ich hab afrikanische Musik, Funk und Hip Hop aufgelegt. Das lege ich auch immer noch auf, weil es mir gefällt. Es gab zwar noch kein Mestizo, aber es gab Bands wie RADIO FUTURA und wir haben Partys veranstaltet, im Club Mestizo. Es gab aber keine Szene wie jetzt.

Was genau war der “Club Mestizo”? Ein Club oder eine Partyreihe?
Das war ein kleiner afro-senegalesisch-spanischer Club, eigentlich ein Kultur-Verein. Die Gründer waren ich, Javi Zarco [Manager von OJOS DE BRUJO], Max, ein Typ der eine Bar hatte, und ein Fakir.

Gibt es den heute noch?
Nein, der existiert schon lange nicht mehr. Aber wir haben weiterhin Sachen gemacht, kleinere Dinge, sind an andere Orte gegangen…

Wie siehst du die Mestizo-Szene heute?
Für mich existiert diese Szene nicht mehr. Es gibt zwar immer noch einige Bands, die einen Stilmix spielen, aber die Szene entstand damals, weil gleichzeitig mehrere Bands entstanden, die anfingen Stile zu vermischen. Gleichzeitig wurde auch viel Rock und Elektro gespielt. Wie dem auch sei, es existieren natürlich immer noch Bands von damals. Das sind genau diejenigen, auf die sich heute alle beziehen, wenn es um Mestizo geht.

Einige wenige wie OJOS DE BRUJO oder MACACO...
Ja, aber OJOS DE BRUJO machen kein Mestizo, sondern Flamenco.

Womit wir beim Altbewerten Problem angelangt wären, dass jede Band von sich selbst behauptet, dass sie kein Mestizo mache.
Nein, es geht nicht darum, was alle behaupten. Wenn du eine Mestizo-Band hast, ist es eine der grundlegenden Gesetze, zu sagen, dass du gerade kein Mestizo machst. Aber MACACO z.B. sind eine Mestizo-Band. Und OZOMATLI auch, und die kommen noch nicht einmal aus Barcelona. Außerdem klingen beide Bands sehr ähnlich.

Was sind also die Basis-Komponenten vom Mestizo – lateinamerikanische Musik mit spanischen Einflüssen?
Das hängt davon ab. Es gibt auch Bands wie CHEB BALOWSKI, die arabische Musik mit spanischen Einflüssen machen. Es ist halt eine Mischung, oder auch eine Einstellung. Vielleicht hängt das auch mit einer gewissen Attitüde zusammen, die vom Rock kommt, und die irgendwie mit der Hausbesetzer Szene zu tun hat. Alles ein wenig punkiger, mit einem Schuss Ragamuffin und Reggae, klar, und Marihuana. Das ist es. Viel Fusion und viele Dinge zusammen. Aber der Sound lässt sich nicht definieren, nur einige Dinge, die alle Bands gemeinsam haben.

Und warum existiert die Szene heute nicht mehr?
Weil ich sie nicht mehr sehe. Da wächst nichts mehr. Ich treffe mich nicht mehr mit Marina oder Panko [von OJOS DE BRUJO] im Studio, um Sachen zusammen zu machen. Und wenn es schon andere Länder erreicht hat, dann ist es schon nicht mehr hier. Von dem Moment an, wo du anfängst zu arbeiten und eigene Sachen im Studio zu produzieren, ist es schon nicht mehr da. Du spielst halt nicht mehr auf der Straße. Trotzdem gibt es noch kleine Bands...

…die eigentlich nur das kopieren, was vorher schon da war…
Ja, aber wie haben auch kopiert, und MACACO und OJOS DE BRUJO auch. Alle haben viel von anderen geklaut. MANU CHAO ist einer der größten Kopierer überhaupt. Wenn du so willst, klauen alle viel.

Eine Sache ist jedoch, verschiedene Einflüsse aufzunehmen, dabei aber seinen eigenen Stil zu bewahren, und eine andere ist, zu kopieren und wie jemand anderes zu klingen.
Ja, aber das Problem des Stils ist, dass es ihn einfach nicht gibt. Ein bisschen taka-taka-ta und ein bisschen latino gab es schon bei den LOS FABULOSOS CADILLACS und MANO NEGRA. Das Problem ist, glaube ich, dass viele Bands heute live wie RADIO BEMBA klingen. CHE SUDAKA, LA KINKY BEAT...Ich hab auch eine Band gesehen, die wie DUSMINGET klangen, dafür aber keine einzige, die OJOS DE BRUJO, MACACO oder uns gleicht.

Und deswegen gibt’s es auch nur diese drei Bands als Referenz, weil es die einzigen sind, die einen eigenen Stil haben, obwohl dieser aus anderen zusammengesetzt ist?
Ja, vielleicht…

Nach dem Schließen des Club Mestizo hast du im Sidecar angefangen aufzulegen?
Ja, es ist das dritte Jahr, das ich dort auflege. Seit einem halben Jahr mache ich die „Brazelona Sessions“ auch zusammen mit ANDYLOOP, meinem Partner.

War ANDYLOOP nicht vorher DJ in Berlin?
Ja, im illegalen Freitagsclub. Aber er ist ursprünglich aus Barcelona.

Du bist mittlerweile relativ gut bekannt im Ausland, spielst in verschiedenen Ländern und dein erstes Album hat sich 10.000 Mal verkauft. Wie erklärst du dir den Erfolg?
Eigentlich hat uns der Erfolg immer noch nicht erreicht. Wir spielen zwar häufig in Deutschland, Frankreich und Belgien, und einige Male in Italien und der Türkei, aber so bekannt sind wir auch wieder nicht. Dieses Jahr spielen wir dafür zum ersten Mal in Costa Rica und Mexiko.

Vor kurzem hast du auch in Australien aufgelegt. Was war das für eine Veranstaltung?
Das war auf einem Festival in Sydney, auf einer urban-latino Nacht, wo eine australische Mestizo-Band namens SEAN VENENO gespielt hat. Danach haben dann ich und weitere DJ´s aufgelegt. Das war sehr gut. Ich versuche jetzt ein Festival im September dort zu organisieren.

Letztes Jahr ist dein neues Album “Melic” auf den Markt gekommen, welches besser produziert und mehr nach Funk und Disco-Sound klingt. Wo siehst du die Unterschiede zu den vorherigen Alben?
Es gibt einige Lieder, die mehr nach Funk und Afrobeat klingen. Das erste Album klang mehr wie Clandestino von MANU CHAO, das sagen zumindest die Leute. Ich finde das nicht unbedingt so. Jedenfalls habe ich das erste Album aufgenommen, als ich Zeit hatte, ohne Eile. Es klingt sehr brasilianisch und sehr naiv. Das zweite Album haben wir zuerst auf Konzerten gespielt, und dann aufgenommen und eigentlich klingt es noch brasilianischer als das Erste. Und das Neue ist halt funkiger und freudiger.

Obwohl die CD´s sehr unterschiedlich sind, bleibt die Essenz doch brasilianische Musik. Was wird auf dem nächsten Album neues hinzukommen?
Ich würde gern mehr Beats verwenden, wie in den Soundsystems, d.h. mehr Reggae, Ragga, Reggaeton und Funky Carioca. Früher waren wir auch mehr wie ein Soundsystem, bevor wir die CD aufgenommen haben.

Es gibt auch eine Kollaboration mir dem berühmten brasilianischen Sänger Chico Cesar auf „Melic“. Woher kennt ihr euch?
Ich kenne Chico schon seit Jahren, weil ich damals sein erstes Konzert in Spanien organisiert habe. Jetzt habe ich einfach seine Managerin angerufen und er hat eingewilligt.

Und zum Abschluss: Wohin geht die nächste Tour?
Im Mai fahren wir nach Deutschland, um in Frankfort B zu spielen, in dem zweiten kleinen Frankfurt, nahe Polen.

Frankfurt Oder?
Ja, genau da. Ansonsten steht noch nicht viel fest, abgesehen von Mexiko und Costa Rica.

Dann viel Erfolg auf der Tour und in Frankfurt B, und auf der Suche nach widersprüchlichen Definitionen von nicht existenten Szenen.

Denn wie die alten Philosophen schon gesagt haben: Wissen ist, etwas definieren zu können. Und während wir vergeblich auf der Suche nach einer Definition der vermeintlichen „Mestizo-Szene“ waren – die Betonung liegt auf „Szene“, da es sich offensichtlich nicht um einen Musikstil handelt -, haben wir zumindest heraus finden können, was die Mitglieder dieser „Szene“ selbst nicht wissen. Und zwar wer oder was sie sind und zu was sie eigentlich dazu gehören. Das ist doch immerhin schon etwas!

Autor: Anne

matthias | Mi., 14. Jun 2006 | Interview

Berlin ist groß. In Berlin wohnen Menschen aus aller Welt. Berlin taucht immer öfter im selben Atemzug wie Paris, New York, London und Barcelona auf. In Berlin trifft sich die Kreativelite und der Underground auf ein Bier. Berlin ist Szene. Berlin vereint. Berlin bietet vielen ein neues zu Hause. Berlin schlägt Brücken. Berlin verbindet die Welt. Berlin ist die Welt. Die Welt ist Berlin.
Dub Gabriel ist DJ, Produzent und Musikzerstörer. Ein urbaner Mystiker, der sich zwischen Kreativelite und Underground bewegt, um mal hier, mal dort ein Bier zu trinken. Dub Gabriels Musik schlägt Brücken und verbindet die Welt – Asien mit Nordafrika mit Jamaika mit Osteuropa mit Tradition mit Moderne; Beats mit Bongos, Punk mit Gnawa, die Erde mit dem Himmel. Und: Dub Gabriels Musik passt in keine bestehende Szene. Dub Gabriel ist Nomade - ein moderner Gipsy, der umher reist, um die Leute zum Tanzen zu bringen. Dub Gabriel ist New Yorker und wohnt seit kurzem in Berlin.

Dub Gabriel bei VOC zu Gast und in der Welt zu Hause.

1. Wann hast Du mit Auflegen angefangen?
Ich bin seit über 20 Jahren Musiker und Bassist, und seit 8 Jahren Beatmaker/Produzent/Musikzerstörer.

2. Warum Musikzerstörer?
Musikzerstörer, weil ich alle bestehenden Genre-Konzepte und alle damit verbundenen Assoziationen was es sein soll und was nicht aufbrechen will. Es hat mich schon immer gestört, dass die Leute denken sie müssten sich nur mit einem Musikstil identifizieren. Wenn du dazu gehörst, ziehst du dich auf gewisse Art und Weise an, wie eine Uniform, und du verhältst dich auf gewisse Art und Weise und hängst nur mit Leute rum, die auch so sind. Genau das will ich zerstören, scheiß auf die Grenzen, die wir uns selbst bauen. Ob es nun Worldmusic, elektronische Musik, Punk, Dub, Hip Hop, Rock oder was auch immer ist. Ich denke nicht, dass ich in irgendeine von diesen Gruppen gehören muss, weil ich alles bin und alles in mir trage.
Ich war immer jemand, der in vielen Kreisen unterwegs war, was für mich und gegen mich wirkt. Viele Leute sind sehr in sich selbst beschränkt und verstehen nicht, wie ich klassische indische Musik machen kann und mit Indern abhänge, und danach mit den roughesten gang banger Hip Hoppern aus Bed Sty Brooklyn zusammen arbeite.
Ich sehe eine Verbindung in allem. Es ist alles Musik, die aus der Seele kommt und widerspiegelt, was die Leute in ihrem Leben erfahren haben.

3. Mit welcher Musik hast Du angefangen?
Punk, Punk, Punk - die ersten Inspirationen waren die Bad Brains, Butthole Surfers, Crass, Gang of Four und P.I.L., die mich zu Dub und somit wahrscheinlich zu globaler Musik gebracht haben.

4. Welche Rolle spielt Dub bei der Entstehung deiner Musik?
Dub ist einer der entscheidensten Einflüsse für mich und es ist immer noch die Musik, die ich ständig hören kann. Ich bin seit 20 Jahren Musiker und seit 8 Jahren DJ. Als ich angefangen habe Aufzulegen, fand ich es wenig fordernd nur mit zwei Turntables und fertig aufgenommener Musik aufzulegen. Ich denke wirklich, dass Auflegen eine der am meisten überbewerteten Professionen ist. Als Bassist war ich daran gewöhnt dem Schlagzeuger zu folgen und passend dazu zu spielen. Demzufolge war es immer leicht für mich einfach auf den Beat einzugehen. Ich fand es langweilig, einfach nur zwei Wachsplatten aufzulegen. Deswegen habe ich mir Gitarrenverzerrer besorgt, um die Quelle der Musik zu manipulieren, um etwas Neues zu schaffen und alles interaktiver werden zu lassen. Es war so etwas wie ein modernes Soundsystem. Deswegen war es für mich auch passender mich Dub Gabriel anstelle DJ Gabriel zu nennen. Da ich aus einem musikalischen Background komme, hatte ich auch immer diese gewisse Attitüde, wegen der mich viele als DJ gesehen haben. Ich lege gern auf, aber ich habe den Anspruch etwas damit machen, damit es interessanter wird.

5. Woher kommen all die weltlichen Einflüsse, die sich in deiner Musik widerspiegeln?
Ich habe angefangen Bass zu spielen als ich 13 Jahre alt war. Meine Eltern haben mir zu meinem 13. Geburtstag einen Bass und eine Motorradlederjacke geschenkt; zu der Zeit war ich völlig von Punk eingenommen und wollte nichts anderes in der Welt, als wie Sid Vicious und Dee Dee Ramone zu sein. Mit der Jacke und dem Bass war ich quasi bereit und gewappnet. Ich verdanke meine Passion für die Musik der Punk Szene. Ich habe viel Zeit damit verbracht, bass zu meinen leibsten Punk Platten zu spielen. Von den Platten bin ich dann zu Bands wie Public Image Limited mit Jah Wobble am Bass, Bad Brains, Gang of Four, und The Clash. Diese Alben waren zwar immer noch ziemlich punkig, hatten aber auch diesen Dub-Einfluss. Und zum ersten Mal habe ich anstatt dem normalen Punk Dub diese Basswand gefühlt, die mich direkt in meiner Brust getroffen hat. Das hat mich unglaublich inspiriert.
Als ich 15 oder 16 war kamen dann zwei weitere wichtige Alben heraus. Das eine war Material und Bill Laswell, die Public Image zu der Zeit produziert haben. Bei einem Gewinnspiel im Radio habe ich dann das „Seven Souls” Album von Material gewonnen. Das zweite Album, welches heraus kam war der Soundtrack zu dem Film „The Last Temptation of Christ“. Es hieß „Passion“ und war von Peter Gabriel. Es war mit nichts zu vergleichen, was Peter Gabriel vorher gemacht oder was ich gehört hatte. Das hat mich wirklich umgehauen, und das tut es auch immer noch!
Von dort bin ich dann zu Alben wie „My Life in the Bush of Ghost” von Brian Eno und David Byrne und African Headcharge gekommen.

6. Welchen Einfluss hat deine Heimatstadt New York and das Viertel – Brooklyn -aus dem du kommst, auf dich und deine Musik?
Einen grossen Einflus! Ohne New York wäre ich nicht in Lage gewesen, mit all den beeindruckenden Menschen zu arbeiten, mit denen ich bis jetzt gearbeitet habe.

7. Du hast bereits zwei Alben veröffentlicht. Wie findest du neue Sounds?
Ich finde eigentlich keine Musik, die Musik findet mich....

8. Compilations oder Alben?
All original music baby!!

9. Reist du viel?
Der Lebensstil eines Künstlers hat immer mit reisen zu tun. Ich bin bei Hippie Eltern groß geworden und wir sind die ganze Zeit umgezogen. Wir wurden aus jeder Wohnung heraus geschmissen und ich bin arm aufgewachsen. Ich war also immer so etwas wie ein moderner Gipsy. Seit ich meinem 17. Lebensjahr mache ich professionell Musik, und als Künstler machen wir was wir schon immer in der Geschichte getan haben. Wir ziehen von Stadt zu Stadt, spielen unsere Lieder, tanzen und unterhalten die Leute, und ziehen dann weiter. Arabische und Trance Musik bringt dich zum Wachsen als Künstler. Sie lassen dich neue Sounds entdecken, die mich tief beeindruckt haben.

10. Was würdest du gern durchs Auflegen, Abmischen und Produzieren vermitteln?
Intergalaktische Transmissionen vom Untergrund. Eine feine Linie zwischen Sun Ra und Sid Vicious. Eine heilige Verbindung zwischen allem was göttlich ist.

11. Was hat dich veranlasst nach Berlin zu kommen?
Eine Residency in einem Laden namens Goya war eine gute Ausrede, um nach Europa zu ziehen und jemand anderen dafür aufkommen zu lassen.

12. Wie siehst du dich selbst?
Ich sehe mich als modernen Gipsy, einen digitalen Nomaden, einen urbanen Mythen, der auf dieser Welt ist, um umher zu wandern. Von einer Stadt zur nächsten reisend, um Musik für Leute zu machen. Wo ich noch nicht war, will ich noch hin. Als nächstes stehen Barcelona, Marokko und Asien an.

13. Dein letztes Album „Bass Jihad“ hat einen sehr organischen, erdigen und spirituellen Sound. Woher kommt das?
Zuerst einmal mache ich Musik für Gott, in Andacht an Ihn/Sie. Ich sehe meine Musik als sehr spirituell an und ich danke Gott jeden Tag dafür, gesund zu sein und immer versorgt zu werden. Ich hatte eine schwere Kindheit. Ich war obdachlos und stand auf der Straße, meine Eltern waren ihr Leben lang drogensüchtig und ich habe alles gesehen; angefangen mit Menschen, die direkt vor mir in den Kopf geschossen wurden, bis hin zu den Twin Towers, die am 11. September vor meinem Küchenfenster eingestürzt sind. Wir müssen uns also manchmal fragen warum wir weiter machen? Was ist der Grund für all das? Letztlich werden wir alle einmal sterben. Die ersten 25 Jahre meines Lebens war ich immer sehr betrübt. Ich habe letztlich aber gesehen, dass es immer ein Yin und ein Yang gibt, für jedes AC gibt’s ein DC, und für jede Nacht gibt es einen Tag. Es werden immer die schlimmsten Dinge um uns herum passieren, aber es gibt auch die schönsten Dinge um uns herum. Wir suchen uns aus was wir sehen wollen und was wir annehmen. Ich bin an einen Punkt gekommen, an dem ich aufgeben musste, um all die Schönheit anstatt all der Negativität im Leben zu sehen. Ist das Glas halbvoll oder halbleer? Ich lebe jeden Tag als halbvoll. Es ist noch nicht einmal mehr eine Wahl.
Selbst jetzt, wenn ich durch eine schwierige Phase gehe, was bei einem Künstlerleben normal ist mit all den Hochs und Tiefs, akzeptiere ich es. Ich weiß, dass ich selbst in den härtesten Zeiten immer versorgt wurde und immer versorgt werden werde. Du musst Vertrauen haben ins Universum. “Bass Jihad” hat einen organischen Sound, weil es von einer organischen Quelle kommt. Musica Del Alma!!! Music of the Soul!!

14. Zum Abschluss: Empfehlungen in Bezug auf Musik?
Hör dir Jason Forest an, der bis vor kurzem in Berlin gewohnt hat. Dann Al Haca Soundsystem und natürlich andere Projekte wie Balkan Beatbox, Dr. Israel, Samsara Soundsystem, Heavyweight Dub Champions and Kush Aurora.

Das Goya ist zwar mittlerweile pleite und die Sache, dass jemand Dub Gabriel seinen Aufenthalt zahlt, vorläufig erledigt. Hoffen wir aber, dass ihn sein Weg weiter nach vorn und in viele Orte dieser Welt bringt! Vor allen Dingen auf viele Parties in Europa.

Autor: Anne

matthias | Di., 23. Mai 2006 | Interview

Thunfisch, Bohnen und Oliven!

Vic Ruggiero über den Zusammenhang zwischen Reggae und Johnny Cash, über Punkbands die Country spielen und überhaupt: über gute Musik. Dank Moanin Records sind die raren, weil selbst aufgenommene Solostücke des Slackers Sängers aus den Jahren ´98/´99 jetzt wieder auf CD erhältlich. Zur Releaseparty gibt es gleichzeitig eine kleine aber feine Tour, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Die meisten Leute kennen dich durch die Slackers. Erzähl uns von deinen Solo-Aktivitäten,wann hast du damit angefangen?
VR: Ungefähr 1997, 1998, als ich meine erste Platte aufgenommen habe. Danach habe ich mich entschlossen, auch live zu spielen. Ich mache nicht sehr viel, nur eine kleine Show alle drei Monate oder so. Und einmal im Jahr eine kleine US-Tour. Letztes Jahr [2004] habe ich ein paar Konzerte in Berlin gespielt, das war ziemlich aufregend.

Wie kam es dazu, dass du ohne die Band aufgenommen hast?
VR: Naja, ich hatte so viele Songs! Ich wollte eigentlich, dass die Slackers sie nehmen. Aber eine Band kann nicht so viele neue Sachen spielen. Also hatte ich eine Menge Songs übrig, die ich sehr mochte. Außerdem waren alle gerade dabei, Solo-Platten zu machen. Im Version City-Studio hatte gerade Victor Rice aufgenommen, und unser Gitarrist Agent Jay hatte gerade eine Country-Platte gemacht. Ich dachte einfach, Mann, ich muss auch eine Platte machen! Also habe ich mein Notizbuch genommen, mich in den Aufnahmeraum gesetzt und einfach aus dem Buch gespielt. So wie ich die Songs spielte, wurden sie aufgenommen. Sogar in der gleichen Reihenfolge, das Band lief einfach weiter.

Also waren die Songs eigentlich für die Slackers gedacht?
VR: Ja, manche. Bei manchen hatte ich keine Ahnung, was ich damit anfangen sollte. Ich dachte nur, sie müssen irgendwo hin.

Aber die Solo-Aufnahmen ähneln nicht mal annähernd den Slackers!
VR: Die meisten Slackers-Songs schreibe ich auf der Gitarre. Die klangen ursprünglich auch wie meine Solo-Platte mit diesem Country- oder Rockabilly-Beat. Wenn ich auf der Gitarre oom-bah oom-bah oom-bah spiele, und man nimmt ein Schlagzeug dazu und spielt es mit der Band, wird Ska draus: dschinga-dschumba dschinga-dschumba dschinga-dschumba, verstehst du? Und wenn ich oom-tschaka oom-tschaka oom-tschaka auf der Gitarre spiele, wird Reggae draus, boom-tschaka boom-tschaka boom-tschaka! Also am Ende klingt Reggae wie Johnny Cash und Ska wie Bob Dylan! Das ist mir irgenwann durch Zufall aufgefallen. Ich finde das ziemlich cool: Zufällig spiele ich wie Johnny Cash, dabei bin ich nicht aus dem Süden, sondern aus New York. Ich glaube, das ist ziemlich einzigartig.

Wenn du Solo spielst, was ist der Unterschied zu Auftritten mit der Band?
VR: Ich bin viel nervöser. Aber wenn das vorbei ist, hat man viel mehr Freiheiten. Man muss sich nicht mit fünf Leuten einigen, was passieren soll. Wenn du mit einem Song plötzlich aufhören willst und mit dem nächsten anfangen, machst du's einfach. Wenn du ein Cover spielen willst, kannst dich aber nur an die Hälfte des Songs erinnern, klar, mach einfach.

Was hast du live für ein Publikum, kennen dich alle von den Slackers?
VR: Meistens ja. Manchmal nicht, wenn ich nur als Vic Ruggiero angekündigt bin. Es funktioniert aber so oder so. Leute, die mich als Ska-Musiker kennen, sind anfangs überrascht, mögen es dann aber trotzdem. Es scheint, als ob die meisten Leute, die Ska und Reggae hören, auch diese ganze andere Musik mögen – alten Rock'n'Roll, Blues, gute Country-Musik.

Wenn du die Platte im Plattenladen einsortieren müsstest, wo würdest du sie hinstellen?
VR: Keine Ahnung. Manche Leute stellen sie in die Ska-Abteilung oder weiß der Teufel wohin sonst. Einmal in Kalifornien haben sie mich bei Folk einsortiert, das fand ich lustig.

Was für Platten würdest du gern daneben stehen sehen?
VR: Oh Mann, weiß nicht. Johnny Cash und Tom Waits und solches Zeug. Aber es gibt junge Bands, die das gleiche wie ich machen! Im Mid-West gibt es diese ganzen PunkBands, die jetzt Country spielen. Es sind Punk-Kids und Indie-Rock-Leute, jedenfalls Leute,die normalerweise Country nicht mögen, die sich wieder mit altem Country beschäftigen.Mike Ness von Social Distortion hat auch so eine Platte gemacht, kurz nachdem ich meine fertig hatte. Alle sagten, “Hey, das klingt wie Mike Ness!” Aber ich habe gewonnen, ich hab's zuerst gemacht. Allerdings weiß keiner, wer zum Teufel ich bin! (lacht)

Was hat es mit dem Titel “Understanding New Jersey” auf sich? Du bist vor einiger Zeit von New York auf's Land gezogen...
VR: Wegen der Mädchen! Es gibt die besten Mädchen in New Jersey. Daher beziehe ich meine Inspiration! Ich habe die Platte so genannt, weil alle Frauen, mit denen ich zusammen war, aus New Jersey kamen.

Und “Living In Sin”?
VR: Es handelt davon, ein Verrückter zu sein. Es ist ein Witz über den Katholizismus. Nicht verheiratet sein und zusammenleben, das ist “Living In Sin”.

Du hast mir erzählt, dass du keinen eigenen Computer hast...
VR: Ich benutze den in der Bibliothek. Ich muss mich mit den Kids zanken, die dort nach der Schule Games zocken... “haut ab, ich muss einen Plattenvertrag herunterladen” - “nö, ich spiele hier grad Pac Man”... Aus dem Hintergrund: “Pac Man, Vic?” Ja, wie auch immer das neueste Spiel gerade heißt.

Ist das irgendein Gesamtkonzept, auf dem Land leben, kein Computer, dieser Musikstil?
VR: Das ist keine Absicht. Das ist nur – mein Leben. Ich mag den alten Musikstil. Ich mag Little Ritchie und die ganzen alten Chess-Platten, Howlin' Wolf und Muddy Waters. Ich betrachte es als unsere Aufgabe, diese alten Sachen in die heutige Zeit zu bringen, in der alle nur noch Computer-Musik hören. Die Leute heute können sich nicht mehr vorstellen, dass die Beats früher manchmal auf Pappkartons gespielt wurden. Oder auf einem Mülleimer. Muddy Waters' Gitarre war totaler Schrott, alt und beschissen. Trotzdem hat er großartige Musik darauf gespielt. Heute glauben die Leute, dass sie ein riesiges Schlagzeug brauchen, um live zu spielen, und riesige Verstärker.

Was meinst du, was man am besten zu deiner Musik machen kann? Wenn ich den altmodischen Sound höre, muss ich irgendwie an Hausarbeiten denken, Kochen...
VR: Kochen? (lacht) Jeder erzählt mir von anderen Sachen, die man mit meiner Platte machen kann. Eine Frau hat mir erzählt, dass sie sie zum Einschlafen hört. Ein Typ meinte, er lässt sie jeden Tag laufen, während er einfach so durchs Haus spaziert. Ich bin begeistert, dass die Leute die Platte überhaupt hören! Als ich sie gerade fertig hatte und wegbrachte, um die ersten tausend Exemplare pressen zu lassen, hatte ich dieses ganze Geld dafür bei mir... und ich dachte, mein Gott, das wird beschissen. Niemand wird das hören wollen. Ich war ziemlich nervös. Danach muss es ein ganzes Jahr gedauert haben, bis Leute zu mir kamen und meinten, hey, coole Musik! Ziemlich seltsam. Manche Leute, die mir von der Platte erzählten, kamen aus Orten, an denen ich nie gewesen bin. Und ich war der einzige, der sie damals verkaufte! So habe ich festgestellt, dass die Leute Kopien davon weitergaben. Irgendwann kam ich nach Europa, und selbst hier meinten Leute zu mir, hey, ich habe deine Solo-Platte. Und ich hatte sie noch nie nach Europa mitgebracht! Die Leute haben sie kopiert oder einzelne Stücke im Internet gefunden. Das Ganze passierte einfach, ohne dass ich etwas dazu beigetragen habe, einfach, weil die Leute die Musik mochten.

Zurück zur Küche... was würdest du zu so einer Musik kochen?
VR: Ah, mit Sicherheit Bohnen. Eine Menge Bohnen. Yeah. Beans boom tschaka boom tschaka beans, vielleicht mit etwas Tunfisch. (lacht) Tunfisch, Bohnen und etwas Olivenöl!

aufgezeichnet vor dem Slackers-Konzert am 28.7.2005 im Kato, Berlin
© moanin' Musikproduktion
info@moanin.de | www.moanin.de

Autor: Moanin

matthias | Mi., 19. Apr 2006 | Interview

Die NITROMINDS kenne ich nun auch schon ein paar Jahre. Vor allem persönlich aber erst, als sie einmal mit den D-SAILORS hier in Berlin gastierten. Sie kommen aus Brasilien und sind für mich ein gutes Beispiel, wie Punkrock funktionieren kann, ja eigentlich sollte. So spielten sie hier ein paar Konzerte und waren im Gegenzug dafür verantwortlich, dass die D-SAILORS, BAMBIX und gar die TERRORGRUPPE ihre Brasilientouren machen konnten. Und genauso verhielt sich das dann auch bei den Plattenveröffentlichungen. Alles ganz easy und auf freundschaftlicher Basis. Umso glücklicher bin ich, dass wir ihre diesjährige Deutschlandtour präsentieren können. Sie haben auch ein neues Album am Start. Nach jahrelanger Liaison mit VITAMINEPILLEN kommt dieses (“Start your own revolution”) nun auf „Rocktypen“, dem Label von SCHROTTGRENZE-Timo heraus. Alles eben auf Kumpelbasis. Besucht die Band unbedingt, wenn sie in Eurer Stadt gastiert. Es lohnt sich. Versprochen. Zur Veröffentlichung der neuen Platte im Mai stellte ich Sänger und Gitarrist, Labelmacher und Vollblutpunkrocker André ein paar Fragen…

Hey André! Stell Dich und Deine Band doch mal vor. Wann habt Ihr angefangen Musik zu machen. Gab es Besetzungswechsel, Bands zuvor, Veröffentlichungen…
Yeah, hallo, ich bin André, Sänger und Gitarrist der NITROMINDS. Wir kommen aus São Paulo und uns gibt es seit 1994 und wir spielen schnellen, melodischen Punkrock. Ursprünglich waren wir zu viert. Aber leider verließ und nach dem ersten Album unser damaliger Sänger und wir haben beschlossen, zu dritt weiter zu machen. Wir sind gar nicht mal mehr so jung. Ich bin 32, genau wie die restlichen Mitglieder. Wir haben alle auch noch andere Bands gehabt. Ich spiele, seitdem ich 12 bin, also schon 20 Jahre lang. Hehe. Wir haben bisher folgend Sachen veröffentlicht:

Nitrominds ‘97, Gunshot - EP '99, Time to know '00, Multilateral '01, Something to believe '02, Live Album '04, Start your own revolution '04, Manche dieser Platten wurden auch in Spanien, den USA und Deutschland veröffentlicht.

Was war für Euch der Grund, die Band zu gründen. Nur aus Spaß? Geld verdienen, Rockstars werden oder war es nur eine Antwort auf die Lebensumstände in Brasilien?
Wir haben niemals daran gedacht, mit der Musik Geld zu verdienen, als wir die Band gründeten. Wir wollen einfach nur Punkrock spielen und uns zu verschiedenen Dingen äußern. Nach über 11 Jahren sind wir aber mittlerweile etwas bekannter geworden und haben auch damit angefangen, etwas Geld damit zu verdienen. Musik zu machen, ist das was wir wollen. Momentan passt es ganz gut, dass wir von dem (über)leben können, was uns Spaß macht.

Kannst Du uns ein bisschen mehr über Brasilien erzählen? Viele Leute wissen ja nur, dass von dort ein paar gute Fußballspiele herkommen…
Wir kommen aus São Paulo, einer der größten Städte der Welt. Es gibt hier große Unterschiede zwischen Arm und Reich. Man muss eine Menge arbeiten, um etwas Geld zu bekommen. Um allein zu leben, ein Auto zu haben oder auch um rumzuhängen und ein paar Bier trinken zu können. Der größte Teil der Bevölkerung hat wenig Geld. Man muss gleichzeitig studieren und nebenher arbeiten. Momentan haben wir „Lula“ an der Macht. Er kommt aus der Arbeiterklasse. Ich denke, er kann durchaus was für Brasilien tun. Unsere Währung ist sehr schwach. Ein Euro entspricht etwa 4 Reais. Die Vereinigten Staaten kontrollieren die Steuern und Preise und was generell Lateinamerika zu tun und zu lassen, zu kaufen oder zu produzieren hat. Das ist richtig schlimm…

Du bist sehr aktiv in der brasilianischen Punkrockszene. Du hast zum Beispiel deutsche Bands wie die D-SAILORS, TERRORGRUPPE,… nach Brasilien geholt. Was machen Du und Deine Bandmitglieder sonst so?
Ja, ich habe ein Label namens Nitroala Records. Ich hatte davor einen Metal- und Hardcorevertrieb. Ich hab dann irgendwann die D-SAILORS getroffen und fand, dass sie super für eine erste Veröffentlichung passen würden. Genauso war es dann mit der TERRORGRUPPE, was dann meine zweite Veröffentlichung war. Viele deutsche Bands senden mir CDs und Tapes zu und ich tu was ich machen kann. Viele Bands sind Freunde geworden, wenn wir mit ihnen auf Tour waren. Wir tauschen auch Touren. Ein paar Leute organisieren für uns Konzerte in Deutschland und wir machen es umgekehrt hier. Ich mag es, so was zu organisieren und ich bin darin, glaube ich, auch ganz gut. Das ist wohl der Grund, warum so viele deutsche Bands es mögen hier herzukommen. Coole Shows zu spielen und auch in TV-Sendungen aufzutreten.
Lalo macht irgendwas mit Waagen und Edu hat einen Coffeshop. Wir sind alle frei, um zu touren, weil wir alle unsere eigenen Geschäftsführer sind.

Ihr könnt also davon leben…
Es ist großartig! Weißt Du, es ist nicht viel. Aber ich kann meine Rechnungen bezahlen und in meiner Karre abhängen. Das reicht mir. Ich mach das, was mir Spaß macht. Ich muss nicht in aller Frühe aufstehen und arbeiten gehen. Sicher, ich kann das nicht ewig so machen. Aber wenn wir irgendwann mit der Band aufhören, werde ich wohl weiter was mit Musik machen.

Punkrock ist auch für Dich mehr als “nur” die Musik?
Ja natürlich. Beides gehört natürlich zusammen. Aber Punkrock ist keine Mode, sondern eine Lebenseinstellung.

Erzähl doch mal ein bisschen was über das neue Album von Euch. “Start your own revolution” klingt schon sehr progressiv.
Ach, es ist einfach das Beste, was wir je gemacht haben. Wir hatten die Chance mit einem wirklich großartigen Produzenten zusammen zu arbeiten und waren einfach bereit dafür. Die „Revolution Songs” sind eher gegen die USA gerichtet. Und gegen all die Regeln, die irgendjemand erfunden hat, um einen zu folgen, dumme Sachen zu machen oder sinnloses Zeug zu tun. Wir können da einfach nicht nur dumm rumsitzen und auf jemanden warten, der uns sagt, was wir zu tun hätten. Ich mag alle Songs auf der Platte. Nebenbei sind sie für unser Leben momentan sehr wichtig.

Auf dem neuen Album, habe ich gelesen, geht es auch in einem Song, “ Minha América”, um den Film „Bowling for Columbine“ und das Schulmassaker. Gerade ist wieder so was passiert. Was denkt man da, wenn man das einerseits sieht und dann den Song von der Platte hört?
Ja, “The enemy lives by your side”… Es gibt so unglaublich dummer Menschen. Sie müssen immer und überall ihre Stärke zeigen, wie im Irak. Bomben fallen auf Schulen und Krankenhäuser. Und wofür? Sollten wir nicht in Frieden leben? Überall hassen sich die Menschen. Jeder denkt, daß er was Besseres ist. Diese Welt ist verrückt.

Es ist jetzt nicht das erste Mal, daß Ihr nach Deutschland kommt. Wo wart Ihr sonst noch? Welche Unterschiede gibt es so in den Ländern. Egal ob von den Fans oder von de Mentalität her?
Es ist jetzt das 5. Mal, daß wir nach Deutschland kommen. Wir waren überall dort. Im Norden, im Süden, im Osten und im Westen. Es ist wie hier in Brasilien. Brasilien ist ein wirklich großes Land. Du fährst 6 Stunden mit dem Bus und bist auf einmal in einem völlig anderen Kulturkreis. Zum Beispiel Rio de Janeiro und São Paulo. Wenn Du in Deutschland, Österreich oder Holland spielst, ist es genau dasselbe. Du lernst eine Menge, verschiedene Kulturen, verschiedene Ansichten über Dinge und so weiter. Ich mag Deutschland sehr. Sie haben uns dort sehr geholfen. Was man dort als Catering serviert bekommt, haben wir hier in Brasilien lange nicht. Genauso wenig in Argentinien oder Kanada. Als wir nach der Deutschlandtour nach Kanada fuhren, haben wir Unmengen an Hamburger uns sonstigem Junkfood verdrückt. Und einige Venues dort… Es war schrecklich. Aber wir sind Musiker. Wenn wir in Bier in unseren Händen halten, ist alles o.k. Manchmal liegen die Unterschiede beim Essen, manchmal beim Bier, mal in der Backline und dem Equipment, was man nutzt, die Menschen…

Ich könnte mir vorstellen, daß die brasilianischen Kids etwas offener für Neues, nicht so übersättigt sind….
Die Punkrockszene hier hat sich ein bisschen verändert. Es gibt mehr Emopunk und das Publikum wird auch immer jünger. Es ist teilweise eher eine Mode geworden. Sie kaufen mehr T-Shirts als CDs zum Beispiel. Natürlich haben sie ja Internet und können sie sich selbst herunterladen. Das entspricht nicht unbedingt meinem Punkrockideal. Aber Du hast Recht, sie sind wirklich offener als manche Orte, die ich sonst gesehen habe. Ob da nun eine Band aus Deutschland kommt, kümmert sie eigentlich nicht wirklich. Aber wenn sie die dann live gesehen haben, dann drehen sie durch. Kaufen T-Shirts, wollen Autogramme, schreiben eMails… Einfach sehr herzliche Leute. Sie würden dann alles für Dich tun. Gehen in Dein Haus, rufen Deine Eltern an, um Dich zu sehen… Echt verrückt.

Ihr hattet bislang eigentlich immer einen Deal mit VITAMINEPILLEN für Eure Platten. Jetzt habt Ihr die neue Platte bei Timo und Uli, also ‘Rocktypen' veröffentlicht. Warum nicht mehr beim Ralf? War diese Veröffentlichung hier eher ein Ding der Freundschaft?
Mmhh, ich hatte die Platte VITAMINEPILLEN angeboten. Aber sie haben es abgelehnt. Timo und Uli sind beides meine Freunde. Sie haben mir einen netten Deal auf ihrem neu gegründeten Label angeboten. Ich denke, sie können wirklich eine Menge für uns tun und arbeiten dafür auch hart. Also was Konzerte, Promokram und so weiter angeht. Sie können uns vielleicht auf ein anderes Level pushen. Beide haben hervorragende Connections und darüber sind wir sehr glücklich. Wir lieben VITAMINEPILLEN. Aber wir können jetzt nicht aufhören, in Deutschland zu touren und Platten zu veröffentlichen.

Ja, was können denn die deutschen Fans auf der demnächst anstehenden Tour von Euch erwarten?
Wir sind momentan in der Besten Verfassung. Es wird viele Songs von der neuen Platte geben. Aber natürlich auch ein paar ältere. Einfach eine Menge Energie und Spaß. Mit Sicherheit.

Und habt Ihr auch schon fleißig Deutsch gelernt?
Oh, Deutsch ist für uns echt schwer zu lernen. Solche Sachen wie Fick Dich, Scheiße, Halts Maul, Gib mir ein Bier, Gib mir eine Zigarette, Arsch, Schwanz, … also nur Schweinkram. Das können wir. Ein paar andere Sachen auch noch, aber da weiß ich jetzt nicht, wie man die schreibt.

O.k., André. Das war es soweit. Ich denke mal, wir sehen uns in Berlin. Irgendwelche letzten Worte?
Oh ja, Berlin. Eine wirklich geile Stadt. Ich hoffe, wir sehen unsere ganzen Freunde dort. Wir lieben Deutschland und ich hoffe, den Leuten gefällt auch unser neues Album und kommen zu unseren Konzerten. Danke für das Interview. Wir sehen uns.

mieschka | Fr., 07. Apr 2006 | Interview

ASAP – Interview, 14.03.06 NYC

MODIBA ist ein Kollektiv von ein paar Freunden aus New York, Brooklyn, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, FELA KUTI´s Parole zu folgen und Musik als politisches Mittel einzusetzen. Seit jeher wurde der Musik große Bedeutung beigemessen – besonders in Dritte-Welt-Ländern, für die Musik oft die einzige Möglichkeit war, den Unmut über soziale Missstände, Gewalt von Seiten der Regierung, Unterdrückung oder sinnlose Gemetzel auszudrücken.

MODIBA folgen diesem Pfad und unterstützen mit ihrer Compilation ASAP – dem Afrobeat Sudan Aid Project – seit 2004 eine Hilfsorganisation im Sudan, wo Menschen durch den Mangel an Wasser, unzureichende Lebensmittel, Krankheiten und durch die brutale Miliz der Regierung sterben. Auf der Compilation enthalten sind mehrere Afrobeat-Bands aus New York und Nigeria, die ihre Songs „gespendet“ haben. Die Einnahmen der CD gehen direkt an die Hilfsorganisation im Sudan, die sich in Grenzcamps um die Flüchtlinge aus der Darfur-Region kümmert. Der Statistik zufolge sind in den letzten Jahren ca. 400.000 Menschen dort ums Leben gekommen. Und obwohl in den Vereinigten Staaten mehrere Projekte zur Unterstützung der Menschen im Sudan ins Leben gerufen worden, hat sich die Lage nicht wesentlich verbessert.

Um ASAP einem größerem Publikum zugänglich zu machen und die Grenzen der USA zu überschreiten, hat sich MODIBA mit der politisch-gemeinnützig aktiven Organisation „TrueMajority“ von Ben Cohen (Ben & Jerry´s Eis) zusammen getan, die die Produktion der CD vorfinanziert hat. Durch deren Hilfe wurde ASAP auf der Startseite der Apple i-tunes groß angekündigt und katapultierte sich vier Tage lang in die Top Ten aller i-tune Alben und mehrere Wochen in die Top Twenty der Worldmusic-Charts.

Aber das ist nur der Anfang von MODIBA, denn die fünf Mitglieder haben weitaus mehr Pläne. Als Gründer Jesse Brenner zusammen mit Dave Ahl ein Praktikum bei der Musikplattform „Afropop Worldwide“ in New York machte, war die erste Idee einen Film über afrikanische Musiker in New York zu drehen. „Wir sind immer zu den Konzerten gegangen und haben Interviews gemacht. So fing alles an. Wenn wir noch weiter zurück blicken, ist natürlich auch entscheidend gewesen, dass Eric [Eric Hermann, zweiter Gründer] and ich für ein halbes Jahr in Afrika Musik und Politik in Mali und Botswana studiert haben“, meint Jesse.

Und wie kam es dann zu ASAP, wenn doch zuerst der Dokumentarfilm gedreht werden sollte? „Der Dokumentarfilm wurde auf Eis gelegt, als wir mit ASAP anfingen. Als Eric und ich aus Afrika zurückkamen und ich mit Dave bei Afropop anfing, kam irgendwie alles zusammen. Als wir dort gearbeitet haben, hörten wir mehr und mehr über die Krise im Sudan und die Darfur-Region, sodass wir uns dachten: Hey, lasst uns etwas dagegen machen!“ Zur gleichen Zeit waren Jesse, Dave und Eric wegen des Dokumentarfilms schon in Kontakt mit den Afrobeat-Bands aus New York, sodass nur noch das neue Projekt auf den Tisch gelegt und auf Zustimmung gewartet werden musste. Natürlich gab es eine durchaus positive Resonanz von allen Seiten.

Die Bands waren von Anfang an begeistert von der Idee und spendeten ohne Ansprüche auf Bezahlung ihre Songs. Wie kam allerdings der Kontakt zu der Organisation TrueMajority zustande, die ASAP von Anfang an finanziell und werbetechnisch unterstützt hat? „True Majority hat das Geld für die Produktion vorgestreckt. Wir haben quasi umsonst gearbeitet, sodass alles Geld, was wir sammeln konnten, direkt an die Hilfsorganisation in Dafur gehen konnte. An Ben Cohen von True Majority sind wir wiederum durch einen Freund aus unserer Schulzeit heran gekommen, dessen Familie mit ihm befreundet ist. Als wir ihm unser Projekt ASAP vorgestellt haben, war sofort begeistert davon.“

Durch die Unterstützung von Ben Cohen, den Bands, die die Compilation auf ihren Konzerten verkaufen, und den Erfolg bei den i-tune Charts, wurden in kurzer Zeit 130.000 $ gesammelt. Ein Erfolg, der sich sehen lassen kann, vor allen Dingen, da das meiste Geld durch Online-Verkäufe und kaum Werbung zusammen kam. Laut Jesse war TrueMajority zwar eine große Hilfe, aber um die meiste Werbung hat das Kollektiv sich selbst gekümmert. „Wir haben e-mails an alle Zeitungen und Radio Stationen geschickt und eine Menge online veröffentlicht. Wir hatten praktisch kein Budget und gleichzeitig hatten wir keine Ahnung wie man ein Album richtig promoted.“

Nichtsdestotrotz hat sich das Album durchaus gut verkauft und die Message über die Missstände im Sudan wurde verbreitet. Wie sieht es denn mit der Verbindung zwischen Politik und Musik aus? „Oh ja, die ist natürlich ein wichtiger Bestandteil. Fela Kuti – der Gründer von Afrobeat - hat selbst gesagt, dass Musik eine Waffe ist. Und es ist schon etwas besonderes Millionen von Menschen auf friedliche Art und Weise für eine Sache vereinen zu können. Musik selbst ist, musikalisch und textlich gesehen, Bewegung und Aktivismus. Und das ist unsere Mission. Wir wollen durch Musik etwas erreichen, Leuten helfen, wo wir können - besonders in Afrika. Deswegen denke ich auch, dass ASAP das perfekte Projekt ist, unsere Mission auf materiellem Wege verbreiten zu können.“ meint Jesse.

Und das tun sie, und zwar durch den Verkauf von T-Shirts, Pullovern und CD´s in ihrem Online-Shop, Dokumentarfilme, die nächsten Alben von afrikanischen Künstlern, die veröffentlicht werden sollen, eine Reihe von Parties und Konzerten in New York und neuen Projekten in Afrika, die noch anstehen. Denn die Jungs von MODIBA kommen nicht zur Ruhe, auch wenn eins der Projekte gut läuft.
„Ja, wir waren recht aktiv die letzten zwei Jahre. Aber von dem Dokumentarfilm „Africa-New York“ über afrikanische Musiker in New York haben wir bis jetzt nur den Trailer beendet. Es ist im Entstehungsprozess. Dafür arbeiten wir bereits and unserem nächsten Album von Ali Farka Toure aus Mali, dem Sohn von Vieux Farka Toure. Es wird sein Debut-Album und wir sind sehr froh, diese Möglichkeit bekommen zu haben. Vieux ist übrigens auch auf einigen Aufnahmen mit drauf, die gemacht wurden bevor er starb. Dann gibt es noch die „Potchast“ Serie – einem Internet-Radio-Programm mit Interviews und News rund um afrikanische Musik – und wir starten eine Konzert-Party-Reihe in New York mit afrikanischen Musikern, Live-Percussion, Bodypainting, DJ`s etc. Es ist eine Menge Arbeit und wir verlieren mehr Geld, als wir verdienen, aber das ist ok.“

Und obwohl das schon nach jeder Menge Stress und einer Fülle an guten Ideen klingt, hört die lange Liste der MODIBA-Aktivitäten hier noch nicht auf. Für die Zukunft steht noch mehr an.
„Unsere Langzeitpläne sind ein Studio in Mali aufzumachen, wo viele unserer Freunde und Musiker leben. Das gute ist, dass die Musiker dort direkt an ihren Sachen arbeiten und es von dort aus dann nach Europa und in die USA bringen können.“ Das ist natürlich billiger und die in Musikerkreisen äußerst unbeliebten Mittelsmänner, wie Vertriebe und große Labels, die die Plattenpreise unnütz in die Höhe schnellen lassen, werden somit ausgeschaltet.

Und Jesse fügt hinzu: “Die großen Lables importieren afrikanische Künstler und bringen sie von Afrika nach Paris oder New York, um aufzunehmen. Das ist ok, aber es ist etwas komplett anderes, wenn du die Leute dort aufnimmst, wo sie herkommen. Es ist schon besonders, jemanden irgendwo in der Wüste aufzunehmen oder in einem Studio. Wir wollen auch Live-Videos von Konzerten in Mali über´s Internet senden. Das Ziel ist auch mit dem Geld, das wir gesammelt haben, verschiedene Projekte zu unterstützen. Zum Beispiel Künstler-Kollektive in verschiedenen Orten in Afrika.”

Denn Musik ist die Waffe, das Mittel und der Weg das Bewusstsein der Menschen aus der westlichen Hemisphäre für die Probleme der Dritten Welt zu öffnen und somit weitere Unterstützung zu erhalten. MODIBA kombiniert gekonnt und bewusst Kunst, Musik und Film – sprich Entertainment - mit politischen Inhalten; eine breit gefächerte Erfahrung von Medien und Artwork. Damit werden nicht nur die bekannten Grenzen von Parties und Clubs gesprengt, sondern auch mentale Grenzen in den Köpfen. Und von solchen Projekten kann es nie genug geben.

Mehr Infos auf:

www.modiba.net
www.truemajority.org
www.itunes.com

Autor: Anne

matthias | Mi., 15. Mär 2006 | Interview

Adam "the yin" Perry ist einer der besten Drummer, die die Musikszene hervorgebracht hat. In England wurde er neben Taylor Hawkins (FOO FIGHTERS) und Roger Taylor (QUEEN) für seine Leistungen mit dem KERRANG!-Award ausgezeichnet. Allerdings haben er und seine Band ’A’ es nie richtig geschafft, aus dem Schatten seiner erfolgreichen Mitstreiter zutreten. Immer mit den FOO FIGHTERS, THE OFFSPRING und BAD RELIGION im gleichen Zuge genannt, aber kaum jemand kennt sie und doch wird das legendäre „I love lake Tahoe“ auf wirklich jedem Snowboardevent gespielt.

Also hab ich mir mal den Meister der Drums gegriffen und in den Räumlichkeiten, in denen die BLOODHOUND GANG eine halbe Stunde vorher ihren Tourmanager in Klopapier eingewickelt und in Flammen gesetzt haben, mit einem (ACHTUNG!: TEE, da der Alkohol in der Nacht davor zugeschlagen hat) zusammen gesetzt.

Wie kam es dazu, dass die BLOODHOUND GANG dich gefragt hat…?
Keine Ahnung! Ich bekam einen Anruf von Ifan, dem Tourmanager, ob ich Lust hätte für einige Shows zu spielen. Zuerst dachte ich, er verarscht mich! „Warum fragst du mich?“ Und ich hab „ja“ gesagt. Ist schon ne prima Sache! Wir sind nun seit langer Zeit sehr gute Freunde. Kennen uns jetzt schon seit sechs Jahren. Sie kamen auch zu meiner Hochzeit. Wie eine riesen Familie. „A“ und die BLOODHOUND GANG haben schon oft zusammen getourt. Ich lernte 22 Songs, hatten 3 Tage zum proben und das war´s.

Jeder spricht über „THE YIN“? Wer ist das?
Keine Ahnung… Ich weiß nicht, wer damit angefangen hat. Hm.. keine Ahnung. Es gibt ein Comedian in Schottland, er wird „The big Yin“ genannt. Er ist sehr groß. Das muss der einzige Grund sein. Jason fing an, mich so zu nennen. Meine Eltern denn auch.

Wie alt warst du, wie du mit dem Drums spielen angefangen hast?
Ich fing mit 14 Jahren an. Ich wollte schon immer in einer Band spielen. Wirklich! Und die Drums zu spielen schien für mich die einfachste Sache zu sein. Gitarre ist kompliziert, sieht alles sehr schwierig aus. Jason wollte singen. Er hat keine Neigung zu den Drums und meine Stimme ist so schlecht, ich kann nicht singen.

Aber du hast in Kiel gesungen…
Yeah, naja ich kann nicht die Stimmlage halten, hab ne schlechte Stimme. Das war ein tolles Akustikkonzert. Ich liebe so was! Ich wünschte, wir könnten so was öfters machen.

Sind neue Shows geplant?
Für “A“? Nein, momentan nicht. Wir haben ein schlechtes Jahr hinter uns… Schwierigkeiten mit dem Label, Zahlungsschwierigkeiten. Also haben wir neue Sachen gemacht. Deswegen spiele ich jetzt auch bei der BLOODHOUND GANG. Jason und Daniel schreiben an Songs. Hoffentlich kommen wir wieder in die Spur, wir wollen ein neues Album aufnehmen. Wir fangen im Sommer an. Das ist der Plan. Wir machen jetzt für ein halbes Jahr Pause und dann schauen wir mal, wie es läuft.

Ich hab gelesen, dass das Album von RUSH „exit…stage left“ dein Leben verändert hat. Warum und wann war das?
Das ist das beste Album überhaupt. RUSH ist meine Lieblingsband, es ist die ganze Zeit bei mir gelaufen. Jeden Tag. 24 Stunden. Ich kam aus der Schule … „exit…stage left“, morgens aufgewacht… „exit…stage left“. Und das für lange Zeit. Der Drummer Neil Peart, er ist großartig! Es ist ein tolles Album. RUSH spielten 2004 in Wembley. Wir haben einen Song der „rush song“ heißt, wir haben uns darüber unterhalten und über solche Sachen. Toll!

Ich habe nie was von RUSH gehört, bevor ihr „rush song“ veröffentlicht habt…
Yeah… er hat die gleiche hohe Stimme wie Jason.

Ich habe ein Bild von euch beiden mit zwei Mitgliedern von RUSH gesehen.
Ja, sie sind sehr alt und ziemlich dick (zeigt den Umfang und lacht)… die beste Band überhaupt. Aber eine menge Leute hassen RUSH, du liebst sie oder du hasst sie.

Wie bei Rammstein
… yeah, das ist das Gleiche.

Jeder macht mal Fehler. Was war dein größter Fehler auf der Bühne?
Mein größter Fehler… wir waren vor sechs Jahren Support für die BLOODHOUND GANG, das war in Dortmund. Eine riesige Arena. Wir spielten den Song „40“, ich spielte meine Drums und schaute nach den Stage divers. Ich schaute mich um und sah tausende Leute im Publikum. Ich konnte nicht mehr spielen! Das war mein größter Fehler. Wir haben den Song nie wieder gespielt, niemals! Ich kann das nicht mehr! Immer, wenn ich daran denken muss, geht´s mir „eeerrrrrrrh“!

Was war die lustigste Sache auf der Bühne?
Ich hab gesehen, wie Jared Jimmy angepisst hat! (lacht)

Dave Grohl and Taylor Hawkins waren auf eurem Konzert in Berlin. Was war dein erster Gedanke als du sie gesehen hast?
Cool! Wir waren im Dressing Room, da spielten wir im „Silver Wings“ (wir schauten aus dem Fenster und zeigte auf den Club) … Dave Grohl kam rein und wir setzten uns mit dem Rest der Band mit ein paar Bier zusammen. Wir quatschten über RUSH, sie sind auch RUSH-fans. Die FOO´s sind auch einer meiner fav´s Bands. Später war Dave in der Masse und sprang zu unserem Song „nothing“ herum., der Wahnsinn! Wir haben uns schon einige Male gesehen, wir haben auch auf dem READING-Festival zusammen gespielt.

Ich hab dich mit Taylor Hawkins in KERRANG! gesehen.
Er ist richtig cool. Sie kamen dort zu uns um unsere Show zu sehen. Das hat mich froh gemacht.

Ich denke mal, dass eine BLOODHOUND GANG Tour was anderes ist wie eine “A“ Tour. Ist da mehr Sex, Drugs & Rock´n Roll?
Mit “A“?

Nein, mit der BLOODHOUND GANG.
Yeah… sie mögen ein bisschen das Bier (lacht)

Ist es sehr schwer für nur eine Tour in einer anderen Band zu spielen?
Ja, ich hab das davor noch nie getan. Ziemlich komisch. Es ist seltsam für einen Anderen deren Part zu spielen. Ich war bei den ersten 2-3 Shows ziemlich nervös, sehr nervös!

Es ist ja auch noch ein anderer Musikstil wie “A“.
Es ist sehr schwierig, denn Willy, der Drummer vorher, war sehr gut, technisch und sehr schnell. Ich hab es auch versucht, aber es dann so gemacht wie es für mich am besten war.

Welchen Song spielst du am liebsten?
Das sind “Magna Cum Nada” und “The Bad Touch”.

Was glaubst du, wer wird Weltmeister 2006?
England!

Nein!!!
Ich denk mal… Deutschland hat eine gute Chance, sie haben ein gutes Team. Aber unsere Spieler sind fit, spielen gut, eben das das beste Team der Welt. Das beste Team seit langem, einfach großartig. Aber mal im Ernst, denk mal an Beckham oder Rooney… aber können die alle auch zusammen spielen? Wer weiß?

Aber wir haben Kahn!
Yeah… Wir haben Jens Lehmann bei Arsenal London, er ist sooo gut! Ich glaub, England hat eine gute Chance, die beste seit langer Zeit.

Danke für das Interview.
Gern geschehen, wir sehen uns.

Autor: Die Heavy

matthias | Di., 07. Mär 2006 | Interview

MONTREAL sind eine neue, junge, aufstrebende Band aus Hamburg. Im vergangenen Jahr veröffentlichten sie ihre Debüt-CD „Alles auf Schwarz“, womit sie nicht nur unter Beweis stellten, daß sie musikalisch was auf der Schippe haben und mit der einschlägig bekannten Bildungseinrichtung ihrer Heimatstadt so viel am Hut haben wie Edmund Stoiber mit dem Kanzlerdasein. Sondern auch, daß sie verdammt kräftig das „House“ rocken und in den Arsch treten können. Von daher gewinnt der Spitzname des Schlagzeugers „Max Power“ nochmal eine zusätzliche Bedeutung… Sie haben es klasse geschafft, den Spagat zwischen Mainstream und „Roots“ hinzubekommen. So lief unlängst ein Video eines Songs vom neuen Album auf den „Klingeltondauerwerbesendern“, während man zusammen POPPERKLOPPER; A.C.K. & Co. bei der alljährlich stattfindenden „Nikolaus-Raus-Tour“ die Clubs des Landes rockte unden Weihnachtsgeist vertrieb… Über das neue Album, welches mich stellenweise sogar an einen bekannten Oberarzt aus Berlin erinnerte, die Zukunft der Band, Hörspielkassettenstars und weiteres geht es hier im Gespräch, welches ich mit Bassist HIRSCH per eMail führte…

Hallo! Erstmal für die Leute, die Euch noch rein gar nicht kennen. Stellt Euch doch mal bitte kurz vor. Wer seid Ihr? Wie alt? In welchen Bands habt Ihr zuvor schon gespielt, Veröffentlichungen und so weiter…
Da haben wir zum einen Yonas (24) an Gitarre und Gesang, zuständig für Bass und Gesang ist Hirsch (24) und am Schlagzeug sitzt natürlich ER: Max Power (23?) – die Bands in denen wir vorher aktiv waren hatten so poetische Namen wie „Reizgas“, „Fliegende Fäkalien“, „Notch“ und „Financial Freaks“ – keine dieser Jugendbands hat aber jemals ein Album veröffentlicht.

Ihr kommt aus Hamburg, nennt Euch aber MONTREAL. War das so gewollt, um Euch ein bisschen von der „Hamburger Schule“ abzugrenzen oder seid Ihr einfach nur Spielernaturen?
Wer uns gehört und gesehen hat, wird uns glaub ich mit allem in Verbindung bringen, aber ganz bestimmt nicht mit der „Hamburger Schule“ – da machen wir uns keine Sorgen. Sicher war uns aber wichtig, keinen deutschen Namen wie „die Soundsos“, „Atemnot“ oder so zu nehmen, da man dann immer gleich in eine Ecke gestellt wird, aus der man so schnell nicht mehr rauskommt – da hatten wir Glück, dass Max Power in Montreal geboren wurde und uns so einen recht schlichten und unvorbelasteten Namen ermöglichte.

Apropos Spielernaturen. Ihr habt in der kurzen Zeit Eures Bestehens verdammt viele Konzerte gespielt. Besonders im letzten Jahr. Eure Passion?
Auf jeden Fall! Es gibt nichts, was wir auch nur annähernd so gerne machen wie Live spielen – das ist halt immer wie Urlaub, Klassenfahrt und natürlich Konzert/Party zusammen. Man trifft immer viele nette Menschen und lernt jeden kleinen Winkel Deutschlands kennen.

Aber noch mal zurück zu Hamburg. Erstmal ist Eure Platte bei Hamburg Rec. Erschienen. Ist das Euer eigenes Label und wollt alles selbst in der Hand haben. Oder sind das auch nur Haifische, die Euch in ihrem kleinen Becken schwimmen lassen?
Hinter Hamburg Records steckt Flo V. Schwarz (Pyogenesis), der ja auch schon die Platte produziert hat, Live fast immer dabei ist und den Sound macht und sich auch sonst um alles kümmert, was Montreal so macht – da war es natürlich nur logisch, die Möglichkeit zu nutzen und das Album auch in dieser erprobten und sehr harmonischen Konstellation zu veröffentlichen. So haben wir eben letzten Endes doch alles in der Hand, da Flo und wir an einem Strang ziehen und keiner dem anderen im Weg stehen würde.

Was könnt Ihr denn, rein aus der Musikszene, gutes aus Hamburg berichten? Ich habe das Gefühl, daß dort mittlerweile alles wieder ein wenig rockiger wird. Ist das eine „Neue Hamburger Schule“? Hat man Kontakt untereinander?
Welche Bands meinst Du denn da speziell? Sicher gibt es in Hamburg einen Haufen von Punk-/Hardcore-Rockbands und über irgendwelche Ecken und Kanten hat man auch zu fast allen Kontakt, aber so ein Gemeinschaftsgefühl nach dem Motto „wir hier aus Hamburg halten zusammen“ sehe ich da nicht. Jeder macht so sein Ding, gerne auch zusammen wenn es sich ergibt aber das machen wir ja mit Bands aus Berlin, Köln oder sonstwoher genauso – Lokalpatriotismus im Musikbereich ist meiner Meinung unangebracht – es geht ja um die Musik der Band und nicht um ihren Wohnort.

Ihr habt sogar ein Video gedreht, daß sogar auf MTV lief. Wurde das denn oft gespielt? Wie sahen die Feedbacks aus?
Keine Ahnung ehrlich gesagt. Ich weiß nur, dass das Video hier und da bei Rockzone lief und bei Viva Plus bei Get the Clip. Wir sind alle nicht so die Musikfernsehgucker und haben das nicht so verfolgt. Feedback gab es auf jeden Fall – bei Konzerten wird man da immer wieder mal drauf angesprochen und gerade auch von anderen Bands, da das ja nun echt nicht gewöhnlich ist, dass so eine Band wie Montreal von den Sendern gespielt wird.

Nichtsdestotrotz seid Ihr Euch auch nicht schade auf Touren wieder „Nikolaus-Raus-Tour“ mitzuspielen, was ja schon für einen ziemlichen Punkrockbackground spricht. Was ist Euch denn lieber? Solche kleinen Konzerte oder lieber demnächst auf Veranstaltungen und Samplern wie „The Dome Vol. 68404“?
Haha The Dome fällt glaub ich nicht unter die Kategorie Konzert oder hat da jemals eine Band Live gespielt? Ohne Frage sind uns natürlich Konzerte gerade auch wie die bei der Nikolaus Raus Tour die liebsten. Da war die Hütte immer voll, man ist mit netten Bands unterwegs und hat nen Riesenspaß – zudem war für uns mal sehr interessant zu sehen, das auch das klassische „Deutschpunk“-Publikum uns annimmt.

Ganz wichtig und sicherlich auch oft gefragt, ist natürlich, wie Ihr denn Justus Yonas ;-) von den drei ??? begeistern konntet, auf Eurer Platte das Intro und das Outro zu sprechen. Wie kam das zustande?
Ich glaube irgendwer von uns hat den mal über eine gemeinsame Bekannte hier in Hamburg in einer Kneipe kennengelernt und drauf angesprochen, ob er sich so ein Intro vorstellen könnte. Nun lebt der Knabe natürlich von seiner Stimme und hat auch angedeutet, dass sowas Geld kosten würde wir ihm aber einfach mal ne CD schicken sollten. Das haben wir dann natürlich getan und weil er die Musik cool fand hat er es schließlich sogar für ein Bierchen gemacht – sehr cooler Typ also!

Eure Homepage ist sehr umfangreich & aktuell. Sieht also so aus, als ob Ihr die selber macht. Kann das sein? Wie wichtig ist Euch die Seite und der Umgang damit. Was haltet Ihr von diesem Medium?
Ja die machen wir in der Tat selbst, auch wenn es immer ein ziemliches Gefummel ist – Internetexperten sind wir nun mal gar nicht. Aber heutzutage ist eine Seite schon sehr wichtig für eine Band und deshalb investieren wir da gern Zeit. Eine Band ohne Internetseite kann ich mir heute gar nicht mehr vorstellen – es ist echt eine gute Sache, dass Bands sich so auch untereinander sehr gut unterstützen können.

Oder ist Euch das gute alte Telefon doch lieber? Immerhin veröffentlicht Ihr auf der Seite die Handynummer von Max Power. Oder ist das einfach nur die Groupiehotline?
Nein Nein, das ist der heiße Draht zu Max Power – da kann jeder gerne Tag und Nacht anrufen, das ist immer sehr interessant, wer da so anruft – besonders gelungene Mailboxnachrichten stellen wir auch auf die Seite...

Was ist denn sonst noch für die nähere Zukunft geplant?
2006 gibt es zunächst wieder die Ansage Live Live und nochmal Live – im Januar legen wir ja auch gleich los und gehen mit den SPITTIN` VICARS der Band vom Hosentrommler Vom auf Tour, was danach noch alles kommt bleibt abzuwarten, aber es hat sicher irgendwie mit vielen Konzerten und dann irgendwann wieder einem Album zu tun.

Ja, dann danke erstmal für die Beantwortung der Fragen. Wenn ich diese erhalte werde ich sicher bei den ein oder anderen Antworten noch mal nachhaken…
Nicht dafür, jederzeit gerne wieder!

mieschka | So., 29. Jan 2006 | Interview

Mit „Ansage“ hat eine meiner absoluten Lieblingsbands vor kurzem auf Hulk Räckordz nach langer Abstinenz wieder ein neues Album herausgebracht. Sie kommen aus Kassel und hören auf den Namen LOST LYRICS. Mit „Man spricht deutsch“ veröffentlichten sie seinerzeit eine absolute Kultplatte, die vielleicht gerade noch von der „Seniorenresidenz“ getoppt werden konnte. Die aus meiner Sicht eher mäßige „Vor allem“, die lange Livepause und die vielen Besetzungswechel ließen erst Schlimmes erahnen, daß sich die Band, wie auch ihre Labelkollegen WIZO auflösen würde. Aber nichts da. Mit neuer Kraft, Verstärkung und Spaß haben sie sich doch noch mal dazu aufgerafft ein neues Album einzuspielen. Gut so. Wie es dazu kam und warum ich mir eigentlich keine Sorgen hätte machen müssen, erfahrt Ihr hier unten. Viel Spaß beim Lesen und holt Euch unbedingt die neue Platte!!!

Hallo Ihr! Schön, daß es Euch noch gibt Ich hab ja schon gar nicht mehr damit gerechnet, daß Ihr noch mal was Neues veröffentlicht. Ihr selbst vielleicht auch nicht? Nach so vielen Besetzungswechseln ist es doch bestimmt schwierig sich immer wider neu zu motivieren…
Holger: Hallo Du! Okay, hast schon Recht; dass wir noch mal so aus den Startlöchern kommen würden, war 2003 wirklich nicht abzusehen, da ständig vieles offen war. Nachdem Basti ausgestiegen war, mussten Matze und ich erst mal einen Drummer finden, der zu uns passt und zu ähnlichen Sachen Lust hat, und das war gar nicht leicht. Habe ja schon mal gesagt, dass der Steffen ein Glücksfall für die Band war, denn er hat da unheimlich viel neuen Schwung reingebracht, und es hat von Anfang an mit ihm großen Spaß gemacht. Und als wir dann ganz selig neue Pläne machten, musste Matze wegziehen. Dann hatten wir mit Lars einen neuen Basser, und es fing wieder gut an, wir machten neue Lieder usw. Und nach kurzer Zeit konnten wir schon wieder suchen, da er erstens gesundheitliche Probleme hatte und zweitens eh nach Berlin ziehen wollte/musste. Und dann kam Kati. Und dann lief das erst langsam wieder an (obwohl Kati wahrscheinlich sagen wird, dass unser Tempo ziemlich stramm ist, hahaha): alte Lieder üben, neue gleichzeitig, Fotos machen, CD planen und die ganzen Sachen.
So zog sich das hin. Aber das mit der Motivation kam immer wieder von selbst. Lost Lyrics gibt es nun seit 15 Jahren, und ich kenne viele ups and downs. Sobald es nach einem Rückschlag wieder losgehen kann, bin ich Feuer und Flamme, und übe von mir aus auch zum 500. Mal -Trauerspiele wieder ein: Denn am Ende stehen immer Sachen wie eine neue CD oder Wegfahren an und schöne Konzerte, die dich zufrieden und glücklich machen, wenn man es geschafft hat. Wenn das Ziel klar ist und die Stimmung in der Band gut ist, ist mir das egal, wenn Rückschläge kommen. Ich habe in den 15 Jahren viel kommen und gehen sehen, Moden, Trends, Bands, allen Scheiß weil ich genau weiß, dass das was wir machen zeitlos ist, bin ich immer motiviert, denn letztenendes machen wir das ja aus Spaß und nicht, weil wir davon leben müssen. So stehen wir auch unter keinem Druck. Alles, was wir tun, tun wir freiwillig. Zu so was kann ich mich eigentlich immer gut motivieren.

Gabs aber nicht mal einen Punkt, wo Du Dir mal gesagt hast, nee, das reicht jetzt. Ich mach Schluß mit LL? Eure Labelkollegen WIZO haben ja letztes Jahr nun auch „kapituliert“…
Holger: Das hängt ja nicht nur von einem selber ab, sonder auch von den Mitspielern. Als Basti nicht mehr wollte, dachte ich schon zumindest darüber nach, was anderes zu machen. Aber nur kurz, denn da meinte Matze, warum solle man etwas, das man gerne macht von der Lust von anderen abhängig machen, und wir sollten sofort einfach suchen. Und stimmte ja auch – auflösen kann man sich jederzeit, und wenn man keinen passenden Drummer findet, kann man das immer noch tun. Jedenfalls macht man mit etwas so Beständigem wie einer 15 Jahre alten Band, die einen kleinen, aber immerhin einen Namen hat, nicht so leicht Schluss. Solange das Spaß macht, sowieso nicht. Was bei anderen Gruppen los ist, kann ich nicht kommentieren. Eine Musikgruppe ist ein prinzipiell recht zerbrechliches (und bei jeder Band individuelles) Gebilde, da kann alles Mögliche passieren.

Und wer sind jetzt alles die „neuen Leute“? Habt Ihr vorher schon in anderen Bands gespielt und welche waren das? Stellt Euch doch mal vor. Was macht Ihr sonst so, wenn Ihr nicht gerade unter Holgers Anweisungen spielen müsst?
Holger: Dann nenn mich bitte „Euer Exzellenz“ - soviel Zeit muss sein!

Steffen: Jawoll dann fang ich mal an. Mein Name steht ja schon links. Ich habe im Sommer 2003 all meine Grundechte aufgegeben, meine Seele verkauft um mich den gnadenlosen Anweisungen unseres Banddiktators zu fügen. Ich hatte vorher viel Spass bei meiner anderen Band SIDEKICKS bis Holger auf die Idee kam, mich aus der Band mobben zu lassen, damit ich bei den LOST LYRICS gefügig bin. Mal im Ernst jetzt. Bin damals wegen nem Job nach Kassel gezogen und las da diese traurige Anzeige im Wildwechsel (Regiomagazin), dass ein neuer Drummer gesucht wird und ich habe mich einfach mal gemeldet und abgewartet was passiert. Kannte LOST LYRICS ja vorher schon als Zuhörer und war sogar schon auf einigen Konzerten und ließ mir sogar schon mal ein altes Tourposter signieren, da war ich aber noch echt jung.
Mit den SIDEKICKS haben wir auch so melodiösen deutschsprachigen Punkrock gemacht und die Band gab's so 5 Jahre rund. Wir haben einige Gigs mit den FUCKIN´ FACES gespielt (man nannte uns immer „die kleinen Brüder der FUCKIN´ FACES“) weil wir mit ihnen ganz gut befreundet waren und haben auch unsere Demo CD bei denen im Proberaum aufgenommen, da wir aus derselben Kante weg sind. SIDEKICKS haben sich dann irgendwann aufgelöst. Nachdem wir unsere erste CD fertig stellen wollten und uns im Studio in Eschwege die Festplatte abgekackt ist und alles verloren war, war die Luft dann raus und die beruflich bedingte Entfernung zum Proberaum zu groß. Ansonsten arbeite ich hier in Kassel als Erzieher in einem Wohnheim für behinderte Menschen.

Kati: Ich bin auch neu hier und spiele seit einem guten Jahr jetzt bei LOST LYRICS. Nebenbei spiele ich auch noch den Bass bei den BRADLEYS. Der Gitarrist von ihnen, Lars Gerhold, hat ja schon ca. ein halbes Jahr den Bass gespielt bei LOST LYRICS und dann musste er ja wegen seinem Rücken aufhören und da hat er mich dann gefragt, ob ich Interesse hätte und wir haben uns alle gemeinsam getroffen und nun bin ich dabei.
Vorher habe ich in einer Emocore-Band gespielt. Aber angefangen mit Musik machen hat alles in einer Melodicpunkband und in einer Hardcoreband hab ich auch mal Gitarre gespielt. Ist aber alles schon ein bisschen her.

Nee, mal ehrlich. Inwieweit ward Ihr am neuen Album beteiligt? Hat Holger schon alles fertig gehabt oder konntet Ihr Euch auch irgendwie einbringen?
Steffen: Holger ist ja auch kein One-Man-Wonder. Natürlich hat er erstmal die Ideen für die Songs und so seine Vorstellungen wie das klingen soll. Er macht ja damit auch den typischen Lyrics-Sound aus. Aber wir haben schon gemeinsam im Proberaum an den Liedern gearbeitet und Kati genau wie ich haben uns da versucht, weitgehend einzubringen, was das Arrangement betrifft. Von den Texten bin ich eigentlich immer sehr überzeugt, was er da so anschleppt. Aber ich habe ihm auch versucht einige Themen näher zu bringen, die ich gerne mal in einem Songtext rüberbringen würde. Nur da ich nich so'ne Reimsau bin, überlass ich dass halt dem Holgi.
Die ganze Artwork der neuen CD war z.B. komplett meine Abteilung, da waren Holger und Kati so gut wie gar nich beteiligt (ausgenommen bei Ideensammlung) und ich hab da nen ziemlich fitten Kumpel mit dem ich Poster, CD und die neuen Shirts entworfen habe.

Kati: Holger lässt da schon mit sich reden und ich glaube, dass z.B. „Blühende Landschaften“ in seinem Kopf etwas anders war, als das was nun auf Platte zu hören ist. Außerdem vertrete ich die Ansicht, dass ja erst die Kombination von unterschiedlichen Einflüssen Musik interessant macht. Ansonsten könnte sich Holger mit ner Trommel auf dem Rücken, Fußschellen, Wandergitarre und Mundharmonika als Ein-Mann-Band in die Fußgängerzone stellen und dort sein Glück versuchen.

Kati - Du schreibst im Booklet: „Danke an Holger und Steffen für´s Verständnis“. Ist es manchmal schwierig, als einzige Frau in der Band dabei zu sein, oder war damit was Anderes gemeint?
Kati: Nein, es ist nicht schwer als einzige Frau. Die Beiden sind echt liebe Menschen und wir verstehen uns, von kleinen Reibereien abgesehen, echt ganz gut. Ich bin manchmal etwas planlos, eine notorische Zu-Spät-Kommerin und auch ansonsten viel in Aktion. Das hat manchmal spontane Änderungen z.B. beim Proben, zur Folge. Dazu kommt, dass ich in Wechselschichten arbeite. Da sind Holger und Steffen aber echt verständnisvoll. Der Rest ist unser Geheimnis. Die beiden wissen schon wie's gemeint ist.

Dann ist ja gut. Kommen wir mal ein bisschen zu den Songs der neuen Platte. Auf „Ansage“ habt Ihr wieder mal zwei englische Songs. Davon eine Coverversion. Wie kam es dazu? Früher habt Ihr ja auf Englisch gesungen und dann eine ganze Weile nicht mehr. Back to the roots?
Holger: Nee, das ist ja auch übertrieben. Auf „Rotzlöffel“ waren z.B. „Sidekick Radio“ und „Moviestar“, auf der „Man spricht deutsch“ war „Skibbereen“, auf der „Seniorenresidenz“ auch mindestens 2 englische Titel. Nur bei der letzten CD war gar nichts Englisches drauf. Jetzt haben wir einen einzigen englischen eigenen Titel, „Punkrock Utopia“. „Marliese“ ist ja von FISCHER Z. Man kann schon sagen, dass wir mehr englische Sachen als deutsche Lieder covern, aber das ist schon alles.
Die Wende von 1995 ist nicht umkehrbar, und das wollen wir auch gar nicht. Vorher waren wir eine austauschbare Melodicore-Band, bei der kein Mensch auf die Texte geachtet hat. Aber außer einem eigenständigen musikalischen Stil (und das ist unglaublich schwierig) sind es die Texte in deiner eigenen Sprache, die dich unverwechselbar machen. Heute ist es so, dass einige Leute LOST LYRICS gerade wegen den Texten mögen und schätzen, das wäre früher undenkbar gewesen. Jedes Lied besteht aus beidem. Text und Musik, und beide Komponenten haben für die Hörer gleich große Bedeutung, jedenfalls bei Liedern in deiner Sprache. Singst du englisch, fällt die eine Komponente in Deutschland weg, ist doch schade.
Früher sagten die Leute: „Nette Band, ganz nett“. Heute finden viele uns entweder sehr gut oder überhaupt nicht, und diese Polarisierung bringt ein wesentlich treueres Publikum ein. Wir machen halt Musik für ein deutschsprachiges Publikum, internationale Karrieren sind sowieso Illusion. Falls das mal soweit ist, singen wir „Here comes Alex“ anstelle von „Hier kommt Alex“ und tun lauter nackte Frauen aufs Cover. Aber kann man auch drauf verzichten, oder?

Steffen: Ich fand, es war mal wieder Zeit ein paar neue, englische Songs zu machen. Von mir aus hätten wir neben „Punkrock Utopia“ noch 1-2 eigene englische Lieder machen können. Klar hört da keiner so auf die Texte, aber die englisch gesungenen Zeilen klingen ja eh schon sehr melodiös und das unterstützt die Musik manchmal noch ganz gut. Lieber nen billigen englischen Text als wie nen schlechten Text in Deutsch. Außerdem mit nem Englischlehrer in der Band ist die richtige Aussprache ja schon mal gesetzt.

Also die deutschen Texte sind mir bei Euch auf jeden Fall wichtig. Und Ihr bewegt ja auch was mit Euren Texten. Ich bin zum Beispiel mal extra wegen dem Song „Skibbereen“ in dieses kleine verschlafene Dorf gefahren, weil ich das unbedingt mal sehen wollte. Innerhalb Eurer Bekanntschaft gibt es nun auch einen Vasco. Wird der später auch mal ins Punkhaus einziehen oder kauft er sich eine Eigentumswohnung in der Goethestrasse 4? ;-)
Holger: In dem Nest war ich auch schonmal, und in der Tat auch wegen des irischen Traditionals. Das Original kenne ich von den DUBLINERS, und das ist ja so tragisch und traurig, dass man überrascht ist, dass der Ort heute so gut ausschaut und nicht bloß aus Ruinen besteht... So kommen halt alle möglichen Einflüsse da rein, ist ja auch gut so.
In unserer Bekanntschaft gibt es sogar 2 Vascos! Meinen alten Bekannten aus Dortmund, der schon seit Jahren u.a. ein wenig beim Plastic Bomb mitmacht, und den kleinen Vasco aus Thüringen, den seine Mutter Jana nach unserem Lied benannt hat. Das haben wir aber erst geglaubt, als sie seinen Ausweis gezeigt hat.

Steffen: Der kleine Vasco fängt jetzt an Schlagzeug zu lernen und wird mich dann später mal ersetzen in der Band. Holger züchtet sich ja den Nachwuchs heran. Als Basti zu alt wurde musste er gehen und bald wird auch mich dass Schicksal treffen. Seine Mutter wohnt momentan noch mit ihm im Punkhaus und wenn er soweit ist, kauft der Holger ihm die Wohnung in der Goethestrasse 4,dann hat er es nicht mehr so weit zum Proben :) .

Bei „Alte Freunde“ ist der Butz von den FUCKIN´ FACES zu hören? Wie kam es denn dazu? Seid Ihr tatsächlich alte Freunde und er kam Euch in Kassel besuchen?
Holger: Wir haben mit den FUCKIN´ FACES schon ein paar Mal gespielt und kannten uns, aber ein Kumpel ist er von Steffen. Steffen, erzähl doch mal.

Steffen: Steht ja ein paar Zeilen weiter oben schon nachzulesen, dass wir uns von den SIDEKICKS her kennen. Haben dann früher auch viel gemeinsam unternommen, waren auf Konzerten unterwegs und haben einmal im Jahr einen Ausflug in die schöne Rhön gemacht, und haben uns auf dem Kreuzberg mit dem selbstgebrauten Bier der dort lebenden Mönche den letzten Segen geholt. Ich habe auch im Bad Hersfelder Juze früher immer Konzerte organisiert und da haben wir gemeinsam mit den Fuckin' Faces ein Benefiz für ein Tierheim gemacht und in 2000 haben sie dort bei uns ihr sehr kurz vorher entschlossenes Abschiedskonzert gespielt. Eigentlich sollten damals PLANLOS spielen und da die abgesagt hatten, rief mich Butz 4-5 Tage vorher an und meinte er wolle aufhören mit der Band und gerne den Abschiedsgig spielen, aber nur gemeinsam mit den SIDEKICKS. Das war schon echt extrem, da wir kaum Zeit für Werbung hatten und am Ende war die Bude trotzdem voll und die empörten Stimmen nach so'nem raschen Abgang, den gerne mehr erlebt hätten, waren groß. In 2003 haben sie dann ja in Dippach/Thüringen ihren ganz großen „Revivalgig“ gehabt wo an die 2.500 Leute da waren. Jetzt spielen sie halt wieder und das ist auch gut so. Da ich finde dass der Butz ne sehr sehr geile Stimme hat, hab ich ihn einfach gefragt ob er Bock hätte mitzumischen auf dem neuen Album und so kam das. „Alte Freunde“ ist u.a. durch seine Teilnahme einer der besten Songs auf dem neuen Album geworden.

Apropos Kassel. Wie sieht es denn derzeit mit der Punk(rock)szene dort aus. Viele alte Bands haben sich längst aufgelöst (BATES, etc…). Fühlt Ihr Euch manchmal etwas alt in Eurer eigenen Stadt? Was gibt es (noch) in Kassel, was Euch, auch als Band, am Leben hält?
Holger: Stimmt, musikalisch ist in KS, was Punkrock angeht, nicht mehr viel was. Wir haben sie alle überlebt. Die Personen machen zum Teil schon noch was, aber in anderen Zusammensetzungen und andere Stile, z.B. KING KHAN & HIS SENSATIONELL SHRINES, da ist z.B. Till von DOGFOOD 5. Zimbl ist solo mit Wandergitarre unterwegs. Tja. Zu KS als Stadt können Kati und Steffen mehr sagen, ich komme ja eh vom Dorf. Da fühle ich mich natürlich pudeljung das macht die Landluft und die frischen Wurstwaren. Morgen ist Schlachteessen (weil du fragst, was mich am Leben erhält).

Steffen: Kassel ist musiktechnisch was Konzerte angeht echt sehr gut organisiert. Wir haben hier fähige Leute die ständig Bands herholen und es gibt auch gute Locations für die Bands. Da bekommst du ständig neue Flyer in die Hand und kannst dir fast jede Woche irgendein nettes Konzert anschauen. Da sind natürlich jetzt nicht nur die Megaacts dabei, sondern auch viele kleine, unbekannte Bands die es echt wert sind sich anzusehen. Die Punkrockszene definiert sich hier glaub ich eher durch aktive Konzertgänger und weniger durch Musiker. Das hält ja auch lebendig und deswegen fühl ich mich hier auch nicht alt oder so, weil die Szene immer nach- und mitwächst. Aber es gibt ja, wie Holger bereits sagte, aus anderen Stilen einige Hauer, z.B. die MONTESAS gelten als Deutschlands beste 60's Beatband und ihre Shows sind immer sehr freakig und unterhaltsam.

Kati: Seit ein paar Jahren ist hier wieder mehr los in der Szene. Ich komme eigentlich aus dem Umland und dort haben sich auch ein paar Leute zusammengetan und veranstalten Konzerte. Das finde ich echt gut, dass da soviel Initiative gezeigt wird und selber was auf die Beine gestellt wird. Vor 10 Jahren war hier noch nicht soviel los und wir mussten ewig weit fahren um uns Konzerte anzuschauen. Ansonsten kann ich mich gar nicht als „alt“ empfinden, da dass für mich alles noch ziemlich neu ist, mit der Band.

Dann hat „Keine Zeit“ also tatsächlich seine Daseinsberechtigung. Hört Ihr Euch gern neue, junge Kapellen an? Was hört Ihr generell so? Und gerade bei den jungen Bands - habt Ihr nicht manchmal das Gefühl, daß sich vieles wiederholt? 15 Jahre gibt es Euch nun auch schon, da hat man sicher schon eine Menge gehört. Generell, wie empfindet Ihr die Entwicklung des Punk in dieser Zeit?
Holger: Gut, generell höre ich schon eher Bands, die zu den „Älteren“ zählen, wobei da nicht nur Punkrock dabei ist. BAD RELIGION, GREEN DAY, DESCENDENTS oder SOCIAL DISTORTION gibt es ja alle schon länger als uns selbst. Aber es gibt, zum Glück, auch immer gute, neue Bands - erst neulich haben wir z.B. mit RADIO HAVANNA gespielt, deren Mitglieder sind unter 20. Und manchmal machen ja ältere Leute eine neue Band, z.B. der Frank von ex-BASH macht nun NONSTOP STEREO, das gefällt mir auch. Andere alltime-favourites sind die POGUES, AC/DC, die BEATLES und vor allem die WHO (die sammel ich).
Was sich total wiederholt ist der klassische Deutschpunk, da sind die alten Lieder von 1982 in aller Regel nicht erreicht. So Aufgüsse langweilen mich. Punk hat bestimmt über ein Dutzend Stilrichtungen, das ist auch gut so. Da laufen entwicklungsmäßig viele Sachen nebenher. Das war vor 15 Jahren einseitiger; derzeit ist es gut vielfältig.

Steffen: Ich finde es immer cool wenn da eine neue, junge Band was reisst und was auf die Beine stellt. Klaro, dass sich da vieles wiederholt. DAS große neue Ding wird wohl keiner hinkriegen, ist ja auch egal, denn es geht ja auch mehr darum was die so an Einflüssen da reinbringen in ihre Musik. Wenn man da nicht nur den aktuell, angesagtesten Hippmist raushört, sondern auch mal ältere Sachen, dann gucken die doch von den richtigen Leuten ab und dass ist doch gut so. Bin ja selber auch noch nich so alt und höre trotzdem überwiegend die älteren Sachen die Holger u.a. schon genannt hat. Einfach weil man dass schon so lange kennt und hört und sich dass einfach bewährt hat. Trotzdem entdeckt man immer wieder Bands die vielleicht auch schon ewig mucken und erst jetzt so richtig hochkommen z.B. aktuell bei mir die KINGS OF NUTHIN´, die gibt es glaub ich auch schon ein paar Jährchen. Höre eigentlich alles was irgendwie mit Punkrock zu tun hat. Gibt ja wirklich ewig viele Stile in der Szene und da wird's nicht langweilig. Ne relativ neue Band sind auch PASCOW und wir spielen zusammen mit denen beim „Punk im Pott“ und da freu ich mich schon sehr drauf.

Ich gehe mal davon aus, daß die Band nicht Eure hauptberufliche Tätigkeit ist. Was macht Ihr denn sonst noch so. Matze ist ja jetzt immerhin Arzt geworden. Und ist jetzt, wo Ihr wieder eine einigermaßen feste Formation seid, damit zu rechnen, daß man Euch wieder des Öfteren Live sehen kann?
Holger: Matze muss hoffentlich nicht zum Arzt. Ansonsten ist er Doktor der Biologie. Deswegen ist er auch rausgeflogen: Intelligenzmäßig überqualifiziert, der Gute. Wollte ständig Fremdwörter in den Texten. Hat dann eigene geschrieben. Da musste er gehen...
Tja, also: Ich bin Lehrer und terrorisiere Jugendliche mit Englisch und Politik. Die kommen dann auch zu Konzerten und ich muss das Notenbuch dabei haben. Ganz schlimm. Klar, Livetermine stehen auf unserer HP: www.lost-lyrics.de Rumtouren tun wir mäßig aber regelmäßig, so ist es kein Stress und wird nicht langweilig.

Steffen: Meinen Job hab ich ja schon genannt und die Band ist ein sehr schönes und wichtiges Hobby. Livegigs sind immer willkommen und in letzter Zeit läuft`s auch echt gut mit Anfragen. Wir wollen dass auch alles nicht überreizen, da Kati und ich ja immer diese Organisation mit Wochenendarbeit haben und es soll bitte nicht in totalem Stress ausarten. So ein Wochenende im Monat ist aber meistens drin und das ist ein guter Level für mich.

Kati: Ich arbeite hier als Erzieherin auf einer Station für psychosomatisch erkrankte Kinder und Jugendliche, welche an ein Kinderkrankenhaus angeschlossen ist. Sehr interessante Arbeit. Dazu studiere ich noch Sozialwesen. Hoffen wir mal, dass die neue Platte gut ankommt und wir einige Konzerte spielen können.

Ja, dann bedanke ich mich ganz herzlich für das Beantworten der Fragen und hoffe, daß Ihr noch lange weiter macht.

mieschka | Fr., 06. Jan 2006 | Interview

POPPERKLOPPER. Die Könige des Deutsch-Punks… Oder? Pustekuchen. Wie mittlerweile jeder wohl mitbekommen haben dürfte, singen die Jungs aus der Eifel seit geraumer Zeit auf Englisch. Und vor kurzem haben sie sogar mit Patti von CUT MY SKIN eine Art „Duettplatte“ aufgenommen. Wie sich die Zeiten doch ändern. Naja, wie dem auch sei. Von den einen werden sie geliebt, von den andren gehasst. Ich gehöre zu der ersten Sorte und hatte zwischenzeitlich mal arge Bedenken, daß sie es nicht mehr schaffen, irgendwas auf die Beine zu stellen. Sicher, live waren sie gut unterwegs aber mein CD-Player schrie immer nach mehr…. Dem muss man sich natürlich beugen. So hatte ich also Glück, daß dann doch noch was Neues kam. Das Interview war schon lange geplant, doch irgendwie kam immer etwas dazwischen. Also habe ich mich mal vor den Computer gesetzt und Drummer Lars ein paar Fragen rübergeschickt, die ich schon immer mal beantwortet haben wollte. Und das könnt Ihr hier unten nachlesen. Viel Spaß.

Einen schönen guten Tag erstmal! Wie geht´s? Habt Ihr die alljährliche Nikolaus-Raus-Tour gut überlebt, seid jetzt bestens auf Weihnachten vorbereitet und habt alle Geschenke gekauft?
Ja, bis jetzt war die Tour recht cool. Nette Bands und gute Gigs! Die Weihnachtsvorbereitungen lassen allerdings noch zu wünschen übrig. aber Weihnachten ist ja auch das Fest der Wünsche und Liebe....

Es gab mal eine Zeit, da dachte ich, man wird von Euch überhaupt nichts mehr hören. Eure letzte Platte habt Ihr beispielsweise schon Ende 2003 fertig gehabt. Erschienen ist sie dann doch erst dieses Jahr. Wo lagen die Gründe?
Im Grunde war das Hauptproblem die Zeit. Wir kamen einfach nicht schneller dazu die Aufnahmen fertig zu stellen. Wir arbeiten alle, ham alle auch noch ne 2. Band und auch ein bisschen Privatleben..... Und da wird’s manchmal schwer. Zudem kam dann noch die Labelsuche. Aber jetzt sind wir bei Suppenkazper und zufrieden damit!

Hat das auch ein bisschen was mit Felges Ausstieg zu tun? Was hat sich danach für Euch geändert (außer, daß eben Pöppel eingestiegen ist)? Was macht er jetzt und ging das im Guten auseinander?
Ein bisschen vielleicht, denn Pöppel musste ja natürlich „eingearbeitet“ werden. Also der Wechsel war schon notwendig. Wir ham da mit Helge auf einigen Gebieten nicht übereingestimmt..... Der Split war unausweichlich. Im Guten kann man so direkt nicht behaupten, aber mittlerweile ist das okay. er kommt auch zu Konzerten mit. Er spielt momentan in keiner Band oder so.... Arbeitet halt und lebt vor sich hin…

Pöppel ist natürlich auch kein Unbekannter (mehr). Du spielst jetzt mit Pöppel auch noch bei den BACK CHATS und Carsten bei den DYNAMINDS. Was ist denn jetzt da Euer Hauptbetätigungsfeld? POPPERKLOPPER oder Eure „Zweitbands“. Ist die lange Verzögerung der letzten Platte auch ein Grund dafür, dass Ihr Euch Zweitbands gesucht habt oder da mehr Energie rein gesteckt habt als in POPPERKLOPPER?
Also für mich ist 1. Priorität POPPERKLOPPER. Und das wird auch so bleiben.... Grad aktuell ham wir auch aus Zeitmangel BACKCHATS auf Eis gelegt. Die Bands ham mit der Verzögerung eigentlich nichts zu tun gehabt. Wie schon gesagt.... Die Zeit ist das Problem!

Und damit kommen die Mitglieder der BACK CHATS auch klar?
Nee, nicht so richtig.... War auch ein Mitgrund warum BACK CHATS zur Zeit auf Eis liegen......

Ich finde ja, daß die „Horrorskop“-EP zwischendurch ein bisschen untergegangen ist. Habt Ihr die komplett in Eigenproduktion gemacht? Wenn ja - warum? Hat sich kein Label gefunden? Du hast mir ja mal gesagt, daß durchaus einige Labels Bedenken hatten, weil Ihr jetzt größtenteils englisch singt…
Ja, die ist in Eigenproduktion entstanden.... Auf der einen Seite ham wir tatsächlich kein Label gefunden, was uns zugesagt hätte und zum anderen wollten wir nicht mehr länger warten. Und 3. wollten wir auch mal was Eigenes machen. Mit den Bedenken lag ich auch nicht so falsch. Es gibt immer noch Leute, die unsere Musik richtig gut finden würden (bzw. weiß ich aus Erfahrung sie finden sie gut...), würden sich aber wegen des Namens nie eine POPPERKLOPPER-Scheibe kaufen. Die Bedenken wurden u.a. auch von Labels geäußert. Na ja und anderen waren wir zu rockig. Was für ein Begriff......

Und wie seht Ihr das? Man kann Euch, denke ich mal, schon als eine DER D-Punkbands der 90´er bezeichnen. Warum habt Ihr Euch davon ein bisschen wegentwickelt. War das Absicht, oder hat sich das so entwickelt?
Na ja, ist halt so das der eigene Geschmack dann doch Einfluss auf die eigene Musik nimmt. Ich für meinen teil höre überwiegend Rock und Punkrock, aber auch HC & Psychobilly. Aber auch mal was elektronisches. Bei den anderen sieht das ähnlich aus. Und das färbt halt ab! Absicht war das mit Sicherheit nicht. Wir machen Mucke auf die wir Bock haben und nicht was erwartet wird oder sich gut verkauft.... Das wär auch ziemlich arm!

Gibt es eigentlich Songs, von Euren ersten Platten zum Beispiel, die heute nicht mehr so singen würdet. Wo Ihr den Text als etwas „überholt“ empfindet?
In den Grundzügen sicherlich nicht. Natürlich würde ich einige Sachen heute anders formulieren. Andere Sachen sehe ich und wir heute auch anders. Aber im Großen und Ganzen hat sich von der Einstellung nicht viel geändert!

Ich las ich letztens in einem Fanzine, bekommt Ihr noch immer mit POPPERKLOPPER die meisten Anfragen an Konzerten. Nervt Euch das ein bisschen? Dass vielleicht mit den anderen Bands nicht sooo viel rumkommt?
Nee, mich nicht.....Wie gesagt, hab eh nicht so viel Zeit.... So wie es läuft ist das okay!

Wenn ich das richtig gelesen habe, ward Ihr vor kurzem in Moskau und habt da gespielt. Wie kam es denn dazu?
Oh ja, vorne weg, es war der absolute Hammer!!!! Super nette Leute, die sich echt rührend um uns gekümmert haben. Coole Konzerte und natürlich eine beeindruckende Stadt. War schon so ziemlich das Highlight unserer bisherigen Karriere. Wir wurden von ein paar Junx (die auch ein Label haben) schon öfters eingeladen. Naja und wieder mal die Zeit..... Hat nie hingehauen, bis halt jetzt im Oktober endlich. Wir sind dort so ne Art Kultband.... Als damals die erste Scheibe rauskam, hat die wohl dort ziemlich eingeschlagen. Einer der Junx hat mir mit Tränen in den Augen erzählt, er hätte sie damals auf Tape bekommen und sie ein Jahr lang im Walkman gehabt.....

Erzählt mal ein bisschen über die Leute da. Was hat Euch da am meisten beeindruckt in positiver und negativer Hinsicht.
Wie gesagt, sehr nette Leute, die sich echt nett um einen kümmern. Die Fans dort stehen tierisch auf Photos.... Wir mussten ständig posieren. Und diverse Klischees wurden erfüllt. Z.b., daß man mit einem Russen besser keinen Vodka-Contest macht......

Auf Eurer neuen Platte werden die Hälfte der Songs mit Patti von CUT MY SKIN gespielt. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit? War das schon länger geplant und wie lief das alles ab?
Oh ja, wir hatten schon lange vor was mit Patti zu machen. Die Idee kam uns schon glaub ich auf unserer ersten gemeinsamen Tour 98. Und dann hat es endlich mal geklappt.... Wir ham die Sonx erst roh aufgenommen und dann Patti geschickt. Sie hat sich dann 5 rausgesucht, die sie gerne machen würde, ihre Texte geschrieben, kam dann nach Bonn und dann ham wir das aufgenommen.... Danach dann zusammen Chöre und den Kram!

16 Jahre POPPERKLOPPER. Da ist die 20 nicht mehr weit. Wenn Ihr mal zurückschaut. Hat sich das alles gelohnt und was habt Ihr in Zukunft noch vor?
Ich denke, es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Wen man alles so kennengelernt hat, was man alles erlebt hat, welche Orte man alles gesehen hat, an die man sonst sicherlich nicht gekommen wäre! Viele lustige Geschichten und Erinnerungen und bla,bla,bla..... Wir sind grad wieder dabei an neuen Sonx zu basteln. Dann wollen wir nächstes Jahr evtl Gigs auf Mallorca, in Frankreich, evtl. Russland und London spielen. Und letztendlich natürlich die Welt erobern....... Vielleicht auch erst mal ne neue platte rausbringen!

Na dann wünsche ich Euch viel Erfolg. Gibt´s noch was, was Du unbedingt loswerden möchtest?
Eigentlich nicht......nur soviel, dass ich denke, das man Leuten Veränderung zugestehen sollte und seine Augen nicht vor Neuem verschließen sollte..... (man, wie schlau, was....J) Scheuklappen sind Schrott!

mieschka | Fr., 06. Jan 2006 | Interview

2005

Wie ich vor knapp zwei Jahren auf dem OFFSPRING Konzert war, sind mir die Horrorpops zum ersten Mal über den Weg gelaufen. Seitdem habe ich die Horrortruppe schon einige Male live on stage gesehen und bin von Mal zu Mal mehr hingerissen von der so höllischen Anziehungskraft der Horrorpops. Die besteht aus Nekroman (auch bekannt als Sänger der NEKROMANTIX), Patricia, Geoff und Niedermeier, der mehr Punk als Psychobilly ist. Und natürlich den beiden Go-Go´s, denen man wahrlich die Texte im Gesicht ablesen kann. Als sich Nekroman und Patricia in Köln beim „Comet“ zum ersten Mal trafen (Patricias Band war Vorband der NEKROMANTIX), war die Idee der Horrorpops schnell da. Zusammen mit Niedermeier und den Go-Go´s Mille und Kamilla ist nach langer Labelsuche das Album „Hell yeah“ unter HellCat-record raus gekommen. Im September diesen Jahres ist nun endlich der Nachfolger „Bring it on!“ erschienen. Es war an der Zeit, sich mal die Horrorpops etwas genauer anzuschauen. Nekroman und ich trafen zitternd in Berlin zu einem Interview mit der Begrüßung “Hey, es ist eisig in Berlin! Das ist der Grund, warum ich jetzt in Kalifornien lebe. In Kopenhagen ist es jetzt noch kälter als in Berlin.“ zusammen.

Hey, wie heißt du und was tust du in der Band?
Ich heiße Kim Nekroman und ich spiele Gitarre.

Die Horrorpops hatten einige Wechsel in der Band. Warum?
Ähm… warum… als wir mit den Horrorpops begannen, waren wir nur zu dritt. Niedermeier an den Drums, ich an der Gitarre und Patricia. Wir hatten dann noch einen Zweiten an der Gitarre, aber er blieb in Dänemark und wir gingen nach Kalifornien. Das war der erste Wechsel. Jetzt ist Geoff an der Gitarre. Es gibt keine richtigen Gründe für die Wechsel. Eine menge Bands haben einige Wechsel in der Band, das ist nicht schlimm.

Im September dieses Jahres erschien euer neues Album. Ihr ward die ganze Zeit auf Tour, wann habt ihr das Album aufgenommen?
Naja, wir alle meinten, „Lasst uns ein neues Album machen!“ Wir hatten die Songs schon und haben uns zusammen getan. Wir machten eine kleine Pause und haben das Album in zwei Wochen aufgenommen.

In nur zwei Wochen?
Yeah… (hehehe(klasse lache hat der Mann!))

Ihr ward dieses und letztes Jahr in Amerika auf Tour und letztes Jahr auch in Europa. Wo liegt der Unterschied zwischen den amerikanischen und europäischen Fans?
Der größte Unterschied ist das Alter! Die Amerikanischen sind sehr jung, so um die 13 Jahre alt. Die Europäischen sind älter. Ich denke, dass das der große Unterschied ist.

Und in dem Alter sind die in einem Club gekommen?
Yeah, die haben dort so genannte „all-age-shows“. Dort gibt es dann keine Bar oder die sind dann zur Show geschlossen. Aber die Sache ist die, die Kids drehen durch, wenn sie nichts zu trinken bekommen. (hehehe) Und bei den 18-jährigen ist es so, die trinken was, schauen zur Bühne und bleiben cool.

Ich habe in einer Zeitschrift gelesen, dass ihr den Song „Freaks in uniform“ für Leute geschrieben habt, die nur den Psychobilly-Style akzeptieren…
…oh nein, nicht nur die Psychobillys. Der Grund, warum wir die Band gegründet haben ist, dass Jeder Alles mag wie z.B. Dolly Parton und so was. Wir haben welche in der Band, die mögen Disco, Trash Metal und manche auch Psychobilly. Das ist alles zusammen. Wir haben die Band gegründet um Alles zu spielen. Nicht wie eine Punkrockband nur Punkrock spielt oder eine Psychobillyband nur Psychobilly.

Du wolltest eine Band, die verschiedene Musikrichtungen spielt?
Yeah, das ist der Grund. Ich möchte Leute mit langen Haaren und kurzen Haaren sehen, alle zusammen. Nicht wie in den 80´ern und 90´ern, wo sie sich bekämpft haben. Die Leute mit den langen Haaren waren die Punkrocker. Und jetzt ist alles Crossover!

Was ist dein Lieblingssong auf dem neuen Album?
Das ist unterschiedlich. Manche spiele ich gerne und manche eben nicht. An einem Tag ist es der Eine und am anderen Tag ein Anderer.

Auch, wenn Fans die Songs singen oder dazu tanzen oder was auch immer?
Yeah, es ist mal ein schneller und mal ein langsamer Song. Ich mag es, wenn sie unsere Songs mitsingen. Aber es sind nicht nur der Psychobilly, es geht um jeden Style.

Patricia hat zusammen mit Mad Sin den Song „Dead Moon“ aufgenommen. Wie ist es dazu gekommen?
Naja, es ist von mir und Koefte von MAD SIN. Wir sind seit den 80’ern sehr gute Freunde. Ich lebte damals in Kopenhagen und war hier in Berlin. Wir hatten die Idee schon 1983. Das war noch, bevor Koefke bei MAD SIN und ich bei den NEKROMANTIX spielte. Koefte spielte bei MAD SIN und ich hab mit den NEKROMANTIX angefangen. Wir sind Freunde seit vielen Jahren. Auf der letzten Europatour waren wir auf in Berlin und da haben MAD SIN gerade ihr Album aufgenommen. Wir hatten da genau einen Tag Zeit, um diesen Song aufzunehmen. Das war schon alles (hehehe).

Ok, das war’s schon. Danke für deine Zeit und das Interview.
Gern geschehen.

Autor: Heavy

Gast | Mi., 28. Dez 2005 | Interview

I want all you skinheads to get up on your feet,
Put your braces together and your boots on your feet,
And give me some of that oooooooooooold moon stompin’!

Wer kennt sie nicht, die berühmteste Lyrik der Skinhead-Szene. Kein Ska- und Reggae-Niter, auf dem dieses Lied fehlen würde. Und was wäre auch heute noch ein echter Skinhead, der den Song nicht auswendig in allen Einzelheiten wiedergeben könnte!
Das war doch im Jahr 1969, als die damaligen, die authentischen Skinheads in England auf dem Höhepunkt ihres Kultes waren. Sie stompten mit ihren Boots den Rhythmus des Reggae, der Musik, die der Szene ihre Farbe gab. Und ja, es war eben so, dass schwarze Musik und schwarze, weil jamaikanische Kultur in die Skinhead-Bewegung einfloss. Und richtig, die Band damals hieß Symarip. Die Jungs von der Karibikinsel machten die großen Hits, die auch heute noch jeder richtige Skinhead gerne hört und gerne tanzt und die Zeugnis abgeben für die Vielfalt in der Szene. Ich habe jedenfalls bei den Partys in Berlin noch nicht erlebt, dass ein Punk oder ein Normalo hinausgegangen wäre, weil die Skinhead-Hits von damals nicht sein Ding wären.

Nun gut, die Band war damals und die Hits sind unsterblich, aber was ist eigentlich aus den Bandmitgliedern geworden?
Da gab es doch auch denjenigen, der die berühmten Worte ausgesprochen hatte – „gerappt“ hatte, würde man heute sagen. Lange Zeit hat man da nichts konkretes gehört und auch nicht wirklich was gewusst. Doch plötzlich tauchte der Name Roy Ellis in der Szene auf und Termine für seine Gigs wurden bekannt. Als Mr. Symarip soll er doch tatsächlich und leibhaftig der Vater des Skinhead Moonstomp sein, der diese Hymne seinem alten und neuen Publikum so wie damals zu Gehör bringt!
Nachdem sich nun also Roy Ellis im Jahr zuvor in Potsdam beim Ska-Festival seinen Fans präsentiert hatte, gab es am 5. November 2005 eine neue Gelegenheit im Kato in Berlin, „Caleb“, den Boss Skinhead, hautnah zu erleben. Wobei man „hautnah“ ja schon ganz wörtlich sehen darf, denn Roy Ellis lässt es sich nicht nehmen, zum Skinhead Moonstomp seine kurzhaarigen Fans auf die Bühne zu bitten. Da wo andere Urgesteine des Offbeats sich durch die Security abschirmen lassen, da nimmt der Boss Skinhead ein Bad in seinem Publikum so wie in den alten Tagen.
Auch hinter den Kulissen präsentierte sich Roy Ellis an diesem Abend sehr unkompliziert und sympatisch. Nach getaner Arbeit beim Soundcheck meinte er, dass es ihm jetzt nicht sonderlich viel Spaß machen würde, bis zu seinem Auftritt im Hotel vor dem Fernseher zu sitzen. Er würde doch viel lieber gleich hier bleiben, um bei der Musik und bei den Musikern zu sein. So schafften wir schnell aus dem Cafébereich ein Sofa herbei, um es im Nebenraum vom Backstage aufzustellen. Ein bedrohlich aufgetürmter Stapel von Stühlen wurde unter tatkräftiger Beteiligung des Meisters weggeräumt und so gab es auf dem Sofa schon gleich einmal einen wunderbar familiären Rahmen für das Interview.

Roy Ellis – der Vater des legendären „Skinhead Moonstomp“, der Hymne der Skinhead-Bewegung von 1969. Herzlich willkommen in Berlin!
Thank you very much! Ich bin nun schon zum 5. Mal in Berlin. Allerdings zum ersten Mal, um ein Reggae-Konzert zu geben. Ich freue mich schon darauf, denn es gibt hier in Deutschland viele Fans von mir, die mich noch nie gesehen haben. Vor 2 Jahren war ich schon mal in Potsdam und ich hatte dort viel Spaß. So hoffe ich, dass wir uns heute Abend alle wieder sehen.

Im Jahr 1969 war das große Jahr der Mondlandung und das große Jahr der Skinheads. Was hast Du damals in England für Eindrücke gehabt?
Als wir 1969 den Skinhead Moonstomp produzierten, waren die Skinheads ja schon da. Aber jetzt war der Höhepunkt der Skinhead-Bewegung. Ein großer Eindruck für uns war, dass wir viel Spaß mit denen hatten, aber dass die Skinheads andererseits die Pakistani schlugen. Wir auf der Bühne waren ja alle schwarz und die Skinheads feierten uns. Also der größte Eindruck für uns war, dass die Skinheads einerseits die Pakistani schlugen und andererseits zu Reggae und Ska tanzten. Die Mod- und Skinhead-Bewegung war fasziniert von Symarip.

Wir nahmen die Ska-, Rocksteady- und Reggae-Musik und experimentierten damit. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, was wir damit in Bewegung brachten. Heraus kam etwas, was man dann 10 Jahre später „2-tone“ und „One-Drop“ nannte. Aber wir fingen damit an. Unseren letzten Auftritt hatten wir 1970 im Wembley Stadion. Wir verließen dann England, um den Reggae in Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien, usw. einzuführen. Dort waren ja die Leute mit dieser Musik noch nicht vertraut. Wir hatten damals nicht vor, wieder nach England zu gehen. Wir heirateten und veränderten unseren Stil. Wir mischten Tanzmusik mit Reggae. Das ging so bis vor 3 Jahren.

Ich lebe ja schon seit Langem in der Schweiz. Und vor 3 Jahren kam plötzlich eine Horde Skinheads an mein Haus und klingelte. Ich erschrak, da ich nicht wusste, was die im Schilde führten. Sie waren in voller Montur, Glatze, Boots, ... Ich dachte mir Scheisse, was wollen die und ging nach oben, um meine Machete zu holen. Mit der Machete in der Hand ging ich zur Haustür, öffnete und sagte in sehr scharfem Ton: „Was wollt Ihr Typen hier?“ Weißt Du was sie sagten? „Wir wollen nur ein Autogramm. Wir erfuhren, dass der Boss Skinhead seit 25 Jahren bei uns in der Schweiz lebt und jetzt haben wir Deine Adresse herausgefunden.“ Alle waren begeistert, dass sie mich hier sehen konnten. Sie sagten, dass ich unbedingt wieder auftreten müsste. Sie hatten mich ja noch nie auf einem Konzert gesehen. Und so kam es, dass ich wieder hier bin. Die Band war schon 1988 auseinandergegangen. Aber nachdem ich seinerzeit alle Songs selber geschrieben hatte – ich war ja der Sänger – entschied ich mich dazu, nunmehr alleine aufzutreten.

In dem Augenblick, als die Schweizer Skinheads zu Deinem Haus kamen – war das der Moment, wo Du Dir gesagt hast, jetzt mach’ ich’s wieder?
So kann man es sagen. Sie hatten mich ja schier gezwungen, wieder anzufangen. Ich hatte ja zwischenzeitlich mein musikalisches Schaffen völlig umgestellt. Wie ihr wisst, bin ich in der Schweiz ein sehr berühmter Gospelsänger. Nun ist „Symarip“ auf der Welt ein sehr berühmter Name. Andererseits ist „Roy Ellis“ in der Schweiz ein sehr berühmter Name. So entschied ich, beides gleichzeitig zu tun. Im November und Dezember bin ich mit meinem Gospelchor unterwegs und gleichzeitig trete ich eben auch mit Ska-Bands auf. Es ist ein wunderbarer Zustand. Weißt du, es ist wichtig, flexibel zu sein.

Wenn wir jetzt nochmal auf den Skinhead Moonstomp zurückkommen: Wie habt Ihr den damals eigentlich produziert? War das mehr eine Improvisation in einem Club oder habt Ihr den so richtig studiomäßig eingeübt. Die Skinheads, die man im Hintergrund hört ... ?
Es ist so: Bevor der Skinhead Moonstomp erschien, haben wir schon als „The Pyramids“ gespielt. Wir haben mit „Train To The Rainbow City“ auch schon einen Hit gehabt. Und die Skinheads waren ja schon da und da hat jemand von einer Plattenfirma zu uns gesagt, bei dem wir LP-Aufnahmen hatten: Ihr habt schon so viele Hits, aber Ihr habt doch so viele Skinhead-Fans. Warum schreibt Ihr nicht was über die Skinheads? Und gerade zu der Zeit sind ja die Menschen auf dem Mond gelandet und Derrick Morgan ist mit dem „Moon Hop“ herausgekommen. Und da hat Graham Goodhall – ein sehr Bekannter in der Musikszene – zu uns gesagt: „Nehmt den Rhythmus vom ‚Moon Hop’ und Roy schreibt gute Texte, schreib etwas über die Skinheads ...“ Und so ist es zum Skinhead Moonstomp gekommen.

Und stellt Euch mal vor: In England sind die neuen Platten immer am Freitag herausgekommen. Wir waren unterwegs zu einem Gastspiel in Birmingham, als wir an einer Ampel warten mussten. Und neben der Ampel war ein Musikgeschäft. Wir standen also an der Ampel und hörten plötzlich aus dem Laden heraus „Yeh, Yeh, Yeh, Yeeeeh, Yeh!“. Wir dachten: „Das kann nicht sein, die Platte ist gerade vor ein paar Tagen herausgekommen.“ Wir sind also extra in den Laden hineingegangen, ich habe extra einen Kaffee gekauft und der Mann hinter dem Tresen – der uns nicht erkannte – hat gesagt: „Die Platte geht weg wie die warmen Semmeln!“ Der Song kam dann blitzschnell in die Hitparade. Er ist allerdings nicht so weit nach oben gegangen, denn die regulären Radiostationen haben ihn nicht gespielt. Nur die Piratensender „Radio Caroline“, „Radio Luxemburg“, „Radio London“ und so weiter. Die Skinheads waren ja so berüchtigt für ihre Aggressionen gegen die Pakistani. Deshalb bekam der Song keine große Promotion. Aber trotzdem – es ist ein Hit. Vom Skinhead Moonstomp wurden zwischen 1969 und 2003 nicht weniger als 7 Millionen Exemplare verkauft. Sowohl als Single als auch auf Compilations. Der Song war dreimal ein Hit. Zweimal mit uns und einmal mit den Specials. Nun ... und da bin ich wieder!

Jetzt doch noch mal die Frage, wie habt Ihr das konkret produziert? Hast Du da so eine Gruppe von Skinheads gehabt und gesagt „Hört mal zu, wir machen das und das Arrangement“?
Also, mit der Aufnahme hatten die Skinheads nichts zu tun, die waren unsere Fans. Wir haben das ganz alleine als Symarips gemacht. Und für die Skinheads war der Song dann eine Überraschung.

Roy, was hat Dich damals eigentlich besonders an den Skinheads fasziniert?
So der Military-Typ. Ich war damals jung und so ein Military-Kopf. Und die Skinheads waren von der Erscheinung her so wie die amerikanische Navy: Stiefel, kurze Haare, ... Was mich noch mehr faszinierte, war das auf den Konzerten. Wenn die schwarzen Menschen Musik genießen – schön, aber nicht so wie die Skinhead-Fans. Sie haben die ganze Musik verinnerlicht. Sie singen jedes Stück, jede Platte, sie können die ganzen Texte auswendig und wir auf der Bühne sind für sie wie Gott. Und beim Tanzen klatschen sie. Die schwarzen Menschen klatschen nicht so viel. Und bei den Skinheads – Roy auf der Bühne – und sie springen herum, das ist das Faszinierende.

Beim letzten Konzert 1970 im Wembley Stadion war ein Teil vom Stadion ausschließlich mit Skinheads besetzt, die Typen waren von ganz England hergekommen. Wir haben viele Stücke gespielt und sie saßen ganz brav herum. Doch als wir mit dem Skinhead Moonstomp begannen – „I want all you Skinheads to get up on your feet ...“ – man konnte meinen, es wäre ein Fußballtor gefallen, alle sprangen sofort auf – „... put your braces together and your boots on your feet ...“ – also, da war dann das ganze Stadion zertrampelt, so viele Leute kamen über den Rasen daher. Danach konnten wir keine Location in England mehr finden, denn alle Veranstalter haben abgesagt. Wir haben zwar immer hunderte und tausende Skinheads als Gäste herangebracht, aber die Veranstalter mussten immer so viel Geld ausgeben für die Reparatur. Immer wenn unsere Skinhead-Fans da waren, waren nachher die Stühle kaputt, waren die Gläser kaputt, nicht wegen einer Schlägerei, sondern immer wenn der Skinhead Moonstomp kam, haben sie so stark gestompt ...

Zurück zur Frage. Ich habe für die den Skinhead Moonstomp und die anderen Stücke geschrieben. Das ist jetzt 35 Jahre her und ich hätte nie gedacht, dass es sich bis heute so halten würde. Das hat mich stolz gemacht. Es war eine wunderbare Zeit. Es war natürlich eine ziemlich grobe Sache, aber wir haben Glück gehabt, wir waren die Künstler auf der Bühne. Und die Skinheads hatten vielleicht am Tag vorher 20 Pakistani verprügelt, aber am nächsten Tag kamen sie zu uns auf’s Konzert. Bis heute kann sich niemand erklären, was sie gegen die Pakistani und Inder hatten. Sie demolierten die Geschäfte der Pakistani, aber wir hatten auf der Straße nie Probleme mit den Skinheads. Auf der Bühne hat nie jemand versucht, uns anzugreifen. Auf der Bühne war Symarip für die wie Gott. Denn sonst hat damals niemand Musik für diese Leute gemacht. Wir haben eine ganze LP für die gemacht: „Skinhead Moonstomp“, „Skinhead Jamboree“, „Skinhead Girl“, usw. Nicht nur ich, auch mein Partner Monty Montgomery bzw. Monty Neysmith, wie er damals hieß.

Auch heute noch sind wir in England für die Skinheads wie ein Gott auf der Bühne. Vor ein paar Wochen waren wir beim Club Ska in London. Und der letzte Song war der Skinhead Moonstomp und ich musste von der Bühne fliehen. Denn sie haben uns ja seit 35 Jahren nicht mehr gesehen. Man sah auf der Bühne lauter Glatzköpfe, aber keinen Roy Ellis mehr. Damals war ich ja immer mit Boots und Braces auf der Bühne und jetzt in London wieder. Sie waren so fröhlich und haben mich in die Luft gehalten zu „These Boots Are Made For Stompin“. Nach dem Konzert war das ganze Lokal alles voll Glas. Sie sind auf den Biergläsern getrampelt, man konnte das nachher sieben, so fein waren die Scherben. Es war ein wunderbares Gefühl nach so langer Zeit. Und viele alte Skinheads waren da. Ich wusste nicht, dass es so alte Skinheads gibt – bis 70 Jahre alt! Ich dachte immer, das wäre was für junge Leute. Aber jemand hat mir erklärt „Nein, Skinhead Movement ist dasselbe wie wenn ein Rock’n’Roll Star kommt oder ein Country Star oder Rolling Stones oder Mick Jagger. Es gibt da immer die Fans im selben Alter, nicht nur die jungen Leute.“ Man muss sich vorstellen: 70 Jahre alte Skinheads, immer noch in Stiefeln, keine Zähne mehr, usw. Das ist ein ganz super Gefühl. Und sie sagen: „Ich habe Dich vor 35 Jahren gesehen und da war ich 35 Jahre alt! Und das ist übrigens mein Sohn, der ist auch ein Skinhead.“ Das ist wirklich ein schönes Gefühl. Ich finde es wunderbar.

Du hast es vorhin schon angesprochen, Dein Hauptschaffen ist jetzt als Gospelsänger ...
Ja schon, aber ich würde sagen, im Moment ist es zur Hälfte Gospel und zur Hälfte „on the road“ mit verschiedenen Bands. Es kommen so viele Anfragen. Ich komme im Dezember wieder in Leipzig mit Soulfood International. Im Januar geht es nach Spanien.

Mein Comeback und die Gospels sind jetzt fast 50:50. Im Sommer habe ich keine Gospel-Aufführungen. Die Gospels mit meinem Chor sind hauptsächlich im November und Dezember, in der Adventszeit, da verlangen die Leute diese Musik. Im Sommer bin ich auf vielen Hochzeiten aufgetreten. Die Leute, die meine Gospel-Aufführungen besuchen sagen: „Das war super, das will ich für meine Hochzeit!“ Also das mach ich seit 20 Jahren auch. Bevor ich mit dem Ska und Reggae wieder begonnen hatte, habe ich im Sommer Soul gemacht so zwischendurch für Firmen, aber eigentlich keine Gospel-Konzerte.

Wir verbinden mit Gospel sehr tiefen religiösen Ausdruck. Was bedeutet Religion für Dich?
Das ist eine gute Frage. Wenn man in einer Religion aufgewachsen ist, ist das sehr schwer zu formulieren. Ich weiß, dass es Gott gibt. Ich bin bei den Schwarzen in Amerika, auf Jamaika aufgewachsen. Dort ist es ein Muss, in die Kirche zu gehen. Ich bin einfach so programmiert, dass Religion für uns sehr wichtig ist, es gibt einen Gott, man muss beten und in die Kirche gehen. Du bist katholisch – also weißt Du, dass das so ist. Ich bin mit der Religion aufgewachsen, ich musste Gospels singen, das heißt, ich habe meine Karriere als Sänger in der Kirche begonnen. Die besten Sänger in Amerika und Jamaika haben diese Biographie. Sie haben alle in der Kirche mit dem Gesang angefangen. Später teilt sich das dann in Blues und Soul und Gospel und Funk auf. Aber egal was einer singt, jeder Schwarze hat die Gospel Roots in seiner Stimme.

Von George Marshall, dem Biographen der Skinhead-Bewegung („The Spirit Of ’69 – A Skinhead Bible“) stammt der folgende Satz: „Und am Tage des Jüngsten Gerichts werden unzählige Kids in Boots und Hosenträgern die heilige Pforte überqueren. Wartet's nur ab!" – Kannst Du dem zustimmen?
Na, das ist schon richtig, das könnte vielleicht so kommen. Es ist halt schade, dass es auch Skinheads gibt, die nicht in Ordnung sind. Es wäre schön wenn man das ändern könnte. Manchmal würde ich mir wünschen, es käme eine gute Fee, die das – bing – ändert. Aber sonst, es wäre super, wenn das klappen würde, ich wäre sehr dafür. Dann würde im Himmel gestompt werden. Ich habe gerade eine neue LP aufgenommen, mit den Liquidators, die kommt nächstes Jahr heraus. Ich habe auf der LP ein Lied „I’ve got boots, you’ve got boots, all of the Skins got their boots. When we stomp into the rocket we gonna crossing and stomp all over the moon …”. Also ich weiß nicht, ich habe immer viele Lieder geschrieben mit dem Mond und dem Himmel und den Sternen, ich weiß nicht warum. Vielleicht gibt es irgendwann im Himmel nur Skinheads. Vielleicht hat dann sogar der heilige Petrus an der Himmelspforte Stiefel und Hosenträger an!

Naja, das sind natürlich Phantasie-Sachen. Aber es ist schön, sich so was vorzustellen. Man muss sich manchmal einfach Bilder machen. Denn viele Sachen in der Bibel waren nicht so, da wurde ja immer wieder umgeschrieben. Vieles in der Bibel ist Philosophie. Vieles was da geschrieben steht, muss man nicht wörtlich übernehmen. Es sind Beispiele und man muss einfach Phantasie haben.

Wenn wir jetzt schon so ein bisschen beim Phantasieren sind, noch eine Frage: „Skinhead“ und „Reggae“ sind ja in den öffentlichen Klischees ein totaler Widerspruch. Skinheads, das sind die, die schlagen – Reggae, das ist Bob Marley, Religion, Befreiung. Aber es gibt ja Skinhead Reggae und das ist gute Musik, die Ihr damals gemacht habt und die Ihr wieder macht. Würdest Du Dir wünschen, dass in den Radiostationen öfter mal Skinhead Reggae kommt?
Es ist schade, ich denke das jedes Mal. Es gibt so viele Skinheads überall auf der Welt, aber fast keine Skinheadmusik im Radio. Schade, es ist genauso wie in England 1969. Der Skinhead Moonstomp wurde im nationalen Radio nicht gespielt – nur bei den Piratensendern. Aber es ist trotzdem ein Hit geworden. 10 Jahre später – Specials, Madness, die wurden alle in den Radios gespielt. Wir haben es also geschafft, aber erst 1980. Als der Skinhead Moonstomp von den Specials herauskam, wurde er Nr. 1 in der Hitparade. Zu meiner Zeit wäre das nicht möglich gewesen. Wir hatten eben kein Glück. Unser Skinhead Moonstomp ist damals zwar in die Hitparade gegangen, aber nicht so hoch wie dann bei den Specials. Spielt keine Rolle, die Urheberrechte liegen so und so bei uns. Aber schade, es hätte damals ein Nr. 1 Hit werden können. Trotz allem, es war dreimal ein Hit. 1969 und dann zweimal 1980. Die Version von den Specials auf Platz 1 und unsere Version remixed auf Platz 44.

Aber ... vielleicht kommt das irgendwann. Es gibt eine Sendung in Spanien auf Radio Madrid jeden Mittwoch, da spielen sie viel Skinhead Reggae. Die ist von einem guten Freund von mir von den Liquidators, die meine neue Platte eingespielt haben. Es gibt dann noch eine Sendung in Hannover von dem Siggi Seidel, die heißt „Bluebeat In My Soul“. Er spielt viel Skinhead Reggae. Also eine Woche Skinhead Reggae, eine Woche alten Reggae und Northern Soul, eine Woche nur Ska, eine Woche Dub. Aber auf Viva oder MTV gibt es keinen Skinhead Reggae die ganze Zeit über. Ich finde das schade. Das Skinhead Movement, der Ska und der Skinhead Reggae, das ist doch eine ganz große Marke. Meine neue CD, die würde überall so gut gehen. Aber es heißt überall, Skinhead Musik spielen wir nicht. Ich finde, es ist diskriminierend. Die öffentlichen Stationen spielen immer dasselbe, das ist doch eigentlich monoton.

Kommen wir zu Deinen Musikproduktionen zurück. Du bist 1966 nach England gegangen, wenn wir richtig informiert sind ...
... nein, das war schon 1961. Ich war damals 14½ Jahre alt. Ich war der Jüngste.

1961 und in den folgenden Jahren war ja die große Zeit des Jamaikanischen Ska. Hast Du damals eigentlich schon produziert?
Nein, erst mit 17. Da hab ich mein erstes Lied geschrieben. Übrigens, es gibt jetzt eine ganz neue Webseite von Symarip. Dort gibt es eine große Biographie von der Gruppe und von mir. Ich erzähle da, wie ich nach England gekommen bin und wie ich meine erste Platte produziert habe. Ihr könnt das da alles nachlesen. Und immer mal wieder reinschauen, denn das wird dann ständig upgedatet! Also, mit 17 Jahren habe ich meine erste Platte aufgenommen. Folgende Leute waren dabei: Rico Rodriguez auf der Posaune, Georgie Fame war am Keyboard, Tony Washington war am Klavier, Ernest Ranglin, der berühmte Gitarrist aus Jamaika, der war halb schwarz und halb chinesisch. Das machte mich sehr stolz, dass mich auf meiner ersten Platte gleich solche Leute begleiteten. Ich habe das bei meiner neuen CD nochmal aufgenommen.

Das ist jetzt eine komplett neue CD?
Ja. Sie heisst „The Skinheads Are Coming“. Also, das ist der Titel auf englisch. Darüber wird der Titel auf jamaikanisch stehen. Und das Cover, das ist wirklich lustig! Man sieht auf dem Foto eine lange Straße mit etwa 20 Skinheads. Und auf den ersten Blick meint man, sie springen mir nach und ich habe Angst, dass sie mir etwas antun wollen. Aber wenn man genauer hinsieht, dann haben sie CDs vom Album „Skinhead Moonstomp“ und Kugelschreiber in der Hand und sie wollen alle ein Autogramm von mir. Auf der Rückseite sieht man dann, wie ich dasitze und die Autogramme gebe und die Skinheads alle in einer Schlange anstehen. Das ist doch ein schönes Cover mit Phantasie. Wenn da die Skinheads in ein Plattengeschäft gehen, dann werden sie erstaunt sein und das Album in die Hand nehmen und kaufen. Und es ist wirklich schöne Musik drauf. Also, ich habe in England und in Deutschland verschiedenen Leuten die Belegexemplare geschickt und sie meinen, das wird 2006 das beste Ska-Album werden. Also ich bin so glücklich, dass ich wieder da bin.
Ich war schon viel in Amerika, in Las Vegas, aber mit Gospel-Konzerten. Nun sagte neulich ein Typ von den Aggrolites – einer bekannten jungen Band aus L.A., die mich begleiteten: „Wenn Du nach Amerika gehst oder nach Mexiko oder nach Japan, dann wirst Du Dir nicht vorstellen können, wie viele Fans Symarip hat. Symarip sind sehr bekannt, sogar bekannter als die Specials. Ihr habt ja schließlich die Skinhead Moonstomp Szene gegründet. Und wir haben alle anderen gesehen, nur Euch nicht.“ Also, die Leute sind so begeistert. Ich bekomme viele Anrufe und E-Mails aus Amerika, Russland, und so weiter. Die Leute fragen, wann kommst Du zu uns auf Tour? Aber es kommt alles mit der Zeit.

Trittst Du in Zukunft wieder unter dem Namen „Symarip“ auf?
... Mr. Symarip ...

Das heisst, Eure alte Gruppe wird nicht mehr wieder entstehen?
Nein. Aber einer der ehemaligen Partner macht mit. Es ist Monty Montgomery, unser Keyboarder. Er schreibt selber Lieder und er war vor ein paar Wochen auf dem Konzert in London dabei. Ich habe jetzt dann eine große Tournee in Japan und Monty kommt ebenfalls mit. Wir sind beide gute Show-Männer. Er wohnt allerdings in Atlanta. Wenn es sich die Veranstalter leisten können, seine Reise zu bezahlen, dann macht er mit. Aber 90 % mache ich alleine als Mr. Symarip.

Noch eine Frage: Laurel Aitken hat ja damals Lieder für Euch geschrieben ...
Er hat uns entdeckt und wir waren dann die Begleitband von Laurel. Er war ja sozusagen der Großvater des Ska. Als er angefangen hatte, brachte er Boogie Woogie, Shuffle und wie man das nannte. Es war zwar so wie Ska, aber der Begriff war damals noch unbekannt. Als wir ihn begleiteten, war bei ihm noch viel Boogie Woogie und auch immer viel Latin dabei, denn er war ja Kubaner, also Sachen mit Labamba und er hat auch viel spanisch gesungen und so Schmuseszenen und so weiter und so Bluebeat-Sachen wie „Oh, Mary Lee, ...“ (macht den Rhythmus nach). Wir haben auch eine Vorband für Laurel gemacht und hatten damit einen Riesenerfolg in Großbritannien. Und dann hat Laurel gesagt, wir könnten auch Prince Buster begleiten. Er war damals gerade mit „Ten Commandments Of Man“ in der Hitparade und hatte damit einen Riesenerfolg. Aber er suchte eine Begleitband und so haben wir die Riesenchance erhalten durch Laurel. Wir konnten dann auch Desmond Dekker begleiten und Millie Small. Mit Millie haben wir sogar eine LP produziert, auch eine mit Desmond. Wir begleiteten die Ethiopians, Jackie Edwards, Owen Grey, Toots And The Maytals. Und dann hatten wir unseren ersten Hit „Train To The Rainbow City“ unter dem Namen „The Bees“ – noch nicht als Pyramids oder Symarip. Wir sind da mit Eddie Grant in Kontakt gekommen und der hat das Stück für uns produziert. Aber ich muss Laurel sehr dankbar sein, denn er hat uns entdeckt. Ohne ihn würde ich vielleicht jetzt nicht so hier sitzen. Er hat die erste Platte für uns geschrieben – „Jesse James Rides Again“, ein Instrumental und „Because I Love You“ auf der B-Seite.

Laurel und Du – Ihr wart die ganzen Jahre über in Verbindung? Praktisch bis zu seinem Tod jetzt?
Ja, ganz genau. Das Lustige ist, Laurel ist der Godfather of Ska. Aber er ist erst in die Skinhead-Szene gekommen, nachdem wir von England weggegangen waren. Vorher hat er nicht so viel mit Skinheads gemacht. Aber dann haben wir plötzlich Laurel im Radio gehört „Skinhead, Skinhead, ...“ Und im Fernsehen. Da standen plötzlich die Skinhead-Fans um Laurel auf der Bühne herum. Das war ja eigentlich unsere Szene. Aber wir waren selber schuld. Denn wir sind gegangen und da hat Laurel gedacht, jetzt mach ich da eben weiter. Er hat dann auch einen Hit mit den Skinheads gehabt.

Ich hatte ein Konzert in der Schweiz und Laurel dazu eingeladen. Wir haben uns unterhalten und er meinte, es wäre schade, dass wir nicht weitergemacht haben. Aber er würde sich wünschen, dass wenn er stirbt, dass wir dann seinen Platz in der Reggae-Szene übernehmen. Und genauso ist es jetzt gekommen. Wir haben ein ganz schönes Lied für ihn geschrieben „Laurel’s To Laurel“ für die DVD als Tribute to Laurel. Ich sagte zu ihm: „Monty und ich haben ein Lied für Dich geschrieben, das heisst ,Laurel’s To Laurel’.“ Da war er total beleidigt. Er sagte: „Schreib den Produzenten, ich möchte kein Tribute, ich bin noch nicht tot!“ Das war vor zwei Jahren – und jetzt ist er gestorben.

Ich habe seiner Ehefrau Geld geschickt und mit ihr gesprochen. Sie hat gesagt, sie braucht Hilfe. Und deshalb gehe ich jetzt nach Spanien, am 27./28. Januar und mache ein Gratis-Konzert. Der Veranstalter zahlt meine Reise und mein Hotel, aber ich nehme keine Gage. Laurel hat ja kein Geld mehr gehabt, er ist total ausgeblutet. Er war ja als alter Mann immer noch auf der Bühne. Er hat sich nicht geschont, weil er die Gage brauchte. Schade. Und jetzt ist er gestorben und da waren noch so viele Verträge, die er nicht mehr erfüllen konnte. Auf dem Konzert vor ein paar Wochen in London, da sollte er dabei sein als Überraschung für uns und jetzt hat es nicht mehr geklappt.

So mache ich jetzt was ich kann. Ich habe ja gesagt, ich bin ein dankbarer Mensch. Ich kann nicht immer nehmen, ich muss auch wieder was geben. Ich bin nicht reich. Vielleicht wenn ich einmal gehe, dass dann die Leute auch ein Benefizkonzert geben, für meine Frau und mich. Man muss einander helfen, wenn es geht.

Zu Laurel und Euch noch eine Frage. Wir haben uns kürzlich über den Song „Skinhead Girl“ unterhalten. Das ist ein großer Hit hier auf unseren Partys. Hat Laurel was zu tun mit dem Song?
Der Song wurde von so vielen Leuten aufgenommen, insgesamt etwa 10 mal. Laurel hat auch ein paar Lieder aus unserem Programm gesungen, aber er hat nichts mit „Skinhead Girl“ zu tun. Aber es ist schön, wenn das alle singen. Bad Manners, Specials, die haben das aufgenommen, viele Leute in Spanien oder Amerika auch. Auch den Skinhead Moonstomp haben viele Leute aufgenommen. „Train To The Rainbow City“ hab ich sogar mal auf Spanisch gehört. Von den Peeping Toms.

Roy, dann können wir uns ja auf viele Veröffentlichungen freuen und wir können uns vielleicht auch auf ein paar Wiederauflagen von alten Aufnahmen freuen – ist da auch was geplant?
Alte Aufnahmen nochmal aktivieren? Vielleicht in der Zukunft, wenn ich ein gutes Angebot bekomme. Aber viele Leute kommen zu mir und wollen einen Remix mit meinen Aufnahmen machen. Viele junge Gruppen kommen auch und wollen ein Stück von mir neu für ihre Platte aufnehmen. Ich habe zwei Lieder für die neue LP von Kalles Kaviar aufgenommen. Eine andere Gruppe hat mich nach einem Lied von Delroy Wilson gefragt, „Better Must Come“. Ich bekomme viele Anfragen, aber ich habe leider nicht so viel Zeit dafür. Vor einem Jahr ist das Album „The Best Of Symarip“ herausgekommen. Da sind viele alte Sachen drauf, die seit 30 Jahren nicht mehr aufgelegt wurden.

Und wir können uns auf viele Konzerte von Dir freuen in Zukunft ...
Nun, ich hoffe es. Ich möchte so lange singen, wie ich kann, aber man kann das Leben ja nicht bestimmen. Du bist heute noch da und morgen bist Du schon weg, ich kann nur hoffen. Ich stelle mir manchmal vor, ich bin ein Botschafter für diese Musik. Wenn ich auf der Bühne stehe, fühle ich mich wie ein Prediger, so wie Bob Marley. Meine Musik ist eine fröhliche Musik für die Skinheads. In meinen Stücken kommt nie etwas in Richtung Gewalt vor. Das ist alles was fröhliches zum Mitsingen und so können die Leute meine Lieder nie vergessen. Auch auf meiner neuen LP ist wieder Skinhead-Musik, die jeder mitsingen kann. Es sind lustige Texte, Sachen zum Lachen. „Back From The Moon“ zum Beispiel (singt eine Passage des Liedes). Das ist die Musik, wo die Skinheads zu uns gesagt haben, wir sind wie Gott für sie. Sie sagen zu mir immer nur „The Boss“. Viele sagen auch „Caleb“ zu mir, wegen dem Skinhead Moonstomp. Ich sage dann, ich heisse nicht Caleb, sondern Roy. Aber sie sagen einfach: „Hello Caleb“.

Bekommen wir „Back From The Moon“ heute Abend zu hören?
Ja, es wird das zweite Stück sein. Das erste Stück wird eines aus meinem Soul-Programm, ich habe das in ein Reggae-Stück umgeschrieben. Ich wurde von der Band gefragt, ob ich das so machen könnte und ich sagte kein Problem! Normalerweise ist mein erstes Stück „Back From The Moon“, das heisst, ich bin „back“. Ich war ja so lange weg, wir sind sozusagen beim Skinhead Moonstomp auf dem Mond gestompt, für 35 Jahre, und jetzt sind wir „back from the moon“.

Nun werden wir also einen wunderschönen Abend mit Roy Ellis genießen. Vielen Dank, dass Du nach Berlin gekommen bist und vielen Dank für das Interview!

Autor: Thomas

matthias | Do., 08. Dez 2005 | Interview

Datum: 26 11 2005 I Kategorie: Worldbeats I

LA MALA RODRIGUEZ ist ein weibliches Phänomen in Spanien. Aus den Straßen Sevillas spielte sie sich mit ihrer eigenen, authentischen Mischung aus Hip-Hop, Flamenco, Scratches und Ragga in die Herzen aller Spanier und direkt an die Spitze der Charts. Denn LA MALA weiß was sie will.
Im jungen Alter von 20 Jahren veröffentlichte sie ihre erste Single „ Yo marco el minuto“ („Ich gebe den Takt an“). Ein Jahr später folgte der erste Longplayer „Lujo Iberico“ („Iberischer Luxus“). Und im Jahr 2003 erschien nach langem Warten der Fans ihr zweites Album „Alevosía“ („Hinterlist“), das - kaum vorstellbar - noch mehr einschlug, als das erste.

Die Geschichte der MALA ist eine Erfolgsgeschichte, die zeitig ihren Anfang nahm und steil nach oben ging. Und das in doppelter Hinsicht: Die spanische Hip-Hop-Szene ist bei weitem nicht so weit entwickelt wie die deutsche, sodass Verkaufszahlen von 40.000 Stück allein ein Grund zum Feiern sind. Wenn man dann hinzuzählt, dass eine weibliche Stimme aus dem Zigeuner geprägten Südens dafür verantwortlich ist, dass ganz Spanien vom Rasta, Popfan, Punk bis hin zur machistischen Hip-Hop-Szene Kopf steht, muss es sich tatsächlich um eine besondere Persönlichkeit handeln, die hinter dieser Musik steht. Aber es heißt ja nicht umsonst: Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen kommen überall hin.

„Ich habe zuerst angefangen zu schreiben und war viel mit Leuten auf der Strasse zusammen. Anfangs habe ich weder gerappt noch Reime geschrieben, aber ich habe immer versucht meine Sachen unter die Leute zu bringen. Mit 17 Jahren stand ich dann zum ersten Mal auf der Bühne, und ich wusste, das ist es. Von da an habe ich nichts anderes mehr gemacht.“

La MALA ist ein Soloprojekt, dessen Erfolg auf die charakterstarke Rapperin María zurückgeht. Mit 19 Jahren ging sie nach Madrid und lancierte von dort aus ihren Angriff auf die nationale Szene. La MALA brillierte bereits auf ihrem ersten Album durch eine unglaubliche Reife, die für solch eine junge Künstlerin erstaunlich ist. Eine Künstlerin, die mit ihren Texten die Sprache der Strasse spricht und die Geschehnisse der Realität auf den Punkt bringt. La MALA nimmt kein Blatt vor den Mund. Nichtsdestotrotz, wären ihre beiden Alben nicht zustande gekommen, wenn sie sich nicht mit Meistern des Fachs wie JOTA MAYUSCULA und SUPERNAFOMACHO zusammengeschlossen hätte.

„Die Musik wird natürlich reicher, wenn dir jemand hilft oder wenn jemand mit dir kollaboriert. Ich habe zum Teil mit Leuten zusammen gearbeitet, die mir von meinen Produzenten, mit denen ich an den Alben gearbeitet habe, vorgeschlagen wurden, und mit Leuten, mit denen ich gern zusammen arbeiten wollte, weil mir die Sachen, die sie machen sehr gut gefallen. Ich habe aber bereits vor Erscheinen der zwei Alben viel kollaboriert, was wiederum dazu beigetragen hat, dass ich bekannter wurde. Ich denke, dass Kollaborationen immer ein sehr gutes Mittel sind an die Öffentlichkeit zu treten. Wenn jemand dir anbietet auf seinem Album mitzuwirken, ist das immer ein großer Vorteil, eine Möglichkeit eine größere Zahl von Leuten zu erreichen.“

Kollaborationen tragen nicht nur dazu bei, ein größeres Publikum zu erreichen, sondern bringen auch neue Einflüsse mit ein. Denn gerade die verschiedenen Einflüsse und die südländischen Wurzeln sind der Dreh- und Angelpunkt, die den Hip Hop der MALA zu etwas speziellem machen und aus dem üblichen, poserhaften Gehabe heraus heben.

„Mich beeinflusst alles. All die Musik, die ich höre, alles was in meinem Leben passiert. Wenn ich schreibe, reime…Ich höre alles Mögliche an Musik. Flamenco, Salsa, Reggae, Reggaeton, mir gefällt alles. Ok, Rock oder Heavy höre ich nicht. Aber Soul gefällt mir gut, der neue Soul, den es gerade gibt…“

Und wie wird das neue Album werden? Zwei Jahr ist es her, dass „Alevosía“ erschienen ist und es geht das Gerücht um, dass das neue Album schon in Arbeit ist.

„Das neue Album wird nächstes Jahr erscheinen. Ich weiß noch nicht mit wem ich diesmal zusammen arbeiten werde, aber ich habe ein paar Ideen, ein paar Rhythmen und Texte. Die muss ich erst einmal zusammensetzen und dann werden wir sehen, was dabei heraus kommt. Ich würde gern wieder mit jemand Großem zusammen arbeiten, wie in meinen vorherigen Alben, auf denen ich immer mit Leuten kollaborieren konnte, zu denen ich aufschaue.“

Auf nationaler Ebene hat María Rodriguez einen Senkrechtstart hingelegt und von Anfang an auf die Kooperation von nationalen DJ- und Produzentengrößen zählen können. Das letzte Album wurde in New York abgemischt, im Sommer gab es einige Konzerte in Japan, wie sieht es da mit internationalen Kollaborationen aus?

„Ich würde gern mit SCARFACE aus Houston zusammen arbeiten, einem ehemaligen Mitglied von GHETTOBOYS. Wir haben Kontakte in New York, durch die Leute, die ich aus Madrid kenne. Aber ich werde das nächste Album nicht noch einmal außerhalb des Studios abmischen, in dem ich aufnehme. Die Erfahrung habe ich jetzt gemacht und das möchte ich nicht noch einmal. Ich finde es besser, wenn alles in ein und demselben Studio gemacht wird.“

Und wie sieht die Spanische Hip-Hop-Szene im Vergleich zur amerikanischen aus?

„Der amerikanische Hip Hop ist auf einem ganz anderen Niveau als der spanische. Das sind große Künstler wie BUSTA RHYMES, die sich auf der ganzen Welt verkaufen und überall bekannt sind. Hier gibt es natürlich auch Gruppen, die amerikanischen Bands ähneln, während sie sich eher an lateinamerikanischen Ländern annähern müssten, die nicht die gleiche ökonomische Entwicklung haben wie die USA. Aber gleichzeitig gibt es in Spanien auch viele Künstler mit sehr viel Persönlichkeit.“

Künstler mit Persönlichkeit wie LA MALA, die für ihre Arroganz, ihren eigene Stil und ihre starke Persönlichkeit bekannt ist und von der gelegentlich zu hören ist, dass ihr Mundwerk sehr lose ist und schon einige Leute ihr Fett weg bekommen haben. Auch wenn sie sich beim Interview eher abwesend als arrogant zeigt. La MALA ist Hip Hop durch und durch, trotz der weiteren Einflüsse, die ihre Musik beinhaltet. Und zum Hip Hop gehören neben Klamotten und Geld eben auch ein gewisses Verhalten, ein loses Mundwerk und Drogen. Das Video zur Single „La Niña“ wurde in den Staaten zensiert, weil es eine Minderjährige beim Drogenverkauf zeigt. Eine Minderjährige, die LA MALA selbst oder jemand aus ihrem Umfeld hätte sein können. Immerhin war sie von Anfang an in der Szene mit dabei, mit allem was dazu gehört neben Breaks, Beats und Rhymes.

„Es ist nicht leicht sich einzig und allein der Musik zu widmen, man muss mit viel Passion dabei sein. Manchmal sieht man keinen Sinn mehr in den Dingen und ist sich nicht sicher, was man macht. Man macht sich viele Gedanken, weil manchmal alles total absurd erscheint. Und dann gibt es wieder Momente, in denen dein ganzes Leben mit einem Satz, mit vier Worten, die du schreibst, neuen Sinn bekommt. Und alles was du dafür aufgibst, um weiter zu machen. Das ist die Passion, für die ich lebe. Ich weiß nicht, wo mich das noch hinführen wird, aber ich kann nicht damit aufhören.“

Zunächst einmal führt es LA MALA zum ersten Mal nach Deutschland und Holland, wo sie zusammen mit SOLO LOS SOLO und TOTE KING auftreten wird, zwei spanischen Hip Hop Fraktionen, die es genau wie sie auf der iberischen Halbinsel weit gebracht haben. Schauen wir mal was passiert, wenn dieser südländische Wind durch deutsche Konzertsäle fegt. Ob sich die deutsche Musiklandschaft dem spanischen Erfolgskonzept entziehen kann? Nachdem nun schon mehrere Mestizo-Bands den Weg in den Norden geebnet haben, dürfte es für die spanische Hip-Hop-Fraktion ein Leichtes sein ihren Kollegen zu folgen.

Autor: Anne

matthias | Sa., 26. Nov 2005 | Interview

Wer melodischen Punkrock mag, wird die SATANIC SURFERS kennen und lieben. Und selbst wer nicht auf melodischen Punkrock steht, wird wohl trotzdem das eine oder andere mal mit ihrer Musik in Berührung gekommen sein (darauf lassen zumindest die unzähligen Einträge im Internet schließen). Nach drei Jahren der Ruhe gibt es nun endlich wieder ein neues Album. TASTE THE POISON, das am 2.11.05 bei Bad Taste Records erschienen ist, überzeugt durch das Zusammenspiel von Melodik und Punk gemischt mit Rodrigos eindringlicher Stimme. Neben dem Wechsel der Plattenfirma, fanden auch einige Änderungen in der Besetzung statt. So übernimmt seit einiger Zeit Robert den Platz auf dem Drumhocker und Andy den Posten am Bass. Am 14.11 traten die fünf Schweden aus Malmö im Berliner Kato auf und präsentierten einige ihrer neuen Lieder wie "Weight on my Shoulder" oder "U and I R 1" wie auch viele alte Songs vor einem rockendem Publikum. Vor der Show traf ich Rodrigo (Sänger) und Andy (Basist) um zu erfahren, warum das neue Album so lange brauchte, was es so gut macht und was die Band ansonsten noch so plant.

Wie ist die Tour bis jetzt gelaufen?
Andy: Die Tour war bis jetzt gut. Allerdings waren wir alle irgendwann während dieser Tour krank, aber langsam geht es uns besser.

Nach heute Abend spielt ihr noch in Hamburg, eure letzte Station in Deutschland. Gibt es außerdem noch weitere Shows?
Rodrigo: Yeah, wir werden für ein Wochenende in Großbritannien sein. Ich glaube am 3., 4. und 5. November und wenn wir zurückkommen werden wir eine weitere kurze Tour mit ungefähr 15 Shows in Europa machen. Wir werden auch in Deutschlandsein...

Andy: In Frankreich und Spanien und auch...

Rodrigo: Belgien...

Andy: Yeah und Holland und zum ersten Mal auch in Norwegen.

Andy, du schreibst ein Tourtagebuch, dass bei Pastepunk.com veröffentlicht wird. Wie bist du auf diese Idee gekommen.
Andy: Johann von Bad Taste Records hatte Kontakt mit Pastepunk und fragte mich, ob ich es machen würde. Und ich war sofort bereit, denn ich mag es total irgendwelche Berichte zu schreiben, während ich auf Tour bin.

Wie kannst du deine Einträge veröffentlichen? Hast du einen Laptop dabei, oder gehst du ins Internetcafe?
Rodrigo: Wie haben zwei Laptops dabei. Unser Schlagzeuger macht viel Designs und so Zeug, und er muss während der Tour einige machen, deshalb hat er seinen Laptop mitgebracht.

Andy: Manchmal finden wir mit seinem Computer Zugang zu einem Wireless Lan und manchmal geh ich ins Internetcafe.

Seid ihr aufgeregt, dass ihr nach drei Jahren der Abwesenheit malwieder in Berlin spielen werdet?
Rodrigo: Ja natürlich, es ist immer toll an Orte zurückzukehren, wo wir schon einmal waren. Außerdem spielen wir zum ersten Mal im Kato.

Warum dauerte es so lange um ein neues SATANIC SURFER Album aufzunehmen?
Rodrigo: Naja, unser letzter Bassist, Mathias, lebt jetzt hier in Berlin. Als er ging hatten wir keinen Bassisten mehr und wir hatten auch keinen Schlagzeuger mehr. Wir haben einfach eine Weile gebraucht um neue Bandmitglieder zu finden.

Hattet ihr in den letzten drei Jahren neben SATANIC noch andere Projekte?
Rodrigo: Ich glaube die meisten von uns spielen in anderen Bands. Ich habe die ganze Zeit in anderen Bands gespielt, Fredrik ist in einer anderen Bandund Mathias war in einer anderen Band.

Wie heißen denn diese Bands? So dass ich und auch andere Leute die Bands mal auschecken könnten.
Rodrigo: Wo fang ich an? Es gibt so viele. Ich kann ja die nennen, in denen ich mitspiele. INTENSITY war eine Band in der Andy und ich zusammen mitgespielt haben.

Was meinst du mit "ihr habt mitgespielt"?
Rodrigo: Unser Bassist lebt in Uganda, wenn er zurückkommt werden wir sehen was passiert. Außerdem bin ich mit Fredrik, unserem Gitarristen, in einer Band die CONTROVERSE heißt, wir haben vor ungefähr einem Jahr in der KOEPI gespielt. Das waren nur ein Paar, ich spiel noch in einem Haufen anderer Bands mit.

Wurde TASTE THE POISON durch den Wechsel der Bandmitglieder und durch die anderen Bands in denen ihr die letzten drei Jahre gespielt habt beeinflusst?
Rodrigo: Ich weiß nicht...

Andy: Ich glaube in gewisser Weise schon.

Rodrigo: Ich denke dass das Leute möglicher Weise sagen, weil wir mit INTENSITY auch für eine längere Zeit, seit dem unser Bassist gegangen ist, aktiv waren. Wann ging er nochmal?

Andy: Vor fast zwei Jahren.

Rodrigo: Seit dem er weg ist haben wir mit INTENSITY nicht mehr gespielt und ich glaube dass ein Teil dieses Materials irgendwie seinen Weg in SATANIC Songs gefunden hat.

Andy: Yeah ganz sicher. Ich kann mich daran erinnern, dass ich manchmal überrascht war, wenn du uns einen neuen Song präsentiert hast und ich dachte, dass der Sound aggressiver war als ich dachte das SATANIC sein würde.

Meine Lieblingslieder auf der neuen CD sind "Down in Fire", "Blood On The Sidewalk" und "False Ambitions". Was hat dich inspiriert diese Lieder zu schreiben und erzähl mir ein bisschen was zu dem Songtext.
Rodrigo: Uhh, ähh... aus diesem Grund gebe ich nie Interviews. Ich schreibe Musik und Songtexte weil ich es gerne tue. Naja, und wenn Leute das genießen können ist das toll, aber es ist einfach schwer für mich zu erklären warum ich etwas geschrieben habe. Manchmal ist es persönlich und ich möchte WIRKLICH nicht darüber reden. Keine Ahnung. Manchmal kommen Leute zu mir und sagen: "Yeah, dieses Lied bedeutet mir wirklich viel und der Text bedeutet für mich das und das..." Und verstehst du, wenn ich sie das sagen höre, denke ich, großartig darüber ist der Text gar nicht. Aber es ist großartig. Ich meine damit, wenn es für jemand anderen etwas bedeutet ist das fantastisch.

Andy: Das Beste daran ist, finde ich, dass sie sich entschieden haben den Text in einer persönlichen Weise zu verstehen und nicht eine ausführliche Erklärung dafür zu verlangen, sondern für sich selber zu denken.

Rodrigo: Es gibt dieses eine Lied "Wishing you were here" von dem viele Leute immer dachten, dass es ein ganz normales Liebeslied für ein Mädchen ist. Es ist ein Liebeslied für meinen Bruder. Für mich bedeutet das Lied also etwas ganz anderes als es wahrscheinlich jeden anderen bedeutet.

Was ist euer Lieblingslied von der CD?
Andy: Ähh... Ich glaube "Weight on my shoulder". Ich besuchte meine Schwester während es aufgenommen wurde und als ich zurückkam hatte Rodrigo bereits den Gesang im Studio aufgenommen. Als ich das Lied dann hörte erschloss es sich mir ganz neu. Es machte mich so glücklich es zu hören, eine ganz spezielle Erfahrung.

Rodrigo: Ich mag das Lied auch. Eigentlich gibt es einige Lieder, die ich auf dem neuen Album mag. Ich bin generell ziemlich zufrieden damit. Es ist definitiv das Beste was wir bisher gemacht haben.

Glaubst du, das dies möglich war, weil ihr soviel Zeit hattet?
Rodrigo: Könnte sein, könnte auch sein, dass ich einfach nicht so viel Druck fühlte. Ich sagte einfach whatever, laßt uns ein Album machen, dass ich genieße. Das wars. Ich habe nicht darüber nachgedacht, was andere Leute über die Texte oder die Musik denken würden. Dieser Druck hat davor immer irgendwie existiert, damit meine ich Druck, dass jeder alles was du
schreibst analysieren würde und wenn sie dann Reviews schreiben sich nur beschweren und viel Scheiß schreiben würden.

Rodrigo, du sprichst ja spanisch, hast du auch je daran gedacht in Spanisch zu singen?
Rodrigo: Nicht mit SATANIC. Wir haben das mit INTENSITY gemacht, es gibt sogar einen Haufen spanischer Songs und auch schwedisch Songs. Aber mit SATANIC... Ich weiß einfach nicht ob ich jemals auf spanisch melodisch singen könnte. Das fühlt sich für mich einfach merkwürdig an.

Andy: Es ist irgendwie witzig, wenn man sich INTENSITY anhört merkt man, dass die schwedischen Lieder irgendwie höher gesungen sind, fast so als wären sie herzlicher als die, die du in englisch singst.

Rodrigo: Ich weiß nicht, meine Stimme ändert sich einfach mit der Sprache. Jede Sprache hat andere Schwingungen. Deswegen glaube erscheint es mir in meinem Kopf so komisch melodischen Punkrock auf Spanisch zu singen.

Ich habe gehört, dass ihr eine US-Tour plant. Wann wird die sein?
Rodrigo: Keine Ahnung, wir haben noch nicht wirklich darüber gesprochen.

Andy: Es gibt noch keine konkreten Pläne. Wir werden hoffentlich die Möglichkeit haben eine gute Support-Tour für eine Band zu machen, die in Amerika bekannter ist als wir und auf diese Weise dort einzusteigen, weil wir bis jetzt noch nie in Amerika waren. Es fühlt sich besser an, schätz ich, wenn man irgendwo zum ersten Mal ist, eine bekanntere Band zu haben,
der man folgen kann.

SATANIC SURFERS plante ja auch mal eine Tour durch Südamerika, die bis jetzt aber noch nicht geklappt hat. Werdet ihr auch nach Südamerika gehen wenn ihr in der USA tourt?
Rodrigo: Tatsächlich werden wir im Dezember eine Show in Chile haben. Außerdem besteht wahrscheinlich die Möglichkeit für ein paar Shows nächstes Jahr nach Brasilien zu gehen.

Andy: Vielleicht könnte der Typ der die Shows in Brasilien organisiert, diese mit weiteren Shows nicht nur in Brasilien sondern auch in Argentinien verbinden.

Rodrigo: Yeah, wir werden sehen was passiert. Ich meine, diese Shows sind im Moment konkreter. Die Pläne für Chile und Brasilien sind weiter in der Planung als die US-Tour. Solange wir kein Label haben, dass unser Album in der USA rausbringt gibt es keinen Grund für eine Tour. Wenn wir ein gutes Label finden, dass TASTE THE POISON in der USA veröffentlicht, werden wir dort touren.

Es gibt eure Band bereits seit über 15 Jahren. Könnt ihr von dem Geld, das ihr mit der Musik macht leben? Zum Beispiel sagtest du ja, dass Robert während der Tour ein paar Designarbeiten machen muss.
Rodrigo: Während den drei Jahren, seit wir getourt sind, glaube ich dass einige von uns ein bisschen Geld sparen konnten, aber immer noch arbeiten mussten, weil wir nicht getourt sind. Wir verkaufen ja auch nicht mehr so viel Alben wie früher, seitdem sich viele Leute die Sachen runterladen. Was okay ist, es ist mir egal. Aber jetzt haben Fredrik und Magnus ihren Job gekündigt. Andy arbeitet immer noch. Ich meine es kommt darauf an wie engagiert du bist. Wir alle wollen mit Musik unseren Lebensunterhalt verdienen. Es ist ein Privileg verglichen mit der Situation von Freunden von mir, die gerne mit unserer Situation tauschen würden. Ich fühle mich privilegiert, dass wir mit unserer Band ein bisschen Geld verdienen können. Solange ich genug Geld habe um meine Miete und etwas zu Essen zu bezahlen
reicht mir das. Der Rest ist mir egal.

Freut ihr euch auf die Show heute Abend?
Rodrigo: Yeah auf jeden Fall. Ich hoffe nur, dass meine Stimme noch besser wird.

Danke für das Interview.
Rodrigo/Andy: Thanks for doing it.

Autor: Beate

Gast | Di., 22. Nov 2005 | Interview

Dank unserer Freunde von Essay Recordings, ist uns das Exklusiv-Interview mit den Klezmer-Balkan-Dance-Bastards BALKAN BEAT BOX auf dem Tisch gelandet. Der mittlere Osten zu Hause in New York und für einen Wodka zu Gast auf Voice of Culture.
Ori Kaplan & Tamir Muskat stehen Rede und Antwort. New York, 30. September 2005

Stellt euch doch zuerst einmal kurz vor.
Ori Kaplan. Ich bin Ori Kaplan und spiele Saxofon. Tamir Muskat ist unser Schlagzeuger, (Beat-) Programmierer und Produzent. Als ich jünger war habe ich Klarinette [...] in Jaffa gespielt. Ich hatte ein paar sehr gute Lehrer, hauptsächlich aber eine Passion für Klezmer. Ich habe mit traditioneller Musik angefangen, indem ich tapes von Klezmer-Klarinettisten transkribiert habe. [..] Später fing ich dann an Rock und populäre westliche Musik zu spielen, unter anderem in einer Industrial Sampler Band, die DXM hieß. Dann verliebte ich mich in Jazz und lernte zu improvisieren - die Bluestradition. Ich zog nach New York und lernte bei den Meistern meine Spieltechnik im Jazz zu verfeinern. Aufwachsen in Israel heißt allerdings auch, mit einer Menge arabischer, palästinensischer und jüdischer Sephardic-Musik aus dem Irak, Jemen, Nordafrika oder Arabien aufzuwachsen. Die Musik war überall. Die Spielquote im Radio bestand zu 90% aus arabischer Musik. Und in dem einzigen Fernsehsender, den es gab, spielte jeden Tag dieselbe Band für eine halbe Stunde ununterbrochen arabische Musik. Das wurde normalerweise immer zum Abendbrot gehört. Viele Einflüsse unserer Musik kommen aus meiner Heimat; die russische und osteuropäische Tradition z.B. Mein Elternhaus ist mehr weißrussisch-polnisch. Tamirs Mutter ist Rumänin. Unsere Verbindung zum Osten, seiner Musik und den Immigranten ist heute allerdings eine andere. Heutzutage ist es eher ein großes Gemisch aus vielen verschiedenen Einflüssen. Ich habe später dann in verschiedenen Jazzbands Freejazz gespielt. Dann brachte ein paar Platten auf Knitting Factory in New York heraus und fing an bei FIREWATER zu spielen, was mehr Klez sax, Punkrock Klex war. Dieselbe Musik machte ich auch bei Gogol Bordello, mit denen ich drei Jahre spielte. Mit Tamir gründete ich eine weitere Band namens SHOT’NEZ; mit Gitarre, mehr in Richtung Slide, Blues, mehr Punkrock. Und Itamar Ziegler von BALKAN BEAT BOX spielte am Bass.

Tamir Muskat. Ich bin Tamir Muskat. Ich lebe seit über zehn Jahren in New York City und habe die ersten zwanzig Jahre meines Lebens in Israel verbracht, in einer Familie die hauptsächlich aus Musikern bestand. Ich bin mit traditioneller Musik aufgewachsen, von Afrika bis Rumänien. Mein Vater war klassischer Musiker und spielte Kirchenorgel. Ich wuchs also zwischen Jazz, altem 50er, 40er-Jahre Jazz, afrikanischer und rumänischer Musik auf. Im Kern war aber doch alles Punkrock. Dann bin ich nach New York gezogen und habe angefangen in Bands wie BIG LAZY, einem Instrumentaltrio und FIREWATER, einer Zirkus-Rockband, zu spielen und Film Noir Musik zu machen. Danach kam ein Projekt mit GOGOL BORDELLO, das J.U.F. hieß – GOGOL BORDELLO vs. Tamir Muskat; und eine Menge weitere Platten von mir als Produzent, bei denen ich musikalisch, künstlerisch und konzeptuell beteiligt war. All das führte vor ungefähr zwei Jahren zu BALKAN BEAT BOX.

Ihr seid in Israel aufgewachsen und dann nach New York gezogen, warum?
OK: Wegen der besseren Möglichkeiten als Musiker voranzukommen. In Israel waren die Möglichkeiten sehr limitiert, wirtschaftlich und politisch. Es stürzt etwas auf dich herein, wenn du in Tel Aviv mit den Augen gen Rest der Welt, gen Westen und Osten gerichtet aufwächst. Mein Lehrer sagte mir immer, wenn ich mein volles Potential entfalten wolle, solle ich bei den Improvisationsmeistern lernen. Deshalb bin ich nach New York gezogen.
TM: Der Grund, warum ich nach New York gezogen bin, war das Fehlen von künstlerischer Inspiration. Israel ist ein sehr kleines Land. Zu der Zeit, als ich dort weggezogen bin, gab es nur eine Mainstream-Szene. Wenn du etwas machen wolltest, das etwas spezieller und einzigartiger war, gab es dafür keinen Ort. Es war also ein natürlicher Prozess, dass ich nach New York gezogen bin. Ich habe seit ich zehn Jahre alt war darauf gewartet, das Land zu verlassen, um Musik an einem Ort zu machen, der Möglichkeiten und Raum für einzigartige Musik bot, ohne Mainstream oder Chartmusik zu werden.

Wie ist die Idee der Balkan Beat Box entstanden?
OK: Wir beide, Tamir und ich, haben in der ganzen Welt aufgelegt; immer dabei verschiedene Projekte zu machen. Ich spielte ja bei GOGOL BORDELLO und legte Musik auf, die eine Art von Fusion zwischen neuzeitlichen Dancebeats und traditioneller Musik widerspiegelte. So etwas wie neuzeitliche Rootsmusic aus der ganzen Welt. Außerdem spielten wir beide bei J.U.F. – der JEWISH UKRAINIAN FREUNDSCHAFT. Tamir und ich plus Eugene und Oren von GOGOL BORDELLO. Wir machten also bereits etwas in die Richtung. Es entstand der natürliche Bedarf nach neuer Musik für uns als DJs und wir wollten die ultimative Platte unserer favourite roots music machen, und diese mit Dancemusic verbinden. Wir haben im Studio angefangen, mehr aus Spaß. Wir sind alle Akustikmusiker und sind es gewöhnt im Studio zu arbeiten. Es war also sehr natürlich und zugleich sehr speziell. Instrumenteller Folk in Verbindung mit Technologie ist immer noch sehr selten in New York. Aber wir haben den New York core, edge, diese Einflüsse.
TM: J.U.F. fing an diesen Einschlag von elektronischen Beats mit mediterraner Balkanmusik zu bekommen. Nachdem die J.U.F. Platte draußen war, wollten Ori und ich das Ganze auf ein anderes Level heben, zu anderen Orten bringen, mit verschiedenen Sängern aus aller Welt zusammen arbeiten. So entstand das Album von BALKAN BEAT BOX. Die Show begann nach einer langen Reise durch Spanien, bei der ich mich mit einer Frau namens Alma Harel unterhielt. Wir hatten diese Ideen von Kollaborationen mit Künstlern und einer 3-D-Show, die Videokunst und drei Bühnen mit einbezog. Soll heißen, dass Künstler der BALKAN BEAT BOX Show aus verschiedenen Ecken des Raumes kommen und das Publikum immer wieder überraschen, vor allem natürlich mit ihrem außerordentlichen Talent. So fing es an und entwickelte sich zu soviel mehr.

Wie habt ihr die Musik, die flavours für dieses Album ausgewählt?
OK: Das kam von selbst. Es war die Musik, die wir lieben. Wir mochten die Musik aus Nordafrika, die wir zu Hause hörten. Von Griechenland nach Nordafrika, nach Algerien. Es war die Musik, die in unserem Hinterkopf summte. Manches näher, manches mehr als Abendteuer. Wir haben aber z.B. nie versucht chinesische Musik zu machen; wir machen keine internationale Beatbox. Die Musik hat sehr viel damit zu tun, wo wir herkommen, Klänge unserer Geschichte. Es ist mehr eine intuitive Vorgehensweise. Die Ergebnisse und überhaupt alles sind sehr spontan und intuitiv. Wir mussten nicht viel suchen; die Einflüsse kamen von selbst. Andererseits haben wir ein Leben lang gelernt, um zu dem Punkt zu kommen, an dem wir jetzt beim Spielen sind – ein Leben lang musikalische Forschung. Aber als wir die Platte produziert haben, ging das leicht von der Hand. Die Intention war, eine neue authentische Mischung zu kreiieren.
TM: Das war noch der einfachste Teil der Platte. Wir arbeiteten mit unseren liebsten Musikern aus aller Welt und die Essens des Albums stand sehr klar vor uns im Raum. Es war keine Frage, was an Einflüssen wir benutzen würden. Es war klar, welche Beats wir benutzen würden und welche Bläser-lines, wenn Ori am Saxofon spielte. Die Dinge lagen uns im Blut, wir mussten nicht suchen. Über die Jahre hat sich etwas entwickelt, was jetzt zu dieser Platte geführt hat. Ungefähr 90% von dem, was wir gesucht haben, kamen auf die Platte. Der Rest wurde in verrückten Remixen oder so veröffentlicht.

Wie nah ist euch die Tradition, die sich in eurer Musik widerspiegelt?
TM: Diese Traditionen sind uns sehr nah. Sie spiegeln unsere Heimat wieder. In Israel treffen sich Leute aus aller Welt, von Osteuropa bis hin zum mittleren Osten. Die Leute haben unglaubliches Essen und fantastische Musik mitgebracht; Dinge, die über Jahre am Leben gehalten wurden. Wenn du in Israel aufwächst und auf den Markt gehst, hörst du Musik aus aller Welt. Du gehst über die Straße und hörst Madonna. Ich bin in den 80ern aufgewachsen und fand es erstaunlich; den Clash zwischen traditioneller Musik, die ständig präsent war– im Fernsehen, im Radio, überall – und dem Pop aus dem Radio. Ich denke das ist die Essens auf Balkan Beat Box, dieser Zusammenstoß. Es spiegelt uns wieder, die wir in den 80ern aufgewachsen sind und in Verbindung mit Punk, Popmusik und allem möglichen, wie Jazz, kamen. All diese Musik haben wir im Blut. Auf der anderen Seite ist die Hälfte meiner Familie rumänisch, die andere Hälfte polnisch. Ich war es gewöhnt, bei meiner Großmutter rumänische Musik zu hören; es war Teil des täglichen Lebens. Nach einer gewissen Zeit, sich gegen die Wurzeln zu sträuben und Punk und merkwürdige Aventgarde zu spielen, wurden die zwei Dinge miteinander verbunden. Das war ungefähr vor sechs, sieben Jahren, als ich bei Izabo anfing zu spielen, einer Band, die ägyptische Musik mit Hardcore Rock mischte.

Wie nutzt ihr die Studio Technologie?
OK: Es war sehr interessant, wie wir an dem Album gearbeitet haben. Manchmal kam ein Künstler, ein Sänger und spielte nur zu einem Click etwas ein. Wir verbesserten es mit dem Computer, mit den Beats, die Tamir programmierte, und saßen zusammen, hörten es uns an, und kreierten eine ganze Komposition drum herum. Das würde bei einer normalen Bandaufnahme im Studio nicht entstehen. Wir haben uns Zeit gelassen beim produzieren. Manchmal kam diese Synthese genau aus der anderen Richtung. Aber letztlich behält die Musik live dieses organische.
TM: Auf die Frage habe ich gewartet. Das Studio ist für mich nach all den Jahren ein Instrument. Wir arbeiten mit Vibromonk Records, was ich seit acht Jahren besitze. Es ist ein fantastisches Umfeld um kreativ zu sein. Ori und ich haben dort viele Platten aufgenommen, d.h. wir sind an das Umfeld gewöhnt. Es ist, wie zu wissen, sein Instrument gut spielen zu können. Der Ort hat etwas spezielles, wir haben über Jahre Spielzeuge und alle möglichen komischen, interessanten Instrumente dort gesammelt. Die Herangehensweise an jeden Song war sehr verschieden. Manche haben wir damit angefangen, das wir zuerst die Melodie zu einem gewissen coolen Beat, den ich eingefügt hatte, geschrieben haben. Einige Sachen haben direkt mit dem Beat angefangen und ein paar Stimmsachen von Victoria Hanna, die nur zu den Beats gesungen hat. Die Entwicklung kam später. Einige Sachen haben wir aus Israel, von einem marokkanischen Künstler. Nachdem wir ihm einen Beat geschickt hatten, hat er etwas dazu geschrieben. Es lief alles sehr natürlich ab. Ohne Regeln, nicht nur auf ein Art. Was immer für uns hinhaut, haut hin. Es ist egal, ob der Prozess A oder B ist. Manche Sachen sind auf mysteriöse Weise mit viel Arbeit entstanden. Wir arbeiten mit viel analoger Ausrüstung, die mit Computer orientierter Software kombiniert wurde. Wenn es um den technischen Aspekt der Dinge geht, arbeite ich gern mit dem Computer. Die Möglichkeiten sind unglaublich. Aber ich arbeite immer noch mit old school Lee Scratch Perry equipment. Ich habe ein MCI 70´s board und jede Menge Telephon pre-Verstärker. Es geht durch sehr altes Material, das viel Verzerrung erzeugt, wird auf old school art und weise abgemixt und wieder mit dem Computer kombiniert. So haben wir das Beste von beiden Welten. Für uns ist s die beste Art so zu arbeiten.

Balkan Beat Box ist euer beider Idee. Es scheint allerdings, dass es nicht ohne Gastmusiker funktionieren würde.
OK: Die Idee des Projektes war in gewisser Weise mit großartigen Musikern, Sängern und Instrumentalisten, die wir treffen, zu arbeiten. Es ist quasi ein gastfreundliches Projekt, obwohl die Band auf Tour meist aus einem Kern von sechs oder sieben Personen besteht. Wir haben immer zwei Sänger und mehrere Leute, die dem Konzert den Zirkus-Touch geben, der wir im gewissen Sinne sind. Eine große Zirkusshow mit vielen Gästen. BALKAN BEAT BOX ist eine Modulband, bestehend aus Tamir, mir und unserer Kernband, und wieder einem anderen Kern, einem Zirkel um uns herum, von Leuten, die wir von verschiedenen Orten und Kontinenten her kennen. Das ist ein essentieller Bestandteil unserer Arbeit.
TM: Wir machen aber immer eine Party als ob wir dreizig auf der Bühne wären. Wir spielen hauptsächlich mit unseren bevorzugten Musikern zusammen, wie Itamar Zielger, Tomer Yosef, Uri Kinrot, Eyal Talmudi, Peter Hess und Dana Leong. Das sind fantastische Musiker, die alle eine Energie haben, die nicht aus dieser Welt ist. Das sind alles sehr besondere Menschen, deren Energie auf der Bühne etwas einzigartiges ist. So läuft das heute ab. Manchmal spielen wir aber auch mit 15-20 Leuten, und je mehr Leute auf der Bühne, desto glücklicher sind wir. Andererseits können wir mit fünf Leuten nach Frankreich fahren und 10.000 Leute in zehn Minuten verrückt machen. Wir hängen also immer von wem auch immer wir abhängen wollen ab. Wir können überleben, wo immer wir überleben wollen.

Was kann man von einer BALKAN BEAT BOX live show erwarten?
TM: Die Balkan Beat Box’s live kann auf unterschiedliche Art und Weise gesehen und erlebt werden. Auf jeden Fall kannst du dir den Arsch abtanzen. Das ist, was unsere Musik auf jeden Fall bewirkt. Wir sind dafür da die Leute extrem glücklich und energetisch zu machen. Unsere Show ist sehr energiegeladen und zu 99% auf Upbeat. Normalerweiose wird es zu einer total verrückten Dance Party. Aber gleichzeitig geht es nicht nur darum. Es wurde viel Musik niedergeschrieben, es sind viele Melodien enthalten. Es steht eine Menge Gedankenarbeit hinter dem was wir machen. Du kannst also auch nur am Rand sitzen, zuschauen, die Augen schließen, zuhören und eine ganze Mischung aus Kultur, Klängen, Geschmäckern und unglaublicher Energie. Es ist sehr tanzorientiert, aber es hat weitaus mehr zu bieten, für Leute die nicht so darauf erpicht sind. Du kannst die Show also auf viele verschieden Arten und Weisen erleben.

Was kann man in den nächstes Jahren erwarten?
OK: Wir werden touren, touren, touren! In den Staaten und in Europa; es gibt auch Gespräche über neue Orte wie Japan und Brasilien. Ein paar große Shows, ein Doppelkonzert mit Taraf de Haidouks in Frankreich in ein paar Monaten, weitere Festivals. Wir hoffen viel in Europa spielen zu können, mehr in den USA und neue Gebiete zu erkunden.
TM: Wir werden hoffentlich so große Shows wie möglich spielen. Unser Traum ist es, Ende diesen oder nächsten Jahres mit einem Zirkuszelt und mit zwanzig Leuten auf der Bühne weltweit auf Tour zu sein. Außerdem haben Ideen für ungefähr fünf weitere Alben. Hoffentlich bekommen wir durch unsere Plattenlabel die Möglichkeit diese Idee alle veröffentlichen zu können. das würde ein netter Plan für nächstes Jahr sein. Ich würde schon glücklich sein, in einem Zirkuszelt und einem weiterem Album zu landen.

Was ist eure Verbindung zum Balkan? Warum verwendet ihr den Namen BALKAN BEAT BOX? Wofür steht der Name?
OK: Es ist eine gewisse Inspiration. Wir haben angefangen Gipsybands und bulgarische Sänger zu remixen, als wir die ersten Tracks aufnahmen und unseren Namen gesucht haben. Diese Inspiration existiert immer noch. Die meisten Einflüsse kommen aus dem mittleren Osten und der Mediterranen Ecke, das vom Balkan kommt. Daher kommt ein Teil des Namen.
TM: Unsere Verbindung zum Balkan kommt von unseren Familien, weil beide aus Osteuropa kommen und zu Beginn des 2. WK ausgewandert sind. Die Anfänge unserer BALKAN BEAT BOX kommen von unserer Liebe zu TARAF DE HAIDOUKS, FANFARE CIOCARLIA, uvm. Damit fing alles für uns an, dadurch haben wir uns in die Musik verliebt. Danach haben wir es in das integriert, was wir machen und es mit all der mediterranen Musik gemischt von der Türkei, nach Griechenland, Ägypten, Marokko und jeder Menge anderer Orte. Wir arbeiten nicht nur ausschließlich mit Balkanmusik, wir arbeiten mit Musik aus der ganzen Welt.

Gibt es eine Verbindung zwischen der Musik aus dem Mittleren Osten und Osteuropa? Stellt ihr solch eine Verbindung her?
OK: Ja, ich denke das ist auf jeden Fall was wir machen, obwohl es durch den N.Y. Filter geht. Nimm alle Einflüsse und schick sie durch den NY Filter und das Ergebnis ist die BALKAN BEAT BOX. Es gibt viele Immigranten aus Osteuropa, die nach Tel Aviv gekommen sind. Wir sind in einem großen Melting Pot von Marokkanern, Irakis, osteuropäischen Russen, Bulgaren und Rumänier. Das könnte alles sehr verwirrend sein, wenn man all die Einflüsse betrachtet. Aber letztlich sind wir so aufgewachsen und das bringen wir mit ein. Als junger Musiker bist du aufnahmefähiger für verschiedene Musikstile um dich herum, wenn du gute Ohren hast, dich interessierst und neugierig bist. All das noch einmal durch den NY Filter gesehen und du landest bei uns.
TM: Es fühlt sich normal für uns an, Sachen aus den mediterranen Orten zu hören. Ich sehe da eine sehr große Verbindung. Ich merke es am Essen, wenn in in Südspanien bin, und wenn ich in Israel bin. Ich fühle es im Geist der menschen. Icdh fühle es im Klima, und ion so vielen anderen Dingen. Das macht Musik doch letztlich aus: Die Kombination aus Klima und Essen.

Gibt es eine neue jüdische Bewegung? Können wir über eine neue jüdische Welle in der Pop Kultur sprechen? Wie seht ihr Bands wie OI VA VOI oder ein Label wie JDub?
OK: Das könnte sein, aber wir machen es nicht bewusst. Wir sind halt Israelis. Es gibt ein globales Bewusstsein von traditioneller Musik, egal wo, auf der ganzen Welt. Und es gibt ein Gipsy Revival, Klezmer Revival, und alle mögliche Musik heutzutage. Vielleicht liegt das am einheitlichen Globalisierungsprozess, der auf der ganzen Welt stattfindet. George Bush! Die Leute sagen, wir wollen das nicht. Wir wollen zurück zu unserem eigenen Wurzeln und herausfinden wo wir herkommen, das finden, was authentisch und gut ist. Nicht oberflächlich und kommerziell. Vielleicht ist das jüdische Revival Teil davon. Auf jeden Fall gehen das Label JDub und andere Bands um uns herum in diese Richtung. Sie suchen nach Wurzeln, egal ob sie Juden sind oder nicht-Juden, die mehr darüber erfahren wollen. Für uns kommen die Einflüsse mehr aus dem mittleren Osten, Israel, vielleicht ist das die Verbindung mit dem jüdischen Background.
TM Es gibt eine neue Bewegung. Ich will nicht, dass unsere Musik zu irgendeiner Religion gehört und ich denke auch nicht, dass sie das tut. Wir sind Juden, aber wir haben uns das nicht ausgesucht. Das ist auch egal. Für mich zumindest. Es ist egal, ob jemand Jude, Buddhist, oder was auch immer ist, ich denke nicht, dass es einen Unterschied macht. Für manche Leute gibt es allerdings eine Verbindung zur jüdischen Religion. Wir sind ja auf JDub gesigned, die sich auf eine neue Art und Weise der jüdischen Musik annähern. Mich interessiert die Bewegung aber nicht. Manche Leute denken, wir wären Teil der Bewegung. Aber ich seh´ keine Verbindung von uns zur Religion, ich seh´ eigentlich gar nichts darin.

Autor: Anne

matthias | Fr., 30. Sep 2005 | Interview

"Streetpunk mal anders“ gekürzte Fassung
Irgendwann, Anfang diesen Jahres lag in meinem Briefkasten eine CD. Typ: Single, Band: Die Ohrbooten, Titel: An alle Ladies, Stil: ?!?. Ja, keine Ahnung. So richtig vermochte ich das nicht einzuordnen. Mit Punkrock hatte das Ganze aber herzlich wenig zu tun. Oder doch? Na gut, ich will mal versuchen, Euch aufzuklären. Sie selbst bezeichnen ihre Musik als „Gyp Hop“ und das trifft es wohl am Ehesten. Hip-Hop-Klänge gepaart mit fetzigen Gypsie-Melodien.
Das würde mich aber nicht so vom Hocker stoßen. Viel mehr war ich überrascht und beeindruckt von den guten Texten (die man in diesem Genre seit dem ganzen AGGRO-Kram nicht mehr unbedingt erwartet), die zudem auch noch im krassen Berliner Dialekt vorgetragen wurden. Das allein rief in meinem Gesicht schon den ein oder anderen Schmunzler hervor. Und als ich dann das Album bekam, war ich vollends weg. Da wurde dann auf gesamter Länge von Sachen gesungen, die man ohne weiteres auch in der Punkmusik finden könnte. Tja und ganz weit hergeholt ist das bei genauerem Betrachten auch wieder nicht. Erschienen doch sowohl Single als auch Album auf JKP. Genau. Dem Label der TOTEN HOSEN. Und mehr und mehr bekam ich den Wunsch, mich mal ein wenig mit den Leuten zu unterhalten. Wie kommt man denn auf so was? Tja, und siehe da. Es klappte sogar. Auf einem Donnerstag früh um 13 Uhr traf ich dann die sehr sympathischen 4 Leute bei einer Session in unserem Radio. Dabei eröffnete mir der Percussionist „Onkel“, daß er sogar ursprünglich aus der Metal-Ecke kommt, was ich wiederum sehr beeindruckend fand.

Grenzen sprengen. Leute, die aus vorgegebnen Sachen einfach ausbrechen - davor ziehe ich immer meinen Hut. Und wenn sie jetzt auch noch kommerziellen Erfolg bekommen, dann freue ich mich sogar für sie. Denn erstens hätte ich sie und ihre Musik sonst nicht kennen gelernt. Und zweitens, ist das schon wieder cooler als der oben angesprochene AGGRO-Mist oder sonstiger Müll. Hier habt IHR die Chance sie kennen zu lernen. Und ich kann Euch nur raten, auch mal ein OHR zu riskieren.

Hallo! Für ein Ska-Punk-Worldbeats-Magazin ist es vielleicht etwas ungewöhnlich, dass ich Euch hier zu sitzen habe und Euch ein paar Fragen stellen will. Aber was soll´s? Irgendwie hat mich Eure Musik begeistert. Woran kann das liegen?
M: Hmmh. Vielleicht liegt es daran, dass Leute von uns auch schon Punk gemacht haben und dieser Einfluss auch zu hören ist. Einfach.
N: Also ich hab zum Beispiel mit Punk angefangen. Matze auch. Und ich meine, Punk und Reggae sind ja jetzt schon so ein bisschen connected. Von den Szenen. Schon immer. Und Ska und Punk. Und das ist auch Teil unserer Musik. Auf jeden Fall.

Wer seid Ihr denn überhaupt? Wo habt Ihr Euch kennen gelernt, seit wann macht Ihr Musik zusammen und überhaupt. Stellt Euch doch einfach mal vor.
B: Also ich bin der Ben. Ich schreibe Texte, spiele Klampfe und komm immer mit so komischen Ideen an.
N: Ich bin der Noodt, Ich bin für die Tasten zuständig bei den OHRBOOTEN und singe ein paar Backings und spiel auch den Bass auf den Tasten.
M: Ich bin Matze und spiel Gitarre und singe.
O: Ja und ich bin der Onkel. Und bin zuständig für die ganzen Sachen, die Krach machen, die laut sind und so schlagzeugverwandt sind. Und singe auch noch Backings.
N: Ja und wir spielen als die OHRBOOTEN seit zwei Jahren ungefähr zusammen. Und wir, also wir drei (Ben, Noodt und Onkel) haben uns in Hamburg kennen gelernt, bei einem Workshop und haben in Berlin dann einfach weitergemacht. Ein bisschen gespielt. Ein paar Songs gebastelt und so. Und der Matze war währenddessen in Australien. Und als er dann wieder kam.
B: Aus Tralien…
N: Als er aus Tralien wieder kam, sagte der Ben, ich hab da noch so einen Gitarristen, der spielt jetzt einfach mal mit bei uns und das war dann auch völlig cool für alle…
M: …Und der Ben und ich kennen uns schon ein bisschen länger. So seit 1997 und machen seit dem auch Musik zusammen.

Was habt Ihr da in Hamburg genau gemacht?
N: Da war so in Hamburg, da gibt es so einen Workshop, der heißt Popkurs. Oder auch Kontaktstudiengang Popularmusik an der Musikhochschule in Hamburg. Da haben sich so Bands gefunden wie zum Beispiel SEEED, WIR SIND HELDEN, FURY IN THE SLAUGHTERHOUSE, SELIG. Da kommen ne ganze Menge Bands her, die sich da eben getreu dem Motto Kontaktstudiengang kennen gelernt haben und da irgendwie weiter gemacht haben. Das ist irgendwie cool, Songs auszuprobieren, die man geschrieben hat. Da macht man irgendwie so eine Art Bandklinik und lernt auch ne ganze Menge übers Business und auch ne ganze Menge Leute kennen und wir haben uns eben spannenderweise dort kennen gelernt.

Und Ihr habt da einfach zusammen gesessen und Songs geschrieben?
O: Nee, das funktionierte anders. Aus jeder Instrumentengruppe sind da 5, 6 Leute und auch ein Sänger und da gibt es dann 8 Räume oder so, die dann rund um die Uhr offen sind, bis 12 oder so. Dann gibt es auch noch Unterricht dazu. Und die Leute laufen sich ständig übern Weg. Und wenn einer den anderen interessant findet, dann sagt der, ey komm doch mal in den Raum 225 in dem Keller ohne Tageslicht vorbei und lass mal Krach machen.
N: Aber wir haben da schon zusammen ein paar Songs geschrieben. Das ist schon so ein kreativer Pool da.

Stammen aus dieser Zeit schon Stücke vom jetzigen Album?
B: Ich hab mich bei dem Ding mit 2 Nummern beworben. Ich hatte erstmal ein paar Songs geschrieben mit Noodt. Und die haben wir ganz cool zusammen umgesetzt. Und danach, das war so geteilt in zwei Hälften, 2 mal drei Wochen, in der Zeit dazwischen, das waren 4 Monate, da haben wir uns dann getroffen und angefangen, an Sachen zu arbeiten. Den „Jammerlappen“ und „Und Tschüß“ und „Stadtkind“, das haben wir da schon gemacht. Auf dem Album sind auf jeden Fall diese Stücke und „Müde Krieger“ aus dieser Zeit.
N: Keine Ahnung. Da ist schon viel Material entstanden, was es auch auf das Album geschafft hat.

Ihr lebt alle in Berlin. Das bedeutet ja nicht zwangsläufig, daß man auch gebürtiger Berliner ist. Davon trifft man eigentlich die wenigsten. Wie sieht es bei Euch aus?
M: Also der Onkel und ich sind schon Berliner.
O: Ich bin mit 3 Jahren zugezogen worden.
M: Genau. Und der Noodt ist vor 5 Jahren aus Hamburg zu uns gekommen.

Namensfragen sind mir immer ein bisschen peinlich, weshalb ich sie meist weglasse. Aber was steckt hinter den OhrbOOTen? Also mit Doppel-O? Ein tieferer Sinn? Ein Wortwitz? Oder muss man das jetzt auch, wie heutzutage üblich "neudeutsch", also "Ohrbuten" aussprechen!? Wollt Ihr irgendwas booten in den Leuten?
O: Schön gesehen.
N: Zweimal ja. Kann man halten, wie ein Dachdecker, ob man nun OhrbOten oder OhrbUten sagt. Eigentlich sind wir die Boten, weil, es hat schon was mit Botschaft zu tun. Weil wir irgendwie ne Message in den Texten vermitteln wollen. Aber…
M: Außerdem wird Noodt mit Doppel-O geschrieben und der Onkel mit einem O.
O: Genau. Das macht zusammen 3 O und daher haben die OHRBOOTEN auch 3.
B: Ja und das Ding ist halt, das Boot ist ein schönes Bild. Weil, wir sitzen in einem Boot und fahren rum, sozusagen. Metaphorisch gesehen. Naja. Auch in der Realität. Letzten Sonntag sind wir mit nem Boot durch die Kanäle gefahren.
M: Die Spree.
B: Haben Wasserstrassenmusik gemacht. Das war auch sehr lustig.

Also von den üblichen Strassen jetzt aufs Wasser.
M: Genau.
B: Naja. Machen wir ja auch immer noch.
O: Naja. Wir haben die ganzen Freischwimmer und Badeschiff, Oststrand von der Spree aus bespielt.

Is klar. Neue Märkte entdeckten. Nicht immer nur eingefahrene Wege begehen…
Alle: Exakt.
O: Eingeschwommene Wege meinst Du.

Ihr habt nun jüngst eine neue Platte veröffentlicht und zumindest die Single „An alle Ladies“ hat es in einigen Sendern auf Rotation gebracht. Habt Ihr mit dem Erfolg gerechnet oder gar darauf hingearbeitet?
M: Also wir sind jetzt seid Anfang des Jahres unter Vertrag. Und es ist schon so ein wenig abgepasst. Also es ist jetzt nicht so, dass wir einfach ins Radio gekommen sind. Also es war schon geplant. Und auch die Single haben wir schon bevor wir ins Studio gegangen sind ausgewählt. Zusammen. Also es war schon klar, dass es dieses Lied sein wird und dementsprechend haben wir es dann auch so aufgetischt. Sozusagen.

Sowohl Single als auch Album ist auf dem Label JKP veröffentlicht worden. Dem Label der TOTEN HOSEN. Damit haben wir wenigstens den Punkbezug zum Voice of Cultue wieder einigermaßen hergestellt. Wie kam es dazu? Kontakte? Ich meine, musikalisch hätte man da ja am wenigsten mit gerechnet, dass dort mal so was erscheint.
B: Ja, es ist auf jeden Fall ein persönlicher Kontakt. Also es gibt einen Kontakt zu Campino. Den hab ich mal kennen gelernt. Da ging es dann so - Hey, Du machst auch Musik. Und - hier hör mal… - dann hat das so Step by Step seinen Lauf genommen. Es war jetzt nicht von Anfang an geplant. Dann hat er es eben dem Geschäftsführer vorgestellt von JKP, der jetzt unser Manager ist, Patrick Orth. Ja und irgendwie passt es ja doch. Musikalisch o.k., aber jetzt textlich. Die Hosen schreiben ja auch Lieder und sind auf irgendeine Art auch politisch. Vielleicht sogar etwas mehr als wir. Aber auch wir haben Politik zwischen den Zeilen und es ist punkverwandt, deutsche Texte. Also es ist jetzt schon nicht so weit von einander entfernt. Und menschlich stimmt es eben auch. Also wir sind da echt sehr gut beraten.

Ihr seid also zufrieden und glücklich mit dieser Labelwahl… Standen andere Labels zur Auswahl?
M: Also die Hosen, oder Patrick in dem Sinne hat schon versucht, uns auch zu vermitteln. Es wurde erst ne Demoproduktion gemacht und dann war eigentlich der Plan, dass wir irgendwo was bei nem Major machen. Also von denen vermittelt bekommen. Aber die Majors waren alle immer so komisch drauf. Da gab es dann immer irgendwo das Haar in der Suppe bei uns. So - ja, das ist ja cool, aber vielleicht könnte man ja doch so und so machen. Und bei den Hosen war es dann so, dass sie uns von Anfang an respektiert haben. So wie wir sind. Und als dann irgendwann diese Art Gleichgültigkeit bei den Majors da war, was auch mit der Marktlage ein bisschen zu tun hat - es werden gerade wenig deutsche Acts gesignt, vielleicht mittlerweile wieder, weiß ich nicht so genau, haben JKP gesagt, o.k., komm - wir machen es selber.
N: Ja und daher sind wir auch total happy. Wir sind eine von zwei Bands. Die Leute da wissen echt, was sie tun. Die kennen ihren Job ziemlich gut. Kennen auch geile Leute, die uns sicher weiterhelfen können. Und wir können die Tag und Nacht anrufen, wenn wir auch noch so eine dumme Frage haben und uns wird immer geholfen. Das ist fantastisch.

Ist es jetzt vielleicht so, dass Leute, die normalerweise die HOSEN hören, vielleicht auch auf Euch kommen. Vielleicht ein bisschen geöffnet werden, was neue Musik(stile) angeht?
(erst allgemeine Ablehnung, dann…)
B: Also ich glaub schon. Das kann ich mir durchaus vorstellen, dass junge Menschen so mit 14, 15, dass die mit Songs wie „Jungelpartei“ oder „Politix“ was anfangen können.
O: Ja, aber ich glaub jetzt nicht, daß die ne OHRBOOTEN-Platte kaufen, wenn sie bis dahin DTH-Fan waren, bloß weil da JKP drauf steht. Es ist ja auch gar nicht so im Fokus der Öffentlichkeit.
M: Die versuchen, das auch ein bisschen zu trennen, dass OHRBOOTEN nicht gleich HOSEN ist. So von wegen großer Bruder und so. Die versuchen das schon so, dass wir auf eigenen Beinen laufen.
B: Das ist schon was Anderes. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass ein Jugendlicher ne OHRBOOTEN- und DTH-CD in seinem Regal zu stehen hat, ohne das Gefühl zu haben, da geht jetzt irgendwas fremd oder so.

Ja, ich zum Beispiel. Naja gut, ich bin ja auch nicht so wirklich ein Jugendlicher mehr.
B: Naja. Wir hören ja auch nicht nur Reggae und Rap. Wir hören ja auch noch andere Mucke.

Aber textlich geht es, abgesehen von der Musik, auch schon in die Vollen. Ja, auch da merkt man ein bisschen den Punkbezug. Wollt Ihr Euch damit auch ein bisschen vom ganzen AGGRO-BERLIN-Kram abgrenzen?
B: Nee, es ging nie darum, irgendwas mit dem AGGRO-Berlin-Kram zu tun zu haben. Also ich finde, unsere Art und Energie Musik zu machen war schon da, bevor die überhaupt angefangen haben, zu planen. Genau wie wir. Es war jetzt nie so nach dem Motto - Ah, jetzt sind die da, jetzt muss mal was passieren, wie machen wir das denn… Sondern wir sind einfach hier. Die sind da. Und vielleicht liegt in der Mitte die Wahrheit. Keine Ahnung. Also wir haben eigentlich ziemlich wenig mit der ganzen HipHopRap-Szene zu tun. Noch weniger als mit der Reggaeszene, mit der wir auch nicht so viel zu tun haben in Berlin, die wir aber gerade ein bisschen kennen lernen, weil es natürlich irgendwie passt. Und wir fühlen uns schon ganz wohl bei denen. Und die ticken uns auch und dann ist das schon ok.

Aber man kennt sich. Sagen wir mal, diese AGGRO-Leute…
Alle: Nö.
M: Wir haben auch gar nicht so das große Interesse, die kennen zu lernen.

Also ich bin ja immer noch der Meinung, dass das ein Riesengroßer Fake ist und dass es sich nur um ein großes Geschäft handelt. Beziehungsweise dass es ein einziger Spaß ist…
N: Ja, gerade so einer wir FLER zum Beispiel.
Alle: Oh Gott, jetzt geht´s schon wieder los (lachen)
M: Ja, jetzt kommt ne Sonderreferenz zum Thema FLER… Ja, ich halte das für´n Produkt.
O: Jetzt ist der Weg nicht mehr weit, dass wir irgendwann ne Schlägertruppe nach Hause bekommen. Das ist jetzt das dritte Mal.
M: Sagen wir so, ich hab das schon mal benannt. Das ist der „Alexander“ des deutschen Hip Hop.

....
gekürzte Fassung - mehr in unserem VoC #4 Heft

mieschka | Do., 08. Sep 2005 | Interview

Die HEARTBREAK ENGINES sind keine unbekannte Band mehr in unseren Landen. Und nicht nur hier. Wer von ihnen bisher nichts gehört hat, ist selbst Schuld. Der sollte mal die allseits bekannten Tauschbörsen aufsuchen und wenigstens mal ein Ohr riskieren und bei Gefallen schleunigst in einen Plattenladen rennen und sich ein Album von ihnen besorgen. Es gibt ja bisher erst 2. Empfehlen kann ich aber das dieser Tage erscheinende neue Werk namens „Love Murder Blues“. 11 1/2 abwechslungsreiche Punk´a´Billy Kracher, die es wirklich in sich haben. Mal schneller, mal langsamer. Ach, einfach gut. Grund genug, mich mal mit den Jungs zu unterhalten. Was sie über die neue Platte, Raubkopierer, Videos undundund alten, erfahrt Ihr hier.

Hey, Ihr seid ja schon eine ganze Weile im Geschäft. Trotzdem würde ich gern erstmal ein paar Fakten wisse. Wie lange denn schon, Veröffentlichungen, Besetzungswechsel und hassenichjesehen. Die Geschichte eben…
Grischa und Syd von den Engines hier. Moin.
Grischa: Ne ganze Weile ist gut. Wir haben uns erst vor ca. 2,5 Jahren gefunden. Das Ganze war zuerst ein aus ner Sauflaune von Lou und mir entstandenes Projekt. Wir wollten einfach das, was wir bis dato gemacht hatten mischen. Eben was Neues ausprobieren. Lou hatte sehr schnell Musiker aus einer alten Band von ihm (ROCKETBOYS) am Start und es fing an. Kurz nach der Aufnahme unseres ersten Albums gingen wir 5 Wochen mit DEMENTED ARE GO auf Europa-Tour. Super Zeit. Im Sommer darauf verließ uns unser Gitarrist Fuse aus familiären Gründen und wir fanden Dan als neues Bandmitglied. Mit ihm sind wir sofort für 2 Wochen mit NEKROMANTIX auf Europa-Tour gefahren. Das war ebenfalls ne tolle Erfahrung. Im Frühjahr dieses Jahres nahmen wir unser neues Album in Wuppertal auf. Jetzt ist die Zeit gekommen es dem Publikum vorzustellen. Wir planen im Herbst wieder 2 Wochen durch Europa zu fahren. Außerdem im November Skandinavien usw.

Bereits mit Eurem Debütalbum seid Ihr auf PLY gelandet, was ja wohl ein Traum für jede Punk´a´Rock´a´Psychobillyband sein dürfte. Wie kam es dazu? Einfach nur Demos verschicken? Harte Arbeit oder einfach nur „gut sein“…!?
Grischa: Lous alte Band war schon auf People Like You und Andre kannte mich von PITMEN. Wir haben ihn einen Abend getroffen und ihm von unserem Vorhaben erzählt. Er war Feuer und Flamme und bat um einen Demo-Song. Wir gingen schnell ins Studio und produzierten ne Nummer, das war der Song „But If I’m too drunk“. Andre war begeistert und er brachte den Song auf einem Sampler raus. Kurz darauf bot er uns an, ne Platte bei ihm zu machen. Ok, wir rannten wieder ins Studio und nahmen unsere erste Scheibe auf.
Syd: Es ging wirklich alles sehr schnell und wir sind nach wie vor sehr dankbar für diese Chance. Hätten wir allerdings Schrott abgeliefert hätten auch die ganzen Connections nichts genützt. Andre hat da einfach das Potenzial gesehen.

Immer wieder kommen aus dem Ruhrpott ja großartige Kapellen jeglicher Couleur. Warum ist das so? Inwieweit habt Ihr Bezug zu Eurer Herkunft? Wie sieht der Kontakt mit anderen Bands aus? Und wie schaut´s generell momentan im Ruhrpott in Sachen Szeneaktivitäten aus?
Grischa: Im Pott? Lustigerweise haben wir uns noch nie wirklich darum gekümmert in unserer Heimat präsent zu sein. Es hat fast 2 Jahre gedauert bis wir mal in Essen gespielt haben. Bands gibts hier ne Menge. Klar, wir kennen ne Menge. Wir leben alle miteinander und freuen uns, die Bands in unserer Heimat live erleben zu dürfen. Ich denke es gibt auch keinen Neid oder ähnliches untereinander. Konzerte gibts hier sehr viele. Wenn wir am Wochenende Zeit haben gehen wir auf das ein oder andere.

Wenn ich mich richtig erinnere, kommt Ihr direkt aus Bochum. Dann dürfte Euch ja der Plattenladen DIRTY FACES was sagen. Nun, der macht ja jetzt wohl zu (Das Label existiert aber weiter - Anm. d. T.). Findet Ihr das traurig. Woran liegt das? Kein Nachwuchs da, oder würdet Ihr das auch auf die ewige Diskussion um die CD-Brennerei schieben?
Grischa: Wir kommen aus Essen, aber es sei dir verziehen! Den Plattenladen kenn ich leider nicht. Ich habe früher immer bei Discover in Bochum eingekauft. In Essen sind wir aber mit Plattenläden auch sehr gut bestückt. Die meisten Platten kaufen wir aber auf Festivals.
Syd: Den Laden kenn ich auch nicht, das heißt aber nichts, da ich so gut wie nie neue Sachen kaufe.

Nun, da Ihr ja mittlerweile etwas bekannter seid - wie steht´s denn bei Euch generell um das Thema „Raubkopieren“? Müsst / Könnt Ihr von der Musik leben? Oder seht Ihr es immer noch als Methode an, bekannter zu werden?
Grischa: Ich kenne kaum jemanden, der von dieser Art Musik leben kann. Vor Raubkopierern haben wir keine Angst. Schließlich werden unsere Tonträger nicht für Unsummen angeboten. Die Leute in der Szene haben lieber das Original in der Hand als ne Kopie. Wir erleben oft, dass Leute an unseren Merch-Stand kommen und sagen, sie hätten eine Kopie, wollen aber gerne das Original.
Syd: Ich denke, dass man das Problem der Raubkopiererei ganz einfach durch die Qualität des Produktes minimieren kann. Ich habe ja selbst keinen Bock mir ein Album zu kaufen, von dem mir dann nur 2,3 Nummern gefallen und der Rest offensichtlich Füllmaterial ist. Kopien wurden immer schon gezogen, früher waren es halt Tapes. Wenn ein Album wirklich geil ist geht man los und kauft es sich, damals wie heute.

Eure neue Platte empfinde ich als sehr abwechslungsreich. Da gibt es schnelle Nummern, langsamere, ja fast schon balladenhafte Stück und auch mal ganz ausgefallene Sachen, wie das letzte Stück. Wie kam es dazu? Ward Ihr Euch nicht einig, in eine bestimmte Kerbe zu schlagen oder wolltet Ihr gerade das nicht?
Grischa: Ist es nicht langweilig wenn eine Platte aus 11-mal demselben Song besteht? Wir spielen unsere Nummern und stehen dazu. In eine Kerbe oder Schublade wollen wir nicht. Wir denken, dass es uns auf unserer aktuellen Platte gelungen ist, ein relativ breites Publikum anzusprechen. Auf unseren Konzerten feiern nicht nur Punks, sondern auch Psychos, Heavys und was es sonst noch alles gibt.
Syd: Ein Album nach dem Motto „jetzt brauchen wir noch einen schnellen Song, jetzt noch ne Ballade usw.“ zu schreiben funktioniert für uns nicht. Das, was letztendlich auf der Platte zu hören ist, sind einfach die unserer Meinung nach besten Songs, die wir zum jeweiligen Zeitpunkt geschrieben haben. Wie Grischa schon sagte achten wir natürlich darauf, dass das Album als Ganzes dann auch abwechslungsreich und dadurch spannend und interessant wird. Das ist uns bei dem neuen Album auch sicherlich besser gelungen als beim Debut.

Das letzte Lied auf Eurer Platte, welches nicht auf der Tracklist auftaucht, hört sich an, wie AC/DC auf Crack. Wie kam es denn dazu?
Grischa: Ne Spaßnummer. Klaro. Im Studio waren alle Mikros offen und wir haben einfach Bock gehabt mal ne Runde Schrott zu spielen. Es hat uns so gut gefallen, dass wir es mit auf die CD genommen haben.
Syd: Das ist übrigens wirklich Lou der da singt! Allein der Gesichtsausdruck unseres Produzenten Tim Buktu bei der Entstehung dieses Meisterwerkes war göttlich! Wir alle mögen natürlich AC/DC, nicht das da was falsch verstanden wird.

Auf PLY zu sein, heißt ja immer auch, daß die Möglichkeit besteht, international erfolgreich zu sein. Wie sieht es da bei Euch aus? Seid Ihr schon viel im Ausland herumgekommen? Von woher kommt so Eure Fanpost her und was ist da in der Zukunft noch so geplant?
Grischa: Wie alle Bands wollen wir unbedingt in die Staaten. Wir bekommen ne Menge Fanpost von dort. Ansonsten haben wir in Europa vom Mittelmeer bis zur Ostsee fast alle Länder bereist. Auf verschiedenen Konzerten und Record-Hops hören wir oft einige Nummern von uns. Es ist schon schön zu sehen, dass es gefällt!
Syd: Ganz generell wollen wir einfach überall spielen wo man uns sehen will!

Videodrehs sind ja momentan schwer angesagt, auch wenn sie selten auf den bekannten „Musik“-Sendern laufen. Wann kommt Euer erstes Video? Eure Musik bietet sich ja geradezu an, so was zu machen.
Grischa: Danke für das Lob. Unser Label denkt im Moment darüber nach. Wir hätten natürlich schon Bock in diesem Bereich was zu machen. Wir haben im August erstmal nen Live Auftritt im TV. Danach schauen wir mal...
Syd: Schön das du das sagst. Wir denken auch, dass auf „Love Murder Blues“ mindestens 3,4 Songs sind, die man hervorragend visuell umsetzen könnte, da muss man halt abwarten, was machbar ist...

Ja, das war´s auch schon. Danke für die Beantwortung der Fragen. Gibt es von Eurer Seite noch was anzumerken?
Syd: Wir sind wirklich stolz auf dieses Album und hoffen einfach, das die Leute Spass daran haben werden! In diesem Zusammenhang möchte ich gerne noch mal erwähnen wie toll die Zusammenarbeit mit Tim Buktu im Studio war. Ansonsten freuen wir uns tierisch auf die Tour und versprechen euch die volle Ladung Engines Rock n’ Roll! See you on tour!

mieschka | Mo., 08. Aug 2005 | Interview

Ich will jetzt nicht mit dem alten Thema anfangen, daß Frauenbands oder Bands mit Frauengesang in unserer Szene unterrepräsentiert sind. Großartige Bands wie DEADLINE, WALLRIDE, DOVER aber auch viele Bands in Deutschland beweisen in letzter Zeit eindrucksvoll das Gegenteil. Letztendlich muss es ja einfach nur gut sein. Und ob da dann nun ein Mann oder eine Frau am Mikrofon zu Werke geht ist letztendlich egal. Vor kurzem erschien nun auf FAT WRECK CHORDS eine Platte einer mir bis dato unbekannten aber weiß Gott nicht schlechten Band namens THE SOVIETTES. Cooler, schnörkelloser Punkrock mit eben Frauengesang. Überhaupt besteht die Band zu 3/4 aus weiblichen Bandmitgliedern, was mich jetzt, wo ich das schreibe, zum Beispiel an die großartigen DAISY CHAIN aus Berlin erinnert. In Deutschland ist die Band noch relativ unbekannt, obwohl das aktuelle Album schon ihr drittes ist & die beiden Vorgänger immerhin auf dem Label vom GREEN DAY-Frontmann Billie Armstrong und seiner Frau erschienen sind. Nach Deutschland haben sie es auch noch nicht geschafft, so daß ich mal wieder in die Tasten hauen musste, um etwas mehr über die Band zu erfahren…

Hallo! Gratulation zur neuen Platte. Es ist die erste Platte, die ich überhaupt von Euch in die Hände bekommen habe & ich bin ziemlich begeistert. Warum habe ich noch nicht vorher was von Euch gehört?
Schön, daß Dir die neue Platte gefällt. Wahrscheinlich hast Du vorher noch nichts von den 2 Platten oder den früheren Singles gehört, weil wir auf kleineren Labels beheimatet waren (Popriot and Adeline) und die keinen großen Vertrieb in Europa hatten.

Na gut. Für all die, die Euch auch noch nicht so recht kennen, stellt Euch doch mal kurz vor. Wie alles angefangen hat, die Gründe dafür, Bands zuvor, Veröffentlichungen…
Wir sind 4 gute Freunde aus Minneapolis, Minnesota und wir gründeten die Band, weil wir über den Winter 2001 irgendwas brauchten, um uns zu beschäftigen. Wir haben dann eine (vielleicht etwas peinliche) 7“ im Januar 2002 veröffentlicht und haben seit dem eine Menge Spaß. Minneapolis ist eine sehr musikalisch geprägte Stadt, so haben wir alle auch zuvor in Bands gespielt. Einige Links zu denen findet Ihr noch auf unserer Homepage www.thesoviettes.net.

3 Alben in knapp 5 Jahren. Das ist nicht schlecht. Die letzten beiden Alben sind ja, wenn ich mich nicht irre auf Billie Armstrong’s Label Adeline erschienen. Wie seid Ihr in Kontakt getreten? Wie kam es dazu?
Ja, wir haben 4 Songwriter, so ist neues Material üblicherweise kein Problem. Und ja, unsere beiden Alben zuvor sind auf Adeline erschienen. Wir kamen irgendwie in Kontakt mit Adrienne, Billie´s Frau, welche das Label betreibt. Unsere Pläne, Alben aufzunehmen und letztendlich zu veröffentlichen wurden perfekt umgesetzt und es war wirklich cool, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Es war schon ziemlich schmeichelhaft, daß sie auch en zweites Album mit uns machen wollten und es hat noch mehr Spaß gemacht.

Und warum seid Ihr jetzt zu FAT gewechselt? Was versprecht Ihr Euch davon?
Wir haben bei FAT unterschrieben, weil es das größte Label aller Zeiten ist. Und wir erwarten nichts weiter, als eine gute Zeit mit coolen Leuten zu haben. Ok, ok, wir erwarten auch die ein oder andere Platte zu verkaufen.

Ich hab ja schon erwähnt, daß ich ziemlich begeistert von der neuen Platte bin. Ich hab mir auch direkt die beiden Vorgängeralben bestellt, wobei die aber noch nicht bei mir angekommen sind. Wo liegen aus Eurer Sicht die Unterschiede zu den beiden Platten zuvor?
Ich denke, das liegt vor allem auch an unseren Freund und Ingenieur Jacques Wait, der sich da richtig ins Zeug legte. Das Schlagzeug klingt zum Beispiel fantastisch. Ansonsten hat unsere erste Platte ein paar Ähnlichkeiten mit der LPIII. Es ist sehr vielschichtig. Die LPII ist dagegen etwas einfacher gehalten. Das war damals eine bewusste Entscheidung, sie so zu machen, wie sie ist und ich mag sie, wie sie ist. Manchmal denke ich aber auch, daß bei einigen unserer Songs schon so dran gearbeitet werden musste, seitdem unsere Songs einfach geradeaus gehen…

Ich kann mir vorstellen, daß man mit diesem Bandnamen es nicht so einfach hat in Amerika. Hattet Ihr damit schon mal irgendwelche Probleme?
Nicht wirklich. Ich hatte mal zwei unangenehme Unterhaltungen mit einem Mann aus Kuba und einer jungen Frau aus der Tschechei. Beide meinten, es wäre der schlechteste Name, den sie je gehört hätten und ich fühlte mich wirklich als ein Riesenarschloch. Aber sonst haben wir eigentlich keine Probleme damit

Eure Alben sind alle recht einfach gehalten. Keine Albumtitel, keine Texte, kurze Songs. Hat das einen Grund?
Sie haben einen Namen! Sie heißen LP, LPII und LPIII ;) Wir wollten, daß alle Platten nebeneinander gleich aussehen und wie ein Set wirken. Und bei den ersten beiden Platten sind auch die Texte mit drin. Wir mögen einfach diesen Look und natürlich sind die kurzen Songs auch ein Markenzeichen von uns.

Ihr sagt von Euch selbst, daß Ihr die Besten Freunde seid und es liebt, z touren. Viele Bands behaupten aber, daß gerade dies Probleme aufwirft. Habt Ihr wirklich niemals Stress untereinander?
Wir sind gute Freunde und lieben es, auf Tour zu gehen. Das stimmt. Natürlich geht man sich auch mal auf die Nerven, wenn man über ein paar Wochen oder vielleicht gar Monate zusammen im Van sitzt. Aber wir versuchen immer fair miteinander umzugehen und Probleme gemeinsam zu lösen.

Ja, dann bin ich auch schon mit meinen Fragen durch. Bleibt noch zu fragen, wann man Euch denn hier mal in Deutschland oder Europa sehen kann…
Wir können es kaum erwarten. Aber momentan ist das noch nicht möglich. Wir spielen in diesem Herbst noch eine große FAT-Tour mit AGAINST ME! Und wenn wir nach Hause kommen, prüfen wir erstmal unsere finanzielle Situation. Dann schauen wir mal, aber wir würden sehr gern zu Euch kommen.

mieschka | Mo., 08. Aug 2005 | Interview

Frankfurts Techno-Szene ist groß und bekannt. Sie ist sogar so groß und bekannt, dass sie gleichzeitig zu eng werden kann, in Bezug auf den Stil, den sie prägt. Deshalb packte Señor Coconut aka Stefan Schmidt 1997 seine Koffer und verkrümelte sich nach Chile. Von dort aus kombiniert er seitdem lateinamerikanischen Wurzeln mit gutem deutschem Liedgut - wie dem von Kraftwerk zum Beispiel. Wohin ihn das heute gebracht hat, seht selbst...

Du bist 1997 nach Chile gegangen, angeblich, weil du zum einen von der deutschen Musikszene gelangweilt warst und zum anderen, weil deine Frau auch Chilenin ist…
Das stimmt so nicht ganz. Ich bin mit einem Freund dahin, einem Chilenen, mit dem ich zusammen Musik gemacht hatte in Frankfurt. Über dessen Verbindung sind wir dort eingeladen worden, das war 1996, meine Frau habe ich dann später kennen gelernt…

Was hat dich musikalisch gesehen in Chile erwartet? Du kommst ja aus dem Elektro-Bereich. Außerdem wird gesagt, dass dich die Musik dort nicht interessiert. Wie war es also, dort anzukommen, und ein komplett neues musikalisches Umfeld vorzufinden?
Mir ging es schon um den Moment, dort anzukommen, wo man nicht weiß, was es da gibt und was nicht, wenn man ganz auf sich selbst gestellt ist. Wenn es um meine Produktionen geht, um meine Musik, suche ich nicht nach musikalischem Input. Ich suche nach allem möglichen Input, aber nicht nach Musik von Musik. Irgendwann trifft man dann auf die lokale Szene, aber das war weder für Senor Coconut noch für sonst irgendein Projekt von Wichtigkeit. In Chile gibt es, oder gab es, immer noch eine sehr große traditionelle Szene. Chile ist ein sehr kleines Land, mit nur 14 Millionen Einwohnern, weswegen man es nicht mit Argentinien oder Brasilien vergleichen kann, und generell ist es eine sehr kleine Szene, die auch große Schwierigkeiten hat zu überleben, weil der Markt so klein ist. Es gibt auch nur sehr wenige Leute, die sich Musik kaufen, und mittlerweile auch nur noch Raubkopien. Es gibt aber auch den ganz normalen Westimport, die großen Labels, die den Mainstream unterbringen…

Wie ist denn die chilenische Musik-Szene und was wird am meisten gehört, abgesehen von dem Pop, der immer geht?
Es gibt natürlich den Pop, der immer geht und viel lateinamerikanischen Rock, der dort sehr angesagt ist, hier aber noch nicht so bekannt. Jetzt ist grad Reggeaton sehr angesagt und Cumbia.

Und elektronische Sachen gab es schon, als du dort hingegangen bist?
Es gab die erste Techno-Party 1994. Und als dann wirklich dort hinging, also zweieinhalb Jahr später, fühlte ich mich ein bisschen wie in Frankfurt 1990. Als es alles anfing, es die ersten Labels gab und improvisiert wurde. Zu der Zeit, als Techno noch keinen Namen hatte. Das gute in Chile war, dass es sehr viel Enthusiasmus gab, das Publikum sehr offen war und man sehr viel machen konnte. Als Elektronik-Künstler konnte man damals in einem großen Venue im Prinzip alles machen, und die Leute haben das super aufgenommen. Dort ist alles mit zehn Jahren Delay eingetroffen und ich fühlte mich immer wie in einer Zeitblase. Mittlerweile geht das aber nicht mehr so.

Die Persönlichkeit Senor Coconut ist 1997 entstanden, als du nach Chile gegangen bist?
Nein, eigentlich nicht. Die gab es schon vorher. Das wird bloß immer gern so dargestellt, Lateinamerika, Senor Coconut, und so. Der Auslöser war eigentlich ein halbjähriger Aufenthalt auf Costa Rica 1992. Ich hab die ganzen Jahre vorher eher Techno-Geschichten gemacht und komme von daher eher aus einer Track-orientierten Schule. Dort auf Costa Rica hab ich dann angefangen, die Musik gut zu finden, in Deutschland fand ich die nie gut vorher, und hab versucht sie in das, was ich damals gemacht habe, einzubinden. Wenn man das ganze rückwirkend betrachtet, bei den Releases, die ich so gemacht habe, tauchen auch immer solche Shnipsel drin auf. Anfang 1996 hatte ich dann einen Traum, in dem der Name Senor Coconut und das erste Cover drin auftauchten. Ich hab dann mit drei oder vier Titel angefangen, bei denen ich merkte, dass diese Fusion, die ich schon die ganzen Jahre über im Kopf hatte, wirklich funktionierte. Und lange vor der Chile-Entscheidung war die Hälfte von der ersten Senor Coconut-Platte, „El Gran Baile“, bereits fertig. Dann kam Chile dazwischen, und ich habe die Platte dort innerhalb kürzester Zeit komplett fertig gestellt. Sie wurde dann in Deutschland und Japan veröffentlicht, wo es aber relativ wenig Verständnis dafür gab. Zu der Kraftwerk-Geschichte hatte ich kurz vorher die auslösende Idee, die ich dann zwischen 1997 und 99 fertig gestellt habe. Die ganze Chile-Sache hat damit aber überhaupt nichts zu tun. Das wird alles schnell in einen Topf geworfen.

Weil man es auch nicht anders weiß. Es ist sehr oft zu lesen, dass du nach Chile gegangen bist, und dort mit der Fusion von Elektronischen Klängen und lateinamerikanischer Musik angefangen hast.
Ja, das stimmt aber nicht, das klingt bloß immer gut. Es gibt in Chile auch eine ganz andere lateinamerikanische Musik. Mambo, Cha Cha Cha und all das gibt es da gar nicht. Da gibt es viel mehr lateinamerikanischen Rock.

Deine neue Platte „Coconut FM“ kommt im September heraus. In einem Interview vor ein paar Jahren hast du gesagt, dass nach der „Baile Aleman“ eine Platte heraus kommen sollte, die ein „pornografisches Hip-Hop-Album mit chilenischem Rapper“ wäre. Ist das jetzt die „Coconut Fm“?
Nein, nach der „Baile Aleman“, also noch vor der „Fiesta Songs“, kam diese Platte auch heraus. Aber unter einem anderen Namen. Und zwar Atom TM feat. Tea Time, einem chilenischen Rapper.

…von dem auch ein Songs auf der „Coconut Fm“ vertreten ist…
Ja richtig, das bin ich mit Tea Time, einem chilenischer Freund von mir. Die neue Platte ist aber auch keine Coconut-Platte, sondern eher ein Mix-CD, eine Compilation.

Wie bist du dafür auf die Künstler gestoßen? Es sind ja nicht nur chilenische Musiker auf der „Coconut FM“ vertreten, sondern auch Brasilianer, Argentinier, etc. Sind die alle wirklich groß in Lateinamerika bzw. sind die Lieder bekannt, oder handelt sich um Cover-Versionen älterer Songs? Mir kamen einige sehr bekannt vor…
Nein, die Songs sind größtenteils unbekannt. Außer einem Reggaeton-Stück, dass schon seit drei Jahren sehr bekannt ist. Das ist Musik, auf die ich bei meinen Reisen gestoßen bin und die ich auch persönlich höre, wenn ich mal Musik höre oder auf eine Party gehe. Das sind persönliche Favoriten von mir, von zeitgenössischer Musik. Obwohl es bei Senor Coconut auch immer um einen historischen Rückgriff geht. Aber diese Platte ist eher ein Versuch, das „Jetzt“ aufzuzeichnen.

Was hörst du persönlich für Musik bzw. welche Musik beeinflusst dich, wenn du mit so vielen verschiedenen Stilen arbeitest?
Ich höre eigentlich fast gar keine Musik, weil ich nicht dazu komme, leider. Es gibt auch viele Platten, die ich mir nach langer Zeit mit sehr viel Freude gekauft habe, weil ich sie endlich gefunden hatte, und die ich bis jetzt immer noch nicht hören konnte, weil ich den ganzen Tag Musik mache oder mir innerhalb von irgendeinem Projekt noch Sachen anhören muss, kann man schon fast sagen. Ich höre lieber Sachen, die mit meiner Arbeit gar nichts zu tun haben. Aber nicht, weil ich die besser oder schlechter finde…

Da bleibt bei all den verschiedenen Projekten, die du neben Senor Coconut betreibst, nicht mehr viel übrig, oder?
Ja, das stimmt. Ich hör, wenn ich mal Zeit zum Musik hören habe, am allerliebsten sehr alte Musik. Musik aus den zwanziger Jahren, alte kubanische Musik, oder Pre-Jazz, Foxtrott oder Charleston und so weiter, weil das für mich eine komplett andere Welt ist. Das ist für mich inspirierender, als irgendwas, was ich schon kenne.

Durch das Aufkommen der Remix-Geschichten von lateinamerikanischer Musik und Electronica kommen immer mehr Compilations heraus. Siehst du das als Annäherung der Lateinamerikaner an ihre Wurzeln? Viele Lateinamerikaner lehnen die eigenen musikalischen Wurzeln ja ab und richten sich eher nach den westlichen Sachen.
Das ist komplex. Denn den Latino interessiert logischerweise immer eher das, was nicht seine eigene Kultur ist. Wie bei den Deutschen. Die interessiert auch mehr, was von außen kommt. Aber das ist ein normaler menschlicher Zug, würde ich sagen. Man findet immer das am besten und interessantesten, was nicht die eigene Kultur ist. Viele chilenische Freunde von mir sind zum Beispiel nach Berlin gezogen und machen jetzt minimal techno. Und umgekehrt gibt es viele Leute, die jahrelang Elektronik gemacht haben, und jetzt zum Beispiel Baile Funk machen. Und dann gibt es eben auch Projekte, wie z.B. Senor Coconut, die so etwas wie eine künstliche Brücke anfangs waren, als es noch keine Bezeichnung für diese Musikrichtung gab. Die Platten die ich 1996/´97 mit Senor Coconut gemacht habe, waren für viele Latinos auch ein kleiner Hint. So nach dem Motto: Ah, das geht ja auch, das kann man auch machen. Ein Latino traut sich so etwas vielleicht bloß weniger, weil er von Märkten abhängt, die außerhalb funktionieren. Und solange es nicht gelabeled ist [einen Namen hat], bringt es überhaupt nichts. Aber ich wollte mit „Coconut FM“ auch zeigen, dass es eine lokale Szene gibt, die, nicht unbedingt mit historischen Rückgriffen, die es allerdings auch gibt, auf eine ganz eigene, neue Art und Weise, etwas ganz eigenes macht.

Hinter jedem Song steht in Klammern eine musikalische Bezeichnung wie „Reggaeton“ oder „Cumbia Lunatica“. Sind diese deiner Kreativität entsprungen, oder gibt es die Stile wirklich in Lateinamerika?
Reggaeton gibt es wirklich, und das schon seit einer Weile. Das ist eine Mischung aus Dancehall, lateinamerikanischen Rap und Reggae. Bei der Cumbia Lunatica habe ich den Künstler gefragt und er hat sich den Stil selbst ausgedacht. Dazu muss man aber vielleicht auch versuchen zu verstehen, was ein Stil ist.
Ich nehme als Beispiel mal Sanra, einen Musiker aus den 40er, 50er Jahren, der FreeJazz erfunden hat. Der hat viele Jahre über Freejazz gemacht, bevor es Freejazz überhaupt gab. Aber weil er keinen Jazz gemacht hat, haben die Jazzer ihn natürlich gehasst, und er war irgendwie jahrelang nur ein Freak. Und plötzlich haben 20 Jahre später viele Leute angefangen, Freejazz zu machen, Miles Davis auch, und dann hieß es plötzlich: Ah, das war ja der, der Freejazz gemacht hat. Wäre er alleine geblieben, wäre er als Individuum verloren gegangen. Viele Stile, die es auf der „Coconut FM“ gibt, sind also auch Stile von Individuen, die einfach mal so arrogant postuliert da stehen.

Wie läuft es live auf der Bühne mit der Band, wenn du sonst alles selbst machst, selbst schreibst und am Computer produzierst?
Die Band hat sich die Musik angehört, die ich zu Hause auf der Festplatte zusammen gestückelt hab, und die Arrangements rückinterpretieren. Wir spielen jetzt mit einer kleineren Band von acht Leuten, die die Platte dann live nachspielt. Ich habe das ganze Grundgerüst auf meinem Computer und leite die Band quasi durch die einzelnen Songs.

Wird geprobt vorher?
Wir haben ein einziges Mal geprobt, und das war vor fünf Jahren.

Du machst mehrere Projekte gleichzeitig und demnächst kommt die Platte deines Jazz-Projekts „Flanger“ heraus, die „Spirituals“ heißen wird. Erzähl doch kurz einmal etwas darüber.
Ganz kurz ? Mh, das wird schwierig. Flanger gibt es schon seit ein paar Jahren, seit 1997 eigentlich. Das mache ich mit Bernd Friedmann zusammen. Die Idee für „Sprirituals“ ist vor knapp vier Jahren in die Welt gekommen, da ich sehr viel Musik aus den zwanziger Jahren höre. Django Reinhard zum Beispiel. Das ist Musik, die ich persönlich immer Pre-Jazz nenne, also bevor Jazz Jazz hieß, und die eine Ästhetik besitzt, die überhaupt nicht vergleichbar ist, mit dem was wir heute kennen, wenn es um Musik-Produktion, Komposition und die ganze Ästhetik und Sensibilität geht. Ich habe die Idee, eine Platte zu machen, die sich an dieser Ästhetik orientiert, dann and Bernd heran getragen und er fand das sehr spannend. Wir haben daraufhin Demos dazu entworfen und diese an Musiker in England, Australien, Dänemark und Frankreich geschickt, die wiederum ihre Stückchen an uns geschickt haben, woraus wir dann die Endkomposition gebastelt haben. Das war der Entstehungsprozess. Mir ging´s auch darum, wie ich mich von so einer Ästhetik und Sensibilität inspirieren lassen kann. Ich versuche immer zu verstehen, warum diese Musik so funktioniert hat wie sie funktioniert, und was dahinter steht. Wie die Leute gefühlt haben, die diese Musik gemacht haben. Da geht es viel um eine gewisse Naivität und eine gewisse Unschuld. Immerhin war das noch vor Hiroshima und dem zweiten Weltkrieg und vielen anderen Sachen, die später eine andere Wirklichkeit produzieret haben. Es ging um das, was wir daraus lernen können und wie wir diese Ästhetik transportieren können, ohne nur etwas retro zu simulieren.

Das Konzert von Senor Coconut hier auf der Pop deurope in Berlin ist das einzige dieses Jahr in Deutschland und eins von wenigen in Europa. Liegt das daran, dass du so viele Projekte nebenbei am Laufen hast, du hast ja auch als Atom TM auf dem Sonar-Festival in Barcelona aufgelegt?
Wir waren sehr intensiv mit der „Fiesta Songs“ letztes und vorletztes Jahr auf Tour. Zuerst eine Clubtour den Winter über und dann eine sehr intensive Festival-Tour im Sommer. Und da die „Coconut FM“kein neues Produkt ist in dem Sinne, sondern eine Compilation, die man auch nicht live umsetzen kann, haben wir jetzt erstmal gesagt, dass wir dieses Jahr eine Pause machen und nur Shows wie die Pop deurope oder Festival versuchen wahrzunehmen.

Wenn du die ganze Zeit auf Tour bist, bist du dann überhaupt noch viel in Chile oder mehr unterwegs?
Nicht mehr. 2004 war ich sehr, sehr wenig in Chile. Da war ich drei Monate im Sommer hier und die Monate davor und danach auch immer am Hin-und-Zurück-Fahren. Aber dieses Jahr bin ich relativ viel zu Hause, das fand ich auch sehr wichtig.

Wissen die Chilenen eigentlich, dass sie einen so aktiven Produzenten in ihrer Mitte sitzen haben, der weltweit gebucht wird?
Doch, ich glaub schon. Aber ich mach dort weder Promotion noch gebe ich Interviews, und ich mach auch kaum Auftritte. Wenn, dann eher auf Privat-Parties, auf dem Geburtstag von einem Freund oder so. Ich hab ich Chile eher mein Pivatleben, Feunde und so. Ich komm dort an und mach mein Zeug. Es gibt allerdings trotzdem viele Leute, die diese Aktivität verfolgen und die auch von Senor Coconut wissen. Ich habe ganz am Anfang, als ich dort ankam, schon ein paar Presse-Sachen gehabt, auch größere, wodurch die Szene weiß, dass es mich gibt. Es gibt sogar einen Steward bei LangChile, mit der ich immer fliege, der mich immer grüßt. Oder dass irgendein Chilene in Barcelona am Flughafen auftaucht und sagt, ich kenn dich doch von irgendwo. Das gibt´s schon, aber das find ich eigentlich überhaupt nicht gut, weil ich in Chile ganz gern meine Ruhe habe. Es wurde auch nur eine Platte dort veröffentlicht, die „Fiesta Songs“.

Welche ist die teuerste deiner Persönlichkeit, wenn man dich bucht?
Teuer ist immer relativ, weil der Preis ja fiktiv ist. Den Preis setzt man immer nach anderen Maßstäben fest, logischerweise. Es gibt so was wie Fixkosten, die bei Senor Coconut sehr, sehr hoch sind, wenn man zehn Leute und teilweise mehr einfliegen muss, würd´ ich das nicht teuer nennen. Ich verdien sehr wenig daran, weil die Fixkosten so hoch sind. Es gibt andere Momente, da kommt´s dann eher drauf an. Ich mein, wenn mich Mercedes fragen würde, ob ich irgendwo auftreten will, wär` ich blöd, wenig Geld dafür zu verlangen. So ist es halt mit den Preisen, die denkt man sich immer selbst aus. Das ist bei allen Sachen so, insofern hängt das immer von verschiedensten Dingen ab.

Wie siehst du die deutsche Musiklandschaft, bzw. wo liegen die Probleme? In einem anderen Interview wurde gesagt, dass du mit Deutschland nicht mehr viel am Hut hättest.
Die Probleme der deutschen Kultur oder des deutschen Kulturbewussteins fangen schon einmal damit an, dass die Deutschen ein Problem damit haben, zu sagen: Ich bin Deutscher. Man braucht ja nur zu sagen: Ich find es gut in Deutsch zu singen. Da wird gleich wieder gesagt: Moment mal, es gibt auch türkische Mitbewohner. Da wird´s schon kompliziert, als Deutscher so ein Statement abzuliefern, ohne sich gleich in Rechtfertigungen und wie man es eigentlich gemeint hat zu verhaspeln. Der deutsche Künstler an sich leidet ein bisschen an dem Problem, definieren zu können oder auch definieren zu wollen, was deutsch an ihm ist und was seine eigene Identität ist. Ich bin ein gutes Beispiel für jemanden, der im Ausland seine eigene Identität sucht. Das ist aber generell ein Problem, was viele andere Länder überhaupt nicht haben. Wie Spanier, Italiener oder Franzosen, die sagen: Ich bin stolz ein Franzose zu sein, und ich sing auf Französisch, logo! Wenn wir als Deutsche mit der gleichen Arroganz auftreten würden, würden alle sagen: He, das hatten wir schon mal! Das ist aber ein Problem, an dessen Bearbeitung ich mich beteiligt sehe. Dieses Rückreflektieren auf die Kraftwerkgeschichte und das Arbeiten mit dem deutschen Stereotyp, ohne gleich von zwei Diskursen eingenommen zu werden, die ich beide nicht mag; weder den linken noch den rechten. Den Zwischenweg und eine gesunde Lösung zu finden ist generell das Problem deutscher Musik.

Wie siehst du dann die Entwicklung der Musik in Deutschland, gerade auch das Aufkommen elektronischer und lateinamerikanischer Musik und jetzt wiederum die Fusion des Ganzen?
Deutschland hat aus eben diesem Grund, dem Fehlen der Identität, die Besonderheit, eine sehr eklektische Musiklandschaft zu sein. Man kann noch nicht einmal sagen, dass Rockmusik irgendetwas mit Deutschland zu tun hat. Das eigentümliche an der deutschen Musikszene ist, dass sie so undefiniert ist. Es taucht immer etwas auf, das dann funktioniert, je nachdem was es ist und von wem es wie heran getragen wird. Und manchmal ist es halt lateinamerikanische Musik, die in Zyklen weltweit immer wieder auftaucht. Das ist ein natürlicher Zyklus der Sättigung. Dann taucht es eine zeitlang ab und danach kommt es wieder hoch. Das hat mit Lateinamerika aber nichts zu tun. Das interessiert mich aber auch nicht sonderlich an Deutschland.

Was interessiert dich an Deutschland, wenn es überhaupt etwas gibt, was dich hier interessiert?
Mich interessiert nicht das, was gerade populär ist, weil die Populär-Kultur eben gerade das verdrängt, was mich interessiert. Ich betrachte Deutschland auch eher von außen und kaufe mir hier Platten, wie auch in Bolivien. Ich geh mit einer gewissen Distanz in den Plattenladen und da findet man manchmal durchaus obskure Sachen. Ich hab schon in einem anderen Interview erwähnt, dass ich mir hier eine Platte gekauft habe, die „Deutsche Tropen“ heißt. Da ist ein Lied aus der Zeit um den ersten Weltkrieg drauf, mit Foxtrott und Charleston auf Deutsch zum Thema Tropen. Die Platte stammt aus der Zeit, kurz bevor Deutschland die einzigen Kolonien, die es einmal hatte, in Afrika verlor. Aber wen interessiert das schon in Deutschland? Denn generell behält man die Vergangenheit da, wo sie ist. Nämlich ganz weit weg. Jedenfalls sind das die Sachen, die mich an deutscher Sprache oder Kultur interessieren. Themen, die vielleicht nicht unbedingt ankommen.

Woher beziehst du die musikalischen Einflüsse, die du auch in deiner Musik verwendest?
Ich hab versucht, mich als Indiiduum zurück zu ziehen, was eigentlich auch eine sehr deutsche Sache ist. Weggehen aus seiner Szene, in die ich auch immer so reingedrückt wurde. Denn Frankfurt und elektronische Musik machen löst immer so ein - Ja,ja, alles klar, da wissen wir schon - aus. Deswegen wollte ich halt raus, irgendwohin gehen, wo man auf sich gestellt ist und erst einmal herausfinden muss, wer man eigentlich ist. In Chile habe ich dann sehr viele deutsche Merkmale an mir festgestellt, die mir immer ganz natürlich und normal vorkamen. Die Fähigkeit zu strukturieren zum Beispiel, oder einen Arbeitsplan zu erstellen. Das ist so eine deutsche Geschichte, die man so anerzogen bekommt. Dieses als Individuum zu funktionieren. Und ich dachte immer, bevor ich nach Chile ging, alle machen das so, bis ich plötzlich feststellen musste, dass meine chilenischen Freunde das gar nicht können! Die wissen nicht, wie das geht und die wissen noch nicht einmal, wovon ich rede. Irgendwie funktioniert das auch auf eine andere Art und Weise, die mir natürlich völlig schleierhaft ist, aber das finde ich auch sehr spannend.

Weil Lateinamerikaner grundsätzlich emotionaler an die Sache heran gehen?
Ja, außerdem können sie Probleme lösen, bei denen Deutsche erst einmal da stehen und nicht weiter wissen. Ich habe zum Beispiel jahrelang an einer Kreuzung in Frankfurt gelebt. Wenn da einmal die Ampel wegen Wartungsarbeiten ausgeschaltet wurde, ging da gar nichts mehr. Dann stehen die Leute auf der Kreuzung und sagen: Hallo, ich weiß jetzt nicht was ich machen soll! Ein Chilene hätte da sofort eine Lösung. Ich versuch das jetzt aber nicht auf eine Seite zu ziehen, sondern mir beide Punkte anzuschauen, und das für mich sinnvolle daraus zu extrahieren, um daraus zu lernen. Ich will die deutschen Charakterzüge auch nicht aufgeben, ich finde ja gut, dass ich strukturieren kann…

Wie funktioniert denn dann die Zusammenarbeit mit Lateinamerikanern? Ich stelle mir das sehr schwierig vor.
Ja, das ist es auch. Deswegen gibt es auch fast keinen Latino in der Band, außer dem Sänger. Man bekommt die Musiker schwer unter Kontrolle. Kontrolle ist kein gutes Wort, aber man kann sie sehr schwer zuweisen. Da trete ich dann bei Produktionen halbwegs als Tyrann auf. Ich arbeite in Chile auch mit sehr vielen Leuten zusammen, aber auf andere Art und Weise. Nicht kollaborierend, sondern eher Anweisungen gebend. Das sind zwar super Musiker, aber man bekommt sie in einer Aufnahmesession nie sinnvoll zusammen, ohne das es total anstrengend wird. Es sei denn man macht sich selbst total locker dabei, aber das kann ich auch nicht so wirklich. Ich bin da zu sehr Kontroll-Freak. Deswegen gibt es in Chile nur diktatorisch ausgeübte Kollaborationen, würde ich mal sagen. Aber dann funktioniert es irgendwie, sogar sehr gut.

Zum Abschluss noch: Pläne für die Zukunft, weiter Projekte, Kollaborationen?
Es gibt Pläne für die neue Coconut-Aufnahmen, aber erst Ende des Jahres, das ist aber noch in der Schwebe. Dann ist die Flanger-Tour September/Oktober, es gibt eine neue Veröffentlichung auf „Rather Intersting“, meinem Label. Das wird Speed Merengue; seltsame, hyperaktive, Cut´n´Paste- Techno-Latino-Musik, die vielleicht noch im August heraus kommt, wenn ich es schaffe. Und es gibt neue Pläne mit Towa Tei zusammen zu arbeiten, an seinem neuen Album, dass dann Ende nächsten Jahres heraus kommen würde. Und ein paar Remixe hier und da.

Na das reicht ja auch erst mal. Vielen Dank für das Interview!

Autor: Anne at Arena, Pop deurope, 30.07.2005

matthias | Sa., 30. Jul 2005 | Interview

„Mimi Maura“, eine Frau, eine Band. Ein Name, mehrere Bedeutungen.
Zum einen Alter-Ego von Mimi Acevedo, der reizenden Puerto Ricanischen Sängerin, die ihre musikalische Heimat in Argentinien und im Sound der frühen 60er gefunden hat. Zum anderen die Band „Mimi Maura“.

Eine Band, die aus Ex-Mitgliedern der „Fabulosos Cadillacs“ besteht und zu aus Liebe der besagten Sängerin zum damaligen Saxofonisten der „Fabulosos Cadillacs“, Sergio Rotman, und deren gemeinsamer Liebe zum Ska, Rocksteady und Calypso entstand und sich heute zu einem argentinischen Phenomen entwickelt hat. Eine Band, die anfing, in kleinen Sälen zu spielen und ihre selbst-produzierten CD ausschließlich auf Konzerten verkaufte und heute bei einem Major gesigned ist. Eine Frontfrau, die ihre Rock´n´Roll-Vergangenheit bei der Frauen-Rockband „Alarma“ hinter sich ließ, um „Mimi Maura“ ein Gesicht und eine Stimme zu verleihen. Eine Stimme, die sinnlicher und rauer zugleich nicht sein könnte. Ein Gesicht, das bei Tausenden von Argentiniern wehmütige Erinnerungen an einzigartige Konzerte hervorruft. Eine Band, die sich selbst treu geblieben ist, und trotz des Majors weiterhin Alben auf ihren Konzerten verkauft, die sonst nicht erhältlich sind. Aus Liebe zur Musik, zur Bühne und zu den Fans. Und aus Liebe zueinander, die das Fundament für diese einzigartige Band bildet.

Die Band nennt sich Mimi Maura, du heißt Mimi Acevedo. Woher genau kommt der Begriff „Maura“ oder wer ist „Mimi Maura“?
Mimi: Das sind die Band und die Sängerin. Mimi Maura ist ein Künstlername und ich bin Mimi Maura, aber wir haben von Anfang an als Band funktioniert, und nicht ich allein als Sängerin. Alles was wir machen, machen wir in der Gruppe, also die ganze Energie und wie wir die Lieder schreiben, entsteht zusammen.

Sergio: Für uns war es auch wichtig, als Band zu funktionieren, d.h., als wir die Band gegründet haben, haben wir natürlich unsere Freunde gefragt, ob sie einsteigen würden. Wir zwei haben uns in Puerto Rico kennen gelernt, wo wir eine ganze Weile gelebt haben, bis wir die Band gründeten und nach Argentinien gegangen sind.

Zu der Zeit hast du noch bei den „Fabulosos Cadillacs“ und „Cienfuegos“ gespielt?
Sergio: Ja, genau. Aber die Sache ist die, dass Buenos Aires eine sehr krasse Stadt ist, musikalisch gesehen. Vielleicht sogar die Stadt der Welt, in der am meisten passiert in Bezug auf „Rock en espanol“. Von daher war es auch interessant für uns mit der Doppeldeutigkeit des Namens zu spielen, und zwar, dass Mimi Maura eine Sängerin ist, aber auch eine Band. Für uns machte es keinen Sinn, wenn wir sie als Sängerin hatten, die für mich die beste der Welt war, der band einen Namen zu geben wie „Die soundso“ oder so ähnlich. Die Idee war, ihre Stimme in den Vordergrund zu stellen. Also haben wir die Band gegründet, die zugleich Sängerin als auch Band ist, und haben dem Publikum somit die Möglichkeit gelassen, selbst zu entscheiden, wer oder was Mimi Maura ist.

Durch eure Verbindung zu den „Fabulosos Cadillacs“ habt ihr oft mit ihnen zusammen gespielt bzw. ward deren Vorband. Hat das zu eurem Erfolg beigetragen?
Sergio: Nein, eigentlich viel weniger, als wir gehofft hatten.

Mimi: Bei den ersten Konzerten die wir gespielt haben, zu denen vielleicht 20 Leute kamen, war kein einziger dabei, der wegen den Cadillacs kam. Und immerhin waren anfangs vier von den Cadillacs in der Band.

Sergio: Wir dachten, dass wir die Leute vielleicht zu uns rüberziehen könnten. Aber die Rechnung ging erstaunlicherweise nicht auf.

Mimi: Vielleicht liegt das auch daran, dass die Leute sich mehr mit dem Sänger einer Band identifizieren, als mit den anderen Bandmitgliedern.

Sergio: Das komische war aber, dass wir beide von einer Band kamen [den Cadillacs], die eine halbe Millionen Alben verkauft hatte und uns außerdem von der Musik her sehr ähnlich war.

Mimi: Beide Bands hatten dieselbe Basis. Und das Schlagzeug und die Percussion von Mimi Maura waren auch Cadillacs.

Ihr habt damals eure ersten Alben bei eurem eigenen Label „Canary High Fidelity“ heraus gegeben. War es viel Arbeit, die Band zu haben und nebenbei auch den Vertrieb zu organisieren?
Mimi: Eigentlich nicht. Am Anfang waren wir ja auch viel kleiner. Danach sind wir größer geworden und es ist uns aus den Händen geglitten, und jetzt geht’s uns super gut…

Sergio: …aber wir haben eine Unmenge an Geld verloren damals.

Mimi: Zu einem gewissen Punkt war es aber auch schwierig, weil wir z.B. unsere CD´s nicht an einem Ort vertreiben konnten, der weiter entfernt lag, sondern nur auf den Konzerten. Deswegen haben wir vor zwei Jahren angefangen, auf unabhängige Art und Weise mit Sony zu arbeiten, um nicht mehr das Problem mit dem Vertrieb zu haben.

Sergio: Das heißt, wir haben Sony die Lizenzen für unsere Alben verkauft, damit sie die in Argentinien vertreiben. Aber die Rechte bleiben bei uns. Wir bekommen auch keine internationale Unterstützung von Sony, aber auf gewisse Art und Weise ist das auch gut so. Zur zeit kosten wir Sony noch Geld, und trotzdem spielen wir jetzt in Deutschland fünf Shows. Das zeigt uns, dass da noch etwas mehr ist, als nur das Geld und den Künstler zu verkaufen. Außerdem gibt es nur zwei oder drei Künstler, die weltweit promoted werden. Zum einen Shakira und Ricky Martin und dann die Backstreet Boys. Bands, die dafür da sind, verkauft zu werden. Und da wir uns nicht verkaufen lassen und nur ein paar Spinner sind, die gern spielen, bekommen wir halt keine weltweite Unterstützung. Und trotzdem spielen wir jetzt in Berlin.

Wie war denn eure Reaktion, als die Einladung für die Shows beim Heimatklänge-Festival in Berlin kam?
Mimi: Zuerst haben wir uns natürlich nicht viele Illusionen gemacht, weil wie oft Angebote bekommen, die sich letztlich wieder zerschlagen. Also dachten wir, wenn klappt, super. Letztes Jahr waren wir schon in Spanien und haben dort in Madrid und Murcia gespielt. Auf dem „Mar de Musicas“. Das war auch ohne Unterstützung von außen und nicht weil wir einem Major sind oder ähnlichem, sondern nur, weil den Leuten, die das Festival organisiert haben, unsere Musik gefiel.

Sergio: Es ist schon ein bisschen komisch, dass wir keine Veröffentlichung hier im Ausland haben. Aber wie haben auch nichts dergleichen geplant. Heute haben wir uns mit dir getroffen und nicht mit einem Platenlabel oder Vertrieb, weil es uns ganz einfach nicht interessiert. Wir haben ja auch einen Sohn, der mit uns auf Tour ist. Und unser Ziel ist nicht „World Domination“.

Eure favorisierten Musikstile sind Ska, Reggae, Rocksteady, Boleras und Calypso. 2002 habt ihr allerdings den Premio Gardel in der Kategorie „Beste weibliche Rock-Sängerin“ gewonnen. Wenn also Ska und Rocksteady in Argentinien zum Rock gehören, was genau ist dann „rock argentino“?
Mimi: Ich würde sagen, Rockmusik zu machen ist mehr eine Frage der Einstellung. Unsere Shows sind ja auch immer sehr heiß und laut. Wir lassen in unsere Musik, den Reggae und Ska, auch immer eine gewisse Art von Rock mit einfließen. Der „rock argentino“ oder „rock en espanol“ ist außerdem generell offen für verschiedene Einflüsse. „La Bersuit“ z.B., eine der bekanntesten argentinischen Bands, spielen die unterschiedlichsten Musikstile, darunter typisch lateinamerikanische, und werden ebenfalls als Rockband bezeichnet.

Woher kommt der musikalische Wechsel vom Hevy Metal mit der Band „Alarma“, mit der du vorher gespielt hast, zum Ska und Rocksteady?

Mimi: Anfang der ging ich immer zu Ska und Rocksteady tanzen in Puerto Rico. Die Szene war zwar nicht große, weil Puerto Rico so klein ist und keine Bewegung dort jemals groß ist, aber es gab schon eine Szene dort. Die Sache mit Band war allerdings die, dass die Mädels, mit denen ich zusammen spielte, alle nicht wussten, wie man Ska und Reggae spielte, da sie andere Musik hörten. Härtere Sachen. Also fingen wir mit einer Fusion an. Wir waren ja auch vorrangig ein Frauen-Projekt.

Und dabei kam dann Metal heraus?
Mimi: Eigentlich war es nicht wirklich Heavy Metal.

Sergio: Die Sache ist ja auch die, dass Mimi Boleros singen kann, wie auch harte Sachen.

Mimi: Unsere Musik wurde mit unendlich vielen verschiedenen Titeln bezeichnet, bis zum Grunge…Für die einen war es Heavy Metal, für die anderen Grunge. Letztlich war es der Stil der 90er, den wir gespielt haben. Wir haben unsere eigenen Lieder geschrieben und „rock en espanol“ gespielt, wenn du so willst.

Ihr zwei seit privat ein Paar und spielt zusammen in der Band. Ist es schwierig zusammen zu leben und zu arbeiten?
Mimi: Nein, im Gegenteil. Wir sind jetzt schon seit neun Jahren zusammen und die Musik ist eigentlich das, was uns am meisten vereint. Insbesondere Reggae und Ska ist das, was uns zusammen bringen. Wir hören natürlich auch andere Sachen, die wir gegenseitig nicht ausstehen können, wie Janis Joplin z.B....

Sergio: oder Mimi mit Black Flag…Mit Reggae und Ska haben wir uns quasi auf der Mitte getroffen. Abgesehen mal davon, trennen wir die Musik nicht von unserem Leben. Die Alben und unsere Musik sind eigentlich eine Fortführung unseres Lebens. Wir setzen uns ja auch keine Maske auf, wenn wir auf die Bühne treten. Wenn andere Bands das machen ist das o.k, es ist bloß nicht unsere Art. Wenn es also der Band gut geht, wird das Konzert gut. Wenn es uns schlecht geht, wird auch das Konzert schlecht. Unser Sohn ist ja auch mit auf Tour und war gestern mit auf der Bühne. Das gehört alles zusammen bei uns.

Auf eurem letzten Album „Frenesi“ sind zum ersten Mal nur Songs von Mimi Maura, d.h. keine Cover-Versionen alter Ska-Klassiker, keine Songs auf Englisch und auch keine Songs von Mimi´s Vater Mike Acevedo enthalten. Ist das das erste wirkliche Mimi Maura Album?
Mimi: Wir wollten ein Album machen, das anders war, als die, die wir vorher produziert hatten. Vorher haben wir viele Songs von meinem Vater und alte Klassiker gespielt. Dieses Mal wollten wir allerdings etwas anderes machen, Songs die von uns geschrieben wurden, von den Jungs aus der Band. Aber grundsätzlich gesehenen, mögen wir ja alle Musik und wir werden auch nicht aufhören Cover zu machen.

Deshalb auch das neueste Album „63-68-74. Mimi Maura toca Rocksteady, Ska y Calypso“, welches ausschließlich Cover-Versionen enthält?
Sergio: Genau, das war wiederum das Gegenstück zu unserem letzten Album „Frenesi“!

Warum kann dieses Album wieder nur auf euren Konzerten gekauft werden?
Sergio: Weil in Argentinien alles etwas schwieriger ist, als es das vielleicht hier wäre. Erstens bieten wir unseren Fans etwas Besonderes an, wenn wir die CD auf den Konzerten verkaufen und zweitens, verdienen wir mehr an den einzelnen CD´s, wenn wir sie selbst verkaufen, als in den Plattenläden. Hinzu kommt, dass wir wieder zu unseren Wurzeln zurückkehren wollten. Mit den Preisen und dem Erfolg haben wir unsere Ursprünge etwas verloren bzw. verdrängt, und wir wurden mehr mit Boleros und lateinamerikanischer Musik assoziiert. Jetzt war der Moment zu sagen: Schluß damit, was uns eigentlich gefällt ist Reggae und Ska! Nichtsdestotrotz werden wir weiter die verschiedenen Stile mischen, mischen, mischen, und jedes Mal mehr mit einbringen. Das war jetzt aber auch einmal die Möglichkeit, mit dem Herkömmlichen zu brechen: Ein Album, ein Jahr Tour, ein Album, ein Jah Tour. Die letzte CD ist vielleicht sechs, sieben Monate alt, und schon kommen wir mit etwas völlig neuem. Unser Label ist nicht sehr glücklich darüber…

Das neue Album ist also nicht bei Sony erschienen?
Sergio: Nein, wir haben ja keinen Vertrag mit Sony…Leider, das ist nicht, weil wir es nicht wollen und unsere Unabhängigkeit uns die besseren Möglichkeiten bietet. Wir verkaufen zwar unsere Alben, aber immer noch nicht genug für eine große Plattenfirma. Die wollen mehr, mehr von unserem Blut…

Auf der anderen Seite ist es auch etwas Besonderes für die Fans, die erst zum Konzerte gehen müssen, um sich dort das Album zu kaufen.
Mimi: Ja, natürlich. Es war auch an der Zeit eine CD für die Fans zu machen, die diese Lieder von den Konzerten kannten. D.h. ein Album für die Fans, die die Lieder bereits kannten und sich dann die CD mit nach Hause nehmen konnten, um die Lieder zu Hause zu hören.

Sergio: Es war auch wirklich erstaunlich, dass an dem Tag, an dem wir die CD präsentiert haben, ca. vierzig Prozent des Publikums sich die CD gekauft haben. Denn es kostet alles viel Geld insgesamt. Zuerst der Eintritt für das Konzert, plus das Bier, was man trinkt und dann die CD. Aber die Leute haben echt gespart, um sich die Cd auf dem Konzert zu kaufen, und das ist das, was uns wirklich wichtig ist.

Wieviel Stück gibt es von dem Album?

Sergio: 1500 Stück, glaube ich…

Mimi: Aber wir mussten schon wieder neue nachmachen.

Sergio: Wir gehen halt zuerst zu der Fabrik, wo die CD´s hergestellt werden, dann zur Druckerei, für die Cover, und tragen die Sachen dann so zusammen. Das haben wir immer so gemacht. Und ich muss sagen, dass es für mich wirklich etwas Besonderes ist, meine eigenen CD´s heraus zu bringen, gerade weil ich auch so lange bei einem Major war vorher, mit den Cadillacs. Und die CD´s erhalten so einen weitaus günstigeren Preis.

Ihr seid vorgestern angekommen. Wie lief die erste Show in Deutschland nach der anstrengenden Reise?
Mimi: Wir sind vorgestern Abend angekommen und gestern war unsere erste Show. Eigentlich lief alles sehr gut gestern.

Sergio: Es war sehr überraschend für uns, wie gut es lief. Denn eigentlich ist es komisch, für eine Band, die weder Unterstützung von der Plattenfirma hat, noch mit einem Lied bekannt ist, hier zu spielen. Das ist quasi eine doppelte Herausforderung, da die Leute zum Konzerte kommen und sich sagen: Schauen wir mal… Und dann 25% des Publikums zum Tanzen zu bringen ist schon ein Erfolg.

Man kann eure CD noch nicht in Deutschland kaufen. Wie kommt man dann zu eurer Musik?
Mimi: Doch, kaufen kann man sie schon. Im Internet und auf unseren Konzerten. Aber wir haben noch keinen Vertrieb.

…was auch kein Problem ist, da das erste Konzert von Mimi Maura trotz des Mittwochs gut besucht war und die CD´s bei den Heimatklängen sicherlich genauso gut weggehen werden wie auf den Konzerten in Argentinien. Und wer weiß, vielleicht merken die Labelchefs auch doch, dass es sich lohnen würde, die Band und Frontfrau Mimi Maura etwas mehr zu unterstützen.

Autor: Anne

matthias | Do., 28. Jul 2005 | Interview

Mein Sommer war argentinisch. Drei Interviews mit Bands aus Buenos Aires, die allesamt einen Premio Gardel gewonnen haben und sich jeweils durch ihre ganz eigenen Musikstil auszeichnen.
Eine von ihnen ist das elektronische Tangoprojekt BAJOFONDO TANGO CLUB. Mitbegründer Gustavo Santaolalla ist ein Urgestein des lateinamerikanischen Rock; Labelchef von Surco-Records (veröffentlichen u.a. MOLOTOV), Produzent von JORGE DREXLER, LA VELA PUERCA und CAFE TACUBA und Soundtrackschreiber von „21 Grams“ und „Die Reise des jungen Che“. Juan Campodonico spielte in Rockbands wie PEYOTE ASESINO. Luciano Supervielle hat gerade sein Debütalbum unter dem Label von BF TC heraus gebracht, spielte in diversen Hip Hop Bands in Frankreich und Uruguay und steht hinter den Samplern für JORGE DREXLER. Wie der BF TC das alles vereint, zeigt das Interview.

Ihr habt alle bereits in anderen Bands und vor allen Dingen auch andere Stile gespielt. Wie entstand die Idee, ein Projekt wie den Bajofondo Tango Club zu gründen?
G. Santaolalla: Es hat mich schon immer interessiert, nach Musik zu suchen oder Musik zu machen, mit der versucht wird, eine Identität wiederzugeben. Seit ich anfing Musik zu machen, seit meiner Jugend, habe ich versucht, die globalen Einflüsse des Moments mit den folkloristischen Musikstilen Argentiniens und Lateinamerikas zusammen zu bringen. Zum einen durch meine Band ARCO IRIS, in der ich gespielt habe, zum anderen durch die Gruppen, die ich produziert haben, von JUANES bis hin zur VELA PUERCA. Es ging mir immer um das Folkloristische. Und der Tango, der solch eine wichtige Sache ist, stand die ganzen Jahre über noch aus. Es war fast so, als ob er darauf warten würde, dass ich etwas mit ihm machte.
Vor ein paar Jahren fing ich dann an, mich mit der Idee näher zu beschäftigen. Ich kam dabei mit Juan [Campodrino] zusammen, den ich schon seit vielen Jahren kenne. Er spielte in einer Band, PEYOTE ASESINO, für die wir auf unserem Label [Surco Records, Anm. der Redaktion] ein Album produziert hatten. Als die Band sich auflöste, fing Juan an, mehr zu produzieren, unter anderem auch ein Album für den Urugayer JORGE DREXLER. Dieses Album hat mir außerordentlich gut gefallen und als ich nach einem Partner für mein neues Projekt suchte, dachte ich an Juan. Wir haben uns getroffen und uns fiel auf, dass wir beide schon eine Weile die gleiche Idee im Kopf hatten. Unsere Wege kreuzten sich quasi auf der Suche nach der gleichen Sache…

War die Idee, die dabei im Vordergrund stand, eher der Tango oder etwas Elektronisches?
GS: Beides. Uns haben beide Stile interessiert.

JC: Die Idee der Kombination von beidem war in diesem Moment einfach omnipräsent. Wir wollten durch neutrale Musik, wie die Elektronische, die eher global und technisch ist und viel mit Produktion zu tun hat, die Verbindung zur traditionellen Musik herstellen, die zu den Wurzeln zurückgeht, zu unseren Wurzeln. Wir hatten beide die gleiche Idee im Kopf. Er [Gustavo S.] war gerade dabei eine Filmmusik zu schreiben, die auf dieses Konzept aufbaute und auch bei PEYOTE ASESINO war der keim schon dafür gelegt, im Tango zu suchen. Der Tango ist für eine Musik, die immer da war, in Buenos Aires wie auch in Montevideo, in der Zone des Rio de la Plata. Du bist natürlich die ganze zeit vom Tango umgeben, weil alles sehr Tanguero ist.
GS: Im Radio, in den Bars, überall wird Tango gespielt.

Welche Form des Tango hat den größten Einfluß auf eure Musik? Es gibt ja den Tango Nuevo, den Tango von Piazolla, den der Orchester…
GS: Was wir am meisten mit unserer Musik wiedergeben wollen, ist den Geist des Tango. Der Geist, der im Tango lebt und der das Melancholische, das Dunkle, die Aggressivität widerspiegelt.

JS: Die Stile des Tango, sei es der der 20er Jahre, der von Piazolla oder des Nuevo Tango, sind sehr verschieden, und trotzdem haben alle etwas gemeinsam. Das ist genau das, was uns an all den Epochen interessiert. Sei es ein großes Orchester, das im Salon de Baile gespielt hat und die Leute am Tanzen waren, oder ein Sänger aus den 30er Jahren, die nur mit einer Gitarre da standen. Es geht um das, was der Tango ausdrückt, die Idee, wo wir herkommen. Was wir mit unserer Musik ausdrücken wollen ist, wer wir sind, wo wir herkommen und welche Musik heute dort existiert.
Wir spielen keinen Tango, sondern neuzeitliche Musik, die durch Musik, die stetig präsent und immer in unserem Umfeld war, inspiriert wurde. Das heißt natürlich auch, dass wir diese Wurzeln nicht ablehnen. Es ist schon lächerlich, dass ich in Uruguay Leute mit rede, die mir erzählen wollen, Musik zu machen wie…

GS: Nelso Mandela…

JC: …ja, verdammt, oder zu singen, als ob wir in den Straßen New Yorks wären, und Hip Hop wie die BEASTIE BOYS machen würden. So etwas macht doch keinen Sinn. Natürlich habe ich auch die BEASTY BOYS, JIMI HENDRIX und Techno gehört. Aber auch PIAZOLLA, GARDEL und die Musik unserer Heimat. Ich möchte etwas machen, das repräsentiert wo ich herkomme. Und das macht BF.

Ist es schwierig Tango zu machen, bei dem kaum Text verwendet wird? Immerhin haben die Texte gerade beim Tango eine sehr große Bedeutung.
GS: Sicher, es gab aber auch eine große Tradition von Musikern, die ohne Texte Tango gespielt haben. Es gab immer eine Periode der Sänger und dann wieder der Instrumentalstücke. Uns interessieren beide Teile, wir lehnen nichts ab. Hinzu kommt, dass das Konzept des Bajofondo Tango Club die konstante Suche und Experimentation. Wir legen uns auf nichts fest. Es kann gut sein, dass morgen ein BF Album erscheint, dass komplett eingesungen wurde. Genauso gut kann aber auch eins erscheinen, auf dem nicht ein Wort gesungen wird. Wir sind offen für alles…und versuchen uns verschieden auszudrücken.
Wenn du dir die zwei Alben anhörst [BF Tango Club u. Supervielle]; die Experiementation, die er [Luciano Supervielle] mit dem Rap und dem Tango gemacht hat. Oder Adriana Valleira, die eine Ikone des Tango ist, eine Tanguera, die plötzlich mit BF singt. In „Mi Corazon“ zum Beispiel sind zwei Teile enthalten, die sehr interessant sind: zum einen das Sampling und die Interaktion von Adrianan Valleira, die gegen das Sampling ansingt. Und die zweite Sache ist die Reduktion des poetischen auf kleine Sätze. Como „you fill the blanks“. Von „mi corazon“ bis „bajofondo, bajofondo“, mehr muss nicht gesagt werden, den Rest füllst du. Das wichtige ist, den Geist dieser Musik zu erfassen und wiederzugeben. Wir wollten nicht mit dem typischen - wir nehmen ein Schlagzeug, ein Bandoneon, und fertig - anfangen, sondern
eine Sprache finden, die wiedergibt, was diese Musik uns gibt. Auch das sexuelle und sinnliche, das der Tango beinhaltet. Die Suche geht also in die Richtung, aber es manifestiert sich auf verschiedene Art und Weise.

In wieweit hilft es euch, auf eurem eigenen Label Vibra zu erscheinen?
GS: Es ist ein Teil des Ganzen, im Sinne dessen, dass wir Künstler und zugleich Produzenten sind. Das hilft uns natürlich. Im besten Falle werden wir morgen aber mega-berühmt und unterschreiben bei Sony. Andererseits lässt es uns sehr viel Freiheit. Ich habe seit Jahren eine feste Verbindung zu meinem Partner Universal, was eine Zusammenarbeit ist, die sich über Jahre aufgebaut hat und durch Erfolge gekrönt wurde. Das ist uns jetzt natürlich eine große Hilfe. Die Resultate sieht man daran, was mit unseren zwei Alben passiert [BF Tango Club und Supervielle]. Gerade an den Orten, wo die Dinge anfangen - in diesem Fall Argentinien und Uruguay. Es ist unglaublich, das BF Album hat bereits Platin, verkauft sich weiter und ist immer noch in den Top 20 der Weltmusikcharts, obwohl das Album bereits drei Jahre alt ist. Die CD von Luciano [Supervielle] steht gerade vor diesem Punkt. All das ist Teil unserer Arbeit, unserer Musik und dem, was die Plattenfirma für uns macht. Das basiert natürlich auf der Arbeit meines Partners Universal und der Arbeit von Adrian, unserem Labelmanager. In dem Sinne ist uns das schon eine große Hilfe.

LS: Ich bringe zum Beispiel mein erstes Soloalbum heraus, obwohl mich im Grunde genommen niemand kennt. Dadurch, dass wir es aber unter der Marke von BF präsentieren und danach auch die Presse ausrichten, erlaubt es mir damit viel mehr Leute zu erreichen, als ich das allein könnte. Das ist schon eine sehr große Hilfe.

Ist BF eher eine Band oder ein Projekt?
GS: Wir sind dabei, die Begriffe Band oder Projekt neu zu definieren. BF ist eine Band mit multiplen Projekten. Wer hat denn gesagt eine Band müsste John, Paul und Ringo sein? Warum geht das nicht auch anders? Warum muss sich die Band trennen, damit alle ihre eigenen Sachen machen können? Warum können nicht alle in einer Gruppe zusammen arbeiten mit einer Ästhetik, die sich in eine kollektive Arbeit übersetzten lässt aber auch in individuelle. Die CD von Luciano ist innerhalb der BF Ästhetik, aber es ist trotzdem Luciano.

LS: Und das Album von Juan wird das Album von Juan sein. Als wir die Präsentation von Luciano gemacht haben, haben wir auch Stücke von BF gespielt, aber in einer Version von Luciano…

GS: …und mit BF spielen wir Stücke von Luciano aber in der Version von BF.

Wie werden die Songs geschrieben?
GS: Juan und ich treffen sich zum Schreiben und machen eine Menge zusammen. Dann gibt´s ein paar Sachen, die Juan allein schreibt, danach kommt Luciano mit seinen Sachen. Wir tragen also mehr und mehr zusammen, treffen uns und arbeiten zusammen an den Sachen oder suchen nach Kollaborationen. Es ist alles sehr dynamisch, nicht wie es normalerweise läuft. Wir proben zum Beispiel nicht.

Wie werden dann die Konzerte vorbereitet? Woher weiß jeder, wann was gespielt werden soll? Gerade wenn es verschiedene Versionen von euren Songs gibt.
GS: Kennst den Satz: Wanderer es gibt keinen Weg, der Weg entsteht während du gehst? Das Konzert entwickelt sich, während wir spielen. Für unser erstes Konzert in Buenos Aires, welches wir in einer Passage auf der Straße gespielt haben, haben wir einmal geprobt. Und es lief - na sagen wir - recht gut. In dem Moment hatten wir aber noch nicht einmal die Band. Das Mädchen, das heute ein Lied singt, war vorher außerhalb der Bühne und hat das Licht gemacht. Als wir dann für ein Konzert nach Uruguay gefahren sind, kam zu mir und meinte, schau mal, ich hab hier ein paar Projektionen, was hältst du davon? Und ich meinte, gut, her damit. Zu der Zeit hat sie also die Videoprojektionen und das Licht gemacht. Dann meinte sie eines Tages, sie hätte sich ein Mischpult gekauft, und ich entschied, dass es besser wäre, sie gleich mit auf die Bühne zu holen. So entstand die Band. Die Musiker haben aber auch alle große Fähigkeiten. Von daher gehen manche Sachen sehr schnell von der Hand. Wir haben aber kein Proberaum oder ähnliches.
Bevor wir das Album produziert hatten, haben wir dreimal geprobt. Und danach direkt die CD aufgenommen.

Das waren dann Proben von zehn Stunden jeweils?
JC: Na klar, den ganzen Tag.

LS: Wir spielen aber auch viel. Mit dem BF jetzt hier, dann als wir meine CD präsentiert haben und außerdem spielen wir auch viele DJ-Sets. Von daher sind wir die ganze Zeit mit der Musik in Kontakt. Dadurch verändern und improvisieren wir die Songs natürlich auch wieder etwas, damit wir jedes Mal frisch klingen. Was ich heute zum Beispiel in einem Lied spiele ist etwas komplett anderes, als das was ich letztes Jahr gemacht habe.

GS: Ich seh das mehr wie eine Fußball-Team. Ein Fußball-Team probt nicht, weil es nicht proben kann. Es muss allerdings trainiert sein. Also versuchen wir trainiert zu sein. Jeder trainiert sich also, spielt seine Stücke und ist in seinem eigenen Training. Danach kommen wir zusammen und spielen. Jedes Spiel ist ja ein anderes. Ein Spiel kannst du nicht einstudieren.

Was ist der Bajofondismo?
JC: Das ist der Stil, den der Bajofondo TC hervor gebracht hat.

Habt ihr euch den Begriff ausgedacht oder haben alle Leute, die eure Musik gehört haben, plötzlich angefangen sie als Bajofondismo zu bezeichnen?
LS: Eigentlich kommt der Begriff von einem Journalisten, der die Pressetexte für BF schreibt.

GS: Der Begriff hilft die Musik zu beschreiben. Die Musik von Luciano ist z.B. voll von Bajofondismo, aber es bleibt trotzdem seine Musik. Wie eine gewisse Marke.

Welche Bedeutung hat die Fusion von Tango und elektronischer Musik für Lateinamerika?
GS: Das ist sehr komplex. Vor allen Dingen versuchen wir uns mit unserer Musik von der Definition des elektronischen Tango zu lösen. Wir machen Musik nicht, weil wir Tango, sondern zeitgenössische Musik machen wollen, die unsere Vision von der Musik die gerade in Buenos Aires und Montevideo aktuell ist. Natürlich ist der Tango und die Milonga zugegen, wenn du diese Orte repräsentieren willst. Aber wir wollen ja uns vorstellen, und wir sind nicht nur Tango und Milonga. Wir sind auch Rock, Hip Hop, Elektronische Musik. Was wir machen ist den Leuten Hilfe anzubieten, die mehr über unsere Kultur wissen wollen. Natürlich sind der Tango und die Milonga Musik aus B.A. und Monetvideo, und wir versuche Musik aus B.A. und Montevideo zu machen. Aber wir machen keinen Tango

JC: …und auch keine Milonga, sondern Bajofondismo.

GS: Wenn uns jemand zu elektronischem Tango packt ist das ok, es ist aber auch in Ordnung, wenn wir unter Worldmusik eingeordnet werden.

JC: Andererseits ist das auch immer ein gewisser Druck, wenn die Leute dich zu etwas einordnen.

Andererseits ist die Verbindung von elektronischer Musik und traditioneller, folkloristischer Musik etwas sehr globales und gleichzeitig eine Brücke zwischen Europa und Amerika.
GS: Ja, natürlich! Aber denk mal UNDERWORLD. Die waren auch nicht nur eine weitere elektronische band, sonders etwas besonderes. Ich glaube mit uns ist das genauso. Wenn mal mit einbeziehst, was wir an musikalischen und soziokulturellen Einflüssen mit einbringen, dann wären Tango und Elektro viel zu wenig, um uns zu beschreiben. Wenn du uns live siehst merkst du, dass viel, viel mehr dahinter ist. Das erste Album zeichnet sich eventuell noch mehr durch diese Charakteristik aus, weil es mehr wie in einem Labor zuging, die Musiker kamen und ein Stück gespielt haben, und mehr nicht. Heute ist das anders. Die Cd von Luciano hat z.B. ihre ganz eigenen Charakteristika, und sie ist auch mehr eingespielt. Wir machen gerade etwas, von dem wir nicht genau wissen, was es ist, noch wissen wir, wie wir es definieren sollen. Letztlich bleibt es aber Musik mit der wir zeigen wollen wer wir sind und wo wir herkommen; Buenos Aires und Montevideo.

Im Moment wird viel elektronische Musik mit traditionellen Stilen gemischt, was wie der Beginn einer neuen Ära ist…
JC: Ja, genau. Außerdem verbinde ich Elektro auch immer mit Rock. Wenn eine E-Gitarre mit im Spiel ist, ist auch Rock mit dabei. Und Rockmusik findest du wiederum in allen möglichen anderen Stilen wieder. Die Rockmusik geht bis nach Indien, und dann wiederum siehst du jemanden auf einer Fender etwas komplett anderes spielen.

GS: Bis hin zum Solo von Britney Spears. Woher kommt denn die Gitarre? Aus der Rockmusik logischerweise! Im Pop gab es diesen Sound gar nicht.

JC: All diese Konzepte die aus der Rockmusik kommen, integrieren sich alle Musikstile. Da kannst du egal wohin auf der Welt fahren, und du wirst genau die gleichen Konzepte wieder finden. Da gleiche passiert jetzt mit der elektronische Musik. Das ist ein neues Stadium der Entwicklung, das von neuen Instrumenten und neuen Technologien abhängt. Aber es kommt natürlich der Moment, wo es sich etabliert. Jeder kann heutzutage einen Verzerrer verwenden, egal ob im Pop oder im Rock. Und genauso kann heutzutage jeder die Technik der Elektronik verwenden, egal in welchem Musikstil, weil das der Weg der Evolution ist. Ich finde interessant, dass die elektronische Musik neutraler ist. Sprich, ein Ableger der absolut globalisiert ist.

…aber gleichzeitig auch kalt…
GS: Ja, aber die Leute denken auch oft Elektro seien die Töne vom Telefon, piep, piep, piep, und bump, bump. Aber Elektro ist alles. Auch wen du einen Indio mitten im Urwald aufnimmst, in dem Moment wo du anfängst etwas zu manipulieren, etwas schneidest und veränderst, machst du schon elektronische Musik.

JC: Gestern habe ich eine Band gehört, die Cumbia Villalera macht, aus den herunter gekommmensten Vierteln Buenos Aires´. Das ärmste was du dir vorstellen kannst.

Da wo auch der Tango herkommt?
GS: Nein, also doch schon, aber der Tango kommt eigentlich aus Orten nahe des Hafen, dem Bajofondo, kleinen Bars, Nachtlokalen etc. La Villa ist ein Phänomen, was erst viel später auftrat. Das ist quasi der Zusammenbruch der industrialisierten Gesellschaft. Es ist, als ob es der Bajofondo wäre, aber schon sehr bajo, bajo bajo…Wie die Favelas in Brasilien. In Argentienien nennt sich das villa miseria. Häuser die Pappe gemacht sind, leute die auf einem Müllhaufen wohnen…

JC: Ich hab also diese CD gehört und die Musik, die sie machen, bestand aus einem Mischpult casiatonic - so piep, bup, dup - einem Programm für den Computer mit Autotune – der Typ pfeift also und verzerrt mit dem Autotune alles – und das war zu 100% elektronische Musik. Und die wissen gar nicht, wie man elektronische Musik macht. Die machen Musik, mit dem was sie da haben. Mit einer Orgel und Software die sie sich schwarz aus dem Internet gezogen haben. Und das hat nichts mit der Vermischung von europäischer und traditioneller Musik zu tun, sondern mit dem spontanen Einfall der Musiker.

Aber die Tendenz der neuen Bands geht schon in die Richtung, und es gibt mehr Bands die diese Musik machen, als pure traditionelle Musik?
GS: Nein, ich denke nicht. Traditionelle Bands gibt es auch noch. Guck dir FRANZ FERDINAND zum Beispiel an. Ich denke bloß, dass es anfangs immer hardcore, hardcore, hardcore diese eine Musikrichtung ist, sich früher oder später aber doch alles vermischt. Irgendwann fragst du dich nicht mehr, ob das jetzt Rock oder Jazz oder Funk ist. Es ist Musik, ein Teil der Kultur.

JC: Ich denke, was die elektronische Musik ausmacht sind die Wiederholungen, die Loops, die Musik für den Körper sind. Wenn man es genau nimmt, gibt es große Teile, in denen die melodische Erzählung keinen Sinn ergibt, aber man trotzdem keine Lied, keinen Text braucht…

LS: Wenn neue Technologien entstehen, passiert das< gleiche wir mit der E-Gitarre. Ich frage nicht mehr, ob das jetzt elektronische Musik ist oder nicht, bloß weil ich einen Sampler benutzte. Die neue Technologie wirft einfach eine neue Debatte auf. Das neueste sind heutzutage halt der Computer und Sampler, und das ist das, wovon die Leute dann auch reden…

GS: Das interessanteste ist allerdings, von der Musik an sich zu reden. Nicht was für ein Stil ist das und was für Musik machst du. Die beste Musik für mich ist die, die du nicht definieren kannst.

Wie sieht die Szene in Argentinien und Uruguay aus?
GS: Die ist sehr vital. Da geht viel. Es gibt eine große Tradition des Rock und Argentinien. Es gibt Bands die Punk oder Ska machen, andere die traditionellen Rock machen, wieder andere die sehr argentinischen Rock machen, wie LA BERSUIT. Die Musikszene in Argentinien ist sehr stark, das war schon immer so und das wird auch immer so sein.

Was für ein Publikum kommt zu den Konzerten von BF TC?
JC: Die Leute sind super eklektisch. Die Band selbst besteht ja aus Leuten verschiedenen Alters und unser Publikum von daher auch. Es gibt Leute, die weitaus jünger sind als wir und dann wieder welche, die älter sind. Das Projekt ist so eklektisch, dass die Leute sich aus verschiedenen Gründen dafür interessieren. Manche interessieren sich wegen dem elektronischen Teil dafür, der mehr mit Dance zu tun. Andere weil sie sehen, ah, da ist ja Tango mit drin, um quasi den traditionellen Teil aufzuarbeiten, der sie mit ihrer Vergangenheit verbindet. Es gibt auch sehr junge Leute, die zu uns kamen und meinten, sie hätten angefangen sich für Tango zu interessieren, weil sie uns gehört haben. Wir machen zwar keinen Standard-Tango, geben aber Referenzen. Deswegen sind die Konzerte auch sehr unterschiedlich. Manchmal spielen wir auf einem Platz, wo kleine Kinder und Señoras zuschauen, dann wieder spielen wir um drei Uhr nachts in einem Club …

Habt ihr in den Clubs als DJ-Sets gespielt?
GS: Nein, als Band. In Theatern auch, wo die Leute alle sitzen. Aber die Musik gibt dir die Möglichkeit, die Konzerte auf verschiedene Art und Weise zu erleben. Wenn du dich hinsetzen und nur auf den instrumentellen Teil konzentrieren möchtest, d.h. auf das audiotive, geht das genauso, wie wenn du die Musik körperlich, tanzend, erleben willst. Wie dem auch sei, egal ob wir in einem Theater spielen oder woanders, zum Schluss geht das Konzert immer körperlich aus. Es gibt immer etwas, dass die Verbindung herstellt. Unsere Musik hat etwas universelles, von der Musik her, vom Sound und dem Spirit von der Musik des Rio de la Plata…

JC: Claro, für die Europäer erscheint die Musik vielleicht auch nicht so andersartig und neu, weil der Tango und unsere Musik sehr viele europäische Wurzeln in sich tragen. Nach B.A. sowie Montevideo sind viele Italiener und Spanier immigriert. Mein Name ist Campodonico, was Italienisch ist, Santaolalla ist Spanisch, wir vereinen also eine Menge europäische Einflüsse in uns.

GS: Und dann gibt es die deutschen Einflüsse, durch die Bandoneons die gespielt werden.

JC: Unsere Kultur besteht genau daraus, gemischt mit dem Schwarzen, dem Lateinamerikanischen, dem Brasilianischen. Das ist eine speziellen Mischung verschiedener Stile.

Wo seht ihr den Unterschied von eurer Musik zu den anderen Bands des Elektrotango wie z.B GOTAN PROJEKT, TANGHETTO oder NARCOTANGO?
GS: Ich denke das sind alles sehr eigene Manifestationen. Klar, jemand der kein Argentinier ist sagt dir vielleicht, das klingt alles gleich. Ich denke aber, dass die Ausdrucksweise jeder der Bands sehr eigen ist. GOTAN zum Beispiel repräsentiert das, was es ist, und zwar: Ein Argentinier, ein Franzose und ein Schweizer. Und das hört man in der Musik. Hör dir z.B. eine Tango-Orchester der 30er Jahre aus Argentinien und eins aus Deutschland an, und wirst sehen, dass das zwei absolut verschiedene Dinge sind. GOTAN ist eine europäischere Vision des Tango. Unsere Vision hingegen ist más sudaka, lateinamerikanischer, vom Rio de la Plata. Wir haben aber z.B. beide an unsere Alben gearbeitet, ohne dass eine vom anderen wusste. Als wir noch zwei Monate an unserem Album zu arbeiten hatte, kam das Album von GOTAN heraus und wir konnten es nicht glauben. Obwohl es anders war, war es doch ähnlich. Es lag also schon vorher in der Luft. Wie alle künstlerischen Bewegungen. Aber die Ergebnisse waren trotzdem sehr verschieden.

Obwohl beide Bands verschieden sind, kann man trotzdem nicht genau sagen, was sie voneinander unterscheidet.
GS: Du merkst, dass es verschieden ist, kannst aber nicht genau sagen, warum. Ich denke das liegt daran, dass die Dinge sich auf unterschiedliche Art und Weise verbinden. Aber am interessantesten ist, wie wir die Verbindung zu unserem Publikum herstellen. Und in dem Sinne haben wir, im Vergleich, die meisten Leute erreicht. Ich rede da gern drüber, weil wir sehr stolz darauf sind. Wir haben immerhin Platinstatus und die goldene Schallplatte in Argentinien bekommen.

LS: Anfangs waren wir total Underground, Bajofondo. Es gab auch keine externe Werbung, wir sind von allein größer geworden.

Die Bajofondisten hätten noch Stunden weiter erzählt, wir mussten das Interview allerdings leider an dieser Stelle abbrechen. Von daher herzlichen Dank und bis zum nächsten Mal. Einige weiter Alben folgen mit Sicherheit.

Autor: Anne

matthias | Fr., 22. Jul 2005 | Interview

Man, ich weiß gar nicht, was ich jetzt hier im Vorwort schreiben soll. Kennt Ihr das nicht auch, wenn Ihr irgendwas hört und es Euch an irgendwas erinnert auf jeden Fall aber richtig richtig gut gefällt? So ging es mir mit der jüngst auf Klartext Rec. Veröffentlichten EP von SUPABOND. 1a gespielter NDW-Punk, der nicht selten an HANS-A-PLAST erinnert. Ein Vergleich, denke ich mal, mit dem sich die Band nun wohl ewig rumschlagen muss. Simpel gespielter (was aber nicht abwertend gemeint ist) Punkrock mit Frau am Gesang. Nicht selten heutzutage, aber doch schon wieder was Anderes, was man heutzutage hört. Ach, wat erzähl ich Euch was? Lest am Besten selbst und erfahrt mehr über diese Klasseband aus Düsseldorf. Vielleicht entdeckt Ihr die Band ja auch für Euch. Ansonsten würdet Ihr was verpassen. Das Interview fand (leider nur) per eMail statt, da ist es immer ein bisschen blöd, noch auf Antworten einzugehen, aber interessant ist es allemal.

Morgen! Kurze Frage zur Einleitung. Wer ist denn SUPABOND? Euch gibt es seit 2001, obwohl man meinen könnte, Ihr stammt direkt aus den 80´ern. Habt Ihr schon in Bands zuvor gespielt? Gab es Besetzungswechsel, welche Veröffentlichungen gibt es sonst schon/noch von Euch?
SUPABOND sind Suse am Gesang, Martin an der Gitarre, Wayne am Bass und Zoni am Schlagzeug. Bis auf Wayne haben wir alle mal in anderen Bands gespielt. Und SUPABOND spielt original seit 2001 zusammen. Und na ja, das mit aus den 80`ern stammen ist ja zumindest bei dreien von uns nicht ganz verkehrt. Bis auf Zoni haben wa die dreißger Grenze schon lang überschritten.
Letztes Jahr haben wir nen Demo aufgenommen „Nachmittag mit Lucille“, dass aber nicht mehr verkauft oder verschickt wird, da demnächst unsere LP raus kommen soll und wir einige Songs von Lucille mit nehmen werden.

Mir ist auch - ohne vorher Eure Homepage (www.supabond.com) besucht zu haben - als erstes der Name Hans-A-Plast in den Sinn gekommen. Habt Ihr direkt mit dem Ziel dran gearbeitet, so ähnlich zu klingen. Oder hat sich das so ergeben? Was hat Euch noch so beeinflusst?
Nee also bewusst so zu klingen, da waren wir meilenweit von entfernt. Wir sind einfach ein stückweit durch diese Zeit geprägt und favorisieren den Sound, zumindest ich, sehr. Mit neun bin ich NINA HAGEN verfallen und war dann ganz auf NDW und son Kram. Bin erst recht spät so richtig zum Punkrock gekommen.
Die zwei Seitenquäler haben sich da schon früh dem Punkrock verschrieben und so kamen wir auch zu dem Toxocover zum Beispiel. Naja und wenn man einmal nen Sound hat, ist es schwer sich davon zu trennen, wobei wir das auch nicht vorhaben.
Punk mit nem Schuss NDW und das alles schnell und gnadenlos ist doch supa!!!!

Eigentlich versuche ich mir immer Namensfragen zu verkneifen. Aber SUPABOND…?!? Wie kommt man denn darauf? Seid Ihr Fans des britischen Geheimagenten?
Haha, dit war klar das die Frage kommt. Hm, sollen wir nen ewiges Geheimnis draus machen? Oder echt die Wahrheit sagen? Okay egal, ganz unspektakuläre Geschichte. Waren bei nem Umzug und meinem Mitbewohner ist die Sohle vom Schuh gefallen. Da lag dann so`n Spezialkleber mit dem Namen „Superbond“ rum.
Also hat er sich dat drauf geschmiert und gestaunt, daß es sogar bombenfest klebte.
Na und so kam dann nach ein paar Runden Feierabendbieren die Idee auf, Kleber der was taugt, unsere Mucke taugt auch und bleibt kleben, warum nicht wir, der Kleber fürs Gehirn? Und so wurde aus -er kurzer Hand -a gemacht (wegen der Rechte und so und sieht besser aus, wa) und wir wurden geboren!!!! Spannende Geschichten des Lebens ich sag es Dir!!!!

Was unterscheidet Euch von anderen Bands, Eurer Meinung nach. Was macht Euch Besonders?
Herrje Du stellst Fragen!!! Mir hat mal jemand gesagt, dass es zwanzig Jahre her ist, daß ne Frau am Gesang so rüber kam und man sich dadurch in die gute alte Zeit zurück versetzt fühlt. Keine Ahnung wir machen keine Parolen- oder Saufsongs, sondern meine Texte drehen sich halt um den ganz alltäglichen und persönlichen Wahnsinn, mit dem sich jeder identifizieren kann. Musikalischen bieten wir minimalistischen geradeaus Punkrock und dat ist wohl ne ganz gute Mischung. Kein Schnickschnack und Schnörkelkram. Wir machen dat worauf wir Bock haben und denken nicht darüber nach, ob wir uns abheben oder irgendwas besonders machen. Wir spielen das, was wir es können und es muss Spaß machen, allet andere ist egal. Wem es gefällt der hat Glück gehabt und wem nicht, dem kann man halt nicht helfen. Jede Band die spielt, hat was und ist besonders, weil sich nen paar Leute zusammen tun, die Bock auf Mucke haben, das ist doch eigentlich primär das Wichtigste. Gott bin ich weise!!!!!

Ihr kommt aus der Teipelstadt Düsseldorf. Die hat ja bekanntlich eine ziemlich lange Tradition. Wie steht es denn generell momentan um die Punkszene in der D-Dorf?
Ehrlich gesagt kann ich Dir diese Frage kaum beantworten. Haste nicht den Modestadt Sampler? Da ist fast alles drauf, was sich zurzeit musikalisch in Düsseldorf tummelt. Wir selber spielen kaum in Düsseldorf, sind auch nicht so szenemäßig unterwegs, dass wir ständig als Hausband gebucht werden, verstehst?! Ich denk es hat sich wieder einiges in der Punkszene entwickelt (auch weil Punk echt modern geworden ist) und es gibt in Düsseldorf nen paar Läden die nie aufgeben werden, dem Punkrock zu huldigen. Und das ist auch gut so.

Aus Köln kommen in letzter Zeit viele neue coole Bands. Den Part habt Ihr in den letzten Jahren eindeutig verloren. Kümmert Euch die Rivalität, gesetzt den Fall, daß es diese überhaupt gibt?
Mit dem Rivalitäten Schwachsinn haben wir null zu tun (unser Bassist lebt in Köln, sonst müssten wir ihn ständig peinigen), da kann ich nix zu sagen. Mir ist Latte wo gute Bands her kommen. Wenn se mich ansprechen und mir Spaß machen, dann reicht das doch. Welche coolen Bands aus Kölle meinst Du eigentlich?

Na ich dachte da so an CHEFDENKER oder SUPERNICHTS (für Euch dann wahrscheinlich SUPANICHTS…).
Oh auf dem falschen Fuß erwischt, da muss ich passen. Kann ich nix zu sagen, hab glaub ich mal einen Song von den Chefdenkern auf dem Plastik Bomb Sampler gehört, aber das ist eigentlich auch nicht so die Richtung die ich zu hause oder im Auto höre. Da steh ich mehr auf den alten Krams der NDW Zeit aus meiner Jugend oder Songs die Martin immer schön für Auswärtsspiele mixt. Wie zum Beispiel Poisen Idea, S.Y.P.H, Slime, New Bomb Turks, Dead Kennedys, Joan Jett, Billy und so wat alles. So gesehen höre ich wenig neuen Deutschkrams, glaub die Jungs auch nicht. Deswegen können wir auch nix von coolen neuen Bands, vor allem aus Kölle ;), wissen!!

Was macht Ihr sonst so, wenn Ihr nicht gerade mit SUPABOND die Punkmusikszene in Deutschland aufmischt?
Du willst wissen ob wir arbeiten oder den ganzen Tag rum lungern und uns dann abends zum Proberaum schleppen? Traurige Wahrheit ist, wir arbeiten alle. Martin und ich sind freiberuflich in der sozialen Arbeit mit Jugendlichen tätig (züchten sozusagen unsere eigenen Fans heran, haha), Wayne ist Lehrer in einer Grundschule (der macht die Grundvorbereitung) und Zoni macht mit EDV im Krankhaus rum. So jetzt ist es raus, wenn de das wissen wolltest. Ansonsten geschehen über uns keine großen weltverbessernden Aktionen und wir spielen auch in keinen anderen Bands.

Naja, arbeiten ist ja nichts Schlimmes. Das wurde früher ja vielleicht mal anders gesehen. Wenn Ihr aber jetzt alle die Dreißiger schon längst durchschritten habt, was verbindet Euch denn außer der Musik noch mit dem Punkrock? Geht Ihr viel auf Konzerte oder steckt Ihr jetzt Eure ganze Kraft da rein, eben den Nachwuchs zum Punkrock zu bewegen?
Es ist schlicht und einfach die Musik, die uns mit Punkrock verbindet. Wir sind glaub ich die am wenigstens punkig gestylte und szenemäßige Band. Na ja und man dreht sich ja nicht, sobald man die Dreißig überschritten hat, um 180 Grad und verlässt den Pfad der Musiktugend, oder? Entweder hat man das Feeling im Herzen, und das sein Leben lang, oder war nie damit verbunden. Konzert werden schon so oft es geht mitgenommen, aber häufig spielen wir ja selber am WE. Und der Nachwuchs wird natürlich ein wenig infiziert, schon allein dann, wenn sie mit mir im Auto fahren und da läuft ja nur Punkrock. Aber letzt endlich mühen wir uns nicht damit ab. Entweder weiß die Jugend Rock`n Roll zu schätzen oder se lassen sich von dieser Chartskacke einlullen und checken et nicht. Wir sind in dem Sinne denn keine Missionare, nur ein kleines bisschen, verstehste!?

Gerade ist frisch auf Klartext-Records Eure neue Single erschienen. Warum nicht auf EDUCATION LOST? Ist das Euer eigenes Label? Wenn ja - wie kam es dazu und wollt Ihr noch weitere Bands darauf veröffentlichen?
Education Lost ist ein DIY- Label, auf dem wir unser erstes Demo veröffentlicht haben, das aber nicht mehr erhältlich ist. Education Lost ist das Label von nem Kumpel von uns. KONTAKT 46 aus Bochum, ne befreundeten Band von uns, mit der wir schon einige Male unterwegs waren, sind zum Beispiel auf dem Label vertreten und ich denke der Phil hat noch einige gute Bands, die er veröffentlichen will.

Wer gestaltet denn Eure zwar minimal gehaltene, aber dafür nett gemachte Homepage. Wie wichtig ist Euch diese Form der Selbstdarstellung?
Die Homepage hat ne Freundin von Zoni für uns gestaltet und unsere Cover werden von nem sehr guten Freund aus Dortmund entworfen (www.disturbanity.com), der hat schon nen gewaltigen Einfluss darauf, dass wir mehr Gewicht der Selbstdarstellung beimessen, zumindest was Merching betrifft. Und ganz Unrecht hat er nicht, da wir ja nun mal in einer Welt leben, die sehr visuell eingestellt ist. Um gute Promotion, sei es über www, Plattengestaltung und und und, kommt man da fast nicht herum. Aber es gehört ja auch zur Persönlichkeit und eigentlich ist in diesem Bereich jede Form der Selbstdarstellung wichtig. Ich glaub sonst würd man sich nicht an die Öffentlichkeit wagen. Hoffe ich hab Deine Frage richtig verstanden, oink?!

Ja, und was habt Ihr sonst noch so in Zukunft vor?
Jetzt erst mal Sommerpause, ja fast wie bei den Großen, um auch neue Songs zu schreiben und ab September spielen wir wieder, alles auf unserer Page zu lesen, falls einer Interesse hat. Wollen Ende des Jahres ins Studio und die LP aufnehmen.
Das reicht auch erst mal für dieses Jahr, wa.

Gut, dann danke ich Euch vielmals für das Beantworten der Fragen und wünsche Euch noch viel Erfolg…
Jepp, wir danken auch schön............................

mieschka | Do., 14. Jul 2005 | Interview

Wie Ihr vielleicht wisst, arbeite ich ja in einem Hostel in Berlin. Das man da des Öfteren komische Gestalten trifft, kann sich vielleicht ebenso jeder vorstellen. Um so mehr freut es mich immer, wenn man die ein oder andere coole Person trifft. So trug es sich im letzten Jahr zu, daß die Jungs von HOLY RACKET bei mir gastierten und sich Ihr Frühstücksbrötchen von mir servieren ließen. Naja so halbwegs jedenfalls. Sie waren gerade mal wieder in Europa unterwegs und gastierten am selben Abend im Wild at Heart zu Berlin. Dummerweise konnte ich nicht kommen aber wenigstens hinterließen sie mir ein Päckchen mit der aktuellen CD sowie ein paar Aufklebern und einem Schlüsselanhänger. Wie nett… Zu Hause hatte mir dann schon die CD gefallen und ich habe mich richtig geärgert, daß ich nicht zum Gig kommen konnte. Naja, scheiß drauf. Ziemlich genau ein Jahr später wiederholte sic das ganze Spiel. Wieder gastierten sie bei uns, wieder spielten sie im Wild at Heart und wieder konnte ich nicht kommen… Was soll denn das? Im Juni diesen Jahres hat es dann aber doch endlich geklappt und ich konnte sie mir live ansehen. Zwischendurch hatten sie mir auch schon mal ihre aktuelle EP „North Rebel Radio“ zukommen lassen und ich fieberte dem Auftritt regelrecht entgegen. Zwar übernachteten sie diesmal nicht bei ns aber nach der ganzen langen Zeit hatte man sich aber doch wieder erkannt. Und das machte die Party nochmals so schön.

In Ermangelung eines Aufnahmegerätes, hohem Alkoholpegel & wenig Zeit konnte ich an diesem Abend kein Interview führen. Versprach aber, dieses per eMail nachzuholen, was ihr im Folgenden lesen könnt. Ich merke gerade, daß ich noch gar nicht auf den Stil der Kapelle eingegangen bin. Aber egal. Das könnt Ihr ja hier auch nachlesen. Außerdem sollte so ein Vorwort ja auch nicht allzu lang sein. Daher sag ich einfach mal: Here we go…

Stellt Euch doch bitte erstmal kurz vor. Wo kommt Ihr her? Habt Ihr schon vorher in irgendwelchen Bands gespielt und wenn ja, wo und wie kamt Ihr eigentlich dazu, HOLY RACKET zu gründen?
Ich bin Zat Lewis, spiele Bass & singe und hab mal bei den SNARLING HORSES gespielt, die 6 Jahre lang quer durch Europa getourt sind. Von 1990 bis 1996. Unser Sänger und Gitarrist heißt Steve Straughan und hat auch mit bei den SNARLING HORSES sowie RED LONDON, THE PITS und LOADED 44 gespielt. Und zu guter letzt gibt es da noch Kev Bambra, unseren Drummer, der auch ein bisschen singt und früher mal bei RAMPAGE gespielt hat und aktuell noch bei RIGID DIGITS (Stiff Little Fingers - Tributeband) dabei ist.

Gab es mal irgendwelche Besetzungswechsel?
Unser erster Schlagzeuger war von RED ALERT. Er hat einen Gig gespielt, bevor er uns in die Scheiße geritten hat und uns vor unserer ersten Eurotour verlassen hat. Er wurde von Theo van Roey aus Belgien ersetzt, der dann auch unsere erste Tour spielte. Ein großartiger Schlagzeuger. Unglücklicherweise kam er im Alter von nur 21 Jahren bei einem Autounfall ums Leben. Wir haben ihm das Stück “446” gewidmet. Hör einfach mal auf das "This one's for Theo"… Jedenfalls machte dann “big Kev” das heutige Line-Up komplett.

Wo hast Du und Steve Euch kennengelernt? Ihr tretet immer so als Einheit auf, daß man meinen könnte, Ihr seid Freunde seit der Kindheit?
Wir haben uns kennengelernt, als wir so um die 14 waren. Er ging zwar auf eine andere Schule, aber er kam auch immer in den Jugendclub, wo wir uns trafen. Er zog auch irgendwann bei mir und meinen Eltern ein, als er zu Hause wegen seinem Aussehen rausgeworfen wurde. Wir haben in der Vergangenheit beide geheiratet und waren jeweils für den anderen der Trauzeuge und kennen uns sehr gut. Wir spielen jetzt 20 Jahre zusammen Musik. Daher passt alles so gut.

Ihr habt gerade ein wieder hier ein paar Gigs gespielt. Wie war´s? Es scheint so, als ob Ihr ganz gern hier spielt, so oft, wie Ihr wieder kommt.
Yeah, wir haben diesmal 2 Shows in Holland, 6 in Deutschland und einen in Belgien gespielt. Es war großartig, bis auf einen Gig, wo der Soundmann keinen blassen Schimmer hatte. Generell sind die Gigs in Europa wirklich geil im Vergleich zu denen bei uns zu Hause. Ich wünschte, hier würde die gleiche Mentalität herrschen, aber ich denke, wir sind auf einem guten Weg, hier in Groß Britannien.

Ihr seid ja wirklich häufig auf Tour. Macht Ihr noch was Anderes? Arbeiten gehen zum Beispiel. Oder ist Musik gänzlich nur Euer Hobby?
Wir gehen so oft auf Tour, wie es unsere Jobs erlauben. Ich bin selbständiger Fensterputzer und Kev ist Spraykünstler. Auch selbständig. Daher sind wir in der Lage immer dann irgendwo hinzufahren, wenn wir es wollen. Bei Steve ist es etwas schwieriger. Er arbeitet irgendwo und muss sich an vorgegebene Urlaube halten. Dazu hat er jetzt auch noch ein Kind und es wird immer schwieriger für ihn, auf Tour zu gehen. Aber Musik ist unser Leben. Wenn wir nicht auf Tour sind, arbeiten wir an neuen Songs, nehmen sie auf oder spielen irgendwo in England. Oder beantworten Interviews…

Ist denn letzteres so schlimm?
Nein, nicht alle. Es kommt nur immer alles auf einmal, wenn ich gerade so viel zu tun habe. Ich glaube demnächst stelle ich jemanden ein, der dann für mich in der Zukunft erledigt.

Ich finde, vom Aussehen und vom Sound seid Ihr sehr von “Old School”-Bands wie den SEX PISTOLS oder THE CLASH beeinflusst. Würdet Ihr das auch so unterschreiben und wenn ja - ist das beabsichtigt?
Viele Leute sagen das und wir fassen das als ein großes Kompliment auf, mit ihnen in einem Atemzug genannt zu werden. Aber ich glaube auch, daß wir etwas haben, was uns als Band einzigartig macht. Wir versuchen natürlich nicht nach jemanden Anderen zu klingen. Wir nehmen immer ein paar Sachen mit, greifen immer etwas auf, ohne zu wissen, was wir da im Moment wirklich hören, was immer das auch sein mag. Mit der Zeit glaube ich - Je mehr Du irgendetwas Dir Unbekanntes hörst, desto mehr entwickelst Du Deinen eigenen Sound. (Hoffentlich.)

Was hat Euch sonst noch beeinflusst?
Vieles von den alten Punkbands. Aber wir hören auch viel von dem 80´er Kram. Als ich 17 war, waren THE EXPLOITED meine Lieblingsband. Bei Kev waren es DISCHARGE und bei Steve wahrscheinlich CRASS.

Wenn ich heute noch manchmal an die englischen Bands denke, denke ich meist, daß sie nur noch Kohle machen wollen. Nichts mehr dahinter steht. Siehst Du das auch so? Jedenfalls freut es mich dann immer wieder, daß es dann Bands wie Euch gibt, wo noch richtig Leben auf der Bühne ist.
Ja, ich weiß was Du meinst. Es gibt Bands die nur noch so tun als wären sie das, was sie einmal waren, ohne noch den Glauben daran zu habe. Ich weiß, wir haben noch die Energie, weil wir das alles immer noch so meinen, wie wir es tun!

Politik ist ja im Punkrock immer eine heikle Angelegenheit. Wie wichtig ist Politik für Euch und inwieweit gehört Politik zum Punkrock?
Politik interessiert mich nicht. Ich traue keinem Politiker. Rein von Natur aus. Punk lässt Menschen nachdenken. Allein nur durch das Hören der Texte von mehr oder weniger intelligenten Bands können junge Menschen wesentlich mehr beeinflusst werden. Ich wurde z.B. mit 16 Vegetarier als ich VICE SQUAD gehört habe (und mir das verdammte Daft Tiger - Tattoo hab machen lassen wie Beki Bondage es trug. Sie war mein Held damals).

In Deutschland haben wir momentan eine ziemlich beschissene Situation. Niemand hat mehr Geld. Einsparungen überall und so weiter. Wie läuft es momentan in England ab? In den 80´ern hattet Ihr ähnliche Probleme. Wie habt Ihr die gelöst? Letztens habe ich irgendwo gelesen, daß unsere wohl neue Kanzlerin schon mit Maggie Thatcher verglichen wird und wohl auch ähnliches von ihr zu erwarten sei…
Ach, da kann ich Euch nicht helfen. Ich gehe nicht wählen und bringe mich auch nicht ein, weil ich noch keinen Politiker getroffen habe, dem ich vertrauen würde. Das heißt nicht, daß wir an nichts glauben oder keine Träume hätten. Wir haben nur realisiert, daß die Welt von Gier regiert wird. Und damit wollen wir nichts zu tun haben. Da gibt es andere Dinge. Zum Beispiel haben wir gerade einen Song auf einem Sampler veröffentlicht (übrigens bei jemanden aus Kiel), wo der Erlös dafür verwendet wird, die AZ´s dort zu unterstützen (Ich gehe mal davon aus, daß hiermit die Alte Meierei gemeint ist - Anm. d. T.). Das ist unsere gute Tat für heute. Haltet Ausschau nach Klownhouse Recordz und helft denen. Es gibt einfach ein Andres Leben, als das, was die Massenmedien zu kontrollieren versuchen.

Wie alt seid Ihr eigentlich? Ich hab auf Eurer Homepage gelesen, daß Eure Besten Gigs, die Ihr gesehen habt, in den frühen 80´ern waren. Demnach seid Ihr schon ein Weilchen dabei. Was, meint Ihr, hat sich seit den Anfangstagen so verändert. Musikalisch als auch vom Punk generell?
Also Steve und ich sind 39, Kev ist ein bisschen jünger. Wie sind alle mit Punk aufgewachsen. Das hat uns von Anfang an mitgerissen. Meine erste Berührung damit hatte ich mit der Plattensammlung meiner Schwester. CLASH, BANSHEES usw… Es hat mich einfach weggeblasen. Ich erinnere mich, wie ich Voices hörte (B-Seite von HONG KONG GARDEN) und es mir kalt den Rücken runter lief. Das hat wirklich mein Leben verändert und endete darin, daß ich mir SIOUXIES-Augen auf meine Schulter tätowieren ließ, daß sie ein Auge auf mich werfen konnte.
Es war alles ein wenig aufregender. Aber das hat, denke ich, eher was damit zu tun, daß wenn man jung ist und etwas das erste Mal ausprobiert es einfach spannender ist. Neues Territorium, unbekanntes Zeug….und so weiter….

Ihr habt verschiedene Sunderland Compilations herausgebracht. Wie kommt´s, daß auf Teil 2 und 3 nicht mehr nur Bands aus Sunderland dabei sind? Wie kann man sich die Punkszene dort vorstellen. Und wie sieht überhaupt momentan die Punkszene in England aus?
Wenn Du Dir die Dinger näher ansiehst, wirst Du feststellen, daß der zweite Teil "featuring Punk in Belgium" und der dritte Teil "featuring Punk in Europe" heißt. Ich konnte nicht immer wieder dieselben Bands mit drauf packen, also brauchte ich ein neues Motto. Die Geschichte der Szene in Sunderland und überhaupt im Nordosten Englands ist lang und momentan geht auch wieder was. Eine gute Band z.B. ist CRASHED OUT. Die sollte man sich merken. Dort spielt auch der großartige Bassist von den PITS mit. Myrtle nennt er sich, das möchte ich hier mal kurz erwähnen.

Wie gerade erwähnt, habt Ihr die Sunderland-Compilations veröffentlicht. Wollt Ihr damit besonders Eure lokale Szene supporten? Wie kam es dazu?
Die eigentliche Idee dahinter war einfach HOLY RACKET ein bisschen bekannter zu machen. Ich dachte, wenn die Fans der anderen Bands uns hören, würden wir vielleicht größere Aufmerksamkeit erreichen. Dann dache ich, daß ich vielleicht auch andere Länder da mit einbringen könnte und meine erste Wahl fiel auf Belgien, weil ich wusste, daß es dort viele großartige Bands und Menschen gibt. Als wir dann mit der Band weiter rum kamen und ich neue Freunde traf, wusste ich, daß ich das auch mit Europa machen könnte. Es ist wie, als wenn ein Schneeball den Berg runter rollt. Eins kam ins andere und je öfter wir irgendwo anders hinkamen, desto mehr neue Leute hat man getroffen…usw. Wenn Du jetzt sagst, ich würde unsere lokale Szene unterstützen wollen hast Du natürlich auch nicht unrecht. Aber meine „lokale Szene“ ist nicht allein Sunderland sondern ganz Europa. Ich habe Freunde in ganz Europa getroffen, die ich für nichts auf der Welt eintauschen wollen würde. Und ich weiß, wo immer wir auch mit unserer Band hinkommen, werden wir reich zurückkommen. Nicht im Sinne des Geldes. Sondern an Erfahrung und dem Gewissen, neue coole Leute kennengelernt zu haben, die genau dasselbe unterstützen und lieben, was du selbst tust.

Bis jetzt habt Ihr Eure Sachen immer selbst rausgebracht. Gab es nie ein interessiertes Label oder mögt Ihr es, die Kontrolle über alles selbst in der Hand zu haben?
Um ehrlich zu sein, haben wir es nie probiert. Punkcore Records aus den U.S.A. waren mal im Gespräch, weil uns Beano von Blood Or Whiskey (die haben da gerade frisch eine Platte draußen - Anm. d. T.) mal ins Gespräch gebracht hat. Er schien anfangs auch sehr interessiert. Letztendlich waren wir ihm zum damaligen Zeitpunkt aber nicht heavy genug. Er hat unser Zeug wirklich gemocht. Aber er hat uns erklärt, daß die amerikanische Jugend aus einem ganz anderen Gefühl aus etwas kauft. Wir könnten es uns jetzt einfach machen und sagen, ok, dann lass uns etwas Härteres machen. Aber das ist der Punkt, wo wir einen Strich ziehen. Wir lieben das, was wir tun und ziehen das durch. Auch wenn wir jetzt nie einen Plattendeal bekommen. Letztendlich können wir überall in der Welt spielen (Zeit ist nur das Problem). Wir verkaufen auch Merch und wissen, daß uns ein paar Leute mögen. Geld ist aber nicht der Motor von HOLY RACKET: Nur die Liebe zum Punk und das Zusammensein mit den Leuten, die wir so treffen.

Bisher habt Ihr immer nur EP´s veröffentlicht Warum niemals eine ganze Platte? Ist das vielleicht geplant oder denkt Ihr, daß das EP-Format der bessere Weg ist?
Keine Ahnung, was in der Zukunft passiert. Aber momentan gefällt es uns so am Besten. Wir haben6 oder 7 neue Songs, sind glücklich und gehen ins Studio. So einfach ist das. Ich bin allerdings auch von vollen Alben oft gelangweilt. Compilations mag ich da viel mehr.

Wie kam es dazu, daß Ihr jetzt noch mal den Song „Hiding in the city“ veröffentlicht habt?
Wir fanden nur, daß dies ein geiler Song ist, der aber noch viel besser klingen konnte. Nun sind wir sehr glücklich damit. Eines meiner Lieblingsstücke derzeit.

In Berlin hattet Ihr einen verhältnismäßig großen Merchstand. Fast wie bei einer Teenieband. Seid Ihr zu Hause oder sonst wo so beliebt, daß Ihr eine solch große Auswahl braucht?
Das ist, weil wir unser Zeug eben selbst in der Hand haben. Zusammen. Du gehst auf Tour, und versuchst Dich selbst „an den Mann zu bringen“. Also verkaufen wir auch Merch an Leute, die es kaufen wollen und unsere Shows mögen. Das ist eine normale Sache, daß sich die Leute an Dich erinnern und Deine Musik hören. Wir sind jedes Mal außerordentlich erregt, wenn wir jemanden sehen, der mit unserem rum rennt. Erfolg ist relativ. Wir sind einfach nur glücklich mit dem was wir tun, rumreisen, Leute kennen lernen und so weiter. Das Leben könnte einfach nicht besser sein.

War ja auch nur eine kleine Frage. So viele Shirts könnten aber vielleicht auch einen Grund haben. Zum Beispiel dieses "Racket Around The World" - Ding. Was steckt da hinter?
R.A.T.W. war eine Idee von mir, Leuten das Gefühl zu geben, Teil von HOLY RACKET zu sein und uns nicht nur auf der Bühne beobachten zu lassen. Die Leute, die zu unseren Konzerten kommen werden unvermeidlich Freunde und sie Sache wächst und wächst. Für uns ist es natürlich interessant, zu sehen, wo die Leute herkommen und hingehen. Es ist schon ein tolles Gefühl, wenn man weiß, daß die Leute im Urlaub an uns denken. Und natürlich gibt es den Leuten einen anderen Look, daß sie einfach cooler aussehen, als die anderen hässlichen Typen!

OK, das war´s dann aber auch. Eine Frage noch - was bringt die Zukunft? Ist irgendetwas geplant und wo können die Leute mehr über Euch erfahren?
Man kann auf unsere Homepage gehen. Die findet Ihr unter: www.holyracket.com. Demnächst stehen ein paar gute Konzerte an. Amsterdam ist das Nächstgrößere. Danach wollen wir uns ein bisschen Zeit nehmen und Songs für die nächste Veröffentlichung schreiben. Desweiteren arbeite ich am 4. Teil der Sunderland-Compilation - diesmal featuring „around the world“. Also wenn irgendwelche Bands da draußen interessiert sind, schreibt mir einfach.

Allright. Dann vielen Dank und bis bald wieder in Berlin - im Hostel…

mieschka | So., 03. Jul 2005 | Interview

DIE ROTE SUZUKI ist eine noch relativ kurz bestehende Formation aus dem Saarland, die vor kurzem Ihr Debüt-Album veröffentlicht hat. „Mit der Sonne im Rücken“ nennt es sich passenderweise. Denn wie mit einem Motorrad auf der Autobahn zu fahren, so erfrischend ist der Sound, der Euch da aus den Boxen entgegenplärrt. Keine Plattitüden, straighter Punkrock und 180 Pferde. Anfang des Jahres war Measy, Sänger der Band, der mit Alex von PASCOW den kleinen Mailorder TANTE GUERILLA betreibt in aller Munde, als er den Benefizsampler für die Flutopfer Südostasiens herausbrachte. Dass sie mit PASCOW oft in einem Atemzug genannt werden, liegt zum einen daran, daß die Bands aus derselben Gegend kommen und auch des Öfteren mal mit einander spielen (Natürlich nicht im Sandkasten, sondern auf der Bühne) und zum anderen daran, daß sie sich - zumindest musikalisch - nicht ganz unähnlich klingen. Etwas von ihnen hören könnt Ihr auf ihrer gerade frisch renovierten Internetseite. Etwas über sie erfahren, im Folgenden.

Morgen! Kurze Frage zur Einleitung. Wie konntet Ihr nur so ein geiles Album aufnehmen?
Measy: Nun, das haben wir so gemacht, wie`s andere auch machen….Im Studio. Wir waren in Köln und haben unter der Regie von Paul „Grace“ Smith (Dumbell/The Damagers…) aufgenommen und gemischt.
Tom: Mit viel Gefühl, Liebe zum Detail, 2 Liter Mayonnaise, Kippen, Bier und irgend so ´ner Sossenbinder-Theorie. Umrühren. Fertig!
Measy: Das war Remoulade!
Pope: Die Atmosphäre war während den Aufnahmen recht entspannt und mit Paul hatten wir einen sehr netten und fähigen Menschen hinter den Reglern, der uns immer wieder sehr nützliche Tipps geben konnte. Dies hat sicherlich nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass wir abschließend doch recht zufrieden mit dem Album sind.

Nee, mal ernsthaft. Für die Leute, die Euch noch nicht kennen. Erzählt mal was über die Bandgeschichte. Wann gegründet, Bands zuvor, Veröffentlichungen, Besetzungswechsel, Alter, Namen, Telefonnummer…
Measy: „Richtig zusammen“ proben wir seit Ende 2003/Anfang 2004, wenn ich mich da recht entsinne. Ernsthaft dann ab 2004. Anfangs waren das Tom, Pope, Delle und ich. Von Anfang an war klar, dass ich deutsche Texte wollte. Die anderen Jungs haben das zu Beginn sehr kritisch betrachtet, da keiner von ihnen etwas mit „Deutschpunk“ anfangen konnte und es eigentlich auch niemand von uns hört. (Bis auf ein paar Ausnahmen). Ich denke aber, dass das auch ein Grund dafür sein könnte, dass sich unsere Musik anders anhört. Wir machen Punkrock mit deutschen Texten - ohne Deutschpunkwurzeln.
Wir waren ständig auf der Suche nach einem zweiten Gitarristen und haben dann nach einigen Testpersonen Lars mit auf den Sattel genommen. So blieb es dann und wird es auch bleiben. Zuvor gab es ne Menge Bands bei jedem. Würde zu lange dauern, die hier aufzuzählen…

Ihr unterscheidet schon zwischen „Deutschpunk“ und „Punk mit deutschen Texten“. Also kann ich davon ausgehen, daß erstgenannter Begriff für Euch schon negativ behaftet ist?
Measy: Negativ behaftet, würde ich nicht sagen. Ich finde, wir unterscheiden uns schon vom Stil her vom „typischen“ Deutschpunk. Dabei denke ich auch an die alten Bands aus den 80ern. Wir sind auch weniger, wenn nicht sogar gar nicht plakativ. Das heisst, dass ich sehr sparsam mit politischen Parolen bin. Die typische Deutschpunkband ist meiner Meinung nach extrem politisch und der Wert der Texte steht ganz oben. Das finde ich ok, solange der Texter weiss, wovon er schreibt und das „Politische“ nicht aufgesetzt ist und nur das „Image“ der Band ausdrücken soll. Das gibt’s ja auch…
Tom: Ich glaube nicht, das wir das Zeug zur „Schlachtrufe- Liga“ haben, aber da hat auch keiner was gegen, oder …?

Euch gibt es seit anderthalb Jahren. Hat aber erst Ende letzten Jahres angefangen, live zu spielen. Habt Ihr Euch ein Jahr im Proberaum verkrochen, um an Songs zu werkeln? Wie habt Ihr Euch überhaupt gefunden und was war die Motivation, DIE ROTE SUZUKI zu gründen.
Measy: Lange gedauert hat es anfangs wegen mir. Das muss ich zugeben. Ich war damals noch Sänger in einer anderen Band, THE MOTONAUTICS. Da beide Bands in Trier probten und ich im Saarland wohne, war das für mich zeitlich oft ein Problem. Die Moto’s mussten wir dann auflösen, weil unser Basser nach Wiesbaden und der Drummer nach Saarbrücken ging, wo er jetzt ein eigenes Tattoo-Studio hat (Wilms Tattoos). Ab dem Zeitpunkt hatte ich mehr Zeit für die Suzuki und dann ging’s Schlag auf Schlag. Gefunden haben wir uns durch den Umstand, dass ich Pope und Tom schon länger kannte und Lars und Delle…Wie die dazukamen, das ist ne längere Geschichte….Ne Menge Zufälle. Ich denke, das war alles Schicksal…oder doch Zufall. Das weiss man nie.
Tom: Ja wenn man wieder mal so ne Phase hat, in der man versucht, wieder nach dem Sinn zu fragen und man die Option offen hat Musiker (?) zu sein, dann ist wohl ne Punkrockband in meinen Augen das Vernünftigste.

Ihr werdet ja oft in einem Atemzug mit PASCOW genannt. Woher rührt das? Ist Euch das genehm? Wo seht Ihr die Unterschiede und Gemeinsamkeiten.
Measy: PASCOW sind sehr gute Freunde von uns. Oft denken die Leute, ich wäre auch einer der Gebrüder PASCOW. Das hat damit zu tun, dass ich die Jungs schon lange kenne und schon oft mit PASCOW unterwegs war (Das dürfte dann mein Deutschpunkeinfluss sein…he he he). Klar ist das „ok“ für uns, mit PASCOW verglichen zu werden. Ich denke, ich spreche da für alle. Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu finden ist nicht einfach. Ich würde sagen, dass wir auf jeden Fall das Gemeinsam haben, dass wir unser Ding durchziehen, ohne auf die anderen zu schielen. Wir haben alles in der Hand und lassen uns von niemandem lenken oder beeinflussen. Musikalisch gibt es bestimmt Unterschiede. Die soll es ja auch geben, oder?
Pope: Es ist definitiv alles andere als beleidigend mit PASCOW verglichen zu werden. Die Band macht wirklich geile Songs, ist live ein verdammter Wirbelsturm und besteht aus sehr sympathischen Menschen, mit denen wir auch gut befreundet sind. Aber ich selbst sehe keine augenscheinlichen Ähnlichkeiten zwischen den PASCOW -Songs und unseren. Wenn das jemand anders einschätzt, dann soll mir das aber auch recht sein. Ich mag die Band sehr.

Ich sehe die Unterschiede vor allem darin, daß die Texte nicht ganz so vertrackt sind und alles ein bisschen rauer klingt. Wie entstehen Eure Songs? Wer zeichnet sich für die Texte verantwortlich? Bringen sich da alle ein, oder bleibt das an einem „hängen“?
Measy: Meistens kommt ein Stück so zustande, dass Delle einen Song oder ne Idee bringt und dann jeder seinen Senf dazugeben kann. Es gibt auch Songs und Teile, die von Lars sind. Dann kommt der Text. Die Texte sind alle von mir, wobei ich auch gerne Ideen und Anstöße der anderen annehme. Mir ist vor allem wichtig, dass der Text direkt rüber kommt - durch die Boxen in den Kopf. Versteht es jemand nicht, macht er sich hoffentlich Gedanken darüber, was ich meinen könnte…und entwickelt vielleicht sogar eine eigene Idee dazu. Man sollte zwischen den Zeilen suchen und manchmal auch das Augenzwinkern entdecken. Stumpfe Parolen gehören nicht zu unserem Treibstoff. In der Regel gehe ich davon aus, dass der Zuhörer intelligent genug ist, zu merken, was politisch „richtig“ und „falsch“ ist und wer „der Feind“ ist.
Tom: Measy ist schon ein ganz guter „Gossen Poet“. Das hat sich für uns allerdings erst nach den Aufnahmen herausgestellt. Unsere damalige „Gesangsanlage“ (Gittaren-übungs-amp-für Anfänger) ließ halt ab und zu mal einen Wortfetzen durch und da kann ich auch für den Rest der Band sprechen, dass da nicht viel rüber kam. Dafür waren wir nach den Aufnahmen umso mehr beeindruckt.

Und woher stammen Eure meisten musikalischen Einflüsse? Also mal Bandmäßig gesehen.
Measy: Bei mir war das auf jeden Fall der Punk/Hardcore der 80er. Als die anderen Kids auf Melodycore abfuhren, hab ich lieber BLACK FLAG, CIRCLE JERKS, URBAN WASTE, MINOR THREAT usw. gehört und bin geskatet.
Tom: DIE ÄRZTE (ohne rot zu werden), SICK OF IT ALL, DACKELBLUT und McLUSKY waren ganz wichtig, aber auch die SPERMBIRDS, RAMONES usw.
Pope: Angefangen hat alles mit den RAMONES! Das ist auch immer noch die Band, für die ich am meisten Herzblut lasse. Ach ja... und da waren dann noch MINOR THREAT, GANG GREEN, DESCENDENTS, MISFITS, PETER & THE TEST TUBE BABIES, NoFx, SPERMBIRDS, DK, RANCID, NEW BOMB TURKS, TOY DOLLS usw.
Delle: Jo, das kann man so stehen lassen mit, DESCENDENTS vielleicht fett unterlegt, dazu dieser ganze Crypt-Kram, die ersten BLACK-FLAG-Aufnahmen vor Rollins waren sicherlich auch sehr prägend. Ohnehin alles amerikanische aus der Zeit. Natürlich auch der Einfluss der lokalen Bands, wir sind ja fast alle Saarfranzosen...

Ich hätte fast geschworen, daß Ihr in der letzten Zeit, beim Entstehen der Songs, ziemlich viel skandinavisches Zeug gehört hättet…
Measy: Ich finde, es gibt ne Menge super Bands da oben. Aber auch viel Schrott…. Skandinavien beeinflusst uns eher nicht.
Pope: Ich persönlich finde einige Bands aus Skandinavien sehr herausragend. Allerdings denke ich nicht, dass es einen einheitlichen skandinavischen Sound gibt. TURBONEGRO, RANDY, NINE, REFUSED, GLUECIFER und wie sie alle heißen sind großartige Bands. Aber keine von denen klingt wie die andere. Insofern weiß ich nicht, wie man unseren Songs etwas Skandinavisches anhören kann.
Delle: Also ich hatte wie ab 95 mit Melody-core, so ab 99 einfach keine Nerven mehr für sowas, weil ichs davor einfach übertrieben hab. Gründe für diesen Überdruss kamen beide Male aus Schweden.

Measy, Du betreibst sogar eine kleine Firma. TANTE GUERILLA. Wie kam es dazu? Im letzten und diesen Jahr warst Du auch in aller Munde, als Du diesen Sampler für die Flutkatastrophe in Südostasien gemacht hast…
Measy: Den Tante Guerilla - Mailorder mache ich zusammen mit Alex von Pascow. Es kam, wie bei mir meistens: Durch Zufall. Ich lernte Alex durch seinen Bruder Ollo kennen und war damals gerade dabei mich umzuorientieren. Ich zeichnete und malte viel und wollte Kunst studieren. Alex hatte zu der Zeit gerade Kidnap Music, als Plattenversand und Bauchladen am Laufen. Wir unterhielten uns über die Sache, verstanden uns gut und 2 Wochen später war unser erster kleiner Shop im Internet….mit eigen designten Shirts (Die dürften Mittlerweise sehr rar sein) und Band-Shirts usw… Die Sache mit dem Sampler war für uns selbstverständlich. Wie die Idee zustande kam, kann man ja auf der CD und der Webseite www.tanteguerilla.com/newdayrising nachlesen. Es gibt übrigens noch ein paar letzte Exemplare!

Suzuki, „Ihr seid Japan, wir sind Godzilla“. Was verbindet Euch mit dem Land. Und inwieweit beschreibt Euer Bandname eigentlich Euer Machen und Tun?
Measy: Mit Japan an sich verbindet mich, dass ich das Land schön und die Menschen interessant finde und die Liebe zur Tätowierkunst. Selbst dort war ich noch nicht. Das wird aber noch kommen. Die Band verbindet eigentlich weniger mit Japan…Wir sind ja auch Godzilla. Der Name beschreibt unser Tun direkt: Rot, schnell und laut.
Tom: Krachen muß es, und zwar deutlich.
Pope: Na ja, wir konnten uns zunächst nach unsäglich vielen Vorschlägen auf keinen Namen einigen. Dann kam eines Tages Measy zur Probe und pries uns 'die rote Suzuki' an. Damit wir unsere obligatorische Falaffel nach der Probe wieder ohne hitzige Namensdiskussionen genießen konnten und weil wir die Namensgebung auch recht treffend fanden blieb es dann dabei.
Measy: Ja…Die Pavers haben auch was damit zu tun…
Delle: Japan ist einfach das einzige Land, das noch degenerierter ist als die USA...kuck Dir mal dieses ganze Takeshi-Desaster an.
Measy: Ja. Die sind verrückt!

Relativ frisch ist jetzt auch Eure Internetseite an den Start gegangen. Bekommt Ihr schon viel Feedback?
Measy: Ich würde sagen, dafür, dass wir wie der Löwenzahn durch die Strasse kamen und einfach mal da sind, ist das Feedback bisher ganz ok. Die Internet - Seite ist gerade in neuem Gewand passend zum Album im Netz…
Tom: Ein Paar Rezensenten scheinen uns doch sehr zu mögen… hätte nie gedacht das wir je für gut befunden werden. Ich für meinen Teil merke jedes Mal erneut, wie groß die Kluft ist zwischen eigener Kritik und der von außen, aber das nimmt einem auch keiner ab.(alles muß man selber machen…)

Aha. Und was bemängelt Ihr so an Euch selbst?
Measy: Ich hab an uns nichts zu bemängeln… Wäre das so, würden wir was ändern. Wir sind eben etwas chaotisch. Das ist aber kein Mangel.
Tom: Ja, 5 Genies die das Chaos beherrschen. Wahnsinn oder?

So, und was ist jetzt so in Zukunft geplant? Seid Ihr so eine „Platte-Tour-Platte-Tour“-Band? Oder geht Ihr das relativ gelassen an?
Measy: Genaue Planungen gibt es nicht. Wir werden auf jeden Fall im Herbst mit PASCOW unterwegs sein. Österreich und die Schweiz sind da im Gespräch. Anfang kommenden Jahres werden wir in der Osterzeit wohl Deutschland in Angriff nehmen. Das wünsch ich mir jedenfalls so. Dieses Jahr wird es nur „einzelne“ Konzerte geben.
Delle: Zusätzlich gründen wir bald eine Suzuki-Lottotip-Gemeinschaft, damit alle unnötigen anderen Termine endlich mal unter den Tisch fallen, oder besser von unserem Nightliner überrollt werden.

So, und für unsere Berliner ganz wichtig - Wann verschlägt es Euch denn mal hierher?
Measy: Wir sind allzeit bereit und freuen uns über jede Anfrage. Sobald Berlin bereit für uns ist, rollen wir an!
Delle: Wird aber auch Zeit, dass die ganzen Panzersperren vor den Botschaften endlich mal abgebaut werden.

Gut, dann danke ich Euch vielmals für das Beantworten der Fragen und wünsche Euch noch viel Erfolg…
Measy: Wir danke auch Dir fürs Interesse! Und vielleicht bis bald in Berlin!
Kategorie: Punkrock | Autor: mieschka

mieschka | Di., 28. Jun 2005 | Interview

Die Österreicher Ska-Punk-Formation JAN FEAT. UDSSER ist mir eigentlich schon seit längerer Zeit ein Begriff. Nur kam ich bisher nie dazu, mal was Hörbares von ihnen in die Finger zu bekommen. Und ich hab mich ewig gefragt, wofür denn das UDSSR steht… Dabei sind sie zurzeit auch in aller (österreichischer) Munde. Läuft doch als Hintergrundmusik in einem Werbespot für einen großen Mobilfunkanbieter ein Song, der vor kurzem auch noch als Single veröffentlicht wurde. Anfang diesen Monats bekam ich nun endlich mal die Chance dazu, sie live zu sehen, weil der Ben von AN´NA NADEL RECORDS zusammen mit seinem Bruder Geburtstag feierte und dies auch mit netten Bands teilen wollte. Da sich JAN eh gerade auf Tour befanden, lag es nahe, sie gleich mit in die SUPAMOLLY zu Berlin einzuladen, da man eh schon seit längerer Zeit in Kontakt steht. Für mich wiederum bestand die Möglichkeit die Herren (Trompeterin Julia war leider krank) mal die ein oder andere Frage zu stellen. Und hier findet Ihr das Ergebnis…

Stellt Euch doch mal vor. Wer seid Ihr (Musiker), Bands zuvor, kurzer Abriss der Bandgeschichte, wann gegründet, Vö´s, Besetzungswechsel...
N: Ja, erst einmal Hallo. Ich bin der Nickl. Ich spiel die Gitarre bei JAN feat. UDSSR. Ich hab vorher schon mal bei einer Punkrockband Gitarre gespielt. Der Name war BSE. Da gibt es aber wohl andere auch. Wie ich jetzt auch gesehen habe, in Deutschland. Mit denen habe ich aber nichts zu tun…
F: Ja, ich bin der Florian. Und weil der Nickl schon unsere ganze Lebensgeschichte erzählt hat, werde ich mich kurz fassen. Ich spiele auch Gitarre und singe ein bisschen.
S: Ich bin der Stocki. Ich spiel Bass. Und kurz zur Bandgeschichte vielleicht. Wir haben uns im Jahr 2000 gegründet. Haben bis jetzt 3 Tonträger veröffentlicht. Ein Album und 2 Singles.
N: Die haben wir selbst veröffentlicht. Ein Mini Album mit 8 Lieder. Eine EP, mehr oder weniger, mit 4 Stücken. Und eine Single, die ist…naja, eher zusammengewürfelt.
F: Ja den Rest der Band, die werdet Ihr später kennen lernen. Die kommen dann nachher und lösen uns ab.

Aber Ihr hattet schon mal einen anderen Sänger gehabt. Also Besetzungswechsel gab es schon…
F: Ja, wir hatten zwei Besetzungswechsel hinter uns. Also Schlagzeug und Stimme ist ausgetauscht worden. Aber es war so, daß wir freundschaftlich auseinander gegangen sind. Das war nie im Streit. Der neue Sänger ist der Andi, der dann auch gleich kommt. Der ist ca. seit anderthalb Jahren dabei. Und der Chris, unser neuer Drummer ist seit August 2004 dabei. Also ein knappes Dreiviertel Jahr jetzt.

Heute seid Ihr mal wieder in Berlin. Wie kommt´s? Habt Ihr eine neue Platte draußen? Mögt Ihr die Stadt?

N: Naja wir haben eigentlich nicht wirklich was Neues draußen. Wir mögen halt einfach die Stadt und das Touren. Und so kommt es eben, daß wir jetzt in Deutschland anderthalb Wochen unterwegs waren und heute eben Station in Berlin machen.

Organisiert Ihr das alles selbst, oder habt Ihr da Hilfe (gehabt)?
N: Naja. Wir haben Hilfe aus Berlin. Teilweise wurde das selbst und teilweise aus Berlin organisiert. So läuft das bei uns in Deutschland. Früher haben wir das selbst gemacht. Mittlerweile - Gott sei dank - mit Unterstützung.

Generell seid Ihr aber auch schon viel herumgekommen. Dann die Platten und so weiter - bleibt da noch Zeit für was Anders? Schule, Studium, Arbeit...?
N: Also Arbeiten lässt sich leider nicht vermeiden, weil man ja auch die Miete und ähnliches zahlen muss. Aber daneben bleibt leider relativ wenig Zeit. Also wir machen alle irgendwie unsere Jobs und nebenbei die Musik und das war´s auch schon wieder.
S: Und wir opfern alle unseren Urlaub für die Band.
F: Obwohl. Ich mach das eigentlich eher umgekehrt. Also erst die Musik und nebenbei den Job.

Bisher waren das alles Eigenproduktionen, die Ihr gemacht habt, oder? Gibt es Aussichten auf ein Label? Wie sieht es da aus in Österreich? Oder gerade auch in anderen Ländern... Ihr kommt doch viel rum...
N: Puh. Das ist eine schwierige Frage. Also in Österreich ist jetzt zum Beispiel diese Single schon auf einem Vertrieb. Die haben wir allerdings „Gott dank“ selbst produziert. Mehr oder weniger. Man hat uns aber den Vertriebsweg zur Verfügung gestellt. In diesem Fall war das Trost Records. Aber wir haben bei denen jetzt keinen Plattenvertrag oder sind bei denen auf dem Label. Der hat schon Bands, die da fix dabei sind. Aber er leiht uns eben seinen Vertriebsapparat, um diese Single in Österreich zu vertreiben. In anderen Ländern gibt es immerhin noch einen Vertrieb.
F: Wir müssen mal schauen. Wir werden hoffentlich in nächster Zeit eine neue Platte aufnehmen und da müssen wir mal schauen, was wir mit dem Teil dann machen.
N: Also es ist schon so, es gibt immer wieder mal Interessen, aber ohne Material gibt es da keine fixen Zusagen.

Eure Songs sind of sehr politisch. Und Ihr selbst seid zum Teil auch Veganer. Erinnert mich ein wenig an ZSK... Gibt es da Kontakte und woher nehmt Ihr Eure Inspiration für Eure Songs?
N: Also zuerst - es gibt durchaus Kontakt zu ZSK. Also die Jule, die jetzt nicht dabei ist, hat auf jeden Fall Kontakt zum Joshi von ZSK. Und zu dem, wo wir unsere Texte hernehmen…
F: Brauchst Du nur die Augen aufzumachen. Auf der Welt passiert so viel, was wirklich nicht ok ist und da fällt Dir schon genug ein, worüber Du Texte schreiben kannst. Brauchst Du nur die Zeitung aufschlagen oder Fernsehen aufdrehen.

Wer schreibt die Texte bei Euch? Wie entstehen bei Euch die Songs? Machen da alle mit, oder bestimmt da einer was, wo es lang geht?
A: Die alten Texte hat grundsätzlich Schnee (alter Sänger) geschrieben. Heute ist es ziemlich unterschiedlich. Es hat eigentlich schon fast jeder geschrieben, allein oder in kleinen Gruppen, was ziemlich langwierig sein kann, wenn wir zwei stunden über ein Thema diskutieren und eine Textzeile schreiben... Die meisten Grundideen für neue Lieder kommen von Flo und Nickl. Irgendwie versuchen wir dann im Proberaum daran weiterzuarbeiten, mit der Regie von denjenigen der die Grundidee geliefert hat.

„You have a friend“.... Das ist wohl momentan die am Meisten von Euch beantwortende Frage... Wie kam es aber eigentlich zu dieser Aktion? Gab es da Beziehungen? Wie sind die Leute auf Euch gekommen?
N: Wegen dem Werbespot, ja? Das war so, die haben uns angerufen. Die haben eine Band gesucht. Da ging es eher um die Musik. Ich glaube nicht, daß sie sich da für unsere politische Meinung interessieren. Die brauchten einen Skapunk-Song für ihre MobilCom - Werbung und da haben sie uns eben angerufen. Wir haben uns lange überlegt, ob wir das machen oder nicht. Und dann haben wir das eben gemacht.

Wisst Ihr von anderen Bands, die vielleicht auch angesprochen worden sind? Oder seid Ihr DIE Skapunk-Institution Österreichs?
F: Inwieweit jetzt andere Bands angesprochen worden sind, wissen wir nicht. Ich meine, es gibt in Österreich nicht so viele Skapunkbands.
N: Sie hätten, glaube ich, schon noch eine andere Option gehabt, aber die hatten da wohl auch kein Interesse oder…
F: `Ne lustige Sache vielleicht. Es war am Anfang, glaube ich, geplant, das Ganze mit Metal zu machen. SLAYER oder so. Also das war so die ursprüngliche Version. Und die haben dann irgendwie umgeplant. Weiß nicht, irgendwie sind sie dann auf uns gekommen.

Und habt Ihr darauf jetzt auch irgendwie Reaktionen bekommen. Also vielleicht solche, die Ihr Euch erhofft habt, nämlich, daß andere, fremde Leute auf Eure Musik und Eure Inhalte aufmerksam werden?
N: Sowas gibt es immer wieder. Jetzt nicht in dieser großen Dimension, daß jetzt wirklich was passiert ist. Aber im Kleinen passiert das natürlich immer wieder, daß Leute uns ansprechen. Oder wir eher im Gespräch nach den Konzerten bei den Leuten was bewirken können. Also im kleinen Rahmen. Also Leute, die dann halt sagen, ein paar Monate später - „Du ich bin jetzt auch Vegetarier“ oder so ähnlich.

Naja. Ich meinte speziell durch den Spot, daß Leute erstmal direkt auf EUCH stoßen. Das mal wer gefragt hat - „Hey, wer ist eigentlich die Band, die den Song da zu diesem Spot beigesteuert hat?“.
N: Ja, natürlich gab es da auch Reaktionen drauf. Das hat sich schon bemerkbar gemacht, daß durchaus Leute auf die Musik und die Band aufmerksam wurden.

Ihr habt Euch im Vorfeld viele Gedanken darüber gemacht, das Ding jetzt mitzumachen und habt Euch dann dazu entschlossen, einen Teil des Erlöses aus dem Spot zu spenden. Gibt es da jetzt mittlerweile Projekte, die diese Hilfe genießen konnten?
N: Ja!
F: Ja, ist schon komplett abgeschlossen.
N: Das ist abgeschlossen, ja. Das waren drei Projekte. Erstens war das das „Haus Stephan“. Das ist eine Behindertenwerkstatt und ein Wohnheim im Südburgenland. Das liegt ganz östlich in Österreich. Das zweite war in Wien die „Ute Bock“ (www.fraubock.at). Das ist ein Pensionistin, die mehr oder weniger eine Organisation gegründet hat. Die stellt für Asylanten, schwarzer Hautfarbe Wohnungen zur Verfügung und versucht sie in die lokale Bevölkerung zu integrieren. Damit sie Jobs kriegen und keinerlei Probleme bekommen. Weil es in Wien einfach ein großes Drogenproblem gibt und da sehr oft auf Schwarze „hingezielt“ wird von der Polizei. Von der Exekutive her. Da schaut sie hin, daß sie auf keinen Fall abrutschen, gibt ihnen eine Wohnung. Weil sonst hast Du echt teilweise in Wien kaum eine Chance. Und das dritte Projekt…
S: Subrising Graz (http//bewegungsmelder.widerstand.org)…
N: Das Subrising in Graz, genau. Das ist einerseits ein anarchistischer Buchladen oder ein linkslinker Infoladen und ein Veranstaltungsraum, die das jetzt neu übernommen haben, von den alten Besitzern. Mit sehr viel Schulden. Und da aber keinerlei Möglichkeit besteht da das Geld schnell aufzutreiben… Das deckt zwar nicht die ganzen Schulden, was wir da spenden konnten, aber ein Teil macht es vielleicht schon mal leichter.

Und hat das jetzt vielleicht ein bisschen geholfen, den Leuten, die Euch - gerade auch wegen des Werbespots - mit Kommerzvorwürfen belasten, ein wenig zurückzustecken. Oder den Leuten alles so zu erklären, daß sie es auch verstanden haben?
F: Ich glaube es gibt manche Leute, die wollen es gar nicht verstehen. Da spielen viele Faktoren zusammen. Teilweise ist sicher der Kommerzvorwurf da. Dann ist es vielleicht auch manchmal Neid. Von anderen Leuten, die vielleicht nicht dafür ausgewählt worden sind. Ich meine, man kann sich sowieso nicht nach dem richten, was die anderen Leute sagen. Sonst wirst Du nie Deinen eigenen Weg gehen können.
N: Ja kritisiert wurden wir bestimmt dafür. Auch nicht z wenig. Aber ich denke mal, wir haben uns dafür entschieden und nun müssen wir halt einfach auch damit leben. Es war natürlich im Vorfeld klar, daß in die Richtung Reaktionen kommen werden. Wir sind eine politische Band und machen Musik für Werbung… (lacht).

Gut. Großer Wechsel. Kommen wir zum lockeren Teil des Interviews. Meine Frage erstmal - Wie sieht es denn in der Punkszene in Österreich aus. Was gibt es so alles an Läden, Bands, Konzerte, Fanzines. Gebt mir doch mal einen Überblick… Inwieweit konsumiert Ihr das oder bringt Euch gar ein?
M: Also zum Thema Fanzines. Ich glaube da arbeiten wir alle überall mit, was es so gibt in Österreich. Aber das ist halt nicht sehr viel.
A: Das ist so Deutschland dividiert durch 100 oder so und, ja, da bleibt nicht viel übrig. Überall wo es was zu machen gibt, da machen wir halt mit oder wen man ein neues Fanzine gründen will, da helfen wir natürlich gern mit. Ne CD beilegen, wenn jemand ein Fanzine kauft oder so. Da probieren wir schon zu helfen.

Aber so schlecht ist das ja nicht, wenn die Szene klein ist. Dann ist das wenigstens überschaubar und man kann sich untereinander helfen. Seht Ihr das auch als Vorteil?
A: In Österreich ist die Szene schon relativ klein. Man kennt dann jeden und es ist sehr familiär fast schon. Aber das ist auch recht angenehm.

Zu Österreich fällt einem natürlich sofort die ERSTE ALLGEMEINE VERUNSICHERUNG oder der Haider ein. Aber es gibt natürlich sicher auch mehr Nennenswertes. Was könnt Ihr denn dem typischen Fanzineleser noch so über Österreich erzählen, ja ihm das Land ein wenig schmackhaft machen…
A: Schmackhaft. O.k. Ich wollte gerade „Tschüssel“(?) sagen. Aber das ist nicht schmackhaft.
M: Das fällt weg.
C: Smackhaft. Die Süßigkeiten vielleicht. Aber auf politischer Ebene jetzt mal gesehen gibt es nicht allzu viel, was man jetzt positiv bemerken kann.
A: Aber das Land ist schön. Es gibt viele Berge. Man kann gut Ski fahren.
M: Kennen die Deutschen doch eh.

Ihr bekommt ja auch viel Unterstützung von einem gewissen Latti. (Lachen allerseits)
Der macht ja auch viel für die „Punkszene“. Warum ist der heute nicht dabei? Wer unterstützt Euch noch so alles? Und wer ist eigentlich dieser Latti?
M: Da hast Du was verpasst. Selbst ein Latti muss manchmal arbeiten. Ich denke mal, daß er deswegen nicht da ist. Derführt jetzt mit einigen Freunden von ihm gemeinsam in Wien einen kleinen Punkplatten- und Punkkleidungsladen. Der heisst „Austria-Sozial-Streetwear“, glaube ich.
A: Genau. Mit allem drum und dran. Mit Fanzines und allem Möglichen.
C: Günstige CD´s und so.
M: Aber der Latti, würd ich sagen, ist auf jeden Fall das österreichische Punkrock-Urgestein. Den kennt jeder bei uns in Österreich und er kümmert sich um ziemlich viel und ist auch ziemlich dahinter, daß da was weitergeht.
C: Er veranstaltet Konzerte in Wien und so weiter.

Und wir der Laden angenommen? Was gibt es da an Platten? Auch Österreicher Bands? Was mich auch interessieren würde - welche Bands aus Österreich könnt Ihr denn mir und unseren Lesern empfehlen?
A: Also in Graz gibt es ein paar sehr gute Bands. Zum Beispiel RED LIGHTS FLASH. Die sind ziemlich gut und waren auch schon einige Male in Deutschland….

Das ist doch die erste nichtamerikanische Band überhaupt auf dem ANTI-FLAG Label…
A: Genau. Da gibt es kommt auch teilweise aus Deutschland so was wie: „Oh - Warum gerade aus Österreich, die einzige europäische Band…!?!“ und so. Aber ich finde die sehr gut und es ist doch eigentlich scheißegal von woher die sind. Die sind jetzt nun mal zufällig aus Österreich…. Ja, dann gibt es noch die ANTIMANIACS zum Beispiel, die in England relativ groß sind. Waren, glaube ich, auch schon in Deutschland.

Dann gibt es da aber noch älteres. Ich glaube letztes Jahr war das. Da habe ich eine Platte von DIE BÖSLINGE bekommen. Ist das eine ganz andere Szene als die in der Ihr Euch bewegt. Gibt es da noch Kontakte…?
M: Naja, es gibt relativ wenige, lose Kontakte. Es ist, sage ich mal, die ältere, richtige Punkrockschiene und weniger das, was wir machen.

Kapselt man sich da selbst voneinander ab?
M: Nein, nicht beabsichtigt. Aber da ist auch ein bisschen dieser Generationenunterschied da. Man trifft die Leute eben nicht auf Konzerten oder so. Oder selten. Weil sie halt doch schon älter sind als wir um zehn Jahre oder so. Und deshalb kommt es eben nicht so zu engen Kontakten.

Ist da aber vielleicht so eine Band oder Bands, durch die man vielleicht selbst zum Punkrock gekommen ist? Oder waren das damals bei Euch ganz andere Einflüsse, Euch in diese Richtung zu bewegen?
M: Bei mir waren das, also ich kann jetzt nur für mich sprechen, kaum österreichische Bands. Sondern eher deutsche. Sowas wie WIZO oder Sachen in diese Richtung.
A: Es gab in Österreich früher relativ wenig. Es wird jetzt immer mehr. Aber früher gab´s ja kaum was. Wir waren, glaube ich, die erste Skapunkband von Österreich, oder?
C: Naja. Einer der ersten jedenfalls.

Und an Konzertorten. Wird das jetzt auch immer mehr?
A: Naja. Es wird schon mehr. Aber es ist immer noch schwierig, zum Beispiel unter der Woche, in Österreich Konzerte zu spielen weil die Szene eben sehr klein ist und kaum Leute unter der Woche auf Konzerte gehen. Am Wochenende ist schon mittlerweile viel los. Es gibt in Wien einige Sachen. Auch in Graz.
C: Ich glaub, das baut sich mittlerweile kontinuierlich auf. Es wird immer größer.
M: Es ist ja auch der Anteil nicht so gering, würde ich sagen, an der Musik, die wir machen. Nur gibt es generell in Österreich einfach nicht so viele Leute. Du hast Wien als einzige wirklich große Stadt. Dann gibt es noch Salzburg, Graz, die einige Hunderttausend Einwohner haben und das ist es schon. Da ist es klar, daß Du bei 3 größeren Städten nicht täglich Konzerte spielen kannst.

Das hat doch aber auch so was Gutes. So was Junges. Da ist vielleicht noch nicht alles so fest gefahren. Innerhalb der Szene. Man kann noch vieles ausprobieren. Sachen verbinden (Hip Hop o.ä.), die hier in Deutschland zum Beispiel gar nicht (mehr) möglich sind. Seht Ihr das auch so? Oder gibt es trotzdem genug „Szenepolizisten“, die einem sagen, was Punkrock ist du was nicht?
A: Wenn diesbezüglich alles perfekt wäre bräuchten wir das Lied „You have a friend“ wohl in Ö nicht mehr zu spielen. Das Lied behandelt ziemlich genau diese Problematik. Es ist zwar in Österreich nicht so schlimm wie in Deutschland, aber mensch merkt immer mehr, dass sich Gruppen bilden, die andere kategorisch ausschließen.

Ihr singt ausschließlich auf Englisch? Warum? Habt Ihr auch schon mal deutsche Texte versucht?
M: Nicht mit dieser Band. Wir haben teilweise noch andere Bandprojekte, da singen wir auch deutsch. Aber mit J*A*N nicht.

Wie geht es jetzt in Zukunft mit Euch weiter? Ich habe gehört, seit Langem ist Euer zweites Album geplant...
A: Wir sagen keinen Termin mehr, weil der eh nicht eingehalten wird. Wir planen, daß wir das dieses Jahr noch schaffen. Es soll im Sommer mit Preproduction starten. Und dann schauen wir mal weiter, was daraus wird. Aber wir planen, daß es noch dieses Jahr fertig wird.
M: Und damit noch anschließend auf Tour zu gehen in Deutschland, Österreich und England vielleicht.

So, wart Ihr denn mittlerweile auf Eurem 70€ - Queen Konzert?
M: War ich. Gemeinsam mit dem Nickl. Ja es war doch total nett.70 Euro ist zwar viel Geld. Aber für mich war es so die Entscheidung - Entweder ich kann´s mir jetzt nie wieder ansehen oder halt verstümmelt und tuer. Aber ich geh da schon mal Kompromisse ein.
A: Es war ja so, daß sie 4 Karten gekauft habt und 2 dann bei eBay verkaufen wolltet, um den Preis wieder reinzubekommen.
M: Ja, wir hatten gehofft, daß wir sie teurer verkaufen können. Das hat dann leider nicht geklappt. Wie haben sie dann aber - Gott sei Dank - zum Normalpreis angebracht.

Was waren denn überhaupt so Eure ersten Konzerte, die Ihr erlebt habt?
M: Puh. Das ist lange her. Also mein ganz erstes Konzert war, glaube ich, die von Dir vorhin angesprochene EAV. In der Wiener Stadthalle vor etwas 20.000 Leuten oder so. Und ich war totaler Fan von denen.

Wie sieht es mit denen denn eigentlich in Österreich aus. Ich mein. So unpolitisch sind die ja gar nicht, so wie sie in Deutschland immer vermarktet worden sind. Wie sehen die Österreicher denn selbst die Band?
M: Ich glaube, sehr viele sehen das auch so. Also als Spaßmusik. Aber wenn man sich die Texte durchliest und sich ein bisschen genauer mit ihnen beschäftigt oder zuhört, merkt man schon, daß da durchaus etwas Kritik dahinter steckt. Ich glaube, das ist ziemlich geschickt aufgezogen, indem sie das Ganze in einen - ich sag das jetzt mal - sarkastischen Ton gebracht haben. Das eben viele Leute denken - das ist lustig. Das kann ich mir mal so nebenbei anhören... Aber das durchaus Themen behandelt werden, die eigentlich keinen witzigen Hintergrund haben… Aber wie gesagt, wenn man dann mal genauer hinhört, wie es halt so oft ist, daß man im ersten Moment den Eindruck von irgendwas hat und man dann eben genauer hinhört, merkt man, daß es eigentlich ganz anders gemeint ist.

Kann man dann sagen, daß die Band vielleicht sogar ein bisschen wichtig ist für die österreichische Musikszene…?
A: Also für mich schon.
M: Ja, finde ich schon. Kennt ja jeder in Österreich.
C: Weil es doch ziemlich viele Leute kennen und es dann doch immer wieder wie ein Aushängeschild ist. Genauso wieder FALCO zum Beispiel, der sehr bekannt war. Und das ist halt irgendwie immer trotzdem gut. Auch wenn man sich jetzt nicht direkt in dieser Musikrichtung bewegt. Aber die Leute werden dann einfach wieder aufmerksam - Aha, von den Ösis kommt dann doch mal wieder was, was man sich anhören kann. Das ist gar nicht so schlecht, glaube ich.

Gibt es bei Euch „Österreich sucht den Superstar“?
C: Ja gibt es auch. Oder gab es.
M: Das heißt bei uns „Starmania“. Überfällt Euch auch gerade in Form von CHRISTL STÜRMER, die Ihr hoffentlich nicht allzu oft hören müsst.

So, dann noch die übliche Frage nach dem aktuellen Lieblingsalbum im Tourbus.
Alle: Sampler.
A: Selbstzusammengestellte Sampler mit Klassikern, abwechslungsreicher Musik. Nennen wir es mal so. Ist alles dabei.

Und ganz viel RX-BANDITS? (Angesprochen auf das T-Shirt, welches gleich zwei Bandmitglieder trugen - Anm. d. T.) ;-)
C: Ich glaube sogar nur ein Lied.
M: Jetzt momentan nicht. Aber die waren schon teilweise auf High Rotation bei uns.
A: Aber im Bus hören wir eigentlich nicht so das, was wir normalerweise hören, sondern mehr Spaßmusik. Wenn Du 5 Stunden im Bus sitzt. Da muss irgendwie Lockerheit da sein. Da stellen wir uns eben lustige CD´s zusammen.

Ja, dann war es das von meiner Seite aus erstmal. Aber Ihr habt doch sicher noch eine Homepage, die Ihr ankündigen wollt…
A: Ja genau. Die lautet: www.janfeatudssr.com

Ja, dann viel Spaß noch heute Abend. Und ich hoffe, in Zukunft noch viel von Euch zu hören...

Andi - Gesang
Flo – Git
Nickl – Git
Stocki - Bass
Christian – Drums
Muus – Trump
Julia – Trump
Matz - Tromb

mieschka | Fr., 24. Jun 2005 | Interview

21.6.2005, Fête de la Musique
LA VELA PUERCA sind in ihrem Heimatland Uruguay Superstars. Sie spielten 2004 in Deutschland, zusammen mit DIE ÄRZTE, vor bis zu 15.000 Zuschauern pro Abend und ihr tanzbarer Latin - Ska begeistert auch hier immer mehr Menschen. Nun sind sie, zum mittlerweile fünften Mal in unseren Landen. Für die alljährlich in Berlin stattfindende Fête de la Musique hat die Pizzeria Due Forni eine Bühne aufstellen lassen. Kurz vor ihrem Auftritt erzählen sie, was sie von Deutschland halten, der politischen Situation in Uruguay und Südamerika, was sie zu Sendungen wie „Popstars“ stehen und vieles mehr…

Was haltet ihr von Deutschland?
Deutschland gefällt uns. Wir sind nun zum fünften Mal hier und lernen Land und Leute immer besser kennen. Als wir das erste Mal hier waren, taten wir uns etwas schwer, weil die Leute hier die Texte nicht verstehen und wir dachten, dass sie Gefühlskälter sind und nicht tanzen würden. Aber dann trat genau das Gegenteil ein. Obwohl sie die Texte nicht verstanden, verstanden sie die Aussage der Band. Sie kamen um sich zu amüsieren und spätestens ab dem dritten Song waren alle am Tanzen und feiern. Das hat uns sehr glücklich gemacht.

Wenn ihr die Fans aus Deutschland und aus Uruguay vergleicht – wo liegen die Unterschiede?
Der Uruguayaner ist viel kritischer. Es ist fast unmöglich, dass ein Uruguayaner sich zum ersten Mal eine Band anhört die er nicht kennt und am Ende tanzt. Er guckt dich eher kritisch an, so nach dem Motto: „Zeig mal was du kannst“.

Voriges Jahr (2004) wart ihr mit „Die Ärzte“ auf Tour. Wie kam der Kontakt zustande?
Es war alles total zufällig. Wir kannten nichts von den Ärzten. Sie auch nicht von uns. Aber der Bassist von der Berliner Band „She Male Trouble“ kannte „Die Ärzte“ und wusste, dass sie in Südamerika spielen wollten. Also hat er den Ärzten unsere CD gezeigt und denen hat das gefallen. Wir beschlossen uns gegenseitig zu supporten. Es war eine unglaubliche Erfahrung. Mit den Ärzten in Deutschland zu spielen war schon sehr verrückt, weil wir auch unsere eigene Tour hatten und einen Tag vor 100 Zuschauern spielten und dann am nächsten Tag mit den Ärzten vor 15.000 Zuschauern usw…Danach haben die Ärzte mit uns in Argentinien und Uruguay gespielt und das war auch ziemlich verrückt, weil sie ja plötzlich unser Support waren. Das war bestimmt auch sehr ungewohnt für „die Ärzte“, dass sie keiner kannte. Wir spielten auch auf einem großen Festival in Uruguay vor 70.000 Leuten und stellten sie als unsere Gäste „Die Ärzte“ aus Deutschland vor. Ich denke es war eine sehr interessante Erfahrung für sie.

Eure Songs handeln von Freiheit und kritisieren teilweise auch die Gesellschaft. Was würdet ihr auf dieser Welt verbessern wenn ihr könntet?
Die Sensibilität. Ich glaube, dass die Menschen sensibler sein müssen. Der Mensch an sich ist dabei sich in eine einzige Firma zu verwandeln. Jeder fängt an nur an sich selber zu denken ohne dass ihn die anderen kümmern. Die Menschen wieder zu sensibilisieren, um mehr Solidarität zu erlangen ist ganz wichtig.

Das müssen zwei sehr unterschiedliche Welten sein Deutschland und Uruguay…
Uruguay ist ein Land der dritten Welt. Wenn man in Südamerika lebt ist man sehr arm. 40% der Kinder in Uruguay leben in totaler Armut. Uruguay ist ein Land mit vielen Problemen. Das gleiche gilt für die Nachbarländer. Argentinien, Brasilien…In Brasilien sind es 40 Millionen die in totaler Armut leben. Stell dir vor: Deutschland hat 80 Millionen Einwohner und in Brasilien sind es 40 Millionen die in kompletter Armut leben. Bei uns ist ein großes Problem, dass das Geld sehr schlecht verteilt ist. Es gibt einige wenige Leute die superviel Macht haben und superreich sind und dann gibt es sehr Viele die gar nichts haben. Das ist wieder das Problem mit der Sensibilität. Wenn alle etwas solidarischer wären könnte man die Welt auf einem anderen Niveau aufbauen. Es gibt so viele Menschen die ihr Geld verschwenden und andere haben gar nichts. Auch die neuen Generationen sind von Bedeutung. Sie essen nicht viel und wachsen unter falschen Umständen auf, so werden sie nicht viel bewirken können. Ganz langsam verändert sich vielleicht was. Dabei sind Uruguay und Argentinien ja nicht mal so arm, wenn man sie mit Paraguay, Ecuador, Peru und Bolivien vergleicht. Aber uns allen wurde Geld geliehen. D.h. diese ganzen Länder haben Schulden bei den USA. Und man kann nicht mal die Zinsen zahlen. In Uruguay gibt es nun aber eine neue linke Regierung, in Brasilien und in Argentinien auch. Also gibt es schon einige Veränderungen zurzeit und die Leute fangen an bessere Notfallpläne zu schmieden um den ganzen Problemen zu begegnen. Die Veränderungen brauchen Zeit, aber zumindest haben sie begonnen.

Also gibt es Veränderungen…
Ja es gibt Veränderungen. Die Regierungen wechseln…Es müssen noch viel mehr Leute ausgetauscht werden die an der Macht sind. Es gibt Politiker die schon seit sehr vielen Jahren regieren. Es gibt viel Korruption in Südamerika. Die Menschen denken nur an sich selber und daran möglichst viel Kapital anzuhäufen. Vielleicht denken sie noch an ihre Freunde, aber die anderen sollen sehen wo sie bleiben. Aber gut, hoffen wir das sich alles Schritt für Schritt verbessert…

Ich habe gehört, dass euer Schlagzeuger krank ist. Wie geht es ihm jetzt?
Ihm geht es gut. Er musste mehrmals operiert werden. Er hat einen Tumor im Kopf. Aber es ist kein bösartiger Tumor. Er wächst und bedeckt wichtige Stellen im Gehirn und war schwer zu entfernen, aber es geht ihm trotzdem gut. Nur diese Touren die wir machen von z.B. 36 Konzerten in 40 Tagen, bei denen wir jedes Mal viele Kilometer zurücklegen waren nichts mehr für ihn in seinem Zustand. Aber er spielt und ihm geht es glücklicherweise gut.

Wie alt wart ihr als ihr anfingt Musik zu machen?
Diesen Dezember wird die Band 10 Jahre alt. Vorher gab es auch einige Projekte rund um die Musik. Am 24.12. vor 10 Jahren fingen wir an, also direkt zu Weihnachten. In Montevideo gaben wir ein Gratiskonzert im „Bar del Tigre“ und dort feiern wir auch immer unseren Geburtstag in dem wir ein Gratiskonzert geben.

Und jeder für sich? Wie alt wart ihr als ihr anfingt Musik zu machen?
Nico: Ich fing mit ungefähr 11 an Gitarre zu spielen. Zuerst lernte ich Folklore, aber natürlich gefiel mir der Rock´n´Roll wie fast jedem aus unserer Band.

Seba: In meinem Fall war das so; Mein Dad spielt Gitarre, er lernte 15 Jahre lang Klavier, mein Großvater auch, meine Mutter spielt auch Gitarre und alle singen. So gab es bei mir immer viele Instrumente und sie waren wie ein Spielzeug mehr. Ich begann Klavier zu spielen, Gitarre, Schlagzeug usw. So war das in meinem Fall. Das ich spielend die Instrumente gelernt habe. Deshalb spiele ich mehrere Instrumente, aber nur ein bisschen.

Wenn ihr keine Musiker geworden wäret – was hättet ihr dann gemacht?
Hm…da muss ich jetzt mal überlegen. (Im Hintergrund: Chippendale!) Na also ich z.B. hab Kommunikationswissenschaft studiert. Es hat mir auch Spaß gemacht, aber ich weiß nicht…
Raphael z.B. unser anderer Gitarrist ist fast Tierarzt, Nico hat Ökonomie studiert, Seba hat eine Ausbildung im Hotel gemacht, ich Kommunikationswissenschaft – aber wir alle mussten wegen der Band mit dem aufhören was wir gemacht haben, weil eine Band Zeit fordert. Wir könnten natürlich auch weiter machen einigen fehlt ja nicht mehr viel um ihr Studium abzuschließen, aber ich denke wir genießen gerade alle sehr das Leben mit der Band. In 30 Jahren wenn wir alt sind werden wir weiter sehen.

Es muss auch schwer sein, wenn man eine Zeitlang studiert hat, dann wieder damit aufzuhören, oder?
Ja es gibt Leute denen das passiert. Aber in Uruguay gibt es nicht so viele Möglichkeiten. Von drei Personen die eine Sache studieren bekommt eine später einen Beruf in diesem Bereich. Es ist schwer Arbeit zu finden in Uruguay und wenn man nicht studiert hat ist es noch schwerer sich in der der Gesellschaft zu verankern. Es ist auch sehr schwierig den Beruf zu bekommen der einem Gefällt.

Ist euch nie in den Sinn gekommen auf Englisch zu singen?
Anfangs habe ich auf Englisch gesungen. Aber das war nur eine kurze Zeit. Es ist einfach nicht im Sinne der Band auf anderen Sprachen als auf Spanisch zu singen. Wenn wir etwas covern und das ist auf Englisch dann ist das was anderes. Aber wir komponieren nicht auf Englisch. Einen Song von uns auf Englisch wir es nicht geben. Unsere Sprache ist spanisch. 50% von der Musik die wir hören ist auf Englisch, weil English universell ist. Aber wir sprechen auch nicht gut genug englisch um auf dieser Sprache zu singen.

Welche Musiker haben euch beeinflusst?
Ich weiß nicht genau ob im musikalischen Sinne, ich glaube das was wir eher von anderen Bands übernommen haben ist die Einstellung, die Message und die Art und Weise Musik zu machen. Z.B. die Geschichte von Mano Negra die 1992 nach Südamerika kamen mit einer Theater- und Tanzgruppe, das hat uns sehr gut gefallen und so fingen wir mit „La Vela Puerca“ an. Es war nicht nur das Musikalische, sondern das wir auch Jongleure hatten, Theater, Trommeln, Freunde die anderen artistischen Aktivitäten nachgingen. Wir versammelten alle zu einem Konzert und tun das auch heute noch. Natürlich ist es schwer die ganzen Leute bis nach Deutschland mitzubringen, aber in Montevideo und Buenos Aires treten wir mit allen auf. Wir sind also mehr beeinflusst durch das Auftreten von Bands als durch deren Musik.

In einer Band ist man immer am Reisen. Da muss es schwer sein die alten Freundschaften zu erhalten, oder?
Ja, nicht alle Bands haben das Glück zu reisen. Es gibt viele gute Bands, z.B. in Argentinien, die aber nicht die Möglichkeit haben zu Reisen. Man muss die richtigen Leute kennen und auch das Geld haben um reisen zu können. Aber klar…wir sind 8 Musiker und 5 Leute kommen noch hinzu die mit uns reisen und so ist das Zusammenleben schon manchmal schwer. Wir sind auch schon vor der Band Freunde gewesen. Da ist das manchmal schwer, aber es baut sich auch ein größerer Zusammenhalt auf. Außerdem – ein Vorteil daran zu acht zu sein ist, wenn du dich mit einem streitest, dann bist du eben besser mit einem Anderen befreundet (lacht). Aber klar es ist nicht so einfach. Eine Band ist wie eine Ehe.
Naja und die Freundschaften von früher die sehen wir natürlich seltener als vorher, aber das kommt halt dadurch, dass wir mehr reisen. Die Freundschaften bestehen dann ja trotzdem noch. Wir sind nicht mehr 14 , Freunde in unserem Alter sind verheiratet, haben Kinder…Man sieht sich seltener aber so ist das Leben. Mit deiner Frau, deinen Kindern verreist du ja auch. Na ja, aber es ist dann ja nicht deine Arbeit.

Was glaubt ihr warum es so wenige Frauen gibt die Rockmusik machen?
Ich weiß nicht…gestern z.B. haben wir Farin Urlaub gesehen und da spielen mehrere Frauen in seiner Band. Ich weiß auch nicht warum. Wahrscheinlich weil die Rockmusik machohafter ist. Ich glaube, wenn du z.B. die Schlagzeugerin von Lenny Kravitz siehst, dass ist eine Rockerin. Ich glaube es müssen einfach nur mehr Frauen anfangen mehr Rockmusik zu machen. Für die Männer wäre das super, weil sie dann haufenweise auf die Konzerte stürmen könnten (Gelächter).

Kennt ihr so Shows wie „Popstar“? Was haltet ihr davon?
Ich glaube das ist eine reine Marketingsache. Das Ziel bei diesen Geschichten ist immer die Leute auszubeuten bis zum letzten. In Argentinien wird so was gemacht. Na klar, gehen Wünsche in Erfüllung im Rampenlicht zu stehen, aber ich denke das alles wird sehr genau aus dem Hinterhalt gelenkt und die Person wird wie eine Puppe gesteuert. Diese Shows sind für mich nicht sehr real. Sie sind sehr kommerziell. Natürlich kann daraus eine gute Sängerin hervorgehen, aber immer sind es andere die die Song machen. Für mi9ch ist das zu kommerziell. Mir gefällt das nicht.

Könntet ihr euch vorstellen in Peru zu spielen?
In Peru? Na klar! In Cusco würde ich gerne spielen, da war ich schon mal. Das Ding ist nur, dass in Südamerika die Entfernungen sehr groß sind. Deshalb ist es nicht gerade billig. Wir sind auch viele und deshalb müsste es gleich eine lange Tour sein um spielen zu können und das ganze zu finanzieren. Hier in Deutschland ist natürlich alles teurer, aber die Autobahnen in Südamerika sind auch nicht sehr gut. Und es teilweise auch sehr gefährlich. Vor einiger Zeit war ich in Paraguay, Peru, dort war ich in Machu Picchu und die Reise endete in Lima am Pazific. Uns allen würde das gefallen. Nach Lima zu fahren, Machu Picchu und auch La Paz. Aber es ist schwierig. Es gibt viel Armut und da macht es schwer. Hier in Europa ist es leichter. Hier kannst du auch an jedem Wochentag auftreten. Dort nur am Freitag und Samstag. Vielleicht noch am Donnerstag, aber ansonsten…Da würde keiner kommen. Da sind alle zu Hause. Und sehen Popstar (lacht).

Wir reden jetzt von Buenos Aires oder Montevideo, aber es gibt auch ganz viele kleine Orte an denen wirklich gar nichts los ist. Ich bin mit einem Zug durch Bolivien gefahren und da waren ganz viele Indigenas. Der Zug hält in der Mitte und da kommen ganz viele Indios. Es ist eine ganz andere Welt.

Und als letztes: Habt ihr einen Ratschlag für junge Musiker?
Ja. Sie sollen an sich glauben. Dir wünsche ich das auch.

Autor: Natalia Goldberg

matthias | Fr., 24. Jun 2005 | Interview

Argentinien - verruchte Frauen in verrauchten Bars, Männer mit in Wellen gegelten Haaren, feurige Tänze auf verstaubtem Parkett, Passion, ein Hauch von Melancholie in der Luft - Tango. Zumindest ist das allgemeinhin das Bild, welches mit den Frachtschiffen über den Atlantik nach Europa transportiert wurde. Hinter Tango verbirgt sich jedoch weitaus mehr, als nur ein Tanz, der aus den Untiefen Lateinamerikanischer Milongas kommt. Was alles dahinter steckt, welche Strömungen es gibt, was Tom Waits mit Tango-Autoren zu tun hat und dass der Tango ursprünglich ein europäisches Hybrid in Lateinamerika war, erzählen Sängerin Dolores und Gitarrist Acho von der „Nuevo Tango“- Band „La Chicana“ aus Buenos Aires, deren neue CD „Cancion Llorada“ in Deutschland gerade erschienen ist.

Wann und wo und aus welcher Motivation heraus hat sich die Band gegründet?
Dolores: Acho und ich machen schon seit 9 Jahren zusammen Musik. Wir sind auch privat ein Paar. Irgendwann merkten wir dann, dass wir zwar mit der Musik Geld verdienten, aber nicht sehr glücklich mit dem waren, was wir machten. Demzufolge fragten wir uns: Was wollen wir denn eigentlich machen? Und unserer beider Antwort war: Tango! Uns gefiel die Musik schon von klein auf, aber über einen langen Zeitraum hinweg erschien es uns etwas komisch, Tango zu spielen, weil der Tango in Buenos Aires in den Händen von Leuten einer anderen Altersklasse war, die außerdem eine sehr eigene Ideologie hatten. Wir gingen zum Tanzen selbst immer in die Milongas ( Argentinische Tanzbars ) und merkten dann, dass die Jugendlichen sich langsam anfingen, für den Tango zu interessieren. Vor allen Dingen für den Tanz. Deshalb beschlossen wir, Tango zu spielen. Anfangs spielten wir kurze Zeit klassischen Tango, Acho fing aber bald selbst an, Tangos zu komponieren. Er hat vorher schon sein ganzes Leben lang Rock und Folklore komponiert und ich habe Boleros, Flamenco und Tango gesungen und in einer Rockband mit ihm zusammen gespielt. Wir fingen also an, die von ihm komponierten Tangos zu spielen und merkten, dass uns das eine gewisse Identität im neuen Tango-Bereich verlieh, der gerade im Kommen war. Und innerhalb dieser Identität fingen wir dann an, mit den Grenzen des Tango zu spielen.

Im Jahr 2004 habt ihr den „Premio Gardel“ in der Kategorie „Nuevo Tango“ gewonnen. Was sind denn die Charakteristika des „Neuen Tango“?
Acho: Dass wir den Preis gewonnen haben war eigentlich sehr komisch, denn in der Kategorie „Nuevo Tango“ nehmen sehr unterschiedliche Musiker und Musikstile teil. Zum einen wir, mit unserer Mischung aus traditionellem aber zugleich modernem Pop-Tango, mit einer gewissen Punk-Attitüde. Und zugleich nimmt zum Beispiel ein 70 Jahre alter Pianist teil, der halb-verrückt ist und Einflüssen von Strawinskie hat, sprich deformierten Tango spielt. Und dann gibt es noch den Elektro-Tango, oder Tango mit Jazz-Einflüssen. Wie man sieht, bringt diese Kategorie viele verschiedene Einflüsse zusammen. Deswegen fange auch die Jugendlichen an, sich dafür zu interessieren. Es gibt aber keine einheitliche Kategorie „Neuer Tango“. Wir repräsentieren einen Musikstil dieser Kategorie, aber es gibt auch Künstler, die wieder etwas ganz anderes machen.

Carlos Gardel, nachdem auch der Preis benannt ist, war einer der ersten, der mit einer neuen Form des Tango angefangen hat. Was änderte sich dadurch?
Acho: Gardel war der erste, der mit der Tango Cancion , dem Lied, angefangen hat. Vorher war der Tango instrumentaler und einfacher. Gardel war der erste, der den Tango als Lied mit eigenen Geschichten, Tragödien, schrieb.

Dolores: Gardel war der Anfang des Tango. Er repräsentiert den ältesten Tango. Danach fing eine Epoche an, in der die großen Orchester und auch der Tanz selbst eine sehr große Bedeutung hatten. Dann kam eine Weile lang gar nichts und in den 60er Jahren gab es dann eine Revolution mit Astor Piazzolla , der Jazz-Einflüsse mit einbrachte, die Metrik veränderte und anfing, die Texte auf eine andere Art und Weise zu schreiben. Uns gefällt diese letzte Epoche aber nicht und wir wollen mehr zu den Anfängen zurück, zum Tango von Gardel, weil die Zeit damals sehr viel rebellischer, wild und primitiver, dafür aber sehr viel punkiger war.

Acho: Die Musik ist etwas aggressiver, weniger intellektuell und dafür populärer.

Dolores: Die Musiker kamen nicht aus der Musikschule, sondern waren aus dem Volk. Die Texte waren dafür einerseits etwas rauer, andererseits aber auch sehr romantisch.

Acho: Die Poesie ist realistischer, echter und nicht so surrealistisch und abstrakt wie später.

Dolores : In den 60er wurde es esoterischer.

Der Tango erscheint, wenn man ihn genau betrachtet, sehr paradox. Ursprünglich kommt er aus den Dörfern und Bordellen, wird mittlerweile allerdings in der ganzen Welt gehört, in großen Clubs gespielt und mit Großstädten wie Buenos Aires und Montevideo assoziiert. Und obwohl man bei Tango an Lateinamerika und Argentinien denkt, waren die ersten Personen, die anfingen Tango zu spielen, europäischen Immigranten.
Acho: Die erste Revolution des Tango fand in den 20er Jahren statt, als die Musik überging von den Musikern aus den Dörfern, von den einfachen Leuten, die nach Gehör spielten, zu sehr jungen Musikern, die aus der Musikschule kamen. Diese fanden gefallen am Tango und leiteten die erste Revolution des Tango an, da sie zwar die gleiche Musik spielten, allerdings mit mehr Tiefgang, mehr Regeln, mehr Kontrapunktion. Julio de Caros war einer der wichtigsten Musiker dieser Zeit. Die „Goldene Ära“ des Tango war in den 40er Jahren, als der Tango eine Kombination aus der traditionellen Spielweise des Tango, dem populären Tango, mit dem akademischen war. Danach gewann die akademische Spielweise die Überhand und der Tango wurde sehr intellektuell. Deshalb sagen wir auch immer, uns gefällt die Musik der ersten Revolution, d.h. Musik, die einfach ist, populär und ethnisch, folkloristisch aber mit Regeln und ausgebildeten Musikern, die Harmonien und Kontrapunktion zu spielen wissen. Der Geist der Musik bleibt dabei aber populär, d.h. für alle.

Wenn man an Tango denkt, kommt man schnell zu Attributen wie Liebe und Passion. Ein immer wiederkehrender Bestandteil ist allerdings auch der Humor oder die Ironie, die sich in den Texten und bei den Konzerten widerspiegeln. Ist das etwas, das immer Bestandteil des Tango gewesen ist?
Dolores: Ja, ich denke schon. Es ist aber auch etwas, das während einiger Jahre zurückgegangen ist, da einige Musiker den Tango eine sehr ernste Note gegeben haben. Das passiert häufig, wenn folkloristische Musik zu einem Elite-Status empor gehoben wird. Nehmen wir z.B. deutsche Musik von Bach, die jetzt von Männern in Anzug gespielt wird, anfangs aber auch populäre Musik war. Dadurch geht natürlich viel verloren. Und das Selbe ist auch mit dem Tango passiert. Der Humor war zwar immer Bestandteil des Tango, aber mehr und mehr Gruppen fingen an, in Hemd und Kragen aufzutreten, sodass man sich fragen musste: Wo ist denn der Geist des Tango geblieben? Der kommt doch von der Straße, oder? Deswegen bleiben wir auch bei der ursprünglichen Form, die feierlich und zugleich tragisch ist, aber immer ein Lächeln dahinter versteckt.

Acho: Der Humor geht niemals verloren. Selbst wenn er noch so tragisch ist, bleibt der Humor immer Bestandteil.

Die Frage ist allerdings, wie viele Leute das wissen? Es erscheint mir, dass Tango in den wenigsten aller Fälle mit Humor in Verbindung gebracht wird.
Acho: Das ist wegen dem Import-Export-Stempel, der dem Tango über Jahre aufgedrückt wurde und mit dem der Tango in der ganzen Welt verkauft wurde.

Dolores: Deswegen ist es auch so komisch, dass die Leute, die den Tango jetzt hören, häufig ältere Menschen sind, die aus gehobenen Schichten kommen. Und erst seitdem die junge Generation sich wieder anfängt dafür zu interessieren und den Tango auch tanzt, merken die Leute wieder, dass im Tango weitaus mehr steckt.

Acho: Der Tango kommt ursprünglich au den Bordellen und hat viel mit der Mentalität der Argentinier zu tun, der Tragikomik. Entgegen der Tragödie immer ein Lächeln auf den Lippen zu haben, d.h. sogar auf der sinkenden Titanic noch zu tanzen. Das ist sehr wichtig für uns, da das die Essenz des Tango ist. Der Argentinier, der im Angesicht seiner Tragödie lacht.

Welches Publikum hört heute die Musik von „La Chicana“?
Dolores: Das Publikum ist sehr verschieden. Es gibt keine klaren Strömungen im „Nuevo Tango“. In den letzten zwei Jahren wurde der Elektro-Tango sehr stark, aber das Publikum vom Elektro-Tango sind fast ausschließlich Leute, die elektronische Musik hören, also hauptsächlich Leute, die Elektro hören, aber nichts mit Tango zu tun haben. Dann gibt es eine Strömung, wenn man es so nennen will, die von Piazzolla kommt und eine weitere, die wir „ Cabeza de Lanza “ nennen, da sie ihre Ursprünge im Rock hat. Mit mehr Freiheit, Humor, Spontaneität, Einflüssen der Beatles, d.h., dass sogar Songs von Hendrix gespielt werden können, was auch immer. Und von dieser Richtung sind wir die bekanntesten. Es gibt auch nicht viele andere Künstler, die diese Musik machen. Deswegen fällt es uns immer noch schwer, einen Platz im heutigen Tango zu finden.

Spielt ihr viel in kleinen Clubs?
Acho: Ja, als wie angefangen haben schon. In Milongas haben wir auch gespielt. Was allerdings überraschend für uns war, ist, dass bekannte Größen zu uns gekommen sind und uns bewundert haben, weil sie verstanden haben, dass wir den Tango der frühen Epochen auferstehen lassen wollten. Später kamen dann mehr und mehr jüngere Leute dazu, die jetzt den Großteil unseres Publikums ausmachen.

Dolores: Was auch wichtig ist zu sagen, ist, dass Acho auf eine sehr klassische Art und Weise schreibt, die einigen älteren Leuten sehr gut gefiel. Und ich singe ebenfalls auf klassische Art und Weise und bin als Person eher klassisch. Ich bin keine Rockerin oder so etwas. Das war eine neue Art der Darstellung, die vielen älteren Leuten gefiel. Aber wir haben uns auch weiter entwickelt, und was den Leuten damals noch gefallen hat, gefällt ihnen heute vielleicht schon nicht mehr, weil es ihnen zu speziell ist.

Acho: Auf der ersten CD waren ungefähr 70% klassische Tangos und 30% meine eigenen Sachen und jetzt ist es genau umgekehrt.

Eure neue CD, die gerade in Deutschland erschienen ist, heißt „Cancion Llorada“ (Geweintes Lied). Warum wurde dieser Titel gewählt?
Acho: Das Lied handelt von einem Mann, dessen Frau ihn verlassen hat und irgendwo auf dieser Welt verschwunden ist. Das einzige was ihm von ihr bleibt, ist dieses Lied, dass er anstelle es zu singen, weint. Deswegen der Name „Cancion Llorada“. Ich wusste anfangs nicht, welchen Titel ich der CD geben sollte. Als ich dann das Demo von „Cancion Llorada“ Dolores zu hören gab, waren wir beide gerade etwas traurig, weil kurz davor unser Hund gestorben war, und Dolores fing sie an zu weinen. Deshalb dachte ich mir, der Titel des Albums müsse auf jeden Fall dieser sein.

Auf der CD befindet sich auch eine Interpretation des Liedes „Franks Wild Years“ von Tom Waits, in dessen Beschreibung steht, dass Tom Waits für dich einer der größten Tango-Schreiber ist. Wie lässt sich das erklären?
Acho: Ja, das liegt daran, dass es uns gefällt, den Tango-Geist dort zu finden, wo er eigentlich nicht herkommt. Wie z.B. auch Kurt Weil und Berthold Brecht. D.h., als wir dieses Lied gefunden haben, haben wir es erst einmal in den Lunfardo umgeschrieben, die Sprache des Tango. Dann haben den Titel, den Text und die Musik geändert. Dieses Lied hat uns aber gefallen, weil es einen ähnlich dem Stil wie den des Tango hat. Auch die Tragikomik die darin enthalten, gleicht der des Tango. Es ist, als ob einer eine Geschichte erzählt, über die man zwar lacht, die aber eigentlich außerordentlich tragisch ist.

Und wie ist die Reaktion des Publikums in Europa auf eure Musik?
Dolores: In Deutschland lief es bis jetzt sehr gut. Es scheint, das das Publikum unsere Musik sehr gut versteht. Ich nehme aber an, dass es von Land zu Land unterschiedlich ist.

Acho: Es sah lange Zeit auch so aus, dass die Leute in Japan und Europa, dort wo Tango gehört wurde, nur für den klassischen Tango interessieren würden. Den traditionellen Tango, der seit 50 Jahren der gleiche ist. Über Jahre hinweg sahen wir junge Orchester, die konservativen Orchester der Musikschulen, auf Tour in Japan und Europa gehen. Aber wir dachten uns, unsere Stunde würde kommen. Eines Tages würden die Leute den rockigen Tango, den aktuellen auch verstehen. Und der Moment ist jetzt gekommen.

Dolores: Wir mussten im Ausland auch den gleichen Weg gehen, wie in Buenos Aires, d.h., nicht vor dem typischen Tango-Publikum auftreten, sondern darauf warten, bis sich ein anderes, ein neues Publikum für den Tango interessieren würde. Unsere Musik ist nichts ältere Leute oder Japaner, die eigentlich Piazzolla hören. Unsere Musik ist für Leute, die gern Tango hören, aber etwas mehr wollen, als das übliche. Leute, die einen Sinn für das Originelle und eine neueartige Ausdrucksweise des Tango haben.

Vielen Dank für das Interview

Autor: Anne

matthias | Do., 23. Jun 2005 | Interview

Ursprünglich aus Wien stammend, haben es Noiseshaper in der kurzen Zeit ihrer Bandgeschichte schon zu einigen Highlights gebracht: Die Veröffentlichung ihres ersten Albums bei Rockers Hi-Fi´s hauseigenem Label „Different Drummer“, Remixe für Sly & Robbie und Outkast und der erst kürzlich ausgesuchte Track „The Only Redeemer“ für die amerikanische Serie „CSI Miami“. Anlässlich der Veröffentlichung des neuen Albums „Rough out Tdhere“ un der Record-Release-Party am 17.6. im Bastard folgt an dieser Stelle nun ein Interview mit den zwei Köpfen hinter Noiseshaper : Axel Hirn und Flo Fleischmann, deren Sänger Juggla und dem Percussionisten Felix.

Die Band existiert ja bereits seit 1999. 2001 kam das erste Album „Prelaunch Sequence“ heraus, 2003 folgte dann das zweite Album „The Signal“ von dem der Song „All A Dem A Doo“ in internationalen Radiostationen gespielt wurde. Ist das nicht ein ziemlicher Senkrechtstart für solch eine junge Band?
Flo: Ach, wir sind eigentlich schon eine recht alte Band. Ich meine, gut, wir sehen jünger aus, aber…

…als Band seid ihr schon recht jung und hattet einen ziemlich guten Start.
Axel: Ja, als Band sind wir jung.

Flo: Und wir hatten einen guten Start, stimmt. Wir haben ja dann Juggla getroffen, mit dem alles ziemlich gut funktioniert hat. Auf unserer ersten Platte hatten wir ja noch verschiedene Gastsänger, was etwas schwieriger war.

Das heißt, es ist also auch Juggla´s Einfluss zu verdanken, dass die zweite Platte recht erfolgreich wurde?
Axel: Ja, wir haben ihn gewissermaßen aus all den anderen Gastsängern ausgesucht…

Flo: …und einfach für das zweite Album benutzt.

Juggla: Ja, so ist das. Ich werde immer nur benutzt…

Axel: …manchmal nutzen wir ihn auch aus…

Ihr zwei kommt ja ursprünglich aus Wien. Juggla wohnt in Birmingham, Flo mittlerweile in Berlin und Axel jetzt in London. Wie arbeitet ihr zusammen?
Flo: Ich weiß auch nicht so recht, aber irgendwie funktioniert es. Technik macht es möglich.

Axel: Wir haben uns jetzt z.B. in Berlin getroffen, um zu proben. Den Gesang für das Album haben wir in Birmingham aufgenommen und in Wien haben wir es dann abgemischt…

Und wer schreibt letztlich die Musik?
Axel: Wir zwei (Axel und Flo).

Wie kann man sich das vorstellen? Sitzt ihr beide zu Hause vor dem Computer und bastelt vor euch hin?
Flo: Wir arbeiten beide erst einmal an unseren Ideen und treffen uns dann, um sie zu strukturieren. Und dann kommt Juggla dazu und schreibt die Texte.

Wie oft trefft ihr euch?
Axel: Wenigstens alle zwei Monate.

Flo: Es gibt da ja auch diese billigen Ryanair-Flüge jetzt…Manchmal verpasst auch mal jemand seinen Flug, wie Juggla zum Beispiel, der vorgestern eigentlich schon kommen sollte. Sodass wir dann etwas besorgt waren, ob er denn überhaupt zur Show am Freitag da sein würde.

Juggla: Ah, ich wollte eigentlich nur sehen, ob sie mich wirklich wollten, weil sie mir die ganze Zeit erzählen, dass sie mich durch einen anderen Sänger ersetzen wollen. Da dacht ich mir ich bluff sie mal, indem ich den Flug verpasse. Ich wollte bloß ein bisschen Aufmerksamkeit…

Ihr habt euer Album ja im Adrian Sherwood „On-U Studio“ aufgenommen. Wie habt ihr den Kontakt dorthin bekommen?
Axel: Wir haben nur Teile des Albums dort aufgenommen. Und ich habe Adrian durch einen Freund kennen gelernt. Er hat aber nicht produziert, war aber ab und zu einmal da.

Worauf bezieht sich eurer Album-Titel „Rough out There“?
Juggla: Wo ich herkomme, entwickelt sich gerade eine Kultur von vermummten Jugendlichen mit Kapuzen und Waffen, die in Gruppen umherziehen. Die Idee kommt also daher und bezieht sich gleichzeitig auf die ganze Welt. Das klingt jetzt etwas klischeehaft, aber es stimmt. Es geht im Grunde genommen um die ganze Härte, die es da draußen gibt. Und wenn du dich mit Reggae beschäftigst, mit der ganzen Consciousness, dann hat es auch damit etwas zu tun. Es ist bloß gerade etwas schwierig, das genau zu erklären.

Flo: Ja, es ist eine harte Welt in der wir leben…

Juggla: Ja, genau, es ist eine harte Welt und schon landet man bei dem Titel „Rough out There“.

Die Band definiert sich ja dadurch, verschiedene Stile wie Reggae, Dub und House zu vermischen. Woher kommen all diese Einflüsse?
Alex: Von der Musik, die wir selbst hören.

Flo: Also eigentlich höre ich immer noch viel Reggae, Juggla hört Reggae und Axel hört House.

Aha. Axel ist also eure Dance-Fraktion?
Juggla: Nein, ist er eigentlich nicht. Wir wollen ihn bloß immer gern in diese Schublade stecken.

Flo: Ja, eigentlich hört er die ganze Zeit Techno, House und so…

Juggla: Ich meine, die Wahrheit ist, dass wir von einer ganzen Menge an Sachen beeinflusst werden. Aber das wichtigste ist, dass es conscious music ist. Roots, Reggae, Spiritualität…Obwohl ich halt mit Sachen wie Wam und Motown aufgewachsen bin.

Habt ihr vorher in anderen Bands gespielt?
Axel: Ja, wir zwei.

Flo: Wir haben in einer Band gespielt, die Big Beat machte. Die war aber ziemlich schnell. Ich musste Schlagzeug spielen und das war so schnell, das waren fast 160 beats per minute. Deswegen war ich dann immer müde. Ich konnte ja nicht einmal vier Minuten so schnell spielen, dann tat mir schon immer mein Arm weh. Und dann haben wir uns immer heimlich bei Axel zu Hause getroffen, weil er ein kleines homestudio hatte. Die anderen Bandmitglieder meinten dann immer, das wäre doch doofe Musik. Da haben wir uns dann entschieden, die Band zu verlassen. Dann ging ich zuerst nach Berlin und Axel kam dann ein Jahr später nach, weil er sich verliebt hatte.

Auf dem neuen Album ist ein spanischer Track namens „Perdido“ enthalten, der von einem Gitarristen namens Hector gespielt wird. Worum geht es bei dem Song, wo es doch einzige spanische auf der Platte ist?
Flo: Oh ja Hector. Das Problem ist nur, dass wir seinen Nachnamen im Booklet falsch geschrieben haben. Jetzt ist er wirklich sauer, glaube ich. Aber er war wichtig für den Song. Die Sache ist nämlich die, dass ich mit einer Spanierin zusammen war, die mich verlassen hat. Und „Perdido“ heißt verloren, d.h. ich fühlte mich etwas verloren danach. Deshalb habe ich den Song geschrieben und dachte, der bräuchte ein wenig spanish vibe, weil meine Ex-Freundin ja Spanierin war. Dann kam Hector dazu, den ich von ein paar Cafes hier flüchtig kannte, und von dem ich wusste, dass er gut spielen konnte. Und so entstand dann der Song.

Auf dem Album steht, dass weltweit nur auf 3000 Stück limitiert ist. Andere Alben eures Labels Echobeach auch. Woher kommt das?
Flo: Ja, die schreiben das auf jedes Album, aber letztlich ist das nur ein Promotion-Trick, damit Sammler die Alben schneller kaufen. Ich hab dann letztens auch mal den Labelchef gefragt, was denn wäre, wenn jetzt die Alben alle verkauft würden, ob es dann ein Re-Release geben würde oder so.

Dann gibt es wahrscheinlich ein Re-Release, oder? Aber zurück zur Band: Seht ihr euch eher als Soundtüftler oder als Band?
Axel: Wie tüfteln zwar mit dem Sound aber wir sehen uns als Band.

Flo: Ich meine, wenn wir einen Song anfangen dann beginnen wir meistens mit dem Beat. Und dann kommt die Bassline. Die Bassline ist bei mir aber fast immer Reggae.

Felix: Das ist fast wie beim Blues. Es gibt halt bestehenden Pattern, die neu gewürfelt werden und aus denen man dann immer wieder seinen Song draus macht.

Eurer Song „The only Redeemer“ wurde erst kürzlich für die Serie CSI Miami ausgewählt. Wie war eure Reaktion auf diese Neuigkeit?
Flo: Wir haben die Serie nie gesehen…

Axel: Ich denke unsere Promotion-Agentur in den Staaten war darin involviert. Aber ich denke, irgendwer, der für die Serie arbeitet muss unsere Musik gekannt haben. Und außerdem ist das eine amerikanische Krimi-Serie, da wollen wir natürlich das Geld.

Flo: Wir haben gestern auch eine neue mail von einem Hollywood Film bekommen. Wie hieß der gleich noch?

Juggla: Die war dem, der Starsky & Hutch in den Siebzigern machte, weißt du? Ich bin nicht sicher, aber ich glaube das wird ein großer Hollywood-Film.

Flo: Für den sie wieder 5 Sekunden unserer Musik verwenden wollen…

Ihr seid ja nun auch in den Staaten bekannt. Wie sieht es denn mit einer Tour dort aus?
Axel: Na ja, Amerika ist groß. Ich weiß nicht, ob wir da wirklich bekannt sind.

Flo: Was wir aber wissen ist, dass eine gewisse College-Szene unsere Musik hört. Da wird sie dann immer im College Radio gespielt. Unsere meisten Fan-mails kommen auch aus Amerika. Wir gehen dann im Herbst dort auf Tour.

Ihr habt ja schon Sly & Robbie und Outkast geremixt. Kommt da demnächst etwas Neues?
Flo: Wir haben eine neue Anfrage von einer Band aus Amerika, die heißen Seroline. Aber ich denke die sind recht unbekannt. Wir kriegen die Anfragen immer von unserer Remix-Agentur aus London.

Wo denkt ihr, ist der beste Ort eure Musik zu machen? Berlin, England oder Österreich?
Juggla: Um ehrlich zu sein, haben wir da gerade erst kürzlich darüber geredet. Ich wohne ja in Birmingham und da ist eine große Reggae Szene, ein bisschen von allem. Aber manchmal ist man gar nicht bekannt, wo man herkommt. Wohingegen man außerhalb dann ernst genommen wird, weil man eben da herkommt. In Berlin waren wir auch ein bisschen besorgt, um die Record-Release-Party morgen.

Flo: Ja, weil Berlin einer der härtesten Orte zum spielen für uns ist.

Wie ist es denn in England?
Axel: Schlecht.

Flo: Wir sagen immer: In Amerika bezahlen sie gut aber langsam. In Deutschland nicht so gut aber schnell und in England bezahlen sie gar nicht.

Übermorgen geht es ja auch nach Prag zum Reggae-Festival. Wohin geht die Tour noch?
Flo: Wir touren im Juli durch Deutschland; Hannover und der Summerjam, einige Gigs in Österreich..

Was ist denn mit Ländern wie Spanien oder Frankreich, wo die Reggae-Szene auch recht groß ist?
Flo: Wir verhandeln grad mit Leuten aus Barcelona. Da spielen wir dann im Sala Apolo oder Sala Bikini. Aber wir sind grad am mailen, und müssen jetzt daraufwarten, ob die uns wollen oder nicht. In England haben wir aber auch schon gespielt.

Axel: Im Oktober werden wir auch in London spielen.

Flo: Ja, aber hauptsächlich spielen wir in Deutschland. Ich kümmere mich ja auch immer noch um alles selbst: Management, Booking, Telefonate, e-mails…

Juggla: Lange Rede kurzer Sinn, Flo macht das, weil er in Berlin wohnt und es von daher leichter ist von hier aus.

Flo: Ich mach das, weil es sonst keiner macht, nicht weil es einfacher ist…Wir hatten mal eine Bokking-Agentur, aber letztlich ist es schwer für die, weil sie nicht viel Geld mit uns machen können. Deswegen machen wir es jetzt wieder selber, weil es dann ja auch mehr Geld für uns ist. Aber eine Agentur wird wohl bald wieder nötig sein.

In diesem Sinne viel Erfolg und eine volle Record-Release-Party

Autor: Anne

matthias | Do., 16. Jun 2005 | Interview

Ob nun Jazz, Worldmusic, oder Brazilectro - keines dieser Attribute reicht aus, ZUCO 103, bestehend aus der brasilianischen Sängerin Lilian Vieira, dem Müncher Keyboarder Stefan Schmid und dem Holländischen Drummer Stefan Kruger, in ihrer vollen musikalischen Bandbreite zu erfassen. Und doch treffen all diese Bezeichnungen zu - teilweise zumindest - denn mit jeder Platte verändert sich der Sound und die Band geht einen Schritt nach vorn. Was seine Anfänge in Elektro-Jazz, Latin-Rhythmen und einer Vorliebe für neue Dance-Sounds nahm, entwickelte sich zu einer Mischung aus Jazz, House, Funk, Drum´n´Base, Bossa, Dub, afrokubanischen und äthiopischen Sounds, die jegliche Grenzen verschwimmen lässt.
Seit Juni 2005 ist nun das bereits dritte Album der Band namens „Whaa!“ in Deutschland erhältlich, das mit Gästen wie LEE SCRATCH PERRY und DANI von MACACO aufwartet. Grund genug, ein Interview mit dem sympathischen Keyborder Stefan Schmid zu führen und sich einmal ausführlich über die holländische Dance-Szene, bulgarische Cover-Bands, und die internationale Musiklandschaft zu unterhalten.

Gehen wir zuerst einmal zu den Anfängen der Band zurück: Du und Stefan Kruger habt eure Sängerin Lilian 1989 am Conservatory in Rotterdam kennen gelernt, wo sie Gesang studierte.
Ja, Stefan und Lilian sind dort zusammen getroffen und haben angefangen Musik zusammen zu machen, brasilianische MPB-Sachen (Musica Popular Brasileira, Anm. d. Red.) und Standards. Und ich hab damals schon mit Stefan zusammen in der Band SfeQ gespielt, 1991 war das. Übrigens war SfeQ die erste Jazz-Band mit DJ.

Wieso hat es letztlich dann doch noch so lange gedauert, bis die erste Demo 1997 heraus kam, damals noch unter dem Namen rec.a?
Jeder von uns hatte ungefähr zehn Projekte nebenbei zu laufen. Wir haben ja Jazz gemacht. Meistens wurden aber schon Sachen kombiniert. In einer Band haben wir z.B. kubanische Santaria-Musik mit Bata-Trommeln mit Jazz gemischt und die andere war eine Boogaloo-Big-Band, die Drum´n´Bass und House gespielt hat.

Waren das eher Live-Bands oder sind davon auch CD´s erschienen?
Ja, natürlich, davon sind auch CD´s erschienen. New Cool Connective war das eine, Lots of Music, das kubanische Kollektiv, und SfeQ hat´s auch lange geben. Da habe ich teilweise mitgemacht, war aber nie offiziell Mitglied.

Ihr habt also die verschiedensten Sachen gemacht. Wahrscheinlich, um dem kreativen Stillstand entgegen zu wirken?
Als Jazz-Musiker war es ganz normal, dass man mehrere Projekte hatte. Letztlich hatten wir dann aber irgendwann keine Lust mehr da drauf. Deshalb haben wir zu dritt dann beschlossen, unser eigenes Ding zu machen, uns von allen Bands zu verabschieden und mit Zuco anzufangen. Damals noch unter dem Namen rec.a.

Wieso wurde der Name dann geändert? Es sind ja auch gleiche Lieder unter beiden Bandnamen erschienen, wie z.B. der Album-Titel eures ersten Albums „Outro Lado“, der auf dem „Brasil 2mil“-Sampler noch unter dem Band-Namen rec.a erschienen ist.
Naja, rec.a war kein Bandname, das war mehr eine Art Projekt. Und wir dachten rec.a, rec.b, rec.c…klingt irgendwie nicht so. Gleichzeitig haben wir dann auch Kontakt zu unserem jetzigen Label Crammed bzw. Ziriguiboom gesucht, den wir zum Glück auch gefunden haben, und sind auf der ersten Compilation „Brasil 2mil“ erschienen, noch unter dem Namen rec.a. Danach sollten wir dann ein Album für das Label aufnehmen und mussten uns halt einen echten Bandnamen ausdenken.

Und wieso dann der Name Zuco 103 (einhundertdrei, one hundred and three, ciento tres...)?
Ja genau, das ist ja das Gute daran. In jedem Land kann man das in seiner eigenen Sprache aussprechen, zumindest die Zahl. Und Zuco ist ebenfalls relativ einfach auszusprechen. Also unter modernen Marketing-Gesichtspunkten ist der Name perfekt.

Ihr ward ja alle von verschiedenen Stilen wie Boogaloo, Bossa und Lilian natürlich von den alten brasilianischen Künstlern wie Caetano Veloso, Gilberto Gil aber auch Ella Fitzgerald beeinflusst. Wie entstand denn die Idee, diese Stile mit Elektronik zu fusionieren?
Ich hab mir schon Anfang der Neunziger meinen ersten Sampler gekauft und war total interessiert an Dance-, House- und Techno-Sachen. Ich bin auch wahnsinnig gerne auf Raves gegangen und all das. Drum´n´Base war für mich eine Offenbarung damals.

In einem Interview des Billboard über euer erstes Album „Outro Lado“ habt ihr gesagt, dass die Dance-Szene in Holland nicht besonders entwickelt war damals und dass die Holländer euch deswegen nicht ganz ernst genommen haben. Rock war eben mehr angesagt. Ist das immer noch der Fall, oder hat sich daran etwas geändert?
Na ja, in Holland sind wir mittlerweile etabliert, in dem Sinne, dass die meisten Leute uns kennen und wissen was Zuco bedeutet. Aber damals wollte wirklich niemand etwas von uns wissen…

…aber hat sich denn in der Musik-Szene etwas geändert, in dem Sinne, dass es jetzt mehr Bands gibt, die auch in eure, oder sagen wir mal die Brazilectro-, Richtung gehen?
Klar, es gibt noch andere Projekte, die auch verschiedene Sachen vermischen. Zum Beispiel eine Band, die auch brasilianische Sachen gemischt mit elektronischen Dingern macht. Zufällig sind die auch aus Amsterdam, aber bei denen klingt die Musik wieder anders. Andererseits finde ich aber auch, dass sich die holländische Szene noch nie dadurch hervor getan hat, dass sie besonders originell gewesen wäre. Außer bei Gabba. Und naja, was jetzt populär ist, sind Sachen wie DJ Tiesto und Sanda Kleineberg. Progressive House heißt das dann. Das ist diese schreckliche Teenie-Party-Mukke mit Synthesizern und so weiter; auch eine typisch holländische Erfindung.

Eure neue Platte „Whaa!“ ist gerade erschienen, und diesmal zeichnen sich neben den bekannten brasilianischen, elektronischen und Funk-Einflüssen auch afrokubanische, äthiopische und west-afrikaische Sounds ab. Haben eure ausgedehnten Touren um die ganze Welt einen Einfluss auf die Platte gehabt und sind deswegen mehr Stile enthalten, oder würdest du das der normalen Entwicklung der Band zuschreiben?
Schwer zu sagen. Ich meine, wir haben natürlich auch auf vielen Festivals gespielt und dadurch viele andere Bands gehört, viele afrikanische Bands. Auch afrikanische Bands, die elektronische Elemente mit einbringen. Aber wenn wir uns inspirieren lassen, versuchen wir uns doch eher von den puren Einflüssen, den Roots beeinflussen zu lassen. Wir schauen dann eher zur Folklore-Musik, zu den Basics, sagen wir mal. Dahin, wo es wirklich herkommt.

Woher kommen dann die West-Afrikanischen und Äthiopischen Einflüsse? Ward ihr in diesen Ländern schon einmal?
Nein, da waren wir noch nie. Aber wir hören solche Musik sehr viel, Afrikanische Sachen, Salsa, Afrokubanisches Zeug, Brasilianische Musik. Ich muss gestehen, dass wir uns selten Bands anhören, die das Gleiche machen wie wir. Wir versuchen eher auf die Basis zurück zu gehen.

Hörst du deine eigene Musik zu Hause?
Ich hab sie zu Hause, aber ich hör´ sie mir nicht an…

Worauf bezieht sich denn der Album-Titel „Whaa!“?
„Whaa!“ ist der Urschrei, wenn nach einem halben Jahr die Studio-Tür aufgeht und die Platte fertig ist…Kann aber eigentlich alles bedeuten. Man kann „Whaa!“ auf verschiedene Arten interpretieren. Und letztlich hat jedes Lied seinen eigenen „Whaa!“-Faktor.

Auf der neuen Platte gibt auch Kollaborationen mit Lee Scratch Perry und Dani von Macaco, beides Pioniere auf ihrem jeweiligen Gebiet, die allerdings auch sehr unterschiedliche Musik machen. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Dani kennen wir schon länger. Wir sind ihm oft auf Festivals begegnet und haben uns dadurch irgendwie angefreundet. Wir haben für Macaco auch etwas auf deren letzter Platte „Entre Raizes y Antenas“ gemacht. Für den Track auf unserer neuen Platte haben wir dann eine Soul-Stimme gesucht. Jemanden der echt eine erdige Stimme hat. Also nicht im amerikanischen R´n`B- Sinne, sondern einfach von der Farbe her. Und da war er genau der Mann.

Und wie lief das bei Lee Scatch Perry ab?
Ja, Lee hatten wir anfangs gesampled. Manchmal fangen wir die Grundidee einiger Stücke mit einem Sample an. Normalerweise wird das Sample später dann wieder weg geholt, weil wir keine erkennbaren Samples auf unseren Platten haben wollen. Lee hatten wir aber wie gesagt für ein Stück gesampled, und deshalb dachten wir, wir bräuchten jemanden, der so eine Stimme hat, einen Reggae-Sänger oder so. Wir haben dann nach jemandem passenden gesucht, aber uns ist niemand eingefallen. Und dann kam irgendjemand mit der Idee, ihn direkt selbst zu fragen. Zufällig hat er ein paar Wochen später in Amsterdam gespielt und wir haben ihn kontaktiert. Und zu unserer größten Überraschung hat er sich tatsächlich bereit erklärt, für total wenig Geld zu uns ins Studio zu kommen.

Die erste Single-Auskopplung ist „It´s a Womans World“. Warum wurde dieses Lied als Single ausgewählt? Wegen der Kollaboration mit Lee Scratch Perry oder weil Lilian etwas Spezielles damit ausdrücken wollte?
Man kann es auf verschiedene Arten interpretieren, aber eigentlich ist es ganz profan. Eine Single wird nach kommerziellen Aspekten ausgesucht, da hilft es erst einmal, wenn sie auf Englisch ist. Und wir profitieren natürlich auch von dem Namen von Perry. Obwohl das wiederum nicht von vornherein so geplant war. Es hätte genauso gut auch nicht zu diesem Lied kommen können, wär´ die Platte ein bisschen anders geworden. Aber mit Lee war auf einmal eine Connection da. Freitag haben wir ja auch noch in Paris gespielt, wo er dann zu uns kam und drei Nummern mit uns gesungen hat.

Es gibt doch auch ein Video von euch mit ihm …
Nein, leider nicht. Das war geplant, aber das hat aus eigenartigen Gründen, die gar nichts mit Lee Perry zu tun haben, nicht statt gefunden.

Das erste Lied eurer Platte „Na Mangueira“ bezieht sich auf die populäre Samba-Schule in Rio. Hat das auch etwas damit zu tun, dass Lilians Vater ebenfalls Präsident einer Samba-Schule in Rio ist?
Mangueira ist ein Begriff in ganz Brasilien und es ist eine der bekanntesten Samba-Schulen dort. Im Grunde genommen spiegelt sie aber das Brasilien der 50er Jahre mit Carmen Miranda und dieser speziellen Art zu singen wider. Deswegen imitiert Lilian am Anfang des Liedes auch einen ganz bekannten Radio-Moderator aus Brasilien, aus den 50er Jahren, der immer mit einer komischen verzogenen Stimme geredet hat.

Ihr seid nun schon eine Weile auf Tour und habt unter anderem auch in Bulgarien gespielt. Wie war denn die Reaktion dort auf eure Musik, wo doch aus dieser Ecke eher Balkan-Sounds kommen?
Ich muss sagen, uns hat es umgehauen.

Kennen die Leute dort eure Musik? Es gibt mittlerweile ja schon Elektro-Gypsy-Projekte, aber werden dort auch Partys mit lateinamerikanisch beeinflussten Sachen veranstaltet?
Also ich glaube, dass sich in Osteuropa etwas von der jungen Generation öffnet. Das sind Leute wie du und ich, und die saugen jetzt alles auf, wie ein trockener Schwamm. Jahrelang war das ja unmöglich und plötzlich öffnet sich die ganze Welt für sie. Und na klar gibt es da Raves und Riesenfestivals. Wir waren aber selbst zum ersten Mal in Sofia und konnten von daher anfangs gar nicht einschätzen, wie es werden würde und was uns erwartete. Letztendlich haben wir dann im „Palace of Culture“, einem Riesenkonzertsaal mit 5000 Leuten, gespielt, die völlig durchgedreht sind. Und die Leute aus der ersten Reihe haben alle unsere Texte mitgesungen.

Das heißt, dass das Publikum euch vorher schon gekannt haben muss…
Ja, ja. Ich meine, nicht dass wir da viele CD´s verkauft hätten. Grad in Osteuropa gibt es so einen Mafia-Straßenmarkt, dass du keine Cd´s verkaufst. Aber dadurch gelangt man immerhin auch zu Popularität.

Gibt es denn einen Vertrieb für eure Platten in Bulgarien?
Ja, die Leute die den Gig organisiert haben machen den Vertrieb für Bulgarien und haben ein kleines Plattengeschäft in Sofia. Die haben auch die ganze Promo gemacht für das Konzert. Wir haben übrigens sogar eine Cover-Band in Bulgarien, die wir dort auch kennen gelernt haben. Ich habe leider vergessen wie die heißen, aber sie wollten uns noch eine Aufnahme zuschicken. Drei Leute sind das, zwei Typen und ein Mädel. Und das Mädchen stand beim Konzert in der ersten Reihe und hat alles mitgesungen von den älteren Tracks.

Ist sie denn Bulgarin?
Ja, sie ist Bulgarin. Aber das Beste an der Sache ist, dass sie kein Wort Portugiesisch spricht und unsere Songs sind ja überwiegend auf Portugiesisch. Das ist alles phonetisch…

Das klingt ja fast nach japanischen Zuständen. Apropo: Ihr seid jetzt nur in Europa unterwegs. Ist denn wieder eine größere Tour für die USA, Brasilien oder Japan geplant?
Ja, ich schätze Anfang nächsten Jahres, USA und Brasilien und ein Teile Südamerikas. Wir haben diesmal auch Einladungen aus Chile, Venezuela und Argentinien. Ich hoffe, dass es klappt. Das ist immer eine Wahnsinns-Organisation.

Wann kommt die Platte dann dort raus?
Ich schätze die Platte kommt in Brasilien im Herbst raus. Das ist dann auch das erste Mal, dass sie dort vertrieben wird. In den USA kommt sie Ende des Sommers raus. Und wir haben noch einen Gig in Japan Ende Juli, das Fuji-Rock-Festival.

Aber wie war denn die Resonanz bis jetzt in Europa? Mir kommt es so vor, dass ihr in Deutschland bei weitem nicht so bekannt seid wie in Spanien. Dort kennt euch jeder und ihr seid jedes Jahr auf Tour. Wohingegen es in Deutschland eher mau aussieht.
Ja, ich finde es auch ein bisschen eigenartig. Aber vielleicht hat das mehrere Gründe. In Deutschland sind wir ganz am Anfang in der Weltmusik-Schublade gelandete. Außerdem sind die Genre-Grenzen hier auch härter, als in anderen Ländern. In Spanien fragen die dich gar nicht erst, wie du deine Musik kategorisieren würdest. Während es in Deutschland immer ein ziemlicher Unterschied ist zwischen Pop-Musik, Weltmusik und Elektronik. Und es vermischt sich ganz schwer. Wir hängen dann da immer zwischendrin.

Ja, das stimmt. In Spanien gehen die Leute auch überall zu der gleichen Musik ab. Aber es geht ja auch langsam in Deutschland los, dass immer mehr elektronische Musik mit weltlichen Einflüssen vermischt wird und zunehmend Partys in der Art organisiert werden. Brazilectro taucht in letzter Zeit häufig als Begriff auf…
Brazilectro ist ja eigentlich schon wieder tot. Obwohl ich den Begriff ich damals erfunden habe. Das war ein Titel auf unserem ersten Album „Outro Lado“. Ein, zwei Jahre später gab es dann die Compilation-Reihe „Brazilectro“, da wurde der Begriff das erste Mal von der Presse übernommen, weil es wohl ein Sound war, wo wir mit unserer ersten Platte herein gepasst haben, mit der zweiten allerdings schon wieder voll heraus gefallen sind. Ich denke, das Problem ist, dass die Presse immer gewisse Begriffe braucht, um Musik zu kategorisieren.

Das gleiche passiert ja im Moment auch mit der Mestizo-Bewegung…
…die es auch schon lange nicht mehr gibt.

Ja. Hier ist der Begriff allerdings erst seit Kurzem bekannt und die Bands, die aus dem spanischensprachigen Raum kommen und verschiedene Stile fusionieren, werden alle in die gleiche Schublade gesteckt.

Bands wie Ojos de Brujo z.B.…

…oder auch Macaco. Aber der einzige gemeinsame Nenner ist, dass verschiedene Stile vermischt werden. Denn letztlich hat jede Band immer noch ihren eigenen Sound. Ojos de Brujo und Macaco machen z.B. absolut unterschiedliche Musik und die jungen Straßen-Bands wiederum auch alle ihr eigenes Ding. Aber in Deutschland wird alles zu einem zusammen gefasst.

Ja, das ist eigentlich sehr Schade …

Schade ist auch, dass Zuco 103 letztlich nicht in Berlin gespielt haben. Hoffen wir aber, dass sich die Deutschland-Touren in Zukunft um ein paar Termine mehr erweitern werden und die Leute auch hier auf den Geschmack kommen. Auch wenn in den Konzert-Ankündigungen dann längst überholte Begriffe zur Beschreibung der Musik verwendet werden müssen.

Autor: Anne

matthias | Mo., 13. Jun 2005 | Interview

Es ist schon wieder etwas her als ich mich mit den Jungs von The Special Guests in einer Kneipe, in der nähe ihres Probraum traf. Das Gespräch war sehr lang und informativ, doch leider macht mein altes Diktiergerät nicht mehr alles mit und so war es dann, dass ich nicht alles verstand was sie mir aufs Band gesprochen hatten. Vielleicht lag es auch daran, dass in der Zeit des Interviews so einige Bierchen über die Ladentheke gingen und im Laufe des Abends die Gespräche lauter wurden und sich überlagerten.

10 Jahre The Special Guests

Bekanntlich gab es Mitte der 90er Jahre in Berlin eine Menge Skabands. Darunter waren nicht alle schlecht und nur wenige hatten eine Bandauflösung wirklich verdient. Generell besteht aber eine Skaband aus mehr als 3 Bandmitgliedern und diese Tatsache bringt natürlich auch Probleme mit sich. Nicht nur, dass Skabands immer vergleichsweise hohe Reisekosten haben, wenn sie auf Tour gehen. Nein es ist auch schwierig, alle Meinungen unter einen Pork Pie zu bekommen. Für Bands bedeutet dieses oft ein frühzeitiges Aus oder eine derartige Umbesetzung, dass von den ursprünglichen Bandmitgliedern und deren Einflüssen nicht mehr viel übrig bleibt. Natürlich gab es auch bei einem der letzten Reste des Berliner Urgestein-Ska nämlich bei den Special Guests eine Reihe von Umbesetzungen, die waren aber nie so gravierend, dass daraus gleich eine neue Band hervorgegangen wäre. „ In der Tat sind die Leute in der Band geblieben, die auch immer am meisten für die Band getan haben. Wir haben als Spaßband angefangen. Einige haben mit der Gründung der Band auch erst angefangen, ein Instrument zu erlernen und haben dann mitbekommen, dass Musik machen nicht ihre Hauptaktion ist. Aber es ist so, dass der Kern geblieben ist. “

Auch The Special Guests gründeten sich mitte der 90er. „Wir waren auf einem Blechreiz Konzert und haben uns überlegt, so eine Musik wollen wir auch machen. Dann gab es da noch eine Band, wie hieß die doch gleich … ach ja Mother's Pride“ wissen die Jungs zu scherzen. Danach wird erstmal eine neue Runde Bier geordert. Auch bei den Special Guests verlief die Gründung auf klassischem Wege. Im Kollegenkreis der Schule wurden ein paar Leute zusammengescharrt und dazu verdonnert, ein Instrument zu erlernen. Als Schülerband zu beginnen ist auch heute noch, oder vielleicht heute erst recht, eine gute Vorraussetzung. Dadurch kann sich die Band gewiss sein, auch immer vor Publikum zu spielen, wie es so einige Konzerte derzeit zeigen. Ähnlich wie bei anderen Skabands, kam auch hier der Entschluss, sich mit dieser Musik zu beschäftigen vor der Auseinandersetzung mit den Wurzeln und der Geschichte der Bewegung.
In Berlin gibt es bis auf Yebo, der wohl ältesten noch existierende Skaband Europas keine weitere Skaband, die ihr 10jähriges Bestehen feiern konnte, wie es die Special Guests neulich erst in der Kalkscheune getan haben. “Bei jedem Einzelnen ist scheinbar ein Verantwortungsgefühl vorhanden und jedem Einzelnen ist klar, dass er verantwortlich ist, die Sache am Laufen zu halten. Natürlich haben nicht alle 100%ig die gleiche Meinung, wohin das Projekt führen soll, aber ich denke schon, dass sich alle darüber einig sind, dass wir keine Feierabendband sein wollen, dass wir gute Musik bieten möchten und möglichst vielen Leuten unsere Musik mitteilen wollen.“
Dennoch gab es in der Band auch einen entscheidenden Wendepunkt. Ein Jahr vor dem 10jährigen Bestehen, entscheidet sich Leon für ein Auslandssemester plus Praktikum in Frankreich. „Dass ihm die Entscheidung aber nicht leicht gefallen ist, hat man gemerkt. Er hatte dabei eine Träne im Auge. Ich persönlich hätte mich anderes entschieden, aber er hat für sich beschlossen, dass die Ausbildung dann doch vorgeht. Diese Entscheidung ist völlig legitim wenn man sich überlegt, ich habe mit einer Ausbildung im Ausland später eine bessere Chancen einen Job zu finden, gerade in der Hinsicht, dass das Ska-Buissness (wenn man es denn so nennen kann) nicht gerade die finanzielle Zukunft mit sich bringt. Es hätte wahrscheinlich nicht jeder gemacht. Das ist eine Typenfrage, die man respektieren muss. Ihm ist es aber nicht leicht gefallen.“ Mit dem Wechsel des Sängers kam es zu kleinen, feinen Veränderungen in der Band. Auch wenn sie es gar nicht so richtig wahr haben wollen und auf meine Nachfrage etwas ins Schleudern und Rumdrucksen kommen, ist es doch so, dass bei ihren Liveauftritten nun etwas mehr Druck hinter der Musik steckt. Eigentlich hat sich nicht viel geändert, die Songs werden im selben Tempo gespielt, aber alles klingt irgendwie kraftvoller und somit ist der Konzertgenuss um einiges gestiegen. „Vielleicht hat das was mit seiner Stimme zu tun.“ Vielleicht? Leon wirkte als Sänger eher zurückhaltend und ließ die Band oft in eine Jamsession abdriften. „Es hat auch damit was zu tun, das die Entscheidung von Leon nicht über Nacht viel, sondern er hat sich entschieden, er geht weg aus Berlin und er ist die nächsten zwei, drei Jahre und sogar vielleicht für immer weg. Ich glaube er hatte sich innerlich auch schon verabschiedet. Das hat man vielleicht nicht im Publikum gemerkt, aber Bandintern auf jeden Fall. Dann hat sich die ganze Sache noch einmal um ein halbes Jahr verschoben und Leon wusste, dass es in absehbarer Zeit vorbei ist. Und wenn du das selber schon weißt, dann hast du den Cut innerlich ja schon gemacht.“

Mit seinem ersten Auftritt im letzten Jahr wurde Willi Ocean, der neue Sänger ins kalte Wasser geworfen. Anlässlich der Popcom spielten The Special Guests mit weiteren Skabands vor viel Publikum im SO36. „Für uns war das eine Katastrophe. Wir hatten eine tierische Rückkopplungen auf der Bühne. Vom Feeling her, hatten wir ein ganz schlechtes Konzert.“ „Das war wirklich schrecklich, die Rückkopplungen wurden von Lied zu Lied schlimmer. Ich habe so etwas bis jetzt nicht mehr erlebt“ meint dazu Willi.
Wer Mitte letzten Jahres aufmerksam die Anzeigen in den Lokalen Pressen gelesen hat, dem ist sicherlich die Anzeige aufgefallen: Berliner Skaband mit viel Liveerfahrung sucht Sänger, oder so ähnlich. Nur leider wurde nicht erwähnt, um welche Band es sich handelt. Verraten hatte es nur die Kontaktadresse: irgendwas@thespecialguests.de . Damit war klar, im Hause Special Guests passiert was. Aber der neue Sänger wurde über andere Wege gefunden. „Mich hat ein Freund angerufen und fragt: ‚Eh sag mal Willi, könntest du dir vorstellen in einer Band zu singen?' Und dann meinte ich so … ‚Normaler Weise nicht. Aber weil meine Situation gerade so schräg ist, würde ich mir anhören, was du zu sagen hast. Was machen die denn für Musik?' ‚Die machen Ska.' ‚Ach. Ja O.K. normaler Weise würde ich sagen, hab ich nicht viel mit zu tun, da aber meine Vertragsverhandlungen mit meinem augenblicklichen Verein gerade so schlecht sind, wat solls, da geh ick mal hin.'“ Dazu sollte erwähnt werden, dass Willi Handballer bei SGH-Neuruppin ist. „Ich habe 20 Jahre Handball gespielt…“ „ Während wir uns den Arsch mit der Band abgespielt haben“ meint dazu die Band.
In einer Band hat Willi noch nie gesungen, geschweige denn eine richtige Gesangsausbildung gehabt. Die einzige Bühnenerfahrung, die er jemals machte, war im Schulchor, in dem Willi vor mehr als 10 Jahren sang. Nach dem Interview und nach 2 Bier erzählte er mir, dass er durch diese Tätigkeit aber schon der Pausenhof-Pate der Schule war.
Auf die Anzeige aber meldeten sich so einige Leute. Nach Angaben der Band waren Leute dabei, die es richtig gut konnten und andere, wo man sich dachte „ganz schön mutig sich auf eine Anzeige zu melden“. Andere die gut singen konnten, mit denen passte es an anderer Stelle nicht. Es wurde natürlich auch nach persönlichen Kriterien ausgesucht, immerhin muss man sich bei der Band auch auf lange Reisen einstellen und man möchte sich dabei natürlich nicht auf die Nerven gehen. Als Willi Ocean ankam, passte die Chemie von Anfang an. Darauf durfte er vorsingen und wer die Stimme kennt, der kann sich vorstellen, dass sie durchaus überzeugen kann. So wurde ein neuer Sänger gefunden.

Es gibt aber noch andere Neuigkeiten. The Special Guests waren Anfang des Jahres wieder im Tonstudio. Als wir uns zum Interview trafen, saßen sie gerade alle am Tisch und überlegten sich einen Namen für das kommende Album. Verraten wollten sie ihn uns aber noch nicht. Im September wird die neue Scheibe präsentiert. „Das läuft so, was wir neu erarbeiten, wird live natürlich auch gespielt. Wir machen ja nicht einen Song fertig und spielen den dann nicht, nur weil in 2 Jahren vielleicht eine neue Platte rauskommt. Also wer regelmäßig zu unseren Konzerten kommt, kennt fast jeden der Songs. Bis auf wenige, vielleicht.“

Autor: Stefan

matthias | Mo., 30. Mai 2005 | Interview

Pop deurope, Berlin, 13.05.2005
Seit 2002 ist die „pop deurope“ eine feste Institution in Berlin: Als eines der ersten Festivals hat sie Bands wie Wagner Pa, Macaco, Ojos de Brujo, Transglobal Underground und P18 aus den europäischen Metropolen nach Deutschland geholt und auf Berliner Bühnen gestellt. Zuerst im Podewil, dann im Haus der Kulturen der Welt und seit diesem Jahr in der Arena Berlin. Das Line-Up ist von Jahr zu Jahr gewachsen, wie auch der Bekanntheitsgrad der Bands, die im Namen der pop deurope den Berlinern ein Stück ihrer Heimat präsentieren.

So auch die Spanier Ojos de Brujo, die zur Eröffnung der diesjährigen pop deurope nun schon zum zweiten Mal eingeladen wurden und zusammen mit Muchachito Bombo Infierno, dem Publikum ordentlich einheizten. Unterstützung bekamen Muchachito bei ihrer Live-Show wie immer von dem Künstler Santos de Veracruz, der auf einer bühnengroßen Leinwand in Konzertlänge ein urbanes Rumba-Gemälde hin zauberte.

Denn die pop deurope steht nicht nur für Konzerte, sondern für multikulturelle Fusion aus Filmlounge, Musik, Workshops und Party. Als Highlights stehen u.a. der Radio-Bemba-Trompeter Roy Paci mit seiner Band Aretuska, der Engländer Nitin Sawhney, das Shukar Collectiv aus Rumänien und das DJ-Kollektiv Mo´Horizons auf dem Programm. Der Sommer verspricht eine musikalische Interrail-Reise durch die europäische Musiklandschaft zu werden. Auf keinen Fall verpassen!

Anne | Fr., 27. Mai 2005 | Interview

Wie in unserer aktuellen Printausgabe angekündigt, kommt hier jetzt das komplette Interview mit Lea (Wild At Heart). Aus Platzgründen konnten wir nicht alles ins Heft packen, aber das Interview ist auch einfach zu interessant um einen Teil einfach wegfallen zu lassen. Deshalb hier und jetzt die Vollversion.

Das Wild at Heart in Berlin ist für mich ein ganz besonderer Club. Nicht nur, dass es dort, wie ich hier sicher schon oft erwähnt habe, den besten Frozen Margherita der Welt gibt. Nein, es ist mehr. Wenn mich jemand fragen würde, was es ist, könnte ich das nicht mal mit genauer Sicherheit sagen. In den 5 Jahren, wo ich bis jetzt den Club kennen und lieben gelernt habe, hat man einfach so viel erlebt - seien es jetzt besuchte Konzerte, selbst gespielte Konzerte oder einfach auch „nur“ Besuche, dass man dies einfach nicht an einer Sache fest machen kann. Genauso schnell habe ich mich an das benachbarte, vor ziemlich genau einem Jahr eröffnete, Tiki Heart gewöhnt, von dem ich steif und fest behaupten würde, dass es das auch schon seit Ewigkeiten gibt.
Man hat sich einfach mal kennen gelernt und findet, wenn man nicht ganz menschenscheu ist, sofort Zugang zu Lea, Uli und Volker, den Besitzern der beiden Läden und als ich vor etwas über einem Jahr und Anfang diesen Jahres mal bei der Promotion der beiden ‚Wild at Heart' Compilations behilflich war, hatte ich nicht das Gefühl, irgendeinen Job zu erledigen, sondern einfach nut Teil einer Gemeinschaft zu sein, die voneinander lebt, sich gegenseitig unterstützt und zusammen feiert. Im Mai wird der Club, der nicht nur über die Grenzen Berlins sondern gar Deutschlands und Europas bekannt ist 10 Jahre alt. Zeit also, den Club mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Und außerdem passt das auch noch hervorragend in unsere Serie, wo wir über Berliner Clubs berichten. Das Gespräch führte ich mit Lea in lockerer Atmosphäre im angesprochenen Tiki Heart. Und wenn Ihr mal in Berlin seid, dann schaut dort unbedingt mal vorbei. Denn dieser Club ist eine lebende Legende…

Hey Lea! Sag mal Ihr werdet dieses Jahr 10 Jahre alt. Habt Ihr denn mitbekommen, wie schnell die Zeit verfliegt?
Gute Frage. Kann ich gar nicht mal so sagen. Am Anfang ist sie langsam verflogen. Superlangsam. Und dann nach dem 7. Jahr war irgendwie so ein Knick und schon waren's zehn. Die ersten sieben Jahre… Ich find auch immer, dass sich sieben Jahre mehr anhören als zehn. Weil zehn so'ne runde Geschichte ist und Du denkst, die sind schon mal schnell vergangen…

Wie hat denn alles angefangen? Wessen Idee war das? Aus welcher Motivation habt Ihr beschlossen, den Club oder die „Kneipe“ aufzumachen? Eigentlich gibt es ja „normale“ Kneipen genug hier in dieser Gegend und überhaupt…
Früher nicht. Nicht vor 10 Jahren. Da gab es gar nichts dergleichen. Da gab es eigentlich nur das SO. Und das Trash war eher, na sag ich mal so im Umkippen. Und sonst gab es nichts. Es war halt so, ich hatte mal das ‚Madonna' nebenan, war da mit dran beteiligt und bin dann damals ausgestiegen und wollte eigentlich nicht unbedingt etwas Anderes machen. Aber ich hatte mich schon immer in diesen Laden hier verliebt. Das war so ein kleines Kino, das FSK - die gibt es ja immer noch, und ich kannte die Besitzer. Und das war auch eigentlich der Grund, warum es geklappt hat. Die haben mich irgendwann mal angesprochen, weil ich immer das Spreewaldplatzfest organisiert habe, mit anderen natürlich und unter anderem auch mit denen. Die haben meistens irgendwelche Projektionen gemacht oder irgendwas. Da haben sie mich jedenfalls angesprochen, dass sie bald raus gehen, weil sie jetzt endlich ein großes Kino gefunden hätten. Weil das war ein ganz kleines Kino für die Leute damals mit, lass mich nicht lügen, 30 Sitzplätzen… Weil die Hälfte des Raumes war Projektionsraum, da war die Hälfte des Wild at Hearts schon mal dicht… Dann hatten die so Kinobänke drin. Ein Independentkino halt.

Also eigentlich schon ein Club mit Tradition…
Ja, aber für die war es überhaupt nicht machbar. Weil, die Mieten waren damals schon ziemlich hoch hier in der Gegend und wenn Du da 30 Leute hast, wovon dann wahrscheinlich am Abend 10 kommen, kann auch so ein kleines Kino nicht existieren. Und die sind ja dann richtig groß geworden. Die sind an den Oranienplatz gezogen und haben da so einen Neubau bezogen und haben sich halt vergrößert und wollten halt einen Nachmieter. Da habe ich mir dann echt überlegt, ist ja nun genau hier in meinem Kiez, wo ich auch wohne, wo ich immer gearbeitet habe, mensch - der Laden ist eigentlich toll. So von der Räumlichkeit hat der mir immer gefallen, ich mag ja solche Schläuche. Da habe ich mir gedacht, mensch, das ist eine gute Idee, hab dann auch noch Volker gefragt, der wollte gerne mitmachen und eine Freundin, aber die ist relativ schnell wieder ausgestiegen, weil, die Arbeit doch relativ groß war. Weil am Anfang stand erstmal eine komplette Sanierung, ein kompletter Umbau an. Das Kino war da auch vorher schon 7 Jahre drin und hat nie was gemacht. Die sind auch eingezogen, nachdem da jemand wahrscheinlich 50 Jahre drin war. Und wir mussten halt komplett sanieren. Aber ich schweife ab, die Frage war ja, wie ich dazu gekommen bin… Ich wollte jedenfalls schon immer was mit Livemusik machen. Im ‚Madonna' haben wir ja auch einmal die Woche was gemacht. Das machen die ja jetzt traditionell immer noch weiter, obwohl jetzt schon mittlerweile der 4. andere Besitzer drin ist, einmal oder zweimal die Woche ein Livekonzert zu machen, was da natürlich nur bedingt möglich ist. Aber das war schon immer mein Ding, wo ich was professioneller machen kann, als ‚Unplugged' oder nur einmal die Woche…

Das Wild at Heart und die Filmbranche haben ja noch etwas gemeinsam. Was hat denn David Lynch's gleichnamiger Film mit dem kleinen Club in Berlin gemeinsam. Inwiefern hat der Film bei der Namensgebung des Clubs eine Rolle gespielt?
Den Film hatte ich natürlich gesehen und ich liebe ihn sehr. Ohne das mich aber der filmische Inhalt inspirierte, sondern eher die Aussage des Titels: „WILD AT HEART“, zu deutsch ‚Wild im Herzen'. Das wollte ich somit als Lebensmotto geltend machen.

Habt Ihr am Anfang auch die Bar noch selbst geschmissen oder habt Ihr schon immer „Helfer“ gehabt…?
Nee, das schaffst Du nicht allein. Weil Du brauchst ja schon immer von vornherein 5 Leute, die am Abend tätig sind. Du bist nur eine Person. Wie willst Du das machen? Du brauchst ein Security, Du brauchst Leute, die irgendwie räumen… Weil, die Wege sind zu lang. Das ist so ein Schlauch, der Keller ist weit weg und das würdest Du nicht schaffen. Nee, wir haben immer gearbeitet und machen auch immer noch Schichten. Wenn gute Konzerte waren und es auch voll ist, dann haben wir natürlich auch mehr Leute gebraucht. Wir arbeiten bis heute immer noch. Uli macht immer noch den Sound, Volker macht immer noch den Tresen, ich hab immer noch mal ne Frühschicht. Das wird auch nie aufhören. Das kannst Du in dem Bereich, was wir da machen, knicken. Das ist eigentlich immer mehr Arbeit als das, was dabei raus springt…

Und Ihr 3 seid die drei, die seit Anfang an dabei sind?
Nee, Uli kam erst später. Uli kam kurz nachdem meine Freundin ausgestiegen ist, aber zwangsläufig, weil wir natürlich geheiratet haben, ist der praktisch in die Familie mit eingezogen sozusagen. Er hatte damals schon ab und zu den Sound gemacht, wenn Frank mal nicht konnte. Ja, er ist dann irgendwie mit reingeschlittert. Ist aber jetzt auch schon 8-9 Jahre her. Also so gesehen…

Und was habt Ihr vorher (beruflich) gemacht? Uli ist ja nicht aus Berlin und Du?
Ja Uli hat Stagehand gemacht. Und ist halt Berufsmusiker. Volker hatte auch eine Kneipe. Also er natürlich was Anderes gelernt. Aber ich weiß nicht, wie lange er das ausgeübt hat. Ich glaube, er hat irgendwas in der Industrie in Sachen Textilverarbeitung oder so gemacht. Und ich hab auch was gelernt. Ich hab studiert. Was man nicht braucht. Pädagogik oder so'n Schnickschnack (lacht). Und hab dann eigentlich auch nur noch Kneipe gemacht.

Uli kommt ja nicht aus Berlin. Wo habt Ihr Euch denn kennengelernt?
Hier in Berlin. Aber er lebt ja auch schon ewig hier. Hat auch hier Stagehand gemacht. Er hat ganz lange diese großen Konzerte - STONES und weiß der Kuckuck was betreut. Er hatte mit seiner Band ja auch schon existiert (CHURCH OF CONFIDENCE - Anm. d. T.). Die haben dann auch schon mal im Wild at Heart gespielt gehabt…

Wie erklärst Du Dir, dass sowohl der Club, als auch das Tiki Heart mittlerweile, ja so eine Art Kultstatus erlangt hat. Was macht Ihr besser als andere Läden? Ist es die Ehrlichkeit, die dahinter steht, was die Leute merken? Oder die Liebe zum Detail beim Kitsch?
Ich glaube, das einfache Rezept ist, dass Du immer da sein musst. Du musst die Bezugsperson sein und Dich für alles verantworten können. Rede und Antwort zu stehen ist immer das Wichtigste bei solchen Läden. Weil, wenn die Leute irgendwas zu Maulen haben oder auch wenn sie was gut finden… - die brauchen eine Bezugsperson. Und wenn die immer wechselt oder nie da ist, hat der Laden kein Gesicht. Das Gesicht eines Ladens ist nicht nur wie er aussieht, sondern auch wer da drin was macht. Und wir waren immer da. Die meisten Leute kennen wir halt persönlich. Volker ist bis 9 Uhr morgens bei seinen Schichten da, ich bin bis Nachts um 3 da, mach die Bandabrechnung Uli macht den Sound. Das ist halt immer noch so ein Familiending. Guck mal, wir fahren auf Tour, die Leute in England kennen uns, die sagen - o.k., Ihr seid das Wild at Heart. Aber wie gesagt, wenn es was gibt, dann sprechen mich die Leute immer noch direkt an. Weil wir das auch zulassen. Ich denke, das ist das Rezept. Wir waren immer da und haben immer das Gesicht gewahrt. Abgesehen natürlich auch davon, was man für Konzerte macht. Ob man Gute oder Schlechte macht. Das gehört natürlich auch dazu. Wenn wir trotzdem Asis wären, wäre der Laden vielleicht doch nicht so beliebt. Da haben wir, ohne uns jetzt hochzuspielen, relativ gute Arbeit geleistet. Haben viel gemacht, dass hier viele Bands spielen konnten. Das ist schon klar. Was wir auch anders und mit Sicherheit auch besser gemacht haben als Andere ist, weil das eben so ein Familienbetrieb ist, oftmals auch umsonst gearbeitet haben. Das heißt, wenn Bands hier spielen und die haben ihre 20 Leute, dann kannst Du weder Löhne zahlen noch könntest Du den Bands Geld geben oder irgendwas machen. Also heißt es dann an dem Abend, kriegt Volker keins, kriegt Uli keins und wir nehmen noch was aus der Kasse. Das kannst Du nur machen, wenn Du a) eine Leidenschaft dafür hast und b) eine Fairness und c) den Willen dazu hast, auch mal zu verzichten. Wir haben auch nie vergessen wie es ist, kein Geld zu bekommen, wenn Du irgendwo bist. Uli kennt das auch eigener Erfahrung. Das ist halt so. Ich glaub, das ist ein Unterschied zu dem, wenn Du rein kommst und die Leute wissen nicht, mit wem sie reden sollen. Und keiner drückt man mal ein Auge zu und man sagt - Scheiße, ist doof gelaufen, aber trotzdem… geht das…? - Das ist immer wichtig.

Elvis Pummel hat Euch schon mal in einem seiner Songs erwähnt. Wisst Ihr noch von anderen Hommagen?
Ja, kürzlich gab uns die Band 69 EYES ihr neues Album. Dort werden wir in ihrem Titel über Berlin auch erwähnt, sind schon mehrmals bei uns abgestürzt.

Welche Erwartungen hattet Ihr so, als Ihr mit dem Club angefangen habt?
Genau die eigentlich, die sich erfüllt haben. Genau das. Also wir haben immer gesagt, mal gucken, mal sehen, ob es klappt. Also da war nie der Gedanke da, dass wir uns davon bald mal einen Rolls Royce kaufen können oder so. Wir alle drei wollten immer nicht nur irgendwo arbeiten, da wären wir auch nicht weiter gekommen. Es war zwar schwer, sich was Eigenes aufzubauen, also auch viel Verzicht und so, haben vielleicht auch weniger gekriegt, als wir vielleicht woanders bekommen hätten, im Nachhinein gesehen. Aber auf jeden Fall konnten wir uns unsere Zeit frei einteilen. Und konnten eben so ein bisschen Träume verwirklichen. Also Leute und Bands, die wir gern gesehen haben oder hätten, die haben wir versucht uns mal zu holen… Es war eigentlich schon die richtige Entscheidung. Aber die Erwartungen waren nie so groß. Manchmal waren wir echt verblüffter, als wir dachten. Wer da alles so kam. Wer da noch mal kam und wer sich dann bedankt hat. Wenn es dann irgendwo in der Welt Leute gibt, die dann sagen - ich war in New York und hab da einen mit einem Wild at Heart T-Shirt gesehen. Und ich hatte auch gerade eins an… - Also wenn Dir Leute so was erzählen, freust Du Dir natürlich ein weites Loch in' Arsch. Das ist doch wunderschön.

Mittlerweile bringst Du nicht mehr so viel „Kitsch“ in den Laden rein, sondern die Gäste bringen Dir das Meiste mit. Habe ich mal gehört. Stimmt das soweit?
Hehe. Ja das stimmt. Aber ich stell immer noch alles auf, was mir die Leute mitbringen.

Es gibt doch bestimmt ein paar Geschichten, die Euch immer in Erinnerung bleiben werden. Schöne wie schlechte. Erzähl doch davon mal jeweils eine.
Ach du Schande. Das ist immer so. Wenn man das abrupt abrufen soll, dann acht das Hirn nicht sofort auf. Klar, Bandgeschichten gibt es ganz viele. Aber abrufen kann ich die gerade nicht. Oder vielleicht doch. Lemmy (MOTÖRHEAD) war zweimal auf der Tour noch im WAH und hat gefeiert. Und immer rief mich der Tourleiter an, dass er kommen würde und jedes mal war ich selbst mit COC auf Tour ... Und das bei mir, wo ich so großer Motörheadfan bin..................... Ein Desaster !!!!!

Gab es mal einen Wendepunkt für Euch oder irgendeinen Knacks?
Ja, das fragt man uns oft. Wir sind ja mal abgebrannt. Gleich nach anderthalb Jahren. Das war nicht mal unsere Schuld. Das war auch Gott sei dank nicht während des Betriebs, sondern tagsüber. Das war so ein Schwelbrand, der im Haus über die elektrischen Leitungen ging und unten bei uns halt raus kam. Das Problem war nur, dass die Feuerwehr den nicht löschen konnte, weil der Brand erst ausbrennen musste. Weil durch die Sauerstoffzufuhr durch die offene Tür ist das Ding komplett durchgebrannt. Und das war natürlich, sagen wir mal so, ist ja niemand zu Schaden gekommen, für uns ein totaler Rückschlag. Wir hatten gerade eine Komplettsanierung gemacht. Wenn es vielleicht ein altes Stück Holz gewesen wäre, wäre es egal gewesen. Aber wir hatten gerade saniert. Das heißt, nicht nur das Geld - auch die ganze Arbeit… Und dann hattest Du den Druck. Wusstest nicht, ob Du genug Geld von der Versicherung bekommst, alles noch mal zu machen… Das war schon schlimm. Ich mein, wir haben Geld von der Versicherung gekriegt, natürlich nicht, was wir alles an Arbeit reingesteckt haben und haben dann noch mal gebaut. Das war die Hölle. Alles noch mal. Der einzige Vorteil bei der Geschichte war, dass wir schon in anderthalb Jahren wussten, was wir nicht unbedingt noch mal so bauen. Haben ein paar Veränderungen in Richtung Akustik und Schallschutz gemacht. Wir haben von ein paar Geräten, die wir ersetzt gekriegt hatten, wie Kaffeemaschine und Popcornmaschine, einfach das Geld genommen und haben es in Betonestrich gesteckt, der uns halt ein paar db-Zahlen für den hinteren Raum mehr gebracht hat. Das war in dem Fall doch sehr sinnvoll, praktisch noch mal was Anderes zu machen.

Ja wie sieht es denn mit den Bewohnern im Umfeld aus? Gab es schon oft Beschwerden?
Naja, wir mussten ja eine richtige Abnahme machen. Ob die Anwohner damit klar kommen oder nicht - Du hast eine Abnahme. Da gibt es eben Richtlinien. Und nur so laut kannst Du halt machen. Ich kann hier auch nicht Lärm wie in einer Grubehalle machen, aber ich hab ne bestimmte db-Zahl, die ist lauter als in einer Kneipe, logischerweise, und soviel haben wir an Bauteilen reingesteckt. Und damit kommen wir ganz gut klar. Das muss man natürlich einhalten. Ich kann genauso gut auffahren, dass die Bude auseinander platzt. Aber was wir da an Hardcore bringen, da hat sich noch niemand beschwert.

Gibt es Bands in all den Jahren, wo Ihr sagen würdet - Um Gottes Willen, die kommen hier bloß nicht wieder her?
Ja klar, so was gibt es. Aber das verdränge ich immer. Vielleicht gibt es da 2 - 3, die halt irgendwie zickig waren, weil sie halt von einer Firma gebucht worden sind, von einer großen Agentur, die dann, weil sie woanders keinen Platz gekriegt haben, sie zu uns reingesteckt haben. Und gesagt haben - macht die mal - und die waren dann absolut unglücklich darüber in so einem kleinen Laden zu spielen und haben sich dann auch dementsprechend benommen. Waren extrem arrogant und da hatte ich 2 - 3 Bands, aber ich will auch keinen schlecht machen, aber das war dann auch ein Fehler von der Agentur vielleicht, so was zu tun. Andererseits finde ich aber auch so ein Benehmen immer ganz abscheulich. Aber solche Bands kommen von alleine nicht wieder. Da braucht man sich überhaupt keine Gedanken machen. Die fanden es vom ersten Tag an Scheiße, also werden die einem auch nicht noch mal über den Weg laufen…

Überhaupt - kannst Du in etwa zusammenrechnen, wie viel Bands in all den Jahren so bei Euch aufgetreten sind?
Volker hat mal was von über 5.000 erzählt. Ich hab's nicht mal ausgerechnet. Ich werde es dieses Jahr vielleicht mal machen, aber Volker hat eben mal letztens irgendwas von 5.000 erzählt. Hat er sich mal die Mühe gemacht, irgendwie ne Hochrechnung zu machen. Naja, wenn Du so einen Durchschnitt nimmst von 5 Tage die Woche Konzert… Dann hast Du halt mal mehr, mal weniger. Aber bei 12 Monate im Jahr, da kann das hinkommen. Vielleicht sind es sogar ein paar mehr. Viele haben natürlich auch doppelt gespielt in den Jahren, aber es ist schon viel. Aber das ist so gesehen auch nur möglich gewesen, weil Du auch an solchen Tagen aufgemacht hast und Bands hast spielen lassen, die nicht so beliebt sind für die Leute. Der richtige Geschäftsmann oder Leute im Wessiland, die machen eben nur Freitag, Sonnabend, Sonntag Konzerte, weil alles andere da nicht läuft. Da kommen da eben nur 5 Leute und da kann keine Band spielen. Dafür lohnt es sich nicht, den Laden aufzuschließen.

Seit Neuestem habt Ihr ja auch das Label ‚Wild at Heart Berlin - Records', auf dem Ihr jetzt jährlich immer eine Compilation mit Bands rausbringt, die bei Euch gespielt haben. Da kann man sich ja fast ärgern, warum man damit nicht früher angefangen hat, oder? Wer macht das Label? Wo kann man die CDs kaufen und können sich Bands für dieses Label „bewerben“? Oder machen das gar schon welche?
Das Label betreiben wir selbst, aber auch mit der Hilfe eines gewissen Mieschka Mayonaise, der zum Beispiel freundlicherweise die Promo übernimmt. Klar hätte man damit früher anfangen sollen, aber damals waren die technischen Bedingungen dafür noch nicht geschaffen und wir haben uns gesagt, lieber spät als nie. Gott sei dank sind ja viele Bands immer noch aktiv und spielen auch noch bei uns. Darüber hinaus gibt es genügend neue bzw. auch junge Bands die es wert sind aufgenommmen zu werden. Die CD`s gibt's im Wild At Heart, im Tiki Heart, bei VoPo, Coretex und bei Groove Records. Für Auswärtige besteht die Möglichkeit, direkt über unseren Online-Shop ( www.wildatheartberlin.de ) oder bei diversen Mailordern zu bestellen.

Das mit jedem Tag in der Woche aufmachen, kann man ja auch fast nur in Berlin machen, oder? Was bedeutet Berlin für Dich? Hängst Du an der Stadt?
Ich lebte mal eine Zeit in Los Angeles, da habe ich Berlin vermisst. Das morbide, den Punk und das ‚Oldstyle' und die Tragik und den Schmutz, die Häuser, die Berliner! Aber jetzt wo ich schon so viel Zeit wieder nur in Berlin lebe, vermisse ich L.A.....
Ich meine, nichts ist so vollkommen, daß ich ganz zufrieden bin. Auch nicht Berlin. Denn Berlin wird von seiner Einzigartigkeit mehr und mehr zum Duplikat einer anderen Großstadt. Aber das mit jeden Tag in Woche aufmachen, liegt glaube ich eigentlich nur an unserer Arbeitswut und der Fülle an Nachfragen der Bands. Wir bleiben eben am Ball.

Was hat sich denn im Umfeld der Wiener Strasse seit Mitte der 90'er, als Ihr begonnen habt, geändert?
Naja, ich leb ja hier nun schon weitaus länger. Also die Wiener Strasse war ja mal so eine, muss ich ja mal ehrlich sagen, richtig tolle Strasse mit lauter kleinen Krämerläden und ganz viel „Tante Emma“-Sachen und so weiter. Da waren ganz alte Leute natürlich und die sind natürlich mittlerweile alle verschwunden. Keine Nachfolger, nichts. Dann hatte ich immer Angst, dass es kippt, dass es so eine reine Kebapecke wird. Das hat sich dann aber peu á peu ergeben. Also es gab ja noch das ‚Wiener Blut', das ‚Morena' ist noch rein, dann sind wir gekommen... Das hat sich durch die Kneipenmeile, dadurch sind ja dann doch noch 3-4 Läden gekommen - das Café Marx zum Beispiel - ein bisschen durchsetzt. Das hat dann auch das Umfeld, unsere Gäste, ein bisschen ausgeglichen. Da haben sich dann auch andere Leute wieder getraut, sich anzusiedeln. Anfang der 90´er, nach der Maueröffnung, war die Ecke hier ja tot. Da ist für die Gastronomen hier nicht viel Hoffnung gewesen. Nur noch die alten haben überlebt und der Rest war ein ständig wechselnder Prozess. Aber Ende der 90´er, Anfang 2000, wurde es langsam wieder besser. Wir waren, bestimmt wie ein paar andere Läden auch, z.B. das ‚Wiener Blut', immer da. Also ein gewisser Kreis ist auch mit uns immer da geblieben. Das war natürlich ganz wichtig. Wenn wir jetzt auch noch gewechselt hätten, wäre das bestimmt nicht so schnell wieder gekommen. Jetzt in den letzten 3-4 Jahren haben sich viele neue Sachen hier angesiedelt und Du merkst, die Leute kommen auch wieder zurück, um sich Kreuzberg ab und zu mal anzugucken. Und das war ja früher hier schon gar nicht mehr möglich. Du konntest hier ja niemanden mehr reinlocken, weil die Leute ja Angst hatten. Und in den letzten 3 Jahren, sagen wir mal, ist das wieder richtig so eine bunte Strasse geworden. Also ich freu mich darüber. Ganz doll.

Wovor hatten die Leute Angst?
Also erstmal - wie gesagt - das alte Dogma - Kreuzberg wäre ein Kebapbezirk. Die Leute hatten Angst. Es gab auch in den letzten 10 Jahren wirklich tierisch viele Meldungen über Überfälle, Schießereien… Das hat sich ja bis zum ‚Travolta' in den letzten 2 Jahren, wo noch was passiert ist, hingezogen. Das war schon nicht gerade wegzureden. Klar ist die Zeitungspropaganda immer ein bisschen übertrieben. Aber es war wirklich nicht unbedingt für einen Außenstehenden so witzig, hier die Nebenstrassen zu belaufen. Und es ist jetzt auf jeden Fall wieder ein bisschen aufgelöster geworden.

Eine lustige Geschichte hast Du mir mal erzählt - die hat jetzt weniger mit dem Club zu tun - Du warst mit Uli in der Jack Daniels Destillerie. Und da arbeiten wirklich die zwei Typen, die hier auch in der Fernsehwerbung zu sehen waren?
(lacht) Ja wirklich. Ich mein, die Werbung läuft ja jetzt nicht mehr. Aber wir sind da mal gewesen, als die noch lief und die Opas, die da immer auf ihren Wagen gesprungen sind und drinnen die Jungs, die da interviewt worden sind…genau die beiden, die da am häufigsten zu sehen sind, die waren dann auch da. Aber das wir die kennen, die Deutschen, und auch alle Japaner, liegt daran, dass dieser Werbespot nur in Japan und in Deutschland ausgestrahlt wurde. Die Amis kennen den Werbespot gar nicht. Demzufolge ist das für die Amis, die dort gewesen sind überhaupt nicht aufregend, dass die da saßen und ganz normal vor sich hingearbeitet haben. Das war wirklich witzig.

Habt Ihr Euch mit dem Club einen Traum erfüllt? Und könnt Ihr dadurch auch Eure anderen Träume leben? Reisen zum Beispiel? Was willst Du noch mal unbedingt machen.
Naja. Das ist ein bisschen schwierig. Wirklich. Sagen wir mal so, mit dem zweiten Laden haben wir uns hier ein bisschen in einer finanziell schlechten Zeit ´ne ganz schöne Last ans Bein gezogen. Da ist es jetzt natürlich noch weniger drin als früher. Mit vielen Reisen und so. Wir werden uns immer so viel Luft halten, dass Uli und seine Band auf Tour gehen können. Aber mit großen Reisen ist momentan sonst nichts… Ist auch o.k. so. Wir leben jetzt nicht unbedingt ein Leben, dass wir jetzt sagen, wir müssen jetzt unbedingt 8 Wochen Urlaub machen. Das Leben leben wir ja gar nicht. Ich mein wir sind vielleicht körperlich und natürlich auch geistig manchmal ein bisschen gestresst, aber wir leben kein Leben, wovon wir uns jetzt wirklich extrem erholen müssten. Weil wir machen das ja relativ gerne, was wir da machen. Klar, ich würde auch gern mal wieder ein bisschen schwimmen gehen und dieses und jenes. Aber das kommt zu seiner Zeit. Da muss man ja auch Ruhe für haben. Das jetzt übers Bein zu brechen und irgendwo hinzufahren und dann keine Ruhe zu haben, dann kann ich mir das auch gerade schenken…
Aber die Touren sind immer ganz gut. Ich fahr, wenn ich Zeit habe, ja immer mit. Mach meinen Merchandise und das ist für mich eigentlich schon Erholung genug. Da bin ich so entspannt. Du gehst da in Clubs und brauchst Dich um nichts kümmern. Du fragst, wo Dein Tisch ist, wo man die Klamotten aufhängen kann, dann kommt jemand und holt Dich zum Essen ab. Es geht Dir keiner auf den Sack… Super.

Mal so eine Frauenfrage. Ist es nicht schwierig in einer Beziehung, sich jeden Tag zu sehen. Zusammen zu arbeiten und auch sonst…?
Hmmh, wenn es nicht die Richtigen trifft, ist es vielleicht schwierig. Aber wir sind ja nun keine siamesischen Zwillinge und sehen uns täglich. Naja, vielleicht täglich, aber nicht minütlich. Das heißt, wir sind in unseren Arbeitsbereichen extrem beschäftigt, sag ich jetzt mal. Manche Sachen kreuzen sich und die machen wir auch zusammen. Manche Sachen, da sehen wir uns für Stunden nicht, wie andere Pärchen halt auch, der eine arbeitet im Keller, der andere oben. Im Grunde ist das nichts Anderes. Bloß man hat eben auch ganz oft Begegnungen, wo man sich trifft, da muss man das halt auch wollen. Also wir hatten da nie ein Problem mit. Wir haben immer gut zusammen gearbeitet. Er ist mein Bester Mann, sag ich immer. Also es ist nicht nur mein Ehemann. Wir sind halt ein Team und ich würd's nie tauschen wollen. Ich wüsste nicht, was ich ohne ihn machen soll. Er ist meine größte Stütze und hat immer irgendwie so seine Position und das ist ganz wichtig. Also ohne Uli würde ich es a) nicht geschafft haben und b) würde ich es vielleicht auch gar nicht machen wollen. Weil eben gerade - Du hast keinen Stress. Du musst nicht nach Hause kommen und Dich irgendwie verantworten, warum Du fertig bist, irgendjemanden erklären, warum Du schlechte Laune hast. Klar streiten wir uns auch, wir haben auch unsere Probleme. Aber das Verständnis liegt auf einer anderen Ebene. Das ist gut so. Das macht vieles leichter…

Ja und zudem gibt es ja auch seit ziemlich genau einem Jahr das Tiki Heart. Das Café zum Club, nebenan. Wie kam es eigentlich dazu? Außerdem befindet sich auch noch ein Klamottenladen mit drin…
Also wir hatten uns eigentlich nicht so sehr darauf eingeschossen, so was mal zu machen. Ehrlich gesagt, hätte hier die nächsten 20 Jahre immer noch der alte ‚Rockers' mit seinen Platten drin sein können. Oder was weiß ich, ‚Sojus' mit seinen Lederklamotten. Das hätte ja alles so bleiben können. Wenn das so geblieben wäre, wäre es schön gewesen. Ich hätte mich über so eine Nachbarschaft gefreut. Bloß das hat sich in den letzten 10 Jahren so verändert, die Vorgänger sind alle raus und danach waren immer wechselnde Mieter drin… Die Wiener Strasse war ja noch nie eine heilige Strasse. War nicht unbedingt schön, irgendwelche Mieter neben sich zu haben, die irgendwie Null Rücksicht auf die Szene oder die Strasse genommen haben. Extrem viel Trouble, Bulleneinsätze, … Und das hat uns immer ein bisschen sehr geärgert. Das hat nicht unbedingt für einen guten Ruf hier gesorgt. Das war nicht gerade toll. Und als uns dann zum 100. Mal wieder angeboten wurde - also der Vermieter hatte uns das immer wieder angeboten - wir wollten es nie machen, weil es schon ein ganz schöner Aufwand ist, die doppelte Miete zu zahlen… Das ist nicht unbedingt witzig. Manche denken vielleicht, man macht einen Laden auf und die Miete kommt rein. Aber die kommt nicht rein, dass muss man sich auch wieder erarbeiten. Und das alles noch mal zu machen. Wir wussten ja, wie schwer das drüben ist, war uns nie so geheuer. Deshalb haben wir es auch nie gemacht. Als er uns aber dann wieder das Ding angeboten hatte - und wir waren vom Vormieter echt schon wieder so genervt - haben wir uns überlegt, ob wir jemanden finden, wir wollten es eigentlich nur pachten und weiterverpachten, von unseren Leuten, der irgendeine Idee hat. So was wie eben früher. Lederjacken, irgendwas, Second Hand, Hastenichgesehen, Merchandise oder eben irgendwas. Aber es hat sich niemand gefunden. O.k., wir hatten nicht viel Zeit. Wir hatten ein halbes Jahr Zeit, uns da irgendwie Gedanken drüber zu machen und am Ende nur noch drei, als der Mieter raus war. Aber es hat sich niemand getraut, weil, Kreuzberg bis jetzt immer noch nichts Ansprechendes für Investoren ist. Jemand, der jetzt wirklich Lust hat, was zu investieren, geht eher nach Friedrichshain, weil da ist der sichere Markt, da ist, was weiß ich, die Szene momentan, da wird viel gepusht… Du hast wirklich nie jemanden gefunden. Also wir haben alles probiert. Armin von ‚Blue Moon', alles… Keiner wollte expandieren, niemand wollte was investieren. Ja und am Ende, um uns das nicht wieder durch die Lappen gehen zu lassen, wieder Ärger zu kriegen, haben wir eben gesagt - O.k., dann machen wir es selber. Haben eben versucht, das intern ein bisschen aufzuteilen. Dass das eben nicht zu einer Doppellast wird. Oben ein kleines Café, was ein bisschen überschaubar bleibt, einigermaßen, und unten eben halt etwas, was dazu passt, so Bandmerchandise, Punkrockklamotten, Schuhe… Und seit Neuestem haben wir noch einen Tätowierer drin. Jetzt sind dann doch eben ein bisschen mehr Leute daran beteiligt, dass die ganze Last eben nicht auf einen Einzelnen liegt. Das ist so die Geschichte. Und eigentlich wollten wir, um es noch mal zu sagen, was Gegenteiliges zum Wild at Heart aufmachen. So dass man auch tagsüber mal den Leuten in die Augen gucken kann und nicht nur in der Nacht…

Wobei das Publikum zum Teil ja auch ein Anderes ist…
Ja, es ist ein Anderes. Aber es schwappt zum Teil schon über. Am Anfang haben wir gedacht, dass es vielleicht, weil wir ja auch eine Küche haben, nur die Leute kommen, die vielleicht gar nichts mehr mit dem Nachtleben zu tun haben. Aber inzwischen ist das eigentlich so vermischt… Auch die Bands, die vielleicht einen Tag länger bleiben, kommen dann hier ´nen Kaffee trinken. Dass wir die ja eh hier abends als Catering versorgen, wissen die wo es ist und die kommen dann eben auch einen Tag später noch mal rein. Da mischt sic das Publikum extrem. Das ist auch gut so.

Jetzt steht aber erstmal die 10-Jahres Geburtstagsfeier an. Wann findet die denn genau statt und wer ist alles mit dabei (an Bands)?

>>>Sa.14.05. “””10 JAHRE WILD AT HEART””””

mit: „Green Monster“ (Psychobilly/Tschechei)

„ Church Of Confidence “ (Punk Rock/Berlin),
“Madlocks” (Punk/Berlin)

“Mobile Freakshow” (Horrorpunk/Sweden),

“Radio Dead Ones” (Punk/Berlin)

So.15.05. mit: “Accidents” (Ex-VOAG, Punk/Schweden)

“Charge 69” (Punk/F), “ Havana Heatclub” (Rock/Berlin)

“Copy Cats” (Punk-Rock/Frankfurt),+Guest

+ Special DJ's &

EINTRITT FREI !!!
(Lineup kann sich zeitlich noch ändern.......................)

Dann ist hier schon die letzte Frage: Macht es nach 10 Jahren immer noch Spaß?
Joa. Es macht immer noch Spaß. Und es macht immer noch Arbeit… (lacht)

Ja, dann würde ich mal sagen - auf die nächsten zehn Jahre und vielen Dank für das Interview.

mieschka | Fr., 20. Mai 2005 | Interview

Die CHEFDENKER aus Köln haben gerade eine neue Platte veröffentlicht. „Eine von 100 Mikrowellen“ heißt die und mehr will ich eigentlich gar nicht dazu sagen. Denn wenn man sich zu einem Interview mit einem CHEFDENKER hinreißen lässt, muss man sich geistig so anstrengen, daß man danach völlig ausgebrannt ist. Sicher könnte man mir jetzt den Vorwurf machen, daß ich mich nur an Claus hielt, um verborgene Geheimnisse über einige seiner Bands zu erfahren, daß wir wiederum unsere Auflage steigern können. Die Gründe liegen aber woanders und könnt Ihr dem Text entnehmen. Wichtig ist einzig und allein, daß sich der Kauf der o.g. Platte unbedingt lohnt. Genauso wie der Besuch eines Konzerts von ihnen. In den wenigen Jahren seit Bestehen der Band haben sie sich aber eh einen Namen gemacht, daß jegliche weitere Beschreibungen, Vergleiche überflüssig bzw. unangebracht sind.

Außerdem fallen mir keine weiteren Superlative ein, um die Band in den Himmel zu loben. Wer frühere Texte / Interviews von mir kennt, wird das sicher bestätigen können. Also sag ich einfach mal - viel Spaß beim Lesen.

Ich wusste zuerst nicht, ob ich das Interview per Mail oder persönlich führen sollte, weil bei den Interviews, die ich bisher gelesen habe, meist nicht so viel Interessantes bei rumgekommen ist. Per Mail kannst Du Deine Worte natürlich schön ausschmücken. Persönlich kann - wenn es schlecht läuft - auch nicht viel passieren. Was ist Dir denn am Liebsten?
Interviewtechnisch kommt von meiner Seite mit Sicherheit mehr dabei rum wenn's per eMail ist. Denn sobald ich in ein Mikrofon sprechen soll, habe ich augenblicklich das Bedürfnis ausschließlich Scheiße zu labern. Das habe ich bei meiner Lehrerausbildung so gelernt.

Deshalb versuche ich es erstmal mit Dir allein. Denn gerade im Beisammensein mit den Anderen würde es dann noch mal schwieriger werden, oder?
Naja - das Interview hätte zumindest einen anderen thematischen Schwerpunkt, Männerfantasien, Alkohol, Stuhlgang beispielsweise.

Gerade ist Eure neue Platte „Eine von hundert Mikrowellen“ erschienen. Wo liegen denn aus Deiner Sicht die Unterschiede zum Vorgänger „16 Ventile in Gold“? Und welche generell zu Deinen beiden Bands zuvor, die ja immer wieder gern als Vergleich herangezogen werden?
Bei der neuen Platte sind die zahlreichen musikalischen Klischees im Vergleich zum vorherigen Album wesentlich gezielter eingesetzt. Allerdings nie wertend sondern immer im Sinne einer Schlussfolgerung, also wenn schon „X“ dann bitteschön auch „Y“. Die Texte stehen oft im Bezug zur Musik und weniger für sich selber. Bei KNOCHENFABRIK findet man so gut wie nie solche Bezüge und bei CASANOVAS SCHWULE SEITE habe wir daran zumindest keinen Gedanken verschwendet.
Kurz gesagt - die meisten Songs der neuen Platte beschäftigen sich mehr mit sich selber als sonst.

Hmmh, ich führe das Interview jetzt auch gerade mit Dir allein. Das klammert die anderen ja leider ein bisschen aus. Das ist nur bedingt gewollt. Aber ist es noch so, daß die CHEFDENKER oft nur auf Dich reduziert werden? Wenn ja - wie gehen die anderen damit um? Und verfällt man dann vielleicht manchmal leicht in die Rolle des Bandhitlers?
Was musikalisch letztendlich bei allen Bands in denen ich gespielt habe herumkommt, hängt natürlich zu einem Grossteil von den anderen Bandmitgliedern ab. Insofern ist es auch Schwachsinn CHEFDENKER auf mich zu reduzieren. Wenn das in manchen Reviews der Fall sein mag, dann ist das eher ein sicheres Indiz für die Inkompetenz des Verfassers. Die Bandkollegen setzten in einem solchen Falle einfach die Sonnenbrille auf.
Jeder in der Band hat das Recht Bandhitler zu sein, wenn es darum geht einen eigenen Song umzusetzen. Wenn man sich einen Text und eine Akkordfolge mit Gesangsmelodie ausgedacht hat, dann ist das in der Regel mit einer Menge Arbeit verbunden. Diese Arbeit zu respektieren bedeutet, dass im Zweifelsfall der Songschreiber selbst das letzte Wort beim Arrangement hat.
Ich habe mehrere Jahre als Gitarrist bei BASH! mitgespielt, da wurden Songvorschläge mit dem Argument „finde ich scheiße“ ohne konstruktive Gegenvorschläge abgelehnt. Diese Arbeitsweise führt letztendlich dazu dass man sich irgendwann nur noch gegenseitig blockiert und 2 Platten innerhalb von 10 Jahren veröffentlicht.

Du warst ja mit all Deinen Bands nicht unerfolgreich. Bestand da manchmal der Wunsch / Traum, daß da mehr daraus wird? In welche Richtung auch immer… Oder bist so mit allem zufrieden, wie es gerade läuft?
Ich denke es ist erstrebenswerter immer genau das zu machen wozu man gerade Lust hat. Und man muss immer aufpassen, dass man nicht irgendwann das Gefühl bekommt, einen pädagogischen Auftrag zu haben. Rockkonzerte werden dann zum Frontalunterricht und Frontalunterricht ist nicht mehr zeitgemäß!

In Leipzig habt Ihr fast mal ein ganzes Konzert lang den KNOCHENFABRIK-Klassiker „Filmriss“ gespielt. Wie kam es dazu? Und ist es manchmal komisch für Dich, daß die Leute so in der Vergangenheit hängen und nicht zum Beispiel ein ganzes Konzert lang, anderthalb Stunden, „Der Spruch auf Deinem Anrufbeantworter ist scheiße“ hören wollen?
Das Konzert war ein Solikonzert für einen Köter, der vom Auto angefahren wurde. Vom Erlös wurde die Tierarztrechnung bezahlt. Wir haben bereits im Vorfeld angekündigt an dem Abend ausschließlich Filmriss zu covern, weil allen klar war, was uns an dem Abend erwartet. Die Filmriss-Rufe sind mittlerweile zum Running Gag bei Chefdenker-Konzerten geworden. Da es sich bei den Zwischenrufern meist um eine extrem besoffene Minderheit handelt, ist niemand böse, wenn wir das Lied nicht spielen. Übrigens gibt es eine signifikante Korrelation zwischen Hunde-Häufigkeit und Filmriss-Rufen.

Du hast vorhin von Klischees bedienen gesprochen. Inwieweit nehmt Ihr das ernst, was Ihr macht und inwieweit nimmt das Euer Publikum, nach Eurer Einschätzung, ernst?
Allein die Tatsache das 99% der aktuellen Unterhaltungsmusik eine Kinderliedstruktur haben wird es ja gar nicht als Klischee sondern als Selbstverständlichkeit hingenommen. Im Deutschpunk gelten noch mal ganz andere Gesetze: Alles was nicht die Struktur eines schnellen Kinderliedes hat, ist scheiße. Mit dieser Einstellung kann man sich eine ganze Menge Klischees, die die Musikgeschichte sonst noch zu bieten hat, ersparen.

Wir nehmen das was wir machen natürlich nicht ernst, es würde ja auch keinen Sinn machen, einem Marokkaner Ostfriesenwitze zu erzählen.

Natürlich. Aber immerhin scheinst Du auch ein Faible für Disco-Musik (Damit meine ich jetzt keine Bassistenmusik - obwohl…). Zu haben. Von KNOCHENFABRIKS „Fuck Off“ und CASANOVAS SCHWULE SEITES „Höllenfeuerlicht“ gibt es Discoversionen und auf der neuen Platte erklärst Du sogar, wie Discomusik funktioniert. Ein letzter Versuch in die Charts zu kommen? Langeweile zu Hause oder wie kam/kommt man auf so was?

Discomusik ist eine von tausend Möglichkeiten einen Song zu arrangieren. Sobald man sich beim Arrangieren eines Liedes für ein bestimmtes Genre entschieden hat, muss man den Text auf die jeweilige Zielgruppe abstimmen, wenn man kommerziell erfolgreich sein will. Im Disco-Genre kommt es dabei zu penetranten inhaltlichen Wiederholungen („Move your Body“-Schwachsinn u. ä.). Eine ähnliche Penetranz gibt es sonst nur im Deutschpunk (Bullenschweine, Scheiss-Kommerz usw.). So baut sich jedes Genre sein eigenes Ghetto.

Also ist bei Euch alles pures Kalkül und vorberechnet. Da kommt nix aus´m Bauch raus? Hehe…

Selbstverständlich. Alles in Absprache mit Imageberatern und Psychologen am Reißbrett entworfen.

Bleiben wir mal gleich bei der neuen Platte. Köln - Wuppertal? Kommst Du ursprünglich aus Wuppertal? Wenn dem so ist - Was hat Dich nach Köln getrieben? Und wie kann man die so genannte Punkrockszene in Köln gerade beschreiben? Wie kamst Du zur Musik. Und wie hast Du jeweils Deine Bandkollegen „gefunden“? Welche Unterschiede gibt es zu „früher“?
Bei dem Lied geht es wirklich nicht um Präferenzen für irgendeine Stadt. Ich wollte einfach mal einen Song haben der Strophe/ Brücke/ Chorus hat, wobei immer derselbe (sinnentleerte) Text über die verschiedenen Parts gesungen wird. Über die Brücke hätte man theoretisch auch den Strophentext singen können, der Text handelt ja schließlich davon, dass sich alles wiederholt. Allerdings haben wir das Experiment dann für missglückt befunden, daher die Textvariationen in der Brücke und beim letzten Chorus.

Von der aktuellen Kölner Punkrockszene habbich keine Ahnung.

Zur Musik bin ich gekommen, als sich ein Schulkollege irgendwann eine E-Gitarre mit Verzerrerpedal gekauft hat und in seinem Kinderzimmer das „Rock you like a hurricane“-Riff von den SCORPIONS darauf gespielt hat. Innerhalb von zwei Minuten konnte ich das Riff auch spielen und wir haben mit vier Leuten eine unglaublich schlechte Schülerband gegründet. Bassist und Schlagzeuger waren auch Schulkollegen und haben beide später bei KNOCHENFABRIK gespielt.

CSS haben wir irgendwann nach der Auflösung von KNOCHENFABRIK zusammen mit Caddy und Türk von den WOHLSTANDSKINDERN gemacht. W$K waren damals Labelkollegen bei Vitaminepillen, die wir bei etlichen gemeinsamen Konzerten kennen gelernt haben.
Chefdenker hat sich dann irgendwie ergeben. Matze haben wir über die Suchbegriffe „Köln“ und „Schlagzeuger sucht Band“ bei Google gefunden, Kollege habbich kennengelernt als ich das erste „THE ATOMAREN ÜBERMENSCHEN“-Demo aufgenommen habe und der Kollege hat irgendwann Thomas mit zur Probe gebracht.

Unterschiede zu früher sehe ich vor allem darin, dass die Kiddipunks Mitte der neunziger noch nicht so geil waren auf Autogramme und ähnlichen Schwachsinn. Starkult in der Punkszene gab es damals nicht, oder ich habe ihn nicht wahrgenommen, weil ich meistens zu besoffen war.

Und bei „Blut strömt durch die Straßen durch Köln-Porz“… War da ein geheimer Wunsch Vater des Gedankens?
Nein. Vater des Gedankens war die Express-Schlagzeile „Blut strömt durch die Strassen von Bagdad“. Es geht um gestaltete Umwelt.

Seit Jahren trinkst Du jetzt aber keinen Alkohol mehr. Wie kam es dazu? Und zerstört das nicht bei einigen jungen Punkrockern die Vorstellung, da man als Punk IMMER besoffen auf die Bühne zu gehen hat und garantiert KEIN Lied richtig spielen darf?
Selbst Saufen wird irgendwann langweilig. Außerdem neigt man im Dauersuff dazu auf der Stelle zu treten. Man feiert immer und immer wieder denselben Scheiß ab. Wenn man sich die Mühe macht eine längere Auszeit zu nehmen, wird einem das erst bewusst. Vor allem in Gesellschaft der Leute die immer noch weitersaufen.

Ich denke mit KNOCHENFABRIK haben wir - passend zur Musik - in Punkto auf der Bühne saufen Maßstäbe gesetzt, da braucht man niemanden mehr was zu beweisen.

Allerdings respektiere ich auch die Vorstellung, dass Punkbands immer extrem besoffen auftreten müssen. Ich schaue mir zumindest 1000x lieber einen total besoffenen Haufen Bekloppter an, die nix mehr auf die Kette kriegen, als eine Durchschnittspunkband die routiniert ihr langweiliges Set runterkloppt.
Bei einer völlig besoffenen Durchschnittspunkband besteht ja immerhin noch die theoretische Möglichkeit, dass etwas Unvorhergesehenes auf der Bühne passiert.

So wie bei den SUPERFREUNDEN (ohne ihnen jetzt unterstellen zu wollen, daß sie eine Durchschnittspnkband wären…)? Ich hab mir sagen lassen, daß Ihr im Nachhinein nicht sooo glücklich über diese Split-EP gewesen seid…
Keine Ahnung wie Du darauf kommst. Das dreivierteltakt Lied ist nach wie vor ein echter Feuerzeug-Killer. Die Superfreunde würde ich auch nicht als Durchschnittspunkband bezeichnen, da sie in ihrem Genre Maßstäbe setzen.

Was machen Deine ehemaligen Bandkollegen? Hat man da noch Kontakt?
Der KNOCHENFABRIK Bassist wohnt mit Familie in Berlin, der Schlagzeuger spielt jetzt bei SUPERNICHTS. Die WOHLSTANDSKINDER-Leute sind immer noch Semi-Rockstars. Man sieht sich meistens beim Grillen in Köln-Porz und tauscht Sauf- und Fickstories aus dem harten Touralltag aus.

Generell scheinen bei Euch in Köln (Porz) die Uhren anders zu laufen. Euer Webmaster Chris Scholz glänzt zum Beispiel regelmäßig durch seine Kolumne im Plastic Bomb. Seid Ihr alle ein wenig verrückt?
Naja - zumindest kenne ich sehr viele Leute, die aus Porz kommen und hauptberuflich Hundefutter in Regale einsortieren. Das finde ich schon etwas eigenartig.

Ja, gut, was ist schon verrückt. Entschuldige die vielleicht etwas persönliche Frage. Aber man munkelt bzw. habe ich gehört, daß Du Dich mal in psychiatrischer Behandlung befunden hast. Wie kam es dazu?
Vermutlich irgendeine genetische Veranlagung. Der Auslöser ist jedes Mal Vollmond. Die beiden Weihnachtskonzerte letztes Jahr mussten wegen der Scheiße abgesagt werden.

Da ging's von Nürnberg aus direkt in die Kölner Uniklinik.

Und eine Stimmband-OP hast Du auch hinter Dir? Stimmt das? War da gar nichts mehr zu retten? Schließlich ist sie ja auch charakteristisch für Euren Sound bzw. den Deiner Bands. Du beanspruchst sie ja auch relativ stark…
Ich hatte zweimal einen Stimmbandpolypen. Das ist ein Gutartiger Tumor auf den Stimmbändern. Die Dinger kann man nur Wegschneiden oder man muss für den Rest des Lebens eine vier-Wochen-durchgesoffen-Stimme in Kauf nehmen. Die Stimme klingt dann zwar unglaublich geil kaputt, aber das Tonspektrum ist auf noch nicht mal eine Oktave begrenzt. Das Geschwür bildet sich bevorzugt dann, wenn man mit akuter Halsentzündung rumgröhlt. Also quasi der Zustand, der sich am dritten Tag der damals zweiwöchigen Knochenfabrik-Touren immer eingestellt hat. Aus genau diesem Grund spielen wir mit Chefdenker auch nie mehr als 2 Tage am Stück. Ich brauche zwischen den Konzertwochenenden immer 3-4 Tage Pause.

Ihr seid generell sehr aktiv und tourt viel. Es scheint so, als hättest Du endlich „Deine“ Band gefunden. Ist Dir das wichtig, viel live zu spielen, aktiv zu sein?
Aktiv zu sein ist mir weniger wichtig als so oft wie möglich aus Köln raus zu kommen. Das Live spielen verkommt ziemlich schnell zur Routine, man ist auf der Bühne ständig damit beschäftigt nicht den Routinier raushängen zu lassen. Besser als das Konzert selber ist natürlich immer die Party drumherum. Nichts wäre idiotischer als 600 km durch die Gegend zu gurken um dann 1 Stunde zu spielen und sich danach direkt ins Bett zu legen.

Vorher erschienen Die Sachen Deiner Bands immer auf VITAMINEPILLEN RECORDS. Warum nicht mehr die CHEFDENKER-Sachen? Abwechslung? Neue Wege beschreiten?
Trash2001 ist heute genauso engagiert, wie Vitaminepillen vor 10 Jahren. Ralf von Vitaminepillen hat mittlerweile andere Prioritäten, z.B. seinen Motorradladen und kümmert sich weniger ums Label. Trash2001 müssen von ihrem Label und ihrem Studio leben und sind dementsprechend motiviert z. B. in Sachen Promotion. Es gibt kaum ein Label das in der Punkrockpresse so präsent ist.

Kommen wir langsam zum Schluß. Anstatt der Platten frage ich mal - Welches sind denn Deine 3 Lieblingsfremdwörter, die Du benutzt. Und natürlich deren Bedeutung…
Nekrophil - Auf Leichen gerichteter Sexualtrieb.

Flipperphilie - Sehr gutes Lied von den „Snicker Doodles“ - auf Delfine gerichteter Sexualtrieb

Flönz - Blutwurst

Alles klar. Dann vielen Dank für das Interview. Die Frage nach den letzten Worten klemm ich mir mal. Viel Erfolg und Spaß noch in der Zukunft und bis bald in Berlin.

mieschka | Di., 10. Mai 2005 | Interview

Das Debütalbum der Dänen Movement überzeugte schon auf ganzer Linie und auch Live gehen die Revoluzzer in Anzügen ab, wie meine Omi auf ihren Rheumatabletten. Da in Bälde ihr neues Album zum Erwerb bereit steht und sie im letzten Dezember zur “Rohe Weinachten “-our in der Stadt weilten, traf ich mich mit Sänger und Gittarist Lukas in den Katakomben des SO36, um ihn ein paar Fragen zu stellen. Das war gar nicht so leicht weil die Sicherheit im SO doch ganz gut funktioniert und mich gegen Ende des Abends schon recht betrunken keiner durchlassen wollte. Am Schluss hat es ja doch noch geklappt und hier lest ihr was er so zu sagen hatte:

Ihr tourt ja über Weinachten, ist euch Weinachten egal oder hat sich das so ergeben?

Es ist nicht wichtig in dem Sinne, das wir Christi Geburt nennen, aber ich mag es und wäre natürlich lieber bei meiner Freundin zuhause.

Aber der Job kommt zuerst?

Das hier ist ne gute Tour (zusammen mit der TERRORGRUPPE, TREND und MUFF POTTER - Anm. d. A.) also auf jeden Fall.

Was können wir vom neuen Album erwarten?

Es ist ein Mix aus sechs politischen Songs und sechs Lovesongs. Insgesamt ist es etwas soullastiger. Motown. Noch mehr Mod.

Ich habe gehört das ein paar Majors an euch interessiert waren, aber das neue Album kommt doch wieder bei Destiny raus. Warum weiterhin Indipendent?

Destiny haben ja schon das erste gemacht und wollten natürlich auch gerne das zweite machen. Und Archi, der Sänger von der TERRORGRUPPE hatte schon das erste produziert und wollte auch gerne beim Zweiten mitmachen. (Zwischenruf eines Terrorgruppemitglieds (ich weiß aber nicht mehr genau wer): Wo hast du das mit den Majors gehört? Ich: Habe ich in nem Interview gelesen, ich glaube EMI.....)

Ja, in Dänemark und in Deutschland Motor, aber das war vor nem halben Jahr und es war keine ernsthafte Anfrage sondern eher ein Versuch. Aber in Dänemark gibt es vielleicht ein Label, das einen Lizenzdeal machen will. Aber wir sind nicht auf nem Indielabel geblieben, weil wir uns selbst als Punkband sehen, das haben wir nie...

Man kann aber sagen, dass ihr schon auch Punk mit Ska, Rock, Clash und Mod Einflüssen spielt.

Mehr Mod. Wir machen Mod.! Wir benutzen aber die Energie des Punk, aber es ist doch insgesamt melodischer. Unser Botschaft ist auch keine Punk Botschaft.

Ihr seid ja eine ziemlich politische Band und benutzt oft den Begriff “Arbeiterklasse”. Ich kenne das Wort aus einem Kommunistischen, Marxistischen Zusammenhang. Würdet ihr euch selbst als Kommunisten Bezeichnen oder gehören diese Begriffe für dich nicht unbedingt zusammen?

Als Band sind wir nicht auf eine Partei politisch beschränkt. Wir unterstützen Kommunisten, Sozialisten, Anarchisten. Wir unterstützen den Linksflügel. Und wir sind “ Movement”, wir sehen das als allgemeine Sache und wollen nicht einer Partei zugehören. Aber ich persönlich unterstütze immer den Kommunismus.

Wie hast du dich zu einer Person entwickelt, die sich selber als kommunistisch bzw. linksgerichtet bezeichnet?

Ich war schon in der Sozialistischen Jugend, so was wie die Jungpioniere in Ostdeutschland und bin in die Sowjetunion gereist und so, das hat schon ganz früh angefangen.

Was ist denn nun für dich das besondere an der Arbeiterklasse?

Die Sache mit der Arbeiterklasse ist: Viele Punks wollen die Gesellschaft in der wir Leben zerstören. Wir wollen das natürlich auch, aber nicht die Arbeiterklasse und das wofür sie Gekämpft hat.

Glaubst du, dass du mit deiner Musik etwas dazu beitragen kannst, oder damit überhaupt was verändern kannst und wenn ja, was?

Ich glaube nicht, dass wir etwas ändern können. Wir können höchstens inspirieren. Wir verändern nicht die Struktur der Gesellschaft. Nimm Bands wie z. B. RAGE AGAINST THE MACHINE. Wenn sie so gefährlich wären, wären sie nicht auf MTV. Aber auch sie können inspirieren.

Ist denn Inspirieren genug für dich?

Man kann eine Generation dahin inspirieren, dass sie sich ändert, aber die echten Veränderungen gehen in den Arbeitsstätten vor sich. Die Arbeiter haben das letzte Wort.

Ihr habt ja auch alle drei andere Projekte, was läuft da so?

Ich mache noch eine Platte mit einer anderen Band. Das wird im Februar aufgenommen. Einer von uns spielt noch in einer Band namens MAGIC BULLET THEORY. Es passiert viel. Wir sind eben Musiker aus Leidenschaft.

Du bist der Songweiter, Sänger und Gittarist. Es gibt ja manchmal “Band-Diktatoren”. Läuft das bei euch auch so oder kann ich mir das ganze eher demokratisch vorstellen.

Man kann es nicht wirklich als Demokratie bezeichnen, das ist ein bisschen schwierig im Kreativen Bereich. Wenn man eine Vision von einem Song hat, ist es schwer vom Drummer zu erwarten, dass er auch mit seiner Vorstellung in diese Richtung geht.

Also sagst du, wie sie es machen sollen und sie spielen dann so?

Das ist unterschiedlich. Wenn ein Song etwas braucht und die Vorstellungen der Anderen reichen nicht aus, dann setze ich das durch. Das ist aber unterschiedlich, oft sind wir uns auch einig.

Bei beiden Alben habt ihr mit Archy von der Terrorgruppe zusammen gearbeitet. Wie ist denn das Arbeiten mit ihm?

Es war beide Male klasse. Er macht seine Arbeit wirklich gut. Diesmal sogar noch besser. Der Sound ist viel besser. Das Studio war viel besser. Es lief wirklich gut.

Das neue Album kommt ja am 1. Mai heraus. Werdet ihr dann auch noch mal Touren?

Ja wir machen ne Kurze Tour im April und wir spielen auch in Berlin. Ich glaube am 8 oder so (Es war der 14.4. - Anm. d. Tippers).

Wisst ihr schon wo?

Ja, im Magnet, aber ich kenne das genau Datum nicht.

Ok, bis dann, viel Glück noch mit der Tour und danke für das Interview.

Autor: Patrick

Gast | Do., 14. Apr 2005 | Interview

Ich habe mich verliebt. Das passiert selten. Und noch seltener, wenn es sich dabei nicht um eine schöne Frau handelt, sondern um eine Band voll stinkender alter Männer. Ooops, naja gut, eine Frau ist auch dabei und o.k., sooo alt sind sie nun auch wieder nicht, aber das tut jetzt hier nichts zur Sache… Viel wichtiger ist, dass Berlins äußerst vielseitige Musikszene wieder mit einem neuen Stern am Himmel aufwarten kann. Den MADLOCKS. Blöd nur, dass sich niemand so recht darum kümmert. Bei viel (schlechter) Musik stumpft man natürlich auch ein bisschen ab und verliert den Blick für gute Sachen. Dem will ich hiermit Abhilfe schaffen und Euer Augenmerk auf eine Band richten, die es wirklich verdient hat, gehört zu werden. Braucht Ihr Vergleiche? Nun gut, da gibt es eine Menge - aber findet sie selbst heraus… Gerade haben sie im berühmten Soundwerk Orange Studio zu Berlin (natürlich) mit Peter Oz die Aufnahmen zu ihrem ersten Longplayer abgeschlossen. Nur - bisher gibt es nicht wirklich ein interessiertes Label, welches sich den überaus sympathischen 4 Leuten annehmen will.

Auch dies will ich hiermit ändern. Macht Euch einen Bild von einer der Besten Bands momentan überhaupt. Ich bin mir sicher, dass man demnächst noch etwas von ihnen hören wird. Und wenn nicht, bin ich mir sicher, dass die Welt schlecht ist. Übergangsweise reicht auch erst mal ein Blick auf ihre Homepage (www.madlocks.de). Und nun viel Spaß. Die Namen der Beteiligten: Tripper: Gesang + Gitarre (T), Radde: Bass (R), Anke: Drums (A), Vorkoester (Robert): Gitarre (V)…

Für alle, die Euch noch nicht so richtig kennen. Wer seid Ihr denn, wie lange gibt es Euch schon, Besetzungswechsel, etc…
R: Also ich bin der Radde. Ich spiel Bass bei den MADLOCKS und mich gibt’s seit ´77. Aber Deine Frage war wahrscheinlich, wie lange es die MADLOCKS gibt. Und das ist jetzt 5 ½ Jahre her.
T: ´78 hat seine Mutter ihn ausgetauscht… (lacht) Das war der erste Wechsel bei uns… Ich bin der Tripper. Ich sing und spiel Gitarre.
A: Ich bin die Anke, mich gibt es seit ´79…
V: Anke hat zwar nicht gesagt, was sie bei uns macht, aber sie spielt ´n bisschen Schlagzeug. Und ich bin der Robert, mich gibt es seit ´76 und ich bin der zweite Gitarrist bei den MADLOCKS.

Habt Ihr vorher schon in anderen Bands gespielt?
V: Ich spiele noch bei VOLXSTURM. Auch Gitarre. Andere Projekte habe ich zwar auch schon immer gehabt. Aber nichts Ernsthaftes. Immer nur VOLXSTURM und MADLOCKS.
R: Ich habe früher nur bei MAUL HALTEN! gespielt. Schöne Oi!-Band.
T: Ein Wort und schon ist alles gesagt. Und ich habe nichts zu sagen.
A: Ich habe vorher bei GRANDMOTHERS SUICIDE gespielt. Das war so’n Rumpel-Schulband-Schrammelpunk. Das waren 3 Weiber…
T: Ahh, ich hab dock noch was zu sagen. Ich hab bei ROLANDO RANDOM & THE YOUNG SOUL REBELS gespielt. Die Berliner SKA-Hoffnung. Da habe ich Gitarre gespielt. Schleim… (Roland läuft gerade vorbei, nachdem er im Studio das Saxophon eingespielt hatte…). Sonst in ein paar Kellerbands, was aber keine Sau interessiert…

Ich habe gelesen Tripper, Du kommst ursprünglich aus Schwerin. Was hat Dich denn von da weggetrieben? Kommt der Rest von Euch auch daher? Wie kam es zu Eurer Zusammenstellung?
T: Ja, Robert und ich kommen aus Schwerin. Wir sind sogar mal zusammen auf eine Schule gegangen. Ironischerweise haben wir uns erst hier kennengelernt. In Schwerin hatten wir nie was miteinander zu tun gehabt. Dann hat es ihn jobmässig aus Schwerin weggetrieben. Und mich wegen des Studiums. Und dann hat man sich irgendwie in Schwerin wieder gefunden, als man mal zu Hause war, in der Kneipe abends und sich gefragt hatte, ob man nicht irgendwie mal Bock hätte. Dann hat man ein halbes Jahr miteinander telefoniert nach der Art: „Wie müssten doch mal…“ und „Wollen wir nicht mal..“ und das jeden Monat… Irgendwann hat es dann mal geklappt und so haben sich die MADLOCKS dann 1999 gegründet. Aber das fragst Du bestimmt auch, deshalb erzähl ich das gleich mal so…
R: Ich war zu haben, Robert war zu haben… Anke wollte keiner. Da haben wir gedacht, sie hat sich im Proberaum geirrt, aber wir haben sie behalten…

Was ist der Grund dafür, dass man von den MADLOCKS bisher so wenig gehört hat?
T: …Die Ignoranz der Leute… Nichts anderes. Nein…kein Label will uns. Was ich nicht verstehe und alle anderen irgendwie auch nicht verstehen. Alle sagen immer – „Iss ja schön, aber machen wollen wir es nicht…“ Ja und mit spielen ist es eher ein zeitliches Problem wegen Roberts Job letztenendes. Bei mir war es im Studium nicht so ein Problem. Ist halt ein Studium wie jedes Andere auch, also von daher… Bitte keine Ehrfurcht.
R: Und das Kind…
T: Ach ja, wir haben ja Kinder gekriegt. Also die beiden (Radde und Anke) haben ein Kind bekommen. Und ich habe irgendwie auch „werfen lassen“ – sozusagen… (lacht)…

Das war jetzt aber nicht politisch korrekt. Robert, Du spielst noch in einer Zweitband mit, VOLXSTURM. Ist es da nicht manchmal schwierig, Prioritäten zu setzen? Läuft das gleichzeitig, oder hast Du da Deinen Favoriten, wenn was brennt?
V: Wenn was brennt. Ja das ist ne ganz schwierige Entscheidung. Bis jetzt ist es zum Glück noch nicht passiert, dass ich ne komplette Entscheidung machen musste. Ganz schwer zu sagen. Aber mit VOLXSTURM mache ich jetzt mindestens seit 12 – 13 Jahren Musik, von daher müsste ich ihnen wohl eher den Vorrang lassen, zumal wir auch unter einem großen Label stehen – DSS Records – und jetzt auch Auslandsgigs machen. Von daher müsste ich wohl eigentlich schon… Aber zum Glück ist das bis jetzt noch nicht passiert und ich sehe beide Bands gleichwertig für mich, weil das sind zwei verschiedene Sachen.

Die Band ist aber noch in Schwerin?
V: Ja, das ist auch ´ne ganz witzige Sache – weil ursprünglich stammen wir aus Schwerin. Aber da lebt nur noch der Drummer und der Rest ist in ganz Deutschland verteilt. Und wir treffen uns nur noch jeden Monat oder alle zwei Monate zu einer Probe in Schwerin… Also es ist schon schwer genug. Aber wie gesagt, ich mach das trotzdem noch weiter, solange ich kann…

Stehen da wenigstens genug Häuser leer, dass man kostengünstig proben kann?
V: Nee, überhaupt nicht, man wird da nicht großartig unterstützt. Früher gab es Jugendhäuser, die sind zum Teil gar nicht mehr vorhanden oder so eingeschlossen, dass man keine Proberäume mehr bekommt. Wir haben das Glück, dass wir von FIRST ARSCH den Sänger Steve kennen. Aus der Band stammen auch einige RAMMSTEIN Leute… Der hat sein Haus dort und seine Kellerräume stellt er Bands als Proberäume zur Verfügung. Das ist unser Vorteil.

Radde ist dafür Hauselektriker(?) beim WILD AT HEART. Da spielt Ihr auch öfters. Im Oktober letzten Jahres war es das 18. Mal. Wann feiert Ihr dort Jubiläum- „20 x im WILD AT HEART“ oder so?
T: Ich glaube, es waren etwa 15. Ich habe letztens mal nachgezählt…
R: Also, ich bin zwar nicht der Hauselektriker vom Wild at Heart, das ist der Rolf,
aber ich stehe da gerne beratend und Bier vernichtend zur Seite… .Zu den Konzerten,
zwei haben wir dieses Jahr definitiv noch im WILD AT HEART. Das erste ist am 14./15. Mai. Da ist „10 Jahre Wild at Heart-Party“. Sind alle Leute recht herzlich dazu eingeladen. Es gibt freien Eintritt und haufenweise Bands. Ja und ein Liverecording steht dort demnächst auch an.

Und ´ne Recordreleaseparty…
R: Ja, ´ne Recordreleaseparty muss natürlich auch irgendwie noch sein. Also wenn wir es noch schaffen, so was unterzubringen, dann ist das sicherlich im WILD AT HEART.

Ich muss jetzt mal, ohne zu schleimen sagen, dass Ihr unglaublich geil ward, damals im Oktober. Und auch Eure bisherigen Demos hauen mich immer wieder aus den Socken. Manche Leute scheint das auch mächtig zu beeindrucken. Im Gästebuch gibt es immer wieder positive Stimmen, Ihr werdet ziemlich gelobt und schließlich habt Ihr jetzt auch auf dem PUNK & DISORDERLY gespielt. Hat das was damit zu tun, oder hat sich das einfach nur so ergeben?
T: Nee, das ist eher über Kontakte, also MAD passiert, mit denen wir auch schon mal im Gespräch wegen einer Platte gestanden haben, was aber damals nicht funktioniert hat, weil die Vorstellungen einfach nicht zusammengepasst haben. Die haben uns aber angerufen, als ´ne Band ausgefallen ist. Wir sind denen also auch etwas im Gedächtnis geblieben, über das Demo. Die haben uns also dann angerufen, weil die CRUSADERS irgendwie ausgefallen sind. Die wurden in die rechte Ecke gesteckt oder so – keine Ahnung… und durften deswegen auch nicht spielen. Und dann waren wir eben die nächsten, die gefragt wurden und deshalb konnten wir da spielen…

Und da ist auch keiner auf Euch zu gekommen, der Euch irgendwie gut fand? Wegen Platte und so?
R: Also auf uns zu kommen fast immer Leute und sagen das sie uns gut fanden (so wie du), leider ham die immer nur gefragt ob wir schon ne Platte rausgebracht haben, waren wohl die falschen Leute…
T: Aber wir ham 2 Demo´s abgesetzt !!! Festivals sind immer was anderes als Gigs in kleinen Clubs. Die Hemmschwelle eine Band/Bandmitglieder anzusprechen, ist da definitiv höher.

Würdet Ihr die Platte notfalls auch selbst rausbringen?
T: Also notfalls ja, aber wenn es ein Label machen will, dann ist das auf jeden Fall erste Wahl. Klar. Und zur Not… - Also ich plane meine eigene Berufstätigkeit zur Mitte des Jahres hin und wäre dann auch ausreichend liquide, um das selbst zu machen. Mir fehlt natürlich voll die Erfahrung, also der Labelbonus einfach. Aber wenn alle Stricke reißen und sich bis zum Ende des Jahres nichts ergeben hat, dann machen wir das einfach selber. Müssen wir noch schauen, wie und wo und warum.

Aber Ihr hattet doch schon mal eine 7“ veröffentlicht. Auf STREETMUSIC. Wäre das nicht vielleicht noch eine Möglichkeit?
T: Ui, leidiges Thema. Der Ralf… Ralf ist eigentlich ein ganz lieber. Aber irgendwie hat das alles nicht ganz hingehauen. Und mehr dazu zu sagen heißt immer ein bisschen die Leute gegen sich aufzubringen und das wollen wir auch nicht.
V: ´N heißes Thema…

Stichwort touren. Das Problem der meisten Berliner Bands ist, dass sie nicht über die Grenzen Berlins hinauskommen. Gibt ja genug Clubs hier. Seid Ihr denn wenigstens gut unterwegs? Wohin verschlug es Euch schon?
A: Also wir sind schon ein bisschen rumgekommen. Wir waren jetzt in Rathenow, zwei mal in Wegeleben, Hamburg waren wir, Schwerin soll bald kommen, Neustreelitz, Rollenhagen… Ja, aber ich denke mal, das wird jetzt schon langsam mal alles kommen und klappen. Hehe Rollenhagen, das war wirklich so ein kleines Dorf mit Feldsteinkirche, da haben wir auf so einem kleinen Minifestival gespielt. Aber das war schön. Ja, das war sehr gut… (lacht)
T: Das Problem ist, dass es meist nicht so viel Geld gibt. Aber wir müssen einen Bus mieten. Das finanziert sich ja nicht von selbst. Und von uns hat keiner ein großes Auto…
A: Wenn man das Geld hätte, würde man sich ja was Größeres kaufen. Aber als Student ist das immer so ein bisschen schwierig. Aber wie gesagt, es gibt meist nicht so viel Geld, die Leute haben auch nicht so viel Geld. Und ob man da nun soviel Geld raufpacken muss, um da nun auswärts zu spielen…? Ist immer ein bisschen schwierig. Dann haben wir eben kein großes Auto. Mit 2 Autos fahren ist auch schon wieder dank der Spritkosten nicht so einfach. Manchmal muss man da ja auch irgendwie übernachten

Ist das dann auch ein Problem, wenn man nicht oder wenig live spielt, die Plattenfirmen auch wieder unsicher sind, dann einen aufs Label zu nehmen?
T: Ich denk eher nicht. Ich mein, wenn Du auf Dörfern spielst, da kommt ja auch halt bloß die Dorfjugend. Die Leute von den Plattenfirmen gehen ja eher zu den größeren Festivals. Aber da wieder reinzukommen ohne Plattenvertrag – da hast Du keine Chance… Das ist echt irgendwie ein Teufelskreis. Du kommst aus dieser Scheiße einfach nicht raus, wenn Du keinen hast, der dich pusht… Keine Veröffentlichung - keine großen Auftritte. Keine großen Auftritte - keine Veröffentlichung.

Naja gut, ich meinte das auch eher so, dass man sich wohl eher den Arsch VORHER abtouren muss, dass irgendwie jemand auf einen aufmerksam wird. Und sei es auch nur der kleinste Club im kleinsten Kaff…
R: Ja, würden wir auch gerne machen – und machen wir auch schon. Wenn Angebote da sind, sind wir garantiert nicht abgeneigt in Magdala, Annaberg-Buchholz oder Darmstadt zu spielen, die Kosten müssen nur gedeckt sein. Ist nun mal nicht alles umsonst, Auto, Benzin, Essen, Penne usw... Dann biste für ein schönes Konzert nach da und da gefahr´n hast 100 € eingenommen und zahlst letztendlich Mietwagen und Sprit aus der eigenen Tasche.
T: Um auf einem Label zu landen? Nur bedingt. Im kleinsten Club im kleinsten Kaff kann man meist deswegen nicht spielen, da es sich schlicht und ergreifend nicht rentiert - Stichwort Kostendeckung. Wenn wir alles mitnehmen würden was ginge, würden wir 1) die Hälfte der Gigs umsonst spielen und 2) dann ganz schnell bankrott sein. Manchmal kriegt man aber auch echte Kacke angeboten. Iss ja nich so, dass wir das fette Cathering wollen und unbedingt die Hauptband sein wollen, aber in einem Vorortjugendclub als erste Band für´n Kasten Bier...Das ist ein paar Jahre nötig wenn man anfängt um zu wissen wie der Hase läuft. Aber irgendwann hat man darauf keinen Bock mehr. Meist ist bei solchen Sachen die PA scheiße, es sind kaum Leute da und so weiter. In der Regel sind solche Gigs immer sehr anstrengend, weil einfach nix passt und kein rechter Spass aufkommen will.

Tripper, Du hast mir mal erzählt, dass ein Text darüber handelt, dass wenn man unterwegs ist mit der Band, man immer älter wird, dass Publikum aber doch immer gleich jung bleibt. Wie kommt Ihr damit klar?
T: Also ich muss mich für meinen Teil danach immer hemmungslos betrinken. Und wie geht’s Dir Radde?
R. Ich muss mich davor betrinken! Das ist viel schlimmer… (lacht). Nee, ach, mein Gott. Ich war selbst mal so alt. Das ist Punkrock… Das ist geil. Mir macht das immer noch Spaß. Und das ist das Wichtigste, denke ich.

Wovon handeln sonst Eure Texte und wer schreibt die?
R: Da kann ich das Mikro gleich mal wieder an den Tripper zurückgeben, der die Texte meistens erst im Studio schreibt, wie Du heute mitgekriegt hast.
T: Ja, das bleibt an mir hängen irgendwie. Komischerweise.

Und wovon handeln die?
T: Hmmh, schwer zu sagen. Selber lesen macht schlau… Nee, kann ich echt nichts zu sagen. Also die Themenvielfalt ist einfach vorhanden. Das ist zu breit gefächert, um zu sagen, es geht nur um ficken, Fußball, Alkohol. Sondern man versucht sich schon so irgendwie Gedanken zu machen, zu reflektieren, was so passiert. Und ich hoffe, dass wir uns nicht in irgendwelchen Klischees bewegen, sondern dass es darüber hinausgeht. Also einfach gucken.

Bei der „Arbeitsweise“ scheint es aber so, dass die Musik eher vor dem Text kommt. Letztere also eher zweitrangig sind, ist das so?
T: Nö. Zeitlich gesehen stimmt die Aussage völlig, aber die Texte sind genauso wichtig. Die Musik ist immer zuerst da, in der Regel singe ich dazu dann den Busfahrplan oder die neue Aldi-Preisliste. Die Texte brauchen deshalb immer länger, weil ich einfach keinen Schwachsinn absondern will. Da schreibt man vieles - zum Teil mehrmals - um.

Mal ganz so nebenbei. So wie ich das mitbekommen habe, bist Du für so ziemlich alles verantwortlich. Bist Du so was wie der „Band-Hitler“, oder haben die andren auch was zu sagen? Wie entsteht ein typischer MADLOCKS - Song?
T: Naja die anderen begrüßen mich immer mit „Ave Tripper“, also jetzt wo Du es sagst....höhöhöhö. Nein, wir sind die reinste Basisdemokratie, jeder hat seinen Senf dazuzugeben - nur weil ich die Songs mach heißt das nicht, dass die Band nichts dazu sagt: wenn was schlecht ist bekomme ich das immer ziemlich ungefiltert... Wir suchen zusammen das heraus, was es wert ist, zum kompletten Song gedrechselt zu werden. Es verhält sich so, dass die Grundideen für die Songs (sprich Refrain+Strophe) von mir kommen - arrangiert wird dann immer zusammen, d.h. jeder bringt sich mehr oder weniger ein. Nichtsdestotrotz gibt es immer wieder Songs die komplett zusammen entstehen. Du hast ja gesehen, dass auch Robert ein paar Songs singt - der Gesang ist dann meist auch von ihm.

Fußball könnte ja aber fast ein Thema sein, oder? So wie ich das mitbekommen habe, bist Du, Radde, Union-Berlin Fan. Wär das nicht mal ein Thema? Wie ist es denn dazu gekommen?
R: Die Überlegung war schon mal da ´nen Song in der Richtung zu machen, da außer mir auch Anke und Robert ausgesprochene Liebhaber der Köpenicker Fußballkunst sind. Ist allerdings auch wieder riskant sich an so´ne Sache ranzuwagen, ist halt nicht jeder Fan vom 1. FC UNION BERLIN. Nicht das ich nirgends anecken will, ich hab einfach keinen Bock auf Clubgesänge à la St. Pauli auf unseren Konzerten. Gibt auch einfach nur Stress…
Zu Union bin ich eigentlich durch meinen Opa gekommen, der hat mich 1984 das erste mal mitgeschleppt, tja und seither ist das nun mal so, mit allen Höhen und Tiefen…

Ihr hab den Song „Good Night - White Pride“. Was haltet Ihr von dieser Bewegung? Wie wichtig ist die für Euch. Engagiert Ihr Euch sonst noch politisch, oder beschränkt Ihr das, wenn überhaupt, auf die Band? Oder schließt sich das sogar aus?
V: Als Band stellen wir uns auf jeden Fall auf keine politische Richtung ein. Absolut nicht. Der Song „Good Night - White Pride“ hatte eigentlich, im Grunde genommen, nichts mit dieser Bewegung zu tun. Die Aussage an sich war nur interessant. Moralisch unterstützen wir sicher die Geschichte, aber jetzt so sagen, dass wir diese Bewegung, die Leute, die das machen, mit denen komplett in Kontakt stehen, das ist gar nicht da. Das ist einfach ´ne gute Aussage, die gerade reinpasste in das ganze Thema. Und daher haben wir den Song auch so benannt. Aber uns in irgendeine politische Richtung zu stellen, auf keinen Fall. Das mach ich auch mit VOLXSTURM nicht. Jeder hat einfach seine eigene politische Meinung. Aber auf keinen Fall würden wir in irgendein Extrem abdriften…
T: Also gerade in der Oi!-Ecke ist es ja immer sehr verbreitet, „Unpolitisch“ mit „Toleranz gegenüber Rechts“ zu verwechseln, da war einfach mal ein klares Statement fällig.

Musikalisch würde ich sagen, habt Ihr viel SEX PISTOLS und anderen alten englischen Kram gehört. Was hat Euch sonst noch beeinflusst - oder tut es momentan?
R: Ich komme ja aus dem Punkrockbereich. Hab das jahrelang gemacht. Hab mich dann irgendwann in Hardcore reingesteigert… Jetzt ist es mittlerweile so schlimm, dass ich wieder Punkrock höre UND Heavy Metal, was ´ne ganz brisante Mischung ist. Aber die macht einfach Spaß.
T: Ganz richtig, da spielt viel alter England-Krams mit rein, die Pistols sind für mich nach wie vor eine DER Punkbands. Ich persönlich bemühe mich viel über den Tellerrand zu schauen, irgendwo müssen die Ideen ja herkommen...

Anke ist Eure Schlagzeugerin. Einige Leute scheinen ja manchmal, leider auch auf Punkrockkonzerten, nicht so viel von Respekt dem anderen gegenüber zu halten. Gab es da schon mal Probleme auf Konzerten von wegen sexistischer Äußerungen usw…?
A: Meinst Du jetzt von den Bandkollegen oder vom Publikum (lachen). Nee, eigentlich habe ich, ohne Quatsch, nur positive Resonanz bekommen. So in der Art - "Ach ist ja toll, dass auch mal ´ne Frau, gerade am Schlagzeug, auch mal so ´ne Art Musik macht“. Aber mir ist das immer in bisschen peinlich. Es bringt einem immer so das Gefühl - o.k., man kann ja doch ein bisschen was. Nee, sonst habe ich vom Publikum fast immer nur positive Resonanz gekriegt.
T: Anke…Barmy Army…Anke….
A: Einmal habe ich im Publikum sich zwei Mädchen unterhalten gehört. Das war noch ziemlich am Anfang. Da hat die eine zur anderen gesagt: „Guck mal, das ist doch bestimmt die Bandnutte…“. Da habe ich gedacht - Ooops. Scheiße.
R: Meine Bandnutte!

Eure Homepage wurde einige Zeit recht stiefmütterlich behandelt. Jetzt scheint sich da aber nun doch was zu regen - oder war das nur mal kurz ein Update, das die Leute Euch nicht ganz vergessen? Wer macht die eigentlich?
T: Ich weiß nicht, wann Du zuletzt drauf gewesen bist. Ich mach die Seite zu Hause. Und na ja. Ich war blutiger Anfänger und hab mir das alles selbst aneignen müssen. Ist ja doch nicht sooo einfach, wenn man es vernünftig machen will. Von daher war die erste Version schon was, was man schnell zusammenschustern konnte. Vor über einem Monat habe ich aber eine neue Version rein gestellt. Ist zwar immer noch nicht alles vollständig. Aber ich bin dran. Es wird jedenfalls kontinuierlich gemacht. Ich schaffe immer nur ein bisschen, weil ich es halt abends machen muss. Und die bringt auch was. Wir hatten zuletzt ´nen Besucherzähler reingebastelt du wir hatten jetzt im Februar knapp 200 Besucher. Davon kann man 20 Besuche von mir abziehen. Aber sonst… Jedenfalls tut sich da was. Und man merkt es schon, wenn man irgendwo ´nen großen Gig hatte, gehen automatisch die Besucherzahlen nach oben. Das merkt man schon, dass die Leute, auch wenn sie das Demo nicht kaufen, auf die Seite gehen und sich einfach mal umschauen, ob es da was gibt. Ob man sich kostenlos was runterladen kann…

Das Wichtigste ist und bleibt ja aber wohl die Musik. Ihr seid jetzt ja im Studio, um neue Songs aufzunehmen, die dann letztlich auf der Platte erscheinen sollen. Das Demo gibt es ja aber auch noch. Wieviel kostet das und woher kann man das bekommen? Sind das auch die Songs, die letztendlich auf Album kommen oder ist das was anderes?
T: Also wir machen da einen Freundschaftspreis. 2,50 das Demo. Maximal 3€, wenn wir in ´nem Club spielen, wo ‚Rich Kids’ unterwegs sind (lacht). Ich hab ja vorhin dazu schon was gesagt. Aber ich sag’s noch mal. Der Plan ist einfach, die bestehenden Aufnahmen vom „Pretty….bored“-Demo zu komplettieren. Das sind dann insgesamt - wir machen da einen Bonussong von der Streetmusic-EP noch mit rauf - 17 Songs mit einer Spielzeit von ca. 35 Minuten, was für ein Album ausreicht. Und was Label und Veröffentlichung anbelangt, schauen wir einfach. Wir würden es gern dieses Jahr noch machen, auch gern sofort, wenn es irgendwie geht. Aber mal sehen.

Gern auch auf Vinyl?
T: Sowas von gerne :)

Und was kann man da sonst so erwarten? Außerdem hat mir Radde gerade erzählt, es kommt ein Saxophon zum Einsatz. Wer spielt das? Und kann man sonst noch „exotisches“ erwarten?
R: Nacktfotos von mir…
T: Echt? Das ist ja widerlich.
R: Ja, wenn es sein muss, wenn es sich besser verkauft…
T: Na gut - Aber NUR wenn es sein muss. Hehe. Nein, also das ist der Roland von ROLANDO RANDOM & THE YOUNG SOUL REBELS. Die habe ich einfach gefragt. Und die haben ihn uns ausgeborgt. Ich wollte das unbedingt mit rein haben. Es hat aber auch gut gepasst, muss man ganz ehrlich sagen. Das Stück ist von Bert Brecht/Kurt Weil aus der Drei Groschen Oper - Mack the Knife. Da haben wir ´ne MADLOCKS-Version draus gebastelt. Es ist ein bisschen umgeschrieben, nicht ganz 1 zu 1 kopiert. Wir haben da noch eine kleine Jazzgitarre, die der Robert zu spielen versucht und das Saxophon noch mit hinten ran gemacht. Und ich finde, das - naja nicht experimentell - aber doch nicht mehr nur „Schraddel Schraddel Oi! Oi! Oi!“, sondern man merkt schon, dass sich die Band entwickelt, dass man ein bisschen rumprobiert, sich fragt, was man machen kann, was interessant klingt. Man will ja auch nicht immer nur dasselbe machen. Du willst den Leuten ja auch was bieten.

Was habt Ihr schlussendlich jetzt noch so vor in diesem und den nächsten Jahren Touren, touren, touren? Würdet Ihr für die Band Eure „eigentlichen“ Jobs aufgeben?
T: Also bis Ende nächsten Jahres will ich meine erste Million haben. Und Du?
R: Also ich würde meinen eigentlichen Job sofort aufgeben. Würde ich sofort machen. Für die Band.
V: Dann hätteste ja auch endlich Arbeit. (alle lachen)
R: Ja, dann ist Hartz IV Vergangenheit, aber nee, ich hoffe, dass wir verstärkt spielen. Auch außerhalb von Berlin. Aber auch in Berlin. Das möchten wir auch nicht vernachlässigen, weil es einfach rockt und Spaß macht. Ohne Ende. Berlin ist immer schön. Deswegen leb ich ja auch hier und wird hier auch nicht weggehen.

Das Berliner Publikum soll schwierig sein…
R: Ich mag es. Ist wahrscheinlich auch die Mentalität der Leute. Wenn man unbekannt ist.
T: Man kennt es ja. Als wir früher in Schwerin unterwegs waren, war es auch so. Da hieß es, am Wochenende ist Punkkonzert und dann waren halt alle da. So ist das auf’m Dorf. Bloß hier in Berlin hast Du so ein breites Angebot, dass die Leute überall hingehen und halt auch viele Sachen sehen und dann natürlich auch kritisch sind. Das merkst Du dann auch in der Resonanz. 0815-Mucke wird dann auch mit 0815-Reaktion gestraft.

Ja dann danke ich Euch sehr für die Beantwortung der Fragen. Und viel Glück für die Zukunft…

mieschka | Mo., 04. Apr 2005 | Interview

1989 war das Jahr, was in die Geschichte einging. Nein, falsch, hier geht es natürlich nicht um die deutsche Wiedervereinigung oder den Zusammenbruch des Ostblocks, sondern um das europäische Ska-Revival Ende der 80er Jahre. Die englische Plattenfirma Unicorn brachte den legendären „Skankin´ Around The World“-Sampler heraus. Auf dem jungen, deutschen Skalabel Pork Pie begann die „Skandal“-Samplerreihe. Die spärlichen Reste der SPECIALS und von THE BEAT gründeten „SPECIAL BEAT“, um noch einmal schnell ein paar Pfund mit ihren alten Hits zu verdienen. Die BUSTERS und NO SPORTS wurden langsam zu internationalen (Ska-)Markennamen. In dieser Zeit gründeten sich auch die RIFFS aus England. Ihr Sound war klassischer 2Tone-Ska-Pop. Wenig später lösten sie sich frustriert auf. Vom Label betrogen, von britischen Konzertveranstaltern größtenteils abgezockt und von einigen Bandkollegen genervt. Doch plötzlich treten sie 2003 wieder regelmäßig auf. Es dauert nicht lange, und sie sind auch in Österreich und Deutschland für einzelne Shows wieder zu sehen. Warum bloß? Lest das Interview vor der Show in Dortmund! Hier erfahrt ihr alle schonungslosen Details über die fünf verrückten, chaotischen Briten...

WARNUNG: Es dürfte dem Leser, -aber auch dem Autor hier- sehr schwer fallen, dieses Gespräch in seiner gänzlichen Tiefe nachvollziehen zu können. Die RIFFS sind echte Chaoten, die sehr selten an einem ernsten Gespräch interessiert sind, sondern lieber wie Zirkusaffen durch den ganzen Raum turnen und durcheinander reden. Unbeschreiblich, wie Mark plötzlich aufsprang und wie ein Elefant trompetend durch den Raum stapfte, um uns eine Posaune zu verdeutlichen. Dabei fiel der Rest der RIFFS fast vor Lachen von den Stühlen. Und auch meine Freundin und ich grinsten über beide Backen.... Bitte nehmt nicht jede Aussage der RIFFS für wahre Münze, sie haben einen unglaublichen, ironisch-britischen Humor!!!

Als ich den Flyer für euer nächstes Konzert gelesen habe, stand, dass ihr jetzt einen Reggae-Funky Groove spielt. Ich habe euch als 2Tone-Style-Band auf Unicorn Records in Erinnerung!?
Andy (Trompete, Percussion): Wir haben immer noch viel davon im Programm. Doch wir wollen keine reine Skinhead-Band mehr sein. Wir wollen auch für Hippies und Raver spielen. (Die Band grölt vor Lachen im Hintergrund)

Etwas irritiert: Wie kam es denn dazu?
Andy: Es sind mittlerweile elf, zwölf Jahre vergangen. Die Zeiten haben sich gewandelt. Wir waren nie wirklich harte Skinheads. Es war mehr ein natürlicher Prozess.

Mark (Drums): In Deutschland ist das alles etwas anders. Hier gibt es für alles noch Nischen. Hier kann man noch so bleiben, wie man möchte. Ihr habt den reinen Ska, den Punky-Ska und den Reggae-Ska. Aber in anderen Ländern ist der Ska am Boden. In England z.B. INTENSIFIED. Die sind mehr eine Studioband als eine Liveband, weil es in Großbritannien immer weniger Auftrittsmöglichkeiten gibt. Deshalb bleiben Bands auch schnell stehen. (Mark dreht sich zu seiner Band:) Hey, was hat uns in den letzten fünf Jahren am meisten beeinflusst?

Spencer (Gitarre): Oh, du meinst meine TOP 5 der einflussreichsten Bands?! Meine persönliche TOP 5? Jimmy Hendrix, der hat zwar nichts mit Ska zu tun, aber... Wir haben alle in der Band einen unterschiedlichen Musikgeschmack. Was uns verbindet, ist, dass wir alle gerne Ska hören. Durch Jimmy Hendrix habe ich angefangen Gitarre zu spielen. Andere Leute fangen an Posaune zu lernen, weil sie Rico Rodriguez sehen. Zurück zu meinen Einflüssen: Definitiv das Geschrei meiner Tochter.

- Allgemeines Gelächter-

Duane (Bass): Du solltest dir mal die Kelly Family anhören.

Mark: Oder geh mal im Internet auf diese Seite von „Gefangen nach der Hochzeit“.

- Wieder großes Gelächter-

Spencer: Nein, wir haben keine „Star-Einflüsse“. Wir sind sehr mit Punk und Reggae verbunden. Wir sind immer selbst überrascht, was bei uns am Ende so herauskommt. Wir werden wohl nie eine alte, traditionelle Skaband werden. Das dürfte für uns viel zu schwierig sein.

Ihr habt ja auch kurze Bandabschnitte gehabt...
Mark: Wir haben uns 1989 gegründet, 1991 aufgelöst und 1993 waren wir wieder zusammen bis jetzt.

Spencer: Dieses Line-Up hier heute Abend gibt es seit zehn Minuten und für zwei Stunden. Das ist Bosky, sonst bei den blöden HOTKNIVES Keyboarder, nun bei den grandiosen RIFFS. Dave hat uns kurz vorher im Stich gelassen, da haben wir einfach Bosky eingeladen, der wusste nicht, was er mit dem Samstagabend machen soll...

Bosky (von der genau anderen Seite eines 6m-Tischs): Glaub den kein Wort, Vogel, die haben mich gekidnappt.

Mark: Ach, Quatsch, Bosky gehört eigentlich uns. Wir verleihen ihn nur manchmal, denn wir sind in Wahrheit eine Keyboarder-Verleihagentur. - Okay, Spaß beiseite, wir sind seit über zehn Jahren schon mit den HOTKNIVES befreundet. Äh, was war jetzt noch einmal die Frage?

Spencer: Unsere Bandgeschichte.

Mark: Du meinst, von dieser Band, die einmal eine Bandgeschichte hatte...

Warum spielt ihr eigentlich so selten in Deutschland, wenn hier die Skaszene angeblich so gut ist?
Spencer: Weniger ist mehr.

Mark: Wir haben einfach irgendwann aufgehört in Deutschland zu spielen. Warum genau weiß ich auch nicht mehr. Klar, große Szene, fabelhafter Ruf...

Andy: Das Hauptproblem war, dass, wenn wir Samstag irgendwo gespielt haben, wir es sonntags nicht mehr pünktlich zur Kirche in unserem Dorf geschafft haben. Das fällt in kleinen Gemeinden leider sehr auf.

Spencer: Wir haben wirklich eine ganz schöne Weile nicht mehr in Deutschland gespielt. Erst 2004 wieder.

Wie habt ihr eigentlich den Ska für euch entdeckt?
Mark: Ja, damals war die Skinhead-Bewegung sehr stark, alles war sehr 2Tone-lastig, sehr modebewusst. Du konntest einfach in einen kleinen Club gehen, um Jugendliche zu Punkmusik tanzen zu sehen. Die ganze Szene hat sich gewandelt. Früher gab es THE SPECIALS, BAD MANNERS, MADNESS. Alle waren in den Pop-Charts. Die Jugendlichen interessierten sich für Ska, gründeten neue Bands und lebten das Ganze. Wir sind mit den ganzen TwoTone-Gruppen aufgewachsen. Jetzt ist das alles abgestorben. Die Szene ist am Boden. Es hat sich alles aufgespalten. Die Weißen, die Schwarzen, die Punks, die Reggae-Fans - jeder hört etwas Anderes. Ska verbindet nicht mehr so wie damals.

Doch was ist dann eure Motivation heute noch aufzutreten? Reich werdet ihr ja durch die RIFFS bestimmt nicht mehr?!
Mark: Liebe. Die Liebe zur Musik. Es macht tierischen Spaß Musik zu spielen und live aufzutreten.

Brian: Es ist wirklich so ein wenig, dieses Gefühl kreativ sein zu können. Live zu spielen, etwas einzuproben, etwas aufzunehmen, einfach alles. Es bereitet uns immer noch große Freude. Als wir in Berlin gespielt haben, waren wir Popstars. Man hat uns fürstlich behandelt.

Spencer: Ja, es war wie bei „Top Of The Pops“. Und im Vorprogramm trat BRITNEY SPEARS auf. Hey, Jungs, welche Sängerinnen sind eure TOP 5, die uns einmal supporten sollten?

Mark: BRITNEY SPEARS wäre schon nicht schlecht.

Spencer: KYLIE MINOGUE wäre auch klasse.

Andy: Kylie ist besser.

Sehr amüsiert: Was meint ihr? Kylie mag eure Musik? Oder ihr mögt Kylie?
Andy: Ach, das klappt schon. Das funktioniert.

Mark: Es dürfte für sie ein ganz neues Gefühl sein, vor so vielen Skinheads aufzutreten. Ein ganz neues Publikum für sie.

Andy: Oh ja, ihre Motivation wäre sehr hoch. Das ist einmal Abwechslung.

Mark: Ich denke auch, dass sie topmotiviert wäre.

Andy: Man müsste das Publikum darauf nur schonend vorbereiten, nicht dass es mit der Situation überfordert ist...

Mark: Da gebe ich dir Recht, man müsste es in einen langsamen Prozess einbinden.

Andy: Oh ja, in einen „kontinuierlichen Prozess“ könnte das klappen...

Spielt ihr eigentlich alle nur bei den RIFFS oder geht ihr auch in anderen Bands den Leuten auf die Nerven, ihr Chaoten?
Mark: Hm, ich halte wohl lieber meinen Mund, weil immer, wenn ich etwas sage, lachen immer alle...

Spencer: In England gibt es eine Schwulen-Combo, da spielt er mit...

Mark: Oh ja, sie heißen THE RIFFS oder so ähnlich...

Spencer: Ich spiele in einer Punkband namens NEWS BOYS.

Duane: Ich bin nebenbei noch bei KING KURT.

Mark: Bosky spielt bei Gelegenheit bei den HOTKNIVES.

-Grosses Gelächter-

Spencer: Ich war früher auch bei BAD MANNERS und habe in vielen anderen Punkbands gespielt. Ich habe mir sozusagen die Inspiration bei den aggressiven Bands geholt, um wieder die Qualitäten des Skas zu erkennen. Ska ist die ideale Musik für ein gewisses Alter als Gitarrist.

Ich habe den Eindruck, dass es bei euch auf der Insel immer weniger typische Skabands wie 2Tone, Jamaica oder Rocksteady-Bands gibt, aber vielmehr schnelle Skapunk-Gruppen, die einen starken Punk-Hintergrund haben.
Spencer: Ja, das ist aber nur oberflächlich so. SMOKE LIKE A FISH ist eine sehr empfehlenswerte, britische Skaband. Wir haben erst letztens wieder mit ihnen zusammengespielt. Oder dann gab es dieses Konzert, wo KING DJANGO aus den USA mit INTENSIFIED aufgetreten ist. INTENSIFIED sind auch sehr gut. Und natürlich die HOTKNIVES.

Seid ihr eigentlich alle auf der Insel sehr eng befreundet miteinander: HOTKNIVES, RIFFS, BAD MANNERS und vielleicht INTENSIFIED?
Mark: Also RIFFS und HOTKNIVES sind es.
Andy: BAD MANNERS?! Wir kennen sie sehr gut. Buster Bloodvessel (Bad Manners-Sänger) mag uns. Die Musiker auch...

Buster hat ja auch ständig andere Bandmitglieder bei BAD MANNERS...
Mark: Oh ja.

Andy: Wir spielen aus Spaß. Bei ihm ist das mehr aus anderen Beweggründen.

Spencer: Wir arbeiten alle. Musik ist unser Hobby. Gut, bei Bosky weiß ich das nicht. Er ist ja sowieso etwas anders als wir.

Bosky: Was soll das denn wieder heißen? Ihr habt mir versprochen, dass ihr mich ernstnehmt, wenn ich bei euch für den Gig mitspiele....

Mark: Die HOTKNIVES und RIFFS sind Freunde, weil sie Spaß an der Skabewegung haben. Es gibt nicht wirkliche eine britische Gemeinschaft von Musikern.

Spencer: Nein, ich würde mich nie um dich kümmern. Ich sehe dich heute zum ersten Mal...

Mark: Ich würde dir immer den Hintern abputzen, wenn du mich fragen würdest.

-Allgemeines Gelächter-

Mark: Ja, verletz nur meine Gefühle!

Andy: Könnt ihr das bitte zu Hause klären?! Wir geben hier ein Interview und wollen doch einen guten Eindruck hinterlassen. Entschuldigung an alle Leser und unsere Fans. Mark hat manchmal Aussetzer.

Spencer: Wenn irgendwer einen neuen Keyboarder, Gitarrist oder etwas Ähnliches sucht, muss er sich nur bei den anderen Bands umsehen. Er wird kein Problem sein jemand zu finden - auch ohne Geld.

-Allgemeines Gelächter-

Bosky: Ich weiß gar nicht, wie sie mich überredet haben...

Andy: Ich denke, er war ganz froh, dass er einmal ein paar anständige Gigs spielen darf...

Spencer: ...danach aber nie wieder.

Ich habe gelesen, dass ihr eine neue Scheibe plant.
Spencer: Ahhhhhhhh, weniger ist mehr.

Andy: Unser Sänger Aiden hat uns verlassen. Deshalb mussten wir erst einmal umbesetzen, uns im Proberaum einschließen und proben. Nun schreiben wir jedoch neues Material und beginnen dies aufzunehmen. Das wird noch eine ganze Weile dauern, weil ins Studio gehen für uns, alte Säcke, nicht mehr einfach und billig ist. Wir haben jetzt zwei Songs fertig. Einer wird auf Mad Butcher aus Deutschland auf einem Sampler herauskommen (Skannibal Vol.4 - schon erschienen!) und der Andere auf Jamdown Records.

Mark: Wir wollen wirklich gerne neues Material aufnehmen. Wir haben keine Lust mehr, nur noch herumzusitzen.

Spencer: Er ist es immer, der sich bei unseren Proben Bratkartoffeln brutzelt, während wir schuften...

Mark: Ihr treibt mich noch in ein Soloprojekt...

Spencer: Ja, zu einer Knabenband...

Mark: Ich muss mich hier einmal für meine Band entschuldigen. Wir sind ein versauter Haufen, der nur saufen, derbe Späße reißen und über Politik reden kann. Wir mögen alle Mitternachtskonzerte, weil bis zu unserem Auftritt sind wir alle immer betrunken.

Bosky (sehr skeptisch lachend): Ich weiß nicht, warum ich mir das antue...

Spencer: Bosky war unserem Keyboarder Dave „The Fish“ noch etwas schuldig...

Andy: Ja, so ist das mit den RIFFS unterwegs zu sein: Ein lustiges Leben eben.

Duane: Wir sind wohl eine sehr faule Band.

Spencer: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Andy: Ja, um so einen Mist wie hier in Dortmund zu verzapfen, müssen wir erst einmal zu Hause wochenlang arbeiten, weil wir von der Musik einfach nicht leben können - von dem Geld, was wir für die Gigs bekommen. Deshalb versuchen wir so viel Spaß wie nur irgendwie möglich bei unseren Konzerten zu haben.

Ihr seid ja eine sehr heitere Band. Was hat euren Humor beeinflusst? Monty Phyton? High Fidelity?
Mark: Monty Phyton ist ganz gewiss ein großer Einfluss für uns. Jeder kennt wohl „Die Ritter der Kokosnuss“ und hat den Film Hunderte von Mal gesehen. Wir lachen allgemein gerne. Und zu „High Fidelity“: Es ist einfach cool, immer zu allem eine TOP 5 aufzustellen. Das muss sein.

Leider war es dann für die RIFFS kurz nach Mitternacht im Dortmunder Langen August auch Zeit aufzutreten. Wir mussten das sehr heitere Interview abbrechen. Was ich an den Briten übrigens besonders genial finde: Die Bandmitglieder haben zwar ein geregeltes Berufs- und Familienleben, brechen aber an Wochenenden komplett dort heraus, um eine zünftige Ska-Party zu feiern. So eine Einstellung wünsche ich mir von so vielen Bands, die daran scheitern, Anspruch und Realität als Offbeatcombo zu vereinen. Nach dem Studium / der Schule / den wilden Jahren als Zwanzigjährige haben viele Skagruppen einen Koller, dass sie nicht weltberühmt geworden sind sowie von der Musik nicht leben können und lösen sich völlig frustriert auf, damit die einzelnen Bandmitglieder ein bürgerliches Leben mit Familie, festem Job und Wochenend-Heimwerker-Hobby annehmen können. Wie viele mittlerweile aufgelöste Skacombos vermissen wir deshalb, weil sie nach zehn Jahren Bandgeschichte einfach keine Zeit mehr für die Musik hatten?! Viel zu viele. Die RIFFS zeigen, dass es auch anders geht. Dies finde ich großartig. Also schaut euch diese Gruppe an, wenn sie bei euch in der Nähe auftreten: Sie sind nicht nur eine Top-Party-Skaband, sondern auch unglaublich sympathische Ska-Verrückte. Sie haben es echt verdient!!!

Zusatz für Ska-Experten: RIFFS??? Andy??? Den Namen habe ich doch letztens erst wieder gelesen? Richtig, Andy Gillard ist Herausgeber des Scootering Magazine und verfasst zahlreiche Liner-Notes für Ska-Alben, z.B. für das Soloalbum „The Rude Boy Returns“ vom SPECIALS-Sänger Neville Staple. Außerdem waren die RIFFS vor Kurzem die Begleitband von DAVE BARKER, WINSTON FRANCIS, BOB ANDY und DENNIS ALCAPONE bei der LAUREL AITKEN-Show am 8. Januar 2005 in London!!!

Autor: Vogel

matthias | So., 20. Feb 2005 | Interview

Einmal hatte ich schon das Vergnügen SICK OF IT ALL zu sehen und seitdem waren sie in den unerschöpflichen Weiten meines Gehirnes unter ‚absolut sehenswerte Live-Band' abgelegt. Deshalb machte mich am 19.11.04 frohen Mutes, aber mit der ständigen Panik irgendetwas vergessen zu haben und Stoßgebeten zu allen höheren Mächten, dass doch bitte diesmal alles mit der Technik klappen würde (die Vergangenheit brachte einige Enttäuschungen) ins Huxley auf, um die Jungs zu interviewen. Angetroffen habe ich Armand (Drums) und Pete (Guitar) von SOIA, wie sie mit Nanette von FAT WRECK CHORDS EUROPE im Catering Raum saßen und rumtratschten: Dass die Bremsen ihres Busses auf den Weg hierher ausgefallen sind und sie einen neuen brauchten und zu spät hier ankamen. Dass der Soundcheck schon sein sollte, doch wie wohl so oft der Zeitplan hing mal wieder hinterher. Jut fand ick, dass sie sich trotz des knappen Stundenplanes viel Zeit für mich nahmen und sogar aufs Essen verzichteten (ein Teil des Interviews war ja für die Radiosendung ‚MAINSTREAM FÜR DEN UNTERGRUND' auf ‚uniRadio 87,9' gedacht). Allerdings nehme ich das ‚die Jungs' von vorhin zurück, da es sich doch vielmehr um gestandene Männer, teilweise mit Familie handelt. Allerdings durchlebten sie am späteren Abend eine Transformation und wurden wieder zu den Jungs, die die Menge zum toben brachten.

Besonders Lou beeindruckte mich, der grandios mit dem Publikum interagierte. Ich kam mir angesichts soviel gebündelter Energie auf der Bühne trotz meines noch zarten Alters doch ganz schon betagt vor. Überhaupt hielt die ‚Eastpak Resistance Tour' einige Überraschungen bereit. So beeindruckte mich die erste Band, ALITHIA aus Berlin mehr, als einige bekanntere Bands, die ebenfalls an diesem Abend spielten. Außerdem sah ich zum ersten Mal eine Hardcore Band, die eine Sängerin hatten, WALLS OF JERICHO, die mir so gut gefielen, dass ich mir Geld lieh um die CD kaufen zu können. Bei den teuren Bierpreisen war letzteres nämlich schon fast aufgebraucht...

Am 18.10 hat Fat Wreck eure CD „Outtakes for the Outcast” herausgebracht. Erzählt uns davon, welche Idee steckt dahinter?
Armand: Die CD ist eine Compilation von vielen B-Seiten und Coversongs, die wir für verschiedene Tribute-Alben gemacht haben und einige unveröffentlichte Sachen, die wir lange Zeit herum liegen hatten und die bisher noch nie ans Tageslicht kamen. Zum Beispiel auch Reste von unseren Live-Aufnahmen für die „Live in a Dive“ Platte und andere Sachen.

Wen meint ihr mit Outcast, also Ausgestoßene, Verstoßene…
Armand: Grundsätzlich die ganze Hardcoreszene. Das ist ein Grund warum wir diese Musik machen, warum es eine Subkultur namens Hardcore gibt. Jeder fühlt sich wie ein ‚Outcast' der Gesellschaft.

Ich hab zwei Fragen über Lieder, die auf der CD drauf sind. Ersten „Blatty Human Egg“ (lachen). Dieses Lied wurde zum Teil in Berlin produziert. Ich will wissen was zum Teufel ein „Blatty Human Egg“ ist?
Armand: (lachen) Es ist nur ein Wort, dass wir benutzt haben um Dinge zu beschreiben, die ein wirklich tiefen Schwerpunkt haben. Dinge, die kurz und breit sind. Es ist kein reales Wort, wir haben es erfunden und es scheint etwas Kurzes und Breites sehr gut zu beschreiben.

Pete: Es könnte eine Person sein, z.B. ein kurzer, fetter Typ.

Armand: Der Text sagt alles: Shorter, wider, browner, greener and more blatty than a human egg…

Und was ist mit eurem Lied “86“? Ist damit ein besonders wichtiges Jahr verbunden?
Armand: Oh nein, das ist kein Jahr. 86 bedeutet, dass jemand in einem Club Hausverbot bekommen hat.

Pete: ich glaub es ist ein Amerikanischer Ausdruck. Man sagt einfach „He was 86-ed.“.

Armand: Es war einfach ein Lied darüber, wie bestimmte Kids das Falsche von der Musik rausziehen, wenn sie z.B. die Aggression falsch fühlen und ausleben, sie die falschen Sachen im Club machen. Ich denke, manchmal ist es gerechtfertigt, dass Kids aus Hardcoreshows rausgeschmissen werden, weil sie einfach nicht die richtige Einstellung haben

Es gibt einige Coverversionen auf der CD. Zum Beispiel „All Hell breaks loose“ von den MISFITS. Die Band kommt aus New Jersey, also direkt aus eurer Nachbarschaft. Wie steht ihr zu dieser Band, was denkt ihr über sie.
Armand: Die Aufnahmen wurden gemacht, bevor wir mit ihnen auf Tour gingen. Wir tourten mit ihnen ungefähr ein Jahr nachdem das Tribute Album erschien. Die MISFITS waren einfach ein großer Einfluss auf uns als wir aufwuchsen. Sie waren die beste Band aus unserer Gegend, deshalb war für uns klar, dass wir gerne bei einem Tribute Album für sie mitmachen wollten. Als wir dann mit ihnen auf Tour gingen merkten wir, dass sie richtig nette Leute sind und es ist gut, dass wir sie am Ende nicht total bescheuert fanden. Zum Glück war Glen Danzig zu dieser Zeit ja schon nicht mehr in der Band. Also gab es keinen Grund irgendjemanden zu hassen.

Wer hat Euch noch beeinflusst?
Pete: Die BAD BRAINS, eine meiner Lieblings- , eigentlich so ziemlich meine liebste Hardcorepunkband, weil sie so verschieden sind. Sie haben Reggae in den Punk gebracht. Sie haben immer noch verrückte ‚Punkstyle Songs'. Das war es, was mich wirklich beeinflusst hat.

Armand: Aber auch der früher NY Hardcore, wie z.B. CRO-MAGS, AGNOSTIC FRONT und definitiv auch viel von NEGATIVE APPROACH. Die Band kommt aus Detroit, wahrscheinlich kennen sie nicht mehr viele. Allerdings überrascht mich das ein wenig.
Wir tourten mal mit einer Band namens TERROR und als ich mit dem Sänger redete, merkte ich, dass dieser NEGATIVE APPROACH nicht kannte und ich war ein bisschen entsetzt, weil NEGATIVE APPROACH war die Band, die AGNOSTIC FRONT in bestimmten Dingen beeinflusst hat. Das ist also eine wirklich ganz wichtige Band, die Leute, die heute Hardcore hören und machen, kennen sollten. Und ich möchte sie wirklich nennen, damit Leute vielleicht zurückgehen und ein bisschen Geschichte lernen.

Gibt es schon neue Songs?
Armand: Nein, noch nicht. Wir müssen erst mit dem Touren für diese CD fertig werden. Dafür machen wir im Dezember noch eine US-Tour. Wahrscheinlich werden wir uns im späten Januar oder frühen Februar zusammensetzen und anfangen für das neue Album zu schreiben.

Pete, du bist gerade nach Florida gezogen.
Pete: Für den Moment, ja.
Und kaum da, hat auch schon Hurrikane ‚Frances' dein Haus zerstört. Wie ich mitbekommen habe, haben sich einige Bands zusammengetan und versteigern auf eBay Sachen von sich um Dir damit zu helfen.

Pete: Yeah, yeah. Eigentlich ging das alles von einer Freundin von mir aus. Heidi heißt sie. Sie besitzt ihre eigene Kleiderfabrik namens ‚Frankie and Minks' und sie ist es, die Bands fragt, ob sie Sachen auf eBay versteigern, um zu helfen. Sie haben gerade erst damit angefangen, kurz bevor wir auf Tournee gingen, deswegen weiß ich nicht wirklich was gerade damit los ist.

Hast Du Dein Haus schon wieder aufbauen können?
Pete: Ich hab ein neues gekauft, dass zwei Blöcke weiter steht. Es ist eine wirklich schöne Nachbarschaft. Wir hatten genug von der Stadt und sind direkt an den Strand gezogen.

Als Band habt ihr schon viel erreicht. Was für Ziele gibt es die ihr noch erreichen wollt?
Armand: Ich weiß nicht. Ich glaube ein Grund dafür, warum wir eine so lang andauernde Kariere haben, wie wir sie erlebt haben, ist, dass wir nie richtig groß raus kamen. Verstehst du, wir sind immer noch eine hungrige Band. Wir wollen uns immer noch beweisen. Es ist nicht so, dass wir auf die Bühne gehen und eine faule Einstellung haben. So von wegen: „Ach, die Leute lieben uns sowieso, ich kann heut Abend also auch schlecht sein und sie werden mich immer noch lieben…“. Weil, na ja, manchmal merkst du wie genau dies bei größeren Bands auf der Bühne passiert, wenn sie denken, sie könnten den Abend einfach blau machen oder so was in der Art. Wir hatten niemals diese Einstellung. Wir haben viel mehr eine wirklich harte Arbeitsmoral, weil wir immer fühlen, dass wir etwas beweisen müssen. Nicht nur den Leuten die bei einem Auftritt sind, sondern auch der Musik Industrie im Allgemeinen. Wir hatten nie das Gefühl, dass wir nur selbstzufrieden rumsitzen, wir wollen immer weiter kommen, wir wollen mehr CDs verkaufen, wir wollen größere Auftritte haben und ich glaube das ist es, was uns antreibt.

Lebt ihr noch in New York?
Armand: Ich lebe dort nicht mehr. Ich habe eine Familie und es ist wirklich furchtbar teuer in NY oder auch nur dort in der Gegend von 40/50 Meilen zu wohnen. Es ist absolut lächerlich.
Als ich eine Familie hatte und meine Kinder alt genug waren um in die Schule zu gehen, bin ich umgezogen. Also war ich ne Weile in Kalifornien und jetzt lebe ich in Milwaukee.

Wie probt ihr da?
Armand: Für das letzte Album haben wir das so gemacht, dass wir zwei Wochen daran gearbeitet haben und dann wieder zwei Wochen Pause hatten, immer abwechselnd. Wir sind rein und rausgeflogen um an dem neuen Material zu arbeiten. Es war irgendwie cool, weil wir dadurch Zeit hatten, Abstand zu gewinnen und wir das was wir getan hatten, reflektieren konnten. Dadurch hatten wir einen wirklich objektiven Standpunkt, statt einfach nur die ganze Zeit zusammenzuarbeiten - ohne die Möglichkeit zu haben Abstand zu gewinnen. Ich glaube, der Abstand ist wichtig, weil du manchmal mit einem Song einfach feststeckst und du die Antwort auf dein Problem nicht findest, weil du andauernd daran arbeitest und denkst es gibt nur einen Weg.

Seid ihr denn immer noch stolz, dass ihr New Yorker seid?
Armand: NY ist der Ort aus dem wir alle kommen, der Ort an dem wir uns am wohlsten fühlen. Ich fühle mich in NY am meisten zu Hause.

Pete: Ich hab immer noch ein Apartment in NY.

Versucht ihr auch jüngeren Bands aus NY zu helfen?
Armand: Wir versuchen guten Bands zu helfen, wo immer sie herkommen. Zum Beispiel eine Band mit der wir auf unserer letzten Amerika Tour waren. Die Band heißt WITH HONOUR, die sind nicht aus NY, sondern aus Connecticut, was aber sehr nah ist. Als die andere Band mit denen wir eigentlich tourten, sich mitten in der Tour auflöste, haben wir WITH HONOUR als Ersatz geholt. Einfach weil sie wirklich eine gute Band und wirklich nette Leute sind. Es ist dabei egal, ob sie aus NY, Connecticut oder meinetwegen aus Kalifornien kommen. So lange wir mögen für was die Bands stehen, so lange sie gute Musiker sind und so lange sie die richtige Einstellung haben versuchen wir ihnen immer zu helfen.

Was haltet ihr von den jüngeren Hardcorebands? Was sind so die Unterschiede?
Pete: Es ist gut, dass es eine neue Generation von Hardcorebands hervorkommt und versucht alles am Leben zu erhalten. Die meisten von ihnen spielen zwar Metall und schminken sich und sagen, dass sie Hardcorebands sind, aber... In dem Ort, wo ich in Florida lebe, gibt es nur eine kleine Hardcoreszene und die erinnert mich an die Tage als wir anfingen Hardcore zu hören und ins CBGB's gingen. Es gibt Punkbands, Hardcorebands und alle spielen zusammen, daran erinnert mich die Szene in Florida irgendwie. In der NY-Szene schauen die Leute irgendwie nur darauf, was der Trend ist und was auf MTV gezeigt wird.

Es ist also sehr kommerziell?
Armand: Ich glaub die Major Labels haben einen großen Anteil an dieser Entwicklung. Heute ist es nicht mehr wirklich akzeptabel eine Metallcoreband, eine Punkband und eine Band die z.B. Skaeinflüsse hat zusammenzupacken. Damit eine Show wirklich funktioniert müssen es alles die gleiche Art von Bands sein, ansonsten würden die Leute nur die Band sehen für die sie sich interessierten und dann gehen. Die Leute sind wirklich engstirnig im Vergleich zu den Leuten, als wir in die Szene kamen. Und das ist echt schlecht für die Szene, weil es dadurch viel mehr Grüppchen gibt.

Pete: An dieser Tour hier ist es gut, dass es viele verschiedene Styles gibt.

Appropos diese Tour. Im Moment headlined ihr die ‘Eastpak Resistance Tour'. Gibt es einen bestimmten Grund für diese jährliche Tour, oder ist es einfach eine Werbekampagne von Eastpak, um Werbung für sich zu machen?
Armand: Ich glaube es ist einfach wichtig gute Bands zusammenzubekommen und ein Hardcore Festival zu haben. Für dieses Musikgenre ist es wichtig so etwas wie diese Tour zu haben. Normalerweise sind wir nur an eine Metallbühne drangehängt oder an ein Festival oder so. Es ist gut, dass es ein spezielles Hardcore-festival gibt, welches durch ganz Europa tourt.

Ich hab euch auf BERLINOVA gesehen...
Armand: Das war echt ne komische Nacht, nicht? Wir waren die einzige Band, die Hardcore gespielt hat, die anderen hatten völlig andere Stile. Es ist eine wirklich gute Show, aber eine unerwartet gute Show geworden. Vor der Show dachten wir nur: „In was sind wir da nur reingeraten?“. Wir hätten nicht gedacht, dass so viele Leute bei der Musik einer aggressiven Band mitmachen würden, da sie davor ja nur ruhigere Tanzacts hatten. Das war ein Beispiel dafür, dass wir eine sonderbare Band waren, die an einem Festival drangehängt wurden. Aber manchmal sind das die größten Shows die wir spielen. Allerdings glaube ich deswegen, dass es gut ist, dass es so eine Tour wie die Eastpak Resistance Tour gibt, weil wir dort nicht die seltsame Band sind, sondern die ganze Tour um Hardcore und Artverwandtes der Hardcoreszene geht.

Gibt es in Amerika ein vergleichbares Festival?
Pete: Es gab mal einen guten Ansatz für die Warped Tour, aber jetzt ist sie nur noch kommerziell. Es gibt kaum noch kleine Bands. Es geht mehr um: „Schaut her, diese Bands waren alle auf MTV, diese Band verkaufen Millionen von Platten.“.

Aber war dieses Jahr nicht z.B. STRIKE ANYWHERE dabei?
Pete: Das ist ja der Punkt. Es gibt die großen Bühnen, die die Leute auch anschauen und dann gibt es da noch 400 kleine Bühnen, die niemand anschaut. Und das ist genau das was passiert.

Wenn ich eine Show von euch in Amerika sehen würde, was wäre anders?
Armand: Es würden viel weniger Leute da sein. Die Leute würden weniger trinken, sie würden nicht rauchen, weil in den meisten Venues rauchen verboten ist. Keine Ahnung, es wäre eine andere Atmosphäre. Es kommt zwar immer auch auf die Stadt und den Club an, aber man könnte wahrscheinlich sagen, dass die Leute in Amerika ein bisschen reservierter wären, dass sie mehr auf die Art achten würden was für einen Style sie haben und wie sie sich auf der Tanzfläche bewegen. Gerade so als würden sie vor dem Spiegel üben, wie sie sich bewegen sollen. In Europa dagegen lassen sich die Leute einfach gehen und es ist ihnen egal wie sie aussehen. Meiner Meinung nach ist das viel besser, weil dadurch wirkliche Emotionen rauskommen.

Stichwort Mädels auf den Konzerten. Ich sage, es werden immer mehr. Stimmt ihr mir da zu?
Pete: Mehr Mädels? Ja, auf jeden. Das bemerken wir zurzeit oft. Gestern Nacht war es komisch, weil bei den meisten Bands die vor uns spielten nur Jungs da waren. Wir waren in Polen. Wir haben überall diese riesigen Jungs gesehen und als wir dann spielten kamen auf einmal die Mädels nach vorn. Es war wirklich gut. Und sie haben hart getanzt, sie sind von der Bühne gedived und haben mitgesungen und egal wie hart es vorne wurde, sie sind einfach da geblieben.

Armand: Sie sind den ganzen Abend vorn gewesen.

Glaubt ihr, dass es demnächst auch mehr Frauen in Hardcore Bands geben wird? Bis jetzt kenn ich keine...
Armand: Well, Walls of Jericho haben eine Sängerin.

Pete: Du solltest sie dir heut Abend ansehen, sie zieht die Menge echt in die Musik. Selbst wenn die Leute sie nicht kennen, bringt sie sie dazu. Wirklich gut.

Armand: Es gibt noch eine Band namens WAGE OF SIN. Es ist Rachels von MOST PRECIOUS BLOOD. Es ist eine reine Frauenband und sie werden demnächst nach Europa kommen, so check them out.

Habt ihr immer noch die Chance mit den Kids nach der Show rumzuhängen?
Pete: Ja, normalerweise brauchen wir eine Stunde um zu dem Bus zu kommen, man redet mit jedem, hängt rum, macht Fotos. Wir sind ganz normale Leute, deswegen wollen wir bei unseren Shows auch keine Barrikaden vor der Bühne, damit die Leute zu uns auf die Bühne kommen können, dort rumhüpfen, oder mitsingen können, oder was auch immer.

Ist Hardcore immer noch eine Coutercultur im Untergrund? Was ist eure Prognose für die Zukunft des Hardcore?
Armand: Ich glaube, dass die Hardcoreszene im Moment von Major Labels gefährdet wird, weil diese irgendwie versuchen in sie einzutauchen und aufzunehmen was auch immer da an Couterculture vorhanden ist, und dieses dann für die Massen zu vermarkten. Ich glaub deswegen denken so viele jüngere Bands es wäre Hardcore während sie Deathmetal spielen. Kids kennen manchmal nicht die Geschichte der Musik. Und ich glaube das hat viel mit den Major Labels zu tun, die den Glauben erzeugen, dass das alles nichts mit einer Subkultur zu tun hat sondern mehr von wegen: „Werd ein Musiker, es ist leicht. Vielleicht könntest du schon nächste Woche auf Tour gehen, vielleicht wirst du ein Rockstar.“. Als wir damals anfingen, haben wir nicht daran gedacht Rockstars zu werden. Und die Idee daraus eine Kariere zu machen kam total überraschend. Heutzutage fangen Kids an in einer Band zu spielen, um reiche Musiker zu werden.

Ihr ward selber mal auf einem Major Label? Habt ihr diese Erfahrung gemacht?
Armand: Nein, denn als wir bei einem Major Label unterzeichneten, waren wir schon etabliert. Wir tourten schon international. Es war eine andere Sache. Wir haben damals nicht nur in unserer Garage geübt und vielleicht ein paar örtliche Auftritte gehabt und plötzlich hatten wir einen Vertrag für sechs Platten bei einem Major Label. So funktionieren die Dinge allerdings heute. Sobald es irgendwo bei einer Band auch nur einen kleinen Hype gibt, bekriegen sich die Majors gegenseitig. Das nächste was du hörst ist, dass die Band viel Geld verdient um ihre erste CD rauszubringen und eine CD später werden sie fallengelassen. Genau das sind die Sachen die schlecht für die Hardcorszene sind. Es erlaubt Musikern keine Entwicklung. Ich glaub die Leute interessieren sich einfach nicht mehr für die künstlerische Entwicklung, aber genau das ist es, was für eine Band wichtig ist.

Letzte Worte?
Pete: Danke dass ihr zu uns haltet, bis zum nächsten Mal.

Autor: Beate

matthias | Mi., 26. Jan 2005 | Interview

Tim Smith, besser bekannt als TV Smith und Sänger der legendären ADVERTS ist einer der eindrucksvollsten Menschen, die ich je getroffen und live gesehen habe. Als ich ihn das erste Mal live sah, in einem kleinen - aber restlos ausverkauften Club, dem Wild at Heart in Berlin, konnte ich es kaum glauben, wie es jemand auf der Bühne schafft, allein durch seine Akustikgitarre, seiner Persönlichkeit und seinen Songs soviel Power auszustrahlen und Ehrlichkeit rüberzubringen, daß mir ein kalter Scheuer über den Rücken lief. Das schafft manche Punkband der heutigen Zeit mit meinetwegen 3 Gitarren nicht. Ein Erlebnis, daß einen bleibenden Eindruck bei mir hinterließ

Dafür bin ich einer gewissen Combo aus Düsseldorf, die (wohl) gern dem Altbier frönt und leider aber auch zu jedem x-beliebigen Thema was zu sagen hat und ihr „Wort zum Sonntag“ abgibt, recht dankbar. Ausnahmsweise. Denn sie waren es erst, die ihn hier in Deutschland zu einem höheren Bekanntheitsgrad verhalfen und mich dazu brachten, mich näher mit ihm auseinanderzusetzen und für seine Solosachen zu interessieren. Mit ihrem Album ‚Learning English - Lesson I', wo sie mit TV den alten Klassiker ‚Gary Gilmore's Eyes' neu aufnahmen ging es los. Dann, im Jahre 2001, erschien das ‚Best Of' Album, mit seinen größten Songs und den HOSEN als Backingband. Ich dachte zuerst: ‚Oh Gott', aber erstaunlicherweise hielt sich Campino am Gesang ausnahmsweise mal vornehm, mehr oder weniger, im Hintergrund.
Naja, jedenfalls besorgte ich mir dann alles Mögliche von ihm. Bis auf 2 Alben, die leider mittlerweile vergriffen sind. Ob sie noch mal neu aufgelegt werden, steht in den Sternen. Nicht zuletzt an diesem Beispiel kann man sehen, wie gewissenlos die Musikindustrie mit Künstlern umgeht, die nicht gleich Millionen mit ihrem Debütalbum verdienen, welche sie meist auch nicht mal selbst geschrieben haben.

Egal. Ich schweife ab. Nach dem letzten Auftritt im Wild at Heart im November - der übrigens mitgeschnitten wurde und ein Song davon wohl auf der Compilation ‚That's life! At the Wild at Heart Vol. III“ erscheinen wird, fasste ich jedenfalls den Entschluss, dem Londoner ein paar Fragen (z.B. über oben angesprochene Themen) per eMail zukommen zu lassen. Schneller als erwartet, kam dann auch gleich die Antwort und es stellte sich heraus, daß TV auch so ein völlig korrekter Zeitgenosse ist.

Ansonsten kann ich jedem von Euch sein derzeitiges, noch aktuelles, Album ‚Not a bad day' bedenkenlos empfehlen. Habt Ihr eines der ersten beiden Alben bei Euch zu Hause rumzustehen - Schätzt Euch glücklich. Außerdem hat DIRTY FACES gerade frisch noch mal sein USELESS-Album, welches er mit den TOTEN HOSEN zusammen aufgenommen hat, auf fabigem, gesprenkeltem Vinyl veröffentlicht. Auf 525 Stück limitiert. Also haltet Euch ran. Denn seine Platten sind, wie gesagt, leider teilweise schon so rar, wie man Menschen wie ihn, leider auch nur trifft.

Hey TV. Du hast gerade Deine Tour beendet. Wie war's?
Yeah, es war wieder eine schöne Erfahrung. Mit jeder Tour in Deutschland, so scheint es, kommen immer mehr und mehr Leute zu kommen. Es war ein schöner Mix aus kleinen Sologigs und Auftritten in größeren Clubs. Jeder Abend war anders und die Atmosphäre war jedes Mal großartig.

Du hast auch gerade eine MCD veröffentlicht, die sich 'Xmas bloody Xmas' nennt. Wie kam es dazu. Wurde es bei Euch im Radio gespielt?
Soweit ich das mitbekommen habe, bekam es kein Airplay. Das war mir aber klar. Wenn ich sehe, was auf den ganzen Mainstream Radiosendern gespielt wird, kann ich mir gut vorstellen, daß es keinen Platz für den Song dort gab. Ich wollte sowieso eine Weihnachts EP machen, obwohl ich wusste, daß es nicht gespielt wird. Ich wollte mich über diese ganze Weihnachtszeit mal auslassen, welche sich wie immer über ein halbes Jahr hingezogen hat und wie sehr es zu einem kommerziellen Fest verkommen ist. Alles dreht sich nur um's Geld und die Gier und den unerbittlichen Druck, ohne Grund etwas zu kaufen und zu konsumieren. Ich fand das lustig, daß alles mal in einem Weihnachtssong zu verarbeiten. Wir haben nur eine begrenzte Stückzahl davon hergestellt und nun ist sie ausverkauft.

Der Songs ist ja sozusagen blutige Realität geworden, beim Blick auf das Seebeben in Thailand…
Naja gut. Das ist ein bisschen anders. Ich würde eine solche Situation nicht verspotten. Aber es ist schon wahr, daß wenn wir das Geld und die Anstrengungen, die wir in der Weihnachtszeit verschwenden, in etwas Nützliches stecken würden - zum Beispiel bei einer solchen Katastrophe zu helfen - allen geholfen wäre. Wichtiger ist auch zu sehen, wie die Regierungen sich brüsten, Millionen zu spenden. Das ist aber nichts im Vergleich zu den Milliarden, die sie in den Krieg stecken.

Du hast Deine letzte Platte namens 'Not a Bad Day' hier in Deutschland aufgenommen. Kann es sein, daß Du momentan hier erfolgreicher bist, als zu Hause in England?
Deutschland ist größer und besitzt ein besseres Netzwerk an Clubs als in Groß Britannien, daher verkaufe ich bei Euch auch mehr Platten und toure auch etwas mehr. Natürlich ist es auch mit ein Verdienst der TOTEN HOSEN, die mich wirklich unterstützt und etwas bekannter in Deutschland gemacht haben. Erfolg ist aber relativ. Ich bin in keinen Charts, Radios oder Fernsehen. Aber überall wo ich hinkomme, in jedem Land, wissen die Leute meine Songs echt zu würdigen und das ist mir wichtig. Da kommt wirklich was zurück, bei dem was ich tue. Keine gefakte Hysterie, nur weil mich jemand vielleicht auf MTV oder auf einer ganzseitigen Anzeige in irgendeinem Magazin gesehen hat.

Hey, ich hab Dich im Radio gespielt. Mehr als einmal. Vielleicht ist doch der ein oder andere deswegen gekommen… ;-)
Hey, Danke! Aber ich meine ja auch die Mainstream Medien. Nicht die, wo verschiedene Musikliebhaber noch die Chance haben, etwas zu beeinflussen. Was mich ärgert, sind diese großen Radiostationen, die Millionen von Menschen mit oberflächlicher, gekünstelter Musik bedudeln. Das meiste davon ist ja eh nur von der Industrie geschaffen worden, um Geld zu verdienen.
Generell scheinst Du Dich den Medien gegenüber kritisch zu verhalten. Ich habe relativ wenig Interviews mit Dir gefunden. Machst Du so was eher nicht so gern?
Es ist dasselbe wie mit dem Radio. Ich bekomme jede Menge Unterstützung von Fanzines und kleinen Musikmagazinen, welche von wirklichen Musikliebhabern und Fans gemacht werden. Dafür bin ich ihnen auch sehr dankbar & ich freu mich jedes Mal, wenn ich solche Leute treffe. Aber die Magazine, die wirklich auf die Leute Einfluss haben, die großen landes- oder weltweiten Magazine - die wollen eher nicht über mich schreiben.

Ich habe gelesen, Du hast eine Kunsthochschule besucht. Was würdest Du heute machen, wenn Du nicht ein Musiker geworden wärst? Was war Dein Traumberuf?
Als ich die Schule beendet hatte, habe ich ein Jahr auf dem Art College verbracht. Die meiste Zeit davon war ich aber beschäftigt, eine Band zu gründen und Konzerte zu organisieren. So habe ich, denke ich meinen ‚Traumberuf' gefunden.

Du hattest aber schon mit 15 Deine erste Band, oder?
Ja, das stimmt. Ich hatte schon Songs geschrieben, als ich noch zur Schule ging und versucht eine Band zusammen zu bekommen. Wir haben ein paar Mal während der Mittagspause in der Schulaula gespielt, dann ging es zurück zum Unterricht! Die Band, die ich aber auf dem Art College gegründet habe, war meine erste richtige Band. Wir haben ein paar Gigs gespielt und auch ein Album aufgenommen. Davon haben wir dann 50 Stück pressen lassen und es an Freunde verkauft.

Worin liegen aus Deiner Sicht die Unterschiede, in verschiedenen Ländern zu touren?
Es macht nicht wirklich einen Unterschied, in welchem Land ich spiele. Menschen sind überall gleich. Du hast nur kulturelle und sprachliche Unterschiede. Ich versuche wirklich so viele Länder wie möglich zu besuchen.

Gibt es eigentlich ein Land, wo Du gern mal spielen würdest? Was ist um Beispiel mit Brasilien? Einige deutsche Bands, die nicht mal hier so richtig bekannt sind, verschlägt es sogar dorthin. Man braucht nur den richtigen Kontakt. Und durch das Internet, denke ich, ist das doch gar nicht so schwer, oder?
Ich habe bisher noch nicht in Südamerika gespielt. Ich spiele gern in so vielen Ländern, wie möglich. Und wir Du schon sagst, ist das heutzutage gar nicht mehr so schwer. Es ist wichtig für mich, raus zukommen, neue Leute kennen zu lernen und neue Erfahrungen zu sammeln. Also würde ich gern mal dorthin. Mein größtes Hindernis ist allerdings die Zeit. Ich habe keinen Manager und organisiere alles selbst. Ich spiele, mache Platten und veröffentliche sie. Da gibt es so viel, was man tun kann und muss. Es gehört ein großer Zeitaufwand und jede Menge Arbeit dazu, um in einem neuen Land die Dinge ins Rollen zu bringen. Du musst erstmal die Basics schaffen und ein paar Mal dort spielen, bis die Leute anfangen, Dich zu kennen. Das bedeutet allerdings wieder, daß ich meine Touren in den Ländern einschränken muss, wo ich bisher immer aufgetreten bin. Wenn ich in neuen Ländern spiele, ist mir es am Liebsten, wenn es wie folgt aussehen würde – Ich bekomme ein Angebot eines lokalen Veranstalters der sagt: TV, wir haben ein paar Gigs für Dich, alles ist organisiert. Alles was Du tun musst, ist, Dich in ein Flugzeug zu setzen und herzukommen…

Aber wenigstens gehst Du ja jetzt im Februar (wieder) auf US-Tour…
Stimmt. Die Vereinigten Staaten sind auch ein gutes Beispiel. Vor ein paar Jahren, als ich das erste Mal in den USA war, kannte mich fast niemand und kaum einer kam zu den Konzerten der ersten Tour. Es hat eine Weile gedauert, daß sie mich kennen lernten. Letztes Jahr habe ich dann im CBGB's gespielt und es war ausverkauft. Ich habe nur die Ost- und Westküste besucht, aber es gibt immer noch viele Orte dort, wo ich noch nicht war. Das ist genau die Situation, wo mir ein paar Radios oder sonstige Medien wirklich helfen könnten, wenn sie nicht so sehr davon besessen wären, ihre nutzlosen ‚Big Business - Musikindustrie Bands' zu promoten. Sie könnten die Arbeit von Leuten wie mich, Musiker, die etwas echtes machen und am Rande des Business arbeiten, wirklich unterstützen. Für uns ist es das Grundlegende, rumzutouren, in leeren Clubs zu spielen, bis es sich herumspricht, sich die Leute gegenseitig CD's brennen, gelegentlich in Fanzines besprochen wird… Das kann ein langer Prozess sein und viele Bands geben vorher auf, weil sie denken, sie kommen nicht weiter. Eine Menge guter Musik geht daran oft verloren.

Ist es denn in England für die „alten“ Bands nur möglich, auf großen Events wie dem HITS und ähnlichen Veranstaltungen zu spielen? Was denkst Du darüber? Machen es die meisten der „alten“ Bands nur für das Geld?
Ja, für viele alte Bands ist es nur möglich, auf diesen großen Reunion-Festivals zu spielen. Und manche machen es vielleicht wirklich nur für's Geld. Aber ich denke, so viel können sie damit nicht verdienen, denn da gibt es nur ein paar von. Für mich sieht die Sache anders aus. Ich spiele das ganze Jahr über. Nicht nur die Festivals. Und ich spiele eben meistens meine Sologigs. Das bedeutet für mich, daß ich überall spielen kann, auch in kleinen Clubs und Pubs. Diese Auftritte sind für mich genauso wichtig, wie die Großen.

Wurdest Du jemals gefragt, nochmal mit den ADVERTS irgendwo aufzutreten? Und würdest Du?
Es gibt keine “ADVERTS” mehr. Wenn ich eine Band zusammenstellen würde, die sich die ADVERTS nennen würde, ware es ein Fake. Bitte fragt mich nicht, dies zu tun.

O.k. Aber gibt es trotzdem manchmal Anfragen?
Nein, nicht wirklich. Ich habe zu diesem Thema meine Ansichten deutlich gemacht. Naja. Jedenfalls ist die Hälfte der Leute, die zu meinen Gigs kommen noch nicht mal geboren gewesen, so ist das kein Problem.

Ich meine, Du hältst die Verbindung und die Frage stetig am Leben. Auf der ‘Xmas Bloody Xmas' finde ich wieder einmal eine Aufnahme von Dir mit alten ADVERTS-Stücken. Genau wie auf der USELESS-LP oder der Split EP mit PUNK LUREX O.K.-EP. Und Du spielst die Sachen eben auch live. Besonders ‘Gary Gilmore's eyes' usw… Ich hoffte eigentlich, daß ich irgendwas Unveröffentlichtes von Dir darauf finde. Und Du hast ja wohl mehrere Songs, die bisher nie veröffentlicht wurden. Wäre das nicht eine gute Chance gewesen, das mal zu tun?
Ja natürlich halte ich die Verbindung am Leben. Sie ist ein Teil von mir. Ich habe die Songs geschrieben und ich möchte sie auch spielen. Aber ich möchte sie auf ehrliche Art und Weise spielen. Nicht mit einem Fake, der THE ADVERTS heißt, um mit dem Ansehen meiner alten Band irgendwas einzuheimsen. Diese unveröffentlichten Songs sind aber nicht von den ADVERTS. Die wurden danach geschrieben. In den 80'ern, als keine Plattenfirma an mich interessiert war. Ich hatte aber immer weiter Songs geschrieben, Demos aufgenommen und an neuem Material gearbeitet. Es gibt kein unentdecktes ADVERTS-Material. Das zweite Album “Cast of Thousands” wird wohl in den nächsten Monaten wiederveröffentlicht werden. Dann ist es das gewesen. Alles, was wir je aufgenommen haben, wird dann auf CD veröffentlicht worden sein.

Unglücklicherweise ist ja der Gitarrist vor ein paar Jahren gestorben. Und mit den Drummer(n) hast Du wohl keinen Kontakt. Stimmt das soweit? Was ist mit Gaye? Seid Ihr immernoch ein Paar?
Das stimmt. Der Gitarrist ist tot. Ich habe weder Kontakt mit dem ersten, noch mit dem zweiten Drummer. Gaye hat in dem Moment aufgehört Bass zu spielen, als die Band sich auflöste und sie hatte nie mehr den Wunsch etwas Neues zu starten. Ich denke das Thema ist dann hiermit erledigt.

Naja gut. Dann kommen wir mal zurück zu Dir. Irgendwie machst Du ja jede Tour hier in Deutschland zusammen mit der GARDEN GANG aus München. Und am Ende des Konzertabends habt ihr immer ein paar Songs zusammen gespielt. Findest Du es schöner, Deine neuen Songs auf einer Akustikgitarre zu spielen oder willst Du lieber mal wieder mit einer ‚richtigen' Band zusammen zuspielen? Ich meiner da ist einerseits die die GARDEN GANG, andererseits das DIE TOTEN HOSEN-USELESS Ding…
Ich liebe es, solo zu touren. Ich mag diese Intimität und die Kommunikation zwischen dem Publikum und mir. Das macht mich flexibel. Es gibt keine Setlists - das hängt alles von der Stimmung im Club ab und was gefordert wird.

Andererseits macht es immer noch Spaß mit der Power einer Band hinter mir zu spielen. Das ist der Grund, warum ich mir ein Netzwerk von Bands um mich geschart habe, welche mich in verschiedenen Ländern begleiten können, wenn ich es brauche oder will. Die GARDEN GANG in Deutschland, 1977 in England, SUZI & LOS QUATTRO in Spanien oder die MIDNIGHT CREEPS in den USA. Normalerweise macht die Band erst ihr Set, dann mach ich meines und dann machen wir ein paar Songs zusammen. Das passt gut. Der einzige Nachteil ist, daß mein Solopart am Abend dann kürzer ist als bei einem normalen Sologig. Die 3 Stundensets, die gelegentlich vorkommen, wenn ich allein spiele, sind, wenn ich auch noch mit einer Band spiele, definitiv nicht möglich.

Wie kam denn der Kontakt mit der GARDEN GANG eigentlich zustande? Hast Du schon mal daran gedacht, Ihr (übrigens sehr gutes) Album auch in England zu veröffentlichen?
Der Sänger der GARDEN GANG war der Erste, der mich für einen Sologig in Deutschland eingeladen hat, damals in den frühen 90'ern. Später hat er einen kleinen Club in der Nähe von München betrieben, den Ballroom in Esterhofen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon mit einem frühen Line-Up der GARDEN GANG begonnen. Seitdem sind wir Freunde geworden und die Band hat sich auch mächtig weiterentwickelt. Musikalisch macht es für uns Sinn, miteinander zu touren. Und da wir uns sehr mögen, macht es auch auf dem persönlichen Level Sinn. Wenn ich der GARDEN GANG helfen könnte, ihre Platten hier in England zu veröffentlichen, würde ich es tun. Leider habe ich aber keinen Einfluss auf die Labels hier und die interessieren sich wiederum nicht für mich. Ich musste schon mein eigenes Label gründen, um “Not A Bad Day“ zu veröffentlichen.

Du hast angefangen Deutsch zu lernen und bist mittlerweile auch sehr gut darin. Warum hast Du das gemacht? Aus Spaß? Ist es wichtig für Dich, mit Deinem Publikum in seiner Sprache zu kommunizieren. Wie ist es zum Beispiel mit Tschechisch?
Ich habe Spaß daran und ich fühle mich in Deutschland, Österreich und der Schweiz mehr zu Hause, wenn ich deutsch spreche. Ich habe in diesen Ländern viele Freunde getroffen und möchte nicht die ganze Zeit als „Aussenseiter“ gelten. Der Hauptgrund, warum ich es anfing zu lernen war, daß ich von der Bühne aus besser mit dem Publikum kommunizieren kann. Ich weiß, daß es schwer für die Leute ist, die ganzen englischen Texte zu verstehen, daher wollte ich mir die Möglichkeit schaffen, etwas über die Songs zu sagen. Leider spreche ich nur Englisch, Französisch und Deutsch. Ich versuche gerade noch Spanisch zu lernen, aber ich habe so wenig Zeit. Ich habe auch versucht, Finnisch und Tschechisch zu lernen. Aber das war zu schwer und ich habe es aufgegeben.

Siehst Du Dich eher als Singer/Songwriter? Was für Musik hörst Du derzeit. Was beeinflusst Dich?
Ich höre alles Mögliche. Ich kümmere mich nicht drum, in welche Kategorie man das dann stecken mag. Diese ganze „Ist das (noch) Punk?“-Debatte interessiert mich nicht. Was mich interessiert, sind Texte und Melodien und die Ideen die darüber transportiert werden. Ich war eigentlich ständig auf Tour in den letzten Monaten und wenn ich zu Hause mal ein bisschen Zeit gehabt hatte, habe ich an neuen Songs für das nächste Album gearbeitet. Daher habe ich nicht soooo viel Musik gehört. Aber wenn ich jetzt was benennen müsste, wären es derzeit die neuen Alben von…mmm… NICK CAVE oder TOM WAITS oder SOCIAL DISTORTION oder GREEN DAY oder…

Deine Texte. Sind die eher auf Fantasie oder der Realität basierend?
Alles hat einen realen Hintergrund.

Deine ersten beiden Alben 'March of the Giants' und 'The Immortal Rich' sind mittlerweile ausverkauft. Ich bin auch schon lange Zeit auf der Suche danach. Gibt's da vielleicht eine Möglichkeit, daß sie vielleicht irgendwann wiederveröffentlicht werden?
Ich glaube die einzige Möglichkeit, sie nochmal neu zu veröffentlichen, wäre, daß ich sie selbst rausbringe. Ich würde das liebendgern tun, aber im Moment habe ich nicht die Zeit dafür. Es ist eine Menge Arbeit, eine Platte ohne die Hilfe einer Plattenfirma zu veröffentlichen. Da stecke ich lieber meine ganze Kraft und Energie darein, neues Material zu veröffentlichen. Nach der Veröffentlichung der nächsten Platte werde ich mich vielleicht daran machen, die alten Sachen neu rauszubringen. Ich habe aber auch noch ein paar andere Sachen im Kopf. Zum Beispiel habe ich noch jede Menge Songs aus den 80'ern, die nie veröffentlicht wurden. Die würde ich auch gern veröffentlichen.

Eine andere, mich immer sehr interessierende Frage. Was denkst Du über das Medium ‘Internet'? Ich meine, ich kann gerade relativ problemlos das Interview mit Dir führen. Es ist schnell und man kann in Kontakt bleiben. Wie nutzt Du das Internet? Bekommst Du viele eMails? Beantwortest Du die alle und was war der Grund, Deine eigene Seite zu starten?
Das Internet ist sehr wichtig für mich geworden. Ich möchte nicht länger von den Mainstreammedien abhängig sein. Ohne ihre Unterstützung ist das Internet die einzige Möglichkeit für die Leute, etwas über mich herauszufinden. Es ist eine direkte Verbindung zu mir, ohne durch die Medien gefiltert zu werden. Ich bekomme eine Menge eMails und das finde ich toll. Manche Leute schreiben mir, daß ihnen ein Gig oder die Platte gefallen hat, andere bieten mir wiederum ein Gig an oder verschaffen mir Kontakt zu jemand, der das macht. Ich versuche alle Mails zu beantworten. Oft sind es nur ein paar Worte, um sich zu bedanken. Die Website hat ein Fan aus Deutschland vor ein paar Jahren angefangen, bevor ich überhaupt einen Computer hatte. Damals hatte ich keine Ahnung, wie wichtig sie einmal für mich werden würde.

Würdest Du Deine Homepage als so was wie ein privates Tagebuch ansehen?
Ich sehe sie als zentralen Punkt, wo Leute direkt genaue Informationen über Konzerte und Platten von mir bekommen. Und natürlich selbst, untereinander, kommunizieren können.
Also für mich ist das Internet eine großartige Sache. Zum Beispiel habe ich mir kürzlich die Videoclips vom “ Old Grey Whistle Test” und dem “TOTP”-Auftritt heruntergeladen. Hast Du diese Videos auch zu Hause? Schaust Du Dir die von Zeit zu Zeit an? Die sind so strange. Völlig anders als das, was man heut zutage im TV (Sorry! ;-)) sieht. Was denkst Du, wenn Du Dir heutzutage diese Clips anschaust?
Ich habe ein Archiv und versuche von allem irgendwie eine Kopie zu bekommen, aber ich schau sie mir nicht mehr als einmal an. Zum Beispiel habe ich den “Old Grey Whistle Test” Material nie zuvor gesehen, bis mich die BBC kontaktierte, weil sie eine DVD mit einem Song von uns produzieren wollte. Sie haben dann das Tape rübergeschickt. Es ist natürlich komisch Dich zu sehen, was 25 Jahre her ist. Aber ich fand das toll. Man kann wirklich sehen, daß wir damals was gemacht haben, was niemand zuvor gemacht hatte.

Letzte Frage. Kürzlich starb John Peel. Inwiefern hat Dich das berührt?
Darüber bin ich natürlich sehr traurig. Über Jahre hinweg war es einzig und allein durch ihn die möglich, alternative Musik in England zu hören. Für die ADVERTS war er eine gewaltige Hilfe. Die vier Livesessions, die wir von ihm bekommen haben, haben uns unglaublich geholfen, uns einem weiteren Publikum bekannt zu machen. Später gab es noch weitere Sessions mit den EXPLORERS und eine letzte mit CHEAP. Er war eine echte und nette Person und das gibt es heutzutage nicht oft.

Danke Dir TV. Irgendwelche letzten Worte? Was planst Du für dieses Jahr für Dich und Deine Musik?
Ich hoffe, wir sehen uns irgendwann, irgendwo nächstes Jahr auf Tour. Unterstützt weiterhin gute und ehrliche Musik und lasst Euch nicht von all diesem gefakten Zeug verarschen, welche die Musikindustrie Euch aufdrückt. Ich konzentriere mich derzeit auf ein neues Album, welches hoffentlich in diesem Jahr erscheint und darüber bin ich sehr froh. Ich denke, es wird genau das sein, worauf Ihr wartet…

mieschka | So., 09. Jan 2005 | Interview

2004

Folkpunk oder Irish Punk oder was auch immer – die Irisch-traditionelle Musik mit gehörigem Schuss (Punk)rock ist momentan schwer angesagt. Seien es die DROPKICK MURPHYS, FLOGGING MOLLY, die REAL MCKENZIES (na gut, die eher mit schottischen Wurzeln) oder sonst wer. Schnelle Rhythmen mit Dudelsäcken und mehr oder weniger typischen Streetpunk-Texten ist in. Kein Zweifel. Nun noch eine weitere Kapelle dieser Art? Nicht ganz. NECK gibt es fast schon genau so lange, wie einige der oben genannten Vertreter. Die Bands können zwar grob als Vergleich herhalten, aber doch haben NECK ihre Daseinsberechtigung.

Denn hier wird das ganze mal andersherum praktiziert. Hier liegt der Schwerpunkt eher auf dem Traditionellen – mit Punkrock garniert. Auch mal ganz nett. Mir als altem Irlandfan wird sogar teilweise das Herz schwer, wenn ich NECK höre und an meine Besuche in den verschiedensten Irish Pubs in ganz Irland zurückdenke. Weitere Vergleiche spar ich mir. Sie haben es auch gar nicht nötig. Allein Sänger Leeson, der bereits mit SHANE McGOWAN von den POGUES diverse Bühnen der Welt besuchte, steht mit seiner Band und seinem Gesang, seinem Ausdruck für sich selbst. Das hier ist auf CD gepresstes Herzblut, wobei ich das obigen Bands aber auch nicht absprechen will.

Gerade haben sie auf dem Berliner Label Bad Dog Records ihr drittes Album veröffentlicht und starten auch live hierzulande immer mehr durch. Da dachte ich mir, ich schick ihnen einfach mal ein paar Fragen per eMail zu. Leichter gesagt, als getan. Denn als bei mir die Antworten eintrudelten hatte ich erst einmal mit einem mit einem wahnsinnigen Slang zu kämpfen. Wenn Ihr der englischen Sprache mächtig seid, dann empfehle ich Euch vielleicht besser das Englischsprachige Original, was Ihr auch auf diesen Seiten finden solltet.

Und wenn sich für Euch die Chance bietet, sie mal live zu sehen, tut dies. Anfang nächsten Jahres kommen sie auf Tour. Könnte passieren, dass Euch NECK in einen ähnlichen Rausch versetzen, wir ein gutes Pint Guinness oder ein kleines Gläschen Triple-Malt. Sláinte!

Hallo! Stellt Euch mal kurz für unsere Leser vor. Wer ist wer? Welche Instrumente, Besetzungswechsel, etc… pp…
Hallo. Hier spricht Leeson, zusammen mit Marion. Ich bin der Sänger der Band und spiele außerdem Gitarre. Marion spielt Geige. NECK ist eine 6 (manchmal 7!) köpfige ‘London-Irish' Band und wir spielen ‘Psycho-Ceilídh'. Dieser Begriff ist eine Erfindung von SHANE MacGOWAN und ist ein typisches irisches Wortspiel mit dem Begriff ‚Psychobilly'. Es bedeutet aber eigentlich nichts anderes als einen Mix aus Punkrock und irischer Musik. Die nordamerikanische Variante davon nennt sich ‚Irish Punk'…
NECK wurden vor ein paar Jahren von trinkfesten irischen Punkrockern in diversen Nordlondoner Lokalitäten gegründet. LineUp Wechsel gab es, weil manche vom Weg abgebracht wurden, sei es durch Alkohol oder Frauen, manche heirateten und haben Kinder gekriegt oder mussten das Land schnell verlassen…
Geblieben ist die Kombination aus „punk-as-fu*k“ Gitarren, Rhythmusfraktion und dem Chaos aus ehrlichem, wirbelnden irischen Traditional LineUp aus Fiedel, Dudelsäcken, Banjo und Whistle. Das was uns von unseren ersten Gigs im Irish Pub Bezirk (damals übrigens sehr lebendig in London) bis heute auf Touren und Festivals inspiriert hat, ist dass wir gern für die Leute spielen, die Spaß daran haben, herum zuspringen, zu trinken und zu singen, wie wir es tun. Manchmal singen sie sogar besser als wir, nicht McCiste? (Guido McCiste ist unser Basser & sein Gesang hört sich an wie ein Esel, der sich im Dornenbusch verfangen hat!)

Ihr habt ja schon diverse musikalische Erfahrungen. Leeson ist zum Beispiel Gründungsmitglied von SHANE McGOWAN'S POPES gewesen?
Ja das stimmt. Ich hab mit Mo, Bernie, Danny & später Colm im Original-LineUp gespielt. Als ich gefragt wurde, ob ich in der Band mitspielen will, gab es den Namen noch gar nicht, Das ergab sich, als wir nach Tipperary gezogen sind nachdem wir ewig in Shane's Wohnung „geprobt“ haben - gleich um die Ecke vom Arsenal-Stadion in Nordlondon.
Der Song ‘Blue skies over Nenagh', der sich auf ‘Sod ‘em & Begorrah!' befindet, ist ein Song darüber, wie es war, mit den POPES in Irland zu sein & ‘Loud ‘n' Proud ‘n' Bold' von der ‘Here's mud in yer eye' wurde in und darüber geschrieben, als wir in Dublin waren, im U 2 – Hotel, wo wir wie Gott in Frankreich lebten und wie Rockstars behandelt wurden. Seite an Seite mit den Reichen und Berühmten. Als wir bezahlt wurden, betrunken zu sein und faul rumzulungern. Ich hab meine ‘Tour of duty' gemacht, sammelte Erfahrungen und nenn es wie Du willst – aber ich würde jetzt hier nicht sitzen und Deine Fragen beantworten, wenn ich das nicht gemacht hätte.
Ich war sehr glücklich darüber, daß ich gefragt wurde, in Shane's Band mitzuspielen. Das konnte ich mir in meinen wildesten Träumen nicht vorstellen. Shane gab mir und tausend anderen, na ja nicht in der Welt, aber zumindest zu Hause, in Irland, meine Kultur zurück. Es war großartig und hat mich dazu gebracht (wieder) irische Musik zu schreiben und auch letztendlich NECK zu gründen. Dafür werde ich Shane auf Ewig dankbar sein.

Ihr kommt aus London, wobei die irischen Züge in Euer Musik unverkennbar sind. Wo liegen Eure Wurzeln und Beziehungen zu Irland?
Wie gesagt, wir sind eine ‘London-Irish' Band. Die meisten Leute aus der Band und unseren Gastmusikern sind in erster oder zweiter Generation irisch. Entweder irische Einwanderer bzw. Kind von Einwandern. Die Hälfte unserer derzeitigen Besetzung sind irische Staatsbürger und haben auch einen irischen Pass. Schau Dir mal unsere Namen an - Leeson O'Keeffe, Stephen Gara and Guido McCiste. Marion, Stephen und ich spielen regelmäßig beim Londoner „Traditional Irish music session circuit“, einem inzwischen weltweiten Phänomen, welches nicht in Irland, sondern in den Pubs von Nord-London entstand – unter den Einwanderern der irischen Gemeinschaft aus den 40ern und 50ern.
In meinem Blut fließt irische Musik. Mein Großvater und meine Großmutter sangen, ich singe und es wurde an mich weitergereicht. Desweiteren ist Irland meine Heimat für mich. Ich kehre oft dorthin zurück, mit der Band oder aber zur Familie, die noch in Dublin, Carlow und Roscommon lebt. Wir sind sehr stolz darauf, was wir sind und wer wir sind, was wir machen, auf unsere Traditionen und unseren Platz in der irischen Musik. Dass wir den Stab von Shane übernommen haben und die irische Musik vorangebracht haben. Unser Song „May the road rise with you (Go N-éiri an bothair leat) “ auf “Sod'em and Begorrah!” handelt davon, wie es ist, über den Stolz, zur irischen Diaspora zu gehören.

Eine Menge Bands spielen euren Musikstil. Von welchen Bands wisst ihr, die Euren Musikstil spielen und die ihr beeinflusst habt? Beziehungsweise umgekehrt. Abgesehen von den REAL MCKENZIES, DROPKICK MURPHYS, FLOGGING MOLLY… ;-)
Leider nur von einer: SIHOBAN aus Kanada. Wir waren mit ihnen zusammen auf Tour in Deutschland in diesem März und hatten viel Spaß mit ihnen. Sie mochten unseren Song „Hello Jakey“ so sehr, dass sie einen Song namens „Jakey's gone to germany“ geschrieben haben. Obwohl wir unsere Version von „The fields of Athenry“ vor knapp einem Jahr veröffentlichten, haben die DROPKICKS jetzt ihre Version herausgebracht. Tee Hee!

Aber ist es zurzeit nicht so, dass man mit „Folk Punk“ derzeit recht erfolgreich ist?
Ja, so ist es. Es ist sehr seltsam, denn wir waren ein paar Jahre nicht mehr in irischen Bars unterwegs und sozusagen unsichtbar, jetzt ist alles komplett anders. Wir spielen auch nicht mehr in den irischen Bars wie früher. Es ist jetzt alles sehr aufregend und ich bin froh, dass wir wieder dabei sind. Und zu den DROPKICKS und den MOLLIES - Sie haben sich die Ärsche aufgerissen um dahin zu kommen, wo sie heute stehen und verdienen absolut jeden Erfolg. Außerdem sind es großartige Bands und wirklich tolle Leute und waren gut zu uns.

Ich denke mal, Ihr spielt gerne in Irland. Was denken die Leute dort über Bands, die Punkmusik mit irischen Lyrics und Einflüssen spielen?
Wir haben in Irland seit 2001 viel gespielt und es war großartig. Touren in Irland ist anders als irgendwo anders auf der Welt – die Leute bringen dich um mit ihrer Freundlichkeit. Es gibt ne Menge Leute, die DJ SHADOW, SLIPKNOT, RADIOHEAD oder sogar die BEE GEES (!) hören wollen, aber es gibt auch die, die irische Musik laut, rau und „punk-as-fu*k“ mögen wie wir. Ich weiß, dass es einige Menschen gib, die was gegen Leute haben, die nicht in Irland geboren sind und trotzdem irische Musik spielen (wie auch Shane). Aber die sollten sich einkriegen. Jedes Jahr haben wir das ‚Fleadh Cheoil nah Éireann' (ein gesamtirischer Wettbewerb für traditionelle Musik), und die Sieger kommen aus „ganz Irland“. Teilweise Großbritannien, Australien, Kanada und den Staaten und keinen kümmert es, woher die Leute kommen solange sie gut sind. Wenn das ok für die Leute ist, die aus der ernsthaften traditionellen irischen Musikszene kommen - gut genug ist - wieso sollten wir diese Einstellung dann nicht übernehmen? Denn neben dem Fakt, dass wir wissen, daß wir gut genug sind, denkt das auch Shane. Und das genügt mir vollkommen. Nebenbei: Fi*kt die Neider, wie ein altes Dubliner Sprichwort sagt, dass mir meine Großmutter beigebracht hatte.

“Sod 'em & Begorrah” ist euer viertes(?) Album. Ihr seid also schon ne ganze Weile im Geschäft?
Es ist unsere dritte Platte und wir sind seit 1997 (ziemlich die gleiche Zeit, in der sich die DROPKICKS und die MOLLIES gründeten) dabei. Es gibt also einen ziemlich coolen Zusammenhang zwischen den Bands, die sich in London und den USA als Punkrockbands gründeten, alle unabhängig von einander aber zur selben Zeit. Es ist ein bisschen wie 1976, nicht wahr?

Gewöhnlicher Weise meinen Bands immer, dass ihre letzte Platte die beste sei. Seht Ihr das auch so?
Ja, natürlich ist das so. Es ist die bessere Variante unseres ersten Studioalbums. Es hat einen geilen Titel und ein ebenso geiles Cover, die ganzen Lyrics, Photos und anderen Kram in dem besten und interessantesten Package, das wir wollten. Und jeder spielt und singt sich die Seele aus dem Leib. Es ist eine Menge Seele und Spirit rübergekommen als wir die Platte fertig gemixt hatten und als die letzten Klänge von „I'll take me back“ verklangen stand ich auf und salutierte vor der der versammelten Mannschaft mit Tränen vor Stolz, die meine Wangen hinab rannen. Wir sind eine Truppe verrückter, sentimentaler Witzbolde, aber das macht nichts. Das Album kommt dem, wie wir klingen wollen am nächsten und verdammt noch mal, es rockt!

Was bedeutet “Sod'em & Begorrah!” und wieso ist das der Titel eures neuen Albums?
Ich hatte eine ganze Menge guter (die anderen werden vielleicht später Albumtitel, Songtitel oder landen in Lyrics oder auf T-Shirts) und ein paar schlechtere. Wir gingen alle durch und dieser wurde es dann. Es fasst die Band zusammen: ein verrückter Dubliner Nickname für irischen Punkrock, der alle durchnässen soll und Begorrah! (Hollywood Irish) und gleichzeitig ist es ein respektloses Wortspiel auf Sodom und Gomorrah aus der Bibel.

Es ist eure zweite Veröffentlichung auf dem Berliner Bad Dog – Label. Wie kam der Kontakt zustande und wie zufrieden seid ihr damit?
Stimmt, unsere zweite Veröffentlichung. Wir sind über Marc, unserem Booker bei M.A.D. in Berlin in Kontakt gekommen. Ich denke, dass es ganz hilfreich war, dass uns die DROPKICK MURPHYS letztes Jahr gefragt hatten, ob wir nicht ihre Deutschland-Tournee supporten möchten. Und bei Bad Dog ist es spitze. Ich würde hier nicht sitzen, wären sie nicht gewesen und wir hätte definitiv nicht unsere besten zwei Alben herausbringen können. Sie haben uns auch sehr geholfen, als unser alter Bus letztes Jahr in Berlin abkratzte – obwohl sie sich darum gar nicht hätten kümmern müssen. Sie haben uns absolut künstlerische Freiheit gelassen und wir konnten unsere Vorstellungen rauslassen und unsere Träume verwirklichen, wenn man es so nimmt. (z.B. das 16-farbige Booklet für „Sod'em…“) Es ist gut zu wissen, dass sie so großes Vertrauen in uns haben. Das gleiche gilt für M.A.D., die waren ebenfalls goßartig.

Ok, euer Label sitzt in Berlin, aber wann werdet ihr wieder in Berlin spielen?
Wir kommen im Januar zurück und spielen dann auf dem Punk & Disorderly Festival (20. – 23. Januar in Berlin und werden für zwei bis drei Wochen in Deutschland, Holland, Österreich, Schweiz und Italien touren. Ich weiß noch nicht genau, wann das sein wird, aber man kann unter www.mad-tourbooking.de, www.coretexrecords.com , auf unserer Homepage www.neck-neck.freeserve.co.uk oder bei www.shitenonions.com nachschauen, wann es losgeht.

Danke schön für das Interview. Habt ihr noch ein paar Worte für eure deutschen Fans?
Ja, wir können es nicht erwarten, wieder für euch zu spielen. Wir haben das Gefühl, dass wir ganz gut eingeschlagen sind bei euch und fühlten uns immer sehr willkommen. Es ist schon großartig, wenn du den ganzen Weg von London nach Berlin fährst und dann vor einem Publikum stehst wie letztes Jahr, als wir in Berlin waren. Die hatten eine Riesenparty, trugen unsere T-Shirts und sangen bei unseren Songs mit – es war Wahnsinn! Auf unserem letzten Deutschland-Gig (With Full Force Festival) sind 5.000 Durchgeknallte an einer Samstagnacht verrückt geworden! In einem Zelt! Wir versprechen: Wir machen die Party!

mieschka | Sa., 18. Dez 2004 | Interview

Ne war dat schön. BANDA BASSOTTI aus Rom gaben sich die Ehre im SO36 zu Berlin und wir vom Voice of Culture konnten es uns natürlich nicht nehmen lassen, den Herren mal ein paar Fragen zu stellen. Leider kamen noch ein paar andere Fanzines auf diese glorreiche Idee und so kam ich erst gegen 22 Uhr dazu, drei Herren der Panzerknacker, nämlich den Sänger, den Gittaristen und Drummer meine Fragen zu stellen. Da die drei kein Wort Englisch und ich kein Wort Italienisch spreche hat mir Mauro (der punkrockigste Pizzabäcker Berlins) das alles netterweise übersetzt. Es war ein recht chaotisches Interview. Ich vermute, daß durch die Simultanübersetzung doch einiges verloren ging und mir ein wirkliches Nachhaken auch sehr schwer fiel. Wobei ich Mauros Leistung in keiner Weise schmälern will, er hat das wirklich toll gemacht. Das Konzert danach war einfach nur noch genial. Ich kenne keine Band die es schafft so viel Spielfreude aufs Publikum zu übertragen wie die BANDA BASSOTTI. Ihr habt sie (vielleicht) gerade erst verpasst, aber die kommen bestimmt wieder und dann nichts wie hin. Genug der Vorrede, hier ist das Interview

Erste Frage; wie ist es denn so in einer Diktatur zu leben, gebt doch mal nen Erlebnisbericht?
A: Wir sehen das so, daß es nicht nur in Italien sondern überall eine Diktatur gibt. Das Problem sind nicht die Diktaturen sondern die fehlende Freiheit. Es geht nicht um die Freiheit, die man hat wenn man sehr viel Geld hat, sondern um die Freiheit die man braucht, um sich in Würde Leben zu können.

Erzählt mal ein bisschen mehr über die politische Situation in Italien aus eurer Sicht. Ich finde das einfach sehr spannend bei Euch gerade.
Wie viel Worte hast du denn zur Verfügung?

Ach mir ist das egal, das bedeutet nur mehr Arbeit beim Abtippen.
Es gibt so viel „Aus der Freiheit“ (Mauro erklärt, daß es sich hier bei um ein Wortspiel handelt, was das man im Deutschen nicht richtig übersetzen kann. Er sagt noch, daß die Berlusconi/Fini Koalition sich „Aus der Freiheit“ nennt. - Schade war bestimmt lustig - Anm. d. A.) Im Moment ist die rechte Partei an der Regierung, davor waren die Halblinken dran. Aber das ist eigentlich egal. Die Linken waren schon lange nicht mehr an der Macht und zwischen den Rechten und Linken gab es letztendlich nicht so einen großen Unterschied. Das Problem sind ja die Personen, die an der Macht sind, der eine sagt: „Ihr müsst 10 Std. arbeiten.“ Und der nächste meint: „Nein, ihr müsst 12 Std. arbeiten.“

Ihr habt Ungerechtigkeit und Unterdrückung in Euren Songs ja schon immer angeprangert. Mit „La Pantera“ habt ihr ein Lied auf dem neuen Album, daß sich mit der Situation der Afroamerikaner beschäftigt. Wie passt das in die heutige Zeit, wo sich doch alle mit Bush und dem Irak beschäftigen?
Amerika ist nicht nur Bush. Es ist so, daß es einen sehr hohen Anteil an schwarzer Bevölkerung in vielen Gegenden der USA gibt, von denen aber leider ein noch größerer Prozentsatz (als ihr eigentlicher Anteil and der Bevölkerung - Anm. d. A.) im Gefängnis sitzt. Dafür haben sie in der Schule einen geringeren Anteil. Von fünf Leuten die zum Tode verurteilt werden sind 2-4 Schwarze.

Ich hab im Netz zu Euren alten Veröffentlichungen (also vor der Trennung) gelesen, es wäre Skinhead – Ska- Combat Rock. Inwieweit trifft das zu und wo liegt der Unterschied zu heute?
Ska und Rock sind natürlich geblieben, aber der größte Unterschied ist, das wir inzwischen auch Bläser dabei haben. Sonst sehen wir da keinen großen Unterschied, aber solche Definitionen haben wir auch nicht so gerne.

Ich habe gelesen und gehört, daß man gerade in Deutschland Probleme mit einem speziellen Song von Euch hat. „Polizia“ ....... (alle verziehen das Gesicht, als sie diesen Song in meiner Frage hören). Ihr werdet dazu auch viel gefragt. Nervt euch das, daß ausgerechnet immer dieser eine Text rausgegriffen wird, oder ist Euch das egal?
Heute schon, weil wir es den ganzen Tag gefragt werden. Wir wollen es aber noch mal klarstellen: Wir sind Antifaschisten, Antirassisten, Antiimperialistisch. Aber wir sind keine Antisemiten.

Für Eure nicht italienischsprachigen Fans übersetzt Ihr die Texte ja immer im Booklet. Kann man daraus schließen, daß die Texte für Euch sehr wichtig sind oder darf ich das mehr als Service verstehen?
Wir möchten einfach, daß die Leute verstehen was gesungen wird. Außerhalb Italiens sind eben Englisch und Spanisch die Sprachen, die am meisten gesprochen werden. Deutsch fehlt noch aber das soll auch bald kommen. Wir wissen aber noch nicht, wie das mit dem neuen Vertrieb aussieht. Wir haben viele Sprachen, in die wir unsere Texte übersetzen müssten, so haben wir zum Beispiel in Japan viele Fans.

Ich hatte, trotz recht guter Englischkenntnisse doch manchmal Probleme die Texte im Booklet zu verstehen. Habt ihr ne Idee woran das liegen könnte?
(lachen) Die Texte sind schon auf Italienisch manchmal nicht zu verstehen. Es ist also nicht einfach, die dann zu übersetzen. Man möchte natürlich den Geist des Songs weitergeben, aber es ist nicht immer leicht.

In Italien seid ihr ja schon fast Stars und das ohne Majordeal. Wie kam das zustande?
In Italien haben wir uns über lange Zeit Leute erspielt, die zu uns stehen. Auch ohne Presse, Fernsehen und Majordeal. Das passiert leider nicht so oft. Es gibt viele Bands, die im Underground und wirklich gut sind, aber nur wenige von denen kommen groß raus.

Wie ist das mit dem Label überhaut? Ihr habt Gridalo Forte ja selber gegründet, führt Ihr das noch selber?
Ja wir machen das noch. Nicht mehr so wie früher, aber wir sind da noch dabei.

Letztes Jahr habt ihr ja ein Geheimkonzert im Tommy – Weißbecker – Haus und bei Mauro gespielt (das war aber nicht geheim). Ist so was für euch wichtig und spielt ihr lieber große oder kleine Konzerte?
BANDA BASSOTTI ist so was. Wir haben so angefangen, und so was wie Soli-Konzerte wollen wir auch weiterhin machen. Wir spielen natürlich auch gerne wenn wir Geld dafür bekommen, weil wir davon auch leben müssen.

O.k., die Frage wurde Euch bestimmt schon tausendmal gestellt aber es interessiert mich trotzdem: Wie kamt ihr auf die Idee, für Euer letztes Album Partisanensongs zu covern?
Das war eine sehr spontane Sache. Wir wollten im Jahr 2000 diese Songs einfach nicht in Vergessenheit geraten lassen. Wir hatten unendlich viele Songs und wir mussten leider viele gute Sachen rausnehmen. Die besten sind aber auf dem Album. Wir wollten einfach der Tradition und Geschichte dieser Lieder, und dem was dahintersteht, Respekt zollen und es sollte nicht verloren gehen.

Die berühmte letzte Frage: Pläne für die Zukunft, was habt ihr vor?
Uns reicht es für die Zukunft einfach weiter zu machen. Morgen erst mal in Hamburg. Wenn du das bei einem unserer ersten Konzerte gefragt hättest, oh Gott. Unsere Zukunft war bis jetzt sehr schön und so soll das weitergehen. (Der Gitarrist wirft ein) Ich will endlich lernen, Gitarre zu spielen.

Vielen Dank für das Interview.

Autor: Patrick

matthias | Sa., 18. Dez 2004 | Interview

Vor kurzem startete eine Promotionfirma mit der sogenannten ‚Neuen Holländischen Welle' eine Offensive in Sachen holländischen Punkrock. Gut gemeint, denn außer den HEIDEROOSJES fallen mir nicht viele weitere Kapellen ein, die mich, aus dem Holzpantoffelland kommend, zu beeindrucken verstehen. Hört sich auch alles ganz gut an. Aber meine Lieblingsholländer sind und bleiben nun mal BAMBIX, die im September mit ‚Club Matuchek' ein neues Album veröffentlicht haben. Gleichzeitig aber auch ihr Debüt auf GO KART RECORDS EUROPE und damit ist wohl leider auch die ziemlich letzte „alte“ Band vom VITAMINEPILLEN Label verschwunden. Schade? Logische Entwicklung? Keine Ahnung. Lest lieber selbst, denn mehr Einführungsworte braucht die Band mit Sicherheit nicht. Wer bisher noch nix von BAMBIX gehört hat, hat wohl auch nicht den selbigen Schuss gehört. Über den Labelwechsel, die neue CD, Tourpläne und Schnurrbarträger geht es im folgenden Interview. Viel Spaß damit.

Wie geht's? Schön, wieder hier zu sein? Wann ward Ihr eigentlich das letzte Mal in Berlin? 2001? - Mit der Terrogruppe bei Zip's Abschiedskonzert?
Peter: Letztes Jahr? Entweder in de Columbiahalle oder im Wild at Heart.
Patrick: Columbiahalle.
Peter: Ja, in der Columbiahalle bei der ‚10 Jahre Terrorgruppe-Party'. Das war in Superabend.

So Spotlight an. Was ist eigentlich der ‚Club Matuchek'? Gibt's den wirklich?
Patrick: Der ‚Club Matuchek' ist für Leute, die gerne Schurrbärte tragen. Darum ist das der ‚Club Matuchek'.

Ist das eine Disco oder was?
Patrick: Naja, ich würd's nicht eine Disco nennen. Das ist eher ein ganz schwieriger, kleiner Laden irgendwo, wo Du nur mit Schnurrbart reinkommst. Ja, den gibt's eigentlich überall.
Peter: Jede Stadt hat einen ‚Club Matuchek'.
Patrick: Überall ist der ‚Club Matuchek'. Da geht man hin und man kommt nur mit Schnurrbart rein und da werden nur Leute mit Schnurrbart bedient. Daher verkaufen wir jetzt am Merchandisingstand immer Schnurrbärte… (lacht)

Erzählt doch mal ein bisschen was über das Album. Warum hat das alles so lange gedauert?
Patrick: Ja das Problem war Folgendes. Wir hatten zwischendurch mal ein Demo gemacht. Und damit wollten wir ein wenig nach Labels umschauen. Ob da vielleicht jemand Interesse hat. Danach waren wir aber immer weg. Waren viel auf Tour. Dann sind wir wieder zurück und mussten die Songs einstudieren und wieder ins Studio. Und dann mussten wir immer schauen, weil unser Mixer, der musste auch irgendwie immer Zeit haben. Und das war so ein bisschen das Problem. Wir waren immer weg und mussten dann neue Termine machen.
Peter: Ja und das hat noch ein Jahr gedauert, weil wir in der Zeit 2 Besetzungswechsel auf dem Bass gehabt hatten. Das dauert immer lange. ‚What's in a name' war ja mit Marina. Dann war Janneke dabei. Mit ihr haben wir noch eine Single gemacht und schon neue Songs geprobt, wir waren ja auch fertig mit touren und so. Ja und das dauert eben…

Warum hat sie die Band verlassen?
Peter: Sie fand das andauernde Touren zu anstrengend. Sie wollte gern zu Hause sein bei der Familie.

Nun seid Ihr mit zwei Männern in einer Band. Denkt Ihr, daß es generell einfacher ist, mit Männern auf Tour zu gehen, in einer Band zu spielen? Hatte sie keine Lust mehr, mit einer Frau in einer Band zu spielen?
Peter: Wir haben versucht, eine Frau für den Bass zu finden. Für diesen ganzen ‚Girl Kick Ass' Faktor. Es hat lange gedauert. Aber wir haben niemanden gefunden. Weil, die Bassistinnen, die es bei uns gibt, die spielen schon in Bands. Oder sie sind zu jung. Das ging nicht. In dem Moment haben wir uns gesagt, wie sind emanzipiert genug, um mit einem Mann spielen zu können. Weil die die Mentalität und ein Instrument spielen können ist das Wichtigste. Die Mentalität ist das Wichtigste.

Gestern habe ich im OX ein Interview gelesen, wo Wilja selbst sagt - Frauen meckern mehr. Männer stinken ein bisschen mehr… (alle lachen)

Das sehe ich genauso.

Wie schätzt Ihr selbst Euer Album denn ein?
Peter: Ja ich denke, es ist noch ein bisschen mehr das Livegefühl dabei als sonst. Weil live kickt das einfach. Auf den Punkt. Transparent und kräftig.

Seid Ihr denn im Songwriting und den Texten involviert?
Peter: Naja. Ein bisschen. Die Melodie und der Text kommen komplett von Wick. Aber die Arrangements machen wir alle zusammen. Bei manchen Songs hatten wir 15 verschiedene Versionen gehabt, bevor wir zufrieden waren. Wir haben alles gecheckt, doppelgecheckt…

Der Song ‚No. 1', wie kam der zu Stande?
Peter: Das war der erste Song, den wir mit Patrick zusammen gemacht haben.

Ihr habt ein Stück namens ‚Fundamentalist' auf der Platte. Mit welchen Gefühlen betrachtest Du denn gerade die Situation in den Niederlanden, wo allerorts Kirchen angezündet werden?
Peter: Die Frage kann ich nicht beantworten. Weil den Text hat Wilja geschrieben. Für mich persönlich hat das nichts mit der Situation in den Niederlanden gerade zu tun. Was die Situation betrifft, da bin ich sehr beängstigt. Wohin geht es jetzt? Ich weiß es nicht.

Was denken die Leute in Holland darüber?
Patrick: Ja, die hoffen, daß es vorbei geht.
Peter: Ja wir hoffen - It will flow over, it will go away. Es ist so ein Medienhype im Moment. Ich hoffe, daß es nur das ist. Dass es bald vorbei ist.
Es sind auch gerade viele Marokkaner im Fernsehen, die das ganze verurteilen. Die gegen diesen ganzen Extremismus sind. Ich persönlich finde alles, was zu extrem ist falsch. Das beängstigt mich.

Und kann man da momentan irgendwas gegen machen oder muss man darauf warten, daß es einfach so vorbei geht?
Peter: Ja,, was ich machen kann, ist nur in meiner eigenen Umgebung… Darüber reden. Ich habe marokkanische Freunde. Mit denen rede ich darüber. Kollegen.

Wie erklärt Ihr Euren großen Erfolg in Brasilien? Ihr ward drei Mal da und werdet da auf MTV gespielt. Warum ist das nicht in Deutschland oder den Niederlanden der Fall?
Peter: Ich denke, das ist auch hier möglich. Wir haben vor Brasilien im guten Moment die richtigen Leute kennen gelernt. Das ist passiert. Leute, die auch viele Leute in der Szene kennen. Brasilien ist richtig Underground. Alle Leute kennen sich. Das geht durch den Untergrund. Das ist passiert. Aber ich denke, das ist auch hier möglich. Man muss nur einen guten Clip haben, denke ich.

Ist so was geplant bei Euch?
Peter. Ja. Ja, wir möchten gerne einen Videoclip machen. Wir haben schon einige Leute kontaktiert, die das machen können.

Und welchen Song?
Patrick: Das wissen wir noch nicht. Das ist unser Problem. Das wissen wir noch nicht.
Peter: Im Dezember oder im Frühling. So etwas denke ich. Ich muss mal schauen.

Bist Du manchmal ein wenig traurig, daß Ihr so großen Erfolg in Brasilien genießt, genau wie die D-SAILORS oder die TERRORGRUPPE. Weil Euch André von den NITROMINDS Euch rüber gebracht hat. Sie aber andererseits nicht soooo den großen Erfolg hier verzeichnen können?
Peter: Ob das mir leid tut? Nein. Aber ich denke mal, die NITROMINDS haben einen guten Ruf als Liveband hier in Deutschland. Sie haben bei Null angefangen und sie haben das sehr gut gemacht. Ja, aber es ist richtig, nach Brasilien kommen nicht so viele ausländische Bands, da ist es einfacher, Erfolg zu haben. Das ist für die Leute interessanter dort.

Ihr habt Vitaminepillen verlassen. Warum? Seid Ihr zufrieden mit Go Kart Europe? Was macht jetzt Ralf? Kümmert er sich jetzt nur noch um seinen Motorradshop?
Patrick: Ui, das wissen wir nicht so genau.
Peter: Also Vitaminepillen waren immer sehr gut für und zu uns. Aber sie vertreiben ihre Sachen nur in Deutschland. Wir wollten, daß unsere Platten auch in anderen Ländern erhältlich sind. Und daher haben wir mit Ralf überlegt, oder ihm gesagt - Das ist das, was wir wollen. Wir möchten gern etwas anderes finden, daß wir in ganz Europa vertrieben werden.

Aber ist es nicht ein wenig traurig oder bemerkenswert, daß so viele der alten Vitabands das Label verlassen haben? Denkst Du die Vitaära geht zu Ende?
Peter: Ja, ich denke schon, daß Ralf die besten Bands verloren hat. Ja. Warum, das weiß ich nicht. Was ich von uns weiß ist, weil wir kein anderes Label gefunden hatten, haben wir die letzte Platte wieder bei Vitaminepillen veröffentlicht. Die WOHLSTANDSKINDER haben jetzt ihren Majordeal. Und von den anderen Bands weiß ich das jetzt nicht.

Hattet Ihr jetzt für die Platte noch andere Labels in Betracht gezogen? Oder gab es welche, die die Platte auch veröffentlichen wollten?
Peter: Wir haben mit Fat Mike und Fat Wreck Chords verhandelt. Also vielleicht für ‚Pink & Black'. Er war superinteressiert. Aber er fand es nicht gut genug. Und wir hatten überlegt mit Jacho und Destiny Records in Berlin was zu machen. Aber sie hatten einige Vertriebsmöglichkeiten nicht mehr. Und als erstes waren wir ja am Vertrieb außerhalb Deutschlands interessiert. Ja, und zu dieser Zeit, wir hatten die Platte fast fertig, hatten Go Kart Records gerade ihr europäisches Außenbüro eröffnet. Denen hatten wir dann gemailt und innerhalb einer Woche war alles erledigt. Bumbum.

Habt Ihr auch Kontakt zu den anderen Go Kart Bands wie JUPITER JONES usw…?
Peter: Ja, wir haben die Release Party zusammen gemacht. Mit JUPITER JONES, ja.
Patrick: TRANSMISSION…
Peter: Ja, TRANSMISSION ZERO aus Holland. Sonst noch nicht. Aber ich denke, daß so eine ‚Go Kart Tor' auch passieren könnte. Persönlich hoffe ich mal auf eine Tour mit den LUNACHICKS. Das wär schön. Weil die finde ich superfett.

Vor kurzem ist dieser Sampler ‚It's not just boys fun' auf WOLVERINE RECORDS erschienen, wo Ihr auch mit drauf ward. Inwieweit denkst Du, ist so was wichtig. Sind Deiner Meinung nach Bands mit Frauengesang immer noch unterrepräsentiert in der (Punk)szene?
Peter: Ja, nicht mehr so viel, denke ich. Aber noch immer ein bisschen. DOVER hat es zum Beispiel sehr gut gemacht. Dann gibt es jetzt TSUNAMI BOMB. Das auch eine Band mit einer Frau, glaube ich.
Patrick: SHE MALE TROUBLE…
Peter: SHE MALE TROUBLE, genau, ja. Was ich aber zum Beispiel mit der neuen BAMBIX-Platte mitbekomme - in den Reviews vergleichen sie uns immer mit TSUNAMI BOMB und DOVER. Aber musikalisch ist es, denke ich, doch was ganz anderes, was wir machen. Wir haben doch einen eigenen Stil. Ich habe nichts von TSUNAMI BOMB zu Hause. Und immer kommt dieser Vergleich… Das ist so. Sobald eine Frau singt heißt es TSUNAMI BOMB oder DOVER…

Vielleicht solltest Du Dir mal eine Platte von ihnen zulegen…
Peter: Ja, vielleicht schon… Ja.

Habt Ihr denn Kontakte mit Bands wie z.B. DOVER oder FABULOUS DISASTER oder SHE MALE TROUBLE?
Peter: Ja. Ja, mit DOVER haben wir überlegt, vielleicht zusammen zu touren. Das hat aber leider nicht geklappt. Mit FAB D haben wir schon zusammen getourt. Wir haben auch immer noch Kontakt. Und mit SHE MALE TROULE haben wir im Frühling diesen Jahres noch in Amsterdam gespielt.

Und mit DOVER in Spanien spielen…?
Peter: Ja, das wäre schön. Aber wir stehen mit ihnen in Kontakt. Die gehen auch manchmal mit einem BAMBIX-Shirt auf die Bühne. Die mögen uns sehr. Die Musik.

Und wie läuft's auf dieser NIKOLAUS RAUS TOUR unter all den Männern?
Patrick: Ja, das läuft super. Wir haben alle sehr viel Spaß untereinander. Am Anfang musste man ein bisschen gucken - Wer macht was und so. Aber jetzt ist alles super. Macht echt viel Spaß. Gestern kamen noch die Jungs von MOLOTOW SODA bei uns im Hotel vorbei. Da hatten wir noch eine schöne Party…

Und habt Ihr wenigstens aus dem Kanister etwas ‚Molotow Soda' getrunken?
Patrick: Wir haben es noch nicht gesehen. Bis jetzt ging es irgendwie immer nur ins Publikum. (lacht)

Aber es scheint hier wirklich alles sehr entspannt zu sein…
Patrick: Ja. Es ist sehr schön. Auch, die am Wochenende immer wieder zu sehen, wieder spielen. Ja, es ist sehr kollegial alles.

Wie kam eigentlich der Kontakt zu Stande? Ist Mosti auf Euch zugekommen?
Peter: Ja durch Mosti. Er ist der Veranstalter. Er ist normalerweise der Booker für die anderen Bands. Und wir sind so etwas wie Gäste durch Muttis Booking. Mosti ist zu Mutti gegangen und hat gefragt - Ey Mutti, kann ich BAMBIX dabei haben…? Ja mich freut es, weil ich andere Bands kennen lerne, die ich vorher noch nicht kannte.

Die WOHLSTANDSKINDER haben es vorgemacht - würde für Euch auch so ein Majordeal in Frage kommen?
Patrick: Ich denke, das ist für uns ein bisschen… Wir denken immer, wenn Du halt so einen großen Deal machst, dann muss man immer aufpassen, daß man nicht so den ‚Grip' zum Underground verliert. Weil wir haben keine Lust, dann so eine Band unter den ganz vielen zu sein. Wir wollen das alles so ein bisschen in eigener Hand haben. So wie es jetzt ist, ist es eigentlich perfekt.
Peter: Ich denke, was die WOHLSTANDSKINDER jetzt machen, das ist ein Plan von denen. Durch die Jahre mehr Posing, mehr witzig sein… Da ist ein Plan dahinter. THE Wohlstandskinder und so. Ja und es hat geklappt. Der Plan hat funktioniert. Unser Plan ist es, Spaß zu haben und gute Musik zu machen. Vielleicht sind wir ein bisschen zu eigensinnig für Majors. Nicht Kommerz genug.

Arbeitet Ihr denn zu Hause noch was Anderes und soll das an erster Stelle bleiben?
Peter: Ja. Wilja ist Lehrerin. Für Englisch und Holländisch. Ich bin Sozialarbeiter mit Exjunkies und Alkoholiker. Und unser Chappi hier ist Musiklehrer. (lacht)

Demnächst liegt bei Euch der Videodreh an. Sonst noch was?
Peter: Ja der Videodreh. Ansonsten ist ‚What's in a name' gerade in Amerika und Canada veröffentlicht worden. Und wir bekommen gute Reviews. Deshalb planen wir für nächstes Jahr eine US-Tour. ‚Club Matuchek' wird jetzt auch in Brasilien veröffentlicht. Und da werden wir natürlich auch spielen. Ich habe gehört, wir sollen eine Kroatientour machen. Und wir möchten auch sehr gern England machen.
Patrick: England ist jetzt auch wieder in Planung. Aber da gibt es noch nichts Konkretes.

Ich habe gehört, da ist es ziemlich schwierig zu touren…
Peter: Naja. Wir haben da Connections… Wir waren da im April und wir haben auch böse Geschichten über das Touren in England gehört. Aber wir hatten eine ganz große Zeit da. Wir haben jede Menge netter Leute getroffen. Wir hatten viel Spaß und gute Shows…
Patrick: Im Januar machen wir auch noch eine Woche Tour hier. Deutschland und Schweiz ein bisschen. In der ersten Januarwoche. Danach ist dann England, Brasilien und Amerika dran… Es ist viel zu tun, da müssen wir gut planen.

Was schenkt Ihr Euch / wünscht Ihr Euch zu Weihnachten?
Peter: Haha. ´Ne Kiste Bier!? (alle lachen)

Ja, super Schlusswort. Danke für das Gespräch und Frohe Weihnachten & viel Spaß heute Abend

mieschka | So., 12. Dez 2004 | Interview

Wer das Buch „Teenage Wasteland“ von Dirk Buck gelesen hat, weiß, dass es nicht nur ein paar Buchstaben auf Papier sind, die man sich zum Zeitvertreib auf dem Klo hineinsaugen kann.
Dieses Buch ist viel mehr. Es ist eine Autobiographie, in welcher der Autor uns die tiefsten, schönsten, peinlichsten und spannendsten Erlebnisse aus seinem Leben berichtet. Es geht um Punkrock, Sex, Liebe, Selbstfindung und die anderen alltäglichen Probleme, mit denen man zu kämpfen hat. Der Leser kann Buck´s Leben von seiner Geburt bis zur Gegenwart hin nachlesen und in der Zeit passierte wirklich eine Menge.

Das Buch wurde mir von Mieschka in die Hand gedrückt und vom ersten Satz an konnte ich nicht mehr aufhören es zu lesen. Mich hat seine Lebensgeschichte begeistert und auch die Tatsache, dass ich mich (und auch sicher viele, viele andere Leser) mit seiner Person irgendwie identifizieren konnte.
Ich beschloss also mich mit dem sehr netten Herren (der 20 Jahre älter ist als ich) zu treffen und ihm ein paar Fragen zu stellen. Nach den anfänglichen Nervositätsproblemen (es ist mein allerallerallererstes Interview) waren alle Verkrampfungen gelöst und wir hatten ein sehr nettes und witziges Gespräch. Es ist ein klasse Interview geworden, in dem es um Punkrock, Sex, Liebe und die anderen alltäglichen Probleme geht... Warum tragen Musiker, die nach Noten spielen, beim Sex Gummistiefel?

Ich habe ja erfahren, dass Du jetzt nicht mehr in Berlin lebst. Wie kommt das? Wo wohnst Du jetzt? Was führt Dich noch hierher?
Ich hatte keine Lust mehr auf Berlin. Ich habe 10 Jahre in Berlin gewohnt und das reicht. Erst einmal ist es nicht mehr die selbe Stadt, die es früher mal war und selbst die Amis sagen mittlerweile „It´s a typical, fucking, boring German town.“, und das stimmt. Berlin hat nicht mehr viel Besonderes, es gleicht sich immer mehr anderen deutschen Städten an und der Flair ist einfach verloren gegangen. Ich komme ja aus dem Ruhrgebiet und da bin ich jetzt auch wieder hingezogen, weil ich einfach keinen Bock mehr hatte. Ruhrgebiet und Berlin sind sich in vielen Punkten recht ähnlich, auch von der Mentalität her. Ich habe natürlich noch viele Freunde in Berlin und die besuche ich natürlich.

Und was macht die Liebe?
Oh mein Gott. Liebe. Oh Gott, das ist ein heikles Thema, auch schon immer gewesen, wie man in dem Buch ja auch deutlich erkennen kann. Es hat sich auch nicht viel geändert, also ich kämpfe immer noch mit der Liebe. Das ist mein Schwierigstes Thema überhaupt.

Könntest Du Dir vorstellen eigene Kinder zu haben?
Vielleicht ist es mir nicht gegeben eigene Kinder zu haben, ich weiß es nicht. Es sieht nicht so aus...

Hast Du eigentlich noch alle Tatoos?
Die sind nicht abgegangen.

Man kann sie ja entfernen lassen...
Bist du irre? Das coole ist, ich bereue nichts, was ich in meinem Leben gemacht habe. Es war natürlich nicht alles richtig, vieles war natürlich auch falsch und es tut mir leid, wenn ich andere Leute verletzt habe, aber bereuen tu ich es nicht. Es war einfach wichtig all diese Sachen zu machen um sich weiter zu entwickeln. Das ist leben ist einfach so und Lernen ist auch Schmerz. Vielleicht leider, aber es ist nun mal so. Und seit Ende des Buches sind noch Tatoos hinzu gekommen.

Die sieht man jetzt aber nicht.
Nein, weil Hals- und Handtatoos sind total assig. Das sagt Dir auch jeder nicht-assige Tatoowierer.

Und hast Du grad einen Job?
Ja, ich schreibe. Für Punkrockmagazine, Bücher.. Ich bin ja schon seit 14 Jahren nicht mehr angestellt und mach mein eigens Ding und das geht ganz gut. Ich habe auch keine hohen Ansprüche. Alles das, was ich machen möchte, kann ich immer machen.

Für Dich hat ja Musik in Deinem Leben eine große Rolle gespielt. Dann ´99 hast Du Dich ja von Musikgeschäft verabschiedet. Wie stehst Du denn jetzt zur Musik?
Ich gehe jetzt wieder zu Konzerten, nachdem ich ein paar Jahre lang echt die Schnauze voll hatte. Weil wenn du aus deinem Hobby auch deinen Beruf machst, dann ist man sehr schnell davon genervt. Das ist nicht unproblematisch. Ein paar Jahre hatte ich überhaupt keinen Bock und bin nicht mehr zu Konzerten gegangen, aber das kommt jetzt wieder. Zu vielen jüngeren Punkbands, obwohl die jetzt auch schon 30 sind, kann man eigentlich nicht hingehen, weil die ganzen Kinder da sind! Ich meine, Kinder sind ja ok, aber Kinder können sich heutzutage nicht benehmen!
Ich kenn das auch, wenn die Asselpunks in der ersten Reihe stehen und einem fast die Birne einkloppen..
That´s what I mean. Und nach 5 Minuten möchte ich dem eine aufs Maul hauen..
Du musst dann halt zu älteren Punkbands gehen. Zum Beispiel IGGY POP. IGGY POP, als er mit den STOOGES in Berlin gespielt hatte war das geilste Konzert ever.
Ich konnte nicht, ich musste arbeiten..
Nein, das ist kein Argument! Da muss man tot sein oder sich frei nehmen, aber man musste da hin gehen!

Es gab da Bands, wie die ROLLING STONES, die Du damals echt klasse fandest. Du hast sie ja schon im Buch als „alte Knacker“ bezeichnet. Es gibt sie ja immer noch. hörst Du sie noch? Warst Du noch mal auf einem Konzert?
Ja und es war geil. Aber nicht so geil wie früher. Das Drama des Alters ist, dass man ein wenig seine Begeisterungsfähigkeit verliert und das ist schade. Die Situationen, die das erste Mal sind, werden immer weniger, weil man einfach so viel gemacht hat. Also nutz es aus, sage ich Dir!
Immer wenn Du irgendwas zum ersten Mal machst, genieße es, weil es wird nicht wieder so sein, wie beim ersten Mal. Und je älter Du wirst, desto weniger Erste-Mal-Gelegenheiten gibt es. Das ist schade, weil man dadurch ein wenig Energie und auch Leidenschaft verliert.
Du kannst natürlich weiter leidenschaftlich sein, wenn Du Alkoholiker bist, Drogen nimmst und Dich vollaufen lässt. Dann bewarst Du Deine Leidenschaft im gewissen Sinne, aber es bringt nichts, weil Du Dich nicht mehr erinnern kannst am nächsten Tag.
Genieß Dein Leben.

Könntest Du Dir vorstellen noch mal in einer Band zu spielen?
Professionell hätte ich keine Lust mehr dazu, weil ich keine Lust habe die Energie da rein zu stecken. Weil wenn Du was machen und was erreichen willst und gut sein willst, musst Du echt viel an Zeit, Kraft und Energie rein stecken. Und da sind mir mittlerweile andere Sachen wichtiger. Aber zum Spaß mach ich das ab und zu noch mal. Dann jamme ich mit andern Leuten und spiele Schlagzeug.

Hey, ich spiel auch Schlagzeug! Ich hab aber nie richtig professionellen Unterricht nach Noten gehabt.
NOTEN??? Schlagzeug nach Noten? Das sind doch alles komplette Vollidioten! Wer Schlagzeug nach Noten lernt, der geht auch mit Gummistiefeln ins Bett und hat Sex mit Omas. Geht kacken. Es gibt zwei Sorten von Musikern. Es gibt Musiker, die können es einfach und die haben Talent und die sind inspiriert. Egal ob Klassik, Hardrock oder was auch immer.. Und dann gibt es Musiker, die könne nur nach Noten spielen. Und das sind für mich keine Musiker, das sind Techniker. Aber das hat nichts mit dem Geist der Musik, Inspiration und Kreativität zu tun. Die könnten auch bei Opel am Fließband stehen, das wäre dasselbe. Nichts gegen Opel am Fließband, die machen ihren Job, aber das hat mit Musiker, Kreativität und Intensität nichts zu tun. Gar nichts!

Und wenn man erstmal mit Noten anfängt zu lernen?
Auch nicht, wenn man so anfängt. Ich mein, die Musiker oder die Bands, die wirklich Musikgeschichte geschrieben haben, also Stones oder Beatles. die können keine Noten! Und wenn sie Noten gekonnt hätten, wäre das nicht so gut geworden. Ich mein es ist ja OK, wenn man Noten kann und nach spielt, aber NUR.. Und es gibt Leute, die können nur nach Noten spielen. Auch ganz viele Klassiker.. Die brauchen ihre Noren, .sonst kriegen die keinen Ton raus. Das sind totale Loser.
Mein erstes Schlagzeug bestand übrigens aus diesen runden DASCH- Eimern und Plastikpapierkörben und Töpfen. Ach ja, als wir angefangen haben Musik zu machen war das sensationell! Ich meine, das hat ja kaum einer gemacht, damals. Ich glaube auch den Kids heutzutage fällt das alles zu leicht. Ich glaube die bekommen alles, ohne dass sie viel dafür tun müssen. Unsere Eltern haben uns gehasst, weil wir in einer Band gespielt haben. Die haben uns auch keine Instrumente gekauft oder Proberäume bezahlt. Die waren voll dagegen, das war für die echt schon Anarchie.

Du beschreibst am Ende des Buches, dass Du Deine Eltern noch mal besuchen warst und das es ein recht positives Treffen war. Konntest du das wiederholen?
Ja, meine Eltern sind überraschend nett und das schon seit Monaten. Wahrscheinlich sind sie ausgetauscht worden. Im Moment finde ich es wirklich gruselig, weil sie so nett sind.
Body Snatcher.

Body Snatcher?
Ja, das ist so ein Film. Maden aus dem Weltall fressen das Gehirn der Leute und ergreifen dann Besitz von ihnen…

Ha, Du hast Dir einen koffeinfreien Kaffe bestellt... Im Buch schreibst Du auch, dass Du dir versprochen hast, keine Drogen mehr zu nehmen und sowieso mehr auf Deinen Körper zu hören.. Konntest du das so einhalten?
Ja klar, keine Drogen, kein Sex, keine Tiere...
Ne, ich mag überhaupt kein Kaffe, Das einzige, was ich an warmen Getränken runterwürgen kann ist koffeinfreier Milchkaffe. Aber sonst nehme ich keine Drogen mehr.

Und Alkohol?
Ja, aber ich habe noch nie viel getrunken und es hat mir auch nie großartig geschmeckt. Ein Bier ab und zu ist ok, aber sonst ist das nicht mein Ding.

Du warst doch mal so betrunken und Dein Vater hat Dich dann in dem Zustand gesehen... Meine Eltern nehmen mir so was immer übel..
Ach meine waren total happy, dass ich nur Alkohol getrunken habe und nicht irgendetwas Schlimmeres getan hatte! Du solltest nicht so viel trinken. ;-) Richtige Punks sind auch nur die, die total vegetarisch leben. Nicht trinken und einen Job haben (am besten einen Bürojob). Das sind richtige Hardcore-Punks. Übrigens durfte man früher auch noch Nazipunk sein, ohne dass man auf´s Maul bekommen hat, weil es damals noch Provokation war.. Heute ist das ja eher nicht mehr so.

Du hattest ja erst relativ spät Deinen ersten Sex.. Davor musstest Du von der Schule aus Geld für die Kriegsopferfürsorge sammeln und Du hattest ja auch ne Menge zusammenbekommen. Als ich das so las, dachte ich mir: „ Oh, er geht jetzt bestimmt in ´nen Puff und lässt sich entjungfern“.. Würde so was für Dich in Frage kommen?
Nein, eigentlich bin ich ein Romantiker, was natürlich einige Leute abstreiten würden. Aber für Sex bezahlen.. Ich muss die Frau mögen. Ich hab zwar viele Dummheiten gemacht, aber das hat ja auch nichts mit Dummheit zu tun. Wahrscheinlich würde ich mich danach von der Brücke stürzen ;-) Es gibt ja bestimmte Sachen, die kann ich nicht machen und die will ich auch nicht machen. Gegen Geld mit jemandem schlafen...nein. Es sei denn, sie bezahlt mich, dann wär das OK...

Bereust Du eigentlich bestimmte Dinge, die Du in dem Buch geschrieben hast?
Ne, bereuen nicht, aber manche Sachen finde ich total lustig, wo ich denke „Oh mein Gott“, manche Sachen sind auch ein wenig peinlich, aber es ist OK. Also so war es eben und ich habe mich entschlossen das zu schreiben. Ich würde heute manches vielleicht anders schreiben.

Warum schreibst Du in dem Buch eigentlich so wenig über Deine Schwester?
Über meine Schwester gibt es auch nicht so viel zu erzählen.. Die hat sich immer benachteiligt gefühlt und ist mir wahrscheinlich deswegen permanent in den Rücken gefallen und hat mich verpetzt. Das schafft kein gutes Klima unter Geschwistern. Ich habe natürlich auch immer alles gemacht, was ich nicht machen sollte und wurde dann immer von meiner Schwester in die Pfanne gehauen. Deswegen war ich dann auch nie gut auf sie zu sprechen.

Könntest Du Dir vorstellen das Buch verfilmen zu lassen?
Ja, das ist auch mein Plan.. Ab und zu rufen mich auch Leute an und wollen mich als Berater zum verfilmen! Gut, den Schluss muss man nicht unbedingt verfilmen, aber ein Großteil ist einfach perfekt dafür geeignet, finde ich. Wenn ich auch sehe, was so alles unter dem Thema Jugendverfilmung ins Kino oder ins Fernsehen kommt.. Ein paar Sachen sind echt gut, zum Beispiel „Verschwende deine Jugend“. Das war eigentlich ganz gut gemacht. Aber vieles ist einfach kompletter Scheißdreck. Als wenn sich irgendwelche 50 jährigen vorstellen, wie das damals war, so sieht es dann auch aus. Also das ist kompletter Scheiß!

Dann nimm das ganze doch selbst in die Hand!
Weißt Du wie viel das kostet so was zu verfilmen? Außerdem brauchst Du Profis dafür. Als Berater würde ich mich dafür auch zur Verfügung stellen. Ich habe auch mal bei ein paar Fernsehfirmen vorgesprochen und zwei waren dann auch sehr angetan und meinten, das wäre ein Kinoprojekt, weil allein schon durch die ganzen Konzerte würde es das Budget sprengen. Es müsste halt für das Kino verfilmt werden. Ich habe da auch super nette Briefe von denen bekommen, aber ich habe mich nicht großartig drum gekümmert. Ich habe auch im Gegensatz zum Fernsehen keine Kontakte zum Kino. Und heutzutage brauch man einfach Kontakte, sonst landet das immer in der Poststelle beim Azubi und der schmeißt es dann direkt in den Papierkorb. Also ohne Kontakte läuft da überhaupt nichts.

Warst Du noch mal in den USA?
Das letzte Mal im Jahr 2000. seit Bush Präsident ist, weigere ich mich dieses Land zu betreten.

Bush oder Kerry?
Kerry, er ist das kleinere Übel.

Autor: josie

Gast | Sa., 11. Dez 2004 | Interview

„Ich wollte nie Punksänger werden…“ sangen die DÖDELHAIE... „Ich wollte immer Bass-Gitarrist sein“, so könnte man es aus Michael Algars - kurz Olga, Sänger, Mastermind und Kultfigur der TOY DOLLS - Mund zu hören bekommen, wenn er vielleicht mal das Holzfällerlied als Coverversion der Duisburger anstimmen würde. Zumindest in dem Punkt hat es der Andy Kulosa in Olgas Augen richtig gemacht. Zupft er doch bei den HAIEN den Bass…

Andererseits hat Olga sich mit Stimme und Gitarrenarbeit einen ziemlichen Ruf mit seiner Band erspielt und die meisten Leute sind wohl froh, daß er über 25 Jahre diesem Denken nicht nachgab und einige Hits fabriziert hat. Überhaupt - Coverversionen - vielen werden die TOY DOLLS eh nur als Interpreten von NELLI THE ELEPHANT, einem alten englischen Kinderlied aus den 30'er Jahren in Erinnerung bleiben. Für einige andere aber auch als Band, die perfekt eine Symbiose aus Punkrock und Spaß fabrizierte – OHNE als Funpunkband zu gelten. Derzeit befinden sie sich auf ihrer Abschiedstour, bei der sie auch nach Jahren endlich wieder mal in Berlin Halt gemacht haben. Ein neues Album gibt es übrigens auch. Es nennt sich konsequenterweise „Our last album?“. Jedenfalls ließ ich mir die Möglichkeit natürlich nicht entgehen, um Olga (vielleicht ein letztes Mal?) ein Mikro unter den Riechkolben zu halten. Viel Spaß!

Hey Olga! Wie geht's Dir? Schön, daß Ihr es auch nach Berlin geschafft habt. Freut Ihr Euch, wieder hier zu sein und war es denn nun die allerletzte Show der TOY DOLLS jemals hier in Berlin?
Olga: Natürlich! Ich liebe Berlin und Deutschland. Wir waren ja schon ein paar mal hier. Meistens im LOFT. Und, ja, es ist unsere letzte Tour. Ich meine, ich bin wirklich traurig darüber. Aber ich denke, es ist wirklich Zeit, aufzuhören…

Aber es gibt doch so viele andere alte Bands, die nach einer gewissen Zeit der Ruhe irgendwann zurückkamen. Meinst Du nicht, daß das bei Euch auch eines Tages der Fall sein kann. Sei es auch nur, um ein bisschen Geld zu machen oder etwas Spaß zu haben?
Olga: Nein, nicht wirklich. Ich denke nicht. Natürlich will jeder Geld. Es würde Dein Leben verändern, wenn Du kein Geld mehr bräuchtest. Aber da würde ich andere Sachen machen. Ich würde eher in einer Bücherei oder so arbeiten. Also eher, als es irgendwann für Geld zu tun. Sicher, wir können nicht umsonst spielen. Der Grund, warum wir aufhören ist der, daß wir alle älter werden. Meine Stimme wird immer schwächer, da denke ich, es ist einfach Zeit. Sonst würde alles nur noch schlimmer werden. Die Leute fragen auch, warum wir nicht mehr so viel rum springen und nur dastehen. Das will ich nicht. Da mache ich dann lieber Schluß. Ich spiele ja aber immernoch Bass. Ich bin ja eigentlich Bassit. Vielleicht mache ich das auch noch 20 weitere Jahre. Aber in Sachen TOY DOLLS ist das eher ein „Macht's gut – Danke“….

Ihr habt jetzt aber gerade auch noch ein neues Album veröffentlicht. Erzähl doch mal ein bisschen was darüber. Da ist auch dieser Song ‘Chenkey is a Puff' mit drauf. Das ist ja ein alter Song. Besteht der Rest des Albums auch nur aus alten Stücken oder sind da mehr neuere Songs drauf?
Olga: Nein, die sind alle brandneu. Der Grund, warum wir das Stück mit rauf genommen haben, ist der, daß so viele Leute danach gefragt haben. Da dachte ich mir – dieser Song wurde nie veröffentlicht und dieses Album ist wohl das Letzte und es gibt keine Chance, es noch mal zu veröffentlichen. Also warum nicht?
Der Titel ‘Our last album' klingt so pessimistisch. Ist es tatsächlich das letzte Album?
Olga: Ja. Vielleicht kommt tatsächlich noch mal eins. Aber das würde vom Label und noch anderen verschiedenen Sachen abhängen. Vielleicht. Die Tour ist aber die Letzte. Es geht noch nach Amerika und Japan. Wir denken, daß sie ein Jahr oder anderthalb Jahre dauern wird. Danach könnte EVENTUELL noch was kommen. Ich bin mir nicht sicher. Da ist ja auch dieses Fragezeichen im Plattentitel, ich weiß. Aber das ist das, was ich meine. Es kann sein, aber ich weiß es nicht. (lacht)

Reb von den BATES hatte ja sogar ein kleines Intermezzo mit Euch. Warum hat er die Band verlassen?
Olga: Aah, das war zu schwierig. Ich meine, er wohnt in Kassel. Ein anderer von uns lebt in London und ein anderer wieder ganz oben im Nordosten von Schottland. Da ist es fast unmöglich zu proben. Es ist ja jetzt schon wirklich schwierig wo wir sind. Momentan lebt einer von uns in Norwich, ein anderer wieder in Lancaster, natürlich ganz oben im Norden, und ich lebe in London. Und Kassel war da echt noch schwieriger. Wir konnten uns das gar nicht leisten. Die Entfernung war einfach zu groß.

Und wie bist überhaupt auf Reb gekommen? Wie kam der Kontakt zustande?
Olga: Der Manager der BATES ist unser Livemischer. Schon seit Jahren. Und wir hatten vorher schon oft eine Menge Gigs mit den Bates gespielt.

Jetzt ist Tommy Goober (von GOOBER PATROL) dabei. Es scheint so, daß Du Dir jüngere Leute suchst, um die TOY DOLLS am Leben zu halten…
Olga: (lacht) Das haben viele Leute gesagt, als ich bei den DICKIES mitgespielt habe. Die haben gesagt – Leonard, Du wirst älter und älter und als Ausgleich holst Du Dir jüngere Leute ran… Nein, ich wollte nur jemanden, gut Bass spielen kann und dabei auch noch gut aussieht. Es kümmert mich nicht, wie alt sie sind.

Und was ist mit K'cee? Lebt er noch in Japan?
Olga: Er lebt wieder in England. Er ist seit 5 Jahren nicht mehr in Japan. Aber er hat eine Japanerin geheiratet. Irgendwie heiraten alle Leute japanische Frauen… (lacht)

Und warum hat er jetzt diese Tour nicht mitgespielt??
Olga: Ah, er hat genug davon. Er hat ja auch nicht die letzte Tour mitgemacht. Jemand anderes, Gary Fun, hat die letzte Tour mitgespielt. Es war wirklich eine geile Zeit. Besonders die ersten zwei Jahre. Er kam 1989 in die Band du sollte eigentlich nur eine Tour mitspielen. Letztendlich blieb er bis 1995. Aber dann hatte er wirklich genug. Er hatte genug und ich konnte nur sagen – „Wenn Du es nicht mehr machen kannst, dann hör auf…“. Schade.

Du hast aber wohl mal in einem Interview gesagt, daß wenn Du noch mal auf Tour gehst, dann nur mit ihm. Du warst wohl auch mit Eurem letzten Bassisten nicht so sehr zufrieden…
Olga: Nee, mit dem würde ich nicht mehr auf Tour gehen Er war einfach nicht gut genug…

Zwischendurch hast Du auch mal bei den ADICTS und den DICKIES mitgespielt. Wie kam es dazu? War das auch ein Grund, die TOY DOLLS wieder zu reformieren?
Olga: Mmhhh, vielleicht hat es mich ein wenig dazu inspiriert. Ich liebe die DICKIES und ich habe das definitiv nicht für Geld gemacht. Die Leute haben ja auch kein Geld. Es ist wirklich hart. Alles. Die DICKIES sind eine meiner absoluten Lieblingsbands. Und bei den ADICTS habe ich ausgeholfen, weil wir auch schon lange befreundet sind. Ich konnte den Bass spielen. Du weißt ja, daß dies mein Lieblingsinstrument ist. Aber nur auf der Nordamerikatour. Die Westküste.

Vorhin waren wir beim Thema Japan. Was ist eigentlich mit LOLITA NO. 18? Meinst Du, die kommen noch mal nach Deutschland? Was hast Du eigentlich bei denen genau gemacht? Warst Du nicht der Manager?
Olga: Nein, ich war der Produzent. Ich habe zwei Alben mit ihnen produziert. Dann wollten sie nach Deutschland kommen, ein paar Leute treffen und versuchen einen Plattenvertrag zu bekommen. Mittlerweile haben aber zwei Mädchen die Band verlassen und ein Mann spielt jetzt da mit. Es ist jetzt ein anderes Line-Up. Ich glaube nicht, daß sie jemals noch mal nach Deutschland kommen.

Ihr macht auch auf dieser Tour Aufnahmen für eine demnächst erscheinende DVD, oder? Wann wird die erscheinen? Ist das auch eine „Macht's gut“ – DVD? Was wird darauf enthalten sein? Auch irgendwelches Bonus-Zeug?
Olga: Eine ‘God Bye – DVD'? Je, eigentlich schon. Ich meine, es ist die letzte Tour, da gibt es keine Chance noch mal irgendwann anders eine zu machen. Aber das Konzert ist noch nicht aufgenommen worden, weil einige Leuten meinten, Holland ist gut für uns. Da sind immer eine Menge Leute. Es ist ein kleiner Club. Der Tivoli-Club (in Utrecht – Anm. D. T.) ist perfekt für uns. Wir können auch unser Backdrop aufhängen. Das riesige Gesicht, weißt Du ja. Da passen 1.000 Leute rein. Das ist eine gute Größe. Darum haben wir das Ding gewählt. Das ist, glaube ich am 27. November.

Einige Leute bezeichnen ja die TOY DOLLS als Funpunk – Was denkst Du darüber? Ich könnte mir vorstellen, daß Dir das gar nicht so gefällt…
Olga: Ich hasse das. Wir benutzen den Begriff niemals. Es ist schrecklich, das ist doch kein Comedy. Ich denke, man kann den Begriff für Punk gar nicht verwenden. Das beleidigt einen schon ziemlich. Wir nennen es einfach ‘Toy Dolls Music'. Das trifft es,enke ich, besser als ‘Fun punk'. Ich mag diese ‚Fun-Geschichten' auch generell nicht.

Letzte Frage. John Peel ist gestern gestorben. Inwiefern berührt Dich das?
Olga: Ich kann es echt nicht glauben. Er kam mal zu einer Show von uns extra nach Nordengland gereist. Es kommt mir vor, als wenn es gestern gewesen wäre. Aber das ist 25 Jahre her! Er war ein großartiger Entertainer. Wir haben ihm mal in einer Fernsehsendung die Hände geschüttelt. Das kommt mir auch vor, als wären erst 2 Minuten vergangen. Ich kann es wirklich nicht glauben. Er war erst 65. Das ist doch kein Alter. Das ist nichts. Das ist ein ziemlicher Schock für mich. Er war ein unglaublich netter Mann. Es scheint momentan so, daß überall die Leute sterben. Die RAMONES und all die anderen. Alle gerade jetzt…

Ist das auch ein Grund, mit den TOY DOLLS aufzuhören?
Olga: (lacht) Ja, vielleicht. Das hat durchaus auch was damit zu tun. Wirklich. Ich meine, es war so fantastisch. Ich habe ihn jede Nacht gehört. LEATHERFACE, THE UNDERTONES und all diese Bands. In den frühen Jahren. Ich habe kaum eine Sendung verpasst. Es ging immer um 10 Uhr abends los, bis Mitternacht. Er warer einzige, der Punk gespielt hatte…

Hattet Ihr jemals eine John Peel Session?
Olga: Nein, leider nicht. Schade.

Ok Olga. Danke für das Interview.

mieschka | Sa., 04. Dez 2004 | Interview
ZSK

ZSK ist doch, denke ich, mittlerweile jedem anständigen Musikhörer bekannt, daher versuche ich mal meine Einleitung knapp zu halten. Was die Wahlberliner mittlerweile auf die Beine gestellt haben – und vor allem wie – verlangt nach höchstem Respekt. Und auch wenn ich mich nicht immer mit Ihrer Musik anfreunden kann, sind sie eine verdammt interessante Band, die auch einiges zu sagen hat. Man möge sie vielleicht als deutsche Anti-Flag sehen. Vielleicht. Zumindest fällt mir auf Anhieb keine andere Band in unserem Land ein, die Musik und Politik so sehr in sich vereint, wobei sie aber auch nicht den Spaß außer Acht lassen. Allein deshalb oder gerade deswegen war es mal an der Zeit, den Jungs, zumindest zwei von ihnen, ein Mikro unter die Nase zu halten. Zudem steht mit „From Protest to resistance“ gerade ihr zweiter Longplayer in den Läden, die ich Euch durchaus empfehlen kann. Schon allein wegen der Aufmachung. Das alles soll hier aber kein Lobgesang werden. Macht Euch lieber selbst ein Bild. Selber denken hat ja auch noch niemanden geschadet und ist vielleicht die Beste Möglichkeit ZSK zu verstehen oder zu erleben oder oder oder… He're weg go…

Laut Euren FAQ's auf Eurer, übrigens sehr ausführlichen, rührt Euer Name zum Teil daher, dass Ihr große ZK-Fans seid / ward. Da stellen sich für mich jetzt 2 Fragen. Erstens: Was bedeutet dann jetzt das ‚S' dazwischen? Und zweitens spielt Ihr ja im Vergleich zu Campino & Co. doch einen ganz anderen Stil. So groß war der Einfluss aus Düsseldorf dann doch nicht? Habt Ihr sie wenigstens mal gecovert?
Joshi: Nee, zum Glück nicht. Weil, das würde ja ein bisschen komisch sein, wenn wir wie ZK klingen würden.

Eike: Man muss natürlich auch sagen, wir sind jetzt irgendwie als Band seit 7 Jahren zusammen und da haben wir auch, glaube ich, einiges an Wandlungen durchgemacht. Gecovert? Ja, weniger. Wir haben, glaube ich, auch mal was von ZK gespielt…

Joshi: Jaja, auf jeden Fall (lacht).

Eike: Also anfangs haben wir, glaube ich, nur gecovert. Wir konnten ja keine Instrumente spielen. Wir haben einfach angefangen – ‚Wie macht man das jetzt? Hör mal uns. Was ist das jetzt? Aha, ne Gitarre. Dann haben wir halt angefangen, irgendwann mal selber Lieder zu machen. Die klangen dann vielleicht noch so ein bisschen irgendwie, weiß ich nicht, die Bands, die wir halt gecovert haben. Und haben dann mehr und mehr unseren eigenen Stil gefunden.

Oder wolltet Ihr auf den „fahrenden Zug“ aufspringen und Euch ein „SKA“ im Bandnamen zulegen, wie es ja viele Skacombos machen? Alle Möglichkeiten offen halten… Z – S – KA… ;-)
Joshi: Nee nee. Keinesfalls. Mit Ska haben wir eigentlich überhaupt nichts zu tun.

Ihr werdet immer großartig als Berliner Band angepriesen, was ja auch stimmt, da Ihr ja mittlerweile alle jetzt hier wohnt. Aber eigentlich kommt Ihr von ganz woanders her, oder?
Joshi: Ja, Berlin ist natürlich komplett gelogen. Ehrlich. Also eigentlich kommen wir aus Göttingen. Das ist genau in der Mitte von Deutschland zwischen Hannover und Kassel. Aber wir sind eben vor 3 Jahren geschlossen nach Berlin umgezogen, alle zusammen, und deshalb sagen wir seit dem, dass wir aus Berlin sind. Weil, man kann auch niemandem sagen: ‚Hey wir sind ZSK – Ex-Göttingen, jetzt Berlin'. Aber, die Göttinger sind sehr traurig darüber, wir kriegen immer Ärger, dass wir sagen, wir wären aus Berlin.

Das muss aber ein großer Zusammenhalt innerhalb der Band sein, wenn man geschlossen sagt – Wir ziehen nach Berlin. Welche Faktoren hatten Einfluss auf diesen Entschluss?
Eike: Also primär stand die Band im Vordergrund. Die Frage war halt irgendwie, wir wollen weiter zusammen Musik machen, wir wollen zusammen irgendwie die Band gestalten und da war dann die Frage – wo können wir alle das machen, was wir machen wollen. Und da steht Berlin natürlich ganz oben auf der Liste, weil wir in Berlin alle machen konnten, was wir wollten.

Joshi: Also es war klar, dass wir aus Göttingen wegziehen wollten. Und da war halt die Frage, wenn wir alle in eine andere Stadt ziehen, dann wäre die Band nur noch so ein Hobby nebenbei gewesen und das kam für uns einfach nicht in Frage, weil uns die Band superwichtig ist. Wir investieren da alles an Zeit und Geld und Kraft rein, was wir haben. Da war dann klar, dass wir zusammen in eine Stadt ziehen. Da war Berlin der größte gemeinsame Nenner.

Standen denn noch andere Städte zur Auswahl? Und wenn ja – welche und warum?
Joshi: Ach da waren einige Städte im Gespräch. Hamburg war auch ziemlich weit vorne. Das ist ja auch eine große Stadt mit Punkrock ohne Ende…

Aber Kontakte nach Berlin waren schon da, oder? Oder wart Ihr alle ganz verängstigt – Habt Euch alle zusammen eine Bude gesucht. Eine WG, oder…
Joshi: (lacht) Nee, nee. Also wir kannten da schon einige Leute. Ich hatte auch schon vorher mal ein Praktikum bei FAT WRECK in Berlin gemacht und unser Schlagzeuger hat mal eine Weile bei MAD (Das ist eine Bookingagentur in Berlin und hat nix mit dem Kasperverein der Bundeswehr zu tun – Anm. d. Verf.) gearbeitet. Also wir sind hier nicht so in ein nasses Becken mit kaltem Wasser gefallen.

Eike: (lacht) Also auch das mit dem Zusammenwohnen – Ich glaube, so viel Zeit, die wir schon miteinander verbringen, das ist zwar total nett – aber auch noch zusammen wohnen, das würde echt zu weit gehen.

Joshi: Kommt nicht in die Tüte.

Göttingen. Da fällt mir spontan NO RESPECT ein. Was gibt oder gab es da sonst noch für Bands? Oder ist die Musikszene dort doch eher tot?
Eike: Überhaupt nicht. Also die Göttinger Musikszene, würde ich sagen, ist sehr aktiv. Da kommen total tolle Bands her. PEACE OF MIND. Mit denen haben wir irgendwie mal eine Tour gemacht. NO RESPECT kennen wir natürlich auch persönlich. Sind wir auch schon öfter mit unterwegs gewesen.

Joshi: EL MARIACHI gibt es natürlich noch. Und KATZENSTREIK…

Eike: MAD MINORITY…

Joshi: Naja, die sind ja nicht ganz Göttingen, aber umme Ecke… Und soweit ich das noch mitbekomme aus Göttingen, gibt es da eine ganze Riege von kleinen, neuen Bands, die sich gerade auf den Weg machen. Und im Vergleich ist Göttingen, glaube ich, musikalisch schon sehr aktiv. Im Vergleich zu anderen Städten in der Größe.

Wenn Ihr jetzt tatsächlich ab und zu mal wieder nach Göttingen fahrt und dort spielt. Werdet Ihr da so als die ‚verlorenen Söhne' betrachtet?
Joshi: Schon. Ja. (lacht). Also ich meine, es ist nicht so, dass wir Göttingen nicht mehr leiden können oder so. Wir sind da ganz oft, auch an Wochenenden. Und wir spielen da öfter noch Konzerte. Und wir fühlen uns da immer noch sehr wohl. Es ist nicht so, dass wir jetzt Göttingen völlig den Rücken gekehrt haben.

Und Ihr habt tatsächlich Eure Instrumente ausgelost? Gab es da nicht irgendwelche Vorlieben für ein Instrument oder klingt so was nur ganz gut in der Bandbiografie?
Joshi: Naja, es war halt so von wegen: „Ey, keiner von uns kann was spielen? Wie machen wir es? Ey, kannst Du hier mal Schlagzeug machen? Ich würd' Gitarre machen…“ So in der Art. So ging das. Richtig original mit Streichhölzern oder Zetteln war es nicht. Aber es war halt wirklich mehr oder weniger ausgelost, weil es eigentlich Zufall war. Es war so – Wir müssen Musik machen. Das muss sein.

Waren denn die Musikgeschmäcker am Anfang doch schon relativ gleich oder doch schon verschieden, was also die Musik der Anfangstage von ZSK ausgemacht hat…
Eike: Ich glaube die Musikgeschmäcker waren am Anfang unterschiedlich und sind es heute auch immer noch und das ist auch gut und richtig so und trotzdem haben wir irgendwie einen gemeinsamen Nenner. Ja und was dabei rauskommt ist eben die Musik, die sich auf unseren Alben befindet.

Apropos Bandbiografie. Man kann sagen, dass Ihr mit so ziemlich jeder Band, welche im Punkrock Rang und Namen habt, die Bühne geteilt habt. Gibt es noch irgendeine Band, mit der Ihr noch mal gern auftreten würdet? Oder einen Ort?
Joshi: Ort, wo wir noch nicht waren? Da fangen wir mal an: JAPAN! Da wollen wir unbedingt hin. Aber das steht noch in den Sternen. Wir haben von den DONOTS sehr viel über Japan gehört, die sind da ja richtig groß und das ist auch spannend. ANTI-FLAG waren ja auch gerade in Japan, die haben uns davon erzählt, das muss super spannend sein. Aber das steht noch ein bisschen dahin. Und Band, mit der wir unbedingt noch mal spielen wollen wären natürlich die RAMONES und das wird im Moment immer schwieriger (lacht)…

Bei den ganzen Bands, mit denen Ihr aufgetreten seid. War da nicht mal jemand bei, der Euch vielleicht auf ein Label mitgenommen wollte, um Euch vielleicht international, überm großen Teich, die Tore zu öffnen?
Joshi: Ja, wir haben mit ANTI-FLAG über so was natürlich geredet, damals. Und dann hatten wir auch überlegt, ob es Sinn machen würde, wenn sie unser Album in den USA auch veröffentlichen, auf AF Records. Aber letztendlich haben wir dann ja bei Bitzcore unterschrieben, die haben eh einen weltweiten Vertrieb und dann war das eh alles überfällig. Und deshalb steht das jetzt sozusagen erstmal noch auf der Schwebe, wie wir dann wirklich in den USA veröffentlichen. Aber auf jeden Fall über die Bitzcore Wege. Also klar, das können wir denen ja auch nicht aus der Hand nehmen. Und wir überlegen halt, ob wir dann früher oder später ´n englischsprachiges Album raus bringen. Also die ganzen englischen Songs von der ‚Riot Radio' und vom neuen Album und daraus sozusagen eine internationale CD machen. Das würde dann natürlich auch in den USA rauskommen. Aber das steht alles noch dahin.

Auf Eurer neuen Platte wechseln sich ja auch deutsche und englische Songs ab. Gewollt? Welche Songs kommen denn bei Euren Fans überhaupt besser an? Die englischen oder die deutschen? Welche gefallen denn Euch besser? Kann man da was fest machen? Klar würde sich ‚RIOT RADIO' auf Deutsch etwas komisch anhören…
Joshi: Wir wollen uns da nicht auf eine Sprache festlegen. Manche Dinge lassen sich eben auf Deutsch am besten sagen, andere auf Englisch. Da steht kein besonderes Konzept hinter. Mir gefallen die Deutschen und die Englischen Songs beide gleich gut.

Mir fällt auf, dass Ihr bis jetzt mit jedem Output die Plattenfirma gewechselt habt. Woran lag's? Der wachsende Erfolg oder auch Streitereien?
Eike: Ich glaube, wir hatten bei Wolverine unterschrieben gehabt und hatten von vornherein geplant, dass wir dieses Album jetzt auf Bitzcore raus bringen. Und wir hatten den Vertrag auch nur über ein Album gemacht, weil wir uns alle Möglichkeiten offen halten wollten, wie wir, nachdem dieses Album erschienen ist fortfahren wollen. Das war uns eigentlich klar, dass wir dann gucken wollen, wenigstens die Möglichkeit haben wollen, mal zu schauen, was es an anderen Labels noch so gibt. Und darauf ist es nun auch hinausgelaufen. Wir haben uns ein fantastisches Label gesucht Und das ist eben Bitzcore in Hamburg und das sind total die netten Leute und wir freuen uns über die Zusammenarbeit, die bis jetzt gut geklappt hat.

Joshi: Aber wir haben uns nicht schlimm mit Wolverine gestritten. Also das war von vornherein so klar, dass wir halt nach dem ersten Album gucken, wie es aussieht. Und wir sind immer noch auf ‚Du' mit Sascha und wir senden hier auch noch mal Grüße nach Düsseldorf. Zu Sascha, unserem Kollegen dort.

Vorher wart Ihr auch noch kurz auf ‚Nasty Vinyl' mit der Splitplatte…
Joshi: Naja, das war so: der Vertrieb lief über Nasty Vinyl und produziert und bezahlt haben wir die CD selbst. Erstmal. Aber das war unser erster Schritt in so ´ne Richtung, dass wir es geschafft haben, das über Nasty Vinyl in die Mailorder zu kriegen. Das ist natürlich echt schwierig als kleine, unbekannte Band, die CDs überhaupt wegzukriegen an Vertriebe und über Nasty Vinyl hatten wir da die Chance, das zu machen. Und da waren wir dann auch auf dem legendären ‚Punkterror'-Sampler (lacht)…

Wie die Zeiten sich ändern… Ihr habt jetzt auch ein Video gemacht. Bei handgemachter und, sagen wir mal ‚Expliziter Lyrik'. Bestehen da überhaupt Chancen, dass das Ding auf VIVA oder MTV läuft?
Joshi: Ach, da haben wir uns vorher überhaupt keine Gedanken drüber gemacht. Weil, wir haben einfach gesagt – O.k., wir machen dieses Video und gucken, was passiert. Also wir haben jetzt vorher nicht geplant – Ja das kommt bei VIVA rein oder nicht – und das ist uns auch gar nicht so wichtig. Es wär natürlich schön, weil, dann läuft da auch mal was anderes, als der ganze komische HIP HOP und BRITNEY SPEARS – Kram. Aber das war jetzt nicht unsere Maxime, dass wir sagen - Ja, wie machen ein Video, das muss da laufen. Aber es ist vor allen Dingen für die Leute, die uns cool finden. Und deshalb kann man das auf unserer Website runterladen und auch als Streamingfilm angucken. Auf ein paar Sender wird das bestimmt auch mal laufen, aber ich kann jetzt nichts darüber sagen, ob das bei MTV oder VIVA wirklich kommt. Aber lustig wär's natürlich.

Naja. Letztendlich kann man von dieser potentiellen Einnahmequelle aber wohl nicht so viel erwarten. Dafür seid Ihr aber wohl relativ geschäftige Jungunternehmer. Ihr habt ne GbR gegründet. Warum?
Joshi: Das ist einfach ´ne rechtliche Sache. Wir unterschreiben halt ständig Quittungen. Wenn wir irgendwo ein Konzert spielen, unterschreibt man ´ne Quittung. Und wenn Du das wie wir 7 Jahre lang machst – wir haben mittlerweile über 200 Konzerte gespielt – dann kommt irgendwann die Steuer und sagt – Moment mal, wer ist ZSK? Und wenn man nicht `ne GbR gründet und Steuererklärungen macht, dann kommen die irgendwann an und sagen – pass auf, wir haben hier so und so viele hundert Quittungen über Geld, was ihr bekommen habt, jetzt wollen wir unseren Anteil davon. Also das hat nichts damit zu tun, dass wir Geld verdienen, sonder wir sichern uns ab, dass uns die Steuer nicht irgendwann den Kopf abreißt. Leider, das ist eigentlich zum Kotzen. Ich hasse so'n Steuerkram. Das ist eigentlich schrecklich. Ja, es geht halt nicht anders. Das ist eigentlich schade. Wenn man mit so einer Band anfängst ist es eigentlich so ‚Fuck off', spielste halt in dem Laden und dem für Spritgeld. Aber wir machen das schon so lange und haben schon so viel da gemacht. Da wird es irgendwann gefährlich mit der Steuer.

Was macht Ihr sonst noch so, wenn Ihr mal nicht gerade auf Tour, im Studio oder Proberaum oder hier im Radio seid?
Joshi: Ja Florian, unser Schlagzeuger, arbeitet bei PETA2. Der macht da diese Jugendwebsite. Und wir anderen studieren so ein bisschen vor uns hin. Aber eigentlich machen wir, gerade jetzt zum Albumrelease, fast nur die Band und wie verdienen kein Geld damit. (lacht) Es ist der alte Witz. Es fragen uns auch ganz oft Leute bei Konzerten - Lebt Ihr von der Musik? (lacht)

Ja, aber Ihr steckt ja schon ´ne Menge Arbeit da rein und ich denke mal, mehrere Stunden am Tag gehören der Band. Dann muss man ja auch noch irgendwie was anderes machen, um zu überleben, wenn man von der Band noch nicht leben kann…
Joshi: Stichwort BaFöG. (alle lachen)

Eike: Bummelstudium statt Barbourjacke.

Stichwort Studiengebühren…
Joshi: Ja zum Kotzen. Ganz große Scheiße. Wir waren ja jetzt auch auf den Demos dagegen dabei. Und das ist ´ne große Kacke, wenn das anfängt. Ich hab da überhaupt keinen Bock drauf, dass Bildung dann limitiert wird, für Leute, die genügend Geld dafür aufbringen können. Das ist eigentlich ´ne ganz schlimme Sache, finde ich, wenn nicht mehr jeder das Recht auf Bildung hat und jede natürlich das Recht auf Bildung hat. Und darum geht es ja im Grunde mit den Studiengebühren. Irgendwann gibt es dann Leute, die können das nicht bezahlen. Die ihr Studium, was sie machen wollen, nicht machen können. Und dagegen sollte man sich auf jeden Fall wehren. Ist eigentlich schade, dass die ganzen Unistreiks und Proteste sang und klanglos…

…untergegangen sind. Jetzt bei der ganzen Arbeit und der wenigen Zeit - War das auch ein Grund, warum Niki, Euer erster Gitarrist, Euch verlassen musste?
Eike: Ja Niki, hatte irgendwann festgestellt, dass er lieber in Hannover studieren wollte und das hat sich dann in den ersten Monaten herausgestellt, dass es sehr schwierig ist, an zwei Orten gleichzeitig sein zu müssen. Einerseits in Berlin zum Proben und Lieder machen und andererseits halt in Hannover. Und da hat er dann gesagt, er könne die Band einfach nicht mehr weiter machen, er wollte dieses Studium eben weitermachen, das ist ja auch alles o.k.. Im Guten haben wir uns ja dann auch voneinander getrennt.

Joshi: Aber wir haben ja immer noch viel mit ihm zu tun. Er kommt jetzt auch zur Releaseshow am 29. ins SO 36… Und sonst haben wir uns jetzt nicht gestritten oder so was. Es war einfach besser so, weil es nicht anders ging. Und den fliegenden Übergang haben wir ja dann mit Benny gemacht. Und das war echt perfekt. Er hat auch vorher schon mal so Roadiemäßig ausgeholfen. Er ist auch Göttinger. Er ist auch mit uns nach Berlin gezogen. Also es hat alles gut gepasst. Im Grunde ist also alles in der Familie geblieben. Also wir mussten keine Anzeige schalten, so – ‚Hallo, wir suchen Gitarrist' – Das finde ich schrecklich. Also es war echt kein Ding, der Wechsel da.

Ihr ward jetzt mit den DONOTS auf Tour und Ihr sagtet mir eben, dass es gar nicht so einfach oder selbstverständlich ist, beim DONOTS-Publikum zu bestehen.
Joshi: Naja, es geht. Man kommt auf die Bühne und die kreischen – egal, wer auf die Bühne kommt. Ist total super. Wir haben das, denke ich, ganz gut hingekriegt. Das Ding ist halt, die meisten Kids, die so zu einem DONOTS-Konzert gehen, die kennen uns halt nicht. Da kennen uns viel weniger Leute, als bei anderen Konzerten. Und das macht es dann gerade spannend. Da musst Du eben wirklich toll rocken, dass die danach sagen – ‚Puh, das war ganz cool…“.

Plaudert doch mal aus dem Nähkästchen. Gebt doch mal ein, zwei lustige Anekdoten zum Besten…
Joshi: Da gibt es bisher eigentlich noch gar nicht so viel zu erzählen. Bisher haben wir ja nur ein Konzert mit den DONOTS gespielt. Die ganze restliche Tour geht ja erst näxte Woche los. Wir sind aber sehr gespannt, was uns da für lustige Geschichten passieren werden. Man darf gespannt sein. Das kann man dann alles auf unserer Webseite im Tourtagebuch nachlesen.

Ihr habt mal ANTI-FLAG auf Tour begleitet, weil Ihr ihnen mal ne CD in die Hand gedrückt habt. In der Position seid Ihr jetzt vielleicht noch nicht, aber könntet Ihr Euch das vielleicht auch vorstellen?
Eike: Also es ist ja schon so, dass immer wieder auf Konzerten irgendwelche Leute auftauchen, die sagen: „Hey, wir haben hier gerade ´ne Band“ oder „Es gibt uns schon so'n bisschen länger, hör dir mal unsere neuen Aufnahmen an“… Und dann hören wir das auf jeden Fall auch immer an und wenn wir es dann auch irgendwie klasse finden und mal wieder in der Gegend, dann sagen wir – Hey, o.k….

Joshi: Ja, wir versuchen es natürlich auch so zu machen, dass wir Bands, die uns gefallen, wo es geht unterstützen. Das Problem ist, dass wir noch nicht so groß sind, dass wir den Veranstalter zwingen können, ´ne Band rein zunehmen… Die machen das sehr ungern, wenn wir sagen, wir bringen ´ne Band mit, die keiner kennt und die auch noch Geld haben wollen. Aber zum Beispiel 21 LICKS aus Bielefeld sind gute Freunde von uns, die nehmen wir gern immer mit, GETAWAY DRIVERS, auch aus Bielefeld… und da gibt's schon ´n paar Spezies aus jeder Gegend, die wir dann versuchen, wenn es geht, rein zubuchen in die Shows, aber es ist im Moment noch sehr schwierig.

Eike: 21 LICKS kommen übrigens aus Herford… (alle lachen)

Joshi: Ja, passiert, oder?

ANTI-FLAG gehen ja so an die Sache ran, dass Punk und Politik unzertrennbar sind, aber auch der Spaß nicht zu kurz kommen darf. Was macht Ihr, um Euch bei all den Ernsthaftigkeiten Spaß zu haben?
Joshi: Alkohol… (lachen) Nein, keine Ahnung. Es ist ja auch lustig, weil viele Leute denken, wir wären total ernst. Auch bei Interviews… Oder wenn die uns treffen nach dem Konzert, wenn wir am Merchandise stehen und rumhängen. Dann sagen die immer – Ey, ihr seid ja ganz nett und normal und ihr seid gar nicht so ernst… Und ich glaube einfach, das ist'n Trugschluss, nur weil wir schon recht ernste Texte haben, heißt das nicht, dass wir nicht normal feiern und auch mal grölend durch den Backstage rennen oder irgendwo lustig Späßchen mit Leuten machen. Also wir sind auch ´ne ganz normale, nette Punkband und letztendlich wollen wir auch bei ´nem Konzert, dass die Leute mit uns einen Superabend und viel Spaß haben. Das ist ja keine Politikvorlesung.

Eurer neuen CD liegt ja auch eine DVD bei, die übrigens jeder wie er will kopieren kann. Wie wurde das finanziert? Überhaupt macht die CD auch einen ziemlich teuren Eindruck. Von der Produktion her, er hat das alles bezahlt und was versprecht Ihr Euch davon?
Joshi: Also bezahlt haben wir es schon mal nicht (lacht).

Eike: Also es ist keine DVD sondern eine ganz normale CD. Das ist so'ne Info-CD für'n Computer, wo wir diverse, wie wir finden, wichtige Videos drauf gemacht haben, ´n paar Infos, ´n paar Texte und so. Ja und finanziert hat das ganze, da kommen wir wieder auf ´n tolles Label zu sprechen, Bitzcore. Die sagen nämlich – Ihr seid jetzt unsere neue Band und wir wollen Euch unterstützen und wir wollen, dass ihr das machen könnt, was ihr machen wollt. Und dann haben wir gesagt – Hey, wir fänden das ´ne gute Idee, jetzt da so'ne Info-CD da reinzulegen. Und dann haben die gesagt – Yo, macht das doch…

Joshi: Ist gekauft…

Eike: Und da war dann auch keine Diskussion. Weißt Du, ich glaube das zeichnet wirklich gerade das aus, warum wir gerade das Label so toll finden. Weil die uns einfach unterstützen.

Ein anderes Medium ist ja das Internet. Eure Homepage besitzt neben dem üblichen Kram auch viele Verweise zu Tierschutzorganisationen usw. Wie wichtig ist es Euch, Eure Fans darauf aufmerksam zu machen? Wie sind die Reaktionen?
Joshi: Also das ist uns schon recht wichtig, dass wir das was wir in unseren Texten so schreiben, dass das nicht nur leere Phrasen sind, sondern dass wir den Leuten auch die Möglichkeit geben, sich da mehr zu informieren. Wir haben auf der Tour oder auf Konzerten auch immer einen Riesenstapel mit Flyern und so dabei, zu verschiedenen Themen. Und natürlich unterstützen wir auch Tierrechtsgruppen & Antifagruppen indem wir Solikonzerte spielen und indem wir natürlich auch auf unserer Website darauf hinweisen. Wir haben ja auf unserer Website diese ‚Raise your voice'-Ecke, wo wir alle paar Wochen ´ne neue Sache vorstellen oder ´ne politische Gruppe. Und wir finden das eben schon superwichtig, dass man nicht nur zu Hause sitzt und sich über Sachen ärgert, sondern das man auch sagt – o.k., dann tu ich halt was dagegen. Und da kriegen wir auch sehr viele positive Rückmeldungen. Wir kriegen ganz viele Briefe und E-Mails von Leuten, die sich halt für diese Sachen interessieren und sich dafür bedanken, dass wir da die Möglichkeit geben, dass man da Infos kriegt und so weiter.

Wie wichtig ist Euch sonst die Kommunikation mit den Fans? Wird alle Post beantwortet?
Joshi: Eigentlich ja. Es wird halt, ehrlich gesagt, immer schwieriger, weil wir so viele E-Mails kriegen und teilweise steht da auch nur drin – Wo kann ich Eure CD bekommen…? – oder so was. Aber eigentlich versuchen wir alles zu beantworten. Alle Briefe und alle E-Mails. Nach Konzerten stehen wir auch immer noch da. Also wir verkriechen uns nicht im Backstage wie manche Bands. Sondern versuchen immer, auch wenn wir total verschwitzt und müde sind noch raus zugehen und uns mit Leuten zu unterhalten und vielleicht noch ein Bierchen zu trinken.

Macht jemand bei Euch auch die grafischen Sachen? Die Page und das Coverdesign sehen ja jedes Mal unglaublich gut aus….
Joshi: Die Cover-Artwork Sachen und T-Shirts-Designs machen wir immer noch alle selbst. Unser Schlagzeuger und ich kümmern uns um die ganzen Grafik-Designs. Die Webseite haben wir aber machen lassen, weil wir dafür leider einfach nicht mehr die nötige Zeit aufbringen konnten.

Und wie weit geht Ihr in Sachen ‚Straight Edge' in Sachen Spaß mit? Ihr seid ja alles Veganer / Vegetarier. Aber, so auf der Homepage stehend, nicht militant. Guckt man da aber schon manchmal etwas verächtlich auf den Nachbartisch im Restaurant (auf Tour, natürlich), weil sich da einer ein dickes Stück Fleisch bestellt?
Eike: Also so wie ich Straight Edge verstehe, geht's da ja in erster Linie um ein drogenfreies Leben. Das könnte man jetzt von uns, glaube ich, nicht so sagen. (lachen) Was das Vegetarier und Veganertum angeht – nee, wir pissen da niemanden an. Ich find's natürlich toll, wenn wir mitkriegen, es wird im JUZ ‚XY' eh nur vegetarisch/vegan gekocht, dann freu ich mich natürlich darüber, dass ich mal wieder was Leckeres bekomme…

Kenne ich, da gibt's doch aber meistens eigentlich nur Nudeln mit Tomatensause…
Joshi: Och nöö. Nicht mehr…

Eike: Wir haben jedenfalls schon anderes erlebt.

Joshi: (lacht). Aber nee, ich finde, es wäre total arrogant und blöd, wenn man Leute dann anmacht, weil sie Fleisch essen oder so. Sowas würden wir nicht machen. Es ist viel vernünftiger, dass man einfach sein Ding durchzieht und die Leute fragen dann von selbst – Warum esst Ihr denn kein Fleisch?. Und das passt schon voll. Und was das ‚Straight Edge' angeht. Ja, wir trinken alle gern mal ein Bier auch wenn wir sonst keine anderen Drogen groß nehmen. Ich rauche nicht mal, zum Beispiel.

Ok., kommen wir langsam zum Schluss. Die Plattenaufnahmen sind nun mittlerweile über ein Jahr alt - Wann gibt es etwas Neues? Was steht demnächst an?
Joshi: Ja, stimmt, die Aufnahmen vom Album sind jetzt fast ein Jahr alt, weil wir so lange auf Labelsuche waren. Vorher hatten wir ja noch die EP raus gebracht. Jetzt ist die Platte gerade erst mal raus und dann wird es erst mal schon dauern, bis wir da was Neues raus bringen. Also wir haben schon Pläne für ´ne Split 7“ mit ´ner amerikanischen Band aber da kann ich noch nicht mehr zu sagen. Erstmal werden wir natürlich jetzt wie verrückt den Leuten unser neues Album um die Ohren hauen. Also ein richtiges neues Album gibt es dann frühestens in ein zwei Jahren. Vorher macht das ja auch gar keinen Sinn.

Was hältst Du eigentlich von Fanzines? Du hast mir letztens gesagt, dass Du findest, dass das Medium eher rückläufig ist. Wegen Internet und so…. Trotzdem hast Du bei uns eine Anzeige geschaltet… ;-)
Joshi: Ich glaube, dass Print-Fanzines eine klasse Sache sind und deshalb unterstützenswert. Das ist einfach Oldschool. Besonders selbst kopierte DIN A5 hefte finde ich immer gut. Leider sind aber gerade die kleinen Fanzines momentan vom Aussterben bedroht. Alle aktuellen Infos usw. findet man in wenigen Sekunden umsonst im Internet und wenn die aufwendige Herstellung eines Fanzines erstmal beendet ist sind die Themen oft schon veraltet. Sehr schade. Wir sehen das ja selbst bei Konzerten. Wir verkaufen immer OX und Plastic Bomb-Hefte. Die gehen so gut wie gar nicht weg. Ein echtes Trauerspiel.

Ok., dann vielen Dank für das Interview. Bleibt noch was zu sagen? Hab ich was vergessen?
Joshi: Mir fällt nichts mehr ein, außer, dass wir uns noch mal für das nette Interview bedanken möchten. Außerdem wünschen wir euch für euer Fanzine natürlich alles Gute!

mieschka | Sa., 04. Dez 2004 | Interview

Athena ist schon ein ganz eigenes Phänomen. Zunächst ist die Band, die bis heute einzige erfolgreiche Skaband aus der Türkei. Und dafür, dass es diese Musik offenbar bisher sehr schwer hatte am Bosporus, räumen die sympatischen Jungs um die Brüder Gökhan (Gesang) und Hakan Özoguz (Guitars) dermaßen ab, dass man fast versucht ist, eine vierte Welle einzuläuten, aber halt. Wollen wir die eh schon genug umstrittene Wellentheorie mal beiseite lassen. Jedenfalls ist diese Band mittlerweile unumstritten die Speerspitze der international eigentlich überhaupt nicht wahrgenommenen türkischen Punk und Ska Bewegung. Sie haben es geschafft, sich dort bei Jung und Alt in die Herzen zu spielen. Und es gibt in der Türkei wohl niemanden mehr, der die Single „12 dev adam“, die Athena als Auftragsarbeit für den nationalen Basketballverband schrieben, nicht mitsingen könnte. Außerdem hatte die Band immerhin die (etwas zweifelhafte) Ehre, ihr Land auf dem 2004 stattfindenden European Song Contest (ehemals Grand Prix d'eurovision de la Chanson) zu vertreten und den sagenhaften vierten Platz zu erringen.

Und das bei einem Wettbewerb, der traditionell im besten Falle dem Pop Musik Milieu anzurechen ist, wenn nicht schlimmer. Betrachtet man all dies, so könnte man annehmen, dass Athena, mittlerweile folgerichtig auf einem Majorlabel (Universal) unter Vertrag, die aktuell wahrscheinlich erfolgreichste Skaband der Welt ist. Ja und diese Senkrechtstarter kommen nicht etwa aus Jamaika, auch nicht aus England oder den USA, sondern eben aus der Türkei. Eine grandiose Sache und schon fast eine Verpflichtung dazu, ein Interview mit der Band zu führen.

Ein Majorlabel bringt auch Majoraufwand auf den Spielplan, zwar ist man bei Universal sehr hilfsbereit und bemüht, den Termin einzuhalten (Vielen Dank noch mal an dieser Stelle) aber wie die Rockgeschichte uns lehrt, wachsen eben mit dem Bekanntheitsgrad einer Band auch die Komplikationen im Umgang mit ihr. Der erste Gesprächstermin im Hotel (!) wird kurzfristig abgesagt, die Band verspätet sich auf dem Weg zum Konzert im Berliner SO36. Also wird das Interview auf die Zeit nach der Show verlegt. Und gerade dann heißt es, geduldig zu warten, bis die hungrigen Fans und glühenden Verehrerinnen der Band ihre Streicheleinheiten von den Gebrüdern Özoguz ausgiebig genossen haben. Das ist schon ein seltsamer Anblick, Ska Musiker bei der Autogrammstunde mit Teenagern, die nicht so aussehen, als dürften sie um die Uhrzeit noch auf Berlins Strassen wandeln.

Und auch das möchte ich nicht unterschlagen: Das Konzert ist großartig! Eine echte Liveband diese Jungs, mit allen Schikanen, die man sich eben so wünscht. Außer vielleicht das Publikum. Die ersten zehn Reihen werden nämlich eingenommen, von dauerkreischenden Kampfzicken, die noch nicht einmal für den offiziell vom Veranstalter organisierten Kameramann Platz machen, mit der Begründung, als Erste(r) da gewesen zu sein. Ja, wo eigentlich? Auf dem säuberlich nummerierten Stehplatz? Auf einem eigens markierten Parkplatz? Mann, das kann einem schon die Laune verderben. Nie hätte ich gedacht, dass sich auf einem Skapunk Konzert einmal Leute Gedanken machen würden, ob denn in den Toiletten genügend Spiegel vorhanden wären, um notfalls noch einmal die zentimeterdicke Pampe über der pickeligen Haut auffrischen zu können. Und bevor mich die Rage völlig davonträgt, möchte ich schnell wieder darauf zu sprechen kommen, dass es dennoch auch coole Gäste gibt. Ebenfalls Gesichter, die man üblicherweise nicht auf solchen Veranstaltungen trifft, die aber trotzdem lieber miteinander feiern und sich darüber freuen, dass sie auf die gleiche Musik stehen und die nicht einzig und allein gekommen sind, um die Band anzuschmachten.
Jedenfalls klappt es am Ende doch noch. Im heimeligen Backstagebereich bekomme ich mein Gespräch, gerade noch rechtzeitig bevor das SO36 die Bude räumt. Die Beiden wirken sehr sympatisch und es wird ein nettes Gespräch, auch wenn an einigen Stellen doch kleinere Schwierigkeiten aufgrund der beiderseitigen Englischkenntnisse entstehen.

Wie hat Euch das Konzert heute gefallen?
Hakan (H): Fantastisch!

Gökhan (G): Das ist die Energie von Berlin. Wir genießen das.

H: Und es war wundervoll.

Weil ihr gerade davon sprecht: Berlin ist die Stadt mit der weltweit drittgrößten türkischen Bevölkerung. Bekommt ihr hier ein besonderes Feedback?
H: Naja, im Allgemeinen haben wir schon so etwas gespürt aber speziell heute Abend war das Publikum in etwa ausgewogen. 50/50, so mögen wir es am liebsten. Naja und die meisten Türken hören offenbar lieber kulturelle Musik. Oft mögen sie traditionelle Türkische Musik oder sie stehen einfach auf Pop…

G: Von der neuen Generation der Türken werden wir weitestgehend akzeptiert und sie hört auch mehr und mehr unsere Musik, Underground Zeug eben. Das sind also die Leute, die ein Gefühl für unsere Musik entwickeln, die darauf abfahren und zu denen haben wir auch einen sehr guten Kontakt.

Und wie ist die Situation in der Türkei. Ich schätze, dass Ska dort immer noch sehr ungewöhnlich ist? (H: Ja.) Inwiefern wird eure Musik dort von den Leuten akzeptiert?
G: Sie wissen zwar vielleicht nichts über die kulturellen Wurzeln der Musik in den 60ern und so, aber sie spüren einfach die Musik. Und das ist schließlich das Wichtigste. Und sie versuchen es zu verstehen, mehr darüber herauszufinden. Wir haben eine große Crew dort, die immer zu unseren Konzerten kommt, und die dann erst beginnt, sich zu fragen: Woher kommt diese Musik eigentlich? Was steckt dahinter? Was ist das für eine Band? Wenn ich mich an 1994 zurückerinnere, als wir noch in kleinen Clubs auftraten, da spielten wir Songs von Bands wie The Exploited, The Business, The Butlers, No Sports, Skaos und diese Sachen und natürlich Klassiker wie The Specials, Madness usw.

H: Die neue Generation der türkischen Leute kennt uns, also lernen sie gleichzeitig auch Ska kennen… oder manchmal vielleicht sogar durch uns.

Wie erklärt ihr euch selbst diesen Erfolg in der Türkei?
H: Tja, ich denke einfach dadurch, dass wir so sind, wie wir sind, dass wir genau das machen, was wir fühlen, indem wir „real“ sind, und indem wir unsere eigene Musik machen. Mehr kann ich dir auch nicht dazu sagen. Einfach dadurch, dass wir tun, was wir fühlen. Die Leute verstehen das. Ich meine, niemand ist ein Idiot.

Denkt ihr, dass sich durch Euren unglaublichen Erfolg dort, bereits ein Effekt auf die türkische Musikszene erkennen lässt?
H: In welchem Sinne?

Na zum Beispiel, dass mehr Leute die Musik mögen und versuchen das mitzutragen oder zu übernehmen…
G: Ja…

H: Klar, zuerst kannte niemand diese Musik und niemand wusste darüber Bescheid, und in jedem Interview, dass wir gaben, erzählten wir, dass wir alles wissen… äh… ich meinte, wir erzählten alles, was wir wissen.(lacht) Und so lernten viele Leute mehr über die Szene, die meisten jungen Leute, 20th century kids, die wissen jetzt, was Ska bedeutet, weil wir das Wissen über die Wurzeln beim Reggae, Bob Marley und den Skatalites verbreiteten.

G: Wir haben sogar schon richtige türkische Rude Boys getroffen und waren so erstaunt darüber. Das war umwerfend.

Es tut sich also was in der Szene dort…
H: Ja, Ja, Ja. Eine Menge Bands, zum Beispiel High School Bands, spielen jetzt Ska, Madness, The Butlers und so weiter. Wir erfahren davon, weil die Leute zu unseren Konzerten kommen und uns davon erzählen. Und wir sind sehr glücklich, das zu hören.

G: Es gibt mittlerweile eine Menge Punkrock Kids und SHARP Skins und Rude Boys und Rastas…

Inwiefern identifiziert Ihr Euch mit der internationalen Ska Szene (wenn ich sie mal eben so nennen darf)? Oder ist das für Euch eine eigene Geschichte? Wo ihr doch in einer kulturellen Umgebung angefangen habt, die diese Musik davor nicht kannte, so dass ihr völlig neu von vorne anfangen konntet.
G: Wie wir bereits sagten, spielten wir einfach das, was wir fühlten und wir machen eben Ska… Wir haben schon 1993 damit angefangen und sind seitdem dabei.

H: Einige Ska Fans kennen uns möglicherweise bereits, weil wir auf einigen Compilations mit dabei waren. Z.B. auf dem Asian Ska Foundation Sampler oder dem Pork Pie Sampler [United Colours of Ska Vol 3, Anmkg. d. Red.] Dadurch kennen uns viele Menschen auf der ganzen Welt.

G: Bald wird unser englisches Album erscheinen. Und das wird dann so eine Art Neuanfang für uns sein. Bisher hatten wir unsere Szene in der Türkei, und jetzt setzen wir Kurs auf ganz Europa.

War diese Szene bisher eher konzentriert auf die größeren Städte, oder habt ihr auch die eher abgelegenen Teile des Landes erreicht?
H: Ja. Ich meine, zu der Zeit als wir unser erstes Album rausbrachten vielleicht noch nicht, aber spätestens seit dem vierten Album sind wir auch dort bekannt. Auf diesem vierten Album waren einige sehr bekannte Songs. Einer davon war beispielsweise fast eine nationale Hymne. Es hieß „Zwölf große Männer“ und wir schrieben ihn als Hymne für die Basketballnationalmannschaft.

G: Aber zuvor kam „holigan“, das wir für unseren Football Club spielten. Und alles begann an dieser Stelle.

H: Vielleicht war das der Grund, warum wir so bekannt wurden.

Wie kamt ihr selbst zum ersten Mal in Kontakt mit Ska? Konnte man das einfach im Radio hören?
G: Also, wir spielten Punkrock und alles Mögliche an Hardcore und Trash Metal usw. Und wir suchten ständig nach einem Sound, der uns entsprach. Vom Ska hörten wir über Freunde. Wir hatten überall auf der Welt Freunde, die uns musikalische Alternativen lieferten. So probierten wir Ska und liebten die Musik. Wir hatten die gleiche Ideologie. Wir hatten die passende Einstellung, die Art zu denken gefiel uns… Kurz: wir hatten das Herz dazu.

H: Wenn es nach uns geht, sollte Ska und Punk vereint sein, dass kann so eine gute Mischung sein, wenn du sie „ehrlich“ bringst und… lebendig!

G: Heute unterstützen wir die SHARP Skins und es gibt immer wieder Happenings in Istanbul.

Einige eurer Songs (z.B. “I Love Mud on my face”) klingen, als wären sie von einer dieser Klassiker-Bands wie Madness, The Clash oder sogar The Sex Pistols. Woher kommt dieser geniale British accent?
H: Das kommt einfach daher, dass wir all diese Songs die wir lieben spielten.

G: Ja, und außerdem war ich eine Zeit in London, konnte also von dort lernen. Ich versuchte einfach so zu singen und lernte es dort. Ich lernte es sozusagen von der Straße.

H: Wir traten insgesamt sechs Jahre in Bars auf und spielten viele Cover Songs, oft von britischen Bands. Einige davon spielen wir sogar heute noch.

Stimmt. So habt ihr heute Abend z.B. “One Step Beyond” und “Should I stay or Should I go” gespielt.
G: Das ist der große Kick. (grinst über das ganze Gesicht) One Step beyond und Should I stay, die Songs sind von den beiden Bands, die für uns einmalig sind und den größten Respekt verdienen. Das ist auch der Grund, warum wir es lieben, diese Songs auf unseren Shows zu spielen. Außerdem spielten wir meistens noch “My Girl” von Madness und natürlich meinen Favoriten “Nightboat to Kairo”. Das ist ein cooler Song. Ah - „Baggy Trousers“! Wir haben alle diese Songs in den Bars gespielt.

Worauf bezieht sich euer Name?
H: Der Name kommt aus der griechischen Mythologie. [Pallas Athena, die Beschützerin des zivilisierten Lebens, der Kunst und des Ackerbaus, außerdem Göttin der Weisheit, Vernunft und Reinheit. In Homers „Illias“ wird sie als Kriegsgöttin dargestellt. Anmkg. d. Red.]

Hat das auch eine politische Bedeutung?
H: Nein, nein. Das ist nicht politisch gemeint.

G: “You know: Being political means non-political shit.” Es hat nichts damit zu tun. Wenn du „politisch“ bist, wenn du versuchst, etwas auf politische Weise zu zeigen, heißt das gerade, dass du nicht politisch bist. Wir nennen uns „Athena“, weil sie eine gute Ikone ist. Sie ist mutig und sie kämpft gegen „the evil mentality“.

H: Für den Fall, dass du darauf anspielst, dass sie Griechin ist, das ist uns nicht wichtig. Sie könnte Afrikanerin sein, sie könnte englisch sein, sie kann griechisch sein. Alle Menschen sind gleich. Es sollte da keine Vorurteile geben.

Ok. Aber ihr habt einen Song gegen den Irakkrieg geschrieben. Also seid ihr doch politisch.
H: Naja, so ähnlich.

G: Ah,… Es ist nicht in erster Linie eine politische Sache. Es bedeutet einfach nur: Hört auf zu kämpfen! Hört auf zu töten! Und das ist nicht wirklich eine politische Angelegenheit. Jeder sollte das sagen: Hört auf zu töten.

H: Es ist einfach eine Art die Welt zu sehen.

Ich habe gehört, dass euch die Regierung vor dem European Song Contest gebeten hat, euer Land zu repräsentieren. Was habt ihr davon gehalten?
H: Wir waren schockiert. Wir wussten nichts von diesen Plänen und wir hätten sie auch nie erraten. Man muss wissen, dass die meisten Teilnehmer an dem Wettbewerb Pop Musiker sind, und wir natürlich nicht. Also waren wir überrascht. Sie sagten uns, dass sie uns eine Weile beobachtet hätten, was wir in unseren Alben und Interviews machten und sie sagten: “Das ist für uns in Ordnung und wenn ihr wollt, könnt ihr den Auftritt machen.” Also akzeptierten wir das Angebot.

G: Ich kann das eigentlich immer noch nicht fassen.

H: Wir unterschieden uns so sehr von den anderen Bands in dem Contest, ich meine, es hat dort noch nie eine Ska Band gegeben.

G: Und wir waren alle so stolz auf diese Sache. Wir haben auf der Straße angefangen und jetzt repräsentieren wir unser Land. Das war eine große Ehre. Eine riesen Ehre. Und das, dank der Regierung. (lacht)

So ganz verstehe ich das immer noch nicht. Ihr habt diesen Song gegen den Irakkrieg und trotzdem bietet euch die türkische Regierung an, das Land auf einer international bedeutenden Veranstaltung zu vertreten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Song der Einstellung der Regierung zu dem Konflikt entspricht. Wie passt das also zusammen?
G: Ich glaube, das interessiert die einfach nicht. Für sie sind wir einfach ein…eine Stimme.

H: Die wollen einfach jemanden erfolgreiches. Und was unsere Einstellung angeht, haben sie sich vielleicht gefragt, was unsere Gedanken sind. Nun ja, wir sagen alles in unseren Texten. Selbst in diesem speziellen Song. Wir wollen einfach Frieden. Wir wollen keine Gewalt.

G: Keine toten Menschen mehr im Irak nur für verficktes Geld.

H: Wofür soll das gut sein? Warum all das Schlachten? Jeder weiß bescheid.

G: Aber niemand wagt es, es zuzugeben.

Vielleicht wegen des Öls?
H: Tja, wie gesagt, jeder weiß etwas darüber. (lacht)

Aber ihr habt keine Probleme mit Restriktionen von Seiten der Regierung…
G: Nein.

…oder verbotenen Texten?
G: Naja, wir haben das vielleicht im Ansatz. Wir dürfen z.B. keine “bösen” Wörter benutzen. Wir dürfen nicht „fuck“ oder so was sagen. Auf der Platte dürften wir nicht „shit“ sagen.

H: Aber, das ist nicht so schlimm, denn wir sagen sowas einfach auf den Konzerten. (lacht)

OK. Für den Song Contest habt ihr den Text auf Englisch geschrieben. Was denkt ihr darüber, ihr habt das doch vorher nie gemacht.
H: Also ganz am Anfang der Band haben wir ein paar englische Songs gemacht, aber die waren sehr hart. Metal und Hardcore und so. Das war damals einfach etwas sehr anderes. Aber wir haben es in Englisch versucht. Jetzt ist die Situation natürlich völlig anders. Wir haben mittlerweile vier Alben draußen und alle in türkischer Sprache. Und… mh… wie kann ich das ausdrücken? Es ist etwas ungewöhnlich für uns so zu spielen. Aber es gibt da etwas in unseren Wurzeln. Wir können alle ein bisschen Englisch, also dachten wir, wir könnten das schaffen. Und so schrieben wir, was wir dachten und baten ein paar Freunde, die Englisch unterrichteten, uns zu helfen.

Ihr hattet also nicht einfach eine Auflage bekommen…
H: Nein, das war unsere Entscheidung. Die Regierung überließ das uns, wir hatten die Möglichkeit auf Englisch oder auf Türkisch zu singen. Wir konnten uns frei entscheiden. Aber wir dachten, es wäre besser, die Sache auf Englisch zu machen, denn es war uns wichtig, dass die Leute unsere Texte verstehen, und Englisch ist natürlich eine viel weiter verbreitete Sprache als Türkisch. Auf diese Weise konnten wir mehr Leuten die Möglichkeit geben, die Lyrics zu verstehen, also taten wir es.

G: Yeah. (lacht)

Und das nächste Album wird komplett in Englisch sein?
G: Ja. Unsere Single wird demnächst erscheinen. Sie wird auf Universal rauskommen und … es ist gut, gut, gut für uns.
Ist das für euch so eine “Zurück zu den Wurzeln” Sache?

G: Yeah! Immer. Immer, ja.

H: Du sagst es. Musik bleibt Musik, aber auf Englisch zu singen bringt eine andere “Harmonie” hinein. Das ist OK für uns.

G: Ja. Und wichtig ist schließlich, überhaupt Musik zu machen. Wie auch immer. Wir lieben es trotzdem, auf Türkisch zu spielen.

H: Wir haben ein paar Schreiber - schreibende Hörer sozusagen - auf unserer Homepage, die z.B. aus Norwegen und Schweden, aus Russland oder aus was auch immer für einem Land kommen, und sie alle schreiben: “Wir verstehen zwar eure Texte nicht, aber wir lieben euren Sound. Wir mögen eure Musik.” Wie man sieht, kennt Musik keine Grenzen. Wir wissen also, dass sie unsere Musik mögen, aber um es ihnen zu ermöglichen, alles daran zu verstehen, haben wir uns entschlossen, in einer eher üblichen Sprache wie z.B. Englisch zu singen.

Habt ihr keine Angst, durch das Singen auf Englisch ein wenig an Individualität zu verlieren?
G: Wegen des Publikums, wegen der türkischen Fans?

Nein, einfach nur, weil es eben so üblich ist, auf Englisch zu singen, während es etwas Besonderes ist, Ska Musik mit türkischen Texten zu machen.
G: Dazu möchte ich zunächst noch einmal wiederholen, dass wir schon früher auf Englisch gesungen haben. Wir haben nicht mit türkischen Texten angefangen. Und englische Songs sind uns so vertraut. Wir wollen einfach Spaß haben und den werden wir uns holen.

Ok. Ich wollte außerdem über eine eurer letzten Singles reden: Öpücük. Im zugehörigen Video sieht man ein Match zwischen zwei Football Teams. Da ist eure Mannschaft, und die andere Mannschaft wird von einer Frau angeführt. Versucht ihr mit diesem Video absichtlich typische Geschlechterrollen zu durchbrechen?
G: Ja, könnte man schon sagen. Wir, äh…

H: Es war nicht direkt unsere Absicht, über dieses Thema zu sprechen, jemandem so eine Ideologie zu vermitteln. Jemanden zu überzeugen, Frauen zu respektieren oder keine Frauen zu schlagen. Daran haben wir eigentlich nicht direkt gedacht, wir haben das einfach gemacht, weil…

G: Es tu gut, eine starke Frau zu sehen. Sie steht das ganze Spiel über souverän da. Das ist gut, so was zu sehen. Darüber hinaus heißt der Titel des Songs “Kuß”.

Wovon handelt der Text?
G: Es geht darum, ein Mädchen zu küssen. In dem Text heißt es: “Darf ich dich küssen?”

H: “Verarsch mich nicht.”

G: “Verarsch mich nicht. Und mach dir keine Sorgen.” Und sie antwortet:“Komm schon, küss mich.” Das ist alles.

Wovon handeln eure anderen Texte?
G: Meistens sprechen wir darüber, wie wir leben, was wir denken, wie wir über das Leben denken, was wir gerne sehen würden. Wir drücken so viele Gedanken aus, über… mache können über Religion sein, manche behandeln das Thema Vorurteile, oder es kann einfach darum gehen, welche unsinnigen Regeln bestehen, die wir brechen wollen. Manchmal geht es um hungernde Menschen, ich weiß nicht. Wir haben so viele Themen.

H: Es ist die Weise, auf die wir das Leben sehen. Manchmal befindet man sich in einer scheinbar ausweglosen Situation, oder manch einer wird depressiv usw., aber es gibt da immer einen Weg, eine Art Fenster, das nicht unbemerkt bleiben darf. Wenn du das nicht sehen willst, wirst du dich nicht befreien können. Das ist unsere Botschaft, irgendwie in der Art: “Hey komm schon. Gib nicht auf! Gib nicht das Leben auf, das du lebst! Und gib dein Bestes.“

Also generell eine positive Botschaft…
H: Ja, könnte man sagen. Positive Vibrations! (lacht)

Was habt ihr in Zukunft vor?
G: Als erstes wollen wir uns eine Europäische Crew erspielen (lacht) Es wird eine Tour geben. Das alles fängt an, wenn unsere Single draußen ist, und das ist zunächst der wichtigste Schritt.

H: Zuerst, wird unsere englische Single erscheinen, die auch auf einem Album vertreten sein wird, das so etwa im Mai veröffentlich wird. Wir versuchen, es bis dahin zu schaffen. Das wird unser erstes komplett in Englischer Sprache verfasstes Album sein, alles neue Songs. Wir werden sehen, wie die Leute auf die Single reagieren. Und wir haben bereits ein paar Konzerte in Europa. Zum Beispiel werden wir in Mazedonien auf einem Festival auftreten. Die Headliner werden, soweit ich weiß, THE STRANGLERS sein. Wir lieben diese Band.

G: Und die FUN LOVIN' CRIMINALS, …

H: Ja, wir haben einige Festivals in der Art, und wir bereiten eine weitere Single für den Sommer vor.

G: Ebenfalls auf Festivals werden wir zusammen mit THE DEAD KENNEDIES, IGGY POP und allen möglichen Bands spielen. Z.B. SUEDE, PULP...

H: THE ROLLING STONES!

G: Yeah, THE ROLLING STONES, wir haben die schon einmal supported. THE CARDIGANS…

Hattet ihr schon Konzerte außerhalb Europas?
G: Ja, hatten wir. Wir hatten ein paar in Rußland.

H: Außerhalb Europas! (lacht)

G: Oh. Stimmt.

H: Wir waren schon in den Staaten. Das war in Indeanapolis wegen unserer Single “Zwölf Riesen Männer” zusammen mit unserer Basketballnationalmannschaft.

Vielen herzlichen Dank
G: Ebenfalls.

Krizn | Mi., 24. Nov 2004 | Interview

Muss ich zu dieser Band noch viel sagen? Ich glaube kaum. Aber für all die Unwissenden da draußen, die immer noch nicht erkannt haben, mit was sie es hier zu tun haben: The Briefs aus Seattle sind momentan mit das Beste, was an Punkband durch die Gegend rennt. Feinster 77 Schrammelpunk mit genialen Melodien und beißend schwarzem Humor in den Texten, dazu live eine absolute Wucht. Ich hatte das Vergnügen, mit Chris (Drums/Gesang) und Steve (Gitarre/Gesang) nach ihrem Auftritt im Wild at Heart einen kleinen Plausch zu führen. Befürchtungen, dass sie, wie mir vorher gesagt worden ist, bei Interviews recht maulfaul sind, wurden durch ihre übermäßige Gesprächigkeit gleich in alle Winde verstreut.

Aber da ich zu dieser Band eigentlich nicht viel sagen wollte, lest selbst:

Ich hab gehört, daß ihr in Interviews normalerweise nicht soviel sagt. Wie kommt's?
Chris: Man muss eher dafür sorgen, dass wir die Fresse halten in Interviews. Wir reden zu viel.

Steve: Wer sagt nicht soviel in Interviews? Er (Chris) oder wir alle?

Ich habe gehört ihr alle.
S: Das ist eine beschissene Lüge.

C: Deswegen werden wir jetzt gar nichts mehr sagen. (Angstschweiß macht sich auf der Stirn des Interviewers breit). Ja und nein Antworten, das ist ab sofort alles was du bekommst.

Das wird bestimmt ein gutes Interview. Ich habe bei eurem Auftritt festgestellt, daß ihr ziemlich genau wisst was Kreuzberg ist. Woher wisst ihr das?

C: Ja.

Danke vielmals. Fick dich!
C: Ok. Sorry. Wir waren hier schon oft und unsere Booking Agentur (Muttis Tour Booking) ist von hier und wir lieben diese Gegend, es ist die beste Gegend von Berlin. Es gibt hier viele coole Läden, Clubs und Leute. Wir waren schon in vielen Ecken von Berlin, und hier mögen wir es besonders.

S: Es ist die Punkrockhauptstadt Europas, vielleicht sogar der Welt.

Vielen Dank, jeder Kreuzberger wird sehr froh sein, das zu hören. Ich habe auch öfter gelesen, dass ihr die beste aktive Punkband der Welt seid. Hört ihr das auch manchmal, und verkauft sich die Platte entsprechend?
S: Das ist ein ziemliches Kompliment. Es ist eine Frage der Einstellung. Ich glaube, wir sind momentan die beste Punkrock Band. Nein, nur Spaß. Ich wünsche mir, dass sich die Platte so verkaufen würde. Es ist aber auf jeden Fall schön zu hören, aber ich weiß nicht, ob das wahr ist oder nicht.

C: Wo hasst du das denn her?

Ich hab das in ein paar Reviews gelesen.
C: Ich denke, dass das definitiv nicht wahr ist. Es ist ein großes Kompliment, mit Sicherheit. Ich denke, dass die Leute, die so etwas sagen, sich vielleicht, obwohl es wirklich ein tolles Kompliment ist, noch ein paar andere Bands anhören sollten, weil es viele gute Bands gibt. Wir könnten hier gleich vielleicht 50 Bands aufzählen. Es gibt viele Bands, die dasselbe wie wir machen, mit genauso viel Energie, Stil und Dummheit. Es ist ein großes Kompliment, und wir sind sehr dankbar dafür. (Ich denke er ist fertig und nehme das Mikro weg, aber er redet weiter) Das ist es was ich meine, wir reden viel zu viel und ich weiß nicht warum.......

Ja, ja ist schon in Ordnung, dann hab ich halt mehr zu schreiben die nächsten Tage. Ist das so wie Kids die nur MTV Punk hören und denken, das ist das Beste was du hören kannst, und sich dann nicht mehr um die anderen Sachen kümmern?
S: Ich denke wir sind besser als The Offspring, wenn du das meinst (nein meinte ich nicht, aber mein English scheint da einfach versagt zu haben. - Anm.d.A.). Wir sind verdammt viel besser als The Offspring. Wir versuchen aber einfach die beste Punkband zu sein, die wir sein können.

C: Ich muss das auch noch mal sagen. Wenn du sonst Bands hörst wie die Scorpions, dann sind The Offspring verdammt gut. Aber gegenüber anderen Punkrock Bands sind The Offspring ein Stück Scheiße.

Für das letzte Album hattet ihr soweit ich weiß einen Deal mit Interscope. Es kam dann aber bei Dirtnap raus und das Neue ist bei BYO. Hab ich das so richtig mitbekommen?
S: Das ist nicht war. Wir haben mit Interscope gearbeitet, aber wir haben diese Aufnahmen nie rausgebracht. Die haben entschieden, dass sie uns hassen und wir haben beschlossen: Scheiß auf die Aufnahmen, scheiß auf Interscope und dann haben wir einfach ein neues Album bei BYO gemacht.
Ihr seid also noch eine Band, die von einem Major verarscht worden ist?

S: Nein, wir haben sie irgendwie verarscht. Wir haben immerhin viel Geld von ihnen bekommen.

C: Wir waren immer unter dem Einfluss der alten Punkbands aus den 70ern. Die Bands, die wir lieben, die waren alle auf Major Labels: The Clash, The Ramones, die alle und wir hatten immer den Eindruck, dass diese Bands von den Majors gesignt wurden und sich dabei dachten: Wow, diese Idioten vollen uns Geld geben und wir wissen, sie werden es hassen, aber scheiß auf sie. Das ist uns auch irgendwie passiert. Wir hatten dieses Label. Die haben uns Geld gegeben. Wir haben das gemacht, was wir machen wollten.

Blöde aber notwendige Frage: Unterschied zwischen dem neuen und den vorherigen Alben?
C: Es ist Pink und Blau.

S: Es ist neuer. Nein, quatsch. Wir machen immer noch, was wir mögen und ich glaube nicht, dass es da irgendwo eine Veränderung der Richtung gibt. Wir versuchen die best möglichen Songs zu schreiben.

C: Es ist ein wenig politischer, aber wir sind trotzdem keine politische Band. Aber so wie die Dinge gerade stehen, ist es schwer, nicht politisch zu sein. Also geht unser neues Album ein bischen mehr in die Richtung.

Genau das wollte ich gleich noch fragen. Ihr habt schon immer gesagt, dass ihr keine politische Band seid. Und nun habt ihr doch einige politische Songs, liegt das nur an dem, was gerade vorgeht?

C: Wir haben schon immer politische Songs gemacht. Steve hat diesen Song gemacht `My Baby is a Communist´. Manch einer wird sagen, das wäre ein politischer Song. Das ist genau so politisch wie alles andere, was wir machen. Ich glaube ich sollte einfach mal die Schnauze halten. Steve hat den Song ja geschrieben.

S: ‘My Baby is a communist' ist nicht politisch. Es ist was auch immer. Es geht halt um ein Mädchen.

C: Sorry, Steve.

Es gibt viele gute Punk Bands in Seattle. Woher kommt das? Schnallt sich jedes Kid in Seattle ne Gitarre um, und macht ne Punk Band oder wie?
S: Ich wünschte das wäre so, aber ich weiß es nicht. Es gibt einfach viele gute Punk Bands in Seattle. Es ist aber ein schöner Trend, das ist gut.

C: Das passiert in vielen großen Städten, auf einmal gibt es viele gut Bands, die daher kommen.

S: Die Leute haben langsam keine Lust mehr auf diese ganzen Bands, die wie NoFX klingen. Sie wollen anders klingen und wieder hervorheben, was Punk eigentlich war. Wo alle Bands anders klangen und einfach ein wenig ihre Vorstellungskraft benutzt haben.

Ihr seid oft in Deutschland. Warum? Läuft es so gut oder liegt es vielleicht daran, dass hier die Punkrock Hauptstadt der Welt ist?
C: Wir lieben es hier und es scheint so, als würden die Leute uns hier gerne sehen und unsere Booking Agentur ist wirklich super. Die Punk Szene ist auch wirklich gut. Die Leute lieben Musik und gehen gerne zu Konzerten. Es ist halt so: Wenn die Leute uns sehen wollen, dann gehen wir da hin. Total egal wo es ist.

S: Darum spielen wir in Deutschland und nicht in Florida. Wir gehen dahin, wo die coolen Punks sind.

Ihr habt auch auf dem Force Attack Festival dieses Jahr gespielt. Mochtet ihr es und spielt ihr oft Festivals?
S: Festivals sind in Ordnung, ich bevorzuge Clubs. Ich mag kleine Punkshows. Das Festival war in Ordnung. Es war ziemlich Hardcore, da haben viele Hardcorebands gespielt (Ach ja? Welche denn? Anm. d. A.), aber es hat Spaß gemacht.

C: Das war so ziemlich die einzige Show, die wir mit unseren Freunden THE SHOCKS spielen konnten, also war das schon in Ordnung, aber alles in allem bevorzugen wir doch Clubs, weil wir dann eben so wie jetzt rumsitzen können und so was hier machen. Wir können mit Leuten reden und rumhängen und das Publikum ist direkt vor der Bühne. Es ist einfach persönlicher und mehr Spaß für jeden.

Ich muss es einfach Fragen weil es aktuell ist (Das Interview wurde am 4.11 geführt). Was denkt ihr über das Ergebnis der Wahl?
S: Es ist ziemlich dumm. Der durchschnittliche Amerikaner ist echt bescheuert. Wir können es nicht glauben, es ist so peinlich.

C: Wir haben alle per Briefwahl Teilgenommen und wir sind die ganze Nacht wach geblieben und haben uns das angeguckt. Wir waren gerade in London und waren total geschockt. Ich kann es immer noch nicht glauben. Dieser Typ, ach scheiße. Ich bin überrascht, daß es keine Aufstände in den USA gibt. Die Leute sind einfach geschockt. Die Menschen glauben es wohl immer noch nicht.

Ihr wart nicht auf dem ‚Rock against Bush' Sampler. Habt ihr da nicht reingepasst, wurdet ihr überhaupt gefragt?
S: Niemand hat uns gefragt.
Hättet ihr es gemacht?

S: Ja, sicher. But I just rocked against Bush at home by myself.

Schönes Schlusswort und vielen Dank.

mieschka | Do., 11. Nov 2004 | Interview

Nachdem OJOS DE BRUJO ihre Spanien-Tour erfolgreich in Barcelona im ausverkauften Razzmatazz abgeschlossen haben, hatte ich die Gelegenheit mit Marina, Sängerin von OJOS DE BRUJO, ein Interview zu führen. Fragen über die neue CD, die nächstes Jahr erscheinen wird, über die Geschichte der Band und ihre Zukunftspläne.

Die Band besteht ja jetzt schon seit 6 Jahren. Erzähl doch mal kurz wie alles anfing.
Ich bin ungefähr vor fünfeinhalb Jahren nach Barcelona gekommen. Dani habe ich auf Formentera kenne gelernt und er meinte zu mir: „Komm nach Barcelona, da geht’s voll ab“, denn ich bin ja eigentlich aus Valencia. Also bin ich nach Barcelona gekommen und wir haben am Anfang mehr als Kollektiv von Musikern zusammen gespielt, mehr Jam- Sessions halt. Dann haben wir ca. ein Jahr lang live gespielt und dann die „Vengue“ aufgenommen. Als wir allerdings mit der „Vengue“ auf Tour waren, haben wir bereits 6 Lieder von der „Bari“ auf den Konzerten gespielt. Stell dir das mal vor!

Das heißt also, ihr habt damals schon ziemlich viel Material zusammen gehabt?
Ja, wir hatten damals schon mehrere Lieder zusammen, konnten manche aber erst auf der zweiten CD veröffentlichen.

Findest du, dass der Ausstieg von Dani, ehemaliger Sänger von OJOS DE BRUJO, eine hörbare Veränderung auf der „Bari“ bewirkt hat?
Für mich war Dani nie in der Band. Ich meine, er war zwar am Anfang mit dabei, aber als wir als Band richtig anfingen und mit der „Vengue“ auf Tour gingen, war er schon mit MACACO unterwegs. Er war also nie bei den Konzerten dabei. Wir waren ja am Anfang auch mehr ein Kollektiv. Er hatte schon einige Lieder, die er geschrieben hatte, und ich kam dann mit meinen Liedern dazu. Aber als wir aber angefangen haben als Band zu spielen, war er schon nicht mehr mit dabei.

Wie erklärst Du Dir den großen Erfolg von OJOS DE BRUJO? Immerhin sind MACACO auch in Spanien und außerhalb bekannt, spielen aber in kleineren Sälen, während OJOS DE BRUJO das Razzmatazz ausverkauft haben, eine der größten Hallen für Konzerte in Barcelona.
Ich denke, wir sind einfach unseren Weg gegangen und sind uns selbst treu geblieben. Wir haben so weiter gemacht wie wir angefangen haben. Wir machen ja immer noch die gleiche Musik. Und die ist sehr gut. Wir geben ja auch nicht vor vom Ghetto zu sein.

Denkst Du, es hat auch damit zu tun, dass ihr weiterhin auf alternativen Fiestas, wie der in Gracia, spielt und auf unangekündigten Demos wie der vom D-Form? Soll heißen, Eurer Erfolg setzt sich aus zwei Seiten zusammen, und zwar der alternativen Seite, die weiterhin mit der Hausbesetzer-Szene verbandelt ist, und der Seite des Erfolges, die CD`s in aller Welt ver- und Hallen ausverkauft?
Ja, ich denke schon. Ich meine, wir haben alle noch Beziehungen zu der Hausbesetzer-Szene und werden weiterhin alternative Sachen unterstützen. Das hat sich nicht geändert.

Dieses Frühjahr habt ihr den „BBC World Music Award“ gewonnen. War das eine Überraschung für Euch oder wusstet ihr schon vorher darüber Bescheid?
Wir waren schon die letzten zwei Jahr nominiert, da denkt man sich dann schon so seinen Teil. Aber direkt wussten wir es nicht vorher. Aber wir waren letztes Jahr auf der Womex und da entscheidet sich eigentlich alles. Da hört man dann schon so einiges.

Ihr habt bereits auf mehreren Festivals in Deutschland, Ungarn, Mexiko und auch Marokko gespielt. Wie reagieren die Leute dort auf Eure Konzerte?
Die reagieren natürlich viel überschwänglicher als hier. Die hören uns ja dort zum ersten Mal und nehmen dadurch die Musik ganz anders auf. Es ist natürlich ein Unterschied, ob die Leute die Lieder schon mehrmals gehört haben, oder ob du vor einem Publikum spielst, dass die Lieder gar nicht kennt..

Das Konzert im Razzmatazz war offiziell das letzte der Tour in Spanien. Ihr fliegt jetzt erst mal in die USA und nach Mexiko für einige Konzerte dort und dann soll es eine Pause von einem Jahr geben, um die neue CD aufzunehmen. Wie sind die Pläne genau?
Ja, wir fliegen jetzt erst mal in die Staaten und werden u.a. in L.A., San Fransisco und Mexico City spielen. Danach haben wir alle Urlaub bis Februar, ich geh dann nach Venezuela und Cuba. Und ab Februar fangen wir dann mit den Aufnahmen für die neue CD an. Wir werden dann keine Gigs mehr in Spanien spielen, nur noch die ganz wichtigen in anderen Länder, z.B. in Japan oder auch Deutschland. Sonst kommen wir ja nie zum Aufnehmen. Und wenn alles gut läuft kommt die CD im Oktober raus. Eine DVD wird es auch geben.

Habt ihr schon einige Lieder fertig?
Ja, mehrere. Ich kann gar nicht warten anzufangen!

Ist der Druck jetzt größer, die neue CD mindestens genauso gut werden zu lassen wie die zwei vorherigen, da ihr ja quasi senkrecht durchgestartet seid?
Besser nicht drüber nachdenken. Ich weiß nicht, wir machen einfach weiter wie bisher und ich denke dann wird das alles schon. Unsere Musik ist ja immerhin gut und die neuen Lieder, die wir bis jetzt haben, gefallen uns allen richtig gut. Das wird vielleicht die beste Platte dann.

Hilft Euch Euer eigenes Label die „Fabrica de Colores“ dabei Eure CD in Ruhe aufzunehmen und somit auch die Qualität der Aufnahme zu verbessern? Immerhin habt ihr so nicht den Druck, so schnell wie möglich für viel Geld ein paar Tracks in einem gemieteten Studio aufzunehmen.
Ja, wir machen immerhin alles selber. Außer Javi, unserem Manager, und Judith, der Bookerin, kümmert sich die Band um alles. Die „Fabrica de Colores“ bringt übrigens im Februar die neue CD von MUCHACHITO raus. Das wird bestimmt gut, MUCHACHITO haben live eine Energie, die nur in wenigen Bands zu finden ist.

Wird es Kollaborationen auf der neuen CD geben?
Bis jetzt nicht, aber ich habe zum Beispiel mit NITIN SAWHNEY vier Lieder aufgenommen. Mit ihm werde ich bestimmt noch mehr machen. Und dann habe ich noch mit der senegalesischen Hip-Hop-Band aus Barcelona BLACK BAUDELAIRE ein Lied aufgenommen und eins mit SERGENTO GARCIA für sein neues Album. Da kommen also noch ein paar Sachen.

Na dann viel Erfolg. Danke für´s Interview.

Anne | So., 07. Nov 2004 | Interview

Ich hatte es echt nicht mehr für Möglich gehalten, daß mit ‘American Idiot' noch mal so ein beeindruckendes Album von GREEN DAY erscheint. Zu ihrer Hochzeit interessierten mich die Jungs von der East Bay nicht ein bisschen. Klar konnte man an Hits wie ‚Basket Case' oder überhaupt am Album ‚Dookie' nicht vorbeilaufen, ohne die damalige Hysterie mitzubekommen. Aber eigentlich war mir solch ‚Kommerz - „Punk“' ziemlich egal. 1998 zog es mich aber doch mal zu einem Konzert von ihnen. Zu einer Zeit, in der man nicht unbedingt die Angst haben musste, von kreischenden Teenies platt getreten zu werden. Zu einer Zeit, als ‚Nimrod', das Album Nummer 2 nach ‚Dookie', erschien und lange nicht an den Bestseller von 1994 anknüpfen konnte.

Heute hängt das Poster von damals noch immer an meiner Wand. Einen bleibenden Eindruck hatten sie also schon hinterlassen. Zwar wirkten sie an diesem Abend etwas lustlos und zertrümmerten auch wohl eher nur notgedrungen das Schlagzeug nach der Show, weil man es wohl von ihnen erwartete, aber trotzdem war es etwas Besonderes. Fragt mich nicht warum. Vielleicht war es der sympathische Umgang mit den Fans an diesem Abend. Die Dankbarkeit, doch auf echte Fans zählen zu können. Ja, das hatte mich beeindruckt. Und wenn andere Bands ihre frühen Alben und Hits manchmal verachten und auch nicht live zum Besten geben, hatten GREEN DAY damit überhaupt kein Problem. Nein, sie schienen damals wirklich noch immer Spaß daran zu haben, die alten Songs zu spielen. Und ich glaube, dass das auch heute noch so ist. Erstaunlich. Mit ‚American Idiot' haben sie aber nun eine Platte veröffentlicht, die vielleicht sogar an den, wenn nicht kommerziellen, zumindest aber doch an den „künstlerischen“ Erfolg von ‚Dookie' anschließen, diesen vielleicht sogar überflügeln könnte.

Vor vier Jahren erschien ihr letztes reguläres Studioalbum namens „Warning“. Es ist ein wenig untergegangen. Zu unrecht, wie ich finde. Wenn man aber jetzt ‚American Idiot' im Vergleich hinzuzieht, verständlich. Sie befanden sich wohl noch im Endstadium ihres Regenerierungsprozesses. Politischer und durchwachsender denn je. Mag jeder für sich entscheiden, ob das jetzt ein „Aufspringen“ auf den fahrenden Zug der „Anti-Bush Welle“ ist. Ich glaube aber, dass es trotzdem noch ziemlich mutig ist, ein Album mit dieser Aussage auf den (amerikanischen) Markt zu bringen. Lieber eine Stimme mehr als eine weniger. Das hatten wir doch schon mal, oder? Und wenn es so eine schöne und kraftvolle ist, umso besser.

Hey Tre Cool. Was denkst Du? Worüber können wir in 10 Minuten reden?
Keine Ahnung! Vielleicht über Mädchen? Mädchen sind immer gut. Aber sie müssen schlau sein. Intelligent. Aber, o.k., nein, hey, hier spricht Tre Cool von GREEN DAY, falls Ihr das hier gerade lest und nicht wisst, wer ich zur Hölle bin, ich sitze hier mit Mieschka und wir sprechen über AMERICAN IDIOT…

Na gut, dann lass es uns kurz machen und ein bisschen über das Album reden. Was denkst Du, hat sich im Gegensatz zur ‘Warning' verändert? Immerhin konnte ich das letzte Mal zusammen mit Euch dreien ganze 30 Minuten sprechen.
Ja, dieses Album ist ein Meisterwerk. Wir haben fast 18 Monate daran gesessen, es zu schreiben und aufzunehmen und wir haben keinen Plan, wie kommerziell erfolgreich es nun werden wird. Wir waren wirklich ehrgeizig und wollten etwas großes machen. Einfach aus einem Käfig ausbrechen, wenn Du so willst. Wir haben all unser Herzblut und all unsere Energie hineingesteckt. Wir haben uns aufgeopfert. Und alles zusammen in diese Platte gesteckt und nun sind wir aufgeregt wie kleine Kinder.
Jetzt ist die Platte draußen und alles läuft prima. Jeder will irgendwie mit uns reden. Deshalb hast Du wahrscheinlich nur 10 Minuten bekommen.

Kannst Du die Arbeit für das Album ein wenig beschreiben? Ihr habt wieder mit Rob Cavallo geartbeitet.
Yeah, er hat damals die ‘Dookie' gemacht. Jetzt ist er wieder zurück bei Warner Bros., unserem Label. Eine Weile lang hat er für ein anderes Label gearbeitet, so konnten wir nicht mit ihm zusammenarbeiten. Also hatten wir das in der letzten Zeit eben selbst gemacht…

Echt? Ihr hattet nicht die Möglichkeit, Euren Produzenten selbst zu bestimmen?
Er hatte eine Weile pausiert. Aber wollte unbedingt wieder irgendwas machen. Er war richtig hungrig auf dieses Projekt. Letztendlich war er immer der erste und der letzte im Studio. Jeden Tag.

Ich hab ja selbst fast nicht mehr daran geglaubt, aber nun bin ich doch auch überrascht. Habt Ihr noch mal mit so einem großen Medieninteresse gerechnet? Vor allem das Positive?
Wir mussten der Öffentlichkeit erstmal ein wenig auf die Sprünge helfen. Dies ist eine ziemlich durchdachte Platte. Das sind keine langweiligen Popsongs, das ist nicht Britney Spears' Toxic, das ist keine Volksverarschung. Das ist kein debiler PunkPop. Es ist irgendwie größer als alles andere, was wir bisher gemacht haben und ich denke, das kann jeder fühlen. Es lässt Dir die Haare im Nacken zu Berge stehen. Da gibt es eigentlich keine Erklärung für. Keine Formel. Das hatten wir 10 Jahre lang nicht. Es ist einfach fantastisch.

Zum Album gab es auch so eine nette Beigeschichte. Wer hat die geschrieben?
Ach diese Geschichte, wo der Typ da stirbt und erzählt: “Damals 2004, ich erinnere mich…“. Die ist großartig, stimmt. Wir waren einfach kreativ. Billie malt auch manchmal. Es ist so was wie eine Erzählung. Denn wenn Du Dir nur die Texte durchliest kann das schon manchmal etwas langweilig sein. Aber wir haben noch eine Version des Albums mit vielleicht 10 oder 20 Extraseiten. So mit Zeitungsausschnitten und Briefen. Sie sieht aus wie eine DVD. Sie ist größer und es sind auch mehr Bilder drin. Das ist wirklich cool und es macht auch das Album interessanter als ein normales Textblatt…

Es sieht momentan so aus, als ob ‘American Idiot' erfolgreicher als ‘Dookie' werden könnte. Denkst Du das auch?
Hmmh. Mal sehen. Das wird die Zeit zeigen. Wir haben auf jeden Fall schon mal einen besseren Start hingelegt. Das ist die größte erste Woche, die wir je für ein Album hatten. Ich glaube, es sind jetzt 1,5 Millionen in einer Woche gewesen. Es ist wirklich großartig. Aber wir müssten noch ein wenig aufholen, weil ‚Dookie' schon bei 30 Millionen liegt. (lacht) Also bräuchten wir noch 30 Wochen wie diese. Das ist fast ein ganzes Jahr. Wir werden sehen…

Ist es jetzt nach all dem auch wieder mal schön, auf die Bühne zu kommen und nicht jeder will gleich die alten Stücke wie ‘Basket Case' etc hören?
Ja, das ist großartig. Wir haben sie jetzt auch schon gespielt, bevor das Album raus gekommen ist. Wir konnten einfach nicht warten. Allerdings sind sie auch ziemlich schwierig zu spielen und so ist es wenigstens eine gute Übung. Meine Arme werden gerade immer breiter. Wie fucking Arnold Schwarzenegger…

Ist es hart, in einer Zeit wie dieser ein Album wie ‘American Idiot” in Amerika zu veröffentlichen?
Ich weiß nicht. Wir haben Amerika gerade verlassen, als das Album erschien. Wir sind nach Europa gegangen. Tja, und wenn wir jetzt zurückkommen, werden wir wohl entweder als Helden empfangen oder gesteinigt. Keine Ahnung, Wir müssen sehen. Aber ich denke schon, dass wir noch Willkommen sind. Sie ist schon etwas gefährlich, die Platte. Ich denke einige Leute werden schon ganz schön aufgeschreckt sein.

Und wer wird nun letztendlich die Wahl gewinnen? Bush oder Kerry? Ihr wart auch mit einem Song auf der ‘Rock against Bush' Compilation vertreten…
Ich hoffe mal Kerry. Ich denke, er kann es schaffen. Die Leute wissen, dass Bush ein Kriegsverbrecher ist. Er ist gegen die UN vorgegangen. Dieser Cowboy hat Menschen getötet und stielt Öl. Das ist offensichtlich…

Und ist Kerry die bessere Wahl?
Oh ja. Er erkennt wenigstens die Probleme. Er unterstützt nicht den Krieg. Er hat auch nicht diese Verbindungen wie George Bush sie hat. Firmen wie Hellaburton und Enron und andere Ölfirmen in Texas und so weiter. Sein Kapital ist Ketchup. (lacht) Er ist der Ketchup-Guy. Der Tomatensaucen-Mann. Er produziert sozusagen künstliches Blut und kein echtes. George Bush repräsentiert das wirkliche Blut und Kerry eben Ketchup. KETCHUP OVER BLOOD !!!

Hehe. Na dann soll es so sein. Hoffentlich. Wann kommt Ihr wieder nach Deutschland?
Im Februar wahrscheinlich. Da werden wir eine kleine Tour machen. Wir werden aber wahrscheinlich in kleineren Hallen spielen und es etwas kompliziert machen, die Tickets zu kaufen. Wir werden nicht in der Deutschlandhalle oder so spielen, obwohl es eine nette Location hier in Deutschland ist. Aber bei der nächsten Tour wird alles ein wenig kleiner ausfallen, weil Deutschland schon etwas Besonderes ist. So mit mehr Hysterie. Die Fans sind einfach verrückter, wenn die Halle kleiner ist. Also haltet die Augen auf und erkundigt Euch nach den Tourdaten…

mieschka | So., 17. Okt 2004 | Interview

... Ein Abend mit DAILY TERROR oder Die Punkkomm in Berlin...

Ja, POPKOMM in Berlin. Das erste Mal, seit dem wir die große Popmusikmesse den Rheinländern abgenommen haben. Eigentlich nicht unbedingt erwähnenswert. Aber so hatte man an jenem Wochenende im Oktober doch seit langem, gerade auch wegen des Sommers, mal wieder eine recht große Auswahl an Konzerten und Parties in der ganzen Stadt, die schon mal mit dem ein oder anderen musikalischen Leckerbissen aufwarten konnten. So auch an jenem Samstag.

Im WILD AT HEART standen RED LIGHTS FLASH und PIPEDOWN auf der Bühne, im Kesselhaus konnte man den BONES, MAD SIN und DEADLINE lauschen… Und und und. Ja und was mache ich? Ich gehe in die alte Feuerwache in Schöneweide, lass mich auf dem Weg dorthin von ein paar Disco-Prolls dumm anmachen und schau mir 100. Mal DAILY TERROR an. Bitte? DAILY TERROR?

Nein, ich hatte nicht das Verlangen, noch mal die alten Säcke das 1000. Mal dabei anzusehen, wie sie die alten Stücke, die zugegebenermaßen auch meine Jugend mitgeprägt und begleitet haben, runterspielen. Ich wollte sie in guter Erinnerung behalten. Außerdem hatte ich sie ja schon (zu?) oft gesehen. Ich habe mich ja lange Zeit dagegen gewehrt, Pedder & Co. abzuschreiben. Solln sie doch ihre Mucke machen. Vielleicht kann ich es ja eines Tages auch nicht lassen. Aber als ich in der Feuerwache ankam, bekam ich dann doch das zusehen, was ich in etwa erwartet hatte. Pedder hätte ich dabei beinahe noch übersehen, obwohl er, wie immer, in roter Bomberjacke und stark ergrautem Haar am Merchstand stand. Dazu vielleicht 60-70 Kids, die natürlich konsequenterweise die, zugegebenermaßen nicht gerade tollen Vorbands ignorierten. Da fragte ich mich das erste Mal – Warum tun die sich das noch an? Aber, hey man, was soll das? Können sich die Kids nicht wenigstens auch mal die anderen Bands anschauen, anstatt gemeinsam vor dem Club rumzuhängen und nur auf die „Hauptband“ zu warten? Was Neues entdecken? Immerhin war mit CONTRAST die selbsternannte „schlechteste Band Europas“ am Start. Was wird bloß aus unserer Jugend...? Dafür hatte ich aber viel zu lachen. Das Set von CONTRAST fing nämlich wie folgt an: Sänger & Gitarrist: „Ja, ich weiß zwar nicht, wo sich unser Basser gerade befindet. Vielleicht aufm Klo oder so. Aber wir fangen einfach mal an… Unser erstes Lied heißt "Scheißsong". Göttlich!

Jedenfalls sprach ich kurz Pedder an, wo ich denn Gunnar finden könnte, und der wies mir den Weg in einem gerade noch so verständlichen Brabbeln. Ja, Gunnar von DRITTE WAHL war eigentlich der Hauptgrund meines Besuches. Schon lange hatte ich ein Interview mit geplant, was eigentlich zum Erscheinen ihres letzten, fast ausschließlich englischsprachigem Album "Tooth for Tooth" veröffentlicht werden sollte. In der Folgezeit hatten wir aber beide viel zu tun, dann war er im Urlaub, dann war ich im Urlaub und irgendwie hat es sich eben hingezogen. Dann bekam ich die Mail von Gunnar, ob ich eben am 2.10. nicht Lust hätte in der Feuerwache vorbeizuschauen und bei einem Bier über dies und jenes zu reden. Bis zum Abend selbst, als ich dann mit Gunnar sprach, wusste ich noch nicht, dass er die alten Herren am Abend auf der Bühne unterstützen würde. Einen Tag zuvor in oder bei Dresden übrigens auch schon. Warum, dass könnt Ihr dem untenstehenden Interview entnehmen. Außerdem wollte ich ihn ein bisschen darüber ausfragen, wie es denn nun Buschn geht, der ja bekanntlich derzeit schwer krank ist. Ich hatte sehr gehofft, bessere Neuigkeiten zu erfahren. Wie der Stand der Dinge dazu ist, könnt Ihr ebenfalls unten nachlesen. Aber genug der Trauer, ich bin mir sicher, dass wir Gunnar & Co. bald wieder auf der Bühne erleben können. Hier oder dort. Mal sehen.

Jedenfalls blieb ich nicht mehr all zu lange. Teils deshalb, weil ich müde war, teils deshalb weil ich irgendwie das Gefühl hatte, die Zeit wäre stehen geblieben. Das hatte ich haargenau schon so vor Jahren erlebt. Aber ich will doch nicht stehen bleiben… Komisch. Woanders auch nicht mehr, weil die Zeit leider schon zu weit vorangeschritten war, als dass ich noch eine andere Band irgendwo mitbekommen hätte. Gunnar war jedenfalls mit Abstand noch der fitteste auf der Bühne – und/aber ich bin mir nicht sicher, ob er sich dabei wohl gefühlt hat. Ich freue mich jedenfalls auf ein Comeback mit Krel und Buschn.

Hey Gunnar! Wie geht's? Bist Du im Rahmen der Popkomm hier in Berlin beruflich unterwegs oder was? Oder einfach nur zum Spaß?
Ich dachte, die wäre schon gelaufen… Nee, im Rahmen der Punkkomm vielleicht. Aber nee. Das interessiert mich eigentlich nicht.

Du bist hier heute mit DAILY TERROR unterwegs… Buschn hat vor 2 Jahren, glaube ich, auf dem FORCE ATTACK bei EXPLOITED mitgespielt. Seid Ihr jetzt so ´ne Art Aushilfsband? Kann man Euch mieten?

Naja… So'n bisschne, ne? Nee, das hat sich halt so ergeben, ich kenn die schon lange. Wir haben einfach mal telefoniert und da kam so raus, dass der eine Gitarrist von DAILY TERROR oft am Wochenende nicht kann, weil er Arzt ist und arbeiten muss. Naja und ich habe im Moment keine Band, mit der ich spielen kann und hatte Zeit und Lust, unterwegs zu sein und bin eigentlich ganz froh, dass ich das machen kann.

Eigentlich wollte ich das Interview ja schon viel früher mit Dir machen. Aber erst warst Du eine ganze Zeit im Urlaub und dann hatten wir beide ´ne ganze Menge zu tun. Du warst ziemlich lange in Norwegen unterwegs. War das ein privater Urlaub, Geschäftsreise oder musstest Du einfach nur mal raus?
Ja, 2 Monate. Das hatte ich mir so vorgenommen, bevor mein Bengel zur Schule kommt, weil dann geht das ja nicht mehr so richtig. Da wollte ich einfach mal ´n bisschen länger weg fahren. So mit Familie und so. Ja, haben wir gemacht. Wale angucken und bis zum Nordkap hoch und so. Super. Da sind wir so rundgereist. Ich hab so'n alten Mercedes-Bus, wo man so drin schlafen kann und so. Mit dem sind wir so rumgefahren. Kein Pauschalurlaub. Wir haben viel geangelt und viel angeguckt. Einfach so.

Nach 2 Liveplatten, na sagen wir 1 1/2, jetzt eine Platte mit fast ausschließlich alten Songs auf Englisch gesungen... So was kannte ich bis dato nur von den TOTEN HOSEN. Wie kamt Ihr denn auf die Idee? Wie passt das zusammen? Wollt Ihr jetzt auch den "Markt" in Übersee erobern oder hattet Ihr einfach keine neuen Ideen?
Also die Idee war natürlich schon da, dass wir ´n bisschen raus wollten, ne? Wir waren ja letztes Jahr mit EXPOITED ´n bisschen im Ausland unterwegs und es kam eigentlich ganz gut immer, aber mit deutschem Gesang ist man doch immer für viele so´n bisschen exotisch. Also die Franzosen aber auch die Holländer und die Belgier hören das gar nicht so richtig gerne. Aber der eigentlich ausschlaggebende Punkt war der, dass wir über das Internet jemanden kennen gelernt haben. Aus England irgendwie. Da kam irgendwie so´n Kontakt zustande und dann stellte sich heraus, dass er Deutsch-Englische Übersetzung studiert und der hat uns das angeboten, die Texte zu übersetzen, sonst wären wir nie auf die Idee gekommen. Wohl, weil wir das auch nicht gekonnt hätten. Naja und dann hatten wir die übersetzten Texte und was sollten wir dann andres machen? Jetzt mussten wir ja… Waren wir in Zugzwang sozusagen (lacht). Aber war auch mal interessant, das auszuprobieren, ob das überhaupt funktioniert so rum.

Wurden jetzt die Texte denn großartig verändert?
Ja, er hat sie schon ein bisschen verändert. Der hat mir das extra immer so geschickt, da waren immer so 3 Texte nebeneinander, erst mein deutscher, dann sein englischer und dann wieder ne deutsche Version von seinem Englischen. Für die Sachen, die er so geändert hat. Weil, dass der Sinn halt bleibt, aber klar, von den Zeilen her musste er eben ab und zu mal ran. Ich glaube, er hat das ganz gut gemacht. So richtig beurteilen kann ich es natürlich nicht, weil ich nicht weiß, wie gut das ist.

Ihr habt die Songs auch noch mal neu aufgenommen, so wie ihr sie jetzt live ab und zu spielt. Hat das Spaß gemacht und wie war es dann im Studio, die alten Songs jetzt noch mal auf Englisch zu singen? Hatte da noch mal richtig das Feeling oder war es einfach nur ein stupides Ablesen vom Textblatt?
Naja, wir hatten das natürlich schon ein bisschen gelernt. Aber es ist natürlich schwierig. Schon alleine, wie man das vernünftig ausspricht…

Glaub ich Dir gern. Es gibt ja viele deutsche Bands, die eben auch englisch singen und es sich dann grauenhaft anhört. Bei Dir klingt das auf Platte ja noch ganz gut. Aber bei Buschn läuft's mir manchmal eiskalt den Rücken runter…
Na. Naja. Es ist natürlich auch ne Herausforderung an uns gewesen und ich denke, dass jeder vielleicht auch hört, dass wir keine Engländer sind. Aber das eben auch so. Das hört man eben bei vielen deutschen Bands. Es ist ja leider so, dass der Englischunterricht in Deutschland nicht so besonders ist. Mittlerweile geht's ja auch schon sogar bei den Kids. Aber bei uns damals noch im Osten, da war das nicht so doll mit Englisch lernen. Man traf ja auch nie einen, der auch wirklich mal englisch sprach (lacht). Waren ja auch alles Leute, die nie in England waren, die das einem da beigebracht haben. Und das Schulenglisch…. Naja. Aber, och, das war ´ne spannende Geschichte und wir haben das gar nicht sooooo ernst genommen. Die Reaktionen waren natürlich auch durchwachsen. Manche fanden's gut und manche fanden's scheiße. Aber damit hatten wir eigentlich auch gerechnet.

Und vom Ausland? Was gab es da so für Feedback?
Also bis jetzt auch noch nicht wirklich viel. Also wir haben ´n paar Kritiken gekriegt, irgendwie. Aus Amerika, sogar Kanada. Solche Sachen. Aber das sind auch eher so Einzelfälle. Wir haben dort auch Interviews gegeben. Aber ich weiß jetzt nicht, ob das jetzt wirklich auch ´ne Masse von Leuten interessiert, oder ob das einer ist, der mal ausgewandet ist und das für sich macht. Keine Ahnung. Wir hätten jetzt gerne auch Ende des Jahres mal außerhalb gespielt, weil ich glaube, darüber müssen wir das auch irgendwie machen, Frankreich oder so… `N bisschen touren. Aber dadurch, dass Buschn jetzt krank ist, ist das natürlich nichts mit touren.

Seid die Platte draußen ist, habt Ihr ja auch noch nicht weiter gespielt, oder?
Nee. Haben wir nicht.

Wie läuft denn sonst der Verkauf der Platte? Ihr macht das immer noch alles in Eigenregie, oder? Wird sie denn auch außerhalb Deutschlands vertrieben? Und ist denn auch mal eine Tour in England oder so geplant?
Ja, jetzt auch noch nicht so doll. Sie wird schon außerhalb verkauft. Offiziell schon, aber ich weiß jetzt nicht wie die Nachfrage da so ist. Ich mein, wir haben ja ´nen Vertrieb. Ich krieg das immer gar nicht so doll mit, wohin die das nun verkaufen. Aber ich glaube da läuft auch nicht so viel. Wenn man in den Ländern auch nicht bekannt ist, dann stellen sich das die Plattenläden auch nicht rein. Man muss eben versuchen, dass man da irgendwie hinfährt und da spielt. Das ist der Weg, denke ich. Für uns jedenfalls. Oder man sucht sich ´ne große Plattenfirma, die das dann da vernünftig promotet.

Aber ihr habt ja erstmal Euer eigenes Label. Ihr habt ja mit der zweiten Live-Platte damit angefangen, oder?
Gunnar: Ja, mit der zweiten. Mittlerweile haben wir ja alle Platten jetzt bei uns.

Aha. Macht das nicht ´ne Menge Arbeit, das alles unter einen Hut zu bringen? Und die dann auch ordentlich zu vertreiben?
Gunnar: Ja, aber macht ja auch Spaß, wenn du was für dich selber machst, dann fetzt das ja auch. Außerdem… Naja. Ist auch ein bisschen bitter, im Nachhinein mitzukriegen, was so mit Leuten passiert, mit denen man so zusammenarbeitet, wie die sich so verändern. Und was auch so Geld aus ´ner Freundschaft macht, ne? Ja, wir sind auch ein bisschen enttäuscht darüber, wie es so gelaufen ist. Früher so die ersten drei Platten, die sind ja bei Amöbenklang raus gekommen und das läuft irgendwie alles total beschissen. Ja und da haben wir uns echt gedacht, dann machen wir das lieber allein. Und dann können wir das auch selber verantworten, was da passiert.

Und mit DRÖÖHNLAND? Gab es da auch solche Probleme?
Gunnar: Nö. Ach wo. Das war einfach ´n persönliches Ding damals, dass wir nicht mehr in dieselbe Richtung gehen wollten. Und ich denke mal nach 10, 15 Jahren, die wir das zusammen gemacht haben ist das ganz normal. Da haben wir irgendwann gesagt: „Mensch, mach doch jetzt deins…“, er macht ja jetzt RUBBERSLIME und so was. Und wir machen unsers.

Leider sind ja hier in letzter Zeit einige Konzerte ausgefallen. Weil eben Buschn krank ist. Sieht es denn mittlerweile schon wieder besser aus? Was hat er denn genau?
Gunnar: Ja, man kann nichts sagen. Man kann nicht reingucken. Er macht ja ´ne Chemotherapie. Ja, und ob das nun anschlägt oder nicht… Magenkrebs hat er. Das weiß eigentlich auch jeder. Ich wollt's nur nicht auf die Seite schreiben, weil das so komisch aussieht. Schreibt man da irgendwie nicht hin, finde ich. Er hätte das wahrscheinlich auch nicht gewollt, dass das da so steht.

Und wie geht er damit um?
Gunnar: Ja, ziemlich offensiv. Es weiß auch eigentlich jeder, er macht da kein Geheimnis draus. Ich meine letztendlich sieht man es ihm auch mittlerweile an. Die Haare sind ab und er ist auch sehr dünn geworden und schlapp. Man sieht's ihm einfach an. Das ist ganz schön bitter.

Aber ich habe heute bei Euch auf der Seite gelesen, dass Ihr jetzt im November ins Studio gehen und eine neue Platte aufnehmen wollt.
Gunnar: Ja, ja. Das auf jeden Fall. Deswegen haben wir das jetzt auch so schnell anberaumt, weil er auch irgendwie mit jeder Chemostaffel ´n bisschen schwächer wird. Und ich hab auch ´n bisschen Angst, dass wir das Anfang nächstes Jahr vielleicht gar nicht mehr so richtig zusammen machen können. Ob er da noch die Lust und die Kraft hat…!? Ist vielleicht zu befürchten, dass es vielleicht nicht ist. Vielleicht ist dann aber auch schon wieder alles gut. Ich weiß nicht. Keine Ahnung.

Aber mal zur neuen Platte, wenn Ihr jetzt wieder ins Studio geht. Angenehme Neuigkeiten. Was erwartet uns denn da als geneigter Hörer. Und vor allem – Wann kann man das Teil dann erwarten? Einen Song gab's ja jetzt schon auf der „Tooth for Tooth“ in Englisch und der sollte ja dann eben mit ´nem deutschen Text kommen, oder?
Gunnar: Genau. Der kommt auf Deutsch drauf und der Rest ist natürlich auch deutsch. Aber ganz neue Sachen. Und ja, ich glaube, dass wird wieder ´ne relativ typische DRITTE WAHL – Platte sein. Also es wird nicht so die gravierenden Änderungen geben. Und die soll Anfang nächstes Jahr kommen. So'n ganz genauen Plan haben wir noch nicht, weil wir noch nicht wissen, wie wir das mit dem Mischen schaffen. Wir müssen immer gucken, wie diese Chemostaffeln liegen. Das Buschn auch Zeit hat. Aber wir haben auch nicht so'n Termindruck. Wir nehmen das jetzt auf, das ist mir wichtig und dann mischen wir das irgendwie in Ruhe und ich hoffe, dass im Frühjahr nächstes Jahr alles fertig ist.

Das kann man jetzt wahrscheinlich noch nicht sagen, aber werdet Ihr dann vielleiht auch wieder auf Tour gehen?
Gunnar: Nee, das wird in absehbarer Zeit, denke ich, nichts. Ich hoffe mal, dass wir irgendwann mal wieder ein Wochenende im Monat wieder losfahren können…

…Ihr seid ja auch arschviel getourt die letzten Jahre. Ist man da nicht vielleicht auch mal froh, zu Hause zu sein?
Gunnar: Ach wir hatten uns auch gut daran gewöhnt und es ist auch einfach schön, unterwegs zu sein. Also mir fehlt es, wegzufahren. Wir machen das seit 10 Jahren so intensiv und, tja, ich weiß gar nicht, was ich machen soll. Jedes Wochenende zu Hause… Ist irgendwie komisch…

Apropos Tour – Auch dieses Jahr ward Ihr wieder nicht beim FORCE ATTACK dabei. Wie sehen denn die Chancen aus, dass man Euch da mal wieder auf der Bühne sieht? Weil, irgendwie verbindet man das Festival ja schon ein wenig mit Euch.
Gunnar: Ja, also theoretisch möglich ist das auf jeden Fall. Man soll ja nie „Nie“ sagen (lacht). Ich weiß es nicht. Im Moment ist es halt so - Wir fragen ihn nicht und er fragt uns nicht. Ach, ich weiß auch nicht so genau. Ich finde, für uns ist es vielleicht auch mal ganz gut, uns da raus zu halten. Wir waren ja nun wirklich jedes Jahr, immer dabei. Und da kann man sich ja auch mal zurückhalten. Es gibt ja auch andere gute Bands…

Aha. Welche denn? Was hörst Du denn so gerade?
Gunnar: Mmhh, die neue RAZZIA finde ich ganz gut. Ich finde auch die neue NoRMAHL ganz gut. Diese „INRI noch was…“. Ja und ansonsten meistens den alten Stoff. Die alten Klassiker.

Die Bundesliga hat ja jetzt endlich wieder begonnen. Ihr habt doch mal die KOLLEKTIV HEIN BUTT - EP gemacht. Seid Ihr wirklich so große Fußballfans? Trifft man Euch immer noch jeden 2. Samstag im Stadion? Welchen Platz macht Rostock am Ende der Saison?
Gunnar: (lacht) Das ist ´ne gute Frage. Nach dem heutigen Spieltag, da weiß man das auch nicht wirklich. Also ich hoffe schon, dass sie es irgendwie auf den 15. Platz schaffen. Buschn hat, glaube ich, sogar ´ne Jahreskarte. Ich gehe selten mal hin. Letztenendes geht auch Buschn selten hin, weil wir ja fast jedes Wochenende unterwegs sind. Da spielen die ja immer. Sonnabends sind wir ja meistens nicht da gewesen. Gegen Wolfsburg wollte ich eigentlich hingehen. Aber da war so'n Scheißwetter und die haben ja auch verloren hinterher und da war ich auch froh…

…man wird ja auch alt…
Gunnar: …jaja, genau. Ist zwar überdacht, aber es weht ja auch so rein (lacht). Nachher war ich dann auch froh, dass ich das nicht gemacht hab. Weil irgendwie ärger ich mich dann auch, wenn du hingegangen bist und die spielen so scheiße. Das ist dann auch irgendwie blöd.

Ah, wo wir grade mal bei Kurzfragen sind - Wer wird denn gewinnen - Bush oder Kerry?
Also ich finde es traurig, dass man darüber noch spekulieren muss. Also die Amis sind ja echt ein beklopptes Volk. Also das die wirklich allen Ernstes…, dass der Bush da überhaupt noch den Hauch einer Chance hat ist ´ne Schande. Nicht zu fassen. Obwohl, der andere ist, glaube ich, auch nicht viel besser. Auch so'n alter Kriegsveteran. Ich kenn den ja auch nicht so, aber ich verspreche mir da auch nicht ´ne grundlegende Politikänderung von dem Typen. Wenn er's überhaupt schafft…

Ist das vielleicht eine Thematik eines Songs auf der nächsten Platte?
Gunnar: (lacht) Ja, wird auch Thematik sein…

Ja, dann bin ich mal gespannt. Noch ein paar letzte Worte?
Gunnar: Was soll ich sagen (lacht)? Leute, lasst Euch vom langen Winter nicht unterkriegen!

mieschka | Sa., 09. Okt 2004 | Interview

Die Leute von Casino Gitano hatten ja schon eine Weile auf sich aufmerksam gemacht und sich durch sämtliche Läden Deutschlands gespielt. Doch letztlich haben wir es erst jetzt geschafft ein Interview mit der Live-Tango-Clash-Gipsy-Hardcore-Combo zu machen. Was aus einem Soli-Konzert für einen Freund entstand, ist jetzt zu einer festen Formation von Leuten aus aller Herren Länder und Szenen geworden, die sich durch nichts den Spass nehmen lassen und auf jeden Fall wissen, wie man die Party am Laufen hält. Na dann mal Prost Leute und auf dass die nächste Runde Tequila serviert wird!

Casino Gitano zeichnet sich ja dadurch aus, dass ihr, wie sich dass für eine Gipsy-Combo gehört, ziemlich bunt gemischte seid. Woher kommen denn alle so?
Kai: Die Violinin ist aus Schweden, die Flöten-Spielerin aus der Schweiz, der Sänger ist aus Paris, die Sängerin hier, Ivana, aus Barcelona, die Tänzerinnen aus Alicante, Andalusien, von den zwei Flamenco-Spielern kommt einer aus Serbien und einer aus Sizilien....

Und der Mann mit dem Cajon?
Kai: Der kommt aus Deutschland. Wir machen das immer so, der Flamenco aus Serbien, das Cajon aus Deutschland....

Wo habt ihr denn eure musikalischen Wurzeln?
Ivana: Im Osten, und aus dem Süden Spaniens. Aber die meisten Einflüsse kommen aus dem Osten.
Kai: Typische Sachen vom Balkan, Arabisch, Gipsy-Musik halt.

Und wie würdet ihr euren Stil beschreiben? Ich habe nämlich versucht, eine Beschreibung für das zu finden, was ihr macht, bin aber zu keinem schlüssigen Ergebnis gekommen.
Ivana: Unsere Musik hat etwas sehr freies, da es ja Musik der armen Leute ist, Musica de la Fiesta.
Kai: Ja, aber wir haben auch immer etwas punkiges...Wir mischen alles ein bischen und ändern es ab. Unser Sound ist etwas dreckiger. Es ist nie nur Tango oder Flamenco.

In was für Bands habt ihr vorher gespielt?
Ivana: Uff, Kai hat da einen langen Lebenslauf....
Kai: Ich habe vorher in Punk-Bands gespielt, auch mal eine Mischung aus Hardcore. Bands wie The Fuck You Crew, Jelly Confetti, Kumpelbasis...
Ivana: Für mich ist es das erste Mal, dass ich in einer Band singe. Vorher hab ich gar nichts in der Richtung gemacht.

Ihr habt ja auch schon im Ausland gespielt. Wo hat es euch da hinverschlagen?
Ivana: Wir waren schon in der Schweiz, in Italien, Österreich und natürlich in Deutschland. Von Deutschland kenn ich jetzt echt alles, man....

Und wo geht es demnächst noch hin?
Ivana: Nach Russland. Wir haben da ein Projekt in St. Petersburg.
Kai: Ja, Moskau, St. Petersburg. Wir werden dort ein paar Lieder aufnehmen und dann zwei Konzerte spielen. Wir bleiben so eine Woche dort, una semanita de fiesta...
Ivana: Wir können leider nicht länger bleiben, weil die Mehrheit der Band arbeiten gehen muss oder Kinder hat.
Kai: Ja, aber ich hätte auch Lust in Romänien zu spielen. Oder Spanien, Italien...

Gibt es denn noch Pläne für Konzerte in anderen Ländern?
Kai: Ja, im nächsten Jahr.

Ihr habt euch ja alle hier in Deutschland zusammen gefunden und wohnt fest in Berlin, die meisten in Kreuzberg. Was verbindet euch mit Berlin oder Kreuzberg?
Ivana: Ja, zum Franken und Trinkteufel haben wir eine sehr starke Bindung...
Kai: Ja und zum Bauwagenplatz hier in Kreuzberg...
Ivana: ...weil drei von unserer Band, die Violinistin, die Flöten-Spielerin und ich, dort wohnen. Ja man, we are white trash.

Ihr habt einige Konzerte mit Banda Bansotti und Fermin Muguruza gespielt. Was für eine Verbindung habt ihr zu diesen Bands?
Kai: Ich denke, wir haben die gleiche Vorstellung im Kopf. Und die gleichen Leute organisieren die Konzerte. Es kann aber auch genauso sein, dass wir nächstes Mal mit einer anderen Band spielen als Banda Bassotti.

Worin seht ihr den Unterschied zwischen einer Band wie euch, die sich dadurch auszeichnet, dass sie viel live spielt, und einer Band, die immer nur CD´s produziert und nur einmal im Jahr auf Tour geht?
Kai: Das kann ich dir sagen du, das kann ich dir sagen! Komm mit uns mal ein Wochenende mit und dann wirst du schon sehen, was der Unterschied ist!
Ivana: Son locos...
Kai: Sehr Energetisch, wir machen weiter und weiter und weiter...
Ivana: Die Tänzerinnen sind die schlimmsten...
Kai: In einer Stunde schlafen sie wie in acht. Und dann stehen sie voll frisch wieder auf ...
Ivana: Ja, aber Kai ist eigentlich der, der der nie schläft!

Zurück zur Musik. Worum geht es bei Lalito quiero ver?
Kai: Lalo ist ein Freund von uns aus Berlin der nach Barcelona gegangen ist und wir wollten uns dort mit ihm treffen. Aber er war letztlich gar nicht dort, sondern im Baskenland. Und später haben wir nur noch gehört, dass er in Madrid sei und letztlich in den Pyrinäen.
Ivana: Ich kenn ihn gar nicht. Ich singe zwar das Lied, aber an dem Tag, wo er den Song mal hört, wird er wohl aus allen Wolken fallen, weil ich ihn gar nicht kenne.

Ihr habt ja auch einen Remix von diesem Song gemacht. Was denkt ihr über die neue Entwicklung traditionelle Musik mit Elektro zu mischen, wie es auch Bands wie Ojos de Brujo oder Macaco machen?
Kai: Wir sind da ganz offen. IN den kommenden KOnzerte haben wir auch eine DJ dabei. Mals ehen wie das wird.
Ivana: Ja, aber eigentlich ahben wir einen anderen Stil, mehr Party, mehr gipsy...

Wollt ihr mehr Remixe in der Art machen oder bleibt es bei der akustischen Musik?
Ivana: Das wäre schon gut...
Kai: Gruppen wie Ojos de Brujo haben ja auch einen DJ. Das hängt halt immer davon ab, wir sind da ganz offen.
Ivana: Aber eigentlich machen wir mehr fiesta natural, mehr akustik.
Kai: Wir brauchen keine Elektrizität...

Ende. Danke für das Interview.

Anne | Do., 16. Sep 2004 | Interview

Manchmal geht aber auch alles daneben, was man sich nur vorstellen kann. Wenn es wenigstens bei mir aufhören würde. Aber nein. Patrick, der dankenswerter Weise letztendlich meine ausgedachten Fragen der Band stellte und ihnen das Mikro unter die Nase hielt musste auch noch dran glauben. Aber dazu später. Ich musste also arbeiten. Schön zwar, daß die Mädels von FABULOUS DISASTER bei mir im Hostel übernachteten und später auch reichlich Alkohol floss, aber leider konnte ich nicht zum Konzert und Interview mit DISTRICT.

DISTRICT sind mir seit längerem bekannt. Zumindest vom Namen. Musikalisch kannte ich letztendlich nur einen Song von ihnen, der sich mal auf einem DIRTY FACES - Labelsampler befand. Aber egal. Denn als das neueste Machwerk „Don´t mess with the hard punx“, nach diversen Singles und Splitveröffentlichungen der erste Longplayer der Band überhaupt, in meinem Briefkasten und etwas später in meinem CD-Player lag, war ich hin und weg. Poppunk gibt es ja in letzter Zeit eine ganze Menge. Aber Poppunk, der auch in den Arsch tritt, gab es meines Wissens lange nicht mehr. Gern wäre ich beim Interview selbst anwesend gewesen, zumal ich bei einigen Fragen schon gern mal nachgehakt hätte. Zum Beispiel die Sache mit conservativepunk.com oder der Sache mit den REVOLVERS, wo ja Marc bis vor kurzem noch spielte bzw. noch spielt. Das hatte mich schon überrascht, erfuhr ich doch erst aus diesem Interview davon. Aber ehrlich gesagt konnte man sich das ja schon fast denken, zumal Uwe Umbruch, Gitarrist der REVOLVERS, jetzt auch noch bei den SCHWARZEN SCHAFEN eingestiegen ist. Wohlgemerkt als 3. (!!!) Gitarrist. Aber zurück zu DISTRICT. Ich mach´s mal kurz. Die Platte ist geil und ich kann mir vorstellen, daß sie auch live ziemlich einen loslegen. Schaut sie Euch an. Ich bin mir ziemlich sicher, Ihr werdet es nicht bereuen. Und nun gebe ich weiter an Patrick… [mieschka]

Es ist Samstag der 21. 08. und ich habe soeben erfahren das ich der einzige bin, der Zeit hat das Interview mit DISTRICT am selbigen Abend im Wild at Heart zu machen. Das wäre an sich gar kein Problem gewesen, wenn ich schon mal ein Interview gemacht, mehr als drei Stunden schlaf in der vergangenen Nacht, verdammt noch mal nicht einen solchen Kater und die Band wenigstens ansatzweise gekannt hätte. Aber als aufopferungsvoller Vollprofi sollte mich das alles nicht schocken. Ich zu Mieschka gefahren, Fragen und MD Recorder (incl. Kurzer Einweisung a la: Da musst du draufdrücken, dann klappt dat) abgeholt und schnell ab nach Kreuzberg. Nach ein paar Fragen fand ich auch raus wer meine Gesprächspartner waren und diese erklärten sich auch sofort freudig bereit sich meinen Fragern zu stellen. Nicht einmal meine Beschreibung der, nun ja,unvorteilhaften Bedingungen konnten die Überaus freundlichen Burn (drums) und Marc (voc/git) aus der Ruhe bringen (die sich sogar ernsthaft darum Sorgen machten das ja noch genug Bier für die andere Band im Backstageraum verbliebe) und so begann das Interview. Die Jungs fühlten sich mit dem Mikro vor der Nase offensichtlich etwas unwohl und fingen einsilbig an, dann allerdings, ja dann, passierte es und nach Frage 6 kackte der MD Recorder ab so das ich mich gezwungen sah den Rest der Antworten (ab Frage 7) per Hand festzuhalten. Diese sind deswegen hier nicht wörtlich sondern sinngemäß zu verstehen. Problematisch für mich, aber riesig fürs Interview war auch, daß sie ohne Mikro ganz plötzlich seeeehr gesprächig wurden. Es ging also schief was schief gehen konnte, aber es ist wohl trotzdem ein interessantes Interview geworden. Mieschka hat ja schon einiges über die Band geschrieben und von daher kann es ja eigentlich auch schon losgehen. Ich wünsche mir ein wenig Mitleid und Euch viel Spaß beim lesen, oder so. [patrick]

Hey! Wie geht´s? Schön, wieder hier zu sein? Ihr ward gestern auf dem ENDLESS SUMMER Festival in Torgau. Wie lief's da?
Naja. Die waren da sehr verhalten, irgendwie. Aber dann…. Immer mehr. Zum Schluß. Organisatorisch…. Eigentlich o.k., kann man nicht anders sagen. Und Leute alle nett. Naja, ‚n durchwachsenes Publikum. Am Anfang des Konzerts waren sie alle noch ein bisschen müde und dann wurde es halt immer besser. Glaube ich. Wir haben ja auch sehr früh gespielt. Was heißt ‚Sehr früh'? Um acht war es, glaube ich. Aber hinterher wurden se halt warm.

Ihr solltet heute mit VOICE OF A GENERATION spielen. Die spielen ja nun morgen. Dafür dann heute mit den SIN CITY CIRCUS LADIES… Gibt es da so was wie ´ne Bandfreundschaft oder hat man das Konzert einfach nur so zusammengelegt, weil es gepasst hat?
Ich kenn zwar jetzt den Schlagzeuger persönlich, weil ich mit denen schon mal auf Tour war, also wir zusammen mit der TERRORGRUPPE gespielt haben. Aber die sind jetzt einfach eingesprungen. ´Ne Berliner Band und das passte jetzt einfach mal. Eigentlich sollten wir ja mit VOICE OF A GENERATION spielen. Das ist aber verlegt worden auf morgen. Da haben sich die Jungs aber bereit erklärt, das zu machen. Damit wir noch ´n zweiten Gig haben hier. Sonst wären wir ja nur für das ENDLESS SUMMER hergekommen… Obwohl ENDLESS SUMMER geil war. Trotzdem wäre die Fahrerei für ein Konzert ziemlich blöd gewesen. Logisch.

Im Oktober kommt Ihr zurück und spielt mit den SHOCKS und den SHAKIN' NASTIES. Passt das vielleicht eher? Habt Ihr da `ne Verbindung zu den Bands?
Naja. Also die SHOCKS kennen wir eigentlich ganz gut. Sie SHAKIN' NASTIES nicht so. Aber naja. Mit denen können wir halt. Wir sind auch bei der gleichen Bookingagentur. Von daher hat man uns da wahrscheinlich zusammengepackt, weil's musikalisch ja auch ganz gut passt. Wir können auch bei den SHOCKS pennen. Das ist schon mal gut. Dann haben wir auch gleich ´n guten Pennplatz.

Bisher schien es ja so, als wenn DISTRICT eher so was wie `ne Hobbyband gewesen ist. Ein Siteproject von Euch. Mit Label und `ner richtigen Platte scheint es aber jetzt so, als wenn Ihr jetzt richtig durchstarten wollt. Ist das so?
Naja. Hobbyband war´s ja nicht. Wir hatten nur keine LP gemacht damals. Weil wir ja kein Geld hatten dafür. Also haben wir immer ´n paar Singles gemacht. `Ne Splitplatte… War schon ´n bisschen mehr. Aber wir haben auch drei Jahre Pause gemacht. Wo wir eben andere Sachen gemacht haben. In anderen Richtungen Karriere gemacht haben (lachen). Ich hab noch ´n Taxischein gemacht in der Zeit.

Klingt nach ´ner seriösen Karriere. Aber die anderen Bands müssen jetzt nicht zurückstecken, wenn es jetzt mit DISTRICT super läuft?
Also ich spiele bei den REVOLVERS nicht mehr lange. Ich spiele da nur noch bis November und danach mache ich hier nur noch DISTRICT weiter. Weil wir uns wegen musikalischer Differenzen trennen (Lachen im Hintergrund). Aber nicht menschlich. Eher musikalisch. Aber wir machen noch ´ne Tour zusammen. Und dann ist Schluß.

Über Euch findet man auch relativ wenig im Netz. So dass es mir mit Interviewfragen ausdenken ziemlich schwer gefallen ist.
Das liegt im Prinzip daran, weil wir irgendwie drei Jahre Pause hatten, wo wir gar nichts gemacht haben. Und jetzt seit knapp ´nem Jahr, wo wir, sage ich mal, zusammen arbeiten, neue Songs geschrieben haben. Aber in der Zeit haben wir nicht live gespielt, wir haben auch nichts raus gebracht. Und es wusste auch keiner, daß wir, sage ich mal, wieder zusammen arbeiten. Und ich denke mal, da das alles jetzt alles ganz frisch ist - wir haben jetzt auch seitdem wir uns zusammen getan haben auch nicht viel gespielt, ich glaube das ist das vierte Konzert jetzt - und die Leute erstmal wieder aufmerksam werden müssen, daß es uns jetzt wieder gibt. Vielleicht ein paar neue Leute dazu kommen… Mal sehen.

Apropos Netz: Demnächst geht eure eigene Homepage an den Start. Was wird man da finden?
Der Aufbau wird sein: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Man wird alte und neue Songs herunterladen können, ne Bio gibt es auch sowie Tourdaten. Des weiteren Links zu guten Pages und eine Shitlist mit so Sachen wie conservativepunk.com und anderen Verbrechen im Netz.

Mal zurück zur Band. Selbst in eurer Bandbio steht das man euch am ehesten mit den BUZZCOCKS, UNDERTONES und COCK SPARER vergleichen könnte. Geht ihr da mit, mit dieser Einschätzung?
Da gehen wir konform mit. Marc hat ja auch ne eigene Stimme die man genauso gut heraushören kann wie z.B. die von Feargal Sharkey , insofern passt das schon.

Also ich kann da voll mitgehen. Gerade wenn ich die neue Platte höre. Wie würdet ihr denn euer „Baby“ beschreiben? Warum jetzt erst die erste ,Full Length`? Erzählt doch mal kurz die Entstehungsgeschichte....
Die Platte zeigt eigentlich, daß wir in den letzten 3 Jahren einen großen Schritt gemacht haben (Anm.: Das meinte nur Marc, Burn war sich da nicht so sicher). Angefangen haben wir ja so im EXPLOITED-Stil und haben uns davon immer weiter weg bewegt, bis man inzwischen eigentlich Pop Punk sagen könnte. Den Namen der Platte haben wir gewählt um Kids, die ein wenig zu hart polen und nicht auf Pop Punk klar kommen, ein wenig zu parodieren. Nicht bös, aber halt um auf die viele „ausgewogene“ Kritik, die aus der Richtung in letzter Zeit kam, mal zu reagieren. Wir haben in den bisherigen 10 Jahren unseres Bestehens nur Singles aufgenommen, weil einfach das Geld fehlte. Wir haben die Singles alle selber bezahlt und das ist halt doch ganz schön teuer. 1998 hätte schon was rauskommen sollen, aber das hat leider nicht geklappt. Jetzt hatten wir uns nach 3 Jahren Pause wieder zusammengetan. Für ein Konzert zunächst. Hatten aber bald Bock auf mehr und als dann ‚People like you' erfuhren, daß wir gerne was machen wollten - das ist ja auch das Label von den Revolvers bei denen Marc noch spielt - hatten die sofort Lust was zu machen und das ging eigentlich dann alles sehr schnell und reibungslos über die Bühne.

Alle die ich kenne und die Platte gehört haben sind auch schwer begeistert, wie ist denn das Feedback bisher?
Die Platte ist ja gerade erst raus, aber bisher haben wir viel positive Kritik bekommen. Sogar 7/10 im Metal Heart, welches ja genau unsere Zielgruppe bedient (grins). Auch EMP hat sie überraschenderweise überdurchschnittlich gut bewertet. Schöne Grüße da auch mal an den Rezensenten von EMP. Marde oder so hieß der. Kriegt ein Bier von uns wenn er mal auf ein Konzert kommt.

Wer hat denn überhaupt dieses geile Coverfoto gemacht? Und wie und wo ist das gemacht worden?
Ist die Frage ernst gemeint? In England haben wir eine miese Plattenbesprechung bekommen wo einfach nur stand: „Scheiß Name, scheiß Foto. 2/10 Punkte“. Deswegen wundern wir uns jetzt. Aber naja, Das Foto hat ......, ja wer hat denn das Foto gemacht. Ach verdammt das steht im Booklet….
Nein klar, das hat die Dörte vom Bauwagenplatz in Bochum gemacht. Sie möge mir verzeihen. Entstanden ist das bei unserem Proberaum.

O.k., dann vielen Dank für das Interview und viel Erfolg, besonders heute abend…

Zum Konzert konnte ich, obwohl mich das Interview sehr neugierig gemacht hatte, aus oben erwähnten Gründen nicht mehr bleiben, versprach ihnen aber im Oktober, wenn sie mit den großartigen SHOCKS spielen, dabei zu sein. Dann gibt's auch nen Konzertbericht ohne Kater. Versprochen.

mieschka | Di., 07. Sep 2004 | Interview

Der „Traumjob“ des Plattenrezensenten ist kein leichter. Ich will es jetzt mal nicht übertreiben, aber gerade bei kleineren Bands trägt man nicht wenig zum Erfolg oder Misserfolg des jeweiligen Künstlers bei. Freilich ist das bei größeren Bands egal. Doch selbst bei denen kann ein falsches Wort mehr oder weniger verheerende Auswirkungen haben. Bei so vielen Bands und Platten, die veröffentlicht werden, verliert man leicht den Überblick oder lässt Bands unter den Tisch fallen, die es eigentlich gar nicht verdient haben. Seit zwei oder drei Jahren zum Beispiel steht bei mir das zuletzt veröffentlichte Album von HOT WATER MUSIC, namens ‚Caution' im Plattenregal, ohne daß ich es vielleicht 2- oder 3-mal ganz durchgehört hätte.

Schade, muss ich im Nachhinein sagen. Aber just in dem Moment wo ich das schreibe, liegt sie nun doch endlich mal wieder in meinem CD-Player. Warum das Ganze?

Nun, ich habe mich in der letzten Woche doch noch mal etwas näher mit der Band beschäftigt, weil sie gerade auf Interviewtour hier in Berlin gastierten, zumindest 2 von ihnen, um ihr im September erscheinendes, neues Album „The new what next“ zu promoten, welches ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht besaß. Auch noch nichts besonderes, ich weiß. Allerdings hatte ich ein Interviewtermin mit ihnen, zu dem ich zwar auf Grund widriger Umstände zu spät gekommen war, welches mich aber doch nachhaltig beeindruckte. Selten habe ich mit jemanden gesprochen, der so ehrlich und mit ganzem Herzen dabei war, wie CHRIS WOLLARD, seines Zeichens Sänger und Gitarrist von HWM. Einer von beiden. Denn es gibt zwei. Nur er und Bassist Jason Black waren erschienen, um sich den Fragen der interessierten Leute zu stellen. Ursprünglich was das Gespräch mit beiden geplant gewesen. Jedoch bin ich, wie schon angemerkt, leider etwas zu spät erschienen. Anna von EPITAPH, die die Jungs begleitete und auf dessen Label sie ihre nunmehr dritte Platte veröffentlichten verstand es aber zu organisieren, daß ich den Termin doch noch wahr nehmen konnte. Sorry an den Kollegen von LAUT.de, der dafür auch nur mit einer Person, nämlich Jason sprechen konnte. Naja. Wie dem auch sei, in der halben Stunde, die ich dann mit Chris verbrachte sprachen wir über dies und jenes, was Ihr im Folgenden nachlesen könnt. Haben dabei viel gelacht, Kaffe getrunken, Zigaretten geraucht…. Einfach eine tolle Atmosphäre. Keine aufgesetzten Starallüren. Einfach eine Band. So hatte ich jedenfalls das Gefühl. Mittlerweile habe ich nun auch das neue Album erhalten und ich bin schier begeistert. Mit 'End of the line' und ‚Ebb and Flow' sind auch zwei gottverdammte Hits unter den insgesamt 12 Songs, was aber nicht bedeuten soll, daß die anderen Songs schlechter sind. Dieses Album kann ich bedenkenlos jedem empfehlen, der auch nur einen Hauch von Gefühl mit sich bringt, wenn er selbst Musik hört. Einfach schön. Was Chris sonst noch zu erzählen hatte… Lest am besten selbst.

interview mit Chris Wollard (voc, git)

Hey! Wie geht´s? Schön, wieder hier in Berlin zu sein? Wo ward Ihr denn gestern und wo geht´s morgen hin?
Chris: Gestern waren wir in Köln und morgen fahren wir nach Frankfurt / Main. Danach haben wir einen Day-Off dort. Ja und dann geht's nach Hause. Am Sonntag, glaube ich. Heute ist doch Freitag, oder?

Ja, heute ist Freitag. Was macht der Rest der Band, während Ihr hier Interviews gebt? Wieviel habt Ihr eigentlich heute so?
Chris: George zieht gerade in sein neues Haus. Er hat sich eins in Gainsville gekauft. Er zieht da diese Woche ein und kann daher nichts machen. Aber das ist o.k. Ja und Chuck weilt gerade in L.A. und macht eine Physiotherapie für seine Hand.

Und wie viel habt Ihr nun heute noch vor Euch?
Chris: Heute, ähhh, ich glaube so neun Stück. Oder acht, neun… Keine Ahnung. Ich habe die Liste hier in meiner Tasche. Willst Du sie sehen? Dies sind die letzten drei Tage…

(Wirklich eine ganze Menge Dates… - Anm.) Oh je. Bist Du da überhaupt noch fit genug für ein Interview? Aber doch es scheint so. Du siehst dafür nämlich noch ziemlich gut aus. Magst Du Interviews?
Chris: Ja. Eigentlich schon. Die Sache ist die. Ich mag Interviews aber ich hasse es, so was auf Tour zu machen. Auf Tour herrscht überall Chaos und irgendwelche Leute spielen, es gibt keinen ruhigen Platz. du musst immer irgendwo irgendwie sein. Die ganze Hektik und du kannst Dich nicht ausspannen. Ich mag das lieber so.

Echt? Ich dachte immer gerade diese Interviewtouren sind so langweilig. Man kann nicht spielen sondern hängt nur immer in irgendwelchen Hotels rum.
Chris: Ja, das schon. Aber wir treffen fast jeden Abend irgendwelche Freunde. Jeden Abend Party. Coole Scheiße.

Ihr kommt also auch mal raus…
Chris: Ja, ja, klar. Wir machen heute um 19.00 Uhr Schluss und dann haben wir den ganzen abend Zeit, zu feiern. Wir haben eine ganze Menge Freunde hier. Ja… es ist schon cool.

Aha. Und wo geht Ihr da so hin?
Chris: Ähem. Wir gehen rubber ins…. Gott, wie hieß das Ding nochmal gleich? Heißt es WILD AT HEART????

Das Wild at Heart!!! Ja klar. Einer meiner, wenn nicht sogar überhaupt mein Lieblingsclub…
Chris: Ja, ich glaube, wir gehen da später rüber…

Wirklich geiler Club. Fast jeden Abend spielt da eine Liveband…
Chris: Ja, wir waren schon mal da. Da gibt´s ´ne Menge Bars in dieser Gegend. Wir werden Freunde von EPITAPH sehen, die später heute kommen. Unser Booker wohnt hier. Ach wir gehen einfach raus und machen die Nacht zum Tag…

Es scheint so als ob das ‘ne Art Familie ist, mit den Leuten, mit denen Ihr zusammenarbeitet… Seht Ihr das auch so?
Chris: Ja. So müssen wir aber auch arbeiten, andernfalls würden wir verrückt werden. Wenn alles nur Business wäre dann wäre ich ziemlich schnell gelangweilt und könnte dies alles nicht tun. Die Sache ist, wir kümmern uns um die Leute und sie kümmern sich um uns. Die ganzen selben Ideen, die wir teilen… Das Ziel. Man, das ist so großartig.
Und du weißt, du hast jemanden, der dir hilft, wo auch immer. Irgendwo in der Welt, wo du noch niemals warst. Du kannst jemanden anrufen in der Art: „Scheiße, hilf mir… Hilf mir bitte. Ich hab mich verirrt. Ich weiß nicht, was ich tue…”. Das ist großartig . Die Leute sind großartig. Jeder bei EPITAPH.

Was ist mit Chuck? Ich habe gelesen, er hat sich irgendwie verletzt. Was ist passiert?
Chris: Oh, ich glaube, es ist einfacher, wenn ich Dir das zeige. Also. Wir waren auf Tour und waren in dieser so genannten Little Beach Area in Florida. Er saß in einem tiefen Strandstuhl und wollte aufstehen. Er drückte seine Hand in den Sand um aufzustehen, aber er fasste in ein Weinglas und es ging kaputt. Und er schnitt sich in die Finger und zerschnitt sich dabei eine Sehne.

Also sind wir zum Arzt und der zog die Sehne raus und hat sie wieder zusammengeknüpft. Und… Es ist jetzt zwar verheilt aber er kann beispielsweise keine Faust machen. Seine Hand ist völlig schwach und er kann seine Finger nicht wirklich kontrollieren. Jetzt befindet er sich in einer Intensivtherapie. Die Muskeln müssen trainiert werden und er muss wieder lernen, wie seine Hand überhaupt funktioniert. Weil wenn die Sehne reißt, ist sie danach um Einiges kürzer als sie vorher war. Wenn er Gitarre spielt und denkt, seine Finger sind an der richtigen Stelle, sind die es gar nicht. Es ist hart. Er muss das erst wieder lernen. Aber momentan kann er, wie gesagt, noch nicht mal eine Faust machen. Er muss die ganzen Bewegungen erst wieder lernen.

Hoffentlich wird er auch wieder gesund…
Chris: Ja, das ist aber eine Frage der Zeit. Sein Therapeut sagt die Behandlung war großartig und es gut verheilt. Aber die Sache ist die, daß du nicht weißt, wie lange das dauert. Sie haben gesagt, es könnte drei oder vier Monate dauern aber sie haben auch gesagt, daß es Jahre dauern kann. Er ist ein zäher Junge. Er verkraftet es ganz gut. Wir hoffen also, daß es schnell alles wieder in Ordnung kommt.
Und wir haben einen Kumpel. Lawrence von den MIGHTY MIGHTY BOSSTONES. Er lernt gerade eine Menge von Chucks Gitarren-Parts. Chuck muss dann eine Weile vielleicht nur singen. Aber wenn es besser und besser wird kann er wieder anfangen sein Zeug zu machen und Lawrence kann uns wieder verlassen.

Ach was. Er hilft bei Euch aus? Das ist aber nett.
Chris: Lawrence? Oh ja. Wir haben noch nicht mit ihm gespielt. Aber er lebt in Los Angeles, wie Chuck. Ja und Chuck bringt ihm eben gerade ein paar Sachen bei.

Und? Geht Ihr zusammen auf Tour?
Chris: Nun ja. Wir haben eine handvoll Gigs im September. Und möglicherweise spielt er diese Shows in Florida mit. Dann haben wir immer noch einen Monat, bis wir für die richtige Tour aufbrechen. Wir hoffen, daß er nicht mitkommen muss. Aber er hat gesagt, wenn wir ihn brauchen…
Aber er hilft uns nur aus, bis es Chuck besser geht. Oder vielleicht aber auch so, das wenn Chuck wieder anfängt richtig Gitarre zu spielen, kann er vielleicht das einfache Zeug übernehmen und Lawrence und ich spielen dann den etwas komplizierteren Stoff. Und wenn er wieder besser und besser und schneller wird, brauchen wir Lawrence nicht mehr.

Kommen wir aber mal zur Platte. Ich habe sie leider noch nicht erhalten. Also erzähl Du mir doch mal ein bisschen darüber. Sicher ist es die beste Platte, die Ihr jemals gemacht habt…
Chris: Mmmh. Ich denke, daß wir auf jeden Fall den größten Spaß, den wir jemals hatten, hatten die Platte aufzunehmen. Es war mal wieder was anderes . Weil. In den letzten Jahren habe ich eine Menge Songs geschrieben, genauso wie Chuck. Dann haben wir die fast fertigen Sachen mit in den Proberaum gebracht und dann haben wir daran gearbeitet.
Diesmal aber hat an der Platte fast die gesamte Band mitgeschrieben. Wir waren mehr eine Band als jemals zuvor. Wir sind flüssiger und anspruchsvoller, ja es ist einfach besser. Es ist die dritte Platte, die wir mit Brian Mc Turnan machten. Wir konnten richtig gut zusammenarbeiten. Wir sind auch gute Freunde. Es war einfach eine große Freude und der Sound is, glaube ich, fantastisch. Und die Songs…. Ich liebe die Songs. Ein wichtiger Punkt ist die solide Arbeit, die wir gemacht haben. Bei jeder Platte zuvor gab's immer ein paar Songs, von denen wir dachten, daß sie nicht so gut sind wie die anderen. Oder wir hatten nicht genug Zeit an einigen Songs zu arbeiten. Aber diesmal hatten wir so viel Zeit und wir können wirklich hinter jedem Song, der sich auf der Platte befindet, stehen.

Anna von EPITAPH hat mir gerade draußen im Flur rein bisschen darüber erzählt. Sie meint auch, daß Album wäre ein bisschen langsamer. Dafür meint sie aber auch, je öfter man es hören würde, desto mehr wird einem klar, daß dies das beste Album ist, was Ihr je gemacht habt und es Album ein Klassiker werden könnte…
Chris: Da sind eine Menge langsame, groovige Stücke drauf. Das stimmt . Ein bisschen härter aber nicht härter als SLIPKNOT oder so was. Es ist nur etwas härter als wir es bisher waren. Aber definitiv sind dort auch ein paar ausgereiftere Songs drauf. Dann wieder ein paar im ‚Caution'-Stil und eine Menge Songs wo wir ein bisschen rumexperimentiert haben. Unser Tuning ein bisschen verändert haben. Es ist so cool, Mann. Ich kann kaum erwarten, es wieder zu hören. Es ist wirklich cool.

Die Reihenfolge der Songs auf dem Album wurde in letzter Minute verändert. Warum?
Chris: Oh ja. Total. Es ist so, als wir ins Studio gingen, hatten Jason und ich eine Liste vorbereitet. Irgendeine Art von Reihenfolge. Aber wir hatten keine Zeit, jeden zu fragen, was sie darüber denken. Irgendjemanden. Als wir das Album aber durchhörten merkten wir, daß es nicht so richtig fließt wie wir es wollten. Wir hatten ein paar ähnlich klingende Stücke zusammengetan. Am Anfang und am Ende. Aber das wollten wir alle nicht. Wir wollten es bei diesen verschiedenen Ideen belassen. Also dachten wir alle - o.k., wir haben die Chance das zu ändern, aber wir müssen es genau jetzt machen. So haben wir angefangen und jeder war daran beteiligt. In der Art: „Was ist damit, was ist hiermit…“. Und schließlich kam eine Reihenfolge heraus, die um Einiges besser war. Es fließt besser.

Na dann bin ich mal gespannt. Eure Fans haben auf der EPITAPH Website Euch in den höchsten Tönen gelobt und Euer Album mit den höchsten Noten bewertet…
Chris: (Überrascht und lachend) Echt? Ich hab's noch nicht gesehen. Ich war nicht online. Ich bin auch gerade erst umgezogen in mein neues Haus. In der Woche bevor wir her gekommen sind. Ich konnte einfach nicht online gehen. So ein Mist. Ich konnte noch nicht mal wirklich einziehen, daher habe ich das noch nicht gesehen. Aber das ist cool. Ich freue mich, das zu hören.

Euch gibt es jetzt 10 Jahre. Ich habe aber auch gelesen, Ihr habe Euch mal eine Weile aufgelöst. Warum?
Chris: Stimmt. Ähem, wir hatten uns aufgelöst, als wir das erste Mal nach Deutschland gekommen sind. Das ganze war, denke ich so, weil wir uns zu sehr unter Druck gesetzt hatten und uns gegenseitig keine Pause gegönnt hatten. Wir waren alle ziemlich erschöpft und haben unsere Probleme aneinander ausgelassen. Es fing an, Flecken auf unserer Freundschaft zu hinterlassen. So entschieden wir, daß seit die Band…. Weißt du, die Basis der Band ist die Freundschaft und wir mögen uns verdammt noch mal sehr. Aber wenn die Band dies zerstört, dann brauchen wir die Band nicht. Lieber bleiben wir Freunde.
Ja und ein paar Monate später haben wir realisiert, daß wir die Auflösung gar nicht gebraucht hatten. Wir brauchten nur eine Pause. Wir mussten nur eine Weile ausspannen. Nach ungefähr drei Monaten haben wir uns angerufen, so in der Art: “Hey, habt Ihr Lust ´n bisschen rumzuhängen…“. Wir gingen dann schließlich in so eine Billiardhalle, haben Bier getrunken and dann fing der erste an:“ Hey, ich habe echt Bock irgendwie zu spielen“. Und alle anderen dann auf einmal auch: „Hey ich hab auch Bock zu spielen. Lasst uns einfach wieder was zusammen machen. Machen wir's nur zum Spaß und wenn es jemals wieder zu solch einem Punkt kommt, lasst uns ‚ne Pause machen…“. Ich glaube das war möglicherweise das Beste, was wir jemals gemacht haben. Diese Auflösung. Also wir hatten begriffen, was uns die Band wirklich bedeutet. Wir hatten alle ein neues Bild vor Augen. Und dann haben wir angefangenrichtig viel zu touren. So viel, wie wir konnten. Wir haben die Sache ein bisschen ernster genommen. Haben uns gegenseitig mehr Raum gegeben, Individuen zu sein. Seit dem läuft es wirklich großartig. Weil, du brauchst…. Oh Gott…. Wenn ich nach Hause komme, brauche ich eine Pause. Wir müssen einen Monat pausieren. Und alle sagen: „O.k., klar.“. Auch wenn sie das eigentlich nicht wollen. Auch wenn sie die Pause nicht bräuchten. Das ist geil. Das ist wichtig.

Ihr sprecht über sehr persönliche Dinge in Euren Interviews. Zum Beispiel über Deinen 8jährigen Sohn und Eure Familien. Denkst Du, diese Ehrlichkeit ist es, was Euch so populär macht?
Chris: Keine Ahnung . Aber ich denke, so muss man sein!? Anders können wir gar nicht. Also der Grund, warum wir touren wollen ist doch der, daß wir Leute treffen wollen, neue Sachen kennen lernen neu Orte sehen oder einfach nur unsere und Erfahrungen mit anderen Leuten Tauschen. Und austauschen über die ganzen Ideen, welche wir von den ganzen Leuten rund um die Welt mitbringen. Oder von zu Hause. Das ist das Beste, was ich erleben kann. Ich meuine, wir sind hier nicht auf eine LIMP BIZKIT Show. Die Leute hier unten und die Band da oben. Jeder sollte ein offenes Ohr für den Anderen haben. Und man sollte seine Erfahrungen austauschen. Das ist es, was mich zum Punkrock gebracht hat. Das ist es, was mich zum Hardcore gebracht hat. Das ist es, warum ich in einer Band spiele. Das touren. Das ist wirklich das Größte für mich .

Was ist mit Deinem Sohn? Hört er eigentlich Eure Musik?
Chris: Yeah (lacht). Er ist ein großer Fan von uns. Er lustig, Mann. Er kündigt uns manchmal an. Das erste Mal, als er uns ankündigte, war er 4 Jahre alt. Er ging auf die Bühne, vor etwa 500 Zuschauern, bei uns zu Hause und sagte: „Boys and girls – My Dad and HOT WATER MUSIC…”. Und die Masse tobte und schrie: “Waaaaaaaahhhhhhhh”. Unser Stage Manager musste ihn noch hoch halten, damit er an das Mikrofon kam. Ich nehme ich habe ihn auch schon mal auf Konzerte mitgenommen. Um die BOUNCING SOULS, BAD RELIGION oder GREEN DAY zu sehen. Er mag das wirklich. Er mag auch IGGY POP… Alles woe r mitsingen kann. Ja und seine Mama… Ich lebe nicht mehr mit ihr zusammen. Sie lebt mit ihrem Freund zusammen und mein Sohn lebt auch bei ihnen. Aber sie unterstützen das. Und jeder kommt zu ihnen: „Hey, hör das mal, hör mal hier rein…“. Es ist wirklich cool.
Er ist wirklich stolz darauf. Seiner erste Show, da war er gerade mal 6 Monate alt. Das war so eine Clubshow, wo nur die Bands aus der Nachbarschaft gespielt haben. Das war wirklich cool. Auch, weil sie dort ein Bild geschossen haben, vor dem Haus, von jedem der auf dem Konzert war. Und da gab's auch eine Band, die da gespielt hat, welches die Band von einem Kumpel von mir ist. Die haben dann eine 12“ rausgebracht, wo dieses Foto, ziemlich groß, abgebildet ist. Dort bin dann ich und ein anderer Freund von mir drauf, der eine Tochter im selben Alter hat. Wir beide hatten unser Kind mit zur Show gebracht, zu ihrer ersten überhaupt. Ja und dann stand die ganze alte Nachbarschaft zusammen und hielt mein Kind. Wenn er dann mal groß ist… Ich habe eine Platte davon.

Ihr seid eine Band mit sehr persönlichen Texten. Aber Ihr wollt nicht als Emo-Band gelten…
Chris: Wir wollen überhaupt nicht als Band irgendeiner Prägung gelten. Wir wollen einfach nur eine Band sein. Wir wollen keinen Stempel aufgesetzt bekommen. Wir wollen die Freiheit haben, das zu spielen, was uns gefällt. Emo ist… Ach Emo. Scheiß drauf. Ich meine, manche Leute können uns eben als solches bezeichnen. Aber das ist mir egal. Manche stecken uns in die Warped Tour-Ecke. Das ist mir auch egal. Mir ist egal, was die Leute da denken. Wir sind eine Band, die es liebt, zusammen zu spielen. Ich kann mir vorstellen, daß wir uns mal verändern, neue Sachen ausprobieren. Wenn du da abgestempelt bist, kannst du das nicht mehr tun. Ich will kein Etikett haben. Ich will in einer Band spielen.

Wenn eine Band in Deutschland gut bekannt ist, denke ich ist es wirklich einfach hier zu spielen und man kann beinahe immer zurückkommen. Ihr wart ja nun auch schon einige Male hier. Die Leute mögen es, wenn sie das Gefühl haben, die Band hat eine besondere Beziehung zu ihrem Land. Wir kannst Du Dir das erklären? Wie läuft das In Amerika ab? Ich kann mir vorstellen, wenn man nicht jedes Jahr ‚ne Platte raus bringt, ist es dort ziemlich schwierig und man wird schnell vergessen.
Chris: Also bei uns ist das so. Wir gingen auf Tour bevor wir eine Platte raus gebracht haben. Damals war es auch nicht so einfach, eine Platte zu veröffentlichen. Und es ist auch definitiv nicht leicht, jedes Jahr eine Platte raus zu bringen. Wir handeln das so. Einfach auf Tour gehen. Einfach neue Songs schreiben, auf Tour gehen, neue Songs spielen und neue Freunde finden. Ich meine, du willst ´ne Platte veröffentlichen wann immer du kannst. Ich weiß nicht. In den Staaten ist es wirklich schlimm. Es ist so verdammt groß. du kannst nicht gleichzeitig immer überall sein. Du kannst nicht wirklich Platten veröffentlichen. Damals bei NO IDEA RECORDS, die unsere Platten raus gebracht haben war das so. Wann immer wir eine neue Platte veröffentlicht hatten, hat das neimanden in Kalifornien interessiert. Das war wie ´ne ganz kleine örtliche Szene. Jeder im Süden hat das gehört. Dann haben wir angefangen, die Ostküste zu touren. Du hast deine Platte natürlich immer dabei. Da gibt es nämlich keinen Vertrieb. Nur wenn dui zu einem Konzert gehst, kannst Du dir ‘ne Platte kaufen. Es gibt keine Plattenläden. Du musst alles für Dich selbst entdecken. So war das schon immer. Umso glücklicher sind wir natürlich, seit den letzten 3 Platten EPITAPH zu haben. Weil die haben einen Vertrieb. Du kannst in einen Plattenladen gehen und uns finden. In Europa, Kanada, Australien… Das ist großartig. Wir kannten das vorher gar nicht. Die meisten Bands in den USA können das, denke ich, nicht von sich behaupten. Es gibt so viele Bands. Aber die wenigsten machen das so, wie wir es immer machten. Nämlich eine Platte raus bringen und sie überall mit hinnehmen, wo du kannst. Es für den niedrigsten Preis verkaufen, wie es geht. So kannst du die Leute erreichen. So kaufen sie Platten von dir. Das musst du da drüben machen. Es liegt völlig in deinen eigenen Händen. Du selbst bist für Dich selbst verantwortlich, daß die Leute dich hören. Wir kommen jetzt raus. Wir können auf Tour gehen.

Mal ‘ne andere Frage. Seid Ihr TURBONEGRO Fans? Ihr wart doch auch auf diesem “Alpha Motherfuckers”-Sampler drauf, oder?
Chris: ( lacht ) Fuck yeah! Yeah. Natürlich. Sie hatten uns gefragt, ob wir einen Song für sie aufnehmen könnten. Aber sie haben uns nicht gesagt, daß er oder ob er überhaupt auf den Sampler kommt. Dieses: “Nehmt mal einen Song auf und vielleicht kommt ihr mit drauf.“…. Und wir dann: „IHR MÜSST UNS, VERDAMMT NOCH MAL AUF DEN SAMPLER NEHMEN! WIR LIEBEN, VERDAMMTE SCHEISSE TURBONEGRO. SPINNT IHR? WIR MACHEN “PRINCESS OF THE RODEO””. Wirklich großartig . Wir waren so aufgeregt. Und wir haben ständig nachgefragt: “Sind wir drauf, sind wir mit drauf?” (lacht)

Gibt´s da sonst noch eine Verbindung?
Chris: Sie haben eine Tour in den Staaten gespielt. Mit den QUEENS OF THE STONE AGE und ich bin hingegangen und hing ein bisschen mit Happy Tom ab. Er kannte uns und wir kennen natürlich sie. Sie haben ihre letzte Platte hier auf EPITAPH veröffnetlicht und ich wusste natürlich, wer er war. Wir unterhielten uns ein bisschen und fragte, ob wir nicht mal zusammen auf Tour gehen wollen. Aber niemand von uns hat das in der Hand, dies zu machen. Vielleicht klappt es ja mal. Das wäre so geil. Ich liebe es, mit ihnen zu spielen. Ich meine Euroboy… (sichtlich beeindruckt)… Ich weiß nicht, wie er das macht. Unglaublich. Aber ich habe mich nur mit Happy Tom unterhalten. Und er war wirklich nett. Wir haben an der Bar zusammen gesessen, haben irgendwas getrunken… Cool.

Chris, Du bist noch ein Künstler einer anderen Art. Ich habe gelesen, Du malst auch. Hast Du Einflüsse auf Eure Cover? Ich weiß, Scott Sinlair macht das. Aber könntest Du Dir vorstellen mal ein eigenes Cover zu gestalten?
Chris: Ich denke… Ich könnte es mir vorstellen. Ich habe ja eine Menge Nebenprjekte und dafür könnte ich es mir vorstellen. Manchmal mache ich das auch. Aber Fakt ist, ich bin kein wirklich talentierter Maler. Ich kann mal bei einigen Sachen aushelfen. Und ich helfe bei einigen Sachen aus. Aber, ich kenne eine Menge talentierter Leute. Ich denke, es ist eine großartige Sache, eine Platte zu veröffentlichen und Freunden eine Chane zu geben, sich da einzubringen. Wir haben eine Menge Künstler in Gainsville und wir versuchen, sie mit in unsere Arbeit einzubeziehen und ihnen eine Chance zu geben. Wie T-Shirt-Design usw. Aber sonst… Scott Sinclair macht unsere Albumcovers. Immer. Aber bei den anderen Sachen, wie unseren Nebenprojekten machen eben unsere Freunde was. Das ist wirklich wichtig. Ich meine…. Ich bin ein Gitarrist und das ist gut so. Und ich kenne eben Leute, die Künstler sind. Das ist, was sie können. Du tauschst Dich einfach aus. So in dieser Art: „Oh man, der Junge ist ein richtig guter Mann – ich möchte das wirklich mit jedem, der will, teilen…“. Wie bei Chrissy Piper, die Frau, die unsere Photos macht. Sie ist so talentiert und eine wirklich unglaubliche Person. Sie ist so klasse. Und immer wenn ich irgendwie was brauche, läuft das so ab: „Chrissy, hast Du irgendein…“, das müssen keine Bandphotos sein, „Chrissy, hast Du irgendein cooles Landschaftsfoto?“. Oder: „Schick mir doch einfach mal was rüber, was Du so zuletzt gemacht hast…“. Einfach in Kontakt bleiben. Ich versuch ihr auch zu helfen. Zum Beispiel, sie mit Plattenfirmen zusammenzubringen.

Ich habe auch gelesen, daß 3 von Euch den Beruf des Kochs gelernt haben. Und einer von Euch ist auch noch Bäcker. Was haltet Ihr vom Essen auf Tour? Kocht Ihr manchmal einfach selbst?
Chris: (lacht) Wenn wir auf Tour gehen, durchforsten wir immer noch mal unsere Küchen in Gainsville. Es ist wirklich schlimm. Hier natürlich nicht, weil wir nicht so viel mitbringen können. Aber drüben, in den Staaten haben wir immer (lacht) einen Grill mit und so eine Hähnchenfriteuse. Das Ding sieht aus wie eine Basedrum und du machst da Öl rein und dann kannst Du ein ganzes Hähnchen drin frittieren. Wir grillen die ganze Zeit und frittieren Hähnchen. Aber Chuck ist ein wirklich göttlicher Koch. Er ist diese Art von Mann der, wenn du völlig betrunken bist, um fünf Uhr morgens noch etwas zaubert, was wirklich cool ist. Wobei er vielleicht nur 2 Sachen im Kühlschrank hat. Er kann einfach aus allem was richtig gutes machen. Ja, wir kochen viel. Bei einem Konzert stellen wir sicher, daß irgendjemand einen Grill mitbringt, auf dem wir nach der Show noch ordentlich grillen können. Eisgekühlte Biere… Und wir schreien dann immer: “Hey! Will irgendjemand noch was zu essen…?”.

Letzte Frage. Ihr sprecht oft von Eurer Freundschaft innerhalb der Band. Kannst Du Dir überhaupt vorstellen, wie es einmal sein wird, wenn die Band sich auflöst?
Chris: Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Band irgendwie zerfällt. Ich kann mir nicht vorstellen, warum sich die Band jemals auflösen würde. Wenn jetzt jemand ankommen würde und meint, er könne oder wolle nicht mehr touren, dann ist das o.k. Dann machen wir das nicht mehr. Aber ich denke, wir wollen weiter zusammen spielen. Musik machen. Songs schreiben. Ich kann mir vorstellen, daß wir unseren Stil in Zukunft ändern, daß wir was völlig anderes machen. Ich kann mir vorstellen, daß jemand sagt, er will ein Jahr Pause machen. Was ich verstehen kann. Wir alle müssen ja auch irgendwelche Jobs machen. Das wäre kein Problem. Wir sind wirklich gute Freunde. Wir würden uns nicht gegenseitig zu diesem Punkt bringen. Ich möchte nicht, daß es meinen Freunden miserabel geht. Wir werden sicher irgendwann auflösen. Ich bin mir sicher, daß jede Band irgendwann aufhören muss. Aber wenn das passiert, werden wir immer noch ab und zu mal die Instrumente wieder in die Hand nehmen und irgendwas spielen. Nur in einer anderen Art.

Danke für das Interview Chris.

mieschka | Di., 24. Aug 2004 | Interview

Wenn ich mal so überlege, seit wann ich die D-SAILORS aus Jülich kenne, kommt es mir immer so vor, als wenn das schön ewig lang her wäre. Dabei ist es dieses Jahr gerade mal 4 Jahre her, dass ich mit ihnen und den WOHLSTANDSKINDERN mein erstes Konzert organisierte und sie tags zuvor für meine Radiosendung interviewte.

Über das Konzert können wir heute noch lachen. Verbrannten nämlich am Abend des Konzertes noch einige "Punks" vor den spielenden WOHLSTANDSKINDERN ein paar zuvor am Merchstand gekaufte(!) Tourplakate, weil sie ja die ach so bösen Kommerzschweine waren, hatten alle irgendwie Sympathien für die "kleine" Band aus Jülich übrig, die im Vorprogramm spielte und letztendlich genauso viel bzw. wenig Geld bekam, wie der "Hauptact". Das aber nur mal so am Rande.Jedenfalls war dies für einige Zeit auch mein letztes Konzert, welches ich in meiner Heimatstadt organisierte. Dafür hatte ich aber (nach einer schlafend auf Matratzen (natürlich auf der Bühne(!)) verbrachten Nacht) ein paar neue Freunde gefunden, deren musikalische Wege ich seit jeher genauestens verfolgt habe. Und immer wieder liefen wir uns mal wieder über den Weg oder hielten wenigstens den Kontakt. Sei es mal als Pennplatz auf der Tour mit den NITROMINDS (von denen sie jetzt schon zwei mal nach Brasilien eingeladen worden sind, eine Splitplatte mit ihnen veröffentlichten und deren Sänger André auch 2 Platten auf seinem eigenen Label NITROLÀ für Brasilien lizensierte) oder in Fürstenwalde, als sie mal ihre Schlagzeugbecken vergessen hatten. Oder aber einfach nur mal so.

Wie auch die WSK waren sie damals auf VITAMINEPILLEN beheimatet und wie WSK auch, sind sie, neben einigen anderen Bands, von dort auch schon wieder weg und haben nun endlich ein Label und einen Produzenten gefunden, welche sich voll und ganz um die Band kümmern können, was sie eh schon seit Jahren verdient haben. Ach man, es sind einfach so viele Sachen, die ich jetzt erzählen könnte, aber irgendwie muss man das dann doch erlebt haben. Kommen wir lieber zu etwas handfestem. Im Juli haben sie nach fast 4 Jahren endlich eine neue Platte namens LIES AND HOES“ auf dem vom SCHROTTGRENZE - Gitarristen betriebenen Label ROCKTYPEN veröffentlicht, haben ein Video zum Opener des Albums gedreht, welches sogar schon einige Male auf VIVA lief, haben leider ihren Drummer verloren, dafür aber Ersatz gefunden und und und. Es regt sich wieder was bei ihnen. Grund genug, wieder mal mit ihnen in Kontakt zu treten und Sänger, Gitarrist und Saxophonist Uli B. Punkt ein paar Fragen zu stellen. Und schon geht´s los…

Morgen Uli. Nach ewigen Zeiten habt Ihr eine neue Platte draußen, die, nebenbei bemerkt, ziemlich rockt. Erzähl doch mal was darüber. Gewöhnlicherweise will man ja erstmal ´ne Menge loswerden, wenn ein neues Baby von sich selbst erscheint. Warum hat es alles so lange gedauert?
Hört sich jetzt vielleicht klischeehaft an, aber wir wollten uns dieses Mal Zeit lassen, damit wir in Ruhe das Beste aus der neuen Platte rausholen können. Wir haben insgesamt 1 Jahr geschrieben und in mehreren Sessions aufgenommen. Viele Songs haben wir verworfen, umgeschrieben, anders arrangiert, bis wir mit dem Ergebnis komplett zufrieden waren. Außerdem hatten wir das Glück mit Harry, unserem Produzenten, jemanden gefunden zu haben, der uns viel Spielraum gelassen hat und das zu tun worauf wir Bock haben. Das war ne sehr coole Erfahrung. Ich finde es ist mit Abstand das beste und ausgereifteste Album was wir bisher gemacht haben und wir sind sehr stolz auf das Ergebnis.

Mit Recht dürft Ihr das. Wenn ich das richtig gehört habe, habt Ihr nur 2 Songs darauf, wo Dein Saxophon Einsatz findet. Bei einem auch nur leicht im Hintergrund. Wolltet Ihr nach dem Motto "Back to rock" mehr wert auf Gitarren legen, oder hat sich das einfach nur so entwickelt?
Das hat sich mehr so entwickelt. Wir hatten das Gefühl, dass die Gitarrensongs ausgereifter und abwechslungsreicher sind, als die Saxophonsongs. Wir wollten nicht um jeden Preis so viele Saxophonsongs wie möglich drauf tun, sondern nur die Songs, die uns am besten gefallen. Da haben wir eben nur die 2 genommen, die am meisten gerockt haben.

Ihr habt ja mit der neuen Platte auch das Label gewechselt. Warum nicht mehr Vitaminepillen? Nachdem WSK da weg sind, Ihr und nun auch Tagtraum (alles gestandene Vitabands) - was passiert jetzt mit dem Label?
Schwer zu sagen. Mittlerweile sind ja auch noch BAMBIX und SUPERNICHTS weg. Abgesehen von den ausländischen Bands sind an deutschen Acts, jetzt wo ich das schreibe, nur noch BITUME, SKIN OF TEARS und THE CREETINS auf Vitaminepillen. Über Ralfs Zukunftspläne kann ich natürlich nicht viel sagen, da musst Du ihn selber fragen, aber wir persönlich standen mit diesem Album einfach am Scheideweg. Letztendlich haben wir uns gegen Vitaminepillen und für Rocktypen entschieden, weil wir das Gefühl hatten nach 2 Alben und einer Split bei Vita nicht mehr weiter zu kommen. Mit Vita haben wir alles ausgereizt was möglich war und wollten mal was anderes ausprobieren. Wir glauben, dass es wichtig ist, neue Wege zu gehen und Risiken einzugehen. Rocktypen sind ganz frisch, haben Bock sich den Arsch aufzureißen und das war uns am wichtigsten. Deswegen lassen wir es darauf ankommen und probieren es einfach mit Timo und Rocktypen. Wir haben ein gutes Gefühl.

Welchen (zahlenmäßigen) Erfolg hattet Ihr denn letztendlich in etwa mit der 'Minddressing'?
Ich schätze die letzten Zahlen liegen irgendwo zwischen 1500 und 2000 inklusive Vinyl.

Zwischendurch habt Ihr auch mal ´ne DemoCD rausgebracht, die von einem BRINGS-Mann produziert worden ist. Warum seid Ihr nicht auf seinem Label geblieben? Wie kam der Kontakt zustande?
Wir arbeiten immer noch mit Harry von Brings zusammen. Wir haben mit ihm die "Lies and Hoes" produziert. Er übernimmt für uns den Verlag und unterstützt uns bei der Promo für die neue Platte. Harry ist das beste was uns passiert ist, in den letzten Jahren. Durch unsere Zusammenarbeit hat sich sehr viel für uns zum positiven verändert. Er ist einfach ein geiler Typ. Der Kontakt kam wie es immer so ist sehr zufällig zustande. Als wir 2001 mit NITROMINDS auf Tour gegangen sind, hab ich wie gewohnt ´nen Newsletter rausgeschickt. Er war zufällig in meinem Verteiler und schrieb nur zurück:
"Ey, coole Tour, schick doch mal ein Demo." Dann hab ich ihm mehr oder weniger unmotiviert ne gebrannte CD mit den Songs von der Multilateral geschickt, auf die ich ein paar Infos gekritzelt hatte und direkt am nächsten Tag rief er zurück und unterbreitete sein Interesse daran, einfach mal ein paar Songs mit uns aufzunehmen. Wir haben uns auf Anhieb verstanden und arbeiten seitdem sehr gut zusammen.

Und er hat sich ja letztens wohl auch in ´nem Zeitungsinterview als Fan von Euch geoutet, oder?
Ja, Harry ist schon Fan von uns. Ansonsten würde er auch nicht so viel Zeit für uns aufbringen, wenn er nicht auf unsere Mucke stehen würde und an uns glaubt. Das macht uns schon sehr stolz und wir freuen uns sehr, dass jemand mit Harrys Erfahrung für, mit und an uns arbeitet.

Eher ´ne traurige Sache. Aber Euer Drummer hat Euch verlassen müssen. Warum? Hat er aber noch die Platte mitgespielt? Wer ist der neue Mann?
Marco hat schwere gesundheitliche Probleme auf die ich hier nicht weiter eingehen möchte. Jedenfalls sind die so schwerwiegend, dass es zu gefährlich und anstrengend für ihn ist, regelmäßig auf Tour zu gehen und nen Haufen Termine wahr zu nehmen. Er ist einfach nicht belastbar genug, um das alles mit 100%ig körperlichem Einsatz mitzumachen. Wir waren alle sehr geschockt und traurig, dass er uns verlassen musste. Die Platte hat er eingespielt und darüber bin ich sehr froh. Immerhin haben wir lange und intensiv daran gearbeitet. Alle Songs sind total durch seinen Drumstil geprägt, und er ist einfach der Schlagzeuger, der die D-SAILORS ausmacht. Der neue Mann heißt Matthi und spielt noch in einer anderen Band namens BIZIBOX. Die kommen aus Bonn und machen geilen Midtempo Rock Richtung FIRESIDE oder BLACKMAIL. Matthi wohnt in Köln bei mir um die Ecke und wir waren schon längere Zeit über einen gemeinsamen Freund flüchtig befreundet. Er hörte davon und sagte spontan zu, weil er Bock hat viel Schlagzeug zu spielen und BIZIBOX seid längerer Zeit ihre Aktivitäten etwas eingeschränkt haben. Er hat sich sehr schnell eingefunden und ich denke, dass er ein würdiger Ersatz für Marco ist. Die ersten Konzerte hat er jedenfalls mit Bravour absolviert und wir liegen alle auf einer Wellenlänge. Da haben wir wirklich Glück gehabt.

Ich habe mir auch sagen lassen, Ihr habt ein Video gedreht. Was ist da dran? Und kann man erwarten nach WSK und SCHROTTGRENZE Euch demnächst
Ja wir haben ein Video gedreht, dass auch schon ein paar Mal auf Viva Plus gelaufen ist, da unsere grandiose Fanbase regelmäßig für uns gevotet hat. Das freut uns natürlich sehr, denn wir haben das Video komplett ohne Budget gedreht. 2 Freunde haben uns dabei geholfen und das Resultat kann sich wirklich sehen lassen. Auf unserer Homepage müsste das Teil auch demnächst zum Download bereit stehen. Einfach www.d-sailors.de checken. Dort werdet ihr es finden.

Jetzt, wo ich es gesehen habe, weist da aber auch eine kleine Ähnlichkeit mit dem 'Superpunk'-Video auf, oder? Ärgert einen so was?
Ich kenne das Superpunk-Video leider nicht...deshalb ärgert mich das auch nicht im Geringsten. Man kann eh nix neu erfinden heutzutage. Wir haben das Beste aus unseren Möglichkeiten gemacht und darüber freuen wir uns.

Ihr seid mit WSK und SCHROTTGRENZE die mit am härtesten arbeitenden Bands, die ich kenne. Und langsam stellen sich ja doch mehr oder weniger kleinere und größere Erfolge ein. Also in Sachen Airplay auf kommerziellen TV & Radiostationen. Denkst Du, daß die Leute in Zukunft wieder etwas mehr auf ehrliche, handgemachte Musik stehen?
Das kann ich nur hoffen, denn es gibt ja nicht nur W$K, SG und uns, sondern noch mindestens 50 andere Bands in Deutschland, die sich täglich den Arsch aufreißen. Das wäre echt eine Genugtuung, wenn uns nach 11 Jahren harter Arbeit endlich mal ein kleiner Erfolg zuteil würde. Andererseits haben wir Musik auch immer zum Spaß gemacht und obwohl wir bisher nicht den absoluten Durchbruch verzeichnen konnten, war das bisher die geilste Zeit, die wir jemals hatten. Belohnt worden sind wir mit Brasilientouren, Japanveröffentlichungen und hunderten von Konzerten und guten Freunden eigentlich schon genug...aber freuen würden wir uns natürlich trotzdem...

Inwieweit ist es da wichtig auf eine gesunde, solide Fanbasis zu blicken, die Ihr ja zweifelsohne besitzt? Beeindruckt das dir "größeren" Labels?
Natürlich beeindruckt das die großen Labels, obwohl solide Fanbase ja auch schwer in Zahlen und Worte zu fassen ist. Für die zählen eben die Verkaufszahlen, aber da reichen definitiv keine 2000 Platten.

Was ist, sagen wir mal, wenn es den großen kommerziellen Durchbruch bei Euch jetzt nicht geben wird, angenommen, was ich natürlich aber sehr für Euch hoffe. Wie motiviert man sich da als Band, dann doch weiter zu machen. Würdet Ihr das überhaupt wollen?
Da kann man erst drüber reden, wenn es so weit ist. Für unsere Verhältnisse haben wir schon sehr viel aus eigener Kraft erreicht. Falls es Angebote geben würde, wären wir natürlich nicht abgeneigt, aber darüber zu spekulieren macht keinen Sinn. Es kommt auch immer auf das Angebot an und das muss natürlich auf uns passen, ansonsten würde uns das nur unglücklich machen. Viel wichtiger als der Erfolg oder das Geld ist, dass wir uns mit den Leuten mit denen wir zusammenarbeiten wohl fühlen. Major Deal heißt noch lange nicht, dass alles super wird oder ist. Da gibt’s genug Beispiele für gescheiterte Major-Produktionen. Im Moment fühlen wir uns sehr wohl. Wir haben ne geile Platte gemacht, spielen coole Konzerte und haben ne Menge Spaß. Was wollen wir erstmal mehr? Wenn mehr geht, cool, wenn nicht, machen wir einfach so weiter wie bisher. Wir stressen uns da nicht...

Oder würdet Ihr dann lieber was "Solides" machen und Berufe lernen. Was macht eigentlich sonst der Rest der Band? Du bist ja jetzt tatsächlich bei VIVA untergekommen.... Hilft da eigentlich der "Kölsche Klüngel"?
Also ich für meinen Teil würde nicht so gerne was Solides machen, obwohl ich natürlich darauf angewiesen bin, Geld zu verdienen, weil ich schließlich meine Wohnung und mein Essen bezahlen muss. Wenn das zum Teil über die Band finanzierbar wäre, wäre das mein großer Traum. Ich muss nicht superreich werden oder die dicke Karriere machen, sondern ich würde eben einfach das gerne machen, woran mein Herz hängt. Wir befinden uns aber gerade in einer Phase der Umbrüche. Wir verlassen gerade alle die Uni und müssen uns ins Berufsleben stürzen. Da haben wir keine andere Wahl und wir werden sehen was das für Konsequenzen hat. Das Ende ist offen, aber ich bin sehr optimistisch, daß wir das alle irgendwie packen.

Der Rest der Band? Ingmar und Uli haben E-Technik studiert und grade den Abschluss gemacht. Unser Drummer arbeitet zur Zeit als Schlagzeug-Restaurateur. Um zu Viva zu kommen hilft der kölsche Klüngel leider nicht weiter. Wie bei jedem Job hatte ich ein bisschen Glück und durch abgeschlossenes Studium und viel Erfahrung in der Musikbranche auch das nötige Know How. Es macht Spaß hier zu arbeiten. Mir war es immer wichtig was mit Musik zu machen und da bin ich bei Viva gut aufgehoben. Mal sehen wie es weiter geht...

Noch mal zurück zu SCHROTTGRENZE. Auf derem neuen Label ist ja nun letztendlich auch Eure Platte raus gekommen. Wie kam denn der Kontakt nun wieder zustande? Und was erwartet Ihr nun, wie Ihr mit dem Label zurecht kommt?
Schrottgrenze und D-SAILORS haben in 2003 einige Wochenenden zusammen getourt und wir haben uns von vorne weg supergeil verstanden. Timo kannte ich schon seit 1998, da haben wir mal auf ´ner Vitaparty in Mühlheim an der Ruhr zusammengespielt. Wir sind einfach so dicke Freunde geworden, dass Timo irgendwann an mich herantrat und meinte, dass er uns mit Rocktypen helfen wollte, die neue Platte rauszubringen. Das Angebot haben wir dankend angenommen, denn wenn einer was vom Plattenrausbringen versteht, dann ist das Timo. Also haben wir uns kurzerhand zusammengetan und diese Produktion auf die Beine gestellt. Rocktypen ist eigentlich mehr als ein Label. Eine Community von guten Freunden, die sich untereinander helfen. Ein Konzept, was in dieser Zeit vielleicht nicht das Verkehrteste ist. Wir werden sehen was die Zukunft bringt, aber ich denke, es war die beste Entscheidung, die wir treffen konnten.
Ihr geht jetzt die mittlerweile 2.Brasilientour an. Dort werdet Ihr schon mit NoFX und ähnlichen Bands in einem Atemzug genannt. Erzähl doch mal ein bisschen über die Erfahrungen, die Ihr da gemacht habt & welche Unterschiede es aus Eurer Sicht so zur deutschen Punkszene gibt...
NOFX ist vielleicht einwenig übertrieben, aber man kann schon sagen, dass wir dort sehr viel bekannter sind als in Deutschland. Wir haben einfach Glück gehabt, mit Nitroala eins der besten Labels da unten gefunden zu haben. Es ist sehr schön in ein Land auf Tour zu fahren, wo sich die Leute auf Dein Konzert freuen, Deine Songs kennen und sehr dankbar sind, dass wir sie dort unten besuchen. Nitroala hat da unten einfach nen Riesenjob für uns gemacht und nur Andre haben wir es zu verdanken, dass wir da unten so groß sind. Da ist alles ne riesengroße Party bei der man sehr viel vom Publikum und den Fans zurückbekommt und das ist Balsam auf die Seele, denn in Deutschland hat man zuweilen schon einen sehr schweren Stand.

Ja, die deutsche Punk/Musikszene ist schon etwas übersättigt. In Zeiten, wo jeder selbst eine Platte aufnehmen kann bleibt das wohl auch nicht aus. Wie kann man Deiner Meinung das Publikum wieder auflockern. Interessant zu bleiben / werden?
Ich glaube da gibt es kein Patentrezept für. Gegen diese Übersättigung ist wahrscheinlich erstmal nix zu machen, weil wir es ja keine Möglichkeit gibt, schlechte Bands zu verbieten. Dann wären wir ja auch schnell wieder in der Diktatur. Ich bin aber trotzdem zuversichtlich, dass handgemachte Rockmusik wieder im kommen ist.
Nachdem Ihr nun auch schon in Japan eine Platte veröffentlicht habt, sieht es eh so aus, als ob Ihr mehr in die internationale Richtung gehen wollt. Meinst Du, daraus kann was werden? Oder geht das nur mit Unterstützung mit Labels wie Fat Wreck, BYO, Lookout, etc...
Wir freuen uns sehr darüber, dass zunehmend mehr Reaktionen aus dem Ausland kommen. Das forcieren wir aber nicht unbedingt, sondern konzentrieren uns auf Deutschland und Brasilien und warten ab was passiert. Um International wirklich was zu reißen, müssten wir es schon auf eins der renommierten US-Labels schaffen, um wirklich ernst genommen zu werden. Da mach ich mir aber keine Illusionen. Ich werde unsere Platte früher oder später einfach mal Interessehalber dort vorbeischicken, aber ich rechne nicht damit, dass da wirklich was zurückkommt. Wir sind sehr glücklich mit dem, was wir bisher erreicht haben und sehr stolz darauf, dass wir das (fast) alles aus eigener Kraft geschafft haben. Was noch kommt, werden wir sehen. Ich bin jedenfalls gespannt, wie die Reaktionen auf die neue Platte sein werden.
Nach Brasilien - wie sieht es denn mit Tourplänen in der 'Heimat' aus? Euer Berlin-Konzert ist ja leider damals abgesagt worden.
Wir haben einige Shows für den Herbst gebucht. So wie es aussieht, werden wir am 13.11. mit Frau Doktor und Hammerhai im Kato spielen. Es ist jedenfalls nie verkehrt einen Blick auf unsere Homepage zu werfen. Da sollten immer alle aktuellen Termine aufgeführt sein.

O.k., Uli. Kommen wir langsam zum Schluß. Ich bedanke mich sehr für Deine ausführlichen Antworten. Ich wünsche Euch weiterhin viel Erfolg und bis bald in Berlin.
Wir danken Dir für Deine Unterstützung...mein Appell geht definitiv daran, dass die Leute wieder mehr kleine Bands unterstützen sollten. Die haben es verdient...

mieschka | Mi., 11. Aug 2004 | Interview

Na? Ob das wirklich der letzte Auftritt werden würde? In Zeiten wo sich alle Nase lang Bands zusammenfinden und auch wieder auflösen, sollte die Nachricht, daß TOXOPLASMA sich wieder für zwei Auftritte in Originalversion zusammentun, keine großartige sein.
Einmal zu HöhNIEs alljährlicher Geburtstagsfeier und einmal zu dem in diesem Jahr erstmals stattfindenden SCHLACHTRUFE BRD-Festival, dem deutschsprachigen Pendant zum PUNK & DISORDERLY Festival, welches auch noch an gleicher Stelle statt fand (Casino-Berlin) und auch vom selben Veranstalter (MAD-Tourbooking) auf die Beine gestellt worden war.

Aber doch. Sie war es. Und ich konnte es fast gar nicht glauben. Auch aus meiner Heimat hatten sich viele Leute angemeldet, sich dieses Event nicht entgehen zu lassen. Und wenn so eine Band ja quasi schon mal vor der Haustür spielt - warum dann nicht mit einer der wichtigsten und bekanntesten Bands Deutschlands mal ein Interview machen? Gesagt, getan und mich mit Marc und Ute von MAD in Verbindung gesetzt, ob sie es nicht arrangieren könnten, daß ich dem Wally und seinen Kumpanen mal eben das Mikro unter die Nase halten kann. Versprechen könnten sie nichts, aber da ließe sich bestimmt was machen, meinten sie und ließen meine Hoffnungen steigen.

Am Ort des Geschehens angekommen, erwartete mich so was wie ein kleines FORCE ATTACK. Alles Mögliche an Bunthaarigen war unterwegs und wenige Meter weiter an der Hauptstrasse / Eastsidegallery campierten sogar die ein oder anderen netten Zeitgenossen. Und wie man an Nummernschildern erkennen konnte, waren einige für dieses Festival ziemlich weit gereist.

Tags zuvor musste ich leider arbeiten und konnte daher nur am Samstag vorbeischauen. Dadurch verpasste ich „traurigerweise“ OHL (o.k., eh nicht mein Ding), DAILY TERROR (1000 mal gesehen, zwar gut, aber auf Platte verstehe ich die Texte mittlerweile doch besser), NoRMAHL (Schade, aber ich werd´s überleben) und DER DICKE POLIZIST (auch nicht unbedingt mein Fall, obwohl ich Thorsten gern mal wieder die Hand geschüttelt und mit ihm ein Bier geschüttet hätte.) Aber was soll´s.

Draußen wieder jede Menge bekannter Gesichter und man hat, im Gegensatz zum P & D auch ein wenig aufgestockt. Den Einlass einfach auf den „Parkplatz“ verlegt und den entstandenen Zwischenraum mit Grill und Bierstation(en) bestückt. Hat mir sehr gut gefallen. Für´s leibliche Wohl war also gesorgt. Futter für´s Ohr sollte es heute von FAHNENFLUCHT (auch nicht mehr so wirklich mein Ding), PROJEKT SCHWARZ ROT (siehe Fahnenflucht), den TROOPERS (schafft´s Atze heute nüchtern auf die Bühne zu kommen?), natürlich TOXOPLASMA und von einer Band, die für die ausgefallenen DRITTE WAHL eingesprungen ist, deren Namen ich aber leider vergessen habe, geben. Ja schade. Auf die Jungs aus Rostock hatte ich mich auch schon gefreut. Hoffentlich geht es mit Buschn bald wieder bergauf und dass sie noch viele weitere Bühnen des In- und Auslandes rocken können. Die allerbesten Genesungswünsche gehen an dieser Stelle also an die Küste….

Apropos Küste. Wie gesagt. Irgendwie überkam mich schon ein wenig ein FORCE ATTACK - Feeling. Und so wunderte es mich auch nicht, dass ich im Gewühl auch Imre, seineszeichens FA-Veranstalter, erblickte. Hoffen wir, daß das Wetter in zwei Wochen genauso gut ist, wie an diesem heißen Samstag. Den bisher wärmsten Tag des Jahres.

"... 15 Jahre, oder noch länger, kaum Kontakt ... "

Ach ja, arbeiten musste ich ja auch noch. Also schnell mal die Ute gesucht und endlich mal das Interview in Angriff nehmen… Und siehe da. Alles kein Problem. Innerhalb weniger Minuten wurde Wally und Co. aufgetrieben und wir machten es uns im Backstage gemütlich. Und als erstes musste ich natürlich fragen, ob denn bei all den Reunions berechtigte Hoffnung bestünde, dass man in Zukunft wieder des Öfteren was von Toxoplasma hören werde, oder ob dies nun wirklich das definitiv letzte Konzert sei. Worauf Harry das ganze erstmal abwiegelte: „Ich glaube, das wird nicht der letzte Auftritt sein (lacht)…“ und Stefan zog hinterher: „Das ist´n Promotion-Gag gewesen. Mehr war das nicht. Wir gehen nächstes Jahr mit den Rolling Schtones auf Tour…“. Leichte Klarheit verschaffte dann erst Wally persönlich: „Eigentlich nicht, nee.“ Lohnt sich das denn überhaupt? Hinter „nur“ 2 Konzerten steckt ja auch ´ne Menge Arbeit. Daher wollte ich wissen, wie lange man denn für die 2 Konzerte geprobt habe und ob denn die ganze Geschichte aus eigner Motivation erfolgt sei, oder ob man sie angesprochen habe. Darauf Wally: „Also geprobt haben wir an sich ein halbes Jahr. Haben uns schon regelmäßig getroffen & haben geprobt. Viele Leute haben länger keine Musik gemacht, da brauchte das ein bisschen Zeit. Wally: Ja, wir sind angesprochen worden. Klar. Wir haben uns einfach nur in´ Proberaum gesetzt, und hatten noch mal Spaß, Musik zu machen, ohne Ziel und auch ohne jetzt das Ziel, ´ne Reunion zu machen oder so was. Und irgendwann kam dann ´n Anruf, auch letztlich, weil ich mit DRITTE WAHL ´n paar Sachen gemacht hab. Und irgendwann kam halt ´n Anruf, ob wir nicht Lust hätten,… Und da haben wir halt gesagt - Ja, machen wir. Ganz früh angefangen hat es an sich für´n Freund von uns, der ist 40 geworden. Für ´ne 40-Jahrfeier hat er dann gemeint – Wollt Ihr nicht noch mal zusammen spielen in der Originalbesetzung? Und da wir eigentlich 15 Jahre, oder noch länger, kaum Kontakt hatten, war es eigentlich schwierig, dass wir uns noch mal zusammenfinden. Ging aber doch so nach zwei, drei Proben oder so - haben wir dann geschafft und tatsächlich 2 Songs oder 3…oder 4 Songs auf dieser Party gespielt, wo alles Freunde von uns waren. In unserem Alter, die auch damals im Publikum waren. Alle nur 20 Jahre jünger und das hat halt Spaß gemacht. Wir haben uns dann hingesetzt und hatten auch Spaß an der Musik und haben dann kontinuierlich so das alte Programm wieder aufgenommen und wieder zu spielen gelernt …“

Ja wenn der Spaß da war. Warum dann nicht länger…? „ Also von meiner Seite aus nicht. Die Lust weiter zu machen hieße für mich, entweder so weiterzumachen wie bisher. Also weiterzuproben und zu spielen ohne Ziel. Wäre ´ne Alternative. Aber da jetzt einzusetzen, wo ich persönlich aufgehört habe… Mit von der Musik leben und jeden Tag Musik machen. Da nicht mehr. Nee. Das möchte ich persönlich nicht mehr“ , meint Wally und zeigt, daß es wohl wirklich schwer für den Rest der Band war, ihn zu überzeugen.

"Ich hab Musik im Kopf, die muss raus…"

Im Vorfeld hatte ich mich noch ein bisschen auf Netzrecherche begeben und ein einziges Interview mit Wally gefunden, in dem er erzählte, dass er erst dann wieder Musik machen wollen würde, wenn er morgens aufwachte und einen kompletten Song im Kopf hätte. Was er nicht verneinte: „ Ja, dann wär zumindest der Punkt wieder erreicht, wo ich kreativ sein würde. Wo ich wieder sagen kann – Ich hab Musik im Kopf, die muss raus… Mir macht es halt jetzt Spaß die Songs zu spielen. Es macht mir verdammt Spaß, live zu spielen. Aber, dass ich so produktiv bin, dass ich jetzt sagen kann, ich habe ´n geilen Song im Kopf und ich hab ´n geilen Text. Das ist halt nicht. Ich müsste mich zwingen, ´n Text zu schreiben und ich müsste mich zwingen, ´n Song zu schreiben. Von meiner Seite… Es kann durchaus sein, dass während der Probe ´n Song entsteht. Oder ein Text. Das ist ´ne ganz andere Geschichte. Ich red jetzt rein von mir. Da müsste also wirklich dieser Überdruck da sein. So: „Boah ich hab´n geilen Song, den record ich jetzt…“. Ist ´ne Sache von 10 Minuten. So´n Song entsteht, na gut mit Text braucht man vielleicht ´n Tag oder so. Aber dann ist das Ding fertig. Und in der Phase befinde ich mich eigentlich schon seit einiger Zeit nicht mehr. Aber ich hatte immer so Phasen. So 4, 5-6 Jahre nicht mehr und dann kam das wieder.“ Aber untätig war er die vergangenen Jahre in Sachen Punkrock nicht. So hat er sich zumindest mit seinem Studio beschäftigt und z.B. zwei großartige Platten mit BACKSLIDE aufgenommen. Läge nahe, dass er eben auch wieder ein bisschen Bühnenluft schnuppern wollte, und dann die anderen Mitglieder reaktivierte. Doch eigentlich war es ganz anders, wie er mir selbst erzählte: „(lacht) Die haben mich reaktiviert…. Ich war der allerletzte, der dazu gekommen ist. Also ich hab die nicht reaktiviert. Sondern umgekehrt.“

Harry: „Also im Grunde genommen, geb' ich dem Wally vollkommen Recht. Wir sind, wie der Wally vorhin gesagt hat, für diesen 40. Geburtstag angesprochen worden. Und von uns war das jetzt nicht das Problem gewesen. Aber Wally hat einfach gesagt: „Bei mir ist irgendwie die Luft raus. Ich hab da überhaupt keinen Nerv drauf zur Zeit.“ Und irgendwann hat er doch gesagt: „O.k., für den mach ich das halt ganz gerne. Lass uns doch einfach mal ´ne Probe machen“. Und so ist das einfach entstanden.

Ja, was mach ich? Also ich persönlich bin selbständig in der Papierbranche. Und versuch damit auch eigentlich mein Geld zu verdienen. Aber wenn es sich vereinbaren lässt, dass wir noch ab und zu ´n paar Gigs machen, dann ist das für mich überhaupt kein Problem. Und solange es – Priorität Nr. 1 – Spaß macht, mach ich das auch noch längere Zeit. Aber das ist Faktor Nr.1, daß es Spaß macht. Und mehr im ersten Moment nicht.“

Währenddessen hat mich aber auch interessiert, was der Rest denn so gemacht hat: „Ja, ich hab zwischendurch ein bisschen Musik gemacht. Aber so intensiv, wie der Wally oder der Stefan das betrieben hat, auch der Uwe noch viele Jahre betrieben hat, hab ich das selber nicht gemacht. Das hat nicht mehr gefunzt bei mir. Aber irgendwann ist das so. Das ist wahrscheinlich wie bei Glücksspiel. Wenn Du das Geld wieder in der Hand hast, oder die Stöcker wieder in der Hand hast, wie es bei mir zum Beispiel ist, dann ist das wie ´ne Sucht, und dann willste das auch weiter machen. Das ist so.“ schildert Harry das Dilemma.

Andererseits hat er aber auch mitbekommen, daß von außen das Bedürfnis durchaus noch vorhanden war, die Band wieder einmal live zu sehen. So zum Beispiel meint Harry: „Es stand ja auch auf der Internetseite toxo.de sehr oft: „Wann spielt Ihr mal da?, Könnt Ihr da mal spielen? Habt Ihr Lust dort zu spielen?“ Also verfolgen konnte man das schon, daß das viele Leute noch Interesse dran hatten, das zu machen. Oder das zu hören… Also, ja g ut, angesprochen worden, denke ich, ist der Wally öfters, als wir…“ , der auch gleich einhakt und folgendes zu berichten weiß: „Ja gut man wird schon gefragt: „Wann spielt Ihr wieder, wann spielt Ihr wieder?“. Sicher. Ruhepause? Ja, ne mehrjährige eigentlich, ne? Aber das war in den 80´ern ja eigentlich auch so.“

" man setzt sich halt nicht mehr mit 40 da hin und asselt ab…"

Wenn die „alten Helden nicht mehr da sind“ müssen neue nachwachsen. Eine Interessensfrage ging an Wally, ob er denn die die aktuelle (deutsche) Punkszene noch verfolge: „Die Punkszene nicht. Nö. Die Punkszene weniger weil, ich bin zwanzig Jahre älter als die Szene. Und hab da ganz andere Anschauungen mittlerweile, oder Interessen. Keine Ahnung. Die Musik auf jeden Fall. Klar. Das interessiert mich nach wie vor. Ich liebe diese Art von Musik und bin immer offen für guten Punkrock. Egal ob das jetzt international oder national oder sonst was ist. Keine Frage.“ Wie jetzt? Zwanzig Jahre älter…? Ist für ihn denn Punkrock eher ein Ding für die Jugend?: „Äh. Für die Großmutter ist es nicht. Das ist klar….hadert…Ist ´ne interessante Frage… Ähem. Nicht unbedingt. Das nicht. Aber gewisse Ansichten ändern sich doch schon. Es geht einfach nur darum. Also ich kann mich mit einem vierzigjährigen Punkrocker länger unterhalten als mit ´nem zwanzigjährigen Punkrocker. Weil ich einfach mehr Gemeinsamkeiten mit diesem vierzigjährigen Punkrocker hab. Darum geht es. Nicht um die Tatsache, daß ich auf Grund meines Alters vom Punkrock weit entfernt bin. Man hat durchaus andere Weltanschauungen. Man hat gelernt. Man hat Sachen, die man früher anders gesehen hat…Sicher. Aber der Hauptgrund ist die Tatsache, daß da zwanzig Jahre dazwischen liegen…ähh….ach schneid die Scheiße hier raus… (lacht)“. Also hat sich doch nichts geändert, oder? Gibt es denn so große Unterschiede im Gegensatz zu früher?: „Nö. Man hat nur früher genauso da gesessen. Fand das tierisch cool und geil. Nur heute ist mir aufgefallen. Ich war auf der anderen Seite. Auf diesem Oststrand. Da sitzen eher Leute unseres Alters. Und da war es für mich relaxter. Ich fand´s da entspannender. Also ich hätte mich jetzt lieber da hingesetzt, als da unten hin. Was jetzt nicht heißen soll, daß ich hier nicht gerne sitze. Verstehst Du. Aber man setzt sich halt jetzt nicht mehr mit 40 da hin und asselt ab… (Bei letzterem machte Wally eher so ein asselndes Geräusch, so daß ich das mal so interpretiert habe, Anm. d. T.). Und wenn, dann hast'es verfehlt.“

Vor einiger Zeit erschien ja dann doch endlich die langerwartete SLIME-Doppel-DVD „Wenn der Himmel brennt“. Ein Satz im überaus empfehlenswerten Booklet ist bei mir besonders hängen geblieben. Nämlich, dass sie sich wunderten, dass nie so richtig jemand in der Größenordnung folgen, oder jemand in diese Fußstapfen treten konnte. Bei einer Band aus einer ähnlichen Zeit und ähnlichen Kalibers könnte man das ja fast genauso sehen. Dazu Wally: „ Äh…. Ja. Das hat ja jetzt nichts mit Qualität oder so was zu tun, sondern es ist einfach die gewisse Weltanschauung, das gewisse Weltbild, was in dieser Szene erst in dieser Zeit vertreten wird. Das ist heute, außer diese klassische Anti-Staat-Geschichte, das ist heute etwas anders. Obwohl, das gab´s auch früher, diese ganzen Saufsongs. Kann man so auch nicht sagen…“ . Schlagzeuger Harry, übrigens ein waschechter Ossi, sieht die Gründe eher darin, daß man heutzutage, und das kann ich nur unterstreichen, mit Musik einfach nur zugeschissen wird: „Ob da was geschlossen worden ist oder nicht… Es kommt ja jeden Tag was neues. Und sagen wir mal vor 20 Jahren oder länger, wo wir angefangen haben, war es ja so, daß Du nach jedem Tape von irgend ´ner Combo gehechelt und gelechzt hast. Das ist schon fünf mal überspielt gewesen. Das ist ja heute nicht mehr der Fall. Du kannst Dir ja heute Songs aus dem Internet runter laden, es werden CD´s gebrannt, da gibt´s Tauschbörsen und und und. Und damals war das so, da hat der Kumpel, der Wally oder ich oder der Stefan, Uwe, wir haben uns gegenseitig die Tapes aufgenommen, zugeschoben und da war jeder happy gewesen und da bist Du noch nicht so zugeschmissen worden mit dem „Kunstwerk“ Musik. Egal aus welcher Branche das jetzt ist. Aus welcher Kulturszene.“ Ach ja Uwe ist ja auch noch da. Bisher still dagesessen meldet er sich wie folgt zu Wort: „Als wir die Platte gemacht haben, war es so, dass im Jahr vielleicht 3 oder 4 Scheiben raus kamen. Heute kommen am Tag 3 oder 4 Scheiben raus. Das ist einfach ´ne andere Vielfalt, die heute da ist. Und das war auch was Neueres zu der Zeit. Das war noch nicht so lange auf dem Markt, einfach, wie es heute ist. Also ich denke, viel lebt heute auch von der Wiederholung. Von dem, was damals ganz neu war.“

"Du bist nicht damit überschwemmt worden, mit irgendeiner Musik. Das war wirklich kopieren, kopieren, kopieren, kopieren… "

Oh ja. Das mit dem Tapes-Kopieren kenne ich auch. Und wenn es mal an einer Stelle einen Aussetzer gab, hatten den auch garantiert alle in der Stadt… Selbst Wally ist dieses Thema auch nicht unbekannt: „Das Phänomen gab es bei uns allerdings auch. Nur nicht mit deutschen Gruppen, sondern mit amerikanischen Gruppen. Ich hab damals in Troisdorf gewohnt und war in einer Szene von Leuten drin, die sich für horrende Summen Singles bestellt haben von BLACK FLAG, von den MISFITS, die kannte ich erst Jahre später, da kam das hier…“ . Na gut dem Rest auch nicht. Uwe hat sich auch mal für 25 DM ein Original Bad Brains-Tape gekauft. Damals unvorstellbare Summen für Punkrocker. Wieder Wally: „Da waren auch Dropouts auf dem Tape. Da waren auch Songs angeschnitten und so was. Ich hab diese Songs auf anderen Tapes, in einer ganz anderen Zeit, bei ganz anderen Leuten wieder erkannt.“ Harry fügt dem noch hinzu: „Ich glaube, wir haben uns da auch sehr sehr viel Mühe gegeben, uns Musik zu besorgen. Ob das der Stefan gewesen ist, der dann von London irgendwas mitgebracht hat, oder einer von uns in Berlin gewesen ist… Da sind wir in irgendeinen Scheißladen gegangen und haben gestöbert und gewühlt und geguckt: „Was gibt es Neues?“ Das ist nicht so, daß es jeden Tag was Neues gab, sondern wenn Du da alle 14 Tage oder 4 Wochen mal hingegangen bist, da gab´s auch wieder mal was Neues. Das war wie so´n kleines Highlight gewesen. Weil, Du bist nicht damit überschwemmt worden mit irgendeiner Musik. Das war wirklich kopieren, kopieren, kopieren, kopieren… Wieder neue Musik und neue Musik. Das war das A und O gewesen…“

Ach Tapes. Das war (und ist eigentlich immer noch, heute wohl aber eher als CD-R) eine tolle Sache. Wally besitzt übrigens eine umfangreiche 78´er Tapesammlung, wie er mir erzählte. Die hört er übrigens auch noch fast lieber als aktuelle Sachen: „Ja. Es sei denn, es gibt ein paar gute, neuere Sachen. Dann hör ich die auch. Aber ich mag meine alten Tapes. Doch. Ich hör meine alten ADVERTS-Tapes, meine X-RAY-SPEX, so was in der Küche. Wenn ich nicht gerade CD´s höre, die ich selber gemacht hab mit Bands, die mir gefallen. Oder MAD CADDIES. Gute Musik eben.“

Wenn die alte Musik so wichtig ist… Nach welchen Gesichtspunkten wählt er denn dann die Bands aus, die bei ihm im Studio Sachen aufnehmen wollen?: „Ich wähl die Bands nicht aus. Ich bin froh, wenn Bands kommen, die ich aufnehmen kann (lacht). Das ist mir qualitativ… Es ist für mich wichtig, daß der Sound stimmt. Und wichtig ist für mich, daß ich den Spirit, den die Band ausstrahlt, bewahre, mit aufs Band kriege. Das ist halt meine Arbeit, die ich versuche durchzukriegen, dass ich die Band wirklich so wirken lasse oder so klingen lasse, wie´s auch wirklich wirkt. Verstehst Du. Und da ist es mir ziemlich egal, ob das jetzt ´ne Band ist, die nicht im Timing ist oder eine, die perfekt im Timing ist. Hauptsache, die Band bringt diesen Spirit, diese Power mit rüber…Weil unsere Scheibe, die ist auch nicht im Timing, die ist auch nicht musikalisch perfekt, die erste… Die anderen schon. Vielleicht zu perfekt….?!“

Wie schon gesagt. Harry ist ein waschechter Ossi. Da wird mir die Band ja fast gleich noch ein bisschen sympathischer. Obwohl das ja eigentlich gar kein Thema mehr in der Punkszene ist. Oder zumindest keines mehr sein sollte… „Wie kam es eigentlich dazu“, wollte ich wissen. Solche Geschichten finde ich ja noch immer recht interessant. Darauf erzählte er mir, daß dies 1978 geschah und er damals gerade zarte 16 Jahre alt war: „Mit Eltern 1978. und ´n Wellensittich. Den hatt ich auch noch dabei. Selbst den Käfig hamse an der Grenze gefilzt. Der ist darin Amok gelaufen… Die haben so´n Scheiß Auffangfach, wo sie immer raufkacken. Selbst das Fach haben die raus gezogen, reingeguckt, ob da nicht irgendwas drin ist, was wir hätten rausschmuggeln können oder so… Was weiß ich…DDR-Kultur oder so…“

Also offiziell ausgereist?: „Ja. Offiziell, nach diesem Abkommen von Helsinki, daß also jeder Staatsbürger, egal wo er lebt, die Staatsbürgerschaft und auch das Land wechseln kann. Und da mein Vater gebürtig aus Frankfurt/Main ist, durfte er 1976 zur Hochzeit seines Bruders fahren, nach Köln. Und ist dann wieder zurückgekommen und hat eigentlich nichts gesagt. Sondern hat einfach nur gesagt: „Ich wohne nicht mehr lange hier und wenn Ihr gerne mitkommen wollt, dann kommt gerne mit.“ Er hat das gesehen und er war der Meinung gewesen, daß seine Familie im Grunde genommen was Besseres verdient hat, als das was eben im Osten abgelaufen ist oder so. Und so sind wir dann nach genau 152 Ausreiseanträgen aus der DDR raus gekommen.“

"Funpunk… ist ja in Berlin entstanden"

Während wir hier so plauderten, fingen unten gerade die DÖDELHAIE an zu spielen. Ich als einer, der durch diese Bands ja maßgeblich beeinflusst worden ist, wollte natürlich wissen, wie sie denn zu solchen Bands stünden /standen. Also Funpunkbands. Entweder hatten die anderen keine Lust mehr zu erzählen oder Stefan, der bisher auch noch nichts gesagt hatte war der Sachbearbeiter in Sachen Funpunk der Band. Jedenfalls erzählte er: „Funpunk… Das gibt´s ja eigentlich schon viel länger. Der Begriff, oder eigentlich Funpunk ist ja in Berlin entstanden. So zumindest habe ich das mitbekommen. ÄRZTE. RALF REXIN, DTJ. Ich fand damals schon die ÄRZTE begnadet gut. Tolle Musiker. Ich find sie heute noch begnadet gut. Obwohl ich, glaube ich, keine einzige ÄRZTE-Platte habe. Anschauen ist klasse. Also im Gegensatz zu diesen TOTEN HOSEN… Unsägliche tote Hose… Die sind ´ne Rockband, die sich verkleiden für Auftritte. Ich erinnere mich auch nicht daran, dass die HOSEN damals auf irgendnem Punkkonzert gespielt haben. Ich weiß es nicht genau.“

Ui. Dieses Düsseldorfer Ding ist ja eh ein schwieriges Thema. Vor ein paar Jahren erschien ja auch dieses „Verschwende Deine Jugend Buch“. Dort hätte man meinen können, Jürgen Teipel und die Düsseldorfer beanspruchen für sich, den deutschen Punk erfunden zu haben… Für mich hingegen waren eben aber eher Bands wie SLIME, TOXOPLASMA, CANAL TERROR, SLUTS usw. die „Erfinder“ des deutschen Punkrocks. „Wie sehen das TOXOPLASMA“, wollte ich wissen? Sie sind ja, nach meinem Wissen in diesem Buch auch nicht erwähnt worden. Eher mit einem Augenzwinkern erzählt Wally, dass die Düsseldorfer Szene ´ne ganz eigenständige Kultur wäre. Stefan führt das wieder genauer aus: „Ob das nun FEHLFARBEN oder MALE ist oder wie sie alle hießen… Die haben ja an sich mit der richtigen Punkszene, mit der Deutschpunkszene gar nichts zu tun. Also in meinen Augen. Das war damals für uns so… Ja die waren irgendwie so´n bisschen Schickimicki und fühlten sich irgendwie etwas besser oder so was. Vielleicht weil sie das Instrument besser beherrschen oder was weiß ich…“ .

Aber damit war meine Funpunkfrage auch noch nicht so recht beantwortet. Also bitte, werte Herren, Herr Walldorf: „Nö, gehasst hab ich das nicht. Hat auch, glaube ich, keiner von uns gehasst. Aber es war einfach nicht das Ding, was uns ins Ohr gegangen ist. Auch nicht das Ding, was wir machen wollten. Da hab ich gerade mal so Sachen wie RAZORS gehört oder BUTTOCKS. Das fand ich scheißegeil. Sowas wollte ich auch machen. BRIEFTAUBEN hätten mich nie animiert, so was zu tun. Und HOSEN auch nicht. Das hat man gehört und das war o.k… War auch mal lustig, war aber kein Sound, wo man selbst Herzklopfen und Gänsehaut bei bekommen hat. Und das brauche ich, wenn ich ´n guten Song auf mich einwirken lasse.“ Na bitte. Geht doch.

"Verunglimpfen lassen wir uns nicht."

Kommen wir langsam zum Schluss. Eine Homepage hat ja heutzutage fast jede Band am Start. Und wie ich erfahren durfte, ist da demnächst sogar auch wieder was Neues geplant, auch wenn Wally das Ganze anfangs wieder ein wenig entschärfte: „Ich mache die. Ich hab die das letzte mal ´98 upgedated. (lacht) Ich hab das Codewort vergessen für meinen Server…: Weist Du was? Ich hab mir so ´ne Mühe gemacht. Ich hab da von jeder Platte Songs in MP3 gemacht. Die tollsten MP3´s habe ich gebastelt. Extra neu komprimiert und gefriemelt. Und die einzigste Post: „Ey wechsel mal, mach mal ´n paar neue. Ey, Alter, wann kommen die nächsten Songs?“ Und ich denke - Ey Moment mal. Du setzt Dich hier jetzt hin, zahlst ´ne Menge Geld, daß Du hier ´ne Homepage machen kannst und der Dank dafür: „Ey, Alter, wechsel mal, mach mal ´n Update…“. Ja und das hab ich halt boykottiert.“

Aber, wie schon erwähnt, soll da demnächst durchaus noch was passieren. So verstehe ich jedenfalls das, was mir Stefan dazu noch mal erzählte: „Es gibt demnächst dann www.toxoplasma.de. Also nicht nur toxo.de, sondern auch toxoplasma.de wird's demnächst geben. Das wird ´n Bekannter von uns machen, der auch mehr Enthusiasmus und zumindest mehr Plan als ich hat. Also es wird schon ´n bisschen was passieren.“

Über die bisherigen Besucherzahlen war man sich zwar noch uneinig, aber ich denke, daß den meisten Fans so eine neue, schicke Homepage sicherlich etwas bringt. Bleibt die letzte Frage, ob bei solch einem Aufwand nun nicht doch noch etwas (musikalisches) Neues von TOXOPLAMA zu erwarten sei. Wally: „Also für mich ist das so. Ich kann da schlecht mit umgehen, wenn man versucht, da irgendwo ´n Druck auszuüben. Wollt Ihr? Könnt Ihr? Macht Ihr? Oder so was. Es sind einfach viele Dinge, die muss man auf sich zukommen lassen. Und ich sag ganz ehrlich, wie der Stefan auch gerade gesagt hat - Die Homepage wird von jemand anderes gestaltet. Die wird zwar beobachtet von uns, wie sie gestaltet wird… Ganz egal ist uns das nicht. Verunglimpfen lassen wir uns nicht.“

O.k., mal wieder hervorragend ausgewichen. Aber ich finde trotzdem, das war ein gutes Schlusswort. Bald darauf mussten die Jungs auch schon auf die Bühne….

Und als man mangels Zugaben auch noch ein zweites Mal „Polizeistaat“ und 1981 gespielt hatte, war auch endgültig Schluss. Und ich sah jede Menge glückliche, verschwitze Leiber. Also. Alles rundum gelungen. Auch muss erwähnt werden, daß ich, auch wenn viele wieder meckerten, die Eintrittspreise von 17,- EUR für zwei Tage relativ human fand. Das nur noch mal so am Rande. Was gibt´s sonst noch zu sagen? Nichts! Ich warte auf eine Fortsetzung. Und die ist, laut MAD-Marc gar nicht so unwahrscheinlich. Wobei auch noch einige Highlights zu erwarten sein sollen. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen…

mieschka | Di., 20. Jul 2004 | Interview

KAPITULATION B.o.N.n. Wem ist diese Band nicht schon mal auf dem steinigen Weg seines Punkrockerdaseins begegnet? Deutschpunk - für viele ein Schimpfwort - oder dann doch besser Punkrock mit deutschen Texten? Wie dem auch sei. Nach 7 Jahren (!) haben sie es endlich mal wieder geschafft, mit „Helden“ eine komplett neue Platte zu veröffentlichen. Da fällt mir doch WIZO ein, die diesen „Erfolg“ bisher noch nicht verbuchen konnten. Ich bin ja jetzt schon mal gespannt. Höhö. Aber egal. Es geht ja hier um KapBonn. Was soll ich sagen? Auch diese Platte strotzt wieder einmal vor Power und durchdachten Texten. Garniert mit dem eindrucksvollen, charismatischen Gesang. Ja, und das beweist mir wieder einmal, daß sie zu den „Guten“ des Punkrocks zählen. Wo doch teilweise in den letzten Jahren meine armen Ohren schon arg viel Durchschnitt haben ertragen müssen.
Hat sich also nichts geändert bei ihnen. Oder doch? Lest selbst

1. Morgen Olli. Nach ewigen Zeiten habt Ihr eine neue Platte veröffentlicht. Und eine neue Platte zu veröffentlichen heißt ja immer auch ein bisschen Promo zu machen und Interviews zu geben. Daher erzähl doch mal etwas darüber. Was Dir gerade so einfällt. Und warum hat das eigentlich so lange gedauert?

Das es mit dem Album so lange gedauert hat, hat mehrere Gründe. Lange Zeit fehlte einfach brauchbares Songmaterial. Ich hatte zwar immer einige musikalische Ideen, konnte aber irgendwie keine Texte zusammenbringen. Dann war unser früherer Gitarrist Guy irgendwann buchstäblich "verschwunden". Er tauchte einfach nicht mehr auf, bis wir irgendwie um drei Ecken erfuhren, dass er beschlossen hatte, die Gitarre an den Nagel zu hängen. Außerdem kam es irgendwie ganz komisch und wir sind allesamt innerhalb kürzester Zeit Papas geworden. Mehr oder weniger gewollt, mehr oder weniger erfolgreich. Wir haben zwar in den letzten Jahren nie wirklich aufgehört, zusammen zu spielen, hatten aber zwischendurch auch ein oder zwei Momente, wo wir wirklich kurz davor waren, die Sache hinzuschmeißen. Wir fünf sind, glaube ich, recht komplizierte Charaktere und Zoff gab es innerhalb der Band schon immer reichlich. Während der letzten zwei Jahre wurde das aber phasenweise recht extrem, auch weil wir uns einfach nicht mehr so regelmäßig sahen und dadurch eine Menge Dinge wohl lange unausgesprochen blieb. Letztes Jahr haben wir uns dann zusammengesetzt und überlegt, ob wir den ganzen Scheiß nicht einfach lassen sollen. Wir stellten aber fest, dass uns die Band letztlich doch allen zu wichtig war, um einfach hinzuschmeißen. Wir haben uns dann zwei Stunden lang ausgekotzt und seitdem läuft es tatsächlich entspannter. Zum Teil liegt das wohl auch an unserem neuen Gitarristen Basti. Erstens ist der ein sehr ausgleichender Typ und zweitens scheint es wirklich so zu sein, dass sich irgendwie alle versuchen zu "benehmen", wenn ein Neuer dazu kommt. Du kannst ja schließlich einen neuen Mitspieler nicht empfangen, indem du sagst:" Oh, wir haben gerade eine verdammt miese Zeit, kotzen uns an und überlegen, ob wir nicht aufhören sollten!" Das tut sich ja nun keiner freiwillig an!
Zum neuen Album: Die Aufnahmen dazu sind ja nun schon wieder fast ein Jahr her. Das heißt für uns ist das schon fast wieder alt. Wir haben für "Helden" zum ersten Mal das ganze Paket fertig gemacht, bevor wir uns an Labels gewendet haben. Aufnahmen, Titel, Cover - Alles! Dadurch mussten wir keinerlei Kompromisse eingehen, und "Helden" ist so vielleicht das erste Album, das "Kapitulation B.o.N.n." in voller Bandbreite zeigt. Ich muss aber auch zugeben, dass es dafür noch andere Gründe gibt. Wir waren schon immer vor allem als Polit-Band bekannt. Und das lag sicherlich nicht nur an unserem früheren Label. Ich hatte immer das Gefühl, dass wir auf diesem Polit-Gebiet eigentlich immer etwas zustande bringen konnten, was gut war. Sobald wir uns jedoch auf einem anderen textlichen Gebiet versuchten, fand ich das, was dabei herauskam bestenfalls Durchschnitt. Bei den neuen Songs hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, auch persönlichere Sachen machen zu können, die ich selbst gut genug für ein Album hielt. Ich meine Nummern wie "Wüstensohn", "Gegen den Wind", oder auch "Herz", was sich zwar nicht so anhört, was aber 100% Tagebuch ist.

2. Ich sag mal, die Szene ist ja mittlerweile ziemlich klar strukturiert. Da gibt es die relevanten Fanzines und sonstige Medien, und wenn man sich einen Namen gemacht hat, schickt es sich hier und dort eben manchmal, Anzeigen zu veröffentlichen...
Ich habe erst gar nicht mitbekommen, daß Ihr eine neue Platte draußen habt. Keine Veröffentlichungen auf (Fanzine)Samplerbeiträgen, keine Interviews... Habt Ihr sonst mit der "Szene" nicht mehr so viel am Hut?

Wir haben das neue Album ja, wie gesagt, zunächst einmal in Eigenregie produziert. Die ganze Geschichte kommt also erst so nach und nach eigentlich in Gang. Mittlerweile haben wir schon im Ein- oder Anderen Zine Anzeigen geschaltet und auch die einschlägigen Mailorder haben die Scheibe mittlerweile gelistet. Ganz allgemein haben wir uns selbst jedoch nie so sehr als szenespezifische Band betrachtet, oder in diesen Kategorien gedacht. Natürlich bewegen wir uns, gerade was Auftritte betrifft, meistens innerhalb von etwas, das sich selbst größtenteils vermutlich als "Deutschpunk-Szene", oder was auch immer sieht. Ich persönlich finde diesen Szenebegriff eher etwas problematisch, wobei es jetzt auf diesem schriftlichen Weg wahrscheinlich schlecht möglich ist, das genauer zu erklären. Natürlich sind im Verlauf der 15 Jahre, die wir jetzt als "Kapitulation B.o.N.n." durch die Gegend ziehen, bleibende Kontakte und auch Freundschaften entstanden. Zu anderen Bands, zu Leuten, die Konzerte machen usw... Nur empfinden wir diese Kontakte nicht als solche zu "Szenevertretern", sondern das sind einfach persönliche Ebenen. Zumindest empfinde ich das so. Es ist auch absolut ein geiles Gefühl auf Konzerte zu fahren und dort eine Menge Leute zu treffen, mit denen du Ansichten, Vorlieben etc. teilen kannst. Auf jeden Fall. Und genauso ist klar, dass so etwas nicht möglich wäre, wenn sich nicht über Jahre hinweg eine funktionierende "Infra-Struktur" entwickelt hätte, die sich selbst aufrechterhält. Das ist keine Frage, und davon profitieren wir natürlich auch. Aber gerade unter den Leuten, die sich selbst als sehr "szeneprägend" oder "szenevertretend" empfinden, gibt es leider auch eine ganze Menge Typen, die dafür sorgen, dass dieser Begriff sehr einengend und reglementierend wirken kann. Und das kann einem das Ganze wiederum ziemlich verleiden.

3. "Die Welt braucht Helden...". Das klingt irgendwie nach ´nem Bundeswehr-Werbespot. Und auch ein bisschen Utopisch. Habt Ihr die Hoffnung noch nicht verloren?

Das ganze ist auch ein gutes Stück weit ironisch gemeint. "Helden" ist ja ein Begriff, der automatisch ein gewisses Pathos vermittelt. Wir sind aber allesamt sicher keine besonders pathetischen Gestalten und genau deswegen haben wir vermutlich kein Problem damit, so einen Begriff zu verwenden. Ich glaube nicht an die "große Revolution" oder so etwas. Wir sind jetzt alle so um die dreißig. Ich denke, in diesem Alter hast du irgendwo deine Wertvorstellungen zusammengebaut und hast einigermaßen herausgefunden, was sich für dich dabei als bleibend herausgestellt hat (Hä hä, Altersweisheit, you know!) Ich finde, worum es dann geht, ist einfach ein Leben zu führen, dass du selbst für dich respektieren kannst. Dabei genieße ich es z.B. über unsere Musik die Möglichkeit zu haben, mich zu Dingen zu äußern, die mir im Kopf rum gehen. Und was für einen Grund sollte es denn geben, die Klappe zu halten? Das hielte ich in der Tat für dumm. Ich bin aber kein Mitglied von irgendeiner politischen Organisation, Gruppe etc., habe auch nicht vor, so etwas zu werden. Solche Dinge sind natürlich notwendig, um überhaupt politisch aktiv arbeiten zu können und insofern kannst du mir vorwerfen, dass ich es mir sehr sehr einfach mache. Sowohl als Band, wie auch als Privatpersonen engagieren wir uns allerdings schon immer wieder auch punktuell für bestimmte Projekte. Mit Organisationen habe ich aber in der Regel das Problem, dass sie meistens eine komplette Philosophie und einen geschlossenen Moral-Katalog vertreten.

4. Jemand von Euch wohnt ja auch, so habe ich gehört, in Berlin. Ist es da nicht auch ein wenig schwierig von wegen Proben und so...?
Ja, das war nicht ganz einfach. Man muss sich umstellen. Früher haben wir ziemlich regelmäßig geprobt, so alle 10-14 Tage. Heute schaffen wir es vielleicht alle drei Monate mal ein Wochenende alle zusammen im Proberaum zu sitzen. Dafür kannst du aber heute mit "Elektronischer Post" immer Ideen hin und her schicken usw … Außerdem finde ich es erstaunlich, dass man irgendwann feststellt, wenn man zehn Jahre mit diesen Typen zusammenspielt, dann geht das mit dem Proben von neuen Sachen viel schneller. Man kennt das Gespiele der anderen in- und auswendig und kann auch neue Songs darauf auslegen. Wenn Rainer heute einen neuen Song trommelt, dann weiß ich vorher schon genau, was er an welcher Stelle tun wird und kann darauf reagieren. Das ist schon sehr seltsam. Mittlerweile haben wir uns auf jeden Fall daran gewöhnt.
Am Anfang fand ich das blöde, dass man nicht mehr regelmäßig probt, weil ich auch dachte, dass eine Band keine wirkliche Band ist, wenn sie das nicht tut.
Aber das geht schon in Ordnung so.

5. Aha. Und jetzt, wo er in Berlin wohnt und der Regierungssitz nach Berlin verlegt worden ist.... Mal überlegt, Euch in Kapitulation B.e.R.l.I.n. umzubenennen?

Ja, das läge eigentlich nahe. Aber da mit unserem B.o.N.n. nicht der frühere Regierungssitz gemeint ist, ist es auch nicht wirklich nötig. Wir haben allerdings so ein Spaß-Projekt, bei dem wir neben der Band immer mal wieder irgendwelche (manchmal extrem bescheuerten) Dinge tun, und wo dann auch häufig noch andere Leute mitspielen. Sehr spontan halt. Diese Geschichten laufen dann immer unter dem Namen "Umzug nach B.e.R.l.i.N.". So haben wir irgendwann bei einem Festival unsere eigenen Songs als Ska-Versionen gespielt, oder wir tauchten unverhofft als "Akustisches Quartett" auf einer Grillhütte auf. Solches Zeug halt.

6. Mir ist aufgefallen, daß Ihr für Eure Alben und auch für Eure Songs immer recht plakative Titel wählt. Wollt Ihr es dem Zuhörer so einfach wie möglich machen, mit Euren Songs etwas anzufangen?

Das mit den kurzen Namen ist viel weniger Programm als du denkst. Ich habe selbst lange Zeit nie wirklich darüber nachgedacht, bis mir auffiel, dass wirklich ganz viele unserer Nummern Ein-Wort Titel haben. Bei den Album Titeln ist das vielleicht ein Stück weit anders. Wir hatten "Feuer" und "Blut" gemacht. Danach hätte das nächste Album ja eigentlich "Wasser" oder "Luft" heißen müssen! (Ist natürlich Bullshit!) Wir hatten aber, als wir über den Titel für unser neues Album nachdachten, auch die Idee gehabt, dem Ding einen richtig langen Namen zu verpassen. Wir haben\'s dann letztlich doch gelassen, was aber mehr so ein interner Spaß ist, ohne große Bedeutung.

7. Dafür geht es in den Songs dann doch eher ins Eingemachte. Ihr setzt Euch ziemlich intensiv in Euren Songs mit den Themen auseinander. Was macht Ihr beruflich? Seid Ihr Professoren oder so?

Nee, das nun wirklich nicht. Ich persönlich arbeite mit geistig- und seelisch behinderten Kindern und Jugendlichen, zwei von uns sind Rettungssanitäter- also sehr "wissenschaftlich" ist das alles nicht. Definitiv hat es keiner von uns zum Professor gebracht. Schade eigentlich, ist bestimmt kein schlechter Job! Die Songtexte sind uns aber schon sehr wichtig, und es stimmt dass ich an den Texten eigentlich immer wesentlich länger herumdoktere als an der Musik.

Die schreibt sich oft eher von selbst. Allerdings steckt in etlichen Texten weniger Zusammenhang, als da hineininterpretiert wird. Wir haben vor Jahren z.B. ein Stück mit dem Namen "Sonderzug" für so ein Anti-Castor Projekt gemacht. In dem Text gibt es aber vielleicht zwei bis drei Zeilen, die sich wirklich auf dieses Thema beziehen und die auch wirklich daraufhin geschrieben wurden. Alles andere könnte genauso gut sonst was bedeuten. "Kartell der Kassierer" ist auch so eine Nummer. Eigentlich einfach nur eine zusammenhanglose Aneinanderreihung von Bildern, die nur durch die Refrain-Zeilen scheinbar einen übergeordneten Sinn ergeben.
Das trifft natürlich nicht auf alle Songs zu. Und gerade bei den politischen Sachen haben wir schon das Ziel, etwas tiefer in die Sache reinzugehen, ohne dabei völlig die Prägnanz zu verlieren, oder sich in Geschwafel zu verlieren.

8. Wo wir schon mal beim Thema Songs sind… Bevor ich es vergesse… Ihr habt da mal die Single rausgebracht. "Am Fenster". Eine Coverversion von CITY, also einer Ostband. Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, die zu machen? Und wer hat die Geige gespielt? Mr. Gogow persönlich?

In Wetzlar, in der Gegend, wo wir ursprünglich herkommen, gab es so einen Laden, wo wir als Kids öfters hingingen und immer montags abends lief dann früher oder später dieser Song. Daher kannten wir "Am Fenster" eigentlich ursprünglich. Das Original ist ja so ein typisches Siebzigerjahre-Ding mit ausgedehnten instrumentalen Parts. Wir haben es dann für unsere Zwecke ein wenig gestrafft und weitgehend auf das Wesentliche reduziert. Die Geige hat ein Kumpel gespielt, der Ingmar heißt, und der heute in Hamburg auf der Schanze lebt.

9. Vorher hattet Ihr ja Eure Platten noch in Zusammenarbeit mit A.M. Music herausgebracht. Gab es da auch (Abrechnungs-)Probleme, wie man so oft auch von anderen Bands hört, die dort gewesen sind?

Abrechnungsprobleme hatten wir mit A.M. eigentlich nie, was in dieser Szene aber komischerweise recht ungewöhnlich ist. Denn es ist ganz häufig so, dass man sich einigermaßen blöde anmachen lassen muss und hingehalten wird, wenn man erwartet, dass einem das Geld, das man zugesichert bekommt auch tatsächlich überreicht wird. Und es geht ja hier nicht um große Summen. Das läuft dann häufig auf so einer, wie ich finde, ziemlich miesen Tour, so von wegen: "Du bist doch auch Punkrocker, und wir haben doch selber nichts, das kannst du doch wohl jetzt nicht bringen!" Ich habe aber noch nie etwas davon gehört, dass Punk bedeutet, sich verarschen zu lassen.

10. So kommen wir langsam zum Schluß. Wie siehts denn mit Tourplänen zur neuen Platte aus? Wann verschlägts Euch nach Berlin oder ins Umland davon ?

Mit Tourplänen ist es genau wie mit den Proben. Das ist schon etwas schwer zusammen zu bringen. Wir wollen und werden auf jeden Fall Live spielen. Fix ist bis jetzt allerdings nur ein Wochenende in der Schweiz, Mitte September. Einiges andere ist im Gespräch, es gibt aber noch keine konkreten Termine.

11. Noch ein paar letzte Worte an unsere Leser?

Kapitulation B.o.N.n. kaufen!

mieschka | So., 18. Jul 2004 | Interview

SHARK SOUP aus Erlangen sind neu. Sind SHARK SOUP aus Erlangen aber auch anders? Heutzutage sprießen Bands aus dem Boden, gehen ein, erstehen auf und es fällt schwer, den Überblick zu behalten. Und gerade bei den vielen schlechten Bands, die es so gibt, fehlt auch oft die Motivation, sich mit allem und jedem zu beschäftigen und für sich die Rosinen rauszupicken. SHARK SOUP ist so eine Rosine für mich und ich denke schon, sie sind anders. Vor ein paar Wochen kam mir ihre Debüt MiniCD ins Haus geflattert, die nicht nur ein Augenschmaus ist, sondern und vor allem in musikalischer Hinsicht mein Herz zu Freudensprünge hinreißen ließ. Sieht man genauer hin, erkennt man dann sogar das ein oder andere bekannte Gesicht. Als mir dann MOSH von KNOCK OUT RECORDS, wo jetzt auch gerade frisch die Vinylversion der Platte erschienen ist, anbot, die Band zu interviewen, zögerte ich nicht lange, der Band ein paar Fragen zu stellen. Und das Ergebnis findet Ihr hier.

Für ein eMail-Interview gar nicht schlecht, wie ich finde. Genau wie die Band. Wenn Ihr also offen für NEUES seid, wenn Ihr auch mal was ANDERES hören wollt, dann besorgt Euch die Platte. Egal ob Vinyl oder auf CD. Denn die rockt.

Viel Spaß beim Lesen, Mieschka Mayonaise

Übliche Einsteigerfrage. Wer seid Ihr, wo kommt Ihr her, Bands zuvor, seit wann gibt´s Euch, usw....?
CHRISSI: Wir sind SHARK SOUP aus Erlangen. Uns gibt es nun fast genau ein Jahr. Der erste Liveauftritt war am 30. Mai ´03 als Support für PETER PAN SPEEDROCK. SHARK SOUP besteht aus Chrissi - Guitar / Vocals, Harry Doghouse - Bass und Stephan - Drums.
Stephan spielte hauptsächlich in Bands wie THE HINKS und ELECTRIC HELLCLUB. Harry war Bassist und Kopf bei den BLOWJOB JUNKIES. Ich war bei ELECTRIC HELLCLUB und tourte viel mit OXYMORON. Später war ich auch festes Mitglied der Band uns spielte das „Westworld“-Album mit ein. Nach der DROPKICK MURPHYS US-Tour verließ ich die Band, um mich um meinen eigenen Weg zu kümmern.

Vor ein paar Tagen bekam ich von KnockOut Eure Debüt CD zugeschickt. Bei ihm erscheint ja jezt dann demnächst diese auch auf Vinyl. Das ging ja dann ziemlich schnell, daß Ihr diese eingespielt habt, wenn Ihr erst vor einem Jahr den ersten Auftritt hattet. War das "Projekt" längerfristig geplant? Hattet Ihr so viel Spaß beim Auftritt, daß daraus etwas Andauerndes entstehen sollte? Wie kam es überhaupt zu der Veröffentlichung?
SHARK SOUP war eigentlich eine Fluchtreaktion auf die Erfolglosigkeit die bei ELECTRIC HELLCLUB herrschte. Stephan und ich trafen uns nebenbei, um alte Songs unserer damaligen Band TEENAGE TOILETS zu spielen.
Irgendwann nahm ich dann wieder mal meine Gretsch Gitarre in die Hand und die alte STRAY CATS meets THE CLASH Leidenschaft entfachte erneut und hundert Mal so stark wie nie zuvor! Alles fühlte sich gut an, die Songs kamen mir blitzschnell in den Kopf geflogen und es machte seit langem mal wieder richtig Bock loszulegen. Von da an war klar, daß dies die neue Band wird. Nach Wochen kam dann Harry dazu und das Line Up war perfekt. Wir arbeiteten viel an unseren Songs und wollten so diese natürlich so schnell wie möglich aufs Medium bringen, was wir dann ja auch in einer 3-Tageshölle gemacht haben.
Was die Veröffentlichung angeht. Wir haben uns überhaupt keinen Kopf zum Thema Label gemacht, da mir persönlich der Sinn eines Labels in den letzten Jahren irgendwie verloren ging. Man schickt hunderte von CD´s raus und kriegt kaum Antwort. Das haben wir uns also von Anfang an gespart und das Debüt-Mini-Album auf unserer eigenen Plattform SHARK POOL MUSIC rausgebracht.

Hat sich damit der ELECTRIC HELLCLUB erledigt?
Der HELLCLUB hat sich ganz unspektakulär verabschiedet. Ist allerdings schon Ende 2002 passiert. Da hätte zum Schluss auch meine tote Oma spielen können!

Und Euer Name war eine Fluchtreaktion auf das Catering, was man so als Band auf Tour bekommt? Zur Abwechslung mal ´ne leckere Haifischsuppe...? Nee, im ernst. Namensfragen sind ja allgemein ziemlich out. Aber bei Euch würde mich das schon mal interessieren. Woher stammt er?
Es ist ja immer ein ziemlicher Act, sich einen Namen auszudenken. Für SHARK SOUP bin ich alleine verantwortlich. Mir schwebte ein Name vor, den man auf eine Knallbunte Verpackung packen konnte. Ich hatte auch immer die Popartkartons von ANDY WARHOL vor den Augen.
Der zweite Grund war die Idee einer Suppe mit lebenden Haien drin… Diese Suppe beisst… Ich glaube kaum, daß Haifischsuppe schmeckt und für mich ist das genauso dämlich und respektlos wie Froschschenkel oder Schildkrötensuppe etc.
Es kamen schon Leute an, die unseren Namen als Statement gegen den Haifang verstanden. Da die Japaner momentan ja in dieser Richtung wieder völlig durchdrehen
Die Hauptaussage des Namens ist also: "FINGER WEG IHR BASTARDE, DIESE SUPPE BEISST!"

Aha. Höre ich da die Worte eines Vegetariers oder geht es "nur" um Artbedrohten Tiere?
Hauptsächlich geht es um den Respekt vor Tieren. Man muss ja nicht alles fressen, was in der Gegend rumläuft!

O.K., jetzt erscheint die Debüt-Platte noch mal als einseitig bespielte 12". Freust Du Dich darüber, das Coverartwork mal richtig in groß zu sehen. Was ja eh immer viel schöner aussieht. Warum habt Ihr die Platte nicht gleich selbst auf Vinyl rausgebracht.
Ich habe heute die Lieferung unserer Exemplare der Platte bekommen und in Groß sieht das Artwork noch geiler aus.
Ursprünglich hatten wir nur eine CD-Produktion im Kopf, da Vinyl sich zu einem Sammlerluxus entwickelt hat (Es gibt wirklich Leute, die noch nie einen Plattenspieler gesehen haben und keine einzige Platte haben!) und wir außerdem nicht das nötige Kleingeld für zwei unterschiedliche Produktionsverfahren hatten.

Du hast die „STRAY CATS meets CLASH Leidenschaft“ angesprochen. CLASH haben sich ja nun erledigt. Aber STRAY CATS - hasst Du Dir schon Karten für die Reunion-Tour besorgt?
Wir wurden als Support für STRAY CATS vorgeschlagen. Herr Setzer wird sich diesmal selbst um die Auswahl der Vorbands kümmern und ich hoffe mal, daß er natürlich uns nimmt! Klasse find ich, daß er aus eigenen Stücken keinen Bock auf "DICK BRAVE" hatte.

Ich habe mich mal auf Grund Deiner eMailadresse ein wenig auf der dazugehörigen Homepage umgeschaut und ich denke Mal Du bist dort auch tätig. Ist das Dein Hauptberuf (Grafiker, Zeichner). Kannst Du davon leben? Was machen die anderen so in der Band?
Ja, ich versuche von meiner Kunst und den Illustrationen zu leben. In letzter Zeit habe ich einige Plattencover entworfen, die auch veröffentlicht wurden und ich konnte meine Miete etc. zahlen. Es ist also mein Hauptberuf und auch mein eigener Laden. Unser Drummer arbeitet im Krankenhaus und der Bassist ist selbstständig als „Allesmacher“ unterwegs.

Da sind Dir ja auch sicher die Kontakte hilfreich, die man knüpft, wenn man als Musiker unterwegs ist, oder? Wer kann denn alles zu Dir kommen? Gibt es da was, was Du bevorzugst oder was Du gar nicht machen würdest?
Die ganze Sache läuft zu 80% nur über Kontakte zu Musikern oder Labels. Das ist auch gut so, denn für einen „normalen“ Bereich zu arbeiten ist ziemlich ätzend und von der künstlerischen Seite gesehen ziemlich jämmerlich. Zu mir kann jeder kommen, der ein Plattencover, Plakatmotiv, Flyerentwurf, Shirts, Illustrationen, etc. braucht. Besonders bevorzuge ich natürlich aufwendige Comic Artworks oder knallhart Schwarz Weiß gehaltene Illustrationen und Charaktere. Die sind momentan mein Ding! Sehr gerne mach ich auch Silkscreen Poster, die ich in Kleinauflagen selber drucke. Habe da erst vor 4 Wochen eines für die BEATSTEAKS entworfen und gedruckt.
Was ich niemals machen würde ist für Leute aus der Politik zu arbeiten. Faschisten etc. werden von mir sowieso nicht bedient. Ist ja klar!

Und Webdesign? Bist Du auch für Eure Homepage verantwortlich? Macht Dir das Spaß oder ist das eher notwendiges Übel. Was man zur Band eben braucht...?
Die Homepage habe ich auch gemacht. Das ist allerdings nicht so mein Ding. Design etc. ist o.k., doch die ganze Scheiße dann optimiert ins Netz stellen und so weiter geht mir doch voll auf den Sack. Ich kenne mich damit nur noch nicht richtig aus. Das ist das Problem. Ansonsten ist das Medium Homepage eine hilfreiche Sache und unersetzbar für Bands.

Kommen wir mal zurück zur Band. Ihr kommt aus Erlangen. Da fällt mir spontan nur OXYMORON und J.B.O. ein. Wobei man letztere ja nicht sooo zur Szene mit zurechnen kann. Was gibt es denn sonst noch so da unten? Wie ist das Verhältnis der Bands untereinander. Wie kann man sich das dort vorstellen?
Ich sag´s mal so, es gibt hier direkt in Erlangen massig Bands. Davon sind die meisten krampfhaft damit beschäftigt, einen neuen Sound zu erfinden, was natürlich nicht klappt. Andere widmen sich der leidigen Hippie-Endlosschleife und nerven mit 10 minütigen Ergüssen den ahnungslosen Zuschauer. Im Punk- oder Alternativbereich gibt es kaum Nennenswertes. Unsere Proberaumkollegen THE SEIZURES sind da eine absolute Ausnahme, da sie ihren eigenen Sound gefunden haben und ziemlich losbrettern. In Nürnberg gibt es REJECTED YOUTH, die ja auch bekannt sein dürften. Mit R.Y. Matze habe ich engen Kontakt, da er ja auch rund um die Uhr für seine Musik lebt. OXYMORON hat sich ja erledigt und JBO ist einfach nur peinlich. Die meisten Musiker gehen sich allerdings aus dem Weg oder dulden sich nur bedingt. Es gibt aber auch Ausnahmen und das sind dann wirklich die Topmomente. Ansonsten gibt es hier kaum Läden, denn alles ist schön auf die jährliche Studentenflut und dem damit verbundenen billigen Entertainmentverlangen zugeschnitzt.

Inwiefern hat sich jetzt OXYMORON erledigt?
OXYMORON liegt meines Wissens nach auf Eis. Die Kollegen leben ja bei Euch in der Hauptstadt, also sitzt Ihr an der direkten Quelle.

LOIKAEMIE singen in "Rock´n´Roller Johnny" über den Hype der ganzen Bands alá SOCIAL DISTORTION, FLAMMENHEMDEN, BILLARDKUGEL Nr.8 usw. Siehst Du auch, daß die Gefahr besteht, auf einen fahrenden Zug aufzuspringen? Erfüllt Ihr diese Klischees auch? Bekommt Ihr von den Hype auch noch was mit? Ist es einfacher mit der Art von Musik mehr (und besser bezahlte) Gigs zu bekommen als Punkrockband, gerade durch die noch relativ intakte Clubkultur?
Grauenhaft! Mir kommt es vor, als würde manch einer 8-Balls kacken… Dieser furchtbare Hype ist ja zum Glück schon längst wieder am abflauen, seitdem sich der ganze nervige Schwedenrock selbst gefressen hat und H&M Flammenhemden im Sonderangebot führt. Ich glaube kaum, daß wir auf einen Zug aufspringen. Wir haben jedenfalls nicht die Absicht in die THE BONES und SOCIAL D. Kiste mit einzusteigen. Ich hoffe mal, daß unsere Gagen besser werden, das 2 von uns zu 50% von der Band leben müssen aber werden niemals unsere Musik so verändern, um besser bezahlt zu werden.
Aber Flammenhemden… Nicht mal unter Folter!

Wenn ich noch kurz bei dem Thema bleiben darf - Du hast die US-Tour mit den DROPKICK MURPHYS mitgespielt. Wie lief das ab? Ich mein, ich habe einen Ausschnitt ihrer DVD gesehen, wo sie wie wild dann die Ami-Flaggen auf der Bühne schwenkten. Sind die wirklich so drauf? Also Patrioten? Wie habt Ihr das erlebt. Waren sie auch so drauf, daß sie Backstage mit keinem gesprochen haben (wie man hört)? Und wie stehst Du im Allgemeinen zu solchen Aktionen. Ist das ein Unterschied zwischen Amiland uns Deutschland? In Deutschland ist das je eh immer schwierig. Denkst Du, daß man ruhig auch „sein Land“ lieben darf…?
Ich denke, das mit den US-Flaggen ist eine Reaktion auf den 11. September, die ich aus amerikanischer Sicht durchaus nachvollziehen kann. Ich weiß nicht, was los wäre, wenn irgendeine radikale Gruppe (nehmen wir mal an, daß es eine war) das Brandenburger Tor inkl. 3000 Zivilisten niedermachen würde… Man sollte also nicht zu schnell verurteilen und immer noch bedenken, daß Amerikaner von Natur aus einen Hang zum Patriotismus haben. Als wir mit den Jungs auf Tour waren, fand die „Flaggeneinlage“ allerdings nicht statt. Doch wurde einem ziemlich schnell bewusst, daß die DROPKICKS und ihr Publikum eher in die konservative Richtung tendieren. Punks sind auch Spießer, ganz klar!
In den 8 Wochen waren die Jungs voll in Ordnung. Diese Stories über die Arroganz von Bands sind wirklich krankhaft. Wenn man was darauf gibt, ist jede Band ein „Arschloch“. Total albern.

Was das Thema Deutschland angeht: Als unser neuer Bundespräsident Köhler seinem Amtsantritt die Worte „Ich liebe unser Land“ aussprach, musste ich wirklich beinahe kotzen. Vaterlandsliebe und Deutschland - Für mich stinkt das immer noch, wenn Du weist, was ich meine. Ich interessiere mich immer noch für die Wurzeln meiner direkten Vorfahren aus den Karpaten und Deutschland kann mir in politsicher Sicht den Buckel runterrutschen.
Und der Unterschied zwischen Nordamerika und Deutschland ist: Die USA hat den Krieg gewonnen…

Ich will das jetzt nicht zu sehr ausarten lassen. Aber in wiefern lassen sich, wenn wir jetzt mal "nur" bei der Musik bleiben, Punkrock/Rock´n´Roll mit Politik verbinden?
Das Beste Beispiel wie man Musik mit einer politischen Aussage anreichert ist "THE CLASH". Oft reicht es auch nur aus, seine eigene Meinung in die Songs zu setzen, um politisch zu sein. Ich denke, man sollte auch dies nicht ausreizen - oder wenn - komplett und zu 100% hinter seiner Sache stehen. Mit allen Vor- und Nachteilen.

Hmmh. Da hast Du schon in einigen Punkten sehr Recht. Wie geht´s jetzt mit Euch weiter. So große Hallen wie mit den DM werdet Ihr ja vorerst nicht füllen können. Wie war eigentlich der Gig in Berlin?
Momentan arbeiten wir schon stark an den Songs für den ersten Longplayer. Studiotermin Oktober. Eigentlich wollten wir in diesem Jahr an die 60 bis 100 Gigs spielen aber das klappt mit unserer momentanen Bookingagentur nicht. Wie es aussieht werden wir zu MUTTI wechseln.
Der Gig im Mad`n`Crazy wurde bei uns 3 stunden vor Beginn abgesagt. Wir waren zu dem Zeitpunkt schon in Berlin und fragten dann einfach mal im Wild at Heart an und tatsächlich ist bei denen eine band ausgefallen. Wir spielten dann im Vorprogramm von einer Trashmetalband.

Ok. Chrissi. Dann bedanke ich mich für Deine sehr ausführlichen Antworten. Ich wünsche Euch viel Erfolg. Vielleicht ein paar letzte Worte an unsere Leser...?
Cheers an Eure Leser und Danke an Dich für dieses Interview!

mieschka | So., 06. Jun 2004 | Interview

Ende April, eine warme Nacht, den Frühling in der Nase, traf ich im Cafe Zosch zum Interview mit den Ruffians ein. Es ging abwärts, die Treppe hinab in ein Kellergewölbe, das Gemütlichkeit versprach und wie gemacht für ein Konzert war. Die Reggae-Ratten aus Potsdam hat es nach langem mal wieder in die Hauptstadt verschlagen und das, wo in Berlin doch am selben Abend immer gleich 10 andere Bands spielen. Urs, der Bassist ist daher nicht so erpicht auf die übersättigte Hauptstadt, wie er mir in einem vergangenen Interview berichtet hat. Daher gleich meine erste Frage, was sie denn nun nach Berlin verschlagen hat? Johnny, der Sänger und Gitarrist, so wie Thomas, ebenfalls Sänger und Horn-Spieler sagten sich los von ihrem Bier und dem Rest der Band, um mir Rede und Antwort zu stehen.

J: Wir spielen ja an 2 Abenden. Somit haben wir gleich 20 Bands gegen uns ;-) Ich war bei dem Interview nicht dabei und ich würd so was nie sagen.

T: Das kann ich auch nur verneinen, was Urs damals gesagt hat.

J: Weiß nicht was Urs sich manchmal so ausdenkt. Ganz komisch.

T: Berlin find ick immer super. Ganz ehrlich!

Und warum grade das Zosch?
J: Weil ick den Besitzer kenne. Und 2 Abende, weil man nur einmal auf- und abbauen muss.

Glaubt ihr, dass ihr den Laden voll kriegt? Denn ich muss euch ja sagen, dass heute wirklich viel los ist in der Stadt. Gleich nebenan tobt das Terra Polska Festival, wo Tiefenrausch spielen, Ransom spielt auch im Kesselhaus glaube ich, und einige andere mehr.
J: Tiefenrausch kommen auch noch her, wenn sie fertig sind. Das wir den Laden voll kriegen, glaube ich nicht. Hier gehen 100 Leute rein und das wär schon ein bisschen viel verlangt.

Wann kommt denn euer neues Album? Habe gelesen, dass es am 02.10.04 eine Record Release Party im Lindenpark geben soll.
J: Sie wird bestimmt zur R-R Party fertig sein, aber es ist deshalb schwer, weil wir das bei uns alles im Übungsraum aufnehmen und uns nur einmal die Woche treffen. Da heißt es dann Musik machen, quatschen über private Sachen und dann auch noch aufnehmen. Und dazu trifft man sich natürlich an einem anderen Tag und das ist wiederum sehr schwer, sich mit 6 Leuten außerhalb dieses Tages zu treffen, weil die Prioritäten unterschiedlich verteilt sind, was man am Wochenende machen möchte.

Was wird an dem Album neu und anders sein? Ich habe das letzte Mal von Axel gehört, dass ihr euch ein bisschen wegbewegt von dieser Ska- und Reggae Schiene, weil es viele Einflüsse gibt in der Band, wie Salsa und lateinamerikanische Klänge.
T: Nee, nee, nee! Also Salsa ganz bestimmt nicht, und lateinamerikanisch schon gar nich. Es wird ein Ska- und Reggae Album. Ich denk, dass wir mittlerweile mehr Reggae mit drin haben. Unsere erste Platte war noch durch und durch Ska, die hatte mit Reggae überhaupt nichts zu tun. Aber das ist die Grundrichtung: Ska und Reggae.

J: Es gibt natürlich noch andere Einflüsse, die SO in dem Genre nicht vertreten sind, aber der Grund ist Ska und Reggae. Also Salsa und so was, auf der Welle schwimmen wir nicht - lachen von Thomas -

Wie ist das, ihr macht das ja alles im sogenannten Selbstvertrieb, es sei denn das ist auch wieder eine „Fehlinformation“ von Urs, dann müsst ihr ihn hauen...
J: (lachen) nee, haun tun wa nicht, nur böse Worte ;-)

...lassen sich da die Kosten niedrig halten, oder wird man vielleicht gesponsert?
J: Wir sind natürlich am gucken, dass die Platte in einer bestimmten Auflage unter die Leute kommt, also vertrieben wird. Jetzt nicht im Sinne von Heimatvertrieb oder so...

Aber ich denk, dass die Produktion auch Geld kostet.
T: Ja, das finanzieren wir selber.

J: Das ist auch heutzutage nicht mehr so ein großes Problem. Viele Sachen sind erheblich billiger als früher. Man kann das schon alleine machen, so aufnahmetechnisch und wir haben ja auch den ganzen Kram. Aber wenn man eine Auflage von 5000 Stück bei Konzerten unter die Leute bringen will, ist das schon schwierig. Das heißt, man muss sich irgendeinen Vertrieb suchen, der das macht. Im Moment ist EVA Konkurs gegangen, oder hat sich aufkaufen lassen von anderen. Ist also nicht mehr so leicht ranzukommen und jetzt müssen wir nach was anderem suchen. Also wer Lust hat, der soll sich an uns wenden unter www.ruffians.de. Wie wir das mit dem Label machen, ist auch noch fraglich, ob wir unser eigenes „raffinierte Schallplatten“ wieder bemühen, oder ob wir woanders unter kommen. Aber der Vertrieb sollte schon so geregelt sein, dass wir nicht selber die Platten in die Läden stellen, sondern das es da jemanden gibt, der das professionell macht und natürlich werden wir unsere Platten weiter übers Internet vertreiben, unter genannter Adresse.

Habt ihr schon mal überlegt, eure Seelen an ein Label zu verkaufen, an Leute die hinter euch stehen und euch fördern?
J: Unsere Seelen? Also wir werden sicherlich nicht mit Sponsoren arbeiten, die uns nicht gefallen, das heißt, nicht mit Zigarettenfirmen oder Schnapsfirmen ;-) Also ich nicht. Ich habe keine Lust, auf Teufel komm raus Sachen einzugehen. Es soll bei uns bei künstlerischer Freiheit bleiben, da lassen wir uns nicht reinreden. Ich würde es störend finden, wenn auf einem Plakat steht: Gauloises blondes präsentiert... - lachen -
Vielleicht als Einmal Sache, aber nicht für ne Tour. Mit so einer Firma möchte ich nicht im selben Atemzug genannt werden. Ich meine, jede große Firma macht irgendwie ein Sponsoring und allet hängt irgendwie zusammen und man kann kaum separieren, wir wollen dit nich und dit nich, unser Bandwagen ist ein Daimler, und wir fahren nun mal Mercedes - lachen -

T: Das ist aber mehr ein dummer Zufall.

J: Ja, is aber so, da kommt man dann auch nich drum rum.

T: Aber er geht nicht kaputt - lachen -

J: Von daher muss man sehen. Also die Entscheidung, die wir dann treffen ist schon bewusst. Daher dauert das auch allet so lange - lachen -

Wer gestaltet bei euch eigentlich die neue Homepage? Also ich habe schon mal raufgeschaut...
T: Das ist der besagte Urs

J: Salsa Urs - lachen -

T: Und der ist so am machen. Die komplette Präsentation soll mit dem Album erfolgen.

Macht er das professionell, oder hat er sich da so eingefuchst?
J: Der hat sich da so eingefuchst. Da hat er sich schon Gedanken gemacht, der Urs. Sind ein paar witzige Sachen dabei.

T: Nur mit dem Salsa, das gibt mir zu denken...

J: Oder Latin... - lachen - Die Homepage macht er und Bass spielen tut er auch ganz gut, da kann man nichts sagen.
Er hat schon seine Qualitäten.

J: Ja auf jeden Fall! Steht außer Frage.

Bezüglich der Lindenpark Location: Wurdet ihr eingeladen, oder müsst ihr die Kosten für die R-R Party selber tragen? Oder ist es ein freundschaftlicher Deal in gegenseitigem Einvernehmen?
J: Also Potsdam ist ja nicht so groß, im Lindenpark haben wir schon öfter gespielt, haben unsere erste R-R Party auch dort gemacht und der jetzige Lindenparkbetreiber ist eigentlich nen ziemlich netter Typ, der uns immer mal wieder anruft und fragt, ob wir nicht mal wieder spielen wollen. Bei der R-R Party hat er gesagt: Ok, Ruffians is immer ganz gut, immer voll, da kommen ein Paar 100 Leute und so haben wir erstmal den zweiten Oktober festgelegt. Da werden wir voraussichtlich eine R-R Party machen, auf jeden Fall aber spielen.

Ihr spielt ja auch am 30.04. auf dem Luisenplatz in Potsdam bei dem Festival „Rechts abbiegen verboten“. Abgesehen von den neuen Liedern, die ihr zum Besten gebt, sind ja dann auch Landtagswahlen im September. Glaubt ihr, dass das schon ein Wahlkampfauftakt ist? Es gibt ja auch eine Bühne von der PDS und Jann Jacobs von der SPD spricht...
T: Die Veranstaltung an sich ist ja diese „Rechts abbiegen verboten“ und nur deswegen machen wir das mit. Wir lassen uns nicht einspannen für irgendwelche Partei Sachen. Dit finden wa scheiße. Ick denke mal, sone Aktion gegen Rassismus und Nazi is schon OK, sollte man schon Paar mal machen. Einfach Flagge zeigen.

J: Also im großen Rahmen ist es ja Antifa und so wurde es uns auch dargestellt und als solches sehen wir es auch.

Antifa als Veranstalter? Ich dachte, das wird vom Jugendgewerkschaftsbund organisiert?
J: Ja DGB Jugend, pff... fragwürdig, man kann sagen, ist das ok für die zu spielen, aber wir machen es jetzt einfach, uns geht's um den Rahmen, den Titel, ansonsten würden wir explizit für den DGB auf ner anderen Veranstaltung nicht spielen, genausowenig wie für andere Parteien... außer sie bieten viel Geld –grins-

T: Soviel können die gar nicht bezahlen. Auch nicht die Müller Partei, die haben einfach kein Geld.
Na ob Bohlen euch verpflichten würde?

T: Der ist doch auch nur ein Maskottchen. Unser Dieter! ;-)

Und, habt ihr zu guter letzt noch ein Bandzitat auf Lager? Oder einen Special-Witz, stellvertretend für euren Schlagzeuger Philipp? Hab mir letztes Mal einen erzählen lassen, sehr witzig.
T: Und der wäre?
Soll ich den erzählen?

T: Vielleicht kennen wir ihn schon?!

Na bestimmt! ... Ok, der ging so:
Sie fragt Ihn nach dem Sex: „An was denkste denn?“ Er: „Ach kennste nich.“

-lachen von Johnny-

T: Was sagt die Frau nach einem 45minütigen Orgasmus? „Danke Philipp“ - lachen -

Danke für das Interview

Autor: mandy fox

Gast | So., 09. Mai 2004 | Interview

UiUiUi. Jetzt muss ich aufpassen, daß meine Einleitung nicht länger ist, als das gesamte folgende Interview. Beziehungsweise ausführlicher… Warum? Das werdet Ihr, falls Ihr weiter lest, vielleicht im Verlauf des Interviews noch mitkriegen. Dieses war nämlich keine leichte Geburt.
Ich habe ja nun schon einige Interviews geführt. Dieses hier war aber jedoch mit Abstand das Schwierigste. Meistens sind die Bands oder was auch immer, ja mehr oder weniger gewillt, Interviewfragen zu beantworten. Sei es aus Geschmeicheltheit, Selbstdarstellungstrieb, Professionalität oder alles zusammen. Den SHOCKS aus Berlin kann man davon jedenfalls nichts vorwerfen. Fakt ist, daß sie mit „Bored to be in zero 3“ für mich das Album des Jahres 2003 abgeliefert haben und ich sowieso schon ein Interview mit ihnen machen wollte. Ende letzten Jahres kam mir Bassist DON LOTZO dann aber zuvor und fragte mich, ob ich nicht was zu ihrer Split-EP mit den SHAKIN NASTIES machen wolle. Na prima. Dann hat das ja für beide Seiten was. Habe ich mir gedacht.

Wie auch sonst üblich bei den SHOCKS (man denke an die Split-EP mit den BRIEFS die nun schon seit über einem Jahr angekündigt wurde und erst jetzt endlich erscheint) hat es aber eine ganze Weile gedauert bis wir unser Vorhaben in die Tat umsetzen konnten.
Eines schönen Abends im April war es aber nun doch soweit und wir trafen vor einer kleinen Kneipe im Prenzlauer Berg, wo auch 2 Bandmitglieder ihr Domizil haben, holten uns ein paar Bierchen und spielten ein Frage-Antwort-Spiel. Soweit so gut. In den folgenden knappen 2 Stunden stieß ich mit meinen Fragen aber mal auf Schweigen, „dumme Kommentare“ und manchmal auch auf direkte Antworten. Die SHOCKS geben nicht so oft Interviews. Zumindest ist mir keines bei meiner Recherche im Netz in die Augen gefallen. Und das merkte man den Jungs auch an. Teilweise musste ich ihnen echt alles aus der Nase ziehen und das bin ich, wie gesagt, gar nicht mehr gewohnt.
Andererseits hatte das alles auch wieder was Sympathisches, mal wieder eine Band vor´m Mikrophon zu haben, die sich auf das besinnt, was sie am liebsten machen. Nämlich Musik. Und um zu sagen, was man will, braucht man eben nicht unbedingt Interviews. Sie machen aus ihrem Ding kein großes Gewese & sind dabei in jeder Hinsicht ehrlich. Ohne Kompromisse. Und ob es einen Grund geben sollte, warum die SHOCKS abgehoben sein sollten, weiß ich nicht. Auf jeden Fall sind sie auf dem Boden geblieben. Sie nehmen sich selbst nicht zu ernst. Und das tut gut.
Nur macht das alles meine Rolle als Interviewer immer noch nicht leichter. Wenn keine Antworten da sind, kann man auch nichts schreiben. Und einsilbige Antworten liest sich nun mal keiner durch. Nach einigen Startschwierigkeiten wurde das Gespräch aber flüssiger und das ist der Grund, warum Ihr hier nun doch etwas lesen könnt. Manche Antworten habe ich allerdings im Nachhinein den entsprechenden Fragen zugeordnet, wenn es gepasst hat. Sonst wäre dieses Interview vom Umfang her wahrscheinlich noch mal doppelt so lang gewesen und Euch wäre schnell langweilig geworden. Das wollte ich nicht. Und vor allem - Das sind die SHOCKS nicht! Sie und ihr (nicht nur musikalischer) Stil suchen momentan in Deutschland ihresgleichen. Und jetzt kauft Euch eine Platte von ihnen, geht auf ein Konzert, nehmt alles mit, was Ihr von ihnen in die Finger bekommt. Es lohnt sich auf jeden Fall. Viel Spaß beim Lesen.

THE SHOCKS

Ich habe heute mal ein wenig im Netz rumgesucht & bis auf Eure Homepage kaum was über Euch gefunden. Also keine Interviews usw. Daher mal die ganz blöden Einsteigerfragen. Wer seid Ihr? Wo kommt Ihr her. Seit wann gibt´s Euch, Besetzungswechsel, Bands zuvor, was hat Euch (musikalisch) beeinflusst, hattet Ihr zu Ostzeiten schon in Bands gespielt? Wenn ja, welche…?

DL: Ja hallo, man nennt mich den Don Lotzo und ich spiele bei den SHOCKS den Bass und singe auch ein bisschen.

A: Hey, Alex hier, ich trommel bei den SHOCKS seid 2 ½ Jahren.

S: Ja, Tach, Smail hier. Ich singe, spiele Gitarre… Wir haben alle keine Zweitband. Also das ist hier so unsere Hauptbeschäftigung, diese Combo hier. Naja, es gab zwar ´n paar Besetzungswechsel aber wir sind seit 3 Jahren konstant. Naja. Ich bin der einzige Ossi hier in der Combo. Hab mir hier so´n paar Westpocken dazugeholt. Klugscheißende Westpocken…(lacht)

DL: Der Gastarbeiter…

A: Dem Ossi müssen wir schon ab und zu mal den Kopf waschen…

S: Naja. Seit ´88 mach ich Musik. Mal hier mal da irgendwie. Hab´n paar Bands gehabt. Und die Kollegen ausm Westen hier, denke ich mal auch.

DL: Naja. Wie ging das los mit den SHOCKS? Du (zeigt auf Smail), Halle-Jahn und Benny. Im Winter ´95. In ´nem Keller unter dem „Bären“, falls jemand den Laden noch kennt. Ich komm aus Niedersachsen. Punkrockmucke mach ich seit… Die erste Band, wie hieß die denn…? Ich glaube DRÖHNENDE BRETTERBUTZE, das war ´86, aber die gab´s auch nicht lange…

S: Also da gab´s echt viele Bands, die mich beeinflusst haben. Was mich schwer beeinflusst hat, das war so das erste Konzert, wo ich war, stelle ich jetzt so fest, das waren damals SKEPTIKER, NEWTOWN NEUROTICS, ATTILA THE STOCKBROKER. 1987?! Natürlich auch ´n Haufen anderes Zeug. Aber das war das erste Konzert wo ich war und ich glaube, das hat mich ganz schön doll beeinflusst. Das war so´n offizielles Ding auf der Insel der Jugend. So von der FDJ.

Warum findet man über Euch so wenig? Interviews und so. Seid Ihr Kontaktscheu? Wollen die Leute nichts über Euch wissen? Schreckt Ihr sie ab? So richtig gesprächig seid Ihr ja, wie ich gerade feststelle, nicht…

Alle: Kommt noch.

DL: Ich arbeite an meiner Rauscherweiterung (greift nach seinem Bier…). Nee, das sehe ich eigentlich nicht so. Also ich finde, daß eigentlich genug über uns berichtet wird.

-schweigen-

S: Naja. Ich finde es irgendwie nicht so wichtig, groß rumzulabern…

DL: Also in erster Linie ist uns wichtig, die Musik, die wir machen. Die Texte. Das die Mucke auf jeden Fall passt. Das wir Spaß an der Musik haben. Das das die Mucke ist, wo uns einer abgeht. Oder auch nicht…

Wie sieht denn so ´ne typische SHOCKS-Probe aus…?

DL: Sehr unterschiedlich.

A: Meistens mit viel schlechter Laune (lacht).

DL: Ein schlechtgelaunter. Einer, der anfängt, Bier zu trinken und ein anderer, der nur dumme Sprüche klopft.

S: Und wenn wir Glück haben, kommt da ´n Song raus…. (lacht)

DL: Ja, wie läuft das ab? Also jeder hat so seine Texte. Also hauptsächlich Smaili und ich. Dazu gibt´s dann ´n paar Ideen, die ich vielleicht vorher auf der Akustikgitarre mache und Smaili auch. Und dann treffen wir uns im Proberaum und versuchen das elektrisch zu spielen.

Oh. Akustikgitarre. Vielleicht mal überlegt, ´ne Unplugged-Platte rauszubringen?

DL: Äh steht bei uns noch nicht aufm Programm. Vielleicht. Ich find´s nur einfacher, wenn Du irgendwelche Texte hast, auf der Akustikgitarre ´n paar Akkorde vorzuspielen, um ´ne Melodie zu finden. Aber ich glaube, das ist bei jedem anders.

S: Das ist bestimmt bei jedem anders. Der eine braucht ´n Studio, um Musik zu machen. Der andere eben nur ´ne Gitarre…

Wenn man Euch so betrachte, von Eurem Auftreten und so, bekommt man den Eindruck, daß Ihr Vollzeitpunks seid. Macht Ihr nebenbei noch was Anderes. Und wenn ja, was?

S: Naja. Eigentlich sind wir bloß Hobbypunker…

DL: Was heißt nebenbei? Man versucht sich über Wasser zu halten. Man macht seine Jobs… Und ich finde, vom der Musik leben kann man sicherlich nicht. Aber ich kann mit der Musik, die ich mache überleben. Und das macht Spaß.

Auf dem FORCE ATTACK letztes Jahr habe ich bei JEDEM Plattenstand und auf dem ganzen Festivalgelände Leute rumlaufen sehen, die eine Platte von Euch, vor allem die neue „Bored to be in Zero 3“, in den Händen hielten. Wirklich eine ganze Menge. Wie läuft denn der Verkauf der Platte. Das würde mich mal interessieren…

DL: Und deswegen spielen wir ja auch dieses Jahr auf´m FORCE ATTACK…. (lacht). Ansonsten läuft der Verkauf sehr gut. Die Erstpressung waren, glaub ich, jeweils 1.000 CD´s und 1.000 Platten und die war ziemlich schnell ausverkauft. Und die wurde noch mehrmals nachgepresst, jetzt eine im anderen Vinyl und bei der CD gab´s auch noch ´ne Nachpressung.

Dieses Jahr seid Ihr auch, wie Du schon sagtest, auf dem FORCE ATTACK dabei, in der Zeltbühne, aber zu einer geilen Zeit. Wärt Ihr lieber auf der großen Bühne gewesen? Freut Ihr Euch drauf?

A: Im Zelt auf jeden Fall!

DL: Ich glaube, wir sind da richtig gut bedient mit 23.00 Uhr, ist das glaube ich. Erster Tag, Zeltbühne – finde ich schon spitzenmässig.

S: Wir sind, glaube ich, auch nicht die Band für so´ne riesen Bühne. So ´ne kleine schnuckelige Bühne mit 400-500 Leuten. Ist genau das richtige, finde ich.

DL: So zum Stadionrock zu machen, fehlen uns noch die Gastmusiker. `ne 3-Mann-Combo passt da nicht so rein.

A: Wir sind ja nicht die KELLY FAMILY (lacht).

DL: Die BEATLES sahen auch schon ziemlich Scheiße aus dabei.

Vielleicht scheint es auch nur so zu sein, daß es so ruhig um Euch steht. Ihr macht kein großes Gewese um Eure Sachen, seid auf dem Boden geblieben, spielt in jeder noch so kleinen Spelunke - andererseits aber auch mittlerweile in großen Hallen, wie mit der TERRORGRUPPE und so…

DL: Also wir hatten ´ne Menge Spaß mit der TERRORGRUPPE. Die Tour lief für uns sehr gut. Na außer der kleine Betriebsunfall, der da passiert ist…

Wie kam der Kontakt mit der TERRORGRUPPE zustande? Wie seid Ihr vom Publikum angenommen worden? Ich meine das Durchschnittsalter eines TG-Fan´s ist ja doch relativ niedrig. Habt Ihr BH´s auf die Bühne geworfen bekommen…?

DL: Das ist über Mutti´s Booking gelaufen. Aber man kennt ja die Leute auch schon seit ´ner Weile. Wir wollten schon immer mal mit denen spielen. Auch schon vor so 2-3 Jahren. Wir haben auch mal im SO 36 mit denen zusammen gespielt - naja und so ist das eben gelaufen…

Das dumme war, wir haben immer ziemlich früh angefangen und da hat sich der Saal erst gefüllt. Aber im Endeffekt haben wir ´ne Menge Platten und Merchandising verkauft. Also es lief wirklich gut für uns.

Erstmal findet aber demnächst zwar ein größeres Ereignis aber in kleinerem Rahmen statt. Nämlich die Recordrelease-Party der „Banned from the USA “ - 7“ am 15.5. im Wild at Heart. Das ging ja ziemlich schnell für Eure Verhältnisse, daß die Ereignisse aus dem letzten Jahr so schnell verarbeitet und veröffentlicht wurden. Was kann man von der 7“ erwarten? Inwieweit spielen die Ereignisse der „USA-Tour“ darauf für eine Rolle?

DL: Also ich finde so viel Zeit ist gar nicht vergangen. Also ich meine, das ist ´ne 4-Song EP und wir haben halt das verarbeitet, was uns da passiert ist.

Die kurze Zeit – das kann ja nicht viel sein… ;-) Hinflug, dort, Rückflug, …

DL: Hinflug, Knast, Rückflug, zu Hause…

`N Aufenthalt in den USA hatten wir, glaube ich, 23 Stunden. Aber es ist halt ´ne Menge passiert und wir haben da auch ´ne Willkür erfahren, die uns schon ´n bisschen Nachdenklich gemacht hat. Und darüber haben wir eben ´n paar Songs geschrieben.

Wieso hattet Ihr eigentlich erst nach 7 Jahren Eure erste „richtige“ Full Length-Platte rausgebracht?

DL: Die Band wurde ja von Smail, Benny und Halle-Jahn im Winter ´95 gegründet. Aber das hat sich auch ziemlich schnell wieder aufgelöst.

S: Nach ´m halben Jahr haben wir uns wieder aufgelöst für ´n halbes Jahr. Dann haben wir weitergemacht…

DL: Dann haben Smail, ich und Halle-Jahn weitergemacht. 1997 oder so. Das waren dann diese seltsamen Sonntagsproben, die glaube ich, nur einmal im Monat stattfanden. Weil alle zu fertig waren. Das war´n dummer Tag. Dann kam die erste Single. Und die „Holiday on Zyklonbay“ kam dan Anfang ´99 raus. Und seit dem ging es eigentlich stetig bergauf…

Wie habt Ihr Euch kennengelernt?

DL: Also wir wohnen alle hier im Haus. `Nem ehemaligen besetzten Haus… Ja und ich kenn´ Smail noch, als er bei der ZUSAMMROTTUNG gespielt hat. Da hat man sich schon getroffen.

Das hört er aber nicht so gern, oder?

S: Naja. Ich hänge das nicht so gern an die große Glocke…

Erzählt doch kurz noch mal, was es da für Probleme gab. Einen kurzen Abriss über Eure „USA-Tour“…

DL: Na die hatten keinen Bock auf uns…

S: Und Langeweile wahrscheinlich.

DL: Unsere Fressen haben denen nicht gepasst.

A: Ui. Ich erzähl die Story die ganze Zeit. Ich kann die Story nicht zehnmal erzählen…

DL: Bei mir geht's jetzt schon wieder.

Ihr macht nicht so oft und so gerne Interviews, oder?

DL: Wir versuchen interessant zu beleiben… (alle lachen). Wir machen uns rar.

S: Genau. Das ist pures Kalkül.

A: Stimmt. Bei uns sind immer die Interviewer sauer…. So - „…ähh, die sagen gar nichts. Sitzen immer nur steif da…..und immer wenn die Stopptaste gedrückt wird dann werden ´se redselig…“

Naja. Einige wollen vielleicht schon was über Euch wissen. Wie läuft denn so der Kontakt mit den „Fans“. Über die Homepage?

DL: Also viel läuft über die Homepage.

A: Also sexuell läuft da wenig… - vor allem bei dem da (zeigt auf Smail)

-alle lachen-

S: Wat soll´n das heißen…

Für einige Berliner Bands ist ja ein anderer Stadtteil schon Ausland. Gerade Bands aus Friedrichshain oder generell Ost-Berlin legen ja unwahrscheinlich viel Wert darauf, daß dies im Zusammenhang mit ihrem Bandnamen erwähnt wird. Wie wichtig ist es für Euch, aus OST-Berlin zu kommen? Welche Erfahrungen hattet Ihr sonst mit WEST-Berlin(ern).

DL: Ja. Penz´lberg… Was ist hier punkrockmässig am Start? Keine Ahnung. Zur Recordreleaseparty gehen wir ins WILD AT HEART. Könnte ´ne kleine schnuckelige Familienpart werden. Wenn´s zu voll wird, dann müssen die Leute eben draußen bleiben.

S: Naja. Wir haben eigentlich schon überall gespielt. Schokoladen, Dargstore, LSD, …

A: Also wir haben auf jeden Fall kein Spaß daran, immer wieder in denselben Läden zu spielen. Wir sind gerne abwechslungsreich.

DL: Und noch mal auf dieses „rar machen“ zurückzukommen. Ich denke einfach, es gibt hier Bands, die spielen sich hier in Berlin tot. Die will irgendwann keiner mehr sehen. Dadurch macht man sich auch irgendwann langweilig. 100prozentig. Also ich schau mir ja auch gern mal unterschiedliche Bands an.

Nämlich derzeit zum Beispiel…

DL: Eigentlich gehe ich zur Zeit überhaupt nicht mehr auf Konzerte (alle liegen unterm Tisch vor lachen…). Ist mir alles zu teuer. Kann ich mir nicht leisten…

A: Dieses „Bored to be…” gilt für ihn eigentlich schon seit Jahren…(lacht)

DL: Das hast Du gesagt.

S: Also was ist´n zu Zeit interessant? Also ich finde diese TRÄSH TORTEN sollte man mal sehen. Und SHAKIN NASTIES sollte man auch mal gesehen haben.

DL: Die sind aus Bremen. Meine absolute Lieblingsband ist zurzeit aber immer noch die EXPLODING HEARTS. Eine sehr geile Scheibe…

S: Weil sie tot sind…

DL: Nö, das ist es nicht. Spitzenmucke, man…

Man bekommt dann beim Konzert nun endlich auch die Splitsingle mit den BRIEFS? Warum hat das alles so lange gedauert. Wie lange war die noch mal geplant gewesen? Einer von den BRIEFS meinte ja, daß Ihr momentan einer der Besten Bands der Welt seid…. Wie kam der Kontakt mit denen zustande? Oder auch die mir den SHAKIN NASTIES…

S: Ja wessen Idee war´n das? Ich glaub das war die Idee von Tom gewesen. Tom von RADIO BLAST RECORDS. Wir haben mal ab und zu mit denen zusammen gespielt. Und haben uns verstanden mit denen… Und dann dachten wir - machen wir ´ne Platte.

DL: Genauso war das auch mit den BRIEFS. Das ist auch so entstanden. Wir haben mit denen ´n paar Konzerte gemacht. Uns mit denen gut verstanden. Und dann ist uns die lustige Idee gekommen, uns gegenseitig zu covern. Ja und das Resultat wird dann ab dem 5. Mai im Handel sein.

Und wieso hat das jetzt auch noch mal so lange gedauert? Ich meine angekündigt wurde sie ja schon letztes Jahr im August oder so?

DL: Naja. Da sind einige Sachen schief gelaufen. Wir hatten unseren Song, glaub ich, schon März 2003 fertig. Dann haben die BRIEFS ihren Song aufgenommen, dann wurde das Cover schon fertig gemacht, weil sie, glaube ich, „Fenster“ aufnehmen wollten. Und dann fiel denen ein - „Ach dieser Song ist wohl doch nicht so gut – wir nehmen einen anderen auf“ und da war das Cover schon fertig und stand in den Zeitungen drinne. Dann haben sie eben „Ich weiß“ aufgenommen, „I know“. Dann musste das Cover wieder geändert werden. Und dann kam die Weisspressung. Von der ist übrigens nur eine Pressung von über geblieben. Die anderen vier sind geklaut worden. Von der Post. Dieser Schweinebande. Und bei unserem Song haben dann die Becken so dermaßen geklingelt – da ist irgendwas beim Mastering passiert. Daß wir den Song auch noch mal neu aufnehmen mussten – Und das hat dann alles 4-5 Monate gedauert, ´n halbes Jahr. Aber jetzt isse ja draußen.

Wo nehmt Ihr Eure Sachen auf? Immer im selben Studio? Wieviel Wert legt Ihr denn auf den Sound? Der ist ja, abgesehen vom Gesang, ja auch ´ne Besonderheit von Euch.

S: Nö. Wir sind da flexibel eigentlich. Also wir suchen schon immer ´n gutes Studio, was es halt so bringt. Aber irgendwie gibt´s da nicht so viele, glaube ich, oder?

DL: Gibt´s schon. Sind nur zu teuer. Zu anstrengende Tonmeister. Aber wir hatten da mal ´n netten. Den BIG D. aus´m Lakeside.

S: Also das ist, glaube ich, keine technische Sache. Das ist eher so wie wir spielen. Was wie machen. Oder so.

DL: Na das ist auch ´ne Frage des Equipments, glaube ich.

S: Ich hab halt´n alten Verstärker, das ist vielleicht wichtig oder so. Aber ansonsten machen wir da nichts Besonderes oder so. Wir stellen ´n Mikrophon davor und nehmen auf.

A: Wichtig ist meine Fußmaschine. Die holt den Sound raus.

S: Jaja. Und das Stirnband (lacht). Naja das übliche eben. Wir haben die erste Scheibe eben live aufgenommen. Dir „Too many kicks in ´96“. Aber alles andere danach haben wir so mit Standartoverdubs und so gemacht. `Ne Gitarre rauf, Gesang, Bum, Fertig.

Ihr singt auch fast ausschließlich auf Deutsch. Warum nicht englisch. Ich könnte mir vorstellen, daß Ihr damit noch wesentlich mehr Erfolg, gerade im Ausland haben könntet.

DL: Also wenn Du Dir die „Banned from the USA“-EP anhörst, wirst Du mitkriegen, daß wir da ein wenig Sprachmischung angewendet haben. Macht ja auch Sinn bei der Nummer.

S: Macht bei der Nummer auf jeden Fall Sinn. Ich denke, englisch zu singen, wäre vielleicht wirklich besser, um rumzukommen. `N bisschen die Welt zu sehen. Aber ich glaube, das können wir auch mit deutschen Texten machen.

A: Wir dürfen ja eh nirgendwo rein… (lacht)

S: Genau. Die lassen uns ja alle nicht rein…

In Deutschland fällt mir momentan keine andere Band ein, die das, was Ihr macht ähnlich so gut könnte. Als Band vom ähnlichen Stil fallen mir vielleicht noch die CREEKS aus Dresden ein. Welche Bands gefallen Euch momentan in Deutschland noch am Besten? Mit wem spielt Ihr gern zusammen…?

S: Ja, die CREEKS sind gute Bekannte von uns.

DL: Da spielt ja jetzt auch noch ´ne Band mit auf unserer Releaseparty am 15.5.. Das sind die VENUSSHELLS aus Dresden. Die sind auch aus dem CREEKS-Umfeld. Und die bringen auch demnächst ´ne EP raus. Ihre zweite.

Und sonst? Habt Ihr Kontakt zu anderen Berliner Bands? Macht Ihr was zusammen?

DL: Klar. Da gibt´s ´ne Menge Bands. Zu denen man so Kontakt hat.

S: Naja. Ich sag mal unser Pool aus dem wir kommen so war so ´ne Masse an Leuten – Bands wie die STROHSÄCKE, TRÄSH TORTEN, 16 EYES, OSTSIOUX, TOWERBLOCKS.... Also das waren eigentlich engere Freunde und so. Und sind es immer noch….

(schweigen)

Was haltet Ihr von Interviews… ;-)

S: Also ich finde Interviews meistens scheiße… Weil ich eigentlich nicht so gesprächig bin. Ehrlich gesagt.

A: Ich bin gesprächig, aber dafür nicht scheiße…

DL: Ja Interviews sind wohl wichtig im Musikbusiness. Aber ist das Musikbusiness wichtig? (lacht)

A: Du mit Deinen markigen Sprüchen…

Wer ist eigentlich der Matrikel-Micha? Gibt´s den wirklich?

S: Naja. Ist schon ´n Bekannter gewesen…

DL: Es ist ein Bekannter von uns gewesen, der irgendwann mal aufgetaucht ist und mir mein nutzloses Leben vorgehalten hat. Den nennen wir jetzt mal Micha. Der hatte übrigens ´ne Matrikelnummer. Das war ganz wichtig. Ist er immer noch. Wenn er von seinen Stiftungen berichten darf.

S: Naja, es geht da im Prinzip um Leute, die sich wirklich für Wichtig halten. Die sich über irgendwelche gesellschaftlichen Theorien auseinandersetzen. Die gern ´ne Menge reden und sich gerne reden hören, aber eigentlich sonst nichts auf die Reihe kriegen.

DL: Sie meinen, sie kriegen viel auf die Reihe.

S: Das sie ´ne Menge bewegen – aber eigentlich bewegt sich nichts.

DL: Sie haben zwar ihre Vereine, wo sie ihren Monatsbeitrag bezahlen und ihre politischen Kreise, wo sie untereinander schlaue Sachen reden… Solln sie machen, aber die bewegen bei mir nichts…

Andererseits singt Ihr von „More Kicks“. Fehlt Euch manchmal selber der Antrieb, selbst was zu machen…?

DL: Naja. Oft schon…

Noch mal zur Ostzeit, Smail. Wie sahen denn da die Auftritte aus und wie bekam man die Instrumente. Ich mein, die müssen doch sauteuer gewesen sein.

S: Ja so auf privaten Parties hat man da gespielt. Instrumente… Ja so Eigenbausachen waren da schwer im Umlauf. Nachbauten, was so Zerrer und Fußpedale angeht….

DL: Petersburg…

S: Petersburg war erst viel später. Nee, Regent hatte ich damals. 15 Watt Regent (lacht).

A: Über´n Wartburg-Verstärker gespielt…

S: Dann gab´s in der „Melodie und Rhythmus“…, also wenn du nicht aus Berlin gekommen bist, wie ich damals…, Ich komme eigentlich von 10 Kilometer außerhalb, aus Velten. Das ist so bei Berlin ´ne kleine Industriestadt mit ´nem Chemiewerk und so ´ne Margarinebude…

Kenn ich. Da gab´s zu Ostzeiten mal ´n Fußballverein. Der hieß Chemie Velten…

S: Ja, ´n ganz beschissener Fußballverein. Grün-Weiß… (alle lachen). Ja, das war gleich um die Ecke bei mir…

DL: Der interessiert sich nicht für Fußball… Deswegen hat er auch weniger vom Leben.

S: Das würde ich bezweifeln… (lacht). Also noch mal zu den Instrumenten. Also „Zweite Hand“ lief das meistens. Ja, das war teuer. Also für meine erste Gitarre habe ich 300 Flocken für hingepackt. Ostmark. War echt ´ne Menge. Also ´ne neue im Laden hat 1400 Ostmark gekostet. Und das Durchschnittseinkommen lag ungefähr bei, ich weiß nicht genau, 700 – 800 Ocken. 800, glaub ich. Und was ich da hatte, diese Klampfe da für 300 Flocken war so´n Tschechenmodell. Das war´s noch ´n bisschen billiger. So hat man halt angefangen. Auf Parties rumgeeiert und so. Offiziell spielen war da eigentlich nicht so viel. Zumal wir da auch gerade erst angefangen haben. Es waren mal ´n paar Konzerte geplant, hier in Berlin. Im Jojoclub oder, mensch wie hieß das Ding…? Ist schon so lange her. Ist alles abgeblasen worden. Alles Schnick Schnack. Hat nichts geklappt. Irgendwann mit der ZUSAMMROTTUNG ging's dann los, aber das Thema wollten wir ja lassen.

DL: Ich glaube das fing bei mir auch an, daß man angefangen hat, auf Parties zu spielen. Oder für´n paar Kumpels irgendwo im Wohnzimmer. Waren, glaube ich, die ersten Konzerte, die man gemacht hat.

Heutzutage ist das ja alles ein bisschen einfacher. Instrumente und so. Und auch ´ne CD aufzunehmen kostet nicht mehr die Welt. Seht Ihr das auch so, daß das der Grund ist, warum es momentan auch so viele Scheißbands gibt…?

DL: Ich wollt´s gerade sagen. Dann nehmen die Ihre erste Platte auf. Sofort… Deswegen gibt´s so viel Scheißmucke…Da fehlt einfach dieser Background. Wir finden es einfach ehrlich, naja, Songs zu machen, Musik zu machen, über Dinge, die passieren. Was Dir im Leben passiert.

Und nicht von irgendwelchen Sachen zu singen. Oder etwas nachzuahmen, oder sich irgendetwas hochzuhalten, was man nicht ist oder was einem nicht passiert ist.

A: Also was mich tierisch nervt, sind irgendwie, also wenn man jetzt im Moment von Einflüssen redet… Die Meisten rennen irgendwelchen Amieinflüssen hinterher, die sie durch MTV, VIVA und so serviert kriegen. Ich glaube das ist das große Problem. Das alles irgendwie, was anders ist von MTV und VIVA aufgesaugt wird, in irgendeiner Art verwurstet wird und alle denken, das wär jetzt Punk, das wär alles Mögliche. Und genau so geben die Leute das wieder und das kotzt mich tierisch an. Die nehmen auch nur wieder das auf, was ihnen da täglich serviert wird. Weil das einfach ihr Medium ist…

Kann man der Jugend aber einen Vorwurf machen, daß sie eben nicht diesen 70er, 80er – Jahre Background besitzen, weil sie einfach nun mal nicht so früh geboren wurden. Ich meine, ich bin ja nun auch noch nicht sooo alt. Meint Ihr, die (aktive) Punkrockszene stirbt aus?

S: Naja, die wachsen schon. Also ich gehört vom letzten Sommer, da gab´s ´ne massive Explosion in Neubrandenburg und in Aachen zum Beispiel hör ich von ´nem Haufen Kids, die wieder was machen. Ich denke schon, daß das alles irgendwie weiterläuft. Dass es nicht so ´ne kommerzielle Sache wird. Es gibt zwar ´n Haufen MTV-beeinflusste Leute, aber diese so genannte DIY-Kultur ist schon noch am Laufen, denke ich.

DL: Früher gab´s noch die Kopisten. Ich glaube, die sind ´n bisschen ausgestorben. Du kannst ja mit einfachen Mitteln Dir Sachen zusammenkopieren. Da gehst Du mit, früher waren das ´n paar Pfennige, in ´nen Kopierladen, klebst Dir was zusammen, verbreitest das und fertig hast Du ´n spitzenmäßiges Plakat.

S: Kopisten!? (lacht)

DL: Genau. Die nenne ich jetzt einfach mal so… (lacht). Die Jugend von heute trinkt alle zu viel Alkopops. Wer weiß, was da drin ist. Die sind alle viel zu abgestumpft. Zu viel Zucker im Hirn.

S: Die zappeln zu viel mit der rechten Hand rum. So auf der Maus.

DL: Naja. Es gibt auch immer noch Leute, was ich auch nicht verstehe, gerade die, die ihren Soloanspruch immer verwirklichen müssen, die über das WILD AT HEART abmeckern, daß es zu teuer ist… Was ich auch nicht nachvollziehen kann. Überhaupt nicht. Also da sind wirklich Bands, die aus den USA kommen und sonst wo her. Die brauchen halt irgendwie ´n bisschen Geld, um irgendwie weiter zu kommen. Und ich meine, Geld ist ja eigentlich auch nichts Schlechtes. Aber für manche Leute, die halt gegen Kommerz wettern, aber immer gern ihre Solikonzerte veranstalten wollen…

S: Naja. Geld ist schon scheiße. Aber Du musst damit leben hier. Du bist ja nicht irgendwie auf´m Bauernhof, Du bist hier in ´ner Großstadt.

Abgesehen jetzt mal von der Band. Inwieweit bringt Ihr Euch denn sonst noch so in die Punkrockszene ein? Was ist für Euch noch so wichtig?

A: Das Wichtigste ist für mich – ich will mein eigenes Ding finden irgendwie. Finden und auch tun. Also nicht nur sich da irgendwo einordnen und denn hier über Punkrock labern und so. Sondern das auch machen. Das ist nämlich noch ein ganz anderer Punkt. Und nicht nur irgendwie 18 sein und viele Sprüche reißen und danach genau dasselbe machen, was die Eltern schon gemacht haben irgendwie. Sondern sein Ding zu finden, wo man weiß, da kann ich mit arrangieren, ohne jemanden in den Arsch zu kriechen. Sondern einfach das auch durchziehen.

DL: Wenn man seine Nische gefunden hat, das Ding, was einem Spaß macht, für Dich irgendwie ´n Lebensinhalt ist, und damit klar kommt, muss man nicht damit reich werden.

S: Also ich muss Musik machen. Das ist es so. Wo man ´n bisschen mit Konzerten rumeiert. `N paar Konzerte hier und da organisiert, ´n paar Buttons macht… Dann habe ich mal im Studio ´n bisschen rumgeeiert. `N Haufen Bands aufgenommen. Aber ich denke mal, das Beste was ich kann und was mir am meisten was gibt, ist halt Musik machen… Das ist das, was ich machen will.

Ihr seid ja alle schon etwas älter. So in den Mittdreißigern, würde ich mal schätzen. Was ist für Euch jetzt wichtig und was war für Euch früher wichtig?

A: Da war alles irgendwie offen. Da war nichts oder sagen wir mal wenig…eingetütet. Man hatte irgendwie das Gefühl, man könnte alles tun. Und das ist mir auch so ´n bisschen abhanden gekommen.

DL: Und das ist halt auch an Punk verloren gegangen. Ne Zeit lang.

S: Naja, aber es wird generell enger…

A: Ja, es wird immer enger, aber ich hab das so kennen gelernt. Ich hatte das Gefühl – JETZT bewegt sich was. Jetzt kann man was machen, weil jetzt ist dieser Unmut da, und der Wille – Mach, was Du willst, irgendwie. Dieses „Mach was Du willst“ das war das Hauptthema gewesen.

DL: Dann kam die Benimmregelfraktion und hat Dir den Kopf gewaschen…

A: Na mir nicht, aber einigen Leuten… Ist immer so. Also so läuft es eigentlich immer. Man hat immer so´n Spielraum an Freiheiten, der dann irgendwann immer mehr eingeschränkt wird. Und wenn es irgendwann so sehr eingeschränkt ist, daß nichts mehr funktioniert, dann stirbt die Sache auch. Und das ging dann damals auch relativ schnell. Also, ich gehöre auch nicht zu den Punkern der ersten Stunde, bei mir ging das auch erst 1980 los. Da war das erste Ding ja schon so durch. Das war ja dann schon die zweite Generation oder so. Keine Ahnung. Aber trotzdem hatte ich da immer noch das Feeling – alles ist offen, alles ist möglich. Heute kannst Du für alles gleich immer ´ne Schublade nehmen – das gehört da rein, das gehört da rein. Und das ist natürlich schade, weil, dadurch natürlich weniger passiert. Ganz einfach. Je mehr Du immer alles beschriftest, etikettierst und weglegst, desto weniger bewegt sich ganz klar…

DL: Alle gegen alle.

A: Genau. Aber mein Problem ist ja auch nicht die Szene. Ich bin nicht irgendwie szeneabhängig. Sondern ich muss da irgendwie mein eigenes Ding finden. Das ist das, was ich aus dem ganzen Punkrockding mal einfach herausziehe.

S: Das ist was Individuelles eigentlich.

A: Natürlich. Ich meine, alle reden über Individualität, alle wollen individuell sein, aber die, die es wirklich machen…

Wie viele Leute sind so aus Eurem damaligen Umfeld noch übrig geblieben? Habt Ihr noch Kontakt?

A: An alten Kumpels so von Früher? Kann ich an einer Hand abzählen…

DL: Kann ich auch an einer Hand abzählen…

S: Naja, bei mir sind´s schon noch ´n paar. Alte Bekannte, die ich so aus der Zeit kenne. Zum Beispiel die, die den SCHOKOLADEN schmeißen, die ehemaligen HAF-Leute, die kenne ich auch schon seit Ostzeiten. Ich meine, die trifft man halt nicht dauernd, aber alle machen irgendwie was. Das ist schon o.k.. Also wenige von denen haben sich soweit zurückgezogen, daß sie mit nichts mehr zu tun haben wollen. Familie gegründet haben oder so. Machen zwar alle irgendwie was anderes aber sind alle noch ganz fit in der Birne…

Von den Regeln, die Ihr vorhin angesprochen habt… Diese PC-Sachen, da kümmert Ihr Euch überhaupt nicht drum…?

S: Nö, warum auch.

A: Klares NEIN!

DL: Klares NEIN von mir auch. Doppelt-Nein.

A: So schränkst Du Dich ja ein. Wenn Du irgendwas hinterher rennst…

S: Das hindert Dich am Denken irgendwie eigentlich, oder?

DL: Das hindert Dich daran, Dein Ding zu machen und frisch zu bleiben, wenn Du schon wieder Angst haben musst, daß Du gegen irgendeine Auflage verstößt.

S: Das hindert Dich daran, ´n klaren Gedanken zu fassen, einfach. Wenn Du dauernd diese Schubladen vor die Nase geknallt kriegst.

Mensch, jetzt werdet Ihr ja aber langsam doch gesprächiger. Könnt Ihr jetzt nicht doch noch mal was über Eure „USA-Tour“ erzählen…?

DL: 16. September 2003 (alle lachen)

A: Oh. Jetzt bin ich schon überfragt… Präzisiere Deine Frage…

O.k. - Es ging los. Ihr wart auf dem Weg zum Flughafen Tegel…

DL: Nee. Fuhlsbüttel. Hamburg.

A: (lacht) Siehste, das kam mir schon komisch vor… Was hat uns erwartet? Großes Fragezeichen auf jeden Fall, weil keiner sich das wirklich vorstellen konnte. Alles war offen. Alles war möglich. Da war alles noch machbar.

DL: Alex wurde auf der Reise aber therapiert. Der hat da seine Flugangst verloren. Der einzige, der bei uns unter Flugangst litt.

A: Aber nur mit viel Valium und anderen Geschichten (lacht). Ich durfte in der Mitte sitzen.

DL: Dann haben wir den Jäschke getroffen, dann sind wir einchecken gegangen und da ging es auch schon los. Mit den Gitarrenkoffern.

S: Das war die erste Panne.

(hier vertieft man sich jetzt in Kleinigkeiten)

A: Dann London. Da gab´s eigentlich keine Probleme. Da war alles gut. Gepäck umverladen, weitergeflogen, Seattle angekommen und da ging dann das Desaster los. Den (deutet auf Don Lotzo) haben sie als erstes hier raus gezogen aus´m Flieger.

Du hast auch so ´n bisschen ´nen Südländischen Touch… Gibt´s da Wurzeln?

DL: Das sind schon irgendwelche Wurzeln irgendwo.

S: Eher mentale Wurzeln, ne? Lotzo sein Herz liegt in Portugal begraben… (lacht)

DL: Stimmt gar nicht. Schwachsinn. Ich wurde irgendwann mal so genannt, Don Lotzo, weil ich mich ´ne Weile im Süden rum getrieben habe. In Spanien und Portugal. So ist das entstanden. Und da ich halt der Latinlover der Band bin…

Und deshalb haben sie Dich raus gezogen…

A: Nee, weil er so lettisch-bulgarisch aussieht (lacht)

DL: Genau. Race Caucase. Steht ja bei uns auf´m Zettel. Kaukasier.

(Alex liegt vor Lachen fast auf dem Boden)

Das hat ja nichts mit der Hautfarbe zu tun. Das sind ja die Gesichtszüge.

A: Die Amis haben irgend so ´ne Einteilung, wo wir unter Kaukasier gefallen sind. War schon sehr witzig. Weil keiner konnte sich was darunter vorstellen. Also wir haben danach wirklich irgendwelche Bücher gewälzt, wo man nachlesen konnte, was das eigentlich bedeutet.

DL: Das sind die Gesichtszüge eines Kaukasiers haben wir da auf dem Zettel gehabt und nicht die eines Aborigines.

A: Weil sie bei Dir nicht sicher waren… (lacht)

Und dann…?

A: Filmen im kleinen Gitterbus…

DL: Die Bullen sind ja nach dem Knast mit uns noch mit Einbehalt unserer Pässe in den Flieger zurück. Haben sie dann den Stewardessen abgegeben. Dann sind wir nach London geflogen. Dann sind die Stewardessen mit uns unter Einbehalt der Pässe in London zum CIA gegangen. Und die in London beim CIA haben dann die Pässe durchgeguckt und haben eine Fresse gezogen nach dem Motto: „Was wollt Ihr hier eigentlich von uns mit diesen Leuten?“. Und die Stewardessen haben ja auch nur die ganze Zeit mit dem Kopf geschüttelt. Aber warte mal. Zwischendurch war da noch was. Eigentlich hatte ich was ganz anderes eben.

A: Komm trink noch einen…

DL: Wir haben ja auch gedacht, nachdem die uns vom Flughafen weggefahren haben, ´ne dreiviertel Stunde, wir dann in diesem Knast gelandet sind, wir uns alle komplett ausziehen mussten, wir da einzeln ID-behandelt wurden, aufgeschrieben, mit Tätowierungen, Narben, weiß der Kuckuck, wir da ´n halben Tag waren und dieses Knastprogramm mitgekriegt haben…hier kommen wir erstmal nicht wieder raus. Das war ja dieses Ding, was dann irgendwann bei uns los ging. Wir hatten nie gehört, daß Leute, die ausgewiesen werden noch mal in ´nen Extra-Knast kommen.

Waren da noch andere Leute?

A: Ja, also das war der Witz. Wir sind nachts, nach diesem 6-Stunden Interview in Seattle irgendwie am Flughafen….

Deshalb gebt Ihr so ungern Interviews…

A: Ja genau. (alle lachen)

DL: Wir haben ´n Trauma weg, seit dieser Nummer.

A: Genau, wir sind traumatisiert. Wir sind dann nachts erkennungsdienstlich behandelt worden. Blablabla. Sind dann in diesen Knast gekommen. Und jeder hat dann irgendwie sein Zeug irgendwann gekriegt und wir hatten alle diese blauen Klamotten an…

DL: Und orange Socken.

A: Orange Socken, sind dann in diesen Knast gekommen, wo ´n Haufen Leute gelegen haben und man hat, natürlich weil es dunkel war, nichts gesehen. Kommst in diesen Knast. Und jeder hatte da oben noch irgendwas frei. Jeder hat gesehen, unten liegen überall Leute, alles war voll. Dann liegst Du in irgend ´nem Bett und weißt, was sind da für Leute. Hast Du keine Ahnung, was geht hier überhaupt ab. Alle in einem Riesenraum. In einer Sammelzelle….

DL: Und das lustige war. Da sind dann nachts so zwei dicke Frauen mit Locken, ich glaube es waren Neger, sag ich jetzt mal so, ja Neger, haben auf den Betten rumgeklopft und gesagt: „It looks like a rockband in prison, hö, hö, hö“.

S: Die kamen echt alle paar Stunden rein. War saukalt.

A: Weil der Herr Smail keine Decke gekriegt hat.

DL: Der war der einzige, der keine Decke gekriegt hat.

S: Nee auch so, wenn Du da rum gerannt bist. Das Zeug war so dünn…

Konntet Ihr die Sachen behalten oder musstet Ihr die abgeben?

DL: Naja, wir mussten unsere blaue Uniform und diese orangenen Stockings, die fast bis unter die Knie gingen, die mussten wir wieder abgeben. Und die braunen Plastikbadelatschen. So heißt übrigens auch ´n Song auf der EP. „Blau und Orange“. Ist jetzt nicht wichtig.

Und der Jäschke, wie hat der sich gefühlt…?

DL: Naja. Wir waren halt zu viert und es hat sich auch am nächsten tag herausgestellt, daß unsere Mithäftlinge auch alles Emigartionshäftlinge waren. Aus den Philippinen, aus Mexico. Und die waren auch total nett. Also wir haben da mehrmals am Tag ´n Riesenkanister heißes Wasser reingestellt gekriegt und die haben uns dann auch ihre Teebeutel gegeben. Und so weiter. Mit denen gab´s überhaupt keine Probleme…

S: Telefonieren war auch noch so ´n Thema…

DL: Stimmt. Ich hab ja dann irgendwann von diesem Officer, da wurde gefragt, wo denn Häftling Blablabla mit der Nummer soundso ist. Und ich dann, ja icke. Dann bin ich zu dem Gitter und dann hat er mir ´ne Telefonnummer durchgeschoben: „You can phone Daniel“. Daniel, der Gitarrist von den BRIEFS. Und dann hab ich gefragt: „How, when can I phone him up?“. Und er dann so : “You need an application…”. Musst halt so´n Antrag haben, ´ne Erlaubnis. Und dann kam er auch irgendwann an. Hat mir das Ding durchgeschoben, hab ich ausgefüllt, daß ich halt telefonieren möchte, blabla, wieder durchgeschoben. Aber ich hab auch von diesem Bullen nie wieder was gehört. Also daß ich irgendwann noch mal telefonieren kann.

A: Also interessant war auch beim Frühstück irgendwie, da gab´s dann irgendwie so eingeweichtes Brötchen mit Soße. Also so richtig megageil. So ganz widerlich.

DL: Wurden wir auch in so´n Extraraum geführt.

A: Hab ich gleich Smail weitergereicht, der hat meins mitgefressen und ist, nachdem wir wieder in unsere Sammelzelle gekommen sind, kotzen gegangen. War richtig geil.

S: Da gab´s auch ´ne Zeitbegrenzung für´s Essen.

DL: Das war auch noch der Hammer, ja.

S: Auf der Zelle gab´s auch wirklich nichts zu trinken. Also wenn Du keinen Teebeutel dabei hattest, musstest Du heißes Wasser saufen.

A: Chlorwasser war das gewesen. Richtig eklig.

S: In fünf Minuten, da kannste nichts trinken, da musst Du erstmal Dein Essen…

Sonst gab´s den ganzen Tag nichts?

A: Nö.

DL: Naja, wir durften irgendwie mal so kurz in so´n Ping-Pong-Raum… Wo´s so 3…

A: Wo wir unsere Tattoos zeigen durften…

DL: …Trimmdichgeräte gab.

S: ´Ne Tischtennisplatte.

DL: Da wurdest Du mit 20 Leuten ran geführt und da musste man sich halt ´n bisschen anstellen, um irgendwann mal ran zu kommen. Also ich glaub´ wir haben da mal Tischtennis kurz gespielt, ne? Jäschke hing, glaube ich, die ganze Zeit an so ´nem Trimmgrät. Der musste irgendwie seine Aggressionen loswerden… (alle lachen). Seinen Frust. Und dazu im selben Raum war da ´n Schnellgericht hinter. Da sind da in gelben Klamotten Leute mit Fußketten vorgeführt worden und die haben da auf so ´nem Sofa gesessen. Ab und an wurden sie hinten rein geführt. Manche hast Du da wieder rauskommen sehen und manche auch nicht.

A: Also da gab´s keine Anwälte oder so. Das war ganz schnell abgehandelt, weggeschickt… Das sollte da alles schön schnell gehen.

DL: Und auch in unserer Zelle wurden ab und an Leute aufgerufen. Weiß nicht mehr wie die hießen. Rodriges Blabla. Sind abgeführt worden. Und manche von denen sind wieder gekommen manche auch nicht. Und uns war auch nicht klar, was mit denen passiert ist.

Da bekommt der Song „Fenster in meiner Zelle“ ´ne ganz andere Bedeutung, oder? Spielt Ihr den jetzt mit mehr Inbrunst?

DL: Den hat Smail geschrieben…

S: „Fenster in meiner Zelle“, das hat nichts mit Knast jetzt direkt zu tun. Eher mit so ´ner Kopfsache.

DL: Isolation.

S: Metapher (lacht)

A: Haben wir den seit dem überhaupt noch mal gespielt?

DL: Klar in Kiel und in Hamburg.

S: Nee, hat eigentlich nichts miteinander zu tun.

O.k. Kommen wir langsam zum Schluß. Man wird ja auch irgendwann älter. Wie lange habt Ihr noch vor, die SHOCKS zu machen…?

DL: 5 Minuten… (alles lacht)

S: 3. Dreieinhalb.

DL: Haben wir uns jetzt aufgelöst? Endlich?

A: Deswegen scheuen wir Interviews. Die sind uns zu gefährlich. Man lebt sich auseinander.

DL: Wir kennen uns ja auch alle untereinander nicht so richtig. Und wir reden auch miteinander kaum.

A: Wir haben ´n reines Arbeitsverhältnis. Das muss man mal klar stellen.

DL: Wir haben oft Probleme damit, zusammen ein Interview zu führen, weil wir alle doch sehr intim sein möchten. Mit uns selbst. (lachen)

Was steht denn sonst noch so in Zukunft an. Macht Ihr ´ne neue Platte? Wenn ja, wann kommt die raus? Heißt die dann „THE SHOCKS – Superstars in ZERO 5“?

DL: Mal gucken.

S: Also wir haben vor, so Mitte / Ende September ´ne Tour zu machen. Zusammen mit DISTRICT und den SHAKIN NASTIES. Zwei Wochen Deutschland. Eventuell Schweiz und Österreich noch. Das ganze wollte der Tom von Laak machen, der jetzt bei WEIRD WORLD Booking beschäftigt ist. Mal gucken was das wird. Ich hoffe mal, das klappt.

DL: Ich denke mal für die nächste LP werden wir uns ein bisschen Zeit lassen. Es ist aber immer ´ne Frage, was passiert. Es kann auch sein, daß man ´n komplettes Album innerhalb von ´nem halben Jahr hinkriegt. Aber wir wollen uns da kein Zeitdruck geben. Weil wenn nichts passiert, können wir auch keine Songs schreiben.

A: Also wir müssen nicht jedes Jahr ´ne neue LP machen. Definitiv nicht. So wie´s gerade kommt.

DL: Naja. Jetzt diesen Sommer spielen wir eigentlich ´ne Menge Festivals. Einzusehen auf www.theshocks.de.

Allright. Vielen Dank für das Interview und bis demnächst.

mieschka | Mi., 05. Mai 2004 | Interview

Also ich weiß es nicht ganz genau, wann ich die ersten Anzeigen in einschlägigen Magazinen gelesen habe, daß bald die ultimative DVD Deutschlands wichtigster Punkband, sag ich mal, erscheinen soll. Es ist auf jeden Fall lange her…

Mit Spannung wurde sie, auch im Freundes- und Bekanntenkreis erwartet und, ich kenne mich da zwar nicht so aus, aber sie hatte bestimmt die meisten Vorbestellungen einer „Punkrockplatte“ in Mailordern und Läden seit der Iro erfunden wurde. Ich will nicht sagen, daß letztendlich niemand mehr daran geglaubt hat, daß sie doch noch das Licht der Welt erblickt, aber ein wenig verdrängt hatte man das Teil aus den Köpfen schon. Überrascht waren z.B. meine Freunde aber schon, daß sie, keine Ahnung, wo sie die Nummer her hatten, von SUPPENKAZPER´s NOISE IMPERIUM auf Handy angerufen worden sind, ob sie denn die, jetzt schon Doppel-DVD „Wenn der Himmel brennt“ und selbsternanntes Vermächtnis der Band SLIME haben wollten. Nicht schlecht. Das gab´s, glaube ich noch nie. Aber, und das sagen sie im Vorwort der DVD auch selbst, SLIME waren ja schon immer Vorreiter gewesen und warum sollten sie daher nicht die ersten sein, bei denen diese „Marketingstrategie“ angewendet wird… ;-)

Über die Gründe der Verzögerung wurde wiederum in diesen „einschlägigen Magazinen“ dann wieder viel geschrieben, weswegen ich das hier nicht noch mal alles schreiben will. Außerdem geht das auch aus dem untenstehenden Interview hervor.

Dieser Tage trudelte das Ding aber dann auch in meinem Briefkasten ein und ich kann sagen, daß Warten hat sich gelohnt. Ich bin immer noch restlos begeistert. Eigentlich wirft dieses Ding keine Fragen mehr auf. Aber wie so oft ist es so, wenn man noch mal kurz nachbohrt, es doch ganz anders ist und deshalb nutzte ich die Chance den Drummer und vermeintlich Mastermind der Band STEPHAN MAHLER ein paar Fragen zur Veröffentlichung der DVD zu stellen. Das könnt Ihr im Folgenden nachlesen.

Ich muss vielleicht aber noch dazu sagen, daß ich Anfang des Jahres ein Interview mit RUBBERSLIME, dem Projekt von ELF und DIRK führte, was kurz darauf aber aus unerklärlichen Gründen gelöscht wurde. Dieses war sehr interessant und ich ärgere mich heute noch darüber, dieses nicht zu besitzen. Nicht, daß sich darin widersprüchliche Aussagen befunden hätten. Aber es wurden Themen angesprochen, die von einem anderen Standpunkt aus betrachtet beantwortet wurden. Da geht es im Besonderen um eben jenes „Nachfolgeprojekt“ RUBBERSLIME. Aber Cest la vie. Ich kanns nicht ändern.

Ich habe Elf die Fragen noch mal per eMail geschickt und vielleicht schafft er es die zu beantworten. Dann kommt das natürlich auch hier rein & einige Sachen können von zwei Seiten aus betrachtet werden. So bleibt Euch erstmal „nur“ das Interview mit STEPHAN, was aber interessant genug ist und sich hauptsächlich auf die DVD bezieht.

Holt Euch das Teil. Die Arbeit, die da drin steckt ist es auf alle Fälle wert & es ist ein Stück deutscher Punkgeschichte. Wer daran interessiert ist & das sollten die meisten von Euch (sei es, um etwas über seine Subkultur zu erfahren oder als Zeitgenosse noch mal etwas über seine frühen Tage des Punks zu erfahren) bekommt über 3 Stunden bester Unterhaltung geboten & kann vielleicht noch so einiges erfahren. Nun aber viel Spaß mit dem Interview…

Hallo Stephan! Nach ewigen Verzögerungen ist sie nun doch endlich erschienen, die SLIME--DoDVD „Wenn der Himmel brennt“. Euer selbsternanntes Vermächtnis. Ich hatte ja schon fast nicht mehr damit gerechnet, daß diese erscheint. Wie fühlst Du oder Ihr Euch jetzt, da, wo das Ding nun doch noch veröffentlich wurde?

Ja super. Superspannend. Und vor allem superstolz. Die Arbeit hat sich echt gelohnt und die Warterei auch. Weil wir meinen…
Also echt amtlich. Es beantwortet auch so viele Fragen, die unserer Meinung nach, wahrscheinlich lange im Raum standen. Es ist nicht so was wie ´ne allgemein abgefasste Dokumentation, sondern es ist einfach auch, durch das umfassende Booklet, inhaltlich einfach sehr viel drin. Es ist ja nicht so gemacht, um es auf uns persönlich zu münzen, sondern auch, um ein bisschen Background zu liefern. Anfänge Punkszene, Hamburg und so - so´n bisschen Teipelmässig.

Ihr sagt, es wäre so was wie Euer Vermächtnis. Seid Ihr nun letztendlich mit allem drum und dran zufrieden?

Ja, das kann man sagen. Also für mich persönlich war das auch ´n Herzensanliegen, das auch mal so abzuschließen. Im Gegensatz zu…. (hadert…)

Ja?

(lacht) Ja, Elf und Dirk, die machen ja jetzt irgendwie RUBBERSLIME. Ich mein jeder muss natürlich selber sehen, was er macht. Aber zu sagen, SLIME ist tot und dann jetzt irgendwie SLIME-Nummern das vierte Mal aufzunehmen und auch als Platte raus zubringen, das beäuge ich eher kritisch.

Es wurde ja nun schon viel dazu gesagt geschrieben. Aber was waren jetzt letztendlich die Hauptgründe für die ewig lange Verzögerung?

Ja, also, wie gesagt. Das steht ja auch im Vorwort. Einerseits gab es da anfänglich wieder ein bisschen Ärger mit der Staatsanwaltschaft. Das ‚Bullenschweine' wieder indiziert, vielleicht jetzt endgültig indiziert ist. Und wir das nicht mehr veröffentlichen dürfen. Das hat´n paar Fragen aufgeworfen. Dann gab´s technische Probleme aber vor allem haben wir vorher nicht sehen können, wie viel Zeit das in Anspruch nimmt, das letztendlich so ausführlich zu machen. Es war dann doch… Also dieses Booklet hat sehr sehr viel Zeit in Anspruch genommen.

Also man muss das sehen - wir haben da ja nicht nur irgendein stundenlanges Gespräch versucht, die Essenz herauszuziehen - das, was für alle interessant ist. Sondern auch aus etlichen anderen Interviews Sachen zusammengetragen. Das war ´ne sehr aufwendige redaktionelle Arbeit.

Ihr hattet mittlerweile auch mal wieder Probleme mit der Wiederveröffentlichung Eures ersten Albums. Was ist genau geschehen? Welche Konsequenzen zieht Ihr daraus?

Im Grunde genommen ist es ja seit Anfang der 80´er Jahre ein Hin und Her. Also, daß es mal indiziert war, daß es mal verfolgt wurde und dann mal wieder sozusagen frei verfügbar war. Dann waren die Platten, die irgendwie mit Pieptönen zensiert waren mal die „Raries“ (lacht). Totaler Schwachsinn. Und nun gab es von Seiten der Plattenfirma, die ja mittlerweile ohne unser Zutun irgendwie ´n Riesenmajor geworden ist, Modern Music ist ja jetzt irgendwie Sanctuary - in England sitzen die jetzt und wir haben mit denen überhaupt keinen Kontakt, die Ansage: „Entweder jetzt ist Schluss mit Allem oder endgültig ´ne Lösung zu schaffen, die es uns möglich macht, die Platte so auch in 3 Jahren weiterzuverkaufen.“ Ohne, daß es vielleicht so sein kann, daß sich irgendein Kommissar in seiner Berufsehre gekränkt oder angegriffen fühlt. Und deswegen auf zivilrechtlichen Wege Anzeige erstattet. Und dann wieder so ´ne Aktion läuft.

Deswegen hattet Ihr irgendwann mal die „heiklen“ Stellen mal instrumental ersetzt….?!

Ja, Instrumental, beziehungsweise schon mit Gesang, aber die betreffenden Begriffe und Aufrufe irgendwie rausgedroppt. Was… - ich weiß nicht - so 100prozentig ist es das ja nicht. Und es entbehrt auch nicht einer unfreiwilligen Komik muss ich ehrlich sagen. Also ich bin da nicht sooo glücklich mit. Aber wir haben uns halt drauf geeinigt und fanden das so am Besten. Also ganz klar ausgeschlossen war, daß wir das überhaupt nicht mehr veröffentlichen. Also es von der Platte runter zu nehmen. Das wär ein Eingeständnis gewesen. Das hätten wir niemals gemacht. Und den Gesang ganz weglassen, so ÄRZTE-mässig, „Karaoke-Ihr-wisst-ja-eh-den-Text“ - das wäre auch irgendwie zu blöd gewesen. Es ist auch für viele Leute so´n Einstieg und da muss das Lied auch mehr oder weniger vollständig drauf sein.

Und gerade im Internet-MP3-Zeitalter fällt es eh jedem leicht, sich die Stücke zu besorgen…

Eben. Genau. Also das galt ja aber letztenendes nur dafür, als wir die Vinyl-Platten, also die ersten 3, wieder neu auflegen wollten. Da mussten wir uns überlegen- Was machen wir? Aber ich denke mal die Version ist sowieso hinreichend bekannt…

Dadurch, daß das jetzt aber alles so lange gedauert hat, mit der DVD - Hat Euch das wenigstens etwas Zeit gegeben, um noch mehr Material zu sammeln? Sind vielleicht im Verlauf der Zusammenstellung Sachen aufgetaucht, die Ihr für gar nicht mehr Möglich gehalten habt, daß es diese noch gibt? Oder Sachen, die Ihr längst vergessen habt. Vielleicht was lustiges? Gab es denn viele Einsendungen? - Es gab ja von WS diesen Aufruf: „Schickt uns Sachen für die DVD“….

Also es kam tatsächlich im Verlauf der Zeit immer noch Material zusammen. Aber was letztendlich auf der DVD gelandet ist, was zur Veröffentlichung gekommen ist, das hatten wir vorher schon. Weil das, was da so noch kleckerweise eintraf, war zwar vom individuellen und ideellen Wert her ziemlich gut, aber von der Qualität her nicht so.
Also für uns war ja schon allein der Hammer dieses Winterfeldplatz-Konzert. Wir wussten ja davon gar nichts, daß das so aufgenommen worden ist. Auch in so ner geilen Qualität. Weil das ist, finden wir, eigentlich das Geilste vom ganzen visuellen Part.

Habt Ihr Euch da alle mal jetzt zum Schluss zusammengesetzt & Euch das Teil komplett angeschaut & ein Karlsquell darauf getrunken, oder…

(lacht). Ja logo. Karlsquell. Noch extra bestellt…

…oder hattet Ihr nach der ganzen Arbeit gar keine Lust mehr dazu?

Doch, unbedingt. Ich mein, ich hatte es zwischendurch auch öfters so teilweise mit dem ein oder anderen geguckt. Und dann kamen auch immer wieder so Momente, wo das einfach mal stehen blieb oder wo der Ton zusammenbrach. Also technisch war da echt der Wurm drin. Und so das alles zum Schluss fertig gestellt in einem Rutsch mit allen Interviewparts und - man kann ja da so reindroppen - das ist schon geil gewesen…

Wie verlief denn der Arbeitsprozess denn überhaupt? Hat sich da jeder ein wenig eingebracht & irgendwas gemacht? Oder lag das doch zum größten Teil in den Händen von Weird System?

Nee also im Grunde haben die Hauptarbeit oder fast alle Arbeit Matthias und ich gemacht. Also Matthias von WEIRD SYSTEM der hat so, was den redaktionellen Teil angeht, wirklich sehr viel Arbeit und Energie rein gesteckt. Das wär auch mit jedem anderen nicht so geworden. Das muss man ehrlich sagen. Echt super. Ich habe auch irgendwie ziemlich viel daran gearbeitet… Joa. Also wir waren eigentlich die Einzigen.

Eine Frage, die dich Dir schon immer mal stellen wollte, ich bin ja selbst Schlagzeuger, ist zwar im Beiheft schon ein wenig erklärt - aber trotzdem - Schon auf den ersten Platten von Slime hast Du mit Deinem Schlagzeugspiel unglaublich geglänzt. War es damals für Dich wichtig, auch auf Deinem Instrument gut zu sein & nicht nur Inhalte zu transportieren? Manche „Uffta-Uffta-Punk“-Bands von heute (und damals) scheinen darauf nicht so viel wert zu legen…

Das freut mich zu hören. Vielen Dank. Also für mich war das jetzt nicht so, daß ich sag: „Ich will klingen wie der oder ich will soundso klingen.“. Für mich war ´ne persönliche Notwendigkeit. Ich hab jeden Tag gespielt. Wir haben damals mit SLIME sowieso auch fast jeden Tag geprobt. Gerade auch die Band vor SLIME, SCREAMER, da ging das j irgendwie los. Die Band die ich mit Christian hatte. Da haben wir teilweise wirklich im Proberaum übernachtet, jeden Tag da irgendwie gewesen. Und wenn ich nicht mit der Band geprobt hab, dann hab ich mir so Kassetten gemacht, laut abgespielt und dazu gespielt. Ich war, ja, Schlagzeugverrückt…. Bin ich immer noch eigentlich…

Inwiefern haben die zensierten Stücke und Platten Euch aus Deiner Sicht (kommerziell) beflügelt?

Also ich glaub nicht, daß Du irgendwie nur deswegen bekannt wirst, weil ´ne Platte oder ein Song aufm Index landet. Das ist, glaube ich, eher anders herum. Das wird in dem Moment interessant, wo Stücke wie ‚Deutschland' oder ‚Bullenschweine' eh schon ´n bestimmten Bekanntheitsgrad hatten. Die Leute wussten – aha, da gibt´s ne Band, die macht die und die Texte zum Teil und wird deswegen zensiert. Ich glaube kaum, daß diese bekloppten Pieptöne da uns als Band bekannter gemacht haben. Das glaub ich kaum. Also das ist ja einfach unhörbar.

O.k. die Frage war vielleicht falsch gestellt. Egal. Jedenfalls habt Ihr damals auch des Öfteren eben mit Kommerzvorwürfen zu kämpfen gehabt. Das ist ja heutzutage immer noch so. Also sobald man mit einer Band ein bisschen bekannter geworden ist, sind diese Stimmen und Anfeindungen da. Denkst Du, das ist normal für die Punkszene normal? Muss das so sein?

Also ich glaube, innerhalb einer bestimmten Subkultur ist es normal, daß Du ab´ ner bestimmten Größe, ab ´nem bestimmten Erfolg so diesen Verräterstempel kriegst. Das war schon immer so und das ist vielleicht auch in Ordnung so. Ob das nun gerechtfertigt ist, sei mal dahingestellt. Ich seh das heutzutage eher im HipHop-Bereich. Wenn es darum geht – das ist real und das ist irgendwie Kommerzkacke. So aufgesetzt.
Bei uns war das, ehrlich gesagt, in den 80´ern eher ganz drastisch. Womit wir auch überhaupt nicht umgehen konnten, was zum Teil ja auch zu unserer Auflösung geführt hat. Der Hass, der uns da entgegen schlug. In den 90´ern war davon aber nicht mehr so viel zu spüren. Dann war das tatsächlich so, daß zu unseren Konzerten dann die Leute gekommen sind, die uns sehen wollten und nicht mit Geldscheinen zu wedeln. Sondern um die Musik zu hören. Um Spaß zu haben - dem bei zu wohnen.
Ja, das ist heute tatsächlich immer noch so. Und das kann ja, wie Du schon sagtest, bei einer Band bis zur Auflösung führen. Diese Selbstzerfleischung…

Ja, klar. Das ist schon schlimm. Aber ich meine, letztenendes - Was da zum Beispiel jetzt im Booklet steht - da ist jetzt sehr viel so über uns geschrieben. Wir sagen da ja auch sehr viel über uns persönlich. Wie´s war. Man muss aber auch sagen, daß über SLIME auch nicht sooo viel geschrieben wurde. Nicht wirklich viele Informationen kursierten sondern nur Gerüchte und üble Nachrede. Usw. usf. Und in dem Moment, wo Du tatsächlich ´n bestimmten Bekanntheitsgrad hast, dann kommen sowieso gleich Erwartungen, denen einfach nicht entsprochen werden kann. In dem Moment, wo Du so exponiert, quasi Dich selbst präsentierst, musst Du halt angefeindet werden. Das ist zwangsläufig so. Das war ja nicht nur so wegen Kommerz sonder auch wegen Inkonsequenz. ‚Die machen so´ne Texte und sind dann nicht auf jeder Demo, wo sie in vorderster Reihe Mollies schmeißen' und so weiter. Das war ja genau das Ding. Und selbst ich, der in konkreten politischen Zusammnhängen war… Da dachte ich auch - Wie sollst´n da hinterherkommen. Ist doch total lächerlich einfach…

Wie damals bei den Scherben…

Ja, ganz genau. Das war immer schon so, ne?

Ihr wundert Euch selbst, daß nach Euch bisher niemand so richtig kam, der Eure Lücke gefüllt hätte. Siehst Du momentan irgendwo Bands, die das Potential dazu hätten, dies zu tun? Hast Du noch ein Auge auf die Punkszene? Kann es noch mal so was geben, wie SLIME?

Das ist natürlich schwierig, weil, ich meine. Die Zeiten haben sich derart geändert, daß es dann auch für so´n politischen Ausdruck im Moment gar nicht so die Ohren gibt. Das ist natürlich schwierig. Ich hab da aber ein Auge drauf und ich kenn auch ´ne ganze Menge wirklich guter Bands. Also nicht nur deswegen, weil sie meine Freunde sind. Z.B. OMA HANS – das ist textmäßig das, was ich bevorzuge. Oder SCHNELLER AUTOS ORGANISATION die fand ich auch recht geil. Die kommen auch aus Hamburg. Oder TUBOSTAAT. Die fand ich textlich gut und von der Musik her auch ziemlich geil. Also aber wenn jetzt jemand daher kommt und sagt: „Haut die Bullen platt wie Stullen…“ das wäre, glaub ich, nicht mehr zeitgemäß.

Du sprichst gerade schon wieder Bands aus dem Hamburger Umfeld an. Und irgendwie haben die ja auch so´ne besondere Aura um sich oder Keine Ahnung. Es ist jedenfalls ein Begriff. Vor kurzem ist ja dieses Teipel-Buch „Verschwende Deine Jugend“ herausgekommen. Wie betrachtet man von Hamburg aus dieses Werk, das ja schon den Anspruch erhebt - oder es kommt einem so vor - Düsseldorf hätte den Punk erfunden…

(lacht) Ich meine, letztendlich habe ich meine Einschätzung von 1977 / 78 immer noch intus, wo wir die Düsseldorfer Punkszene einfach, ich will nicht sagen verachtet - Wir haben die nicht ernst genommen. Das waren für uns so Künstlerspinner. Mit der Ausnahme vielleicht von KFC oder so. Und das was jetzt irgendwie im Teipel-Buch beschrieben worden ist - Das stimmt ja tatsächlich nur zum Teil. Auch das SLIME zum Beispiel komplett wegignoriert wird. Nur mit einem Satz, glaube ich, irgendwann mal erwähnt - entspricht, glaube ich kaum der Gewichtung. Und so´ne Aussprüche, die sich durch das ganze Teipel-Buch ziehen. Punk hätte sich im Grunde schon Ende ´77 selber totgelaufen und alles andere war nur noch ‚Weiderkauen'. Deswegen haben wir damals versucht neue Wege zu gehen. Und raus kam dieser ‚Klinker-Klonker-Musik' so mit Papiertüten überm Kopf.

Das fanden wir damals halt total scheiße und das find ich auch jetzt halt ´n bisschen sehr eitel und unzutreffend.

Später hast Du, zumindest an den Reglern, u.a. auch Deine Finger bei TOCOTRONIC im Spiel gehabt.

Also mit Christian waren wir damals zusammen Teilhaber vom Soundgraben und die haben da die erste Platte, nee ich glaube sogar alle aufgenommen - bis auf die letzte oder vorletzte. Da war ich eh immer. Ja das war da eben ihre erste Platte und ich hab da so ein bisschen das Schlagzeug gecoacht.

War das für Dich der so´n Stück Punk der 90´er? Das die ´n bisschen weggegangen sind von den üblichen Sachen?

Ja unbedingt. TOCOTRONIC und meinetwegen auch die ZITRONEN das waren immer auch schon Bands, die ich auch schon immer total gut fand und die ich auch vom Ausdruck her sehr geschätzt habe. Das war bei TOCOTRONIC ja auch von Anfang an, daß die so´n bisschen ‚educated' waren. Also so´n bisschen Weg von den einsilbigen Texten…

Es gibt ja im Punk einfach bestimmte Textthemen, die man so abgegrast hat. Und wenn die dann abgegrast waren, dann hat man sich eben schnell wiederholt. Und TOCOTRONIC gingen von vornherein in eine ganz andere Richtung. Und das fand ich super.

Es gibt ja diesen Begriff „Deutschpunk“, der ja mitunter abwertend gemeint sein kann. Unterscheidest Du zwischen „deutschsprachigen Punk“ & „Deutschpunk“? Was denkst Du überhaupt über die Bands von heute? Haben sie ihre Daseinsberechtigung? Was bedeutet für Euch Punk im Jahre 2004?

Ja, wie gesagt, die Bands, die für mich interessant waren in der letzten Zeit, die habe ich schon genannt. Ansonsten muss ich sagen, bin ich da nicht sooo richtig dran interessiert.

Unterscheidest Du zwischen „deutschsprachigem Punk“ und „Deutschpunk“?

Schon. Also „Deutschpunk“… Ja gut, das ist auch so ein begriff, der Anfang der 80´er geprägt wurde. CANALTERROR, TOXOPLASMA und so. Das würde ich eigentlich nicht unterscheiden, ob das nun „Deutschpunk“ oder „deutschsprachiger Punk“ ist. Das ist ja auch Quatsch zu sagen, „Deutschpunk“ wäre jetzt vom Schlagzeug langweiliges „UftaUfta“, Saufgegröhle und „deutscher Punk“ ist ´n bisschen geistiger oder so. Weiß ich nicht. Glaub ich nicht.

Warum, denkst Du, habt Ihr es geschafft, diesen Status, den ihr heute besitzt, bekommen zu haben?

Mehr als andere Bands. Sagen wir Toxoplasma, Sluts und und so.

Joa. Bessere Musik, bessere Texte… (lacht) Und dann waren wir, glaube ich, auch ´n bisschen hartnäckiger dabei. Wir haben extrem viel an unserem Ding gearbeitet. Muss man einfach auch sagen. Wir waren zwar immer, das geht ja aus dem Booklet hervor und das wurde uns selber auch erst im längeren Gespräch für das Booklet klar, wie weinig wir ein Konzept hatten oder so. Wir haben die Dinge schon sehr auf uns zukommen lassen. Waren sehr chaotisch im Ganzen, in der Überlegung - „Wie wollen wir uns präsentieren…“. Aber das, was wir wirklich extrem verfolgt haben, war unsere Musik. Und wir haben extrem viel gespielt. Extrem viel geprobt, extrem viel Gigs gemacht.

Gab es bei diesem Booklet, bei diesem Interview jemanden, der Euch die Fragen gestellt hat? Oder waren das Stichpunkte…

Nee, also das war tatsächlich wie ein Interview. Also es fing an, wie ein Interview und dann entwickelte sich das nach und nach immer mehr zu einem Gespräch, weil der Interviewer auch sehr interessiert war auch eben aus der Szene kommt. Der ist ja genauso lange dabei, wie wir.

Wer war das?

…Der Matthias.

Vor kurzem wart Ihr auch auf dem „Punkrock BRD-3CD-Sampler vertreten. Natürlich ist es schwierig, wie auch im Booklet erwähnt, alle Bands zu berücksichtigen, die es verdient hätten auf dem Sampler zu sein. Welche Bands fehlen Deiner bescheidenen Meinung nach? Oder welche Bands gehören vielleicht gar nicht darauf?

Also ich würde nicht sagen, daß irgendwelche Bands, die darauf vertreten sind, nicht drauf gehören. Die haben alle ihre Berechtigung. Was ganz klar fehlt ist ANGESCHISSEN (lacht) und OMA HANS bzw. DACKELBLUT oder alles wo Jens so seine Finger drin hatte, außer ANGESCHISSEN. Das liegt aber daran, daß er, also Jens jetzt, hinter Samplern und so weiter immer so´n merkwürdigen Kommerzgedanken wittert, wo er einfach nicht mitmachen will. Das persönlich sehe ich sehr viel entspannter. Aber na gut, wir mussten uns irgendwie einigen, konnten uns nicht einigen. Deswegen fehlen die, was ich aber total schwachsinnig finde, eigentlich.

Im Beiheft sagst Du, daß Du noch nie was mit diesen Funpunkbands (Brieftauben & Co.) anfangen konntest. Für mich kann ich sagen, daß diese Bands mich aber auf jeden Fall dahin gebracht haben, wo ich heute bin & mir den Weg/Blick geöffnet haben bis in den tiefsten Punkunderground. So über Sampler und so. Und da ging es einigen anderen bestimmt auch so. Kannst Du Dir vorstellen, da0 diese Bands nicht vielleicht doch ein bisschen wichtig waren? So als Einstieg…

Äh, ich hab ja nicht gesagt, daß sie nicht wichtig waren. Ich hab ja nur gesagt, daß ich damit nicht so richtig viel umgehen konnte. Nicht so interessiert war. Textmässig einfach nicht so interessiert war. Genauso wie meinetwegen damals, so Anfang der 80´er, fand ich auch ZITRONEN, zu dem Zeitpunkt, wo sie anfingen zu spielen, nicht so gut. Ich hab einfach nicht drauf gestanden. Auf Saufsachen – und irgendwie so ‚lutig'… Fand ich halt nicht gut. Das war mir zu unpolitisch obwohl sie damals ja schon sehr politische Typen waren. Wir kannten uns ja auch so. Aber die Musik hat mich nicht weiter interessiert. Das kam ja auch erst viel später, daß sie so´n exponiert politischen Ausdruck in den Texten auch hatten…

Ich weiß, Du sprichst darüber nicht gern. Aber was hälst Du vom Projekt „RUBBERSLIME“?

Ja, wie ich anfangs schon sagte. Ich steh dem Projekt sehr kritisch gegenüber. Ich mein, jeder kann natürlich machen, was er will. Bloß jetzt lauthals zu skandieren ‚SLIME ist tot - es lebe RUBBERSLIME' und gleichzeitig ´ne Liveplatte aufzunehmen und die zu verkaufen, wo 80% SLIME-Nummern drauf sind oder über die Hälfte und zum Teil eben auch Stücke von mir - und das mit mir nicht abzusprechen - das find ich irgendwie sehr fraglich.
Zumal ich mit Elf im letzten Jahr auch schon im Studio war und ´ne andere Sache aufgenommen hab und wir haben uns bestens verstanden - also da hätte er mich zumindest mal darüber informieren können. Denk ich mal. Also das war nicht ganz so nett.

Wurdest Du da jetzt nicht auch gefragt, bei dem Projekt vielleicht mitzumachen - Oder waren die Jungs vielleicht der Meinung, Du machst da sowieso nicht mit…

Nee, Elf hatte Angst, daß ich irgendwie ausflippe. Denke ich. (lacht)

Ist das jetzt so´ne selbe Situation, wie damals, als die Liveplatte eingespielt werden sollte…

Ja genau. So ´n bisschen isses so. Naja. Gut. Es ist natürlich nicht so, weil SLIME ja schon lange aufgelöst war. Also das war schon ´ne andere Situation, daß es ja SLIME noch gab zu dem Zeitpunkt und wir wollten dann ´ne neue Band machen und so. Also es ist schon ´n bisschen was anderes. Ich mein, ausschlaggebender Punkt war halt, daß wir, also SLIME jetzt, gefragt wurden, ob wir jetzt 15 Jahre später, also im letzten Sommer, noch mal im Millerntorstadion für die St. Pauli-Rettungsaktion spielen wollen. Und da hab ich gesagt – Nee, das will ich nicht. Wir haben gesagt, wir spielen nicht mehr und das Thema ist jetzt irgendwie auch durch. Warum soll es jetzt noch mal so´n Ding geben? Auch für St. Pauli nicht. Also für niemanden. Christian und Eddie haben das übrigens ähnlich gesehen. Und dann haben Elf und Dirk eben 2 andere angeheuert und waren dann von der Resonanz, die natürlich dann bei dem Konzert wieder da war, das war ja klar, so beflügelt, daß sie meinten, sie müssen die Band jetzt wieder, weiterhin aufrecht erhalten. Wieder auf Tour gehen.

Da es keine SlimeReunion mehr geben wird. Kannst Du Dir aber vielleicht trotzdem vorstellen, daß sich einige Leute SEHR darüber freuen, Elf, Dirk & Co. auf der Bühne, teilweise zum ersten mal, erleben zu können? Mir ging es Anfang des Jahres auch so…

Ja. O.k.. Das ist ja dann auch in Ordnung. Ich sag es ja nur aus meiner Sicht. Ich sag ja jetzt nicht, daß es jetzt scheiße ist für die Leute, die da hingehen. Ich sag nur, daß SLIME irgendwie ´n Projekt von uns war. Unser aller. Und das jetzt so… So wie sie´s machen, finde ich nicht gut. Das ist einfach so.

Aber es ist jetzt auch nicht so, daß Ihr gar nicht mehr miteinander redet…

Nö. Ich bin jetzt nicht, in keinster Weise - DEAD KENNEDYS, die haben sich ja auch irgendwann vor´m Kadi wieder getroffen… (lacht). Das wird´s bei SLIME nicht geben. Also sicherlich nicht. Wir sprechen ja auch miteinander. Wir haben nur eben ´ne andere Meinung. Aber das hatten wir im Übrigen auch schon immer. Und das hat ja zum Teil ja vielleicht auch SLIME ausgemacht. So diese…. - Wir waren ja nicht - eigentlich nicht wirklich dieses ‚Fünf Finger sind eine Faust'. Das war zwar immer unser Lieblingsspruch. Aber es war ja nicht wirklich der Fall. Also wir hatten innerhalb der Band sehr große Auseinandersetzungen über Einiges. Auch textlich…

Was aber auch irgendwie die Vielseitigkeit ausgemacht hat….

Ja, ja, genau. Das denke ich auch. Zum Beispiel auf ‚VIVA LA MUERTE' sind ja einige Nummern, die ich nicht so doll finde. Gelinde gesagt. Die so´n bisschen aber Tribut an Dirk waren. Oder an Elf. Musikalisch und textlich gesehen. Und so hat man sich dann immer irgendwie zusammengerauft. Und was sie jetzt veranstalten ist letztenendes ihr Ding.

mieschka | So., 02. Mai 2004 | Interview

Kurz vor der Deutschland Tour von COSTO RICO hatte ich die Möglichkeit noch ein Interview mit Barcelona's zur Zeit vielversprechendsten Mestizo-Kind zu führen. Zur Zeit sind sie dabei ihr Debut-Album "El Patio" in Deutschland Frankreich und Spanien zu präsentieren.

Wann habt ihr euch gegründet?
Pau: Mehr oder weniger 1999, aber wir haben schon vorher in anderen Gruppen zusammen gespielt.

Was heisst Costo Rico genau, da es ja ein Wortspiel ist?
Pau: Ja, es ist schon ein Wortspiel. Costo hier ist was es ist (Haschisch, anm. der Red.) und Rico ist was es ist (toll, anm. der Red.). Damit ist auch ein bisschen der Party-Anteil der Musik gemeint, weil wir uns ja alle sehr gut verstehen und eine gute Zeit miteinander verbringen.

Eure erste CD heisst "El Patio". Was genau hat das zu bedeuten, da der Innenhof der Häusern ja Patio genannt wird?
Pau: Im Patio treffen sich viele Personen, die sich dort unterhalten. Ein Patio ist ja nicht nur der kleine Innnenhof der Häuser, sondern auch der Hof einer Schule z.B., wo Kommunikation stattfindet. Und wir haben halt überlegt, wie wir uns fühlen und wie wir das auf der CD und im Titel ausdrücken sollen. Da hat der Patio gepasst, denn bei uns geht es in erster Linie ja auch immer um Kommunikation in der Band.

Einige Mitglieder von Costo Rico spielen auch in anderen Bands oder haben in anderen Bands gespielt. Denkst du, dass es normal ist für Barcelonische Bands, oder vielleicht sogar wichtig, in vielen verschiedenen Bands zu spielen?
Pau: Die Mischung ist gut. Es ist ein Weitergeben von Informationen. Du teilst halt alles was du weisst mit verschiedenen Leuten und guckst ein bisschen hier und da was es so gibt. Ich glaube der Einfluss der vielen Bands ist sehr gut.

Denkst Du, dass es auch wichtig ist für die Qualität der Musik, die Kreativität und um zu lernen?
Pau: Natürlich, um zu lernen auf jeden Fall. Das Problem ist, wenn du immer mit den selben Leuten spielst, hörst Du irgendwann auf, weiter zu gehen. Wenn du mehr Musiker und mehr Leute kennst hast du auch mehr Ideen.

Ihr wart ja auch schon auf Festivals in Bosnien, Panama und Barcelona. Wie war diese Erfahrung für euch, als so junge Band schon auf solch grossen Festivals zu spielen?
Pau: Die Erfahrung war sehr positiv. Es ist immer schön zu reisen und zu spielen. Es ist interessant, andere Kulturen kennen zu lernen und es unterstützt dich und öffnet deinen Geist unheimlich. In Panama haben wir mit super vielen Musikern gespielt und unglaublich viel Leute kennen gelernt. Stell dir das mal vor, das war schon toll.

Ihr seid 10 Leute in der Band. Ist es da nicht manchmal schwer, Entscheidungen zu treffen?
Pau: Ja, das ist schon sehr schwer. Mit einem Band-Leader wäre es natürlich am einfachsten, aber wir versuchen immer mehr oder weniger, dass alle einer Meinung sind. Dann diskutieren wir halt darüber.

Sehr bald kommt ihr auf Tour in Deutschland, was zum ersten Mal eine längere Tour für euch ist, und das erste Mal in Deutschland. Ihr werdet dort auch mit Sergent Garcia spielen. Seid ihr nervös?
Pau: Ein bisschen. Wir gehen ja eine Woche auf Tour, was wir bis jetzt noch nie gemacht haben, und wir haben grosse Lust in Deutschland und im restlichen Europa zu spielen. Wir sind schon ein bisschen nervös, wie es laufen wird, ob Leute kommen und wie es ihnen gefällt. Freunde von uns waren ja auch schon in Deutschland und haben uns viel erzählt. Golem System z.B. Da sind wir schon gespannt, wie es wird.

Danke, das war es schon. Viel Spass bei der Tour.

Anne | Fr., 02. Apr 2004 | Interview

Neville Staples steht nun schon seit mehr als 25 Jahren auf der Bühne, seitdem er seine Karriere mit den legendären "The Specials" begann. Jetzt kommt er mit seinem neuen Soloalbum "The Rude Boy Returns" an den Start. Damit tourt er durch Europa und spielt auf Festivals wie dem Dr. Martens Festival in Lleida, außerhalb Barcelonas.

Du bist nun schon seit mehr als 25 Jahren am Touren, du scheinst nicht müde davon zu werden.
.. oder älter...Ja, ich mache das seit über 25 Jahren. Als sich die "The Specials" auflösten, habe ich bei "The Fun Boy 3" gespielt. Danach stand ich für vielleicht 8 Monate mal nicht auf der Bühne. Also in all der vergangenen Zeit war ich gerade mal für 8 Monate nicht in einer Band oder auf Tour.

Es scheint, als ob du nicht aufhören kannst zu spielen?
Nein, kann ich nicht. Ich habe dem Management gesagt, dass ich immer auf Tour sein will. Wenn ich mal zu Hause bin, schlafe ich immer auf dem Sofa, weil ich einfach so daran gewöhnt bin. Ich kann in keinem Bett mehr schlafen.

Was, außer der Musik, machst du denn sonst so?
Ich habe eine Klamottenmarke namens "Rude Wear", ein Recordlabel namens "Rude Boy Music" und einen Verlag namens "Rude Boy Publishing". Dafür habe ich auch schon Bands gesigned, junge Bands, zwei 18- jährige z.B., die Light-Punk spielen .

Was für Unterschiede gibt es für dich zwischen dem Spielen bei "The Specials" und jetzt mit deiner eigenen Band?
Es ist ein anderes Gefühl alleine zu spielen. Mit "The Specials" war es mehr wie in einer Familie. Als Solist ist es, als wäre einer der Brüder seinen eigenen Weg gegangen, wo er sonst normalerweise mit seinen anderen Brüder gespielt hat. Das ist ein wenig anstrengend aber ich genieße es trotzdem.

Zurück zu den "The Specials" Zeiten, wie war es mit Größen wie "The Clash" zu spielen?
Das war fantastisch! Ich habe "The Clash" ständig im Fernsehen gesehen und dann bekommt man plötzlich die Chance mit ihnen zu spielen und auf einer Bühne zu stehen. Das war wirklich toll. Es hat Spaß gemacht sie zu sehen, denn sie hatten eine gute Show und sie waren live sehr gut.

Deine nächste Platte wird "The Rude Boy Returns" heißen. Wann wird sie erscheinen?
Das weiß ich selbst nicht so genau, aber sie wird ein paar Bonustracks haben, soviel kann ich sagen. Wie auch immer, sie ist bereit zur Veröffentlichung und eine DVD kommt auch.

Die Live DVD, die beim Ben Sherman 40th Birthday Bash aufgenommen wurde?
Ja. Ich denke wir veröffentlichen sie zur gleichen Zeit. Ben Sherman haben auch ein neues Buch am Start, ich denke wir bringen das zusammen raus. Wenn die ihr Buch fertig haben, werden wir zusammen veröffentlichen, denn sie helfen mir bei der Promo und so.

Letztes Jahr warst du beim Ska Summit in Las Vegas. Wie war es denn über 10.000 Ska-Fans an einem Ort zu treffen?
Das war genial, ich glaub die haben das zum ersten oder zweiten Mal probiert. Es war toll, alle waren in schwarz und weiß gekleidet. Mütter und Väter...

Wie siehst du die heutige Ska-Szene im Vergleich zu früher?
Es ist immer noch Underground. Die Amerikanische Szene ist größer und vollkommen anders als hier in Europa. In England gibt es viel Ska in der Werbung, im Fernsehen, allerdings auch viele neue Musik, wie Bashment.

Wie war das Leben in Amerika und inwiefern hat es deine Musik beeinflußt?
Amerika, weil es Leben in der Sonne ist. Ich habe in Long Beach gewohnt, was es viel einfacher macht, zu arbeiten. Ich habe dort kontinuierlich gearbeitet. Zurück in Europa ist es nicht so leicht.
Da hat man einen anderen Vibe. In den Staaten konnte ich Songs sehr schnell schreiben, hier geht das nicht. Seitdem ich wieder zurück in Europa bin, habe ich noch keinen einzigen Song geschrieben. Die meisten meiner Lieder sind in Amerika entstanden

Und warum Amerika und nicht eine Insel, wie z.B. Jamaika?
Ich wollte arbeiten und touren. Das geht in Jamaika leider nicht. Außerdem weiß ich, das die Leute in Amerika Ska mögen und ihn auch hören.

Mögen die mehr den alten Ska oder Pop?
Sie kennen beides. Es gibt Leute, die stehen auf den alten, den originalen Ska. Ich traf die alten Jungs auf Tour, "The Skatalites" und so weiter. Und dann gibt es halt Leute, die auf Pop stehen.

Wie sieht deine Tour aus, in welche Länder wirst du kommen?
Ich würde gerne nach Deutschland kommen, aber ich habe leider kein Management dort. Ich spiele ein paar Festivals in Spanien und England. Und ich warte auf die Veröffentlichung von Ben Sherman, denn meistens tourt man erst, wenn das Album draußen ist, denn die Veranstalter fragen immer nur: "Hast du ein Album draussen?".

Was sagen eigentlich die Leute in England zu deiner Musik ?
Gut, wunderbar! Ja! Ich hatte schon ein bisschen Bammel vor den Leuten in England,. aber sie mögen es wirklich!

Okay, das war‘s. Danke vielmals.

Anne | Do., 01. Apr 2004 | Interview

Eigentlich wollte ich ja nur eine Review über die neue CD „Wateke!“ von den Discípuilos de Otilia schreiben. Als mich dann aber die Plattenfirma fragte, ob ich nicht auch gleich noch ein Interview machen wolle, habe ich natürlich zugesagt. Also begab ich mich einen Tag bevor die Jungs auf dem „Dr. Martens Ska-Festival“ in Lleida bei Barcelona spielen sollten in das Büro des Management, was Xabi, der selbst in der Band spielt, leitet.

Ihr spielt ja nun schon seit 10 Jahren. Denkt ihr, dass eure Musik jetzt reifer geworden ist und vielleicht auch besser?
Fransisco: Ja, die Band existiert jetzt schon seit 10 Jahren. In der ganzen Zeit haben wir immer Ska, Punk und Reggae gemacht, fröhliche Musik halt. Und auf dieser CD befinden sich halt die 10 Jahre, die wir hinter uns haben. „Wateke!“ heisst noch dazu Party. Ausserdem haben wir viele Musikstile vermischt auf der CD.

Xabi: Ich glaube „Wateke!“ ist sehr viel reifer. Wir haben die CD in unserem Aufnahmestudio aufgenommen, was das Ganze sehr viel einfacher gemacht hat. Dadurch konnten wir einfach etwas aufnehmen und sehen, ob es uns gefällt. Und wenn es uns nicht gefallen hat, haben wir es durch etwas anderes ersetzt.

„Wateke!“ heisst also Party. Woher kommt dieses Wort? Für mich erscheint es fast ein bisschen Afrikanisch.
Xabi: Haha, wir sind auch ein wenig Afrikaner...

Fransisco: Ursprünglich kommt das Wort aus den 70er Jahren, von unseren Eltern. Die haben damals Musik aufgelegt von Nino Bravo, falls du den kennst. Also „Wateke“-Musik.

Xabi: Das war damals sehr merkwürdige Musik. Und weil es nichts wichtiges zu besingen gab, wurde halt bloss gesungen: „Mit geht\'s so gut, wie schön ist doch das Leben...“. Das war dann „Wateke“.

Ihr habt auf der neuen Scheibe viele Kollaborationen mit vielen bekannten Musikern, wie z.B. Neville Staples von den Specials . Wie kam es dazu, kanntet ihr einige davon schon vorher?
Xabi: Die Band und unser zweiter Sänger Jofre wollten, dass wir mit vielen Bands kollaborieren. Für Neville Staples z.B. organisieren wir die Tour in Spanien und haben deshalb auch eine sehr gute Verbindung zu ihm. Und die Musiker, die wir eingeladen haben, waren alle sehr erfreut, dass wir sie gefragt haben. Alles lief ziemlich relaxt ab. Wir haben uns halt an einem Tag getroffen, zusammen gegessen, gesprochen, getrunken und geraucht, und danach sind wir wieder nach Hause gegangen.

Fransisco: Auf dieser CD gibt es auch einen Song auf Katalonisch, der von dem Sänger der katalonischen Band „Brams“ gesungen wird. Das ist der erste Song, den Discípulos de Otilia in Katalan veröffentlichen, das ist ziemlich cool.

Wie kam es dazu, dass auch Yacine von Cheb Balowski auf eurer CD zu hören ist? Die Musik von Cheb Balowski und den Discípulos ist doch sehr verschieden.
Xabi: Zuerst einmal kam Yacine immer auf unsere Konzerte. Zweitens geht es bei dem Song um die Immigration und die Schwierigkeiten, die Immigration hier in Spanien zu regeln. Abgesehen davon haben wir auch eine gute Verbindung zu ihm, wie auch zu Costo Rico . Er ist schon ein toller Mensch, sehr sensibel für gewisse Sachen.

Er hat ja auch schon viel mit anderen Bands gemacht.
Xabi: Ja, mit Costo Rico hat er auch etwas gemacht. Yacine ist ein wirklich toller Typ. Sehr offen, sehr ruhig und ihm gefällt es, mit den Leuten, die er kennt, etwas zusammen zu machen.

Ihr ward ja auch Support-Group für Neville Staples bei den MTV Europe Awards in Edinburgh. Wie lief das ab?
Fransisco: Es gibt sogar einen Song, der „Loosing Papers in Edinburgh“ heisst. Den haben wir dort gespielt, weil er auch in Englisch ist, damit die Leute ihn verstehen. Es war eine sehr coole Erfahrung.

Xabi: Es war schon ein bisschen merkwürdig. Wir sind halt ins Flugzeug gestiegen, dann in den Zug, haben gespielt, dann geschlafen, dann wieder in den Zug und ins Flugzeug und das war‘s. Wir sind eine kleine Band, die aus Freunden besteht. Wir spielen seit 10 Jahren und haben nicht viel Glamour. Deswegen war der Auftritt schon sehr lustig, weil alle super glamourös dort waren und wir waren auch dort und haben uns dann einfach betrunken.

Ihr singt ja viele Lieder auf Englisch. Denkt ihr, dass es besser ist, um mehr Leute mit eurer Musik zu erreichen?
Xabi: Wir planen das nicht wirklich. Wenn wir einen Text in Englisch schreiben, dann, weil er sich so besser anhört.

Fransisco: Ja, es hängt wenn dann schon mit dem Klang des Liedes zusammen und nicht damit, wer die CD hören wird etc. Aber es klingt halt besser auf Englisch, jeder sagt uns das. Aber wir haben ja auch ein Lied auf Katalonisch, was sich gut an hört, oder wenn mal was auf Französisch kommen sollte, kein Problem.

Xabi: Unser Ziel ist ja nicht mehr CD\'s zu verkaufen. Unser Ziel ist Spass zu haben.

Abgesehen von den englischen Liedern habt ihr auch eine Affinität zum Fussball. Zum Beispiel das Lied „The Satelites“, über eine Frauen-Fussball-Mannschaft. Was für eine Verbindung habt ihr zu der Mannschaft?
Xabi: „The Satelites“ ist eine Frauen-Fussball-Mannschaft von hier, die Freunde von uns sind.

Fransisco: Unser Gitarrist ist noch dazu der Coach der Mannschaft und seine Frau spielt ebenfalls dort mit. Also von daher...

Xabi: Ja, wir sind die Supporter von „The Satelites“.

Okey, danke vielmals für das Interview.

Xabi: Sehr schön, danke dir.

Anne | Mi., 31. Mär 2004 | Interview

Dieser Tage erschien mit „Smack Smash“ nach langer Zeit des Wartens wieder mal eine neue Platte der BEATSTEAKS. Spätestens seit dem letzten Output der Berliner namens „Living Targets“ auf dem Punkrock-Major EPITAPH, ist die von der Besten Band der Welt als „Beste Liveband überhaupt“ betitelte Band auch über die Grenzen Deutschlands und noch weit dahinter in aller Munde. Kein Wunder. Denn die BEATSTEAKS leben ihre Musik. Und dabei treffen sie auch noch mit ihrem einzigartigen Sound einen Nerv, den nur wenige Bands zu finden vermögen. Das gepaart mit der unglaublichen Energie, die sie live freisetzen, rechtfertigt schon allein die Tatsache, daß sie dort stehen, wo sie sich gerade befinden. Nämlich ganz oben. Die Beatsteaks haben ihren ganz eigenen Stil, den man entweder mag oder nicht. Ein Dazwischen gibt es nicht. Und ob man jetzt zum einen oder anderen Teil gehört, interessiert die sympathischen Jungs nicht. Sie machen einfach das, was ihnen gefällt. Und wenn es dann kommt, dann auch noch richtig gut. Eben wie die neue Platte.

Das tun sie, wie gesagt, zwar alles in erster Linie für sich. Jedoch vergessen sie nie dabei ihre 3 großen F´s. Familie, Freunde und Fans. Für die sie sie zum Beispiel auch mal ein etwas größeres Wohnzimmerkonzert (incl. einer eigens dafür eingespielten CD) geben. Andererseits bekommen sie von ihnen auch alles zurück. Sei es in Form von Jubelgesängen, auf- und abspringen oder die Atmosphäre, um ein richtig gutes Album einzuspielen. Es ist also ein ständiges Geben und Nehmen. Und das zu sehen, macht Spaß bei dieser Band.

Diesmal war wieder nehmen angesagt. Nämlich Zeit. Für BEATSTEAKS-Verhältnisse relativ früh, so sagte mir die WEA-Angestellte in Berlin, trafen wir uns in einem Gebäude selbiger Firma in Berlin bei Kaffee und Zigaretten und sprachen ein wenig über das neue Meisterwerk. Anwesend waren: Torsten (Bass) und Thomas (Schlagzeug), weil der Rest der Band schon wieder im Studio an irgendwelchen Sachen arbeitete. Fast schon entschuldigend fragten sie mich, ob es denn o.k. wäre, daß die anderen nicht da wären. Klar doch. Kein Problem. Und im Verlauf des Gespräches stellte sich sowieso heraus, daß das EINE Band ist, wo jeder für den anderen sprechen kann. Was dann in etwa knapp 20 Minuten ganz locker besprochen wurde, könnt Ihr nun im Folgenden nachlesen. Bleibt nur noch zu sagen, daß Ihr sie Euch unbedingt mal live antun solltet, wenn Ihr das nicht eh schon getan habt & daß, wenn Ihr gerade genügend Geld habt, Euch die neue Platte „Smack Smash“ ruhig zulegen solltet. Denn das ist mit Sicherheit keine Fehlinvestition.

Morgen! Ihr seid ja momentan gerade in der Mitte Eures Interviewmarathons zur Veröffentlichung der neuen Platte. Wenn man eine Platte aufgenommen hat, will man ja für Gewöhnlich, eine ganze Menge loswerden. Erzählt doch daher mal frei von der Leber weg, was Euch gerade zu „Smack Smash“, zu den Beatsteaks, der Welt, usw. einfällt…
Torsten: „Smack Smash, Beatsteaks, die Welt…“. Hehe, die Welt, Hamburg, gestern, ganz Schrecklich. Die CDU plus 20 Prozent, ey. Wie dumm können Menschen sein?
Zur Platte fällt mir eigentlich bloß gerade ein, daß die ganze Arbeit, die wir jetzt hier so im Nachhinein machen, zu der Platte, daß das Interesse, was so auf einmal auf uns zukommt, total cool ist. Weil wir halt, glaube ich, momentan alle ganz schön stolz sind, was da jetzt ab heute im Plattenladen steht. Keine Ahnung, selbst nach 1000mal Hören - außer, daß Thomas immer an allen Sachen rummeckert lacht - finde ich, daß das echt total geil geworden ist und jetzt hören es vielleicht, hoffentlich auch mal mehr Leute als sonst. Und das die Rechnung, die wir mit Moses Schneider, dem Produzenten, angefangen haben, daß die voll aufgegangen ist. Nämlich, live aufzunehmen. In mehreren Studios in Berlin. Verschiedene Stimmungen einzufangen, die dann zusammenzupacken und dann halt jedem Lied ´ne bestimmte Stimmung zuzuordnen. Hat voll geklappt. Also irgendwie, ich hab bis jetzt echt, so blöd wie´s klingt, noch keine schlechte Plattenkritik gelesen. Und noch kein abwertendes „Wat is´n dit für´n Scheiß…“. Wär ja mal lustig, wenn es kommt. Aber kommt halt nicht oder bis jetzt ist es noch nicht da. Das macht halt voll Mut.

War es denn besser, die Sachen live einzuspielen?
Thomas: Ja, es war super. Weil es war genauso, wie im Proberaum eigentlich. Also so wie wir immer proben, so haben wir die Platte aufgenommen. Da waren keine großen Umstellungen mit - jetzt mal nacheinander erst Schlagzeug und dann Bass, dann Gitarre… Sondern alle haben zusammen gespielt und man konnte gleich in den Regieraum gehen und abhören und sehen - war´s gut oder nicht - und wenn's nicht gut war, konnte man es gleich noch mal machen. Es war ziemlich viel Platz für Spontanes und es kommt näher an das ran, was wir live machen. Also näher al bei den Platten davor.

Aber Overdubs gab´s schon…
Thomas: Wenige ausgesuchte. Ich glaub bei „Everything“ gabs einen. Also kannst Du Dir echt an einer Hand abzählen. Gesang wurde natürlich nachträglich gemacht. Also erst wurde gespielt und dann gesungen.

Wo liegen Eurer Meinung nach die Unterschiede zur „Living Targets“?
Thomas: Ähh, „Living Targets“ war eigentlich, ziemlich so aus einem Guss, fand ich. Also so von der Richtung her. Und jetzt gehen wir so´n bisschen in verschiedene Richtungen mit den verschiedenen Stücken. Also jedes Stück hat ´ne eigene Stimmung so wie die „Living Targets“ im Gesamten vielleicht ´ne eigene Stimmung hatte.

Arnim, hat in einem Interview gesagt, daß die neue Platte so was wie ein Neustart, eine Zäsur, für Euch wäre. Seht Ihr das auch so?
Thomas: Find ich auch, weil zum Beispiel als wir die „Living Targets“ aufgenommen hatten, da kam gerade Torsten in die Band. Und das Bandgefüge war jetzt nicht so stabil wie es jetzt war. Und ich glaube das erste Mal war so der Input von allen 5 Leuten gleich. Also jeder hat sich in die Platte eingebracht. Und deswegen können wir jetzt wahrscheinlich mehr sagen, daß es so unser aller Ding ist. Bei den Platten davor war das Songwriting eben auf weniger Leute verteilt. Und eben auch wieder dieses ‚live' spielen. Wir spielen zusammen. Das machte einen - also mich macht es viel stolzer jetzt als bei den Platten davor. Obwohl ich die anderen natürlich auch gut finde.

Torsten: Wir haben auch festgestellt, daß wir wirklich in vielerlei Hinsicht ´ne Berliner Band sind. Nämlich- wir müssen, glaube ich, in Berlin aufnehmen. Oder müssen wirklich den Hauptarbeitsteil, nämlich auch vor der Platte, nämlich im Proberaum Songs arrangieren, was wir viel mit Moses gemacht haben - Das muss in Berlin passieren. Und die Platte muss in Berlin aufgenommen werden. Wir müssen danach mit Freunden, die nicht zur Band gehören, oder mit der Freundin ein Bier trinken gehen oder, Sonntagvormittag, noch bevor man ins Studio geht kurz mit anderen Leuten… - Also es ist ganz wichtig, glaube ich bei uns, daß man in der Stadt bleibt. Und wenn möglich auch - ja, daß man auch nachts den Produzenten anrufen und sagen kann: „Ey Moses, lass mal kurz vorbeikommen, ich hab da ´ne Idee…“ oder so. Das ist, glaube ich wichtig für uns. Also nicht so die Nummer „nach Spanien fliegen“ oder sonst wohin. Ich weiß es nicht. Kann vielleicht auch cool sein. Aber gerade Berlin ist für uns so - Unbedingt hier ´ne Platte aufnehmen und unbedingt auch hier mixen…

Habt Ihr die „Living Targets“ in Spanien aufgenommen?!
Torsten: Nee, Spanien ist mir gerade nur so eingefallen…

Thomas: Bei der „Living Targets“ war es so, daß wir da nach Köln gefahren sind. Wir haben da halt 2 Monate in Köln rumgehangen. Dann mussten wieder welche zurück zum Arbeiten nach Berlin. Dann war zum Teil nur Arnim in Köln und man ist nicht so direkt dran und man wird so aus seinen normalen Lebensumständen herausgerissen. Und ich glaub, gerade wenn man entspannt irgendwas machen will, dann ist es in unserem Fall gut, eben da zu bleiben, wo man wohnt.

„Hey Joe“ ist ein persönliches Lied. Wie sehr wichtig war denn JOE STRUMMER für Euch persönlich und für die BEATSTEAKS?
Torsten: Also im Allgemeinen ist die Frage recht einfach zu beantworten. Also Joe Strummer ist Sänger und Gitarrist einer der für viele wichtigsten, ich sag jetzt extra mal NICHT Punkrockband, Band. Also THE CLASH sind, sage ich mal neben 4,5 anderen, die mir jetzt einfallen, keine Ahnung, KRAFTWERK, BEATLES, … total wichtig. Und so war es eben für alle mehr oder minder schon immer. Es gab halt Leute, die fanden Joe Strummer schon immer besser, kannten den besser, weil sie eben mehr Bücher gelesen haben, wie Arnim zum Beispiel (lacht)… Aber irgendwann hat man eben mitbekommen, daß THE CLASH so ´n gemeinsamer Nenner von allen fünfen ist. Also jeder von uns hat Platten zu Hause. Fast jeder (lacht). Jeder von uns hat ein bestimmtes Lieblingslied von so´ner Band. Und kann das auch begründen und kann sagen - Ja das ist halt - die Band war einfach stumpf für alle ´ne Lieblingsband. Schon immer.
Und als dieser Typ gestorben ist, was ja wahrscheinlich auch unsere Schuld war, weil wir bei diesem Wohnzimmerkonzert vorletztes Jahr ´n Song gecovert haben, den THE CLASH damals auch oft gespielt haben - und 3 COLORS RED, die wir eingeladen haben, auch noch ´n Song von denen gespielt haben… Und danach hat er eben den Löffel abgegeben. Und deswegen fühlen wir uns auch ein bisschen mitschuldig. Und daher dachten wir uns, die Scharte müssen wir wieder auswetzen… lacht

Soweit ich mich erinnern kann, habt Ihr vor der „Living Targets“ das Album schon mal komplett eingespielt, es EPITAPH vorgelegt, es dann aber doch verworfen & noch mal neu angefangen…
Torsten: Nicht ganz. Wir haben selber, nachdem die Sachen in Köln fertig waren, uns abends um elf auf der Tankstelle Stralauer Strasse getroffen, Peter noch komplett in Orange, weil er noch bei der BSR zu dem Zeitpunkt gearbeitet hat, und standen an so nem Kieshaufen und zwei Leute sagten, …drei oder 4 Leute, außer ich sagten: „Irgendwas ist da nicht in Ordnung, wie sollten noch mal, wir müssten noch mal…“. Und dann hab ich's mir zu Hause noch mal angehört und hab´s dann auch so gesehen (lacht). Und daraufhin sind wir halt noch mal in Berlin in´s Studio, weil da dann eben die Möglichkeit bestand, mit Billy Gold noch mal ´n paar Songs aufzunehmen. Also vorher noch mal in den Proberaum, noch mal ´n paar Songs zusammengeschustert, also vernünftig natürlich…

Thomas: Aber so richtig zusammengeschustert….

Torsten: Aber so richtig… Und dann halt noch mal mit Billy Gold eben in Berlin aufgenommen. Und da gings dann eben so richtig Bam, Bam, Bam…

Auch hat es wieder ewig lange gedauert, daß SMACK SMASH erscheint. Gab es wieder Probleme? Seid Ihr so was wie Perfektionisten, wenn es darum geht, eine Platte aufzunehmen?
Thomas: Nee, wir sind einfach nur faul. Wir brauchen echt lange, um Stücke zu schreiben. Und wir sind keine Band, die jetzt so auf Tour nebenher noch im Bus ´n Stück schreiben kann. Da sind wir schließlich zum feiern (lacht). Und deswegen haben wir uns viel Zeit genommen, um Stücke zu schreiben und zu proben vor allem. Weil es eben wichtig war, daß wir die gut spielen können, wenn wir schon live aufnehmen wollen. Deswegen war eigentlich auch die Probenphase die Längere. Die eigentliche Produktion fand bei den Proben statt. Indem man abgecheckt hat, wer was spielt, wie und so. Das Aufnehmen ging dann ziemlich schnell. Das waren 3 Wochen. Aber bei uns dauert´s eben immer ein bisschen länger. Faulheit.

Torsten: Das Problem ist, glaube ich, daß bei uns - so ist es ja lacht wenn einer von fünfen sagt: „Oh damit bin ich jetzt irgendwie nicht fein…“, und alle anderen finden´s total geil, dann gibt´s halt ´n Problem. Also da hat nicht der eine ein Problem. Da gibt´s dann eben ein Problem mit dem Lied. Weil da muss man dann eben wirklich so lange daran rumeiern und rummachen, bis alle 5 sagen: „Oh cool!“. Und wenn dann alle fünf mit so ´nem breiten Grinsen da stehen, nachdem wir den Song gespielt haben und sagen: „Oh wie geil ist das denn?“, dann kommt der halt zu den Songs, die vielleicht aufgenommen werden.

Deshalb sind auf der neuen Platte auch 12 Songs und nicht 13…
Torsten: Ähm ja. Also es waren im Studio, hatten wir sogar 16. Oder wir sind ins Studio gegangen mit 16 Ideen, wa?...

Thomas: Dann wurden´s irgendwann mal 13… Und dann hatten wir wirklich, hat der eine ganz kurz davor, kurz bevor wir sagten „Go!“, gesagt: „Äh nee, da hab ich echt noch ´n Problem mit“ und da war irgendwie klar, das Stück, da gehen wir noch mal ran. Das wird dann vielleicht was für die nächste Platte

Ich brauche immer ziemlich lange, bis ich mich in eine Platte von Euch rein gehört habe. Wenn dann der Funken aber übergesprungen ist, gibt es kein Halten mehr. Woher nehmt Ihr Eure Inspirationen. Woher die Vielfalt?
Thomas: Ich glaub die Vielfalt ist deswegen da, weil wir wirklich 5 Leute mit unterschiedlichen Musikgeschmäckern sind. Sich aber jeder einbringt. Deswegen kriegt man da halt so ´ne Bandbreite. Mit dem, daß man da so ´ne Weile braucht, das sagen uns echt viele Leute. Aber mir ist das irgendwie dann lieber, als so´ne Platte in die man sich beim ersten Ton verliebt, die aber nach zwei Wochen dann irgendwie so schon durch ist…

Torsten: So das „WEEZER-Syndrom“ zum Beispiel…. lacht

O.k., dann muss ich mal kurz vorgreifen - In diesem angesprochenen Interview - Dort wird einerseits gesagt, daß Ihr echte Familienmenschen seid, mit identischem und intakten Freundeskreis - Ein paar Zeilen später heißt es aber, daß das, was den Motor BEATSTEAKS am Laufen hält, die unterschiedlichen Charaktere und unterschiedlich großen Egos sind. Wie passt das zusammen?
Thomas: Na, auch wenn Du ´n großes Ego hast, brauchst Du trotzdem ´ne Familie…(lacht). Deswegen. Also, bei 5 Leuten sind das schon Kämpfe. Jeder muss von seinem Ego irgendwie was abgeben. Aber das ist irgendwie cool. Deswegen ist man wahrscheinlich auch Familienfähig… - Boah, das klingt irgendwie wie so´n CDU-Spot, oder?... lacht - Iiiiigittt

Hehe, was habt Ihr denn anfangs, als Ihr Euch gegründet habt, im Proberaum nachgespielt, was waren Eure Einflüsse - „so was wollen wir auch machen“ - und was spielt Ihr heute so nach?
Thomas: Onkelz, Toy Dolls… beide lachen

Torsten: Wie beide haben. Also als die BEATSTEAKS angefangen haben, haben sie, glaube ich, ganz viel TOTE HOSEN, ÄRZTE und GREEN DAY nachgespielt. Das weiß ich aber nicht, weil ich war damals noch nicht mit dabei. Ich hab mit meiner Band THERAPY? nachgespielt, Deutschpunk, Proll-Oi…

Bei einem Konzert in der Wuhlheide mit den Ärzten habt Ihr „Territorial Pissings“ von NIRVANA nachgespielt. War das auch ein großer Einfluss für Euch? Und wenn ja - was denkt Ihr so, daß das schon wieder fast 10 Jahre her ist, daß sich Kurt Cobain erschoss?
Torsten: Für die jüngeren von uns, Arnim und mich, war es glaube ich so, daß NIRVANA halt mit zu den wichtigeren Bands zählten. Also, ich hab damals - ich hör noch nicht sooo lange Rockmusik, das war Anfang der 90´er, Ende 80´er - waren das halt so Bands wie NIRVANA, GREEN DAY über die ich dann zur Rockmusik oder zu Bands wie THE CLASH oder was weiß ich gekommen bin.
Ich find die Platte (meint wahrscheinlich die NEVERMIND - Anm. d. t T.) ist eine der größten Punkrockplatten, finde ich. Der Rest von NIRVANA ist mir eigentlich scheißegal. Und ob der sich den Kopf weggepustet hat oder so, interessiert mich nicht. Die Platten sind großartig… Und der Trommler ist, glaube ich, auch ganz cool lacht…. Ansonsten ging mir das immer voll gegen den Strich. Also diese Welle, dieser Hype. Das war mir egal. Ich habe die anderen Bands aus dieser Zeit auch nicht so doll gemocht. Ich find die Platte cool, weil sie für mich Punkrock war. Aber eben nur…. Es war halt ´ne geile Platte. Alles andere fand ich unwichtig. Thomas, was sagst Du?

Thomas: Ähhh - das war voll wie Du es gesagt hast, wa? lacht

Ach ja. Und Ihr habt auch „Bravopunks“ von der 5,6,7,8 - Bullenstaat gespielt. Von den ÄRZTEN, mit denen Ihr auf Tour wart. Welchen Stellenwert besitzen sie und beispielsweise auch die HOSEN heutzutage für Euch.
Torsten: Äh, wir mussten den spielen, weil Rod hat die Ansage gemacht. Wir haben die Platte umsonst bekommen von Bela. Aber Rod meinte: „Aber schön die Platte anhören“. Und dann mussten wir uns die halt anhören, weil sonst hätten wir´s natürlich nicht gemacht… lacht…..
Nee, also ich hab im Kinderferienlager, also ich bin Ostler, so wie es damals war, also ÄRZTE, ONKELZ, TOTEN HOSEN - auch wenn´s keiner hören will - gehört. Irgendwie wollte die jeder hören und man konnte sie halt nicht hören, außer man hat Westverwandte gehabt. Dann hat man halt 10 Mark für ´ne Kassette bezahlt, wo dann ÄRZTE und TOTEN HOSEN Songs drauf waren. Wobei ich aber ziemlich schnell gemerkt habe, daß das die beiden Bands einzigen waren, die man sich anhören konnte und die ONKELZ halt nicht…. Und im Kinderferienlager hat man natürlich mit seiner ersten Kinderferienlagerfreundin zu „Zu spät“ getanzt. Und bei „Hier kommt Alex“ dann wurde dann feinster Kriegspogo aufs Parkett gelegt lacht und das hat sich, glaube ich, rübergerettet, über die letzten 20 Jahre.
Als ich die dann live gesehen habe, früher konnte ich das natürlich nicht, war ich schon beeindruckt. Bei beiden Bands. Beide auf ihre Art. Da hab ich so gedacht: „Wow, cool, daß es in Deutschland so was gibt, wie diese beiden Bands…“.

Für manche gibt es ja nur die einen oder die anderen. Mal so´ne „Vs. - Frage“ - ÄRZTE oder HOSEN?

Torsten: Westernhagen, hehe.

Thomas: ÄRZTE !!!

Torsten: ÄRZTE!?

Thomas: ÄRZTE !!!

Torsten: Also bei den neueren Sachen find ich die ÄRZTE besser. Bei den alten Sachen find ich die HOSEN besser.

Inwieweit seht Ihr das, was Ihr macht als Punk(rock). Gab es von außen auch schon mal Kommerzvorwürfe oder Ähnliches?
Thomas: Also, eigentlich nicht so richtig. So richtige Vorwürfe haben wir nicht bekommen. Auch nicht, wo wir jetzt ´n neues Label haben oder so. Es hat sich eigentlich niemand großartig aufgeregt.

Torsten: Unsere Internetseite ist halt nicht so cool… beide lachen

Thomas: Bei Konzerten gibt es schon ab und zu Punkrockdiskussionen. Aber eigentlich schlagen wir uns da immer ganz wacker.

Wie kam es zu dem Deal, daß sich WEA in Deutschland um Promo und Vertrieb der neuen Platte kümmert. Und warum?
Thomas: Äh, WEA hatte Interesse an uns und wir hatten Interesse, bei denen ´ne Platte zu machen. Und dann haben sich WEA und EPITAPH einfach zusammengesetzt und haben das irgendwie ausgeklügelt, wie man das am geschicktesten machen kann. Das lief dann darauf hinaus, daß die WEA in Deutschland die Platte herausbringt und EPITAPH sich weiter darum kümmert, daß die in Europa, Amerika und sonst wo rauskommt.

Und wie sieht´s aus? Funktioniert es?
Thomas: Bis jetzt funktioniert es sehr gut. Für uns ist es auch einfacher mit ´ner deutschen Plattenfirma, die in Hamburg sitzt & die schnell mal nach Berlin fahren kann zu arbeiten, als jetzt mit ´ner Plattenfirma in Amsterdam. Dann gibt´s Sprachschwierigkeiten…. Von daher sind wir jetzt ganz froh, daß es jetzt ein bisschen näher an uns dran ist, daß die Wege kürzer sind. Wobei ich aber auch finde, daß EPITAPH echt cool gearbeitet haben.

Torsten: Also wir haben mit EPITAPH bestimmt Glück gehabt und wir haben auch jetzt relativ Glück, glaube ich, mit den Leuten, die mit uns zusammenarbeiten. Also, man hat es gemerkt. Die ersten Tage, wo wir im Studio waren und die sich die Sachen angehört haben - da kam nicht so ein: „Hmh, was macht denn Ihr?!?“. Und die Platte klingt halt schon, finde ich, nicht so, wie man es jetzt vielleicht von ´ner Band erwarten würde, daß die jetzt bei nem Major ist. Also das ist jetzt nicht die absolute Popplatte, die total ausgebügelt ist. Also die waren schon immer fein mit diesem ‚live' einspielen und fanden das cool. Und von daher war das eigentlich im Endeffekt voll ´ne richtige Entscheidung mit denen.

Oh, da habe ich ja noch ´ne Frage zur Platte vergessen. Wieso habt Ihr das Album in 4 unterschiedlichen Studios aufgenommen?
Thomas: Wir wollten ´ne ganz kleines Studio dabei haben mit ´nem relativ trockenen Sound. Und wir wollten aber auch so den großen Saal haben mit ´nem langen Hall. Und da sind wir so auf drei Studios gekommen, in die wir gehen wollten. Das war einmal das ‚Mama Sweet Studio' (?), so´n Kellerstudio in Kreuzberg. Dann noch der ‚Saal 4' und das ‚K 4', ehemalige Rundfunkstudios im Osten. In der Nalepastrasse.
Und damit hatten wir eben die Möglichkeit zu verschiedenen Stücken, verschiedene Atmosphären zu haben. Und das vierte Studio, das war eigentlich kein Studio, das war der Knaack-Club…

…wovon Ihr aber letztendlich nichts genommen habt…
Thomas: Da sind die Handclaps her, die auf „Atomic Love“ zu hören sind. Die sind aus dem Knaack. Da haben wir dann eben mal so für Freunde und Familie gespielt und haben aber dazu noch aufgenommen.

Man preist Euch immer als unglaublich großartige Liveband. Und Anfang Februar konnte ich mich im SO 36 auch endlich selbst davon überzeugen. Ist es für Euch tatsächlich so schwierig, dieses Gefühl auf Platte zu übertragen?
Thomas: Irgendwie ist ‚live' viel mehr Adrenalin im Spiel. Und ich glaub das hört man dann irgendwie so. Und es muss wohl Leuten gefallen.

Apropos Adrenalin. Bei diesem Sprung vom, ich glaube 4 Meter waren das bestimmt, Boxenturm. Mit Salto. Meint Ihr nicht, Arnim hatte da ein wenig Angst?
Torsten: Ich glaube, ich habe immer mehr Angst, als er. Definitiv. Weil, egal wo wir sind, der hopst ja immer von irgendwelchen Ballustraden oder Boxen oder PA-Anlagen runter. Ja, Arnim ist halt ´n Zirkuskind. Und der ist halt Zigeunerjunge und die haben da ja keine Angst vor Höhe. Ohne Netz und doppelten Boden, hehe. Er achtet aber schon darauf, das Gespräch hatten wir öfter auch - er macht das schon so lange, er ist früher auf Konzerten ganz normal, als People von der Bühne gesprungen, ohne jetzt für sein Publikum - und weiß, glaube ich, irgendwie, was sich beim diven gehört, was man mach. Und er würde wahrscheinlich nie von irgendeiner Box runterspringen, wenn da unten 3 Leute stehen, die sich gerade ´ne Zigarette gegenseitig an machen und ´n Bier trinken. Das kann der schon einschätzen. Wahrscheinlich ist es dann wirklich nicht so gefährlich. Es sieht eben nur immer extrem krass aus.

Ok, kommen wir langsam zum Ende, aber weiter im Text. In Deutschland, das habe ich ja mitbekommen, kriegt Ihr nahezu jede Location ausverkauft, oder? Wie sieht das im Rest von Europa oder der Welt aus? Ich kann mir irgendwie nur schwer vorstellen, daß die Leute da eine deutsche Band so abfeiern können…
Torsten: Als wir jetzt in Mailand waren und 70 Leute da waren, die haben uns auch abgefeiert. Also die hatten auch Spaß. Die 70. Da hätten zwar auch 800 reingepasst lacht, aber….. Keine Ahnung. Wenn sie kommen würden lacht, dann würden sie bestimmt auch Spaß haben…

Thomas: Die 350 in London, die hatten auch Spaß. Sonst waren wir aber auch viel bei solchen Festivaltourneen in anderen Ländern, in Europa und Amerika und da haben sich die Reaktionen so vom Publikum auch nicht viel unterschieden als die in Deutschland.

Denkt Ihr, daß Ihr jetzt mit der „Smack Smash“ wieder einen Schritt weiter gehen könnt & eine weitere Stufe auf der Erfolgsleiter erklimmen könnt?
Thomas: `Ne weitere Stufe auf der Leiter schon. Ob es die Erfolgsleiter ist, weiß ich auch nicht. Keine Ahnung.

Was steht denn in Zukunft (neben der 5-wöchigen Tour) bei Euch an?
Thomas: Ja, wir werden 5 Wochen unsere eigene Tour machen. Dann werden wir wahrscheinlich jedes Festival spielen, dieses Jahr, das wir kriegen können. Wir spielen die DECONSTRUCTION-TOUR, da können wir durch Europa fahren. Und dann mal weiter gucken. Also wir werden alles spielen, was wir spielen können.

Ja dann bedanke ich mich erstmal ganz herzlich bei Euch. Wünsche Euch weiterhin viel Erfolg und lasst es Euch gut gehen. Vielleicht ein paar letzte Worte für unsere Hörer und Leser?

Torsten: lacht Hehe, das muss immer ich machen… (in Gedanken) Letzte Worte für unsere Hörer und Leser. Das ist einmal das uniRadio und einmal dieses Onlinezine, nicht?

Genau.

Thomas: Nicht CDU wählen…

Torsten: Ja, was soll man da jetzt sagen? „Nicht CDU wählen“ ist nicht schlecht. Jetzt sind doch bald wieder Wahlen überall, oder?

Thomas: Ja, es sind wieder Wahlen. Macht bloß Eure Abschlüsse - Sicher ist sicher.

Torsten: lacht Stimmt, Thomas weiß wovon er redet. Nee, immer schön nachdenken, wenn man sein Kreuzchen irgendwo macht. Ob das bei der Prüfung ist, oder im Wahllokal. (Stolz über sich selbst) - Ooohhh!

So denn. Danke für das Gespräch.

mieschka | Di., 16. Mär 2004 | Interview

Am 9. September 2003 wurde bei Hellcat und Epitaph Records „close my eyes“, das mittlerweile siebte komplette Album der Slackers aus New York, veröffentlicht. Nicht zufällig erschien das Album kurz vor dem zweiten Jahrestag des schrecklichen Flugzeuganschlags auf das World Trade Center in Manhattan, aber dazu mehr auf der nächsten Seite. Die Band hat sich mit ihrem Mix aus Ska, Reggae, Soul, Swing, Garage Rock und Jazz, der von Größen wie den Skatalites und den Specials beeinflusst wurde, längst einen Namen gemacht. Auf der letzten Europatour hatten wir die Chance, ein Interview mit Gitarrist TJ und Bassist Marcus zu führen. Ich sprach mit den Beiden in einem kleinen Backstageraum im Kesselhaus, wo das Konzert als Auftakt der jährlichen Skalympics stattfinden sollte. Im Laufe des Gesprächs kamen wir auf ein heikles Thema zu sprechen, welches ich ergänzend vorwegnehmen möchte, da es mir besonders interessant erscheint und weil ich einige Informationen beifügen möchte, die ich erst im Gespräch erhielt, nachdem das Tonband ausgeschaltet war.

Es gab immer wieder Gerüchte über einen möglichen Streit zwischen den Slackers und den Toasters...

TJ: Das war eigentlich kein Problem zwischen uns und den Toasters, sondern zwischen den Slackers und Moon Records. Unser erstes Album „Better Late Than Never“ erschien auf diesem Label. Es ging darum, dass das Label damals behauptete, keine Kopien davon in Europa verkauft zu haben, aber wir alle wissen ganz genau, dass sie das sehr wohl taten.

„Better late than never“ erschien “erst” 1996, obwohl die Slackers bereits 1991 gegründet wurden. Sie waren damals als New Yorker Band bei Moon Ska Records gelandet, dass, in der gleichen Stadt ansässig und von Toasters Sänger Robert „Bucket“ Hingley geleitet, zu der Zeit eines der wichtigsten Ska Labels in den USA war. Doch bald kam es, wie oben angedeutet, zu einem Streit über die Verkaufszahlen der Platten. Die Slackers nahmen Kontakt zum Tochterlabel Moon Ska Europe auf und erfuhren, dass ein Scheck bereits an Bucket versandt worden war. Dieser stritt jedoch laut Slackers Bassist Marcus ab, jemals Geld für den Verkauf von „Better late than never“ in Europa erhalten zu haben und so wäre die Band nach langem hin und her mit ein „paar hundert Dollar“ abgespeist worden . Nun könne zwar sein, wie von Seiten des Labels behauptet wurde, dass tatsächlich nur sehr wenige Platten in Europa verkauft worden waren, die Slackers jedoch wollen nicht so recht daran glauben. Denn wie ließe sich beispielsweise erklären, dass Fans in Europa all die Songs der ersten Platte immerhin so gut kannten, dass sie auf Konzerten fröhlich mitsingen konnten. Die Band entschied sich damals aber dagegen, mit einer Plattenfirma als Gegner vor Gericht zu ziehen und so wurden die Probleme nie geklärt. Stattdessen wechselten die Slackers für Ihr nächstes Album „Redlight“ zu Tim Armstrongs Label Hellcat Records. Sie waren dabei übrigens nicht die einzigen: Zum Beispiel gingen die Pietasters damals den gleichen Weg. Moon Ska Records musste nach weiteren Komplikationen die Pforten dicht machen. Aus Buckets Sicht stellt sich die Sache allerdings etwas anders dar. Wie auch in unserem Toasters Interview angeklungen, war Moon Ska ursprünglich als eine Art Künstlerkooperation gedacht. Kleine, noch unbekannte Bands sollten gefördert werden, um dann, wenn sie erfolgreich geworden waren, etwas in den Topf zurückzuzahlen, was freilich nie geschah. Nach Buckets Aussagen, gab es damals eine Anzahl Bands, die zwar nicht mit Namen benannt wurden, die aber zumindest von einiger Bedeutung gewesen sein müssen. Diese kamen mit Geldforderungen für angeblich verkaufte CDs, die dem Verkaufsgewinn von mehr Platten entsprochen hätten, als jemals davon gepresst worden waren. So weit der Konflikt damals, der zwar nie ganz aufgedeckt wurde, über den aber jetzt, zehn Jahre danach, anscheinend genügend Gras gewachsen zu sein scheint, um einen Neuanfang zu wagen: Nachdem Mr. Hingley mit seinem neuen Label Megalith Records an den Start ging, trugen die Slackers immerhin mit einem Song zum Still Standing Sampler, der erste Veröffentlichung der jungen Plattenfirma, bei. Außerdem steht King Django, Sänger der Band the Stubborn Allstars sowohl in engem Kontakt zu Megalith, als auch zu den Slackers. Er zeichnet nämlich verantwortlich für die Produktion von „close my eyes“. Es scheint endlich ein stilles Einverständnis darüber getroffen worden zu sein, die gemeinsamen Konflikte zu begraben.

Weiterhin interessierte mich, das Verhältnis zwischen den beiden Bands, die als zwei Größen des Ska in der gleichen Stadt beheimatet sind und sich daher logischerweise immer wieder über den Weg laufen müssten.

In Interviews nanntet Ihr eine ganze Menge Bands die Ihr mögt und mit denen Ihr schon zusammen gespielt habt, aber die Toasters waren nie dabei. Darum habe ich mich gefragt, wie wohl die Beziehungen zwischen den beiden New Yorker Bands sind.

TJ: Als wir anfingen, wollten wir nicht unbedingt mit Ihnen spielen. Wir wollten unser eigenes Ding machen.

Marcus: Die sind schon in Ordnung, aber sie sind eben nicht die Skatalites. Unsere Verehrung galt immer schon den Skatalites, vielleicht noch den Specials. Das war ungefähr die Haltung, mit der wir an die Sache rangingen. Es hat nie irgendwas gegen die Toasters gegeben. Das ist eine großartige Band, sie haben großartige Musiker. Aber das war einfach nicht unsere Szene, es war einfach nicht unser Ding.

TJ: Wir wollten zwar als New Yorker Band bekannt sein, aber eben nicht als eine weitere Band aus der Toasters Szene, verstehst Du, wir wollten darüber hinauswachsen, wir wollten mehr als das, wir wollten anders sein. Es war also eine bewusste Entscheidung der Band, sich zu distanzieren. Letztendlich klingen wir auch nicht wie sie. Nicht einmal damals klangen wir so...obwohl wir damals vielleicht noch am ehesten Ähnlichkeiten hatten, wie eben alle Moon Ska Bands...

Auch nach dem Interview betonten die Beiden in einem ernst gemeinten Gespräch immer wieder, dass sie zwar mittlerweile so weit waren, dass sie von den Toasters und Bucket unabhängig seien, andererseits aber keinen Groll oder übertriebenes Konkurrenzdenken ihnen gegenüber empfänden. Im Gegenteil, sie wünschten ihnen tolle Konzerte und viel Erfolg und unterstrichen erneut, das die Konflikte der Vergangenheit keinerlei Auswirkungen auf die Beziehung zwischen den Bands heute hätten.

Auf der nächsten Seite folgt nun der Rest des Interviews, in dem es um das neue Album „close my eyes“ und die politische Einstellung der Slackers geht.

Wie lief die Tour bis jetzt, waren genug Leute auf den Konzerten?

TJ: Die Tour läuft wirklich gut. Gerade wenn man jeden Tag ein Konzert hat, sind diese Shows oft hart, aber es bisher macht es großen Spaß.

Am 9. September 2003 brachtet Ihr Euer neues Studioalbum “close my eyes” heraus. Der Titel steckt auch in einem Zitat von Jack Kerouac das auf der Innenseite der Cd abgedruckt ist. Wer hatte diese Idee?

TJ: Jack Kerouac. marcus lacht

Eigentlich wollte ich wissen, wie Ihr auf die Idee gekommen seid.

TJ: Nachdem wir den Song “close my eyes” geschrieben hatten, dachten wir darüber nach, das Album ebenfalls so oder so ähnlich zu nennen. Dann brachte uns Vic dieses Buch von Jack Kerouac mit. Wir leisen es zufällig aufklappen und auf der offen Seite fanden wir dieses Zitat. Das ist die ganze Geschichte wenn du daran glauben willst. Und es ist einen gute Geschichte.

Habt Ihr bereits Reaktionen auf das neue Album bekommen?

TJ: Ja, es scheint den Leuten wirklich zu gefallen und sie scheinen sich mit unseren Ideen identifizieren zu können. Zum Beispiel mit unserem Bemühen um einen „alten“ Sound. Wir wollen so klingen, weil die Platten die wir mögen so klingen und weil wir davon überzeugt sind, damit einen organischen und natürlichen Sound zu produzieren.

Und gibt es auch kritische Äußerungen?

TJ: Ich habe eigentlich nichts wirklich schlimmes über die platte gehört.

Marcus: Naja, wir wurden als kunstgerecht und kompetent beschimpft, aber das waren wirklich die schlimmsten Kritiken.

Na dann habe ich ein Zitat für Euch, das ich irgendwo im Internet gefunden habe. Es geht um einen Eurer neuen Songs: “Real War” (der wirkliche Krieg) ist offensichtlich die Reaktion der Band auf den 11ten September und viele andere, sowohl weltweite, als auch Amerika-spezifische Ungerechtigkeiten. Aber an Statt ein steht-endlich-auf-und-rührt-Euch-Gefühl (im Original: Get Up Stand Up) zu erwecken, gehen die Slackers eher den Leg-dich-hin-und-rauch-ein-wenig-Pott-Weg. (sinngemäße Übersetzung! Das Zitat war im Original auf englisch abgefasst)

TJ: Die haben wohl noch nicht viel Dub gehört. Ich meine, das ist einer der besten Rhythmen auf der Platte. es ist wirklich ein großartiger, starker Rhythmus.

Marcus: Ich verstehe nicht ganz, wie der Schreiber auf diese Kritik kommt. Geht es ihm darum, dass es sich um einen Dub Song handelt oder bemängelt er einfach nur, dass der Song so langsam ist?

Tja, das hab ich auch nicht ganz verstanden. genaueres sagt er eigentlich nicht. Was er allerdings meiner Meinung nach ganz richtig erkannt hat, ist die Tatsache, dass Ihr Euch tatsächlich mit dem Thema des 11ten September herumschlagt. Ich denke da zum Beispiel an das Titelblatt der Zeitung auf dem Tisch oder die Szene auf dem Fernsehbildschirm, welche auf dem Cover von „close my eyes“ zu sehen sind. Wie denkt Ihr über diesen Tag? An was erinnert ihr Euch?

TJ: Wir waren an diesem Tag in Lübeck im Norden von Deutschland. Das war alles unglaublich verwirrend und bedrückend. Unsere Familien leben dort, also hatten wir natürlich große Angst. Wir wollen einfach dort sein um irgendetwas tun zu können, einfach nur irgend etwas.

Was haltet Ihr von den Konsequenzen, die sich aus diesem Tag ergeben haben? Hat sich seitdem etwas für Euch verändert?

TJ: Naja, vielleicht hat man Familie und Freunde wieder bewusster zu schätzen gelernt und man sucht mehr nach den wirklich wichtigen Dingen des Lebens.

Habt Ihr irgendeinen Einfluss auf die Ska bzw. die Musikszene allgemein bemerkt?

TJ: Ich glaube eigentlich nicht, dass sich da was verändert hat. Die Welt der Pop Musik scheint einfach nicht damit in Berührung zu stehen. Vor kurzem wurden wir gefragt, ob die Slackers jetzt politischer geworden seien. Es hat aber immer schon politische Slackers Songs gegeben. Die Zeiten in denen wir leben sind es, die mehr politisiert sind. Dadurch ist die Aufmerksamkeit der Leute in dieser Hinsicht einfach geschärft.

Und wie sieht Eure Meinung zur aktuellen US Regierung und der Art und Weise, auf die diese Politik betreibt aus?

TJ: Mhh, ich persönlich stimme absolut nicht mit den meisten Ihrer Entscheidungen überein, beispielsweise bin ich nicht einverstanden, dass sie nicht mit der Welt Gemeinschaft und Europa zusammenarbeiten. Natürlich gibt es offensichtlich ein Terrorismusproblem, aber einfach im Irak einzumarschieren und Jagd auf Saddam zu machen, war sicherlich nicht die beste Lösung.

Denkt Ihr, dass man als Band, die eine ganze Menge Leute erreicht, etwas dagegen tun sollte?

TJ: Ich war nie der Meinung, dass es Aufgabe der Slackers wäre, irgendjemandem Predigten zu halten. Du musst wissen, dass wir verschiedene Songwriter haben, die verschiedene Songs schreiben. Viele unserer Songs handeln von persönlichen Beziehungen, aber unsere Songs spiegeln auch oft die Zeit wider, in der wir leben. Zum Beispiel spricht der Song „Soldier“ darüber, wie New York zu verfallen beginnt, obwohl oder weil immer mehr Polizei auf der Strasse auftaucht. So ähnlich sieht die Gegenwart in der wir uns befinden nun mal aus.

In einem Interview 1991, beschwert Ihr Euch über die Politik und die vielen Reglements in New York. hat sich bis heute irgendwas verändert, nachdem es jetzt dort einen neuen Bürgermeister gibt?

TJ: Durch die Anti-Terror-Maßnahmen hat es sie ein wenig vom Weg abgebracht, aber es gibt immer noch dieses massive Polizeiaufgebot in den Strassen und der neue Bürgermeister hat im Grunde alles beim Alten belassen. Immer noch das gleiche Prinzip: Dem großen Geld wird der Weg geebnet und den Rest lässt man zur Hölle fahren.

Ebenfalls in diesem Interview habt ihr das Problem angesprochen, dass es wegen den strengen Auflagen einfach nicht genug Locations gab, um Konzerte zu veranstalten. Hat sich da was verbessert?

TJ: Nein, da sieht's immer noch übel aus. In New York darf man z. B. in den Clubs und Bars nicht rauchen und

sie sind immer noch dabei der Live Musik den Garaus zu machen. In unserer Nachbarschaft waren einst eine Menge Clubs. Dann zogen Leute in die Gegend, die es plötzlich ruhig und sauber haben wollten. Ich frage mich, warum sie dann ausgerechnet in diese Gegend gezogen sind...

Wie kann sich die Musikszene denn ohne Liveclubs halten?

TJ: Es gibt natürlich immer noch eine Musikszene, aber sie ist nicht mehr das, was sie einmal war. Wir erleben gerade eine Übergangszeit. Clubsounds und DJs sind zwar immer noch beliebt, aber nicht mehr so sehr, wie sie es schon einmal waren. Die Livemusik erobert sich das Feld zurück. Aber man darf nicht vergessen, dass wir eigentlich die meiste Zeit gar nicht in New York sind. Wir sind immer unterwegs, immer auf Tour. Die Leute fragen uns immer über New Yorker Bands und die Szene dort aus, aber... Naja, ich mache das eben jeden Abend. In meiner Freizeit gehe ich eigentlich kaum aus, um mir ein Konzert anzusehen. Das habe ich ja schon auf der Arbeit.

Und zum krönenden Abschluss: Was für Pläne stehen demnächst bei Euch an?

TJ: Wir würden sehr gerne einmal in Japan touren und vielleicht auch gleich versuchen nach Australien zu kommen, wenn man schon mal in der Gegend ist. Wenn man schon in Japan ist, ist ja Australien auch nicht mehr so weit.
Außerdem möchte ich ein Slackers und Dub Projekt starten. Vielleicht bringen wir nur eine Vinyl Platte raus. Einfach nur Wir und Dub und Rhythmus und andere heiße Sachen, verstehst Du, so stelle ich mir Spaß vor. ich mag DJs.
Dann wäre da noch ein weiteres „Slackers and Friends“ Album. Wir versuchen mit noch ein paar Jamaika Stars aus Gegenwart und Vergangenheit zusammenzuarbeiten, ein paar Aufnahmen zu machen und Spaß zu haben. Das war auch immer schon einer der großen Träume der Slackers: Für einen großen Sänger als Support aufzutreten. In New York tummelt sich eine ganze Menge Jamaikaner und über Glen Adams von den Upsetters und ein paar andere Leute in diesem Geschäft haben mittlerweile einige davon kennen gelernt.

Darauf können wir ja gespannt sein. Vielen Dank für das Interview.

Krizn | Di., 16. Mär 2004 | Interview

Lange habe ich auf ein neues Album meiner absoluten Lieblingsband aus Spanien gewartet & ich war überglücklich, als „THE FLAME“ dann doch Ende Januar in meinem Briefkasten lag. Ich hoffe, daß diese Band mittlerweile jedem ein Begriff ist. Falls es aber doch jemanden unter Euch gibt, der diese Band immer noch nicht kennt, der sollte jetzt schnell den Computer ausschalten und sich auf den Weg in den nächstbesten Plattenladen machen und sich dort mindestens eines der bisher 5 ½ erschienenden Alben der Band aus Madrid zulegen. DOVER füllen in Spanien Fußballstadien und auch bei uns klettern sie Jahr um Jahr, Platte für Platte eine Stufe der Erfolgsleiter höher - und ich gönne es ihnen vom ganzen Herzen.
Mir fällt keine andere Band ein, die Härte und Melodie so perfekt miteinander kombinieren. Jeder den ich kenne, hat seine ganz persönliche Geschichte, wie er zu DOVER gekommen ist. Meine Einstiegsdroge war das 1999 erschienende, 3. Album namens „Late at Night“. Seitdem habe ich mir alles von der Band zugelegt.

Und als ich Anfang Februar dann den Anruf bekam, ob ich die Band nicht interviewen möchte, brauchte ich nicht lange zu überlegen. Klar mache ich das.
Es war nicht das erste Mal, daß ich dies tat. Vor 2 Jahren sprach ich im Rahmen eines Auftritts im Columbiafritz schon einmal mit Amparo, der Gitarristin der Band. Meine Fragen waren allerdings nicht gut durchdacht & deshalb wurde dieses Interview auch nie veröffentlicht. Schön also, noch mal eine zweite Chance bekommen zu haben.

Im Vorfeld hieß es nun, daß die beiden Schwestern (Cristina & Amparo) das Interview mitmachen würden. Leider erkrankte aber Cristina kurzfristig, so daß an ihrer Stelle Jesús, der Drummer, sich neben Amparo ins Flugzeug setzte um die „lästigen“ Pressetermine wahrzunehmen. Sie kümmern sich nämlich sonst nicht sonderlich darum. Sie machen es einfach. Es gehört dazu. Sie haben ihren Erfolg in Spanien (wo nebenbei bemerkt, es schon außergewöhnlich ist, mir „nichtspanischen Liedern“ in die dortigen Charts zu kommen) und wenn es irgendwo sonst auch klappt. Umso besser. Und: Amparo erkannte mich wieder….
Tags zuvor, so erzählten sie mir, feierten sie noch mit den eng befreundeten SHE MALE TROUBLE (die sie auch schon in Spanien auf Tour mitnahmen) im Kreuzberger „Wiener Blut“ und waren daher recht unausgeschlafen. Besonders Jesús, der Schlagzeuger, der sich letztendlich als nicht sooo gesprächig herausstellte. Aber trotzdem - gut, daß wir uns einfach ins Hotelzimmer setzen konnten, wo ein gemütliches Bett stand und daher kam folgendes, sehr angenehmes Gespräch zu Stande. Danke wieder mal an Josi für´s abtippen & übersetzen - Und noch mal: Kauft die Platte!.

Erstmal was lockeres. Was macht Ihr heute Abend? Geht Ihr ins SO 36, wo die BEATSTEAKS spielen? Torsten von SHE MALE TROUBLE ist ja sozusagen der ehemalige Plattenboss von denen…
A: Wir fahren um 18.30 Uhr nach Zürich, also werden wir es heute Abend wohl nicht schaffen, aber hoffentlich können wir sie noch während des Soundchecks sehen.

Bleibt eigentlich Zeit, bei den Promoterminen noch nebenbei sich die Städte anzuschauen?
A: Wir waren letzte Nacht unterwegs! Wir hätten´s nicht tun sollen, haben´s aber getan. Deshalb waren wir heute Morgen auch zu spät, das tut uns wirklich leid

Mit SHE MALE TROUBLE seid Ihr ja auch ziemlich gut befreundet, oder? Als ich sie letztes Jahr im September interviewte, erzählten sie mir schon, daß Euer neues Album fertig ist. Und ich konnte es kaum noch erwarten…. (Steht Ihr noch in Kontakt?)
A: Ja, wir haben letzte Nacht mit ihnen gefeiert! lacht

Eure Platte „The Flame“ ist zu Hause in Spanien schon Ende Oktober erschienen, warum hat es so lange gedauert, daß es sie auch hier in Deutschland zu kaufen gibt?
A: Ich glaube, das war so ne Label-Angelegenheit... Wir gehören zum EMI Major Label und die hatten jetzt während der Weihnachtszeit viele Veröffentlichungen und dachten, sie könnten uns mehr Aufmerksamkeit schenken oder so. So genau weiß ich das aber auch nicht.

Durch die ganzen Filesharing-Programme, konnte man die Platte schon lange vor VÖ in Deutschland sich herunterladen. Das wirkt sich ja natürlich auch auf die Verkaufszahlen aus. Ist das ein Problem für Euch?
A: Ich weiß nicht, ob das wirklich ein Problem sein könnte. Wir werden sehen. Aber wie auch immer, es ist eine Sache, über die wir uns keine Gedanken machen. Wir konzentrieren uns darauf gute Live-Shows und gute Aufnahmen zu machen. Wir machen uns nicht so viel Gedanken über den geschäftlichen Teil.

Trotz der bisherigen, hervorragenden Alben, kam der ganz große Durchbruch hier in Deutschland noch nicht wirklich zu Stande. Woran liegt das? Leute, die eigentlich etwas von Musik verstehen, loben Euch hoch in den Himmel. Denkt Ihr, daß es vielleicht mit diesem Album geschehen wird?
J: Wissen wir nicht (lacht).

A: Ich denke, hier in Deutschland gibt es Tausende gute Bands, einige aus Deutschland, andere von woanders her. Wir gehören dazu. Wir sind nur eine weitere Band und haben Glück hier sein zu können.

Tour…, einige sehr nette Leute, damit sind wir sehr glücklich. Also, wenn wir viele CDs verkaufen würden, wäre das natürlich toll, aber so wie es jetzt ist, ist es wirklich in Ordnung für uns. Wir haben die Möglichkeit zwei-, dreimal im Jahr hier her zu kommen und das ist für uns etwas sehr Wichtiges und Besonderes.

Nun ist sie ja aber endlich hier erschienen. Herzlichen Glückwunsch erstmal dafür, es ist eine tolle Platte. Jede Band sagt ja auch immer, daß die aktuellste Platte die Beste ist, die man je gemacht hat. Seht Ihr das auch so? Was ist anders gegenüber den vorherigen Alben?
A: Wir denken, es ist das beste Album, was wie bisher gemacht haben. lacht (zu Jesús) Was glaubst du?

J: Ich sehe das nicht so. (lacht) Doch, ich denke das auch.

A: Ich glaube das hat den Grund, dass eine Band für gewöhnlich sehr hart an einem Album arbeitet. Wir arbeiteten sehr hart an dem Album und wir sind schon richtig gespannt auf die neuen Songs, die wir live spielen werden. Wir denken immer, daß das letzte Album das Beste ist. Der Unterschied zwischen „The Flame“ und „I Was Dead..“ ist vielleicht, dass das „The Flame“ kürzer ist. Vielleicht ist es mehr geradeaus. Auf der „I Was Dead..“ gab es mehr Songs zum tanzen, die auch länger waren. Es hatte aber von vielem etwas, wie zum Beispiel auch richtige Punkrock-Songs wie „As I Said“ oder „King George“. Dieses Album ist nun mehr geradeaus...

Ich habe beim Hören des Albums das Gefühl, daß Ihr so richtig glücklich wart, als Ihr diese Platte gemacht habt. Irgendwie höre ich das jedenfalls raus. Hat das vielleicht damit zu tun, daß Ihr das Album dieses Mal sozusagen „zu Hause“ aufgenommen habt. Also um die Ecke & nicht so weit weg gefahren seid?
A: Ich bin sicher, das hilft.

J: Tut es, ja. lacht Du hast Recht, es ist so. Wir sind wirklich zufrieden mit dem Album.

A: Während den Arbeiten für das neue Album arbeiteten wir 5 Monate zu Hause an den Songs. Das heißt, wir hörten auf zu touren und blieben zu Hause. 5 Monate lang arbeiteten wir wirklich sehr hart an den Songs - jeden Tag.

Ein weiterer Grund ist, dass wir alle gerade in einem sehr positiven Abschnitt unseres Lebens steckten und wirklich relaxed waren. Alles ging auf. Ich weiß nicht, ob es sich glücklicher anhört, aber wir fühlten uns sehr gut während den Arbeiten für das Album und sogar vor den Aufnahmen.

Oh man, Ihr arbeitet ja wirklich hart. Bleibt da auch mal Zeit für Ferien?
A: Wenig! Vielleicht haben wir uns mal eine Woche frei genommen...

J: Zwei Wochen. (lacht)

Inwiefern war die Arbeit mit Rick Will (Muse, No Doubt) anders als die mit Barret Jones, mit dem Ihr Euch bei der Arbeit zum letzten, eigentlichen Album, nicht mehr sooo gut verstanden habt?
Wir hatten verschiedene Probleme mit dem Produzenten. Einige von uns fingen schon an zu glauben, dass es wir sind, die solch Probleme machen, dass es schwer ist, mit uns als Band umzugehen... Es war sehr schön mit Rick. Er ist ein guter Toningeneur und wir sind alle sehr glücklich mit dem Sound.
Am ersten Tag nahmen wir unseren ersten Song „On My Knees“ und am zweiten Tag „ The Flame“, „27 Years“ und „Leave Me Alone“ auf. Er war also sehr produktiv, weil er eben so ein guter Toningeneur ist. Er ist auch ein guter Mixer, dem wir vertrauen. Als Produzent haben wir vielleicht ein bisschen mehr von ihm erwartet. Wie erwarteten vielleicht, dass er verschiedene Ideen mit in das Album einbringt und das geschah auch bis zu einem gewissen Punkt.
Allerdings arbeiteten wir viel an den Songs bevor wie in das Studio gingen und so hatten wir auch viele Ideen und Dinge, die wir umsetzen wollten. Viele unserer Songs sind sehr einfach, deshalb hatten wir auch immer schon im genau im Kopf, was wir tun wollten. Also war es eigentlich auch kein großes Problem, dass er nicht wirklich Dinge oder Songs änderte. Es war gut und wirklich relaxed. Und die Tatsache, dass wir alles live einspielten, war so auch besser für die Band

War es ein Problem für Rick, zu Euch nach Spanien zu kommen?
A: Das war kein Problem.

J: Nein.

A: Er war völlig einverstanden. Erst sagte er, er will, daß wir nach L.A. kommen, aber wir fühlten uns nicht danach. Dann schlugen wir vor, nach New York zu gehen, was ja in der Mitte gewesen wäre. Er begann nach Studios zu suchen und alle von uns fragten: „Möchtest Du nicht nach Madrid kommen?“ und er sagte: „Ja!“. Es machte ihm nichts aus zu reisen und schaute nach einem vergleichbaren Studio. Wir fanden dieses, wie du schon sagtest, um die Ecke und so war alles eigentlich ganz leicht

Ihr habt die Platte „Live“ aufgenommen? Ist das besser?
A: Viel besser.

J: Ja, das ist es.

Habt Ihr in verschiedenen Räumen gestanden?
J: Nein, im selben Raum.

A: Yeah. Wir waren alle im selben Raum...

J: Außer Christina...

A: Außer Christina, sie war in ihrem eigenem Raum, aber wir konnten sie sehen und sie konnte ebenfalls jeden sehen. Wir fühlten uns, wie bei einer Probe, oder beim live spielen.
Ich weiß nicht, ob das die Leute wirklich wahrnehmen können, wenn sie das Album hören, aber wir machten die Aufnahmen tatsächlich so, als wenn wir proben würden. Ich erinnere mich noch daran, daß als wir „The Flame“ aufnahmen, ich richtig aufgeregt und nervös war, weil Rick den Song noch nie zuvor gehört hatte. Er hörte es sich zum ersten Mal an und sagte: „Au ja, lass es uns aufnehmen! Ich liebe es! Lass es uns aufnehmen!“. Meine Hände zitterten sogar als ich den Song spielte und genau das ist auch auf dem Album drauf. Die Aufregung, die wir die ganze Zeit verspürten, ist auf dem Album. Ich weiß wie gesagt nicht, ob die Leute das wahrnehmen. Aber natürlich können wir es, wenn wir die Songs hören.

Dazu kamen aber auch Overdubs…!?
A: Ja, sicher ergänzte ich noch etwas an Gitarre. Christina ergänzte einige Harmonien und so etwas. Rhythmusgitarre, Bass, Gesang und das Schlagzeug wurden mit einem Mal aufgenommen. Wir schauten uns alle gegenseitig an und es machte wirklich mehr Spaß. Außerdem verbrachten wir alle gemeinsam einen ganzen Monat in dem Studio, taten irgendetwas…

Früher hangen wir rum und warteten zum Beispiel darauf, daß das Schlagzeug aufgenommen wurde. Es war wirklich langweilig. Und dann ich... Für ca. 10 Tage nahm ich einfach nur eine Gitarre nach der Anderen auf. Oder dieses Gefühl, wenn dann jemand sagt: „Oh nein, das war nicht perfekt, lass es uns noch einmal machen!“

Das geschah diesmal nicht! Es war so, dass gleich der Erste, Zweite oder Dritte Versuch für das Album genommen wurde.

Ich bin ja ein so großer Fan von Euch - Ich habe mir Eure DVD („1993 - 2003“) extra aus Spanien mitbringen lassen. Und dann das Bonusmaterial. Schade, ich verstehe leider kein Spanisch. Aber habt Ihr eigentlich ständig eine Kamera dabei?
A: Wir besitzen eine Kamera, deshalb überlegen wir auch so etwas wie eine DVD zu machen, etwas, an dem unsere Fans auch Spaß haben. Die meiste Zeit versuchten wir auch eine Kamera mitzunehmen. Was das angeht, werden wir ein bisschen faul. Wir waren in Spanien auf Tour und haben in der Zeit nicht so viel aufgenommen. Aber es ist schon etwas Nettes, weil man dann etwas hat, was man mit den Fans und mit uns teilen kann. Und man hat nette Erinnerungen, sodass wir uns immer daran erinnern können, wie viel Spaß wir hatten.

Warum erscheint diese DVD nicht auch bei uns?
A: Oh, ich glaube, dass ist wieder eine Label-Angelegenheit... Ich denke, es könnte vielleicht irgendwann in der Zukunft geschehen. Wir wissen aber nicht, ob das tatsächlich so kommen wird. Vielleicht nicht mit deutschen Untertiteln, aber eventuell mit Englischen, sodass es jeder verstehen kann. Ganz egal ob aus der Deutschland, Schweiz oder Griechenland. Die kommt vielleicht, ich hoffe das.

Wie wichtig sind Euch Eure Fans? Wie steht Ihr mit ihnen in Kontakt?
A: Normalerweise halten wir den Kontakt über unsere Homepage www.dovercametome.com, welche spanisch- und englischsprachig ist.

Wir wissen, dass es dort auch Besucher aus Deutschland, Mexiko, Argentinien und Italien gibt. Das Internet und natürlich auch das Touren sind die Möglichkeiten, die wir haben mit ihnen in Kontakt zu bleiben.

Oh, die folgende Frage war eigentlich eine Frage für Cristina. Sie ist krank?
A: Ja, sie ist erkältet...

Cristina, war, glaube ich zumindest, Kurt Cobain mal ziemlich wichtig. In „The weak hour of the rooster“ leihst sie sich sogar Zeilen aus seinem Abschiedsbrief. Was denkst Du darüber, daß sein Todestag demnächst nun schon 10 Jahre her ist?
A: NIRVANA war eine sehr große Inspiration für fast jeden aus der Band. Christina ist eine Sängerin. Als wir anfingen, war er für sie eine Art Vorbild, seit sie ihn zum ersten Mal hörte.

Sie mochte, wie seltsam er sich gegenüber seiner Musik, seiner Band uns seinen Fans verhielt. Nun, das ist schon 10 Jahre her, aber ich denke nicht, dass wir noch mal jemanden mit solch einer starken Persönlichkeit, wie er sie besaß, gefunden haben. Es gibt viele Bands, die wir lieben und es gibt auch viele Bands, die Christina mag. Momentan hört sie das Album der DISTILLERS.

Mögt Ihr die Platte?
A: Oh ja, es ist eine großartige Platte!

Christina ist wirklich „strong minded“ und scheint eine tolle Frau zu sein, aber es gibt da einen Unterschied. Sie war 17 Jahre und nun ist sie 27 Jahre alt und hat ihre eigene Persönlichkeit. Wahrscheinlich braucht sie jetzt nicht mehr so ein starkes Vorbild. Vielleicht kommt auch wieder jemand, den man mit dem Bild von Kurt Cobain vergleichen kann. Vielleicht fängt sie wieder von vorn an. Ich weiß es nicht.

Auf dem Video gibt´s auch Territorial Pissings als Livevideo zu sehen. Vielleicht schon oft gefragt - Aber inwiefern hatten die Songs oder das Wesen NIRVANA Einfluss auf Eure Songs?
A: In der Zeit von 1993/94 in jeder Hinsicht. Wir mochten die Tatsche, dass sie einerseits wirklich Punkrock machten und auf der anderen Seite so schöne Melodien hatten. Ich erinnere mich daran, wie ich das erste Mal NIRVANA gehört habe. Es war nicht „Bleach“, es war die „Nevermind“, als diese raus kam. Ich hörte „In Bloom“ im Radio und dann noch „Breed“ und das hat mich komplett umgehauen! Ich bekam die CD in London, brachte sie nach Hause und spielte es Christina vor. Ich spielte „Breed“ diesen Nachmittag immer und immer wieder, vielleicht so 20-mal... Wir waren begeistert. Es war so eine starke Kombination aus wirklich hartem Punkrock und wunderschönen Melodien. Ich glaube, das ist das, was wir immer mit unserer Musik versucht haben. Manchmal bekommst du die Band dazu wirklich harte Sachen zu machen, aber es muss immer eine schöne Melodie haben, die dich berührt.

Zu den Texten mal. Während auf den bisherigen Alben die Texte eher düster sind, von Enttäuschungen und Depressionen handeln, von Tod und Trennung, klingt das neue Album, trotz ähnlicher Texte nicht mehr ganz so düster. In „Die for Rock & Roll“ singst Cristina ja auch eher in der Vergangenheitsform beziehungsweise, blickst sie zurück. Ist das Leben nicht mehr ganz sooo schlimm? Würdest Du nicht mehr für „Rock & Roll“ sterben?
A: Ich hatte noch nie das Verlangen danach für Rock ´n´ Roll zu sterben... Aber weißt du, da ist immer ein gewisses Risiko. Du bist dauernd unterwegs, fliegst immer und solche Sachen. Also passiert es vielleicht doch. Ich habe es jedenfalls nicht vor. lachen

Der Song erzählt davon, eine wirklich verrückte Nacht zu haben, weil man auf Tour oder so etwas war. Alles ist aus einer ziemlich jugendlichen Perspektive heraus gesehen. Was wir in diesem Song darstellen wollen ist, dass die Art und Weise, wie wir Musik fühlen ähnlich der ist, als wir 12-Jährige waren. Eine sehr romantische Art und Weise. Musik ist etwas sehr, sehr Wichtiges für dich, wie das Besonderste in deinem Leben. Das fühlen wir noch, obwohl wir bereits erwachsen sind.

Lebt Ihr jetzt ruhiger?
A: Nicht wirklich. Eigentlich ist mein Leben sogar noch verrückter als vor 15 Jahren, als ich noch jünger war. Ich glaube, das geht jedem in der Band so. Wenn du in einer Band spielst, hast du diese unreale, jugendliche Art zu leben, welches eher so was wie ein Privileg.

Geht es bei „My Fault“ um Deine Schwester?
A: Oh ja. Wenige Leute merken das! Das ist so bei „My Fault“ und ebenso bei „On My Knees“.

Ging es bei „Lee Robinson“ wirklich um einen engen Freund von Euch? Warum kam der Song nicht aufs Album?
A: Wir standen ihm nicht sehr nahe. Wir trafen ihn oft auf Shows und sahen ihn live. Er war ein sehr lieber Kerl und wir respektierten an ihm, daß er immer auf dem Boden blieb. Er liebte Musik, in einer Band zu spielen und Sänger zu sein. Als er starb, war das ein riesiger Schock für uns, es war so furchtbar. Er starb ganz plötzlich und wir machten dieses Lied für ihn, welches wir auf einer Show spielten, wo auch andere Bands spielten, die ihn kannten. Dieser Song war für ihn und wir wollten ihn nicht auch auf der Tracklist der CD sehen. Wir wollten etwas Besonderes sein, deshalb ist es auch nicht auf dem Album.

Ein paar letzte Worte für Eure Fans, unsere Leser…?
J: jsdhkjasdmjlqjskj A: Wir werden bald kommen und Euch rocken! J: Ja!

mieschka | Mo., 01. Mär 2004 | Interview

Nachdem der Baske Fermin Muguruza ja schon den ganzen letzten Frühling / Sommer mit Manu Chao und dem Jai Alai Katumbi Express in Spanien, Frankreich, Belgien und England auf Tour war, ist er jetzt mit seiner neuen Platte „In-Kommunikazioa“ und seiner Kontrabanda, der auch Mitglieder von Desechos angehören, unterwegs. Musste er schon auf dem Jai Alai Katumbi Express die Auswirkungen der nationalistisch eingestellten spanischen Regierung zu spüren bekommen, was letzlich zu einer Konzertabsage führte, so hat er das Ausmaß des in sich gespaltenen Spaniens, das um jeden Preis eins sein wil l, auf der jetzigen Tour doppelt so stark erfahren müssen.

Im Grunde genommen war gar keine Tour für seine vorerst letzte Platte geplant. Da er aber die Konzertabsagen und das feindselige Verhalten ihm gegenüber nicht einfach auf sich sitzen lassen konnte, hat er logischerweise beschlosse n, n un erst recht Gebrauch vom „Derecho de Expression“ (Meinungsfreiheit) zu machen. Denn bloß weil einige Nationalisten (Partido Popular) bzw. Faschisten wie die Gruppe "Espana2000" ( www.espana2000.org ) oder die "Victimas del Terrorismo" (die wohlgemerkt nichts mit den Opfern der ETA zu tun haben) meinen, dass jeder Baske, der sich für ein unabhängiges Baskenland einsetz t, g leich Terrorist i st u nd deshalb versuchen, dessen Konzerte zu boykottieren, heißt das ja noch lange nicht, dass jemand wie Fermin Muguruza gleich klein beigibt. Es ist schon schlimm genug, dass es in Spanien nach Franco immer noch faschistische Gruppierungen wie diese gibt. Noch viel schlimmer ist allerdings, dass sie damit durchkommen und es tatsächlich schaffen, fünf Konzerte, darunter in Madrid und Valencia, absagen zu lassen, nachdem der Termin schon zugesagt war.
„Das gleiche passierte nicht nur mir, sondern auch dem Dokumantarfilmer Julio Medem, der mit seinem Film „La Pelota Vasca“ [in dem auch Fermin zu Wort kommt] zum ersten Mal eine differenzierte Sichtweise auf das Problem eines fehlenden Dialogs mit dem Baskenland aufzeigen konnte.“ Denn das Problem ist letztlich nicht, dass das Baskenland seine Unabhängigkeit will, sondern dass der Wunsch wenigstens eine Wahl zu haben, in der ihnen die Möglichkeit gegeben wird, über Unabhängigkeit oder Integration zu entscheiden, schlichtweg ignoriert wird. Somit wird das Baskenland von der PP quasi als nicht existent betrachtet.

„Kurz bevor Julio Medem jedenfalls den Goya-Preis für „La Pelota Vasca“ entgegen nehmen sollte, haben sich die ‚ Victimas del Terrorismo ' bei der PP stark gemacht und die Gala boykottiert.“ Und das bei einem Film, der bereits ausgezeichnet wurde und weder die baskische Fahne geschwenkt noch die ETA verglorifiziert hat. Das Problem ist die beschränkte Sichtweise einiger Personen, die anfangen andere Leute anzugreife n, o hne sich vorher mit den Personen auseinander zu setzten. Sonst wüssten sie z.B. auch, dass Fermin ebenfalls Drohungen von der ETA bekommt.

Die spanische Politik erinnert fast schon an die von Bush. Dadurch, dass Fermin Muguruza z.B. in der linken baskischen Partei "Batasuna“ Mitglied war, wurde er prompt auf die Terroristenliste gesetzt und konnte deshalb zeitweise nicht mehr in die USA einreisen. „Was die Spanier machen ist eine Hexenjagd. Denn auch die Schriftsteller und Künstler wie Manuel Riba oder Anton Risa, die sich für die „Nunca Mais“- Bewegung (gegen die große Ölpest in Galicien) einsetzen, dürfen öffentlich nicht auftreten. Das gleiche passierte auch mit dem Kubaner Ibrahim Ferrer vom Buena Vista Social Club, dem der Grammy verliehen werden sollte, der allerdings selbst nicht in die USA einreisen durfte, um ihn entgegen zu nehmen...“

Da fragt man sich doch, wie viel Kriege noch ausgefochten werden müssen, bis das endlich mal aufhört.

Anne | Do., 12. Feb 2004 | Interview

Ja, warum sollte es denn auch beim ersten Mal klappen? Vor ca. 3 Jahren, am Anfang meiner kleinen, bescheidenen „Journalistenkarriere“, machte ich mein allererstes Interview mit den sympathischen Jungs aus Köln, die gerade ihr 4. Album „En Garde“ veröffentlicht hatten. Als Fan der Band war ich natürlich ein wenig voreingenommen, hatte aber dafür jede Menge Fragen an sie. Ich stellte ihnen knapp eine Stunde lang alle möglichen Fragen & stellte am Ende fest, daß der Tonmann im Studio das Interview gar nicht aufgenommen hatte. Super! Glücklicherweise waren die Herren so nett & ließen das ganze noch einmal über sich ergehen. Und ich war so glücklich…

Mittlerweile sind, wie gesagt, 3 Jahre ins Land gezogen und in dieser Zeit hat sich eine Menge getan. Sie sind vom, genauso sympathischen Indielabel VITAMINEPILLEN zu MOTOR gewechselt & füllen immer größere Hallen. So auch wieder am vergangenen Donnerstag, den 29.1.. Es war schon komisch, die Band mal nicht im Wild at Heart zu sehen, wo sie die letzten Male immer gespielt haben, wenn man vom Supportkonzert von SUM 41 im letzten Jahr im ColumbiaFritz bzw. dem kleinen Gig im Oktober in der Kalkscheune absieht. Da bei diesen Konzerten aber das selbige schon fast immer aus den Nähten platzte, hätte es dieses Mal, nach Airplay auf diversen Radiostationen, VIVA usw. aber sicher nicht mehr gereicht. So zog man diesmal ins Kesselhaus.
Relativ früh fand ich mich dort ein, um, weil ja eben so viel geschehen ist, den Jungs abermals das Mikro unter die Nase zu halten & ihnen ein paar Fragen, rund um das neue Album ‚Dezibelkarate' zu stellen. Mehr oder weniger spontan erklärten sich Türk und Raki dazu bereit & während der Rest über das Catering her fiel, kletterten wir 3 Stockwerke nach oben, um in aller Ruhe ein Gespräch zu führen. Ja, Gespräch, das ist das richtige Wort. Wieder knapp eine Stunde stellte ich ihnen Fragen über Gott und die Welt, die verdammt ehrlich beantwortet wurden und für einige Ohren vielleicht gar nichts gewesen wären. Und was passiert? Mein blöder MD-Recorder speichert das Interview nicht richtig ab & alles ist verloren…. Ein Fluch? Ich berichte also den Jungs von meinem Malheur & wir können eigentlich nur noch darüber lachen, da so was ja irgendwie wieder kommen musste. Nett, wie sie aber sind, geben sie mir noch mal eine zweite Chance. Entweder noch am selben Abend, während die Vorband PERSONA NON GRATA spielt, oder eben am nächsten Morgen, während des Frühstücks.

Letztlich ist letzteres daraus geworden, weil ich mal eben die Leute zählte, die bezahlt haben. 389 oder so sind es letztlich daraus geworden. Nicht schlecht für Belin auf einem Donnerstag. Und es werden immer mehr. Gut so.

Also am nächsten Morgen, nach einem Super-Konzert & halbwegs langen Nacht, in ein kleines Kaffee in die Schönhauser Allee gefahren & das ganze noch einmal probiert. Und YEAH! Diesmal ist es auch was geworden.

Aus Rücksicht wegen der langen Nacht (Caddy war zuvor 2 Tage nüchtern geblieben!!!) kürzte ich meinen Fragenkatalog etwas, um der Band vor ihrem bevorstehenden Auftritt in Rostock nicht alle Kraftreserven zu nehmen. Trotzdem, denke ich, lassen die Antworten Euch ein bisschen mehr über die Band erfahren. Und ich wünsche ihnen alles erdenklich Gute auf ihrem Weg weiterhin. Immer wieder gern werde ich zu einem Konzert von ihnen gehen. Kauft Euch ALLE ihr neues Album und lernt, falls ihr es nicht eh schon tut, handgemachte Musik zuschätzen & zu lieben. Danke an "Josi Joghurt" für´s abtippen & Here we go:

S - Silver, C - Caddy, T - Türk, R - Raki

Nach 2 bzw. 3 VÖ-Terminverschiebungen. Wie fühlt man sich, daß nun die Platte nach all den Verzögerungen nun doch endlich erscheint / erschienen ist? Zumal die Songs ja teilweise über ein Jahr alt sind.
R: Ach Du Scheiße. Heute habe ich nicht mehr ganz so viel Elan wie gestern, wo wir das schon mal beantwortet haben. Aber, natürlich freuen wir uns sehr, daß wir jetzt endlich mal unser Gesicht wahren können und nicht wieder neue Ausreden erfinden müssen. Und den Fans wieder erklären müssen, warum die Platte jetzt wieder nicht kommt.

Erzähl doch mal ein wenig über die Entstehung des Albums. Wie gestaltete sich die Arbeit mit Olaf Opal, Eurem Produzenten? War´s das erste Mal mit einem Produzenten zusammen zu arbeiten? Hat er Euch viel reingeredet? Inwiefern nahm er Einfluss auf die Songs?
S: Also die Arbeit mit Olaf war super. Wir haben uns das eigentlich alles ganz anders vorgestellt. Wenn ein Produzent dabei ist, hatten wir uns gedacht, daß richtig viel reingefuscht wird, richtig viel vorgeschrieben wird. Aber das war überhaupt nicht so. Wir hatten die Möglichkeit, mehrere Produzenten kennen zu lernen. Haben uns für Olaf entschieden, haben uns dann mit ihm in den Proberaum gesetzt, sind dann die Stücke durchgegangen. Und im Endeffekt hat er, glaube ich, sich dann da hingesetzt und hat vielleicht mal gesagt: „Mach mal den Break vielleicht lieber zu dem hin“ oder so was und das war´s auch. Und ja im Studio war es super, daß unser Mainstreamrock auf so einen ziemlich durchgeknallten Soundfetischisten getroffen ist. Und das gab dann, naja, ein gutes Endresultat, würd ich mal sagen.

Du hast mal in einem Interview angedeutet, oder gesagt, daß Du die DEZIBELKARATE als Euer erstes richtiges Album siehst. Also als ein schlüssiges Ding. Ist es dafür aber nicht so, daß die vergangenen Alben, auch wenn mal ein Song aus dem Rahmen fiel, abwechslungsreicher waren? Waren die anderen Platten denn soooo schlecht?
S: Also ein Album betrachte ich wie ein, ja, wie ein Fotoalbum. Ein Lebensabschnitt. Ein halbes Jahr, ein ganzes Jahr, was da an Emotionen, an Erlebnissen mit rein gepackt wird. Und das war bei allen Alben, die wir aufgenommen haben schon immer so. Nur irgendwie war es bei diesem Album so, daß wir endlich mal auf den Punkt gekommen sind. Genau so war dieses halbe Jahr. Es gibt ja einen roten Faden, der sich durch alle Stücke zieht. Und ich finde, sie sind trotzdem Abwechslungsreich.

Ein Album muss nicht wie aus einem Guss klingen und nicht abwechslungsreich sein. Die Alben davor, das war alles mehr so Patchworkarbeit. Also im Nachhinein betrachtet klingt das eher so. Und das finde ich halt dabei super, daß es einfach ein total schlüssiges Gesamtwerk ist und nicht nur die einzelnen Stücke. Das heißt aber nicht, das die Anderen schlechter sind - das auf keinen Fall!
T: Darüber hatten wir uns ja schon unterhalten, daß wir da auch unterschiedlicher Meinung sein können. Für mich ist das schon das sechste Album, was wir gemacht haben. Weil gerade ein Zeitgefühl einzufangen, das hat die „Für Recht und Ordnung“ sehr gut gekonnt, so waren wir damals halt einfach. Und die Poppxapank eigentlich genauso. Das was Honolulu grad für die „Dezibelkarate“ erzählt hat, stimmt eigentlich für jede Platte.

Ich weiß nicht, ob ich es positiv oder negativ finde - Die zweite und dritte Stimme, die auf den letzten Alben sehr dominant zu hören waren sind ein wenig in den Hintergrund gerückt worden. Auch was Percussion anbelangt…
S: Ja, das ist einerseits von uns ausgegangen, andererseits auch von Olaf, der da sehr drauf hingedrängt hat. Außerdem ging es mir und der Band ziemlich auf den Sack, daß gerade die Backgroundstimmen sehr, sehr laut waren und das sie mit der Hauptsimme fast nicht mehr auseinander zu halten waren und das kann man eigentlich nicht bringen, das war einfach nicht schön. Und deswegen war es uns wichtig, daß solche Sachen einfach da sind, die Arbeit war genau die Selbe und genauso viel, nur das alles subtil in den Hintergrund gerückt wurde. Das heißt, du hast im Endeffekt denselben Effekt, aber du weißt genau `Da ist die klare Gesangslinie´ und das Ganze wird trotzdem aufgefüllt. Mit Percussion war es genauso, also wir haben eigentlich genauso viel Schnickschnack wie auf allen Studioalben, die wir bis jetzt hatten, nur haben wir diesmal vielmehr mit handgemachten Sachen gearbeitet.

Also wenn wir früher einfach mal einen Synthie benutzt haben, um irgendein Geräusch zu erzeugen, haben wir uns diesmal wirklich einen Abend hingesetzt, eine Flasche Rotwein aufgemacht, einen Geigenbogen ausgepackt, die Gitarre bespielt und der Olaf hat dann noch Tausende von Fußschaltern zwischengeschaltet und wir haben einfach total kranke Sachen an Sound entwickelt. Bei den Percussion genauso. Caddy hat irgendwelche Loops eingespielt, die dann total verzerrt und verfremdet worden sind.
C: Hehe, damit ich endlich auch mal was erzählen kann...
Die Percussiongeschichte war ein geiles Ding. Beispielsweise: Du nimmst einen Haufen Schrott. Einen Haufen Blechschrott, schmeißt ihn auf den Boden, hängst in eine Ecke des Studios ein total empfindliches Mikrophon und kloppst dann auf diesem Schrott mit Stöcken rum und es hört sich nicht mal mehr im Entferntesten nach dem an, was es eigentlich ist - ein Haufen Schrott. Es hört sich an wie ein Drum-Loop. Wenn du das dann zurechtschneidest und noch mal verzerrst...Also quasi handgemachte Elektronik. Super!

T: Was auch sehr auffällig ist, ist ja, daß wir komplett davon weggekommen sind Fremdmusiker dazu zunehmen, die irgendwas einspielen, zum Beispiel Saxophon. Das war halt so, daß wir das ganz klar strukturiert haben wollten. So ist das live, so bringen wir es und so soll es auch auf Platte sein.

Auf dieser Platte sind ja auch keine Bläser zu finden....
C: Ja, wir haben uns da auch eigentlich keine Gedanken drüber gemacht. Wir wollten nicht so zwanghaft „Hach, jetzt müssen wir noch ein paar Ska-Stücke rein machen“. Also die Ska-Stücke, die du von uns kennst, die auf den ganzen vorherigen Platten drauf sind, die kamen auch ganz einfach so. Dann hat der Silver meinetwegen eine kleine Melodie zwischendrin gesungen und wir dachten uns, daß es geil wäre, wenn das jetzt Bläser wären. Ja. Dann haben wir es auch ganz einfach so gemacht. Aber da uns ganz einfach diese Stücke und diese Ideen im Moment nicht kamen, also wir denken uns ja nicht „Oh, jetzt fehlen noch 3 Ska-Songs für die Platte. Die müssen wir jetzt mal ganz schnell schreiben“. Von daher gibt es auch keine Bläsermelodien. Wir haben mehr auf Gitarrenrock gemacht.

In „Einer von Millionen“ / „Heute kein Morgen“ kommt es mir so vor, als beschäftigst Du Dich mit dem alten Thema: „Wo komme ich her, wo geh ich hin?“. Was würdest Du machen, wenn es heute kein Morgen mehr geben würde…?
S: Mmmhh...Genau das Selbe, was ich heute auch mache! Also, im Endeffekt: Rühreier mit Schrimps essen - sehr lecker übrigens! Ne, das Stück „Heute kein Morgen“ ist ja eigentlich im Endeffekt nur eine Sache: „Sei einfach nur von dem überzeugt, was du machst!“ Und wenn du dir die Frage stellst: „Was wäre, wenn ich morgen sterben würde?“, „Habe ich alles richtig gemacht?“ oder „Fühle ich mich gut, wie ich jetzt lebe?“ Und vielleicht würde ich meine ganze Knete auf den Kopf hauen, wenn morgen der Weltuntergang wäre, aber die Lebensphilosophie, die wir im Moment haben, halt ich für total gut, für richtig und das kann ich so unterschreiben!

Nebenbei - würde mich mal interessieren - Hast Du Angst vor dem Tod?
S: Ne. Vorm Sterben vielleicht, aber ganz bestimmt nicht vorm Tod.

Im einem Plastic Bomb-Interview hast Du mal gesagt, ein Text muss zum Song passen. Siehst Du das heute noch so? Ist es o.k. für Dich wenn einige Leute mit Euren Texten beim ersten Hören nichts anfangen können bzw., wenn sie sich, wie man so schön sagt, ihre eigenen Sachen rausziehen?
S: Ja, auf jeden Fall! Also, da haben wir auch verschiedenste Texte, so das es halt welche mit ganz klaren Aussagen gibt. „Apathisch warten“ auf der Dezibelkarate zum Beispiel, das hörst du dir an und weißt genau „Aha, alles klar! Lustig, so meint er das. Punkt.“ Da brauch man nichts mehr dazu zu sagen. Bei anderen Stücken wiederum ist es vielleicht sehr persönlich oder man verarbeitet selber Sachen und wenn andere Leute ähnliche Emotionen haben, dann entstehen da automatisch Parallelen zwischen diesen Köpfen. Und das ist ja, finde ich, eine große Stärke bei Texten. Du ließt nicht einfach einen Zeitungsbericht, der einfach so runtergeht, sondern das du zwischen den Zeilen soviel reinsetzen kannst, nicht interpretieren, einfach nur soviel reinfühlen kannst und es auf dich beziehen kannst. Und das ist eine stärke von Texten - auf jeden Fall! Aber, was ich vor Jahren in der Plastic Bomb gesagt hab, das ist nach wie vor heute so, also ein guter Text muss auf jeden Fall zur Musik passen. Auf jeden Fall. Ganz sicher.

Internet: Raki, Du hast gesagt, daß die „En Garde“ voll ins „brennen“ geschlagen hat. Wie sieht es heute aus? Schon Monate vor VÖ, gab es die DEZIBELKARATE zum Download bei bekannten Tauschbörsen. Seid Ihr auch der Meinung: „Copy kills Music“? Und verbaut das Chancen, auf ´nem Major weitere Platten zu veröffentlichen?
R: Wo Du schon auf tausend andere Interviews verweist. Auch dazu haben wir schon häufig gesagt, daß wir das cool finden, daß wir das selber - ach, äähh, nee, wir machen das natürlich nicht selber! Der Feind hört ja immer mit. - Also während wir nicht kiffen, laden wir nicht herunter (Lachen). Nein, es nützt uns noch nach wie vor, genauso wie es uns gleichzeitig schadet. Klar, es werden weniger Platten verkauft, natürlich ist die Plattenfirma enttäuscht. Nicht nur unseretwegen, sondern wegen den CD´s, die sich schlechter verkaufen... Andererseits sind Konzerte besser besucht, weil sich die Leute viel leichter die Musik besorgen können und man kann total schnell Stücke verbreiten...

Verbaut das nicht eine Chance für eine Junge Band?
R: Nein. Überhaupt nicht.

T: Eher im Gegenteil. Also grade als junge Band eine CD einzuspielen im Proberaum ist ja mittlerweile ziemlich einfach. Die stellst du ins Internet und wenn du Glück hast verbreitet sie sich auch darüber.

Hmmh, ich will eher darauf hinaus, daß die Plattenfirmen dann wahrscheinlich aber lieber die X. „Best of“ vom Marius Müller Westernhagen & Co., rausbringen, als noch mal einer jungen Band eine Chance zu geben.
T: Das ist natürlich ganz klar. Plattenfirmen schrumpfen halt immer weiter zusammen und haben weniger Bands. Völlig klar, das stimmt schon „Copy kills music“. Also es hat ja auch einen Grund, daß wir unsere Platte so oft verschoben haben. Das liegt natürlich schon daran, daß sich Motor einfach, keine Ahnung, sich um 30% verkleinert hat in der Zeit, wo wir jetzt da sind.

S: Das ganze Brennen und so was, ist ja nicht die Ursache des ganzen Übels, sondern einfach die Strategien, die die Konzerne in den letzten Jahren gefahren haben. Das ist das Problem. Also überhaupt, dass die einfach soviel Geld für Scheisse ausgegeben haben, für irgendwelche Acts, um mit möglichst wenig Zeitaufwand richtig viel Kohle rauszuschlagen, das war einfach dumm. Weil jetzt sind einfach keine richtigen Nachwuchsbands, die da nicht aus dem Independentbereich gekommen, nachgewachsen und das ist das Problem.

Als die Single „Kein Radiosong“ erschien, die war nicht in den Top 100?
C: Ähhhmm...

Wisst ihr da Zahlen?
R: Das müsste etwas um die 130 gewesen sein.

Als „Kein Radiosong“ erschien, konnte man eine Woche später die Single von „Overground“, oder was auch immer, in den Charts entdecken aber nicht Eure. Tut das manchmal weh, eher so ´nen zusammengwürfelten Haufen dort zu sehen & nicht Euch?
C: Ne, eigentlich nicht. Also, ja, ich denk dabei nicht so oft an das Geld. Ich denk mehr „Die kriegen gesagt, was sie zu tun haben, die müssen springen, die haben keinen anderen Job als ein normaler Arbeitnehmer auch.“ Die müssen tun was ihnen gesagt wird, das ist bei uns halt nicht so. Wir haben den ganzen Kram immer selber gemacht, vor allem Liveshows und so. Wir machen halt, was wir wollen und diese Freiheit zu behalten ist schon geil. Und das ist ein Vorteil und ein Luxus, den wir uns gönnen und auch behalten werden gegenüber solchen „Bands“.

Gut, die sind ja auch bald vergessen. Inwieweit ist es da von Vorteil, auf eine gesunde Fanbasis blicken zu können. Ihr seid ja lange genug im „Geschäft“…
C: Ja, super! Von daher ist mir das auch mit den Verkäufen relativ egal. O.k., es hängt natürlich sehr was dran, ob du weiter eine Platte aufnehmen kannst, aber eine Fanbasis ist schon geil. Wir sind 8 Jahre lang durch die Gegend getourt und haben live gespielt. Und selbst wenn wir die Platten nicht mehr auf einem Major rausbringen, wird das immer noch genauso aussehen. Das ist schon schön, dass man darauf vertrauen kann.

In „Immer im Gepäck“ singst Du: „Zurück kann ich immer noch…“. Sollte es mit dem kommerziellen Durchbruch nicht klappen. Könnt Ihr dann noch zurück? Würdet Ihr das überhaupt wollen?
S: (lacht) Ähm, also da muss ich Dich jetzt korrigieren, weil sich das Stück eigentlich gar nicht damit auseinandersetzt. Das ist ja eigentlich das Tourleben.

Na, ich hab da halt mal was von mir reininterpretiert, hehe...
S: Ah, OK.

Weil die Leute können sich ja daraus ziehen, was sie wollen...
S: Ja, gut, aber das Stück ist jetzt wiederum eins. (lachen) Ja, Ok. Also du meinst, wenn wir von Motor gedroppt werden, ob wir wieder im Independentbereich Fuß fassen… Also ich würde sagen, ja, auf jeden Fall! Weil, es ist halt nicht so der Unterschied zwischen Major und Indie, wie wir uns das vorher vorgestellt haben. Im Endeffekt läuft unsere Arbeit genauso weiter, nur steht im Hintergrund für die CD-Produktion eine Firma, die Geld gibt und sich dann um den Verkauf kümmert. Das hat Vitaminepillen vorher auch getan. Im kleineren Maße natürlich, aber unser Tourleben, unsere Merchandise- und Fanarbeit läuft nach wie vor genauso aus unserer Hand und das geben wir auch nie an Zweite weiter.

T: Also für mich persönlich, „Zurück kann ich immer noch“ verstehe ich eher - Also gestern haben wir „Los Disckolos“ kennen gelernt, aus Argentinien, ultracoole Typen und da will ich mal hin und wenn es mir da nicht gefällt in Argentinien, dann kann ich immer noch zurück....

Gestern hast du Australien gesagt!

(alle lachen)

T: Ja, da kannte ich die ja auch noch nicht! Ah nee, nach Australien will ich eigentlich auch nicht. Hehe.

Wenn ich mal die derzeitige Musikszene überblicke, fällt mir auf, daß Bands wie MUFF POTTER, SCHROTTGRENZE oder eben auch ihr dabei seid, den vermeintlichen Größen auf die Füße zu treten. Ihr alle spielt, wenn auch teilweise früh bei größeren Festivals (BERLINOVA, etc.). Meint Ihr in naher Zukunft werden die Leute wieder mehr ein Auge auf Bands haben, die sich das wirklich alles erarbeitet haben, auf diesen Bühnen zu stehen?
C: Ich hoffe das. Ich mach das schon lange so, also dass ich immer auf die Suche nach neuen Bands gehe. Vor allem gute Livebands. Was die dann im Studio machen, selbst wenn die Platte kacke ist. Und wenn die Band live gut ist, werde ich auch immer wieder hingehen und Geld dafür bezahlen. Und ich hoffe, dass sich das auch vor allem in der Jugend, was weiß ich - Alter 15 Jahre - durchsetzt. Ich hoffe das inbrünstig! Ich weiß aber nicht, ob das klappt, weil das ist im Endeffekt, dass worauf es aus meiner Sicht beim Musikmachen ankommt. Das du halt eine gute Liveband bist und vor allem, daß das auch Leute mitbekommen.

Nach 6 Alben. Andere schaffen es gar nicht so weit. Schon mal überlegt, ´ne Art „Best of“ herauszubringen oder ein Livealbum, oder neumodisch eine DVD?
R: Ja, wohl weil wir in 1 ½ Jahren unser 10-Jähriges feiern, wird es irgendetwas geben. Hoffentlich haben wir dann die entsprechende Plattenfirma, die uns das ermöglicht. Aber wir sammeln schon Material für eine wohlmögliche DVD. `Best Of´, weiß ich nicht, ein Livealbum wäre auch eine Möglichkeit. Das ist letztlich aber irgendwie so doofe Firmenstrategie-Politik und da wird sich zeigen, was da grade sein muss/kann/wird. Aber so langsam wollen wir uns dann zu Ruhe setzen....

Also, ‚Best Of' oder Livealbum? Was, wenn überhaupt, lieber?
C: (schlürfendes Geräusch) Isch lutsch krad mein Eischwürfel....
Wenn, lieber Livealbum.

S: Ja, ich denke auch, das ist für uns dann erst einmal das Livealbum. Also wir wollen ganz viele alte Stücke noch mal auf CD haben, in besserer Produktion und vor allem besser von uns gespielt, als früher. Da bietet sich einfach das Livealbum an, das knallt dann und ich glaub das wollen dann auch die Leute eher von uns hören, als so ein blödes Best-Of produziertes Album.

Bei den ganzen Presseterminen und der ganzen Arbeit, die hinter so einem Album steckt, bleibt da noch Zeit für was anderes? Wie läufts mit Euren Studien – oder beschränkt Ihr Euch nur noch auf Nebenjobs? Könnt oder müsst Ihr mittlerweile von der Band leben?
C: Zeit bleibt schon. Also du hast teilweise Phasen, wo du wirklich viel beschäftigt bist. Also beispielsweise Raki: Der kümmert sich dann mehrere Stunden um Papierkram. Pro Tag, das muss man sich erstmal überlegen! Und du hast halt wirklich teilweise Phasen, wo du morgens aufstehst, abends irgendwann nach Hause kommst, den ganzen Tag nur Band gemacht hast und eigentlich gar keinen Bock mehr auf was Anderes hast. So ab ins Bett- fertig! Aber dann hast du Phasen, wo du 2 Monate Freizeit hast. Es kommt immer sehr heftig. Es ist keine Ausgewogenheit, sondern immer nur phasenweise.

Jetzt, wo Euer Video auf VIVA läuft. Werdet Ihr auf der Strasse angesprochen & wird nach Autogrammen gefragt? ;-)
C: Nö. (lacht)

R: Ab und zu sehe ich, wie mir Kaninchen folgen… Ich bin mir ganz sicher! Die wollen was von mir!

O.k., das war´s die letzten Worte gehören Euch.
C: Och ne, ich hab noch zu viel Restalkohol. Fällt mir jetzt nix ein!

Rock`n´Roll ist kein Lehnstuhl!
S: Das ist übrigens ein sehr gutes Motto. Also, wenn euch diese Stadt mal wieder zu grau, zu trist, zu leer und viel zu groß und anonym ist, dann hört doch einfach mal in DEZIBELKARATE rein, denn das ist wahre Gefühlswelt, Leben... mit einem Gemisch aus Rock`n´Roll. Viel Spass!

mieschka | Fr., 06. Feb 2004 | Interview

Wie lange hatte ich auf dieses Treffen gewartet? Viermal scheiterte ein Interview mit dem Godfather Of Ska LAUREL AITKEN. Mal war er krank. Mal hatte er keine Zeit, weil sein Flugzeug wartete. Mal war er zu müde nach der Show, um Fragen zu beantworten, usw. Bei seinem Alter von 77 Jahren und seiner großartigen, aber doch recht anstrengenden Bühnenshow sollte man ihm das nicht krumm nehmen! Aber ich blieb dran, nervte weiter sein Label und den/die Tourmanager. Am 6.3.2003 war es endlich soweit. Im Hotel Ibis in Berlin-Friedrichshain trafen wir in seinem Zimmer aufeinander. Es sollte ein langes, sehr spannendes und sehr unterhaltsames Gespräch werden. Manchmal war es auch eine Art Großvater - Enkel-Gespräch, weil Herr AITKEN manches sehr ausschweifend beantwortete, obwohl das vorher gar nicht gefragt worden war... Ursprünglich erschien das Interview im Wahrschauer-Fanzine # 46. Dies hier ist die (fast) komplett ungekürzte Fassung des Gesprächs. Lediglich einige Fragen, die Herr AITKEN in einem Satz trocken beantwortete, wurden weggelassen. Aus gegebenem Anlass wegen des Altersunterschieds und als kleinen Tribut sieze ich LAUREL AITKEN übrigens in der deutschen Übersetzung.

Als ich sein Zimmer betrat, war es 19 Uhr. Herr AITKEN sah „Heute-Nachrichten“ im ZDF.

Schauen Sie das nur wegen der Bilder oder können Sie Deutsch?
Nein, ich verstehe nur Deutsch. Sprechen kann ich es leider nicht, aber ich informiere mich gerne über das, was in der Welt so passiert.

Sie waren ja auch zahlreiche Male jetzt in Deutschland unterwegs...
Ja, aber ich kann Französisch, Englisch, Spanisch und Italienisch richtig sprechen.

Das finde ich auch bemerkenswert, zumal Sie nie eine Schule besucht haben.
Nun, in meiner Kindheit lebte ich in armen Verhältnissen. Ich habe mit elf Jahren begonnen zu singen, weil ich Geld brauchte. Es war eine schwere Zeit.

Ja, darüber hat man schon viel gelesen und gehört. Was mich jedoch interessieren würde, wäre, dass ihre Karriere ja große Hochs und Tiefs hatte. Zuerst sind Sie in Jamaika ein Superstar geworden...
Ja, die Leute liebten mich. Ich habe Ska gesungen. Das wollten die Leute haben...

Dann kam ihre Auswanderung nach England...
Genau, zu den ganzen weißen Jungs. Zu meinen Shows kamen immer Skinheads, aber auch ganz normale Jugendliche. Es war sehr schön. Ich habe für die weißen Skinheads gesungen.

Wie war die Situation genau? Sie kamen ja nicht wegen den Skinheads nach Europa, sondern weil die reichen Jamaikaner alle nach England gezogen waren. In ihrer Heimat in Kuba und auf der Skainsel Jamaika konnten Sie ja wenig verdienen.
Die Leute waren dort arm. In Großbritannien kamen fast keine Schwarzen zu mir, sondern Weiße, Skinheads eben.

Stimmt es, dass durch ihre Übersiedlung nach England das Label „Bluebeat“, welches uns so viele Skaklassiker im Lauf der Zeit geschenkt hat, gegründet worden ist?
Jamaikaner lieben es zu tanzen. Als aus New Orleans der Boogie kam, war die Zeit reif für Ska. Damals gab es noch keinen Bob Marley. - Du verstehtst, was ich meine - Als ich 1960 nach England ging, gab es dort zwei Plattenfirmen Starlite und die Andere hieß Melodisc.

Genau, und das soll der Vorgänger von Bluebeat gewesen sein.
Sicher, Ska kam aus Jamaika. Bluebeat war ein anderer Name dafür bei uns. Früher nannte man Ska auf Jamaika so. Das passte. Ich sprach mit dem Melodisc-Inhaber, weil er mich gefragt hatte, was der beste Name für eine neue Firma wäre. Er meinte „Bluebeat“. Ich sagte: ´Oh, ja, das gefällt mir.´So nannten wir es von dem Tag an Bluebeat.

In Jamaika waren Sie ja sehr bekannt, bevor Sie auswanderten. War die Begeisterung im britischen Publikum gleich ähnlich der in ihrer Heimat?
Es war in England einfach ein neuer Typ von Fan. Es waren Skinheads. Sie liebten meine Musik viel mehr als alle Anderen. Sie liebten ´Black Ska´. Sie waren viel treuer. Es war für mich eine Ehre ihnen jamaikanische Musik zu bringen und Bluebeat in Europa bekannt zu machen. In meiner Heimat waren die Leute satt.

Aber haben sich auf den Konzerten in England in den 60er Jahren nicht auch Immigranten aus Jamaika und die einheimischen Skinheads getroffen? Es waren doch einige nach Großbritannien gezogen.
Ja, sicher, schon ein paar. Aber die meisten waren eben Skinheads vor der Bühne. Vorher in Jamaika gab es Leute, die mir meine Karriere nicht gegönnt haben. Die Skinheads haben mich von Anfang an frenetisch unterstützt.

Welchen Abschnitt ihrer Karriere finden Sie eigentlich am Besten, am Produktivsten? Die 50er Jahre in Jamaika mit den ersten Schritten in Richtung Ska? Die 60er in England mit der Entstehung der Skinheads? Die 70er Jahre mit Reggae? Die 80er Jahre mit 2Tone? Oder die 90er Jahre mit ihren großen Liveerfolgen in Europa, speziell in Deutschland?
Die Zeit, als ich in Brixton gelebt habe. Als die Skinheads wiederkamen. Das war spannend und inspirierend.

Sie hatten unglaublich viele Begleitbands. Weshalb haben Sie keine feste Eigne?
Das war mein Fehler. Ich hatte eine feste Band, aber sie wollte nicht überall hin mitkommen. Sie wollten mitreden, wenn eine Tour anstand, ob das sinnvoll sei. Ich wollte einfach zu den Leuten, die meine Lieder mögen. Deshalb verließ ich sie. Als ich in England war, fragten mich die Veranstalter in Italien und Frankreich, ob ich nicht in ihren Ländern touren wolle. Ich freute mich und sagte zu. Danach fing das an, dass mich ständig Bands fragten, ob sie mit dir zusammen spielen können. Die jungen Gruppen lieben Ska. Ich tue es. Warum sollte man hier nicht etwas zusammenmachen? Wenn ich ihnen vertrauen kann, ist das kein Problem.

Dadurch entstehen jedoch oft Probleme für sie. Auf dem Easter Ska Jam 2002 z.B. hatten sie die NO. 1 STATION als Begleitband. Sie haben auf der Bühne oft geschimpft, wenn sie sich verspielt hat oder irgendetwas schief lief.
Das ist ein Problem der Stile. Ich habe meinen und jede Band hat ihren. Wir müssen uns aneinander gewöhnen, aber das ist nicht schwierig. Egal, ob NO. 1 STATION oder jemand Anderes, ich freue mich, wenn Gruppen meine Musik mögen und mit mir spielen wollen. In Deutschland ist es die COURT JESTER´S CREW, eine fabelhafte Band. Wohl die beste Begleitband überhaupt.

Besser als NO SPORTS und die BUSTERS, die sie auch schon begleitet haben?
Nun, das war eine andere Zeit. Das ist schon lange her. NO SPORTS war eine andere Ära. Die BUSTERS waren gut. Mit ihnen habe ich mein erstes Stück in Deutschland aufgenommen. NO SPORTS waren Skafans. Stimmt es, dass sie sich aufgelöst haben?

Ja, ich war bei einem ihrer drei Abschiedskonzerte in Süddeutschland. Seltsam, oder? LAUREL AITKEN steht immer noch auf der Bühne, während NO SPORTS, die das Alter ihrer Kinder haben könnten, in Rente gehen?
Das ist schade. Sie werden wiederkommen. Ich werde sie fragen.

Was macht eigentlich nach den zig Shows, die Sie gespielt haben, ein gutes Konzert für Sie persönlich aus? Die Reaktionen im Publikum, eine gut eingespielte Begleitband oder die Besucherzahl?
Das Publikum ist egal, denn wenn die Band mies ist, kann mein Auftritt auch nicht gut sein. Gestern sind wir in Hamburg aufgetreten. Es war einer der besten Gigs, die ich je gespielt habe. Das Publikum war so freundlich. Ich trete mit den fabelhaften PRESSURE TEANANTS aus England auf. Ich vergleiche schon lange nicht mehr, sondern genieße einfach jede Show. Für mich ist es immer wieder schön auf der Bühne zu stehen, weil ich mich freue, wenn ich meinem Publikum auch in meinem Alter noch gute Laune bringen kann.

Sie haben sehr oft in den vergangenen vier, fünf Jahren in Deutschland gespielt. Wie sieht es mit anderen Ländern und Kontinenten aus?
Oh, ich trete auch oft in Italien auf. Bevor ich diese Tour mit den PRESSURE TEANANTS in Deutschland begonnen habe, war ich sechs Wochen vorher in Japan unterwegs. Mich kann jeder sehen, der will.

Haben Sie dort die ROLLINGS aus Tokyo kennen gelernt? Die Japaner haben mir erzählt, dass sie sich auf ein Wiedersehen mit dem „ großartigen Sir AITKEN“ auf der Tour freuen?
Ich bin nicht großartig. Ich bin nur LAUREL AITKEN. was für ein grandioser Satz!, d.S.

Wer hat ihnen eigentlich den Titel „Godfather Of Ska“ verpasst? Das war doch bestimmt nicht ihre Idee.
Glücklicherweise war es keine Frau, die mich so nannte (großes Gelächter, seine Goldzähne funkeln vor Lachen) . Das ist lange her. Da habe ich in London im „Gaz Rockin´ Blues“ gespielt. Ich bin dort mehrmals aufgetreten. Der Tag, als der Titel erfunden worden ist, war ein Festival mit vielen Gruppen. Als mein Auftritt dran war, hat mich Gaz angekündigt: „Ladies & Gentlemen, here comes the one and only godfather of Ska - Laurel Aitken!“ Er hatte schon immer eine große Klappe. An dem Abend war die Presse dort. Einer von der Zeitung „Mirror“ und einer vom „Melody Maker“. Drei Tage später rief mich ein Freund an: Hast du die Zeitung gesehen? Im Melody Maker steht, dass du der „Godfather Of Ska“ bist. Dort war ein Artikel über mich. Ich sei der Erfinder des Skas, bla, bla, bla... Viel Unsinn also. Aber ich konnte das nicht mehr stoppen. Die Leute benutzen diesen Titel immer wieder. Irgendwann freundete ich mich damit auch an, weil ich der einzige Jamaikaner war, der diesen Musikstil die ganzen Jahre über in Ehren hielt. Obwohl: Bitte nenne mich den „kleinsten Mann des Skas“ ab jetzt bitte! Das gefällt mir. Das ist etwas Neues.

Also Herr AITKEN, wenn ich etwas Lustiges über sie schreiben soll, dann müssen sie mir auch ein wenig über das Label mit meinem Namen erzählen, für das sie gearbeitet haben: Dr. Bird Rec.
Oh, da kann ich wenig Komisches berichten. Das ist eine kleine, englische Firma in den 60er Jahren gewesen. Ich habe ein paar Songs für sie aufgenommen. Das Studio ist im voraus von mir bezahlt worden. Gaz meinte, dass er das schon irgendwie so gut wie möglich veröffentlichen kann. Nachher hat keiner von der Firma je mehr mit mir gesprochen. Es gibt Hunderte von solchen, unveröffentlichten Songs von mir.

Wir in Deutschland haben ziemliches Glück, dass wir Grover Rec. haben, die viele ihrer alten Scheiben und Songs herausbringen. Trotzdem veröffentlichen sie auch Platten außer der Reihe, wie die spanische Platte auf Liquidator, die man nur über Mailorder bei uns bekommt. Haben sie die Jahre über Lehrgeld in Sachen Plattenfirmen zahlen müssen?
Natürlich ein wenig, aber für den Vertrieb habe ich mich noch nie sonderlich interessiert. Ich muss Grover hier in Deutschland danken. Sie machen einen guten Job und bringen meine Platten heraus.

Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie mit der Mod-Band SECRET AFFAIR getourt sind?
Das war die Zeit, als ich „Rudi Got Married“ aufgenommen habe. Ich hatte gerade keine Begleitband für eine Tour. Wenig später haben mich die RODS (?) gefragt, ob sie mich begleiten können. Der Sänger der RODS war mit SECRET AFFAIR gut befreundet und meinte, dass er durch mich jetzt ja auf der Tour keine Aufgabe hätte. Er sang dann bei SECRET AFFAIR, die die Tour als Vorband dann mitfuhren. Also SECRET AFFAIR war nicht meine Begleitband!!!

Ein anderes Gerücht besagt, dass sie sehr lange in einem spanischen Restaurant in England gearbeitet haben.
Das ist richtig. Als Ska und Reggae am Boden war, und fast keiner mehr die Musik hörte, habe ich dort gearbeitet. Das war drei Minuten von meiner Wohnung entfernt. Ich habe dort viel teure Zeit verschwendet. Leute in Italien, Deutschland, Frankreich oder Japan wollten mich live sehen. Ich konnte jedoch nicht wegen der Kosten reisen. Die Zeit im Restaurant wäre wohl für jeden Künstler seine Schwerste gewesen, um seinen Lebensunterhalt weiter bestreiten zu können. Heute hat sich das glücklicherweise geändert. Ich gehe gelegentlich noch vorbei, um Hallo zu sagen oder eine Kleinigkeit zu essen.

Und was haben Sie dort getan? Waren Sie in der Küche beschäftigt?
Laurel Aitken lacht laut los:
Nein, ich habe gesungen. Ich in der Küche? Nein, so schlimm war es noch nicht um mich bestellt.

Ach so, in Deutschland kennen wir ähnliche Karrieren. Da treten Schlagerstars bei Möbelhaus-Eröffnungen auf. Auch ein großer Abstieg.
Sicher, fast so schlimm wie Kreuzfahrten.

Ich habe einen Konzertbericht in einer alten SKIN UP-Fanzine-Ausgabe gelesen, dass sie in England in den 90er Jahren auch in ganz kleinen Clubs, in Kneipen fast schon, aufgetreten sind. Welche Motivation steckte dahinter?
Nein, ich bin nie in kleinen Clubs für 100 Leute in Großbritannien aufgetreten. Immer in Großen!!!

Welches Gefühl ist es für Sie, wenn Sie auf so eine lange Musiklaufbahn zurückblicken? Sie können so viele Texte ihrer alten Songs noch, aber rein körperlich sind nur noch eine Stunde oder 90 Minuten Spielzeit live möglich. Langweilen sie sich nicht, wenn sie nicht variieren können und quasi ständig ihr gleiches Best Of-Programm ihren Fans bieten müssen/sollen?
Ein Liveauftritt ist immer schön.

Wie stellen sie ihre Songs für ihr Programm denn zusammen?
Ich habe zwar ein große Auswahl zur Verfügung, aber die Leute schreien schon immer beim Gig: „Spiel ´Sally Brown´! Gib uns ´Mad About You´ - ´Skinhead Train´ - ´Bad Minded Woman´ - oder natürlich ´Skinhead´.” Mir ist es wichtig, dass meine Begleitband diese Songs perfekt kann. Mit noch mehr Stücken überfordert man sie eher.

Hat einer wie LAUREL AITKEN noch Wünsche für die Zukunft? Von guter Gesundheit natürlich einmal abgesehen.
Es soll bald ein neues Album geben. Ich werde mir die besten Studiomusiker zusammensuchen. Keine eigne, feste Band, nur für die Aufnahmen. Das Album wird völlig anders werden. Mehr Rock gemischt mit Ska und Reggae.

Sie können doch Klavier spielen. Wann werden wir LAUREL AITKEN einmal mit einer Piano-Tour sehen, wo er viele rare Stücke spielen wird?
Oh, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht, aber die Idee ist gut. Doch meistens bin ich nach einer Stunde auch körperlich geschafft. Nicht wegen des Tanzens, sondern wegen der Luft und den Scheinwerfern auf der Bühne.

Vielen Dank für Ihre Zeit, das Interview und ihre Interpretation von Ska!
Als das Diktiergerät ausgeschaltet war, drückte ich ihm noch einen TwoTone-Niter-Flyer (Am 2. Freitag im Monat, Kulturfabrik, Berlin-Moabit) in die Hand. Er meinte darauf trocken, ich solle ihm ein Klavier beschaffen, dann tritt er dort auf. Immer diese Rude Boy-Witze, um mich aufs Glatteis zu führen, tz, tz, tz... Eine lustige Marotte von LAUREL AITKEN ist übrigens, dass er sich von seinen Interviewern ihre Adresse geben lässt, um ihnen (angeblich) unveröffentlichte Songs zuzuschicken. Ich kenne zwei andere Gesprächspartner von Herrn AITKEN, die wie ich auch nie ein Päckchen bekommen haben. Trotzdem finde ich die Aktion lustig, auch falls es lediglich eine reine Höflichkeitsgeste ist, um Interesse am Interviewer zu betonen… Aber vielleicht kommt ja noch etwas… Er ist ja ständig auf Tour und hat keine Zeit fürs Päckchen packen….

Autor: Vogel

matthias | Sa., 24. Jan 2004 | Interview

Na wie ist es wieder in Berlin zu sein?
Cool. Es ist vor allem, weil wir hier in größeren Hallen spielen als sonst. Normalerweise haben wir ja im SO gespielt, aber dieses Mal ist halt alles größer angelegt. Die Tour ist ja auch gewachsen. Aber das ist ok.

Was ist dir denn lieber, große Hallen oder kleine Clubs?
Schwer zu sagen, ich mag beides eigentlich. Kleine Auftritte sind besser, weil es keine Absperrungen gibt, die kann ich nicht so ab. Wir kommen ja aus der kleinen Clubszene und da geht's verrückter ab, man kann nicht atmen und es ist tierisch heiß usw.. Bei großen Hallen hat man mehr Bewegungsfreiraum um sich auszutoben. Manchmal kommt aber auch einfach keine Stimmung auf, weil das Publikum so weit weg ist. Ich mag halt keine Absperrungen.

Wie ist die Resistance-Tour bis jetzt verlaufen?
Wenn ich ehrlich sein soll weniger verrückt eher ziemlich ruhig. Ja, ich weiß, dass hört sich langweilig an. Die Leute wollen immer was ganz aufregendes hören. Aber die Shows waren bis jetzt cool und die Bands verstehen sich gut. Man supported sich gegenseitig, obwohl man sich zum Teil nicht kennt, weil die Bands von der Ost-, Westküste oder Europa kommen. Jeder schaut sich mal die Shows der anderen an, aber ansonsten ist es ziemlich ruhig. Einen Abend kamen alle rüber zu unserem Tourbus, wir haben laut Mucke gehört und es war wie ne riesige Disco.

Ich hab gehört, dass ihr ne spezielle Connection zu Berlin hat, was nicht unwesentlich mit MAD zu tun hat.
Ja, das stimmt. Berlin ist die Basis von MAD. Sie haben bisher alle Touren, die wir in den letzten 10 Jahren in Deutschland gemacht haben, zusammen geschustert. Jedes Mal, wenn wir hier sind treffen wir Leute wie ihn [kurzer Fingerzeig auf einen Typen, der es sich in der Zwischenzeit im Aufenthaltsraum gemütlich gemacht hat], alte Freunde, verrückte und coole Leute [grins]. Auf jeden Fall gibt es hier ne Menge guys, die wir schon seit Jahren kennen.

Das letzte Mal ward ihr vor zwei Jahren hier und habt im Knaack gespielt?
Ja, unsere Abschiedstour!

War wohl dann doch kein endgültiger Abschied?
Ja, wir haben uns damals aufgelöst, weil es viele Probleme gab. Ich hatte Schwierigkeiten aus denen ich rauskommen musste. In der Band gab es auch untereinander Probleme. Jeder hatte so seine eigenen Pläne und mit unserem Label gab es auch Streß. Da kamen dann einfach viele Dinge zusammen. Und es hat auch keinen Spaß mehr gemacht. Nach der Trennung konnte jeder erstmal in Ruhe über sein Leben nachdenken und über das, was er damit anstellen will. Aber die Band macht einen so großen Teil in unserem Leben aus, dass es unmöglich war, die Sache einfach so ruhen zu lassen. Na ja dann waren zwei Jahre vergangen und wir haben uns gesagt, wir versuchen es noch mal, wenn wir die richtigen Leute finden. So kamen dann Mitts und Rigg dazu, die nicht nur gute Musiker, sondern auch gute Freunde sind. Das ist der Grund, warum es funktioniert, sie sind beides.

Euch gibt's jetzt seit 15 Jahren, hat sich die Szene merklich verändert?
Definitiv. Aber Szenen ändern sich ständig, sie rotieren. Neue Gesichter und jüngere Generationen kommen dazu, was auch gut so ist. Das wollen wir ja auch. Europa hat sich angeschlossen, aber auch in Amerika hat es Veränderungen gegeben. Alles ist viel größer geworden, soweit man das für einen Musikstil wie Hardcore sagen kann. In Amerika geht es noch immer ziemlich rough zu. Die Grundpfeiler im Osten und Westen haben noch immer Bestand und haben sich nicht weiter verändert. Aber mit Bands wie Hatebreed und so weiter erreicht man jetzt ein anderes Level und wir versuchen dabei zu bleiben. Aber es ist schon sehr cool zu sehen, wie die Szene wächst und wächst. Auch auf den Festivals gehen die Leute mittlerweile richtig ab, was geil ist.

Wie siehst du die Nachkommen der Hardcore-Szene?
Neue Generationen müssen akzeptiert werden und mich stört das überhaupt nicht. Ich mit meinen noch nicht mal 30 Jahren bin ja auch noch ziemlich jung. Trotzdem bezeichnen mich die Leute als "Old School Guy". Aber das hat wohl eher damit zusammenhängt, dass ich schon seit meiner Kindheit da mit drin hänge. Durch meinen Bruder und die anderen Jungs von Agnostic Front und durch Madball habe ich schon viel gesehen. Es ist nur wichtig, dass die Leute sich den Ursprung der Musik bewahren. Mittlerweile gibt es viele neue Bands mit ganz unterschiedlichen Einflüssen, was auch gut so ist. Musik muß sich halt verändern, das passiert mit der Zeit. Ich kann es nicht so ab, wenn Leute auf ihr Ding pochen wie straight edge oder auf das tough guys Getue. Der Punkt ist, dass man die Musik mag und nur die Musik. Trotzdem sind die Wurzeln wichtig für mich. Ich finds verrückt, wenn Leute zu mir kommen, die Madball hören, aber mit Agnostic Front nichts anfangen können.

Anscheinend hältst du nicht viel von dem
"Old School" und "tough guys" Gerede.

Ich glaube einfach, dass man von diesem Kram wegkommen muß. Es geht hier um Hardcore, um gute Shows und um Spaß. Wir machen ne Mischung aus altem und neuem, unseren Sound eben. Mit der neuen EP "NYHC" machen wir ein Statement und repräsentieren New York City. Aber es ist Hardcore und wir drücken dem keinen Stempel auf, von wegen wir sind die oder die Art von Band.

Autor: Jana

matthias | Sa., 17. Jan 2004 | Interview

2003

Die Toasters sind sicherlich eine der berühmtesten Ska Bands aus den USA und bedürfen wohl keiner langen Einleitung. Sänger Robert ‚Bucket’ Hingley, Kopf der Band und als einziger seit den Anfängen vor über 20 Jahren dabei, hatte mit der Gründung des Moon Ska Labels in New York mitgeholfen, die Ska Szene in den Staaten zu etablieren. Aus der kleinen Record Company, die sich als eine Kooperation von Künstlern verstand und auf gegenseitige Unterstützung baute, wurde ein großer Konzern. Internationale Ableger entstanden (so auch Moon Ska Europe) aber ein offenbar immer unüberschaubarer und schnelllebigerer Markt machte die idealistischen Ziele Buckets schließlich zunichte.

Das traurige Ende: Nach dem Abklingen der Massenbegeisterung für Ska in den USA Ende der 90er und nach einigen dubiosen Geldproblemen innerhalb des US-Labels, musste dieses seine Pforten dicht machen. Lediglich die frisch entstandenen Ableger blieben weiter bestehen. Stattdessen kniete Bucket sich wieder um so mehr in die Arbeit für seine Band die Toasters hinein, die daraufhin exzessiv auf Tour gingen.
Dieses Jahr nun, wagt Hingley einen neuen Start mit der Gründung von Megalith Records. Gleichzeitig sind die Toasters einmal mehr auf Europatournee unterwegs. Vor ihrem Konzert im Berliner SO36 bekam ich die Möglichkeit mit Jeff Richey (alto & bari Sax) zu sprechen. Durch gleich mehrere Hochsicherheitstüren ging es in den Backstage-Bereich, wo ich folgendes Gespräch führte. Eigentlich hatte ich mir an einigen Stellen etwas griffigere Antworten gewünscht, besonders die politisch orientierten Fragen konnten mich nicht wirklich zufrieden stellen. Das anschließende Konzert war aber wie gewohnt genial, trotz der nur halb vollen Halle.

Auf der aktuellen Tour seit Ihr mit dem jeden-Tag-ein-Konzert-Programm sehr beschäftigt. Wirst du es irgendwann auch einmal müde unterwegs zu sein? Kann es passieren, dass Dir der Touralltag langweilig wird?
Ob mir langweilig wird? Gute Frage.
Also wir als Band möchten freie Tage ohne einen Auftritt möglichst vermeiden. Erstens, weil das uns natürlich einiges an Geld kostet, aber gleichzeitig denke ich, dass es speziell für diese Band besser ist, einen Rhythmus zu finden, dann können wir das Ding durchziehen. Nach den ersten drei, vier Konzerten bekommen wir eine Art Groove und jetzt sind wir mitten in einem Sog, der uns immer weiter treibt. Würden wir jetzt eine Pause machen, würde dass unseren Fluss kaputtmachen, der mir persönlich sehr wichtig ist. Alles was mit Musik zu tun hat, sollte meiner Meinung nach Beständigkeit haben. Ich denke, das ist gut für die Band. So werden wir versuchen, ein paar neue Songs zu schreiben und es wird uns helfen, stärker zusammenzuwachsen.

Bleibt für Euch trotzdem noch Zeit, um die Städte und Länder die Ihr besucht kennen zu lernen?
Ja, manchmal schon. Aus dem Grund haben wir auch einen Tourbus gebucht. So sind wir nicht immer so müde, wir können schlafen wenn wir es nötig haben und all diese Dinge. Es ist sehr angenehm einen Bus zu haben. Heute zum Beispiel hatte ich Zeit, ein wenig umherzuwandern und Berlin gefällt mir sehr gut, speziell hier in Kreuzberg, SO 36. Wenn man schon um ca. 14 Uhr die Konzerthalle erreicht, hat man bis zum Soundcheck um etwa 17 oder 18 Uhr Zeit. Und was tut man so lange?... Man macht einen Spaziergang.

Was würdest Du sagen ist hier anders als auf Tourneen in den USA?
Spontan würde ich sagen, der Hauptunterschied ist die Beständigkeit von Ska. Auf dem europäischen Kontinent sind die Fans sehr treu. Sie kommen Jahr für Jahr immer wieder. Wenn sie einmal eine Band gefunden haben, die sie mögen, hören sie nicht so schnell auf diese zu unterstützen. Und wenn sie eine andere gute Band finden, hören sie deshalb noch lange nicht auf die erste zu hören. Sie erweitern einfach ihren Musikhorizont und zwar mit Verstand, Körper und Seele. Aber in den Staaten, vor allem da unser Publikum etwas jünger ist, neigen die Kids eher dazu mit den aktuellen Trends und nach der Mode ihren Musikgeschmack zu wechseln. Und sie sind sich dessen nicht einmal notwendigerweise bewusst. Sie sind eben so aufgewachsen, umgeben von der Popkultur. Jugendliche in Amerika schenken einer einzigen Band wirklich nur sehr wenig Aufmerksamkeit. Der ganze Prozess läuft üblicherweise in Phasen ab. Aber hier auf dem Kontinent hat das alles mehr Beständigkeit. Wir haben fast überall 300 bis 700 Zuschauer. In den Staaten kann es passieren, dass an einem Tag 400 Kids zum Konzert kommen, und am nächsten Tag fährst du nur zwei Stunden und plötzlich kommen nur 5 Leute. Und du fragst dich: „Wow, was ist passiert?“

Ihr habt mal mit Dr. Ring-Ding zusammengearbeitet. Wie kamt ihr zu dem Kontakt? Wie habt Ihr ihn kennengelernt?
Dazu kann ich leider nicht allzu viel sagen, denn das war noch bevor ich in die Band kam. Aber das kam sicherlich daher, dass Bucket schon so lange mit den Toasters aktiv war und Dr. Ring-Ding hier so einen großen Erfolg hat. Das passiert einfach so:
Früher oder später laufen sich Ska Bands einfach über den Weg und gehen einen Kooperation ein. Die Erfahrungen die ich mit Ihm gemacht habe: Er ist ein cooler Kerl und wann immer er sich blicken lässt, haben wir eine gute Zeit zusammen.

Habt Ihr noch andere Verbindungen zu Europäischen Bands?
Auf dem Kontinent? Da muss ich mal überlegen. Ich meine, außer denen mit denen wir auf Festivals zusammen gespielt haben, und das war einen ganze Menge, kann ich mich an keine Band erinnern, die uns z. B. für eine ganze Tour begleiteten, außer den bei Moon Ska Europe unter Vertrag stehenden. Auf der ersten Tour bei der ich dabei war, wurden wir von King Prawn unterstützt. Das ist jetzt erst die zweite Europa Tournee mit einer einzigen Supportband. Und zwar: Whitmore, die sind echt in Ordnung. Wir haben viel Spaß mit Ihnen.

Verfolgst du generell Trends auf dem europäischen Markt?
Naja manchmal. Ich höre meist einfach nur das, wozu ich grade Lust habe. Und soweit es meine Arbeit angeht ist das auch nicht mein Job. Ich spiele einfach die Konzerte und genieße es. Aber normalerweise gibt es keinen Grund für mich, mich um die Trends zu kümmern. Das ist Buckets Job. Und Bucket bekommt so viel feedback von hier drüben, dass wir herkommen können und immer eine gute Zeit verbringen. Wenn sich der Trend ändert, wird Bucket das mitbekommen, genauso wie unsere Promoter in dem speziellen Land. In Italien bekommen wir zum Beispiel gerade sehr viel Zuspruch von den Skateboard- und Punkkids, die zur Zeit unsere Platten kaufen. Deshalb werden wir dort als Headliner zusammen mit Flogging Molly und Voodoo Glow Skulls Konzerte geben. Hier in Deutschland gibt es immer noch eine Menge traditioneller Fans und viele Skinheads und so. Jedes Land hat seinen eigenen individuellen Musikgeschmack und seine eigene Musikszene.

Die Toasters gibt es jetzt schon über 20 Jahre und Ihr hattet sicherlich die Möglichkeit, unglaublich viele Liveerfahrungen zu sammeln. Du bist noch nicht so lange mit dabei, aber vielleicht hast du trotzdem schon einen Generationswechsel unter den Fans mitbekommen. Was denkst du über die aktuelle Fangemeinde?
Eine gute Frage. Ich hatte tatsächlich Erfahrungen damit. Als ich noch jünger war und in der High school war, war Ska in America richtig beliebt. Das war so zwischen 1994 und 1997. Die Jugendlichen von damals wurden älter und fingen an, die verschiedensten Musikrichtungen zu hören. Wir sprachen bereits vorher darüber: Sie blieben nicht bei einer Richtung kleben, sie gingen einfach in eine andere Richtung über. Diese neue Jugend war sehr aufgeschlossen für neue Einflüsse. Zumeist fingen sie irgendwo bei den Punk-Sachen an und bewegten sich dann die Leiter hoch bis zum Reggae und so weiter. Das war einfach eine ganz natürliche Sache. So war es in den 90ern und so wird es auch jetzt sein. Auch in England und Italien kann man das momentan, genau wie in den Staaten und in Kanada, beobachten. Die Fans die zu unserer Show kommen, sind oft um die 14, 15, 16 Jahre alt, also ist es gar nicht möglich, dass sie die Toasters schon vor zehn Jahren hörten. Diese Jugendlichen haben eben das neue Album und sind beeinflusst von den aktuellen Gegebenheiten. Ich finde die Kids in Amerika großartig. Es gibt nur noch nicht genug von Ihnen, aber es werden immer mehr. Und wie in jeder Musikrichtung läuft das ganze in Kreisläufen ab. Es gibt immer Hochs und Tiefs. Wir verstehen das. Wir müssen uns einfach klar machen, dass man nicht zu viel erwarten darf. Man muss einfach der sein, der man ist und dann darauf zählen dass auch etwas zurückkommt.

In den USA wurde viel darüber geredet, die Ska Szene befände sich in einer Sackgasse und man müsse noch einmal ganz von vorne anfangen. Moon Ska Records mussten Ihre Pforten schließen und es geschahen noch mehr dieser traurigen Geschichten. Denkst du wir befinden uns jetzt schon wieder auf dem Weg heraus aus dem Tunnel oder warten da noch ein paar dunkle Jahre auf uns?
Nein, ich denke die Bewegung ist gar nicht so zerrüttet. Sicherlich, vielleicht war die Szene noch vor zwei oder drei Jahren nicht so groß wie heute, aber gleichzeitig lernten wir doch auch aus unseren Fehlern. Ich denke, die Ska Fans, die immer noch Fans sind, bemerken jetzt vielleicht, wie die Dinge damals schief liefen. Und wenn die Szene wieder richtig groß wird, wird es vielleicht auch ein bisschen mehr Anstrengungen geben, die Szene zu beschützen, sich ein wenig mehr darum zu kümmern und sie nicht wie ein bloßes Produkt zu behandeln, wie ein T-Shirt in einem Laden oder wie ein Auto auf einem Parkplatz. Die Leute werden sich vielleicht ein bisschen mehr darum bemühen, die Szene mit Respekt zu behandeln. Aber trotzdem muss das alles ganz natürlich geschehen. Wir können der Szene nichts mit Gewalt aufdrücken. Du kannst nichts einfach geschehen machen. Alles was wir speziell als Band tun können, ist die Toasters zu sein, neue CDs aufzunehmen, und auf Tour zu gehen, und unsere Songs zu spielen. Wir können und werden uns nicht einfach selbst verändern, wir werden immer die Toasters bleiben. Du wirst es heute Abend erleben können.

Sicher, vielleicht klingen wir besser als das letzte Mal, aber wir sind immer noch die Selben. Verstehst du was ich meine? Wir machen immer noch den gleichen Sound, wir bringen ihn immer noch genauso hart, und wir gewinnen jeden Abend neue Fans dazu. Und das ist alles was wir tun können: zu sein, wer wir sind und zu versuchen den Dingen ihren Lauf zu lassen. Wenn die Leute dann unsere Platten kaufen, gut so. Und wenn nicht, dann ist das eben so. Wir ziehen einfach unser Ding durch und tun was Bucket für richtig hält, und wir hören nicht auf hart zu arbeiten.

Reden wir über kommerziellen Erfolg. Ungefähr vor einem Jahr spielten die Pietasters, sicher eine der bekannteren Ska Bands, hier in Berlin (Kesselhaus). Aber die Halle war nur etwa halb voll. Könnte das ein Indiz für das gesunkene Interesse der Fans sein, vielleicht ein Hinweis darauf, das man als Ska Band einfach nicht mehr viel Geld machen kann. Fairerweise muss man erwähnen, dass die neue Pietasters CD (Turbo) natürlich auch ein wenig anders klingt als die davor. Aber kann das der einzige Grund für das mangelnde Interesse der Fans sein?
Naja, vielleicht klingt die neue Platte tatsächlich ein wenig anders, aber: Wie viele Leute haben die Platte überhaupt? Sie wurde bei weitem nicht so häufig verkauft wie das Live Album, auch nicht sooft wie „Willis“ oder „oolooloo“. Das waren wirklich große Alben, aber das war auch zu einer Zeit, als eine große Gemeinde dahinter stand. Aber noch einmal: Alles was die Pietasters tun können, ist neue Scheiben zu produzieren und weiterhin hier rüber zu kommen und Shows zu spielen. Sie können dich nicht dazu zwingen ihre CD zu kaufen. Alls was sie tun können ist, die Pietasters zu sein. Sie mögen sich vielleicht ein bisschen verändern und sie mögen versuchen, sich neu zu definieren aber auf lange Sicht wird das nicht all zu viel an den Plattenverkäufen ändern. Alles was sie bewirken können, ist immer wieder neu das Publikum zu gewinnen und neue Fans zu finden. Ich sehe nicht, auf welche Weise die Veränderungen, die die Pietasters vornehmen können, Leute dazu bringen könnten, nicht mehr zu Ihren Shows zu gehen. Aber sie können einfach nicht viel unternehmen, wenn keiner ihre neue Platte hat... Das ist ganz ähnlich bei uns. Wir haben auch keine weite Verbreitung in den Staaten. Wenn einfach niemand die Alben ins Plattenregal stellt, wie soll sich irgendwas verändern? Worauf wir hoffen können ist, einen guten, starken Katalog für das neue Label aufzubauen, so dass wir wieder stärker verbreitet werden, so dass die Leute die Platten kaufen können. Wir gehen da raus, spielen unsere Show und sehen zu, ob sich die Plattenverkäufe in dieser Region verbessern. Und mehr Plattenverkäufe bedeuten mehr Shows und mehr Shows bedeuten mehr Plattenverkäufe, wenn du verstehst was ich meine. Das ist alles ein großer Kreislauf, das ist das Musikgeschäft.

Dieses Jahr veröffentlichte Nofx, eine Band, die bisher nicht für Ihr politisches Engagement bekannt war, ihr absolut politisches Album „the war on errorism“. Ist es an der Zeit, als Band wieder politisch zu werden? Könnte das auch eine Möglichkeit sein, die Aufmerksamkeit der Leute zu erregen?
Ich sollte hier vorsichtig sein. Aber ich denke, das ist vielleicht eine etwas billige Masche, indem du deine Message änderst. Deine Musik zu verändern ist eine Sache, aber deine Message zu verändern, ist ein völlig anderes Ding. Nimm zum Beispiel die Toasters. Wir standen immer für die Hingabe zu harter Arbeit und in unseren Songs singen wir meist über das Leben auf Tour, übers Trinken und über die Musikindustrie. Über Sachen die wir machen und Sachen die wir kennen. Ich denke, wenn wir aus unserem Territorium herausträten, würde das auch verändern, was wir sind. Aber wenn Fat Mike richtig politisch werden will und seine Botschaft verändert, ist das immer noch ein Ding, wenn er wirklich daran glaubt was er sagt. Aber wenn er das nur deshalb tut, um mehr Leute auf sein Konzert zu locken, dann ist das nicht wirklich fair, oder?

OK, natürlich. Aber ist es vielleicht nicht trotzdem nötig und gut, so eine Bewegung zu unterstützen. Denkst du persönlich, das es Sinn macht, politisch zu sein, wenn man daran denkt, dass lange Zeit mit Rockmusik auch gleichzeitig das Begehren verbunden war, die Welt zu beeinflussen und zu verbessern?
Ja, ich verstehe worauf du anspielst. Wir würden nie anfangen Dinge zu sagen wie: “Ja, wir sollten in den Krieg ziehen“ und solche Sachen. Ich bin eigentlich nicht für den Krieg und all das, aber ich habe auch nicht für diesen Kerl gestimmt bei der Wahl, also was soll ich jetzt tun? Wenn ich ihn gewählt hätte und dann wäre er plötzlich angekommen und hätte verkündet, dass wir in den Krieg ziehen, dann hätte ich mich ziemlich dumm gefühlt. Aber ich fühle mich nicht dumm, da ich nicht für Ihn gestimmt habe. Es ist eben so wie es ist, denke ich. Ich nehme lieber Abstand davon, ein großes Ding daraus zu machen, weil ich eigentlich keine richtige Meinung zu der Sache habe, weder in die eine noch in die andere Richtung, außer der Tatsache, dass ich denke, wir sollten da nicht sein [Irak?]. Aber dann muss ich erneut sagen, entfernt sich das davon, worum es bei uns [den Toasters] geht. Und ich glaube nicht, dass die Toasters jemals das ändern werden, worum es bei Ihnen geht, oder dass sie ihre Botschaft, aus welchem Grund auch immer, ändern werden. Ja, wir sagen was wir fühlen, aber das wird unser allgemeines Bild nicht verändern und das wird auch nicht die Fans ändern, die zu unseren Shows kommen. Vielleicht werfen wir auch hier und da mal ein politisches Wort ein, wir haben zum Beispiel einen Song „ploughshares into guns“ [Pflugscharen zu Pistolen], aber der Song wurde bereits 1991 geschrieben, handelt also nicht vom Hier und Jetzt, sondern mehr vom Leben allgemein.

Aber gerade als Band aus New York, hat sich dort etwas verändert? Hat sich die Musikszene durch den 11. September 2001 verändert?
Ich kann nicht sagen, ob sich die Musik verändert hat oder nicht. Für eine Weile wollte einfach niemand darüber reden. Wir wollten das alles einfach eine Zeit lang, vielleicht 6 Monate oder ein Jahr, auf sich beruhen lassen. Aber was die Musik in New York angeht, hat sich im Nachhinein betrachtet wohl nicht sehr viel verändert. Die Kids in New York kommen immer noch zu den Shows.
Weißt du, das alles hat sie eher noch stärker gemacht. Und es brachte sie dazu, all das ein bisschen mehr schätzen zu lernen. Das ist alles was ich sagen kann. Das liegt an der amerikanischen Mentalität. Wir nutzen einfach jede Gelegenheit, die sich uns bietet, um die Menschen zusammen zu bringen. Und das war einen perfekte Gelegenheit um zusammenzustehen und uns zu ermahnen: „Weißt du was? Ich glaube wir kriegen das schon hin.“ Und ja, vielleicht muss wirklich etwas deswegen unternommen werden, aber lasst uns das den Mann erledigen, den wir gewählt haben. Wir für unseren Teil, lasst uns einfach als ein Volk zusammenhalten. Das ist der Eindruck, den ich von New York gewonnen habe. Ja, sie waren wütend, ja sie waren traurig. Und sie forderten eine Reaktion: „Ja findet Ihn [Osama Bin Laden?] und tötet Ihn.“ Aber dann mit ein bisschen Abstand hieß es: “Das ist eine schlimme Situation, aber lasst uns einfach alle zusammenhalten und lasst uns das Beste daraus machen.“ ... Und die Musik in New York ist großartig, sie ist so fantastisch wie eh und je. Das ist meinen Meinung, und ohne jemanden beleidigen zu wollen, wir haben auch hier in Deutschland tolle Konzerte, ich komme gerne hier rüber, aber ich denke das würde jeder bestätigen: „New York City ist der beste Gig in der ganzen Welt.“ Und ich würde dort mit Freude jede Nacht spielen, wenn ich müsste. Das ist es, was ich über New York denke, und ich wohne noch nicht einmal dort.

Ok, versuchen wir jetzt ein wenig über das neue Label Megalith Records zu reden. Weißt du von irgendwelchen Programmänderungen verglichen mit Moon Ska?
Bis jetzt macht das alles Bucket und sonst niemand. Und ich denke, dass ist erst mal auch wichtig für ihn. Er ist für sich selbst verantwortlich. Die Sache mit Moon Ska und den Geldproblemen war ja eine ziemlich gut dokumentierte Sache, mit den beiden Partnern die Geld veruntreuten...[Es redet hier von dem traurigen Ende von Moon Ska Records USA] Aber was den Markt angeht, was die Bands und die Musik usw. angeht, denke ich, hat sich nicht viel verändert. Bucket geht immer noch von New York aus. Er beginnt mit King Django, Victor Rice, mit dem New York Ska Jazz Ensemble und mit den Toasters. Und das ist einen relativ gute Ausgangsposition, wenn du mich fragst. Schau Dir die neuen Projekte an: Best of King Django, die neue Platte von Victor Rice, das neue Ska Jazz Album und The Toasters in Retrospect, Greatest Hits. Das sind nicht die schlechtesten Platten, für den Anfang. Und dann kommen noch die Blue Beats und die Rudy Crew (Ex Mitglieder von Skinnerbox), einfach traditionelle Sachen. Dann hält er auch noch Ausschau nach ein paar anderen Bands. Aber: Die Bands, die er sich schließlich aussucht, werden immer noch nach den gleichen Kriterien ausgewählt, wie in den 80ern und 90ern. Sie müssen sich hart ins Zeug legen und sie müssen es wirklich wollen. Zum Beispiel Westbound Train: diese Jungs würden wirklich alles tun, um eine Tour spielen zu dürfen, würden alles für die Show geben, die wollen einfach nur unbedingt spielen. Das ist eine große Band. Und genau deshalb arbeitet Bucket mit ihnen. Er wird keine Band nehmen, die nach dem Motto arbeitet: „Lass uns eine Platte machen und dann lass uns in Ruhe.“

Weißt Du ob sich im Konzept des Labels was verändert hat? Ich habe gelesen, dass Moon Ska wie eine Art Künstlerkooperation gedacht war, was leider am Ende nicht ganz funktionierte, denn sobald die Bands einigermaßen erfolgreich wurden, dachten sie nicht im mindesten daran, irgendetwas von der Unterstützung zurückzugeben, die sie zuvor bekommen hatten.
Darüber kann ich noch nicht viel sagen, weil bisher noch nicht besonders viel internationale Aufmerksamkeit für Megalith da war. Diese ganzen CDs stehen noch gar nicht in den Läden. Es gibt noch keinen nationalen Vertrieb für Megalith. Also wird in der Beziehung erst mal nicht viel passieren. Erst wenn die ersten richtigen Verträge unterzeichnet werden. Im Moment läuft das eher noch so ab: Wenn Bucket Victor Rices neues Album veröffentlichen will geht er einfach hin. „Victor willst Du, dass ich Deine neue Platte rausbringe?“ und er antwortet: „Klar!“ und das ist alles. Verstehst du was ich meine? Es gibt noch keinen großen Vertrag oder so etwas. Aber solange noch kein nationaler Vertrieb besteht, muss man sich um so was auch noch nicht kümmern.

Was kannst du uns über die neuesten Pläne für Megalith sagen?
Ich weiß, das Bucket versucht, die Hub City Stompers und Inspecter Seven (schneller Oi-Ska aus New Jersey) zu kriegen. Mit wem arbeitet er noch zusammen? I weiß das Rudy Crew gerade im Studio sind. Also wird ihr neues Studio Album auch auf Megalith herauskommen. Und da erwartet uns einiges. Das ist eine wirklich gute Band. Eine ganze Menge Bands die auf der Still Standing Compilation [Megalith Records im März 2003] vertreten waren arbeiten gerade an neuem Material.

In dem Programm sind auch Desorden Publico, eine Band aus Südamerika (Venezuela) vertreten. Könnte das ein Zeichen für eine Neuorientierung sein? Werden demnächst mehr spanisch sprechende Bands integriert werden?
Ich weiß, dass Bucket plant, nach Spanien zu ziehen, um dort zu leben. Ich glaube er will mit einigen spanisch sprechenden Bands arbeiten. Und er will das neue Desorden Publico Album auf Megalith veröffentlichen. Das wäre ziemlich cool. Ich meine, das würde für uns eine Möglichkeit ergeben, dort unten Fuß zu fassen, und würde umgekehrt für sie die Tür zu den Staaten öffnen. So weit ich gehört habe, haben sie großes Interesse angemeldet. Und er wollte mit ein paar Jungs aus Spanien arbeiten. Ja, ich denke das ist richtig, er will tatsächlich mehr mit spanisch orientierten Bands arbeiten. Man muss wissen, dass Ska in Mexiko gerade richtig groß ist und er ist sehr erfolgreich in Spanien. Auch in Südamerika macht er sich sehr gut. Also gäbe es dort einen großen Markt, und die Fans dort, sie lieben Musik!

Ok, ich sehe die Zeit ist um. Also lasst uns auf einen guten Start für das Label hoffen und jetzt freue ich mich auf das Konzert. Vielen dank für das Interview.

Krizn | Mi., 10. Dez 2003 | Interview

Was hatten sich Ska-P wohl vom deutschen Publikum erwartet, dass aus internationaler Sicht oft als „schwer zu begeistern“ beschrieben wird? Konnte man ausgerechnet an einem Montag mit einem großen Ansturm von Leuten rechnen? Zudem war die Band aus Madrid überhaupt das erste Mal in Berlin.

Als sich Ska-P am 08.12.2003 im Huxleys einfanden, waren sie von der Einrichtung wohl eher geschockt als begeistert. Wahrscheinlich hatten Ska-P etwas anderes von Berlins Punkszene erwartet, als einen großen Saal, der der Aula eines Gymnasium ähnelt. Zugegeben: eines großen Gymnasiums, dafür aber im altbackenen humanistisch, biederen Stil. Dabei war Huxleys Neue Welt erst vor Kurzem dieser „Schönheitsoperation“ unterzogen worden. Hinzu kam das Eintrittsgeld in Höhe von 18 Euro, welches von Seiten der Band, 15 Euro eigentlich nicht überschreiten sollte. Aufgrund dieser Tatsachen dachten sie zu mindestens darüber nach, das Konzert abzusagen und in einen angenehmeren, kleineren Club zu verlegen, z.B. in ein besetztes Haus oder dergleichen. Das war jedenfalls nach dem Konzert Joxemis Kommentar zu ihrem ersten Eindruck vom Huxleys. Auch wenn es nicht gerade der beste Club für eine Band wie Ska-P ist, wurde die Party geil. Es gab nur wenige Leute, die sich am Rand der Tanzfläche aufhielten. Und das auch nur, weil sie damit beschäftigt waren, Luft oder Getränke zu holen. Das Huxleys brannte!

In Berlin gibt es wöchentlich ein, wenn nicht sogar zwei sehenswerte Skakonzerte. Doch auf Ska-P hatte die Berliner Ska- und Punkrockszene bis jetzt vergebens warten müssen. Da es anscheinend kaum Leute gibt, die sich noch nicht von Ska-P's ansteckender Punkrock-Ska-Mischung überzeugen ließen, war kein großer Werbeaufwand nötig, um die Hallen zu füllen. Doch dann, so kurz vor ihrer ersten kleinen Deutschlandtour (Lindau, Dortmund, Berlin, Hamburg, Wiesbaden, Freiburg), ergaben sich Probleme und damit verbunden, eine Menge Stress und Erklärungsnöte. Ursache dafür ist ein umstrittenes Lied des 2002 erschienen Albums „Que Corra La Voz“. Dieses beinhaltet eine Textstelle, welche bei vielen Deutschen Empörung hervorrief und auf Ablehnung stieß. Das Lied „Intifada“ kritisiert den Krieg zwischen Israel und Palästina. Darin verkünden Ska-P über die israelische Regierung: „Die Opfer werden zu Henkern“. Selbstverständlich ist solch ein Satz für Deutsche ein schwerer Brocken, stellt er doch die unsäglichen Gräueltaten des Holocaust in einen direkten Zusammenhang mit der Vorgehensweise der jetzigen Regierung unter Ariel Sharon. Über die Zulässigkeit eines solchen Vergleiches ließe sich sicherlich streiten, aber darum geht es den Protestierenden gar nicht. Man hat allgemein in Deutschland eher den Eindruck, die Bevölkerung äußere sich, auch ihrer geschichtlichen Vorbelastung wegen, ungern zu diesem Konflikt, auf welche Weise auch immer. Nur aus den Reihen der überzeugten Linken hört man eine deutliche Reaktion. Wenn man sich schon einmische, dann auf keinen Fall konträr zur israelischen Linie. Zu leicht könnte vielleicht berechtigte Kritik mit Antisemitismus verwechselt werden. Und so versuchten einige Leute, aus Protest gegen die, in ihren Augen nicht vertretbare Textstelle, die Konzerte in Deutschland zu blockieren, also nicht stattfinden zu lassen.

Zurück nach Berlin: Nach dem Konzert äußert sich Joxemi, Gitarrist und Backgroundsänger von Ska-P sehr verständnisvoll gegenüber dieser Kritik: „Anfangs waren wir schon überrascht von den Reaktionen, aber immer mit dem Blick auf die Vergangenheit verstehen wir den Standpunkt der Deutschen.“ Er verstehe zwar die Probleme, aber man schreibe schließlich nur das auf, was man denke und eine spätere Änderung der Texte sehe die Band nicht ein, wie es von Seiten der Ultralinken gefordert werde. „ Eigentlich ist es nur in Deutschland ein Problem, die Spanier z.B. stehen dem nicht so skeptisch gegenüber. “ Aber er glaube auch, dies sei eine ganz normale Erscheinung und hänge mit der Vergangenheit beider Länder zusammen. Trotzdem, befürworteten Ska-P diese Auseinandersetzungen, denn dies beweise nur, dass sich deutsche Mitmenschen mit diesem Thema auseinander setzten und sich nicht jeden „Truthahn“ servieren ließen.
„Wir solidarisieren uns mit den Palästinensern, und setzen uns verstärkt gegen die ungerechte und aggressive Siedlungspolitik Israels ein“ , beschreibt Joxemi den Standpunkt der Band.

Ska-P reihen dieses Lied „Intifada“ also ein, in ihren politischen Kampf für unterlegene Minderheiten gegen die Willkür und die Unterdrückung durch eine Staatsmacht. Und diesen Kampf führen sie nicht nur auf dem eigenen Kontinent, denn ihr wichtigstes Thema, das immer wieder auftaucht, ist die Bewegung der Zapatisten in Mexiko. „Wenn man sich in den Strassen von Mexiko bewegt, sieht man, dass die Mehrheit der Einheimischen, indianischer Abstammung sind, in der Regierung aber sind europäische Ideale gefragt“ Auch hier sehen sie eine Missachtung und die schwere Unterdrückung der eigentlichen Mehrheit. Deshalb unterstützten Ska-P, wie auch viele andere spanische Bands, die Zapatisten, die sich unter Subcommandante Marcos in der EZLN der Nationalen Zapatistischen Befreiungsarmee für die Rechte der indigenen Bevölkerung gegenüber der Mexikanischen Regierung und ausbeuterischer Großgrundbesitzer einsetzen. Diese Bewegung trat vor etwa 10 Jahren in Chiapas, im südlichsten Bundesstaat Mexikos in Erscheinung und hat seitdem nationale Bedeutung erlangt. Ska-P spenden dieser Bewegung wohl auch Geld, welches sie durch Konzerte einspielen. Stellt sich nur die Frage, warum sie noch nie ein Konzert dort, in Chiapas, gespielt haben, so wie viele Mestizo Bands es bereits getan haben...

Weil sich Ska-P an diesem Abend sehr politisch gaben, wollten wir natürlich noch wissen, wie sie zu ihrer eigenen Regierung stehen, die sich offiziell zum „neuen Europa“ zählen darf. Doch dazu wussten sie erstaunlich wenig zu sagen: „Natürlich ist es nicht gut, dass sich Spanien als Verbündeter Amerikas an dem Krieg im Irak beteiligten. Ich war überrascht von den großen Demos, die in ganz Spanien stattgefunden haben.“ Und „es ist scheiße, dass die ganze Welt veramerikanisiert ist und das solch ein kultureller Imperialismus herrscht.“
Danach war die Luft raus, aber die Band, die bei vielen, die sich nicht mit den Texten beschäftigen, als Spaßband verrufen ist, bewies an diesem Abend, dass sie sich doch noch so einige Gedanken macht. Ska-P bieten eben beides: eine lustig anmutende, energiestrotzende Live-Performance und eine Message mit einem oder mehreren klugen Köpfen dahinter, die sich genau überlegen, was sie zu sagen haben und wofür sie sich als Band, die große Mengen an Publikum begeistern kann, einsetzen.

matthias | Mo., 08. Dez 2003 | Interview

Schrottgrenze: "Die Schubladendlosigkeit ist ja beinahe schon charakteristisch für Schrottgrenze."
Man, man, man. Wie die Zeit vergeht. Es muss so 1994/1995 rum, vielleicht auch 1996 gewesen sein, als ich danach suchte, ob Punk mehr bedeutet als die ABSTÜRZENDEN BRIEFTAUBEN oder DIE ÄRZTE. Als ich zahllose, teils unglaublich schlechte, aus heutiger Sicht aber auch viele Klassiker an Platten kaufte & alles aufsog, was auch nur im Entferntesten mit Punk zu tun hatte. Als ich mir den gerade frisch erschienen 4. Teil der „SICHER GIBT ES BESSERE ZEITEN…“ Samplerreihe zulegte & auf die Band namens SCHROTTGRENZE stieß. „Schulordnung“ hieß das darauf befindliche Stück von ihnen und war für mich insofern aktuell, als daß ich selbst noch zur Schule ging. Ein wirklicher Hit. Damals. Ganz sicher war es dann 1996, als sich die Band aus Peine bei Hannover sogar zusammen mit der TERRORGRUPPE nach Frankfurt (Oder) verirrte und mit der lokalen Band BOCKWURSCHTBUDE (*hüstel*) ein Konzert zum Besten gab und letztendlich den besagten Song eher widerwillig spielte.

Mittlerweile ist viel Zeit ins Land gezogen und ich hatte die Jungs aus den Augen verloren. Wohl auch, weil ich sie immer in Bezug mit den alten Sachen sah.
Zwischendurch gab es zwar mal eine Formation namens FINGERS. Was es aber damit auf sich hat, kann man weniger im Folgenden, als vielmehr auf ihrer, sehr informativen Homepage (www.schrotgrenze.de) nachlesen.
Bis mir Timo in diesem und letzten Jahr des Öfteren Mal bei unterschiedlichen Begebenheiten im Wild at Heart über den Weg lief. Überall wurde ihr aktuelles Album „Vaganten & Renegaten“ über den Klee gelobt und selbst die mir sehr zusagenden WOHLSTANDSKINDER ließen keine Gelegenheit aus, das selbige zu tun. Also ließ ich mir von Timo die neue Platte (erschienen auf dem hauseigenen Label ROCKTYPEN in Coproduktion mit MEISTERBETRIEB – Review demnächst) zuschicken und war hellauf begeistert von der „neuen“ SCHROTTGRENZE.
Gründe genug also, ihnen mal ein paar Fragen per Mail zu stellen. Diese wurden superschnell beantwortet und kamen von Timo (voc, git) und Alex (voc, dr) flugs zurück. Hier das Ergebnis. Viel Spaß.

Hallo! Wer ist denn SCHROTTGRENZE im Jahre 2003?
Moinsen! Schrottgrenze 2003 sind: Timo (Gitarre, Gesang), L.H. (Gitarre), Hans (Bass) und Alex (Gesang, Schlagzeug)

Schön, endlich mal die Möglichkeit zu haben, mit Euch ein Interview zu führen. Was ich Euch schon immer mal fragen wollte: Als ich Euch und Eure Single das erste Mal gehört habe, war ich ziemlich sauer. Damals war ich großer Fan der Band RUMBLE MILITIA. Euer „Bitte melde Dich“ hört sich verdammt nach RM´s „You´re sure“ an. Kennt Ihr die? Gibt´s da Verbindungen?
Erwischt! Mit 15 hat man als Gitarrenanfänger eben noch nicht so viele eigene Ideen. Timo hat sich wohl damals etwas inspirieren lassen. „Wieviel Hass wollt ihr noch?“ sollte in keiner D-Punk-Sammlung fehlen, finden wir.

Kurz darauf kam ja dann auch bald Eure Debütplatte „Auf die Bärte…“ heraus, die selbst für mein damals junges Alter, Entschuldigung, ziemlich pubertär klang. Wie steht Ihr heute zu dem Album? Gibt es das noch zu kaufen? Spielt Ihr die Songs noch live? Mittlerweile spielt Ihr ja doch einen etwas anderen Stil.
Wir finden die Scheibe heute maximal noch lustig. Sie ist mittlerweile ausverkauft und wird wahrscheinlich auch nie mehr aufgelegt, was allerdings weniger mit den pubertären Texten als mit der Dillethantisch gespielten Musik an sich zusammenhängt. Das braucht musikalisch einfach keiner mehr und unsere neuen Sachen sind besser. Wir spielen noch manchmal „Hurenstadt“, das gefällt uns noch ganz gut. Wer lieb fragt kriegt von uns eine gebrannt.

Schulordnung. Mit dem Song habe ich Euch kennengelernt. Doch schon 1996, als ich Euch live sah, war es Euch schon sichtlich peinlich, den Song zu spielen. Gibt es immer noch Leute die den Song auf Konzerten vehement fordern?
Nein, das Lied wird nie gewünscht. Das Stück war von unserem ersten Demo-Tape und das erste was auf einem offiziellen Sampler veröffentlicht wurde. Die „Generation“ von Leuten, die solche Sampler noch gekauft haben scheint von unseren Konzerten verschwunden zu sein. Im Fall von „Schulordnung“ ist das sicher nicht so tragisch, obwohl es für uns natürlich ein Stück weit Kult ist. Die Anfänge und so ...

Ihr habt eine ziemlich umfangreiche Homepage (www.schrottgrenze.de) hinsichtlich Eurer Bandbiografie und auch sonst. Da fällt es schwer, Fragen zu stellen, die nicht schon beantwortet sind. Trotzdem, wie ging´s danach weiter?
Im April diesen Jahres haben wir unser Album „Vaganten und Renegaten“ veröffentlicht, im Laufe des Jahres etwa 40 Gigs gespielt und eine EP mit 5 Songs aufgenommen, die am 12.01.2004 rauskommt. Die EP wird „Belladonna“ heißen. Dieses Jahr war total genial, wir haben viele neue Freunde gewonnen und viele alte Gesichter wiedergetroffen.

Wer oder was waren die FINGERS? Erleben auch sie irgendwann mal eine Auferstehung?
Fingers war ein Projekt, was wir in der Zeit unternommen haben, als Schrottgrenze „auf Eis“ lag. Personell war das eine ähnliche Besetzung mit anderem Drummer und anderen Songs. Das war keine schöne Zeit in der es sehr viel Streit innerhalb der Band und mit Vertretern der Plattenindustrie gab, deshalb gibt es da sicher keine Auferstehung.

Wie kam es zu der Veröffentlichung von „Vaganten & Renegaten“?
Wir wollten unbedingt mal wieder ein schönes Album veröffentlichen. Timo lernte 2002 Alex Gockel von der Giessener Firma „Meisterbetrieb“ kennen und schickte ihm später unsere Aufnahmen zu, die Gockel für gut befand. In Kooperation mit unserem bandeigenen Label „Rocktypen“ erschien dann die „Vaganten“- CD. Wir wollten auf keinen Fall wieder bei einer größeren Firma veröffentlichen, bei der wir wieder nur Band X gewesen wären. So hatten wir einerseits ein motiviertes Indie-Label mit Vertrieb und andererseits selbst die Fäden in der Hand. Diese Zusammenarbeit funktionierte hervorragend. Die EP wird ebenfalls in dieser Konstellation herausgebracht.

Mittlerweile wohnt Ihr alle in Hamburg? Wird man dort von der „Hamburger Schule“ beeinflusst? Habt Ihr dort Nachhilfestunden genommen?
Alex war bereits Mitte der 90er großer Fan von Tocotronic, Blumfeld und anderen. Da er die meisten Songs schreibt findet man da sicher den ein oder anderen Einfluss aus der Ecke wieder. Die „Hamburger Schule“ ist ja, sofern sie überhaupt jemals existiert hat, längst zersplittert und spielt heute für uns gar keine Rolle. Neuerer Hamburg-Sound ist nicht so unser Ding, eher viele der alten HH-Punk-Bands aus den 80ern oder insbesondere Gruppen wie Boxhamsters und Hüsker Dü.

Kein Heimweh nach Peine, nach der Provinz?
Wir spielen einmal im Jahr in Peine, das reicht aus um das Heimweh abzustellen. Heimweh nach der Provinz haben wir allerdings reichlich, weshalb uns ein ausreichender Anteil an Tourdaten in provinziellem Ambiente sehr wichtig ist. Die Leute da gehen meistens einfach krasser ab.

Ihr habt, seitdem Ihr in HH wohnt, Kontakte mit bspw. Rod oder Rocko Schamoni geknüpft. Kann man sich die Hamburger Musikszene schon als kleine Familie vorstellen? Wie sieht sonst der Kontakt zu anderen Bands, Musikern, Künstlern aus?
Die Welt ist auch in Hamburg relativ klein, allerdings sind wir als Band da nicht besonders integriert. Der Kontakt zu Rocko kam zustande, da Timo Zivildienst in dem Kindergarten gemacht hat, in den Rockos Tochter ging. Da wir früher große Fans von Fun-Punk waren, war der Gastauftritt von Rocko auf unserm Album natürlich klasse. Ansonsten gibt es viele Bands mit denen wir befreundet sind, gerne touren und auch privat feiern, wie z.B. D-Sailors, Wohlstandskinder, Terrorgruppe oder die Hamburger Spandau.

Ihr habt auf vergangenen Platten versucht, elektronische Instrumente in Eure Musik einfließen zu lassen. Es aber dann doch in Grenzen gehalten, weil Ihr eine Gitarrenband bleiben wolltet. Ist das gut, sich selbst so die Grenzen zu setzen?
Bei der Umsetzung der Songs begreifen wir uns schon als eine Art demokratisches Kollektiv. Die elektronischen Einflüsse gingen da mehr ausschließlich von Alex aus und entsprachen weniger dem Geschmack der restlichen Band. Da Alex von jeher zahllose andere Projekte neben Schrottgrenze gemacht hat, hatte er trotzdem genug Gelegenheit sich auszutoben. Bei Schrottgrenze sollte zumindest immer ein Hauch von Punkrock dominieren. Heutzutage sind wir eher auf einem totalen Puristen-Trip, auf der neuen Platte sind ausschließlich 2 Gitarren, Bass, Schlagzeug und ein minimales Gesangsarrangement zu hören.

Alex singt die meisten Songs hinter seinem Schlagzeug. An sich schon nicht einfach, kann ich mir vorstellen. Klar, ein paar Songs singt auch der Timo & ein bisschen „Show“ wird von den 3 Jungs vorn auch gemacht. Ist es aber nicht auch schwierig, das Publikum zu begeistern, wenn es nicht „vorn“ eine feste Bezugsperson hat?
Obwohl das öfter angesprochen wird, haben wir damit weniger Probleme. Die Leute die uns kennen finden oftmals gerade das an uns Live so interessant. Sicher wirkt das oft befremdlich auf neue Zuschauer, aber da müssen wir und die eben durch. Bei uns gibt’s einen Hauptbezug und das sind hoffentlich die Songs.

Sucht Ihr noch immer nach einem Schlagzeuger, der dieses Problem vielleicht beheben könnte?
Nein. Allein schon nach dem Stress in der Fingers-Zeit haben wir uns entschlossen keine anderen Musiker hinzuzuziehen. Die jetzige Konstellation ist für uns ideal.

Timo, Du hattest beim Major Universal gearbeitet & dort Eure befreundete Band THE WOHLSTANDSKINDER untergebracht. Gab´s keine Möglichkeit, Euch vielleicht selbst dort auch unterzubringen.
Timo: Die Frage stellte sich gar nicht, da es Schrottgrenze zu der Zeit gar nicht gab, außerdem muss man sich für eins entscheiden, diesen Job oder eine eigene Band. Im Nachhinein würde ich bei keiner dieser Firmen unterschreiben, weil du nie weißt wie lange es dein Label noch gibt bzw. wie lange noch die gleichen Leute dort arbeiten. Um Mike Ness aus einem Interview zu zitieren: „Lieber ein großer Fisch im kleinen Teich, als ein kleiner im Großen.“

Apropos WSK. Neben ihnen traut Ihr Euch zum Beispiel auch mal eine Ballade auf ein Album zu bringen, was sicher nicht allen Leuten gefällt. Nimmt man mal an, daß es sich bei der Musik, die ihr spielt nicht wirklich mehr um PUNK handelt. Noch nicht wirklich POP ist. Die WSK haben für sich den PROVINZROCK erfunden. Wie kann man Eure Musik am ehesten beschreiben. Kann es sein, daß Ihr überhaupt in Deutschland einen neuen Stil erfunden habt?
Schön wäre die Vorstellung eines eigenen Stiles schon. Aber so wichtig nehmen wir unsere Musik nicht. Manche nennen es Pop-Punk oder Power-Pop. Wir haben keinen Namen für unsere Musik. Diese Schubladendlosigkeit ist ja beinahe schon charakteristisch für Schrottgrenze. Das hängt unter anderem damit zusammen, das wir uns ganz bewusst von Platte zu Platte verändern wollen und müssen. Provinzrock ist ein toller Begriff, aber natürlich jetzt Markenzeichen der Wohlstandskinder.

Ihr wart jetzt, glaube ich, zum dritten Mal in diesem Jahr in Berlin. Eine heimliche Liebe, hier zu spielen?
In Berlin gibt es ja das „Wild at Heart“, was für uns allein schon Grund genug ist gerne in dieser Stadt zu spielen. Insbesondere in diesem Jahr lief es gut für uns in Berlin, was das Publikum angeht. Das wollen wir als Band natürlich gerne auskosten.

Beim Suchen im WWW habe ich ziemlich wenig Interviews von Euch gefunden. Besteht da nicht so das Interesse, egal von welcher Seite aus. Woran könnte das liegen? Lehnt Ihr Interviews ab? Und wenn ja, aus welchen Gründen.
Wir geben eigentlich gerne Interviews. In den 90ern haben wir viele Interviews an Fanzines, etc. gegeben. Seit Ende 99 haben wir mit Schrottgrenze pausiert, also genau zu dem Zeitpunkt ab dem das I-Net wirklich florierte. Das könnte der Grund sein warum man im Netz bisher recht wenig von uns findet. Andererseits sind wir auch nicht besonders gefragt.

Was kann man in Zukunft von SCHROTTGRENZE erwarten? Was ist geplant?
Wie gesagt im Januar erscheint unsere „Belladonna“-EP, welche auch über unsere Homepage zu beziehen sein wird. Im Frühjahr werden wir noch einige Abschiedskonzerte spielen und uns im Sommer in Wohlgefallen auflösen.

Nicht im Ernst, oder?
Nein ist ein Scherz... wir haben jetzt grob bis nächstes Jahr Sommer geplant.... Was dann ist, wissen wir halt noch nicht...

O.K., dann Vielen Dank für das Interview. Die Letzten Worte gehören Euch…
Kauft euch alle Boxhamsters-LPs und werdet so glücklich wie wir.

mieschka | Mi., 12. Nov 2003 | Interview

Ja, was soll man über diese großartige Band vorneweg schreiben? Seit einiger Zeit ist sie in aller Munde und jeder zweite Depp rennt mit einem T-Shirt von ihnen rum. Aber eigentlich macht mir das alles gar nichts aus. Erstens haben sie es verdient, diesen Erfolg zu haben und zweitens ist mir das tausend Mal lieber, als wenn ich den 100.000en mit seinem APPD-Shirt rumlaufen sehe.
Ja und zugegeben, auch ich bin erst ziemlich spät, genauer gesagt mit der UNDERGROUND NETWORK, dem letzten regulären Album und ihrem ersten Output auf dem „Underground-Major“ FAT WRECK CHORDS, auf sie gekommen. Aber besser spät, als nie.

ANTI-FLAG vereinen einfach alles, was eine gute Band braucht. Wer sich ernsthaft mir Punkrock beschäftigt, kommt an der Band aus Pittsburgh einfach nicht vorbei. Zuerst einmal steht die Musik. Voller Energie und dennoch melodisch. Dann die Texte. Ernsthaft, nachdenklich, manchmal auch spaßig. Und letztlich das Umfeld. ANTI-FLAG singen nicht nur über Probleme, nein, sie versuchen auch (nicht nur durch die Band), diese aktiv zu bekämpfen. Und wenn es auch nur mal darum geht, auf eine Demo zu gehen. Das ist ja dem Ottonormal-Punk heutzutage leider teilweise schon zu viel bzw. zu politisch…
Auch gehen sie, für Punkrockverhältnisse, mal ganz neue Wege. So veröffentlichte Sänger und Gitarrist JUSTIN SANE auch schon mal ein Soloalbum. Nur mit seiner eigenen Gitarre begleitet.
Mit Erscheinen des neuen Albums „The Terror State“, ergab sich für mich die Möglichkeit, der Band, in diesem Falle Chris #2 ein paar Fragen zu stellen.
Einige davon wurden nicht ganz geklärt. So zum Beispiel, wie denn nun genau die Unterschiede aussehen, wenn man eine Platte auf einem eigenen Label oder eben bei FAT WRECK raus bringt. Oder die Frage, ob schon mal jemand versucht hat, sie vor ihren Karren zu spannen, so wie es bei uns in Doofland ja beispielsweise mit TON STEINE SCHERBEN passiert ist. Das lag zum einen an einer gewissen Sprachbarriere, nicht alles sofort (akustisch) verstanden zu haben & meiner teilweise fehlenden Spontanität bzw. Schlagfertigkeit. Nichtsdestotrotz, so denke ich, ist es ein sehr interessantes Interview geworden. Ja für mich sogar eines der Besten, die ich je gemacht habe. ANTI-FLAG sind ganz groß, die neue Platte ist der Hammer & um „mitreden“ zu können, sollte man MINDESTENS eine Platte von ihnen zu Hause im Schrank haben. Cheers & viel Spaß.

Wenn man in Amerika ein Album namens „The Terror State“ veröffentlicht, welches eindeutig die die Rolle der USA und ihr Wirken thematisiert. Bekommt man da nicht einige Probleme? Und wenn ja, was für welche? Wie geht Ihr damit um?
Patriotismus wird in Amerika ganz groß geschrieben. Er basiert auf dem Nationalismus, was eine der Hauptdinge ist, die wir mit der Band bekämpfen wollen. Nicht nur bei uns. Wir wollen den Nationalismus in allen Ländern beseitigen. Es ist Zeit, Leute nicht mehr mit Flaggen zu verbinden, oder die USA mit der Nummer 1 oder was auch immer… Nein, es ist wirklich Zeit, das man anfängt die Leute als Welten und Kulturen zu betrachten und dass man lernt mit jedem zu leben. Darauf trifft man auf jeden Fall ein bisschen in den Vereinigten Staaten. Die Reaktionen auf das Album waren wirklich gut und ich glaube das kommt daher, dass jeder die Schnauze von Gorge W. Bush voll hat. Von seinen krummen Machenschaften genug hat, so dass sie Ausschau halten, nach etwas was nicht die gleiche Stimme ist. Und wir sind nicht die gleiche Stimme.

Was ist mit den Politikern? Haben sie versucht Euch daran zu hindern die CD zu veröffentlichen?
Nein. Es passierten zwar in der Vergangenheit einige merkwür- dige Dinge, wie z.B. dass wir nicht unbedingt alle Post kriegten, auf der Anti-Flag draufstand und solche Sachen. Diesmal hatten wir aber das Glück, dass es keine negativen Auswirkungen auf unsere Karriere durch Politiker gab. Aber ich wüsste auch nicht, ob das jemals passieren wird. Es gab da schon einige ziemlich große Bands, die so gut wie nicht zum Schweigen gebracht werden konnten.

Großartig fand ich die Idee, im Außencover eine Anleitung zum Anfertigen einer Sprühschablone aufzudrucken. Ist das ein Anstoß für die eigene Kreativität bei den Leuten? Denkst Du, sie ist bei einigen Leuten abhanden gekommen. Und wenn ja, warum?
Der Grund warum wir das taten, ist, dass wir dachten, wir müssen uns neue Wege überlegen um unsere Botschaft zu verbreiten. Die Medien, besonders die der Vereinigten Staaten und auch immer mehr die der Welt, sind so Firmenkontrolliert und so Profitausgerichtet geworden, dass Du nicht wirklich die Nachrichten erfährst, sondern nur große Beiträge, die große Einschaltquoten bringen. Ja, und wir dachten uns, lasst uns einen Schritt zurückgehen und es wieder auf die Straße bringen. Flyer unter die Leute bringen und vielleicht Graffiti. All das, was auch immer du tun musst um seine Gedanken öffentlich zu machen…

Ihr wollt also einen neuen Weg ebnen um die Leute zu informieren?
Hoffentlich, ja!

Zu Euren Songs schreibt Ihr immer noch eine ganze Menge Linernotes und gebt weiterführende Quellen zum Selbststudium in Euren Booklets an. Was für eine Bedeutung haben diese für Euch? Und ist das immer nötig. Habt Ihr manchmal Angst missverstanden zu werden?
Mmh, naja: Ja und nein. Grundsätzlich bist du in einem CD-Booklet sehr begrenzt, genauso wie du bei einem Album sehr begrenzt bist. Verstehst du wir schreiben Lieder, die 2 ½ Minuten lang sind. Es ist schwer die Welt in 2 Minuten zu ändern. Deshalb sehen wir Anti-Flag grundsätzlich als eine Art Anstoß. Wir hoffen, dass jemand zu uns kommt, zu einer Punkrockshow, von der er vorher vielleicht dachte, dass es nur um Musik geht. Dann aber merkt er, dass es darum geht, zu versuchen positive Veränderung herbeizuführen, die sich in der ganzen Punkrock-Gemeinschaft und in der ganzen Welt verbreiten soll. Dann kauft er sich vielleicht irgendwann eine Anti-Flag CD oder hört sich die Lieder im Internet an, oder was auch immer und will sich noch weiter informieren. Vielleicht will er noch mehr herausfinden. Will rausfinden, wie man etwas ändern kann. Und dann liest er weiter & denkt vielleicht: „Oh das hört sich ja interessant an…“ Verstehst Du, wir wollen den Leuten die Möglichkeit geben, auf die Straße zu gehen und Wege herauszufinden, wie sie die Welt für sich und für die Menschen in ihrem Umkreis verbessern können.

Ihr wollt den Leuten also nicht erzählen was wichtig ist, sondern sie selbst zum nachdenken bringen?
Ganz genau. Und so war das schon immer mit Anti-Flag. Die Leute können uns sagen, daß wir nur Scheiße reden, sie können uns total widersprechen. Wir wollen den Leuten nicht erzählen was sie tun sollen, wir wollen nur versuchen, dass sie über die Welt um sie herum nachdenken.

Dan Rather, einer der großen Nachrichtensprecher Amerikas meinte in einem Interview mit der BBC, daß die Medien Amerikas sich im gewissen Sinne selbst zensieren. Wenn man kritisch berichtet würde man als unpatriotisch gelten. Wie kann im Land der unbegrenzten Möglichkeiten so etwas geschehen? Warum finden sich das Volk und auch die Medien damit ab?
Nun ja, der Grund ist, dass jeder es tut und es keine Quellen von Außen gibt. Verstehst du, wann immer die gleichen Leuten alle Medien besitzen, die Geld von den gleichen Gesellschaften bekommen, werden sie zuerst die Dinge tun, die im Interesse der Firmen sind und keine Dinge im Interesse des einfachen Menschen.
Ich denke, es ist wirklich erstaunlich, dass Dan Rather so etwas gesagt haben soll obwohl es jeder weiß. Wir haben auch mal etwas auf FOX gesehen, als eine Moderatorin sagte: „Als die Kriegspolitik von Bush zusammengestellt wurde, dachte ich dass einige Dinge nicht zusammen passen und ich hatte Angst etwas zu sagen, weil ich nicht unpatriotisch erscheinen wollte.“ Ich glaube, dass genau das das gefährliche Element von Nationalismus und Patriotismus ist. Die Gehirnwäsche. Ich sehe nichts Falsches daran, wenn es andere Meinungen gibt, ich sehe nicht Falsches daran, wenn man auf die Probleme aufmerksam macht und man versucht sie in Ordnung zu bringen. Das ist das Wichtigste und das ist was wir als Band versuchen zu tun. Das ist es, warum wir versuchen, wenn Songs von uns gespielt werden, die Anti-Werbung für die Armee zu sein. Oder wir versuchen die andere Medienquelle zu sein und nicht Fox-Nachrichten.

Kommen Eure Lieder auch auf ganz normalen Radiostationen?
Zum aller ersten Mal wurde ein Lied von unserem neuen Album auf ein paar Radiostationen gespielt. Das ist wirklich interessant, aber bis jetzt sind wir noch nicht sicher was wir davon halten sollen. Es ist eines von den Dingen, die einfach passieren. Aber um noch mal auf das zurückzukommen, worüber wir eben gesprochen haben. Der Grund warum ich denke, dass das passiert ist, dass es Leute gibt, die Politik von Bush so satt haben, dass unsere Musik für sie etwas ist, was ihre Meinung teilt. Sie wissen aber nicht, dass wir das schon seit Jahren machen.

Gibt es im Moment viele Proteste in Amerika?
Ja, es gibt eine viele Proteste. Wir sind erst letzten Samstag in Washington DC. Gewesen. Da gab es einen Protest, gegen George W. Bush und die Besetzung vom Irak. Es war ein Erfolg und ich glaube an die 30 bis 50.000 Leute nahmen teil. Diese ganze Bewegung wächst immer noch in den Staaten.

Dieses Zitat habe ich aus einem, in Deutschland gerade erschienenen und ziemlich umstrittenen Buch. Dieses Buch lässt die Möglichkeit offen, daß der CIA oder andere Geheimdienste hinter den Anschlägen vom 11.09. stecken. Was haltet Ihr von einer solchen Verschwörungstheorie?
Das ist lustig. Wir hatten einige Leute, die mit uns über diese Verschwörungstheorie geredet haben. Hast du das Booklet von unserem neuen Album gesehen?

Ja, hab ich.
In diesem Booklet steht einiges über die Organisationen, bei denen der Großteil von Bushs Kabinett Mitglied ist und diese Organisationen haben Literatur veröffentlicht, die in den späten 80zigern geschrieben wurden. Eine Sache worüber sie schrieben ist der Weg, wie der Westen die Weltvorherrschaft bekommt, da sie die einzige übrige Supermacht sind. Was sie unter anderem sagen ist, dass sie die absolute Unterstützung des Volkes brauchen und dass sie eine Möglichkeit hätten, diese mit einem Ereignis wie Pearl Harbor zu bekommen.
Mmh - Hat die Bush Administration, oder die CIA den 11. September geplant?
Ich weiß es nicht, ich habe nicht die geringste Ahnung. Ich mein, ich glaube schon, dass er böse genug ist, so etwas zu tun, aber ich habe keine Beweise gesehen, die zeigen würden, dass er es geplant hat.
Wenn Du mich fragst, dass sie vielleicht wegschauten, als es passiert ist? Sage ich: Ja. Und macht sie das schuldig? Ja. Ich weiß, dass die CIA gemeldet hat, dass es eine geplante Attacke mit einem Flugzeug gibt, die irgendwann passieren sollte. Diese Dokumente sind veröffentlich worden und brachten all diese Diskussionen in Gang. Ich weiß, dass kurz nach dem 11. September George Bush die Bin Laden Familie nach Hause geflogen hat, dass die einzigen Menschen, die zu dieser Zeit die Erlaubnis hatten amerikanischen Luftraum zu benutzen, Mitglieder der Bin Laden Familie waren.
Damit mein ich, dass es viele offene Fragen nach dem 11. September gibt.
Hmmh, keine Ahnung. Man würde hoffen, dass niemand jemals so etwas tun würde, aber wenn man sich gleichzeitig anschaut, wie er Dinge im Moment leitet, tut er dies wie ein Diktator, wie eine böse Person.

Zurück zum Album. Wie kam es dazu mit „Post-War Breakout“ einen Woody Guthrie-Song zu covern. Wie bekamt Ihr Zutritt zum Archiv?
Auf dem letzten Album, „Underground Network“, gibt es einen Song, den wir geschrieben haben und zwar „This machine kills fascists“. Dieser handelte von Woody Guthrie und warum er für die Musik und für Anti-Flag wichtig war. Die Tochter von Woody Guthrie hat einen Sohn, der ein Fan unserer Band ist und ihr das Album zeigte. Und sie lud uns ein vorbeizukommen und etwas von seinen nicht verwendeten Texten zu benutzen und Musik für diese Texte zu schreiben. Ich denke, dass es einer der besten Songs vom Album ist, wenn nicht sogar der Beste. Und für uns war das eine sehr große Ehre, weil er vor 40 oder 50 Jahren das tat, was wir jetzt tun. Die Art wie Leute Musik als Kampf benutzen um ihre Gedanken zu verbreiten ist verblüffend. Es ist verblüffend, dass Sie damals Musik als Mittel für den Kampf ihre Gedanken zu verbreiten benutzen, und dass Musik heute immer noch dazu benutzt wird.

Mobilize ist auf Eurem eigenen Label erschienen. Damit konntet Ihr am Besten sehen, wie viel Platten man ohne die Fat Wreck Distribution verkaufen kann, obwohl man schon einigermaßen bekannt ist. Wie groß ist der Unterschied. Hat Euch das bestätigt, zu FAT gegangen zu sein?
Als wir „Mobilize“ raus brachten wussten wir die ganze Zeit, dass wir zu Fat Wreck zurückkehren würden. Wir lieben die Menschen dort und glauben es ist ein großartiges Label. Mobilize brachten wir auf unserem eigenem Label raus und es verkaufte sich wirklich gut. Die Stelle an der es wehtut, ist das AF-Records nicht die gleichen europäischen Vertriebsmöglichkeiten hat, wie Fat Wreck. Das war die große Sache dabei.
Aber gleichzeitig sind wir immer noch wie Punkrockkids, die es einfach lieben, ihr eigenes Album herausbringen zu können. Es gibt nichts Schöneres für uns. Nichts ist besser als die Kontrolle über das eigene Schicksal zu haben. Wir kennen Mike und wir lieben Fat-Wreck. Wir lieben jeden der dort arbeitet, deshalb wussten wir, selbst als wir Mobilize auf unseren eigenen Label herausbrachten, dass sie ohne jeden Zweifel 100prozentig unser nächstes, reguläres Full Length-Album kriegen würden und das taten sie auch.
Ich sah dieses Album nicht so sehr als einen Test an, ob wir es auch ohne Fat Wreck schaffen würden, sondern ich sah es mehr so, dass wir zu unseren Wurzeln zurückkehren und unser eigenes Album herausbringen wollten. Und dadurch auch die Aufregung zu haben, die Aufnahmen zu leiten und zu sehen wie alles fertig wird, anstelle es einer Produktionsfirma zu geben, die Dir alles abnehmen.

Was für Erwartungen habt Ihr mit dem neuen Album?
Die gleichen die wir bei jedem Album haben. Wir wollen, dass so viele Leute wie möglich das Album hören. Wir wollen nicht immer voller Erwartung sein, auch wenn wir glauben, das das diesmal das beste Album ist was wir jemals produziert haben. Und wir hoffen, dass uns die Leute eine Chance geben und es sich anhören. Ich glaube wirklich, dass sie es mögen werden. Außerdem denke ich, dass die meisten Gedanken dieses Albums nicht predigerhaft sind, sondern in einer Weise dargebracht werden, dass man sich das rausziehen kann was man will und wir hoffen, dass Leute von diesem Album etwas lernen können.

Das neue Album wurde von Tom Morello produziert. Inwiefern hat das Euch beeinflusst?
Tom Morello war eine große Hilfe das Album zu machen. Sowohl am Anfang, als die Lieder geschrieben wurden, als auch bei der späteren, eigentlichen, Vertonung und der Produktion des Videos und Dingen wie z.B. welches Lied man als Singleauskopplung nehmen soll usw. Wir hatten für dieses Album ungefähr als 50 Lieder geschrieben und wir nahmen Demos auf. Wir schickten sie ihm zu, er hörte sie durch und sagte uns welchen Teil er mochte oder nicht. Wir sind alle Lieder zusammen durchgegangen und am Ende kamen die 14 Lieder auf dem Album dabei raus, über die wir sehr glücklich sind. Er ist ein großartiger Musiker und wir mögen all seine Arbeiten. Es ist einfach von ihm Ratschläge anzunehmen, da er sehr intelligent und gebildeter Musiker und Mensch ist.

„Underground Network“ hatte mich so ziemlich weggeblasen. Ich war sofort verliebt in Anti-Flag und ich fragte Wiebke von Fat Wreck Europe, wann Ihr mal nach Berlin/Europa kommt. Sie sagte, das wäre im Prinzip kein Problem, wenn sich Veranstalter finden würden, ein „Nichtraucher-Konzert“ durchzuführen. Habt Ihr wirklich Probleme damit?
Justin unser Gitarist und Sänger ist höchst allergisch gegen Zigarettenrauch und in Europa ist es sehr hart für ihn, weil es dort viele Menschen gibt, die rauchen. Also versuchen wir ihn im Hintergrund zu halten. Der einzige Punkt, der wirklich ärgerlich ist, ist wenn er, während wir später mit den Leuten, die zu unserem Auftritt kamen, rumhängen, was wir wirklich gern tun, in den Tourbus gehen muss, weil es zu verraucht ist. Das ist blöd. Das ist das einzige Problem. Außerdem wollen wir nicht, dass er krank wird. Wir können ihn nicht zu sehr Zigarettenrauch aussetzen, weil er dann wirklich krank werden würde und wir unter Umständen vielleicht die Tour absagen müssten. Aber ich glaub wir kommen entweder Ende Februar oder in den ersten zwei Märzwochen nach Berlin zurück.

Großartig. In Deutschland / Europa läuft gerade eine starke „Anti-Raucher-Kampagne“. Würdet Ihr in Amerika dafür sogar evtl. einen Song zur Unterstützung schreiben, wenn man Euch fragen würde.
Ich hab keine Ahnung. (lacht) Darüber müssten wir nachdenken. Tabakkonzerne sind eine der angsteinflößensten Dinge auf der Welt, weil sie Millionen und Billionen Dollar damit verdienen, dass sie an die Menschen im Grunde Gift verkaufen. Ganz offensichtlich ist es ein heikles Thema, da die Leute das Recht haben zu rauchen und tun und lassen können was sie wollen. Aber es wird dann lückenhaft, wenn man der Tatsache ins Auge sieht, dass diese Tabakkonzerne den Politikern der Welt Millionen von Dollar geben. Sie ihnen helfen und sie unterstützen. Jeden Tag sterben deshalb Menschen.
Es ist ein wirklich heikles Thema. Würden wir darüber einen Song schreiben? Ich weiß es nicht. Wir müssten vorher ein paar Details kennen und wissen wie es zustande kommen soll.

Oft erwähnt Ihr in Interviews die Rolle der USA als Waffenexporteur. Hat man Euch ein Angebot gemacht, bei „Bowling for Columbine“ einen Song beizusteuern? Oder hättet Ihr Euch das gewünscht?
Oh ja, auf jeden Fall. Ich finde „Bowling for Columbine“ war ein großartiger Film und wir könnten die ganze Filmmusik dafür schreiben, wenn man uns darum bitten würde. Von Anfang bis Ende.

Wie beurteilt Ihr die Filme und Bücher Michael Moores?
Ich finde er ist toll. Und ich glaube das was er macht, geht dahin zurück was ich vorher sagte. Jede Art von Abweichung, jede Art von Hinterfragung der Sachen, die gerade passieren, ist gut und ich glaube das ist das patriotischste was man tun kann.

Überhaupt. Hat schon mal jemand versucht, Euch für seine Sachen vor den Karren zu spannen?
Wir sind alle sehr verwickelt in unsere Band und die Chance, Dinge von uns zu benutzen ohne dass wir davon erfahren ist sehr gering. Aber es gab schon Leute die von uns Platten veröffentlichten und sie zu teuer und illegal verkauften und so etwas. Das sind aber nur schlechte Geschäfte. Auf solche Dinge achten wir nicht so sehr.

O.k., dann war es schließlich soweit (Ich war leider nicht da) & Ihr habt MILLENCOLIN supported. Wie waren die Reaktionen? War es für Euch in Ordnung mit MILLENCOLIN, eine in meinen Augen eher unpolitische Skaterband, zu touren?
Es war merkwürdig, weil wir Millencolin in den Staaten bei der Warp-Tour kennen gelernt hatten. Sie sind eine großartige Band, auch wenn es stimmt, dass sie nicht so politisch seien mögen. Aber sie sind sehr schlau und sie sind auf keinen Fall Faschisten (Das sag ich ja gar nicht – Anm.), sie sind auf jeden Fall politisch engagiert und intelligente Individuen, sie drücken das nur nicht durch ihre Musik aus. Und damit haben wir überhaupt kein Problem. Sie fragten uns ob wir mit Ihnen zusammen eine Europa-Tour machen wollen. Wir hatten ja keine Vorstellung davon wie bekannt sie hier sind. Als wir hier ankamen, waren die Auftritte riesig. Wir dachten: „Heilige Scheiße, unglaublich wie bekannt diese Band hier ist. Wir waren total verblüfft und wir schulden Ihnen echt viel und sind dankbar, dass sie uns mitgenommen haben.

Mit „911 for peace“ und dem „Protest-Song“ mit den Donots und ZSK seid Ihr zweimal auf aktuelle Ereignisse ziemlich schnell eingegangen. Das Internet macht´s möglich. Besteht da nicht manchmal die Gefahr, voreilige Schlüsse zu ziehen. Sachen falsch auszulegen, ja Fehler zu machen. Oder andererseits auch oberflächlich zu schreiben?
Wir haben versucht beide Songs in einer Art und Weise zu schreiben, bei der man nicht über das Ziel hinaus schießt oder mit dem Finger irgendwohin zu zeigen. In beiden Songs geht es nur um den Gedanken, dass Krieg in keinem Fall die Antwort ist. Und darum geht es in den beiden Liedern. Sie handeln darüber, neue Wege zu finden um Probleme zu lösen anstelle von einfach hinzugehen und Bomben auf Menschen abzuwerfen. Dadurch gingen wir meiner Meinung nach sicher, dass wir nicht Aussagen machen würden, die wir bald bereuen würden.

Arnold Schwarzenegger ist der neue Gouverneur von Kalifornien. Denkst Du das ist ein Spiegelbild er Gesellschaft. Können die Leute wirklich Veränderungen erwarten?
Oh ja. Als es passiert ist, habe ich einen totalen Schreck bekommen. Ich glaube das hat bewiesen, dass Bush eine reelle Chance hat wieder gewählt zu werden. Ich weiß nicht, ich hoffe die Leute lernen von den Dingen, die auf der Welt passieren. Bushs Umfragewerte fallen. Ich glaub Arnolds Wahlsieg rührt daher, dass die Bevölkerung in Kalifornien mal nach etwas anderem gesucht hat. Ob das aber wirklich die beste Entscheidung war, kann ich nicht sagen, das wird sich noch zeigen.

Ihr kommt aus Pittsburgh. Hat es da Vor- oder auch Nachteile nicht wirklich zur Ost- noch zur Westcoastszene zu gehören?
Für uns ist es von Vorteil aus Pittsburgh zu kommen, weil die verschiedenen Städte nah beieinander liegen. Als wir jung waren, konnten wir übers Wochenende da und dort auftreten. Ein Auftritt nach dem anderen, an 4 oder 5 verschiedenen Orten zu spielen. Und wir konnten dort bekannter werden, bevor wir in andere Gegenden weiter zogen. Das war wirklich gut. Ich glaub es gibt Vorteile für die Ost- wie für die Westküste, aber für uns ist die Ostküste der bessere Ort zum leben.

In einem anderen Interview hast du mal gesagt, dass die Pittsburgher Punkrockszene eine große Gemeinschaft ist. Hat sich das mit dem Krieg verändert? Wurde die Szene geteilt in patriotisch und unpatriotisch? Gab es Auseinandersetzungen?
Ab und zu ja, man trifft schon mal drauf. Aber ich glaube wir Pittsburgher, die schon mit Einigem fertig werden mussten, haben eine wertvolle Ethik, die immer vorhanden ist. Und ich glaube dadurch, dass Pittsburgh eben kein besonders reiches Gebiet ist, erkennen Leute was sie haben und dass sie dafür kämpfen müssen. Das behalten sie immer im Hinterkopf. Durch den Krieg hat sich da nicht viel geändert. Ich habe eine Menge Maßnahmen gegen den Krieg gesehen, die von der Punkszene ausgingen, was ich wirklich toll fand.

Beim ganzen politischen Anspruch der Band. Was macht Ihr, um auch mal Spaß zu haben?
(lacht) Dafür spielen wir in einer Band! (lacht) So erstaunlich es auch sein mag, wir sind keine politischen Roboter, die keinen Spaß haben. Der Grund warum wir Punkrock machen und der, dass wir die Musik als Mittel nehmen um unsere Botschaft zu verbreiten. Wenn du Dir die ganze Zeit Sorgen wegen deiner Inhalte machst und versuchst, nur diese Lebensart zu leben, würdest du verrückt werden. Man braucht dieses Power bei der Show und die Freisetzung der Energie. Es ist ein totales Herauslassen. Man kann sagen: „Ja, wir verstehen, dass es all diese Probleme auf der Welt gibt. Aber für heute Nacht lasst uns einfach singen und tanzen und lasst uns zusammen unser Leben genießen und lasst uns danach die geschaffene Energie nutzen um Veränderungen herbeizuführen.“

Gibt es Bands zu denen ihr als Kinder aufgesehen habt, oder Euch beeinflussten?
Klar. Bands wie The Clash, die Dead Kennedys, Billy Bragg und Woody Guthrie. Einfach Menschen, die es schafften, eine Sozialbewusste Botschaft zu haben und trotzdem Erfolg zu haben und andere zu beeinflussen. Das ist auch alles was wir hoffen.

Wo ist der „Equality-Song“ und „Seattle was a riot“ erschienen?
„Seattle was a riot“ erschien bei einem Fat Wreck-Sampler und der „Equality-Song“, da hab ich keine Ahnung wann der erschien. Das war nur ein Song den wir während einer New Army-Session aufgenommen haben, aber nie fertig stellten und irgendwie wurde er dann veröffentlicht. Ich glaub wir haben es irgendwo bei AF raus gebracht.

Letzte Worte?
Ich glaub wir werden in Kürze nach Berlin kommen und wir werden euch rocken wie ein Hurrikan. Macht was, bringt Euch in die Politik ein. Schreibt Leuten Briefe. Ich glaub das Deutschland es wirklich auf die Reihe gekriegt hat, was das aus der Reihe tanzen und die Verweigerung gegenüber George Bush und seinem Krieg angeht. Ich finde das verblüffend und ich glaube das ist auf wirklich fortschrittliches Denken zurückzuführen. Ein Danke an alle, die die Antikriegsbewegung unterstützten, wir sind uns Eurer Arbeit bewusst.

mieschka | Di., 28. Okt 2003 | Interview

"Attaque 77 steht für die Bewegung des Punks in den Anfangsjahren"

Im Jahre 2001 bin ich das erste Mal auf die argentinische Band ATTAQUE77 gestoßen. Das Düsseldorfer Label WOLVERINE RECORDS, bekannt für seine PUNK CHARTBUSTERS-Serie, hatte damals einen Querschnitt des musikalischen Schaffens der Band veröffentlicht und mir hatte die Platte auf Anhieb gefallen. Im August dieses Jahres bekam ich von ÜBERSEE RECORDS einen Brief, in dem man mir mitteilte, daß auf besagtem Label noch in diesem Jahr eine Liveplatte erscheinen sollte, die in gebrannter Form dem Brief auch gleich beilag.

Dass sie in Argentinien eine große Nummer sind wusste ich bereits und pünktlich zum Erscheinen der Platte sollten sie auch zu uns auf Tour kommen. Leider verschlug es sie nicht nach Berlin, sondern „nur“ nach Potsdam. Aber an diesem Tag hatte ich eh keine Zeit, mir die Band anzuschauen, dessen Backdrop mich schon allein umgehauen und interessiert hatte. Aber egal. Ein paar Fragen drängten sich mir jedoch trotzdem auf & so fragte ich den Henning ob ich die Band nicht per eMail interviewen könnte. Gesagt, getan. Wenn eine Band aber auf Tour ist, scheint sie wohl nicht große Lust zu haben, eMail-Interviews zu beantworten und so war ich einigermaßen enttäuscht, als ich die Antworten zu meinen Fragen bekam. Da Henning aber ein überaus netter Kerl ist & mein Problem verstand, erklärte er sich bereit, den Jungs noch mal dieselben Fragen, ergänzt mit ein paar eigenen, in einem „Face-to-Face-Interview“ zu stellen. Das erste Interview vom Henning überhaupt, muss man auch mal dazu sagen. Und Siehe da! - Es geht doch. Auf einige Fragen (besonders die politischen) hätte ich mir zwar ein paar ausführlichere Antworten gewünscht aber man kann eben wohl nicht alles haben. Und da meine Fragen in der Mail auch relativ schnell abgehakt wurden, verspürte ich auch keine große Lust noch mal bei einigen Antworten nachzuhaken. Wie dem auch sei. Ein paar interessante Sachen sind trotzdem raus gekommen. Die Live-CD kann ich jedem übrigens nur wärmstens empfehlen. Die Soundqualität ist super & die Platte kann eigentlich auch als eine Art „Best of“ gelten. Dazu auch noch die Atmosphäre… Klasse!
Also: Viel Spaß mit dem Interview.

Wer bist Du denn eigentlich?
Mein Name ist Luciano Seaglione, ich spiele Bass und mache Backgroundvocals für ATTAQUE77.

Euch gibt´s nun schon über 15 Jahre. Was bedeutet Euer Bandname, hat das einen Grund? Und bedeutet er für Euch noch immer dasselbe wie damals?
Also ATTAQUE77 steht für die Bewegung des Punks in den Anfangsjahren in Europa und die Musik damals, die wir wirklich mögen. Das ist das, was wir spielen wollten und das tun wir auch noch heute.

Gab es irgendwelche Wechsel im Line Up? Mit wem habt Ihr schon alles gespielt?
Wir haben 1987 angefangen Musik zu machen. Anfangs waren wir zu fünft. Jetzt sind wir zu viert. Ja, es gab da zwar ein paar Besetzungswechsel, aber seit 11 Jahren spielen wir in derselben Besetzung und diese ist für uns die wahren ATTAQUE77.
Wir spielten bereits mit den RAMONES, SEX PISTOLS, MOTÖRHEAD, IGGY POP, DIE TOTEN HOSEN, …

1998 habt Ihr mal ein Album aufgenommen, welches nur Coverversionen (RAMONES, ABBA, STIFF LITTLE FINGERS, ERASURE, THE WHO, …) enthielt. Sind das alles Eure musikalischen Einflüsse? Welche musikalischen Einflüsse habt Ihr noch, neben 77´er Punk?
Hmmh. Ein paar von ihnen, ja. Aber eigentlich wollten wir mal was ganz anderes machen. Es ist einfach, einen RAMONES-Song zu covern. Aber wir hatten auch Spaß daran, ABBA-Songs in ein 77´er Gewand zu stecken. Das war großartig. Oder ERASURE. Die sind eigentlich ziemlich schrecklich. Aber es war ein Experiment, einen Song von ERASURE zu verwursten. Die Grundeinflüsse kommen natürlich alle vom 77´er Punk, also PISTOLS, RAMONES, THE CLASH.

15 Jahre sind eine ziemlich lange Zeit. Was gab es denn für Höhen und Tiefen?
Wir haben sehr klein angefangen & spielten in sehr kleinen Clubs, Undergroundclubs mit so ca. 50-100 Zuschauern. 1991 kam dann unser zweites Album heraus und plötzlich waren wir bekannt in Argentinien und vielen anderen Ländern Südamerikas. Es war ein großer Erfolg. Wir bekamen Gold und Doppelplatin und verkauften eine Menge Alben in Argentinien, Chile, Peru, Paraguay, Uruguay.
Danach, nachdem wir so viel verkauft haben begann für uns eine etwas schwierigere Zeit. So 1993 rum war das. Wir wurden vielleicht zu oft im Radio und im Fernsehen gespielt oder so. Keine Ahnung. Davon wurden die Leute vielleicht etwas müde.
Aber wir haben diese Situation überstanden. Und 1994 dann ging es dann wieder. Und das bis heute.

Wollt Ihr eine bestimmte Message unter die Leute bringen? Spaß, Revolution, Politik oder sonst irgendwas?
Unsere Songs handeln von Dingen, die uns passieren, die wir erleben. Es sind Songs über Liebe, Hass, Glück und Unglück.
Es lebt in Argentinien aber auch derzeit eine ziemlich politische Generation, worauf wir auch eingehen, welche uns manche Dinge immer wieder sagen lässt. Zum Beispiel wollen wir spätere Generationen daran erinnern, was in Argentinien passiert ist. Zum Beispiel der Putsch vor 30 Jahren, die Diktatur, in dessen Verlauf 30.000 Menschen starben. Über diese Dinge müssen und wollen wir sprechen, damit sich die Leute daran erinnern. Was wir den Leuten geben können, ist ein Moment der Erinnerung dieser Dinge.
Natürlich wollen wir aber auch eine Menge Spaß, eine gute Zeit mit den Leuten haben. Sie mal kurz die Arbeit oder ihre Probleme vergessen lassen. Genauso, als wenn man zu einem Fußballspiel geht, ins Stadion.

Hehe. Welches ist denn Eure Lieblingsmannschaft in der argentinischen Liga?

Boca. Die Boca Juniors.

In Argentinien füllt Ihr ja ganze Stadien. Jetzt hier in Europa, oder gerade hier in Deutschland geht es alles eine Nummer kleiner zu. Trotzdem. Kann man das Publikum miteinander vergleichen? Welche Unterschiede gibt es da?
Ja, in Südamerika haben wir ein großes Publikum und ich hoffe, in Deutschland wird es auch einmal so weit kommen.
Es ist aber im Großen und Ganzen das ähnlich. Musik ist eine internationale Sprache. Das was wir in Spanisch singen, hört sich hier in Deutschland vielleicht ein wenig sonderbar an. Der Spirit unter den Leuten ist aber der gleiche.

Hat sich das Publikum über die Jahre hinweg geändert?
Ja, es wachsen immer wieder neue Fan-Generationen nach. Das ist großartig.

Glaubst Du, daß das Publikum hier in Deutschland Eure Texte versteht?
Es ist vielleicht ein bisschen schwierig. Es gibt aber eine Menge Leute in Deutschland, die schon einmal in Argentinien waren oder sonst wo in Amerika. Die meisten Leute davon verstehen auch etwas Spanisch. Wir versuchen aber auch einige Sachen auf English zu erklären. Vielleicht sollten wir aber auch ein wenig Deutsch sprechen können. Zwischen den Songs, um den Leuten zu erklären, was gemeint ist.

In Argentinien habt Ihr bereits den Status den bei uns vielleicht am ehesten DIE TOTEN HOSEN einnehmen, mit denen Ihr ja auch schon zusammen gespielt habt. Was ich meine ist, daß sie von den Punks nicht mehr als Punkband angesehen werden. Durchaus aber noch gute Messages rüberbringen. Habt Ihr in Argentinien auch mit Kommerzvorwürfen zu kämpfen?
Ja, hatten bzw. haben wir. Aber da kümmern wir uns nicht großartig drum. Wir wissen was wir wollen, was wir sagen, was für Musik wir machen. Da stehen wir drüber. Diese Leute können sagen, was sie wollen. Wir wissen, was wir tun. Nee, da kümmern wir uns nicht drum.

Was bedeutet Punkrock für Euch? Ich meine die Lebenseinstellung. Ihr kommt eine Menge herum. Welche Unterschiede gibt es in den einzelnen Szenen, wo ihr schon wart? Also zum Beispiel den USA, Europa oder Lateinamerika.
Ich denke, es bedeutet überall das Gleiche. Es ist die Energie, welche Punkrock hat. Das ist überall auf der Welt gleich. Zwar hat sich seit 1977 eine Menge verändert und vielleicht sind auch einige Dinge verloren gegangen. Aber das wichtige ist, daß Leute, die etwas bewegen wollen, zusammenfinden und Wege gehen, die nicht ausgetreten sind. Vorbei an Regierung und Establishment. Punkrock bricht mit den Regeln die im Leben der Leute gefestigt sind.

Seht Ihr Euch denn selbst noch als Punkrockband?
Ich sehe ATTAQUE77 eher als Rock´n´Roll Band. Weil, wir spielen Punkrock, Skarock und Reggae. Wir mögen fast jede Art von Musik und wir wollen nicht, daß man uns nur in die „Punk-Schublade“ steckt. Ich finde unsere Musik großartig. Es ist besser, wenn Du offen für alles bist. Du kannst Musik viel mehr genießen.

Arbeitet Ihr lieber im Studio und bastelt an neuen Songs oder steht Ihr lieber auf der Bühne irgendwo auf diesem Erdenball?
Wir spielen lieber live, obwohl es auch schön ist, im Studio zu sein. Es sind eben die zwei wichtigsten Dinge, die eine Band ausmachen. Live spielen und eine gute Platte machen.

Im Jahr 2001 ist auf WOLVERINE RECORDS so eine Art "Best Of" von Euch erschienen. Warum jetzt mit "Trapos" ein Labelwechsel zu ÜBERSEE RECORDS?
Ja, das ist wohl Business. Wir versuchen immer, unsere Platten auch in Deutschland zu veröffentlichen. Was immer auch veröffentlicht werden soll. Wenn es gut ist, ist es uns egal WER es macht, wir wollen nur DASS es gemacht wird.

"Trapos" ist Eure neue Liveplatte die bei uns gerade erschienen ist. Warum kommt diese bei uns erst so spät? Ich glaube bei Euch gibt es sie schon seit 2001.
Ja, das ist es, was ich meinte. Wir sind noch nicht so sehr bekannt in Deutschland. Es hat so lange gedauert, jemanden zu finden, der die Platte hier veröffentlicht. Wir konnten das nicht von Buenos Aires aus machen. Also mussten wir warten, bis sich jemand fand. Jetzt ist sie aber raus und wir sind sehr zufrieden.

Was bedeutet eigentlich "Trapos“?
Trapos. Das sind die Flaggen, welche unsere Fans immer zu unseren Konzerten mitbringen. Sie machen Transparente mit Logos und Aufdrucken, wo sie her kommen oder ihrer Nachbarschaft. Es ist üblich in Argentinien, Flaggen zu Konzerten mitzubringen. Und das ist eine Idee, die wir von unseren Fans aufgegriffen haben. Wir haben diese ATTAQUE77-Flaggen gesammelt und daraus ein riesiges Backdrop gemacht, welches bei unseren Konzerten auf der Bühne hängt.

Mit welcher Band würdet Ihr hier gern mal auf Tour gehen?
Natürlich spielen wir hier gern mit den TOTEN HOSEN zusammen. Aber, keine Ahnung. Jeder, der die Bühne mit uns teilt ist in Ordnung.

Ihr habt also keine weitere deutsche Lieblingsband, neben den HOSEN, die auch in Argentinien bekannt sind?
Nein, nicht wirklich. Wir haben letztens mit GENERATION FUCK gespielt und sie waren großartig. Und mit der Schweizer Band TEQUILLAS. Mit denen sind wir letztes Jahr getourt.

Ihr kommt ja viel rum. Ihr seid auf Welttournee, welche über 100 Städte umfasst. Gibt es einen Ort, wo Ihr noch nicht wart & wo Ihr gern mal hin möchtet?
Ja, wir wollen irgendwann mal nach Japan.

Ich muss noch mal auf die Politik zu sprechen kommen. Wird sich die politische und wirtschaftliche Lage in Argentinien demnächst stabilisieren. Wo siehst Du Euer Land in, sagen wir, 10 Jahren?
Ja, es sieht momentan wirklich nicht gut bei uns aus. Aber der letzte gewählte Präsident hat schon ein paar gute Sachen mit der Armee und der Polizei geregelt. Und wir hoffen, daß es in ein paar Jahren besser aussieht. Ich hoffe, daß irgendwann keiner mehr wegen des Hungers sterben muss.

Neben Booklets kann man über die Homepage ja auch auf ganz andere Sachen/Missstände aufmerksam machen. Z.B. besser über die Politik in Argentinien zu informieren. Nutzt Ihr diese Möglichkeit oder habt Ihr schon mal in Betracht gezogen, dies zu tun?
Wir reden eigentlich nicht gern über Politik. Leider ist die Situation in Argentinien zu schlecht und wir können auch unsere Augen davor auch nicht verschließen. Es wäre wohl besser BLINK 182 oder SOOM 44 zu sein und nie eine Militärintervention mit gemacht zu haben und nur über Spaß zu singen…

Wie wichtig ist Politik für Euch innerhalb der Band?
Gar nicht wichtig. Sie existiert nur.

Und außerhalb der Band?
Ebenfalls.

O.k., zurück zur Musik. Die ARGIES sind bereits ziemlich bekannt in Deutschland. Vor kurzem waren sie ebenfalls hier in Berlin zu Gast. Habt Ihr Kontakt zu denen bzw. überhaupt Kontakte zu anderen argentinischen Bands? Kannst Du uns vielleicht sogar welche empfehlen?
Ja, die ARGIES und wir sind ziemlich eng befreundet. Wir halten auch Kontakt zu anderen argentinischen Bands. Um nur einige zu nennen: EL OTRO YO, CARAJO, KARAMELO SANTO, MASSACRE...........

Ihr habt eine ziemlich umfangreiche Homepage, leider komplett in Spanisch - dem ich nicht mächtig bin - fällt es Euch da leichter mit Euren Fans zu kommunizieren bzw. umgekehrt.
Den besten Kontakt mit den Fans bekommt man immer noch bei einem Konzert. Für Euch gibt es übrigens eine Website auf Deutsch, gemacht von ein paar Jungs aus Hamburg: www.attaque77.de

Ich weiß, es ist eine Scheißfrage, aber was sind Deine ALL-TIME-TOP 5 Alben?
AC/DC – Highway to Hell
SEX PISTOLS – Nevermind the Bollocks
MOTÖRHEAD – No Remorse
REVOLVER – The Beatles
und alles von Bob Marley

Und wo siehst Du Attaque77 in 10 Jahren?
Ahh, so weit planen wir gar nicht. Wahrscheinlich sind wir nächstes Jahr wieder hier. Das kann ich Dir sagen. Aber was danach kommt, kann ich Dir nicht sagen.

Irgendwelche letzten Worte?
Danke für das Interview. Musik ist zur Freude da. Das ist das Wichtigste. Ich hoffe man sieht sich irgendwann bei ATTAQUE77.

mieschka | So., 26. Okt 2003 | Interview

„Man hört mit den Augen“

Natürlich will keine Band in eine Schublade gesteckt werden, aber wenn es wirklich sein müsste, würden die Berliner Combo Radium3000 die Reggae-Ragga-Ska-Rock`n`Roll-Schublade wählen. Wenn es eine solche überhaupt gibt. Ihre Musik, geprägt durch Klarinetten und Offbeat soll - laut ihrer Aussagen - viel Energie zum Tanzen liefern und nach zwei erlebten Konzerten kann man dieses ohne Bedenken bestätigen. Das Publikum ist stets begeistert, auch wenn es sich immer um kleinere Clubs handelte und die Zuhörerschaft sich zahlenmäßig in Grenzen hielt.

Bei ihrer zweijährigen Bühnenerfahrung gab es wohl nur zwei richtige Schlappen in Hinsicht der Publikumsaktivität. Eine im Kurt-Lade-Klub: „Wir mussten unser Set auf etwa 45 Minuten begrenzen, zum Nachteil derjenigen die bis dahin noch überlegt hatten, ob sie tanzen oder nicht“. Die zweite totale Pleite gab es bei einer Antifaveranstaltung, die sich dann als Plenum herausstellte.

„...unsere Musik soll kein UB40 Ska werden..."

Die Bandgeschichte von Radium3000 ist kurz, und trotzdem gab es seit ihrer Gründung 1998 so einige Umbesetzungen und die Elemente ihrer Musik wurden neu überdacht. Musikalisch wurde die Band von ganz unterschiedlichen Richtungen beeinflusst. Dazu zählen z.B. Bob Marley, Skatalites, Rammstein, Seeed aber auch Mutabor. Dadurch wurde das eigentliche Ziel, Klezmer zu spielen, verworfen und Radium3000 nahm E-Gitarre und Bass in ihr Set auf. Doch an Blechblasinstrumente wurde nie gedacht. „Wir haben ja unsere Klarinetten, und Blechblasinstrumente haben alle Skabands. Es ist auch der Klang der Klarinetten der Radium3000 ausmacht.“ Auch wenn sich Radium3000 der klassischen Elemente des Skas bedient, ist sie alles andere als eine typische Skaband. Trotzdem gibt es noch Verbindungen zu den Ursprüngen: „...unsere Musik soll kein UB40 Ska werden, sondern es sollte schon den Druck von Skatalites haben, aber wir versuchen keine klassischen Skalieder zu machen.“ Die junge Berliner Band versucht durch Integration verschiedenster Musikstile und durch das Einbringen von Instrumenten, die für diese Musikrichtung ungewöhnlich sind, dem Ska die Zukunft zu sichern oder einfach für Abwechslung zu sorgen.

„Wir messen unseren Erfolg in Liter Schweiß beim Publikum!“

Am 28. März 2003 bekamen die 5 Musiker eine gute Gelegenheit sich in der so verwöhnten Skagemeinde Berlins zu beweisen. Zusammen mit Ginsengbonbons, Skaquadrat und Skatoonsyndikat konnten sie vor 900 Gästen auf der Insel testen, wie gut ihre Musik beim Rudi-Normal-Verbraucher Ska-Fan ankommt. „Ein typischer Ska-Fan hat einmal zu uns gesagt: Das ist ja gar kein richtiger Ska, was ihr da macht. Aber der war ganz schön verschwitzt nach dem Konzert...“ Das Konzert wurde ein Erfolg und die Leute waren begeistert und tanzten bis spät in die Nacht. Doch auf Konzerte ihrer Berliner Kollegen gehen Radium3000 nicht mehr so gerne. „Wenn weiße Deutsche Ska machen, dann fehlt denen oft so ein bisschen der richtige Swing. Zwischen zwei Tonarten hin und her... und wenn es dann noch deutsche Texte sind, dann sind die selten künstlerisch wertvoll, sondern handeln meistens vom leeren Kühlschrank, in dem kein Bier mehr ist. Und das kann man sich dann oft nicht lange anhören.“ Hinsichtlich der Texte versuchen Radium3000 dem Publikum etwas anderes zu bieten. Die meisten Lieder erzählen Geschichten, die nicht immer aus dem Leben gegriffen sind, was vielen Bands wichtig ist, aber unterhaltsam, wie z.B. „Hexen“. In diesem Song verirrt sich ein Junge im Wald und wird von Hexen gemeuchelt. Aber es geht auch um ernste Themen. „Unser neues Lied „Gott“ handelt von Religion. Dahinter steht die Frage: Was ist Gott? Und wenn es einen Gott gibt, was hat er mit der Institution Kirche zu tun, die seit 2000 Jahren eine Diktatur in Europa führt und eigentlich eine Wirtschaftsmacht ist.“

Autor: Stefan

matthias | Di., 30. Sep 2003 | Interview

Donnerstag der 04.09.2003. Vor der Columbiahalle versammeln sich einige junge Leute mit aufgestellten Haaren und tief sitzenden Hosen. Dafür gibt es auch einen Grund, die Reconstructiontour. Und wie wurde sich vorher gefreut, denn nach 5 Jahren Enthaltsamkeit, sollten nun endlich mal wieder die legendären Rancid in die Stadt kommen. An diesem Abend gab es noch 6 weitere Bands zu sehen, und dafür brauchte man nur schlappe 28 Euro berappen. Für 2 Euro mehr bekommt man ein ganzes Wochenende Punkrock in Behnkenhagen. Dieser enorm hohe Preis schreckte wohl auch einige Leute ab, in der Columbiahalle vorbeizuschauen. Vor dem Konzert aber hatten wir die Gelegenheit mit Sascha von Mad Caddies ein Interview zu führen.

Hey Sascha, erstmal: Habt ihr gute Erinnerungen an Berlin?
Ja, ja. Als wir das letzte mal hier gespielt haben, war das echt lustig. Berlin gefällt uns.

Mögt ihr die kleineren Clubauftritte?
Ja, auf jedenfall. Die Columbiahalle ist eine super Größe. Das ist besser als auf solchen riesigen Festivals.

Stört es euch, wenn ihr bei großen Auftritten nicht so nah bei den Leuten seid?
Ja, genau. Es ist zwar auch super vor vielen Menschen zu spielen. Aber so wie hier ist es toll. Bei anderen Festivals auf denen wir gespielt haben, ist dann ein 29 Fuß breiter Graben vor der Bühne, das macht dann nicht soviel Laune. Hier gefällt es uns.

Gibt es was, was euch im Musikgeschäft stört?
Ja, mich stören so Kaugummi-Punker wie Good Charlotte und so. Ich find es nicht schlimm erfolgreich zu sein. Egal welche Richtung, ob nun Hardcore, Emo oder sonst was. Ich mag es nicht, wenn Leute sich so wichtig nehmen und sich auch noch uniformieren. Da muss man dann bestimmte Schuhe tragen, die Haare blondieren um dazu zugehören. Das hat nichts mehr mit der Musik zu tun. Ich mag dieses Schubladendenken nicht. Man versucht uns da bestimmt auch rein zu stecken, aber wir wollen kein Pop-Punk-Scheiß sein.

Glaubst du dass Geld immer wichtiger in der Musik wird?
Ich denke das, diese Kommerz-Punk-Bands, die immer bei MTV laufen, wie BackstreetBoys mit Tatoos sind. Die Kids die früher Backstreet Boys gehört haben, rennen jetzt in den Laden und kaufen sich solche Platten. Die großen Labels haben eben festgestellt, das die Leute nicht mehr so auf aalglatte Popbands stehen. Dann stellen sie denen eben tätoowierte Rebellen-LookALikes vor die Nasen. Die zerkloppen dann schön ihre Gitarren und machen ein auf böser Bube. Das find ich einfach dumm. Andererseits scheinen die Kids das ja zu mögen und hören dann vielleicht ja mal ein paar andere Punkrock Bands. Vielleicht ist das ja dann der Weg zu anderen Arten von Musik. Kann ja auch ne Chance sein.

Wie sieht es denn mit Euch aus, denkt ihr ans Geld oder macht ihr das alles nur zum Spaß?
Nein, wir machen wirklich nur das was uns Spaß macht. Außerdem mischen wir verschiedene Stile, wie Punkrock und Dixie. Das wär sowieso nicht popkompatibel. Wir schreiben nur Songs, die uns auch gefallen.Es gibt natürlich auch gute Pop-Punk-Bands, wie z.B. Greenday. Die find ich wirklich super und ihren Musikstil auch. Ich denke, das es zuviele Kaugummi-Bands gibt und das die meistens eben alle das gleiche spielen. Das ist langweilig.Wir denken nicht daran wie viel Platten wir verkaufen könne, sondern versuchen unser Bestes zugeben. Besonders bei unseren Jazz und Dixieland Einflüssen. Wir versuchen einfach gute Songs zu schreiben.

Wo liegen eure musikalischen Wurzeln? Welche Bands haben euch beeinflusst?
Von allen. Als Musiker wird man einfach von überall beeinflusst, was einem in die Ohren kommt. Bei meinen Eltern hab ich was von ABBA, Neil Diamand, 20er Jahre Jazz usw. Ansonsten Bands wie Metallica, Toy Dolls, Madness....usw.Eben viele verscheidene Richtungen 20er Jahre Jazz, Reggae, Country, Dixie.....60´s Classic Rock ist die einzige Musik die ich gar nicht mag. Alles andere ist gut.

Wer von euch beinflusst euren Musikstil am meisten in der Band?
Denk mal ich, alle anderen hören natürlich auch verschiedenste Musik. Aber ich schreibe die Songs und kann so meine Einflüsse am Besten mit einbringen. Natürlich arbeite ich mit den Anderen zusammen. Die bringen ihre Ideen dann mit ein. Dann kommen dann Sachen wie: „Probier mal den Akkord!“ usw.

Welche deutschen Punkbands kennst du ?
Z.B. Wizo. Mit der Terrorgruppe waren wir als erstes auf Tour. Die sind einfach spitze. Ansonsten kenn ich SEEED, die sind zwar keine Punkrock Band, aber ich mag Reggae.

In Europa ist Punk ja stark mit Politik verbunden. Wie ist das in den Staaten?
Naja, manche Bands sind es, manche nicht. Es gibt natürlich Bands wie AntiFlag und Guttermouth. Ich glaube das hängt mehr von den persönlichen Erfahrungen ab. Es gibt aber mehr unpolitische Bands.

Was ist zukünftig bei euch geplant?
Wir touren noch durch Japan und Australien und werden dann erst einmal Urlaub machen. Wahrscheinlich basteln wir dann an neuen Songs. Mal sehn. Auf jeden Fall brauchen wir erst einmal Erholung. Ich hab Lust mal was anderes zu machen. Natürlich mit Mad Caddies, aber irgendwie will ich das wir mal anders klingen. Mal sehn. Vielleicht ne EP. Das werden dann manche mögen und manche eben nicht.

Na dann danke für das Interview.

Autor: Helmut

matthias | Do., 04. Sep 2003 | Interview

Beim Interview sitzen die vier sonnenbebrillten, stinkenden, braungebrannten, Astralkörper besitzenden, beduselten Grottenoimilz auf der beplüschten Sitzgruppe in einer Avantgarde-Restauration im Herzen des nächtlichen Köpenicks. Aber sonst geht´s ihnen noch ganz gut…

Wie kommt man denn auf so einen Namen? Hat das was mit den alten Oimilz zu tun?

Wie jetzt? Kannst du die Frage bitte noch mal wiederholen?!

Wie kommt man denn auf so einen Namen? Hat das was mit den alten Oimilz zu tun?

Hat schon mal jemand ein besseres Wort als „Grottenoimilz“ gehört? Zum Thema Oimelz: Nein! Ham wa nich. Und wenn wir beim Themata bleiben: Grottenoimilz kommt vom Grottenolm. Das ist ein kleiner, stinkiger Lurch, der logischerweise in einer Grotte hausiert, blind ist und so die große, böse Welt nicht sieht. Außerdem ist er unsterblich und vom Aussterben bedroht!

Musikalisch ist eure Platte ja nun ziemlich schwer einzuordnen. Wie würdet ihr eure Mucke charakterisieren?

Schubladen sind uns fremd, denn Genialität passt in keinen Rahmen. Wir füllen die Ritzen, die die anderen offen lassen….natürlich rein musikaluistisch gesehen!

Habt ihr musikalische Vorbilder? Wenn ja welche und was habt ihr von ihnen übernommen?

Schrank Föbel, Meter Paffay, Stingo Rar und die famosen Spastelruther Katzen.
Unsere Essenzen daraus sind guter Geschmack und das schnike Outfit dieser Interpreten.

Wie kommt ihr dazu Schleimkeim zu covern?

Ja, warum denn nur? Schleim Keim ist Ostpunk. Wir sind Ostbrote und die Welt ist rund.

Wie kam es zu eurem Plattenvertrag mit Meuterei Berlin? Seid ihr mit den Jungs zufrieden?

Naja, Mädels wär’n uns lieber!
(im Chor:) Juchhu, juchhu, wir lieben die Meuterei!!!
Wie kamen wir zum Plattenvertrag? Eigentlich wollte Stephi mit uns nur`n Demo aufnehmen, aber nach 20 Studiotagen mussten wir als Wiedergutmachung dem nunmehr Insolvenz bedrohten Label unsere Seele verkaufen.
Nun müssen wir täglich das Deck auf John Silver´s Bounty schrubben… und andere Kleinigkeiten. Aber über Steuermann Stephi können wir uns nicht beklagen.
(im Chor:) „Mit Herz und Seele dabei, für die Meuterei!“

Euch gibt es seit fast 5 Jahren, wo hattet ihr eure besten gigs. Fällt euch auf Anhieb was Kurioses ein, über das es sich bezüglich eurer Bandgeschichte berichten lässt?

Nun ja, du bist falsch informiert. Uns gibt es mittlerweile seit fast sechs Jahren.
Und dann geben wir uns ein Geburtstagsbier aus.
Kuriositäten:
Anfang: Grottenoimilz wurden gegründet während des Genusses geklauter Sechser-Träger in einer Bushaltestelle. Kurios, ne?!
Mitte: Yosh fällt ganz viel von na Bühne. Phil spielt manchmal mit gebrochenen Schlüsselbein und Hämatomen an den Fingern seine Knüppelbude auch ganz gut. Jazzgitarrist Tombatsch missbraucht pro Konzert grob überschlagen drei Klampfen. (siehe Rock für´n Heller) Und der schüchterne Bassisten- Arvid schafft es auch mit 3,8 im Turm im waagerechten Zustand sein Waschbrett zu stimulieren.
Ende: Uns gabs, gibs noch und los werdet ihr uns erst recht nich.

Die Punkszene in Köpenick ist doch recht übersichtlich. Wie kommt es, dass die Köpenicker so wenig in der Stadt zu finden sind?

Besaufen können wa uns auch hier, mit `ner Menge Bier. Wow…schön billig! Außerdem ist Köpenick so schön und so groß dass wir uns manchmal verlaufen und dann sehen sich die besten Schaulis ein halbes Jahr nicht.
Aber nu mal ernsthaft: Köpenicker sind häufiger zu Besuch in der Stadt, als die Stadtmenschen bei uns!

Bei euch in Köpenick muss man ja praktisch Unioner werden. Habt ihr was mit Fußball zu tun?

Ole´, Ole´…Eisern Union…Nie mehr dritte Liga…Ole´, Ole´!!!

Wer schreibt bei euch die Texte und wie arrangiert ihr eure Songs?

Yosh versucht zu schreiben und der Rest passiert beim kollektiv-kontrollierten und exzessiven Bierumtrunk in den Probenräumlichkeiten.
Arrangieren ist hier wohl das falsche Verb. Wir spielen einfach drauf los und gelegentlich kommt was halbwegs sinnvolles dabei raus.

Auf der Platte sind unter anderem Bläser und eine Geige zu hören. Wie setzt ihr das live um?

Bei entsprechendem Alkoholkonsum seitens des geneigten Zuhörers merkt dit keener. Mit viel Druck und schrägen Chor, machen wir euch noch was vor. Bei manchen Konzerten haben wir auch Gastmusiker dabei, doch für gewöhnlich sind wir zu viert. Oder?
Seid ihr vier noch Solo oder alle schon liiert?
Das Management diktiert uns zu sagen: JAAAA! Das soll irgendwas mit den Verkaufszahlen zu tun haben…
Außer Papa Tombatsch der kriegt sonst mit dem Muttertier Ärger.

Was macht ihr beruflich? Oder bedient ihr das Klischee vom faulen und stinkenden Punk?

Ja.

Habt ihr noch irgendwas hinzuzufügen?

Nein

Danke

Bitte!

Autor: Stephan

matthias | Mi., 03. Sep 2003 | Interview

Im idyllischen Taubertal im Frankenländle kam es zu einem Treffen zweier Berliner Fraktionen, wobei die eine bekannt dafür ist, Musik zu machen und die andere, sich mit Musik auseinander zu setzen. So auch bei diesem Interview mit Berlins Lokalpatrioten und Durchstürmern Seeed. Ein Interview, was leider etwas unter der all zu chilligen Atmosphäre des sich diesmal selbst übertreffenden V.I.P.-Zeltes litt, welches mit Kissen und Schichas ausstaffiert war und einfach nur zum Schlafen und Kiffen einlud.

Zuerst einmal würde ich gerne wissen, was denn in Budapest auf dem Sziget-Festival genau vorgefallen ist. Auf eurer website steht, dass ihr früh morgens immer noch vor der deutsch-tschechischen Grenze standet. Es sollte allerdings am Montag ein Ersatzkonzert geben, was dann auch nicht stattfand.

Jerome: Wir hatten eine Buspanne und dann hat es ewig lange gedauert bis ein Mechaniker kam. Wir sind irgendwie um neun aufgewacht und dann standen wir immer noch da, 50 Kilometer hinter Dresden.

Und warum konnte es dann nicht verlegt werden? Das Konzert sollte ja am Samstag statt finden und der Ausweichtermin war auf Montag fest gesetzt.

Jerome: Im Moment haben wir sehr viel zu tun. Wir arbeiten an der neuen Single und hatten in der nachfolgenden Woche Termine, die wir einhalten mussten.

Was hat sich in den letzten zwei Jahren in Bezug auf eure musikalische Laufbahn und euren Stil verändert? Würdest du sagen ihr habt euch im positiven Sinne weiter entwickelt?

Jerome: Wir haben uns auf jeden Fall entwickelt was unseren Sound angeht. Unser Sound ist viel klarer geworden, jetzt klingen die Songs, wie wir uns das vorgestellt haben. Wir haben auch viel gelernt von der ersten Platte, weil wir alles, mehr oder weniger, selber machen, selber produzieren und mischen. Die Songs sind ein bisschen rougher, härter geworden. Und wir haben mehr Dancehall auf der neuen Platte.

Würdest du sagen, die neue Platte ist noch geradliniger als die erste, d.h. noch besser und ausgefeilter?

Jerome: Ja, das ist Geschmackssache, aber für uns ist sie schon besser.

Tobsen: Also ich finde auch, dass die letzten zwei Jahre die Studio-Seite wiederspiegelt. Man hört vielleicht der ersten Scheibe an, dass es noch nicht so war. Da hat sich auf jeden Fall etwas verändert. Wir haben auch ein paar Konzerte gemacht in den zwei Jahren, wo sich eine Menge getan hat. Bei jedem Festival oder Konzert verändert sich irgend etwas. Diese Erkenntnisse lassen wir in unsere Arbeit mit einfliessen. Das sind halt zwei Seiten, die auch wichtig sind.

Wie kam es denn zu der Kollaboration mit Elephant Man? Hattet ihr euch vorher schon überlegt, dass ihr mit ihm zusammen arbeiten wollt und habt ihn dann gefragt, ob er einverstanden ist?

Jerome: Frank und Pierre sind mit ein paar Riddims nach Jamaika geflogen, um mit möglichst vielen jamaikanischen Artists Aufnahmen für eine 7“Selection zu machen. Man findet fast alle in Kingston und das war spontan, wer vor Ort war und wer Bock hatte zu recorden. Die finanzielle Seite spielte natürlich auch eine Rolle. Elephant Man war auf jeden Fall einer von den wichtigen Sängern mit denen wir arbeiten wollten. Aber es war nicht so, dass er unbedingt mit uns was machen wollte.

Kannte er euch vorher schon, oder seid ihr zu ihm gegangen und habt ihm ein gutes finanzielles Angebot gemacht und dann hat er mit euch zusammen gearbeitet?

Jerome: Man muss auf jedem Fall so einem Typ schon etwas bieten, weil er uns vorher wahrscheinlich nicht so gut kannte, dass er sofort gesagt hätte, o.k. ich mach das. Da muss man schon ein bisschen was auf den Tisch legen.

Wie verkaufen sich denn eure Platten im Ausland?

Jerome: Die genauen Zahlen habe ich nicht, aber im Ausland haben wir im Moment nur in Italien einen Vertrieb, aber es wird daran gearbeitet.

Könnt ihr mittlerweile von der Musik leben?

Jerome: Wir versuchen es. Es ist auf jeden Fall nicht einfach, weil wir so viele sind, aber langsam geht es.

Welchen Einfluss hat der Erfolg auf eure Musik? Ihr seid ja auch bei Warner Music, muss man da viele Kompromisse eingehen oder habt ihr alle Freiheiten, die ihr braucht?

Tobsen: Teils, teils, würde ich sagen. Manchmal muss man schon eine Art Kompromiss eingehen, da muss man sich schon einigen, weil die Plattenfirma anderer Meinung ist als wir. Ich glaube, dass man gerade bei Single-Entscheidungen genau wissen muss, was man will.

Und das klappt alles soweit, wie ihr euch das vorstellt?

Jerome: Bis jetzt war immer alles soweit o.k. . Wenn man mit einem Major-Label arbeitet, muss man natürlich Kompromisse eingehen. Ohne das funktioniert es nicht. Aber das ist auch auf beiden Seiten so. Wenn wir eine Idee haben und davon überzeugt sind, dass die gut ist und sie überzeugen, dann ist das auf jeden Fall eine Zusammenarbeit.

Wer bringt hauptsächlich die Ideen bei der Entstehung einer neuen Platte ein? Wer hält da die Fäden in der Hand?

Jerome: Die meisten Ideen kommen von Pierre. Entweder macht er den Beat allein zu Hause und fragt dann den DJ oder die Horns, ob da noch Sachen drauf müssen oder nicht. Oder er entwickelt die Idee, und die Band bearbeitet sie dann weiter. Aber zu elft machen wir meistens nichts zusammen. Das ist auch nicht wirklich möglich. Die Sänger machen auch ihre Strophen und Texte allein.

Auf der neuen Platte sind ja auch orientalische Klänge, ein türkisches Orchester, zu hören. Wie kam es zu der Idee?

Tobsen: Das war Pierre, glaube ich.

Jerome: Also die Idee gab es letztes Jahr schon. Wir hatten diese Melodie, bei der plötzlich diese arabische Linie aufkam. Wir haben dann diese Melodie mit einem türkischen Sass-Spieler aus Berlin aufgenommen. Es war aber nicht so, dass wir unbedingt orientalische Sounds auf der Platte packen wollten, weil es gerade angesagt war. Die Idee hat schon vorher existiert.

Gibt es Bands, die ihr empfehlen könntet? Bands, die ihr persönlich gerne hört?

Jerome: In letzter Zeit höre ich viel Eels. Ich bin auch gerade wieder umgezogen und da habe ich meine ganzen alten Cd’s wieder ausgegraben, wie z.B. die Pixies. Und dann höre ich z.B. auch noch Roots Manuva

Tobsen: Es gibt da so eine kleine kubanische Band, die ich gern höre. Die heißen Orishas.

Jerome: Wir hören auch gern die alten Sachen, wie die Studio One Klassiker. Alfi, z.B., der einzige Jamaikaner in der Band, hat immer selbst gemachte Tapes von DJ’s aus Berlin, und das sind meistens Oldschool Reggae-Sachen.

In welchen Ländern würdet ihr gern noch touren?

Tobsen: Es gibt, glaube ich, kein Land, in dem ich nicht touren würde.

Jerome: Das muss so Schritt für Schritt gehen. Wir können jetzt nicht in Brasilien spielen, weil uns da ja niemand kennt. Aber es ist einfacher, erstmal in Europa zu bleiben. Amiland wäre aber schon toll. Wir haben jetzt auf einem Festival in Italien gespielt und werden auch im August in Holland spielen.

Wollt ihr die Texte jetzt auch mehr in anderen Sprachen singen, damit eure Musik international besser ankommt?

Jerome: Wir werden so eine Art internationales Album machen, mit mehr englischen Texten. Mit vielen deutschen Texten ist es halt schwierig. Es ist überhaupt schwierig als deutsche Band, auch wenn man nur in Englisch singt. Aber wir werden verschiedene Versionen von Stücken in Englisch machen. Für das internationale Album wollen wir die Songs der ersten beiden Platten mischen.

Wann soll das rauskommen?

Jerome: Sobald es fertig ist... Naja, so schnell wie möglich. Das ist schwer zu sagen. Das dauert immer ewig lang bei uns. Aber wenn wir immer unterwegs sind, dann kann man auch nur sehr schwer daran arbeiten.

Wo seht ihr euch in 10 Jahren?

Jerome: Keine Ahnung, ich hoffe wir machen noch Musik.

Zusammen?

Jerome: Vielleicht. Ich hoffe es wird noch lange funktionieren. Wir sind seit 5 Jahren zusammen und immer die gleichen Musiker. Mit 11 ist das aber auch schwierig.

Gab es schon mal Probleme, dass jemand aussteigen wollte z.B.?

Jerome: Nein, so ernsthaft nicht. Ich glaube das kann noch dauern. Im großen funktioniert das sehr gut. Das Team ist sehr gut.

Gut, dann sind wir fertig. Danke für das Interview.

Autor: Anne

matthias | Di., 26. Aug 2003 | Interview

Nach einigem Hin und Her, ewigem Warten und ständigem Nachfragen bekam ich nach dem Konzert von Karamelo Santo in der Alten Kantine doch noch mein Interview mit dem Sänger. Ein fettes Lob an den absolut überforderten Tourmanager, der es gar nicht auf die Reihe bekam, irgend eine passende Zeit bzw. einen vernünftigen Treffpunkt auszumachen, geschweige denn die Band zu informieren... Nachdem ich zwischendurch fast schon weggepennt war und überhaupt keine Lust mehr hatte, irgendwem wegen einem beschissenen Interview hinterher zu rennen, wurde das Gespräch mit Pedro von Karamelo Santo dann erstaunlicherweise doch noch sehr gut.

Euer zweites Album heißt “Perfectos Idiotas”, was auch der Name der Band war, in der einige von Euch spielten, bevor Karamelo Santo gegründet wurde.

Pedro: Ja, “Perfectos Idiotas” ist der Name einer der ersten Ska-Punk-Bands Mendozas, der Region aus der wir kommen. Als wir das zweite Album aufnahmen, beschlossen wir es “Perfectos Idiotas” zu nennen, als Tribut an die Band.
Im Jahr 2000 habt Ihr zusammen mit Manu Chao gespielt. Wie habt Ihr Euch kennen gelernt?

Pedro: Manu Chao machte zu der Zeit die Promotion-Tour für “Clandestino” in Argentinien. Also beschlossen wir, zu ihm zu gehen und ihm eine CD von uns zu geben. Doch er meinte: ”Hey, ihr braucht mir keine CD mehr von euch zu geben, die habe ich schon längst”. Dann haben wir uns zufällig abends auf einem Konzert wieder getroffen und er meinte, lasst uns woanders hingehen, weil ihn dort wo wir waren jeder kannte. Letztlich sind wir bei uns zu Hause gelandet, haben viel Wein getrunken und viel über unsere Heimat Mendoza gesprochen. Einige Wochen später hat er uns dann aus Spanien angerufen und gesagt, dass er sein Konzert für die Clandestino-Tour in Mendoza spielen und dass er uns als Vorband haben wolle. Daraus ist dann eine Freundschaft entstanden.

Und danach habt Ihr dann zusammen auf-genommen?

Pedro: Nach einigen Monaten ist er wiedergekommen, um in Buenos Aires zu spielen. Zu der Zeit waren wir gerade dabei, unser drittes Album “Los Guachos” aufzunehmen. Und eines Abends kam er nach dem Konzert bei uns vorbei und meinte: “Hey, ihr habt ja ein Studio hier. Lasst mich mal etwas hören.” Und er fing automatisch an, an der Platte zu produzieren und dann auch an einigen Stellen auf dem Album zu singen.

Was ist denn die genaue Bedeutung Eurer neuen Platte “Los Guachos”?

Pedro: “Los Guachos” ist im Spanischen jemand, der keine Wurzeln, niemanden und nichts hat. Es beschreibt ein Gefühl. Und dieses Gefühl hatten wir, als wir von Mendoza nach Buenos Aires umziehen mußten, weil wir unsere Familie, unsere Söhne, Frauen, Freunde und wunderschöne Orte zurück lassen mußten. Du mußt von einem Ort an einen anderen ziehen und hast das Gefühl, dein Herz dort gelassen zu haben. Du fühlst dich, als ob du deine Wurzeln verloren hast. Somit ist diese Platte ein Tribut an dieses Gefühl, das wir hatten, als wir nach Buenos Aires ziehen mußten.

Ihr habt Euer zweites Album bereits 1997 heraus gebracht. Warum hat es bis zu “Los Guachos” so lange gedauert?

Pedro: Zu der Zeit haben wir eine tolle Band supportet, Todos Tus Muertos. Wir haben viele Konzerte gespielt und waren viel auf Tour. Aber dann lösten sich zum einen Todos Tus Muertos auf und zum anderen hatten wir einige Probleme in der Band. Wir hatten sehr viel Material für die “Perfectos Idiotas”, aber nach zwei Jahren war es weniger als am Anfang. Dann verließen einige die Band und wir mußten von Null anfangen. Wir beschlossen ein neues Album aufzunehmen, “Los Guachos”, aber zu der Zeit hatten wir nicht das Geld dafür. In einem Studio aufzunehmen war einfach zu teuer. Also arbeiteten wir sehr hart und sehr viel, um uns Equipment für unser eigenes Studio zu kaufen.

Ihr nennt Euch selbst das Sprachrohr Mendozas. Welche Nachricht wollt ihr übermitteln?

Pedro: Was wir durch unsere Songs und Texte zeigen wollen, sind so etwas wie Postkarten von dem, was in unserer Gesellschaft passiert ist. Wie sprechen viel über Liebe, über die Ungerechtigkeit und die Fehler, die wir im System sehen. Aber der Punkt ist, das wir versuchen, es in Poesie zu fassen. Wir wollen, dass die Leute sich an uns erinnern weil wir Künstler sind und nicht, weil wir jemanden beleidigen: Politiker oder fucking cops. Scheiß Polizei! Sie verdienen das natürlich, aber wir sind trotzdem immer noch Künstler. In gewisser Weise sind wir das Sprachrohr, weil wir im System leben und darunter leiden, so wie das Volk, nur wir können es durch die Musik ausdrücken. Wir sind keine Millionäre, wir haben nichts und wir müssen jeden Tag kämpfen.

Inwiefern beeinflußt die politische und wirtschaftliche Lage Eure Musik?

Pedro: Es zeigt sich natürlich in den Texten und in den Schwierigkeiten, die wir haben, ein Konzert zu veranstalten oder eine CD zu verkaufen. Die Preise sind sehr gering, weil du sonst keine CDs verkaufen könntest, da Argentinien sehr arm ist. Es werden natürlich auch viele Raubkopien gemacht, aber wir lehnen das nicht ab. Wir verdienen unser Geld dadurch Konzerte zu spielen, und das ist in Ordnung.

Könnt Ihr in Argentinien von der Musik leben?

Pedro: Es ist sehr schwer. Der Punkt ist, dass wir nebenbei auch andere Sachen machen müssen, nicht nur spielen. Aber dank Gott, hat es alles etwas mit der Musik zu tun. Wie schon gesagt, wir haben jetzt ein Studio, wo viele neue, junge Bands aufnehmen, und das bringt uns Geld. Ich unterrichte auch, einige machen Straßenmusik. So können wir davon leben.

Karamelo Santo vermischt viele verschiedene Musikstile. Würdest Du sagen, Ihr seid eine der ersten Bands in Mendoza, die damit angefangen haben?

Pedro: Ich war nicht von Anfang an dabei. Karamelo Santo gibt es seit 10 Jahren und ich bin jetzt seit 7 Jahren dabei, aber ich war vorher schon ein Fan der Band. Aber damals waren sie die erste Band, die diese Art Musik gemacht hat. Wenn du jetzt nach Mendoza gehst, gibt es natürlich viele Bands, die Latino-Rock spielen und in Argentinien sowieso, aber in Mendoza waren sie die allererste Band, die damit angefangen hat.

Jetzt nur noch die letzte Frage: Was ist die Bedeutung von Karamelo Santo?

Pedro: Wir sind eine Gruppe von Freunden, die ihr zu Hause verlassen haben, weil sie einem Traum folgen wollten. Wir wollten durch die Musik wenigstens einen Teil der Welt kennen lernen. Dieser Traum ist wahr geworden und die Herausforderung besteht jetzt darin, diesen Traum aufrecht zu erhalten.

Danke, vielmals für dieses nette Gespräch.

Autor: Anne

matthias | Do., 21. Aug 2003 | Interview

Am 8.08.2003 machten wir uns auf ins schöne Bayernländle um uns mit den Aggropoppern der Berliner Punkrockszene, der Terrorgruppe, zu treffen. Anlässlich ihres 10-jährigen Bestehens wurde es auch Zeit für diese Begegnung der besondern Art. Nach sengender Hitze und triefendem Nass traf man sich in den Abendstunden um alte Fragen zu klären und Neues zu erfahren. Was wir alles erfahren haben, könnt ihr in den nächsten paar Zeilen nachlesen. Viel Spaß dabei!

Hallo, zuerst würde ich gern mal einen Rückblick von euch auf die letzen zehn Jahre haben.

Johnny: Oh, da können wir jetzt ja eine Stunde erzählen!

Archie: Das lustige ist, dass es alles hammer-schnell ging. Wir haben uns 2001 nach unserer Record-Release-Party von unserer Live-Platte „Blechdose“ mit einem Berliner Veranstalter unterhalten und der meinte, ob wir nicht mal was dickes in der Columbia Halle machen wollen. Und da meinte ich, naja, im Grunde genommen sind wir ja jetzt 9 Jahre alt...

Johnny: ...da machen wir halt unser 10-Jahres-Festival da.

Archie: Und dann sind wir eigentlich tierisch erschrocken, dass alles so schnell ging. Die Band ging ja `93 los und war ein Projekt, was eher als Hobby-Ding angelegt war, um ab und zu mal Texte zu schreiben und lustig rum zu musizieren. Wir hatten ja auch nie richtig Musiker gesucht. Das waren alles unsere Kumpels und es war uns auch egal ob die jetzt spielen konnten oder nicht. Unser erster Basser war grandios Scheiße. Den mußte man bei den Aufnahmen immer verstecken oder wenn er aus dem Studio war, hab` ich den Bass nochmal nachgespielt. Und dann ging das relativ flott los mit uns. Wir hatten ja auch niemals gedacht, dass wir jemals einen Plattenvertrag kriegen und dann richtig viele Platten rausbringen. Aber die ersten Singles, die wir selber produziert haben, haben sich so gut verkauft, dass wir dann plötzlich mittendrin waren im Geschehen. Und dann haben wir eine Platte nach der anderen gemacht und sind wie die Irren getourt. 2000 hatten wir dann 500 Gigs zusammen.

Aber das macht euch ja auch aus, dass ihr so viel auf Tour seid...

Johnny: Das war nie so beabsichtigt, wir sind da so rein gerutscht...(grins)

Archie: Wir haben immer gewartet bis uns einer anruft, der uns unbedingt haben wollte. Und das wurde immer mehr, immer mehr, immer mehr und 2000 hatten wir dann plötzlich schon das 5. Album draußen.

Johnny: Ich wollte ja `93 auch eigentlich Bank-Kaufmann werden oder Versicherungs-Vertreter. Aber ich hatte dann falsche Freunde und bin da irgendwie so rein gerutscht. Die meinten dann immer so, mach doch Punk-Lehre, werd Punk-Musiker. Und jetzt häng ich da halt so drin.

Am sechsten Oktober kommt eure neue Platte raus. Ihr habt diesmal ja ziemlich lange gebraucht, die Platte rauszubringen. Woran lag das?

Johnny: Wir waren diesmal nicht 30 Tage am Stück im Studio, wie das Bands manchmal so machen. Sondern wir haben getourt, dann haben wir nach der Tour wieder ein paar Lieder geschrieben, dann haben wir die sofort aufgenommen, so wie man eine Single aufnimmt. Dann waren wir wieder auf Tour, haben wieder eine Pause gemacht und so haben sich die Aufnahmen für das Album anderthalb Jahre hingezogen. Wir haben letztes Jahr im April angefangen mit den allerersten Aufnahmen und dieses Jahr Anfang Juli waren wir fertig mit abmischen.

Archie: Wir haben alles mit unserem damaligen Produzenten von der „Musik für Arschlöcher“ aufgenommen. Und es war im Grunde genommen die selbe Art und Weise, wie wir unsere erste Platte aufgenommen haben. Wir wollten es auch mal wieder so machen, weil man mehr Zeit hat über Lieder nach zu denken und sich zu fragen, passt das und ist das gut. Man muss aber sehr diszipliniert sein, weil man sonst manchmal kein Ende findet.

Johnny: Man kann nach all zu langer Zeit, wenn man die Lieder so oft gehört hat, nicht mehr einschätzen, ob das wirklich gut ist oder ob wir Scheiße gebaut haben. Aber das wird sich ja dann spätestens im Oktober raus stellen.

Heißt es, dass man Veränderungen auf der Platte erwarten kann?

Steve: Immer, the same but different.

Archie: Ich glaube es ist ein guter Rückblick auf die 10 Jahre, aber es ist auch etwas neues dabei. Wir haben versucht einen Rundumschlag zu machen.

Was mich noch persönlich interessiert ist, warum ihr damals von Epitaph weg gegangen seid und euer eigenes Label gegründet habt?

Johnny: Das war so, dass sie von vorn herein gesagt haben, das Live-Album wollen sie nicht machen. Das sollen wir selber machen. Und da haben wir gesagt, ok, machen wir. Wir haben das auf unserem eigenen Label gemacht, was so gut lief, dass wir gesagt haben, wir sind ja eigentlich viel, viel besser. Epitaph hat dann auch signalisiert, dass sie kein neues Studio-Album machen wollen und da haben wir gesagt, okay, läuft auf dem eigenen Label ja eh besser.

Das erste Album auf eurem Label war ein Live-Album. Und eigentlich sagt man ja, Live-Alben und Best-Of-Alben sind dafür da, Kohle zu scheffeln.

Archie: Sagt man, das ist auch wahr, und bei den meisten Bands ist das auch wirklich so der Fall.

Johnny: Bei uns kann man`s aber nicht sagen, weil wir die Hälfte der Kohle für die sündhaft teure Blechdosen-Verpackung weg geworfen haben.

Archie: Wir haben zwar sehr gut verkauft und manche Bands beneiden uns dafür, aber wir sind nicht reich geworden damit, weil diese Blechdose so teuer war. Der Hintergrund war ja auch, ein Live-Album zu machen, wie die Live-Alben, die wir so gut finden, wie z. B. „ZK- Leichen pflasterten ihren Weg“...

Johnny: „Decline of Western civilization“, ein kalifornischer Punk-Sampler; „Live at the Roxy“ oder natürlich die alten klassischen 60`er und 70`er Jahre Rock-Alben von Kiss über Stones oder The Who....

Archie: Das waren tierisch gute Live-Alben und wenn man die gehört hat, konnte man sich die Studio-Sachen kaum noch anhören, weil die einfach so trocken waren.

Ihr habt ja auch wirklich gute Kritiken dafür bekommen.

Archie: Ja, wir haben uns ja auch angestrengt! Und es war glaube ich auch ein gutes Konzept.

Steve: Aber auch den Fans haben wir einen Gefallen getan, weil wir öfter zu Ohren bekommen haben, doch mal ein Live-Album zu machen.

Auf dem Label habt ihr ja sicherlich auch noch andere Bands. Habt ihr euch da jetzt regional/ national beschränkt ?

Johnny: Also das Label Aggropop hat bisher außer Terrorgruppe-Veröffentlichungen und dem Sampler nur The Movement gemacht. Die hat Archie produziert. Das war eine Band, bei der Archie und ich zufälligerweise an einem Abend im selben Club waren und uns die angeguckt und gesagt haben, super, das isses, die machen wir.

Archie: Wir wußten ja da noch gar nicht, dass die bei uns rauskommen sollten. Wir haben die gesehen und waren völlig hin und weg und da ruft mich mein Freund, der Erem Schwarz aus Kopenhagen, zwei Tage nach diesem Gig an und meinte, er hätte da so`ne Band, die da The Movement heißen. Und ich so: Ja, wirklich? Die habe ich gerade vor zwei Tagen gesehen und war völlig fasziniert von der Truppe. Wir haben denen das dann vorgeschlagen, die waren auch sofort dabei und dann haben wir drei Monate lang die Band produziert in Kopenhagen. Ich hab das dann Jacho, unserem Über-Chef von Destiny-Records, gegeben, der ja für das Marketing zuständig ist und dann haben wir die Platte rausgebracht. Ja, das ist `ne geile Band und wenn man so ein kleines Label hat, das ist ja nur ein Micro-Label, was wir da haben, ist man natürlich stolz, wenn man dann so eine Band hat. Das ist schon ein guter Anfang. Ich glaube wir werden jetzt sehr wählerisch, aber das ist auch gar nicht so schlecht.

Habt ihr schon andere Bands im Blickfeld?

Archie: Wir kriegen gerade sehr viele Angebote und viele Leute interessieren sich natürlich auch dafür, weil sie auch wissen, dass wir die Sachen von der Bandsicht aus sehr liebevoll behandeln. So eine Festlegung muss schon Hand und Fuß haben bei uns....

Johnny: Siehe den „Aggropop Now“ Sampler, wo ja ein Jahr lang Arbeit drin steckt.

Wirft das Label schon Kohle ab oder müßt ihr noch mehr rein stecken, als ihr raus bekommt?

Archie: Wir haben einen guten Vertrieb, die Sachen verkaufen sich auch so, dass sich die Kosten decken ...

Johnny: ...aber die Abrechnung kommt erst im Dezember, vorher kann ich noch gar nichts sagen.

Archie: Aber letztendlich sind wir immer noch eine Band. Wir müssen uns nur immer eine Plattform schaffen, auf der wir agieren können. Und wir haben gemerkt, dass es seit fünf Jahren mit anderen Labels nicht klappt. Wir hatten damals mit der Metronorm und Gringo-Records ein cooles Packet. Wir hatten Leute, die haben uns richtig geholfen haben und verstanden, was wir machen. Und das hat alles prima funktioniert, obwohl das ein Major-Label war. Bis die halt zu machen mußten. Und hinterher haben wir nur Scheiße erlebt. Dumme Product-Manager, die alle nur Zeit-Soldaten waren und amerikanische Labels, die nur ihren amerikanischen Bands Prioritäts-Standards geben und eher überhaupt nicht verstehen, was wir wollen.

Johnny: Speziell zu der Zeit, als Gringo-Records bei Intercor war und der Verantwortliche uns da ernsthaft eine Mallorca-DJ-Promotion rein drücken wollte. Dafür wollte er 100.000 Mark spendieren aber uns hat er keine 5000 Mark für Aufkleber oder Poster gegeben.

Archie: Und jetzt haben wir da wieder eine Plattform, wo wir das so machen können, wie wir das wollen.

Johnny: Zu Epitaph ist zu sagen, dass wir da ein super-geiles, verständnisvolles Team hatten. Aber dieses Team konnte da auch nicht immer alles durchsetzen, was sie wollten. Das war speziell im Herbst 2000 so, als der Film „Oi! Warning“ raus kam, wo sie die Filmmusik gemacht hatten. Da kam gar nichts mehr vom Label, wenn wir die nicht einen Monat darauf hingewiesen haben, macht mal die Single. Und als dann die Freigabe für das Live-Album kam, haben wir gesagt, yeah.

Habt ihr vor, aus dem Aggropop-Samplere eine Art Reihe zu machen oder ist es das Special-Geschenk für die Fans?

Johnny: Eine Reihe Aggropop-Sampler - nee. Der heißt dann wieder anders.

Archie: So Reihen finde ich auch immer Scheiße. Das finde ich auch bei Filmen Scheiße. Hulk1, Hulk 2.

Johnny: Der nächste heißt dann „Platoon-Pop“...

Steve: ...oder „Aggropop Yesterday“...

Johnny: ...oder „Rambo 4“

Archie: Aber es kann schon sein, dass wir wieder eine Sampler machen, weil wir auch viele Bands vergessen hatten.

Johnny: Das wird dann aber wieder was anderes. Ein anderes Thema oder so. Was z.B. ein Traum von mir ist, ist, man gibt einer Band einen Text, den gleichen Text meinetwegen auch in Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, und nur eine Akkord-Progression. Das ist die Strophe, das ist der Refrain. Und jetzt macht was. Und das dann auf eine Platte bringen.

Ihr tourt ja demnächst. Werdet ihr euch da wieder auf kleine Clubs beschränken oder wollt ihr durch die Columbia-Halle jetzt in größere Clubs?

Archie: Das geht schon wieder alles in die 500er Clubs. Die Columbia-Halle war auch eine einmalige Sache und auf diesem Level das alles zu machen ist schon unglaublich anstrengend. Da mußten wir große Vorarbeit leisten. Da müßten wir schon unser Team extrem vergrößern und die Chart ein paar Monate aufräumen. Auf der anderen Seite ist es glaube ich auch nicht das, was uns dann besser macht. Wir sind nicht die Big-Show Typen. In so einem 500er Club sind wir schon ganz gut aufgehoben.
Es wird eine ausführliche Tour durch Deutschland, Österreich, Schweiz, die geht bis Dezember und dann noch ein bisschen was im Januar und dann hoffe ich, dass wir überall gespielt haben, wo die Leute uns sehen wollten.

Was war die schönste Show, bis auf die Columbia-Halle?

Johnny: Ganz klar. Brasilien. Principe-Festival oder eine Show in so einem kleinen Club in Sao Paolo oder Cuichiva.

Und die schönsten weiblichen Fans?

Archie: Na auch Brasilien. Das Problem ist bloß immer, dass man die am nächsten Morgen dann immer nie sieht, gell Slash? (allgemeines Lachen)

Johnny: Da müßt ihr den Slash fragen.

Archie: Ja, die schönsten weiblichen Fans gibt’s schon in Brasilien, leider. Obwohl, wir sind da jetzt nicht so selektiv unterwegs.

Ihr nehmt alles was da kommt...(Lachen)

Archie: Nee, wenn man die von der Bühne anguckt, meine ich. Ich ordne mein Publikum nicht in hübsch oder scheiße aussehend ein. Ich freu mich wenn die Spaß haben.

Gut dann wars das, danke.

Archie: Danke auch, war schön mit euch.

Zwei Stunden nach dem Interview beglückten uns die Terrorgruppe noch mit ihrem Auftritt auf der Zeltbühne. Was soll man dazu sagen? Wer die Terrorgruppe noch nie gesehen hat, dem sei gesagt, da hat er was verpasst und sollte das schleunigst nachholen. Gutgelaunt boten die vier einen Mix vom ersten veröffentlichten Album bis hin zur Vorstellung der neuen Single „Angela“, die demnächst auf der neuen Platte „Fundamental“ erscheint. Klangmäßig haben sie auf jeden Fall durch ihre abwechslungsreiche Mischung aus Punkrock, Ska- und Reggeaelementen nicht nur uns, sondern auch die bayrischen Festivalbesucher überzeugt. Die Stimmung zündete also wie die Rakete in Archies A…. am Ende des Auftritts.
Leider sind die Zeitvorgaben bei Festivals immer ziemlich strikt festgelegt, deshalb gabs auch nur eine Zugabe und die Band verließ die Bühne, trotz des Protests des Publikums.
Alles in allem wars es doch einer der besten Auftritte die man beim Taubertal-Festival zu sehen bekam. Alle diejenigen, die die Terrorgruppe in diesem Jahr noch live erleben wollen, sollten sich schleunigst auf die offizielle Homepage www.terrorgruppe.com begeben und die Dates der demnächst beginnenden Tour im Herbst auskundschaften.

Autor: Jana

matthias | Fr., 08. Aug 2003 | Interview

DJ Pepe eröffnet unsere Interviewserie mit Berliner DJs. Sein Musikstil bewegt sich beim Auflegen zwischen World - Latin - Arabian - Mestizomusic. Bei Konzerten sorgt er auch öfters für einen netten musikalischen Ein- und Ausklang. Regemäßig ist er im Lauschangriff zu hören.

Wann hast du mit Auflegen angefangen?

Das erste Mal habe ich mit 11/12 Jahren bei Klassendiskos Musik gemacht. Damals noch mit Kassetten. Das erste Mal in einem Club habe ich 1994, mit 18 Jahren, im „Atelier 89“ aufgelegt. Das war ein kleiner Club im Prenzlauer Berg. Dort war ich fünf Jahre DJ, bis der Club zugemacht wurde.

Was für Musik hast du damals gespielt?

Hits. Alles von den 60ern bis zu den 90ern. Alles was die Leute sich wünschten.

Wie bist du dann zur spanisch-lateinamerikanischen Musik gekommen?

1999 bin ich ein Jahr nach Spanien gegangen, schon mit dem Vorsatz, alternative spanische Musik zu suchen. Vorher kannte ich nur die Sachen, die jeder kennt, wie Gipsy Kings oder Manu Chao. In Spanien hab ich dann in Granada mit drei Andalusiern zusammen gewohnt, die mich etwas in die Musik einführten. Das ganz große Glück hatte ich dann aber in Madrid, wo auf einer Privat-Party ein DJ Musik machte, der den Sound machte, den ich suchte.

Welcher DJ war das, und was für einen Sound machte er?

Es war DJ Nilo, heute bekannt als Nilo MC. Er spielte so eine Art Mestizo. Es ist schon ein richtiges Glück so einen guten DJ auf einer Privat-Party zu hören, wo er vielleicht für zwanzig Leute seine beste Musik spielt.

Wie ist eigentlich, ich nenn es mal die Mestizo-Szene in Spanien? Ist sie verhältnismäßig groß und ist es daher relativ einfach, die Musik kennen zu lernen?

Mehr als hier sich sicherlich. Für mich ist es jedoch nicht so einfach gewesen, in die Musik rein zu kommen. Man musste schon suchen und Glück haben. Wenn man den Einstieg findet ist es natürlich immer einfacher.

Denkst du Berlin ist ein guter Nährboden für diese Musik? Ist die Musik immer mehr im Kommen?

Mittlerweile ja. Ich spiele jetzt seit knapp drei Jahren „alternative“ spanisch-lateinamerikanische Musik. Früher gab es noch nicht so viele Partys, aber mittlerweile hat sich das entwickelt, obwohl es meiner Meinung nach noch zu wenig ist. Aber ich denke es wird weiter wachsen. Zumal es mittlerweile auch einige Bands gibt, die sich bekannt gespielt haben, und die somit auch die ganze Musik pushen.

Siehst du eine Parallele zwischen der Entwicklung von Berlin als Stadt und der Musik-Szene? Dass z.B. die Entwicklung Berlins und der Zustrom von Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern wiederum die Musik-Szene beeinflußt ?

Der Punkt ist einfach, dass Berlin eine Großstadt mit dreieinhalb Millionen Einwohnern ist, und in Deutschland die Stadt, wo etwas passiert. Außerdem ist es die Stadt, die die meisten Möglichkeiten bietet. Gerade für Subkulturen. Darüber hinaus ist spanisch-lateinamerikanische Musik in den letzten Jahren sehr populär geworden. Angefangen vom Phänomen Buena Vista Social Club.

Wie denkst du, dass es sich weiter entwickeln wird? Wird es noch populärer werden oder eher in der Subkultur bleiben?

Es wird sicherlich noch bekannter werden. Es findet ja zum Teil auch schon Anklang im Radio. Wenn man sich so Bands ansieht, wie Orishas, die auch im normalen Radio gespielt werden und selbst auf Chart-Compilations auftauchen.

Und wie denkst du, wird sich deine Musik weiter entwickeln?

Gute Frage. Ich weiß es nicht. Zur Zeit lege ich ja Spanish-Latino, French-Arabic und Worldbeats auf, alles von Reggae bis Salsa, und von HipHop bis Rai. Was noch kommt, mal schauen.

Du legst ja schon eine Weile die Musik auf. Glaubst du, dass du einer der ersten warst?

Der erste bestimmt nicht. Höchstens vielleicht in der Rigaer Straße, wo ich erst im Schizzotempel, dann im Fischladen, und jetzt im Lauschangriff auflege.
Ich glaube mit die ersten waren die von der „Freitagsbar“, die es schon seit 8/9 Jahren gibt. Und dann weiß ich, dass ich DJ Dörte Mitte der 90er im Franz-Club gehört habe, wo sie damals schon arabische Musik gespielt hat. Die Musik war halt noch nicht so populär wie heute.

Wie kommst du zu neuen Bands, neuer Musik?

Na erst mal ist es sicherlich einfacher, wenn man schon eine bestimmte Anzahl von Bands kennt. Dann liest man vielleicht einen Artikel, wo der eine oder andere erwähnt wird. Oder man liest die Credits von einer CD. Und dann passiert es auch immer wieder auf Partys, dass Leute zu einem kommen und sich was wünschen, was man nicht hat. Dann sagt man, schreib mir mal auf, ich kümmere mich drum. So kommt halt eins zum anderen. Das ist wie ein Puzzle. Da kommt ein Teil zum anderen. Je mehr Puzzle-Steine man schon hat, desto mehr kommen hinzu.

Wo legst du überall auf?

Zur Zeit lege ich einmal im Monat im Lauschangriff auf, wo es jeden zweiten Samstag die „Fiesta Pepe“ gibt. Und dann werde ich manchmal gefragt, ob ich nicht auf einer Party oder einem Konzert auflegen möchte. So war es bei Los De Abajo und Panteón Rococó.

Spielst du gerne bei Konzerten?

Ja, klar. Das ist schon ein bisschen wie ein Traum, bei Bands aufzulegen, die man selber toll findet, und die man sonst immer auflegt. Außerdem macht es mir Spaß für ein Konzert einen bestimmten musikalischen Rahmen zu schaffen, um die Leute schon positiv auf das Konzert einzustimmen.

Was für Pläne hast du im Sommer? Hast du vor durch die Lande zu fahren und nach neuer Musik zu suchen?

Also, die letzten Wochen habe ich sehr viel gespielt. Jetzt ist erst einmal Sommerpause. Einfach um mich zu erholen, und zu überlegen, wie es musikalisch weitergehen könnte.
Und nach Spanien fahr ich bestimmt auch.

Ist solch eine Sommerpause wichtig?

Für mich ja. Ich glaube, die Leute hören, wenn ein DJ ausgebrannt ist, und anfängt, immer das selbe zu spielen.

Welche CD´s hörst du gerade zu Hause?

Die neue von Los De Abajo „LatinSkaForce“, sehr schöne CD, kann ich nur empfehlen. Dann Inti-Illimani „The Best of (1973-1986)“, einfach klasse. Und dann Clotaire K „Lebanese“, arabischer HipHop. Hab ich das erste mal bei DJ Shazam gehört, sehr gut.

Was meinst du, wie lange du noch als DJ auflegen wirst?

Ich denke, dass ich so lange weiter mache, wie ich noch Spaß am Auflegen habe. Deswegen mache ich auch immer mal wieder eine Ruhepause, so wie im Sommer. Wie gesagt, ich will mich nicht totspielen.

Ein anderes Thema. Welche Rolle spielt Politik in deiner Musik?

Ein Teil der Bands, die ich auflege, haben einen politischen Background, und dann natürlich auch bestimmte Anliegen in ihren Texten. Das versuche ich beim Auflegen soweit es geht zu berücksichtigen, in dem ich versuche die Musik inhaltlich aufeinander abzustimmen. Aber das geht natürlich nicht den ganzen Abend so. Letztendlich lege ich doch auf Partys auf, wo die Leute zunächst einfach nur ihren Spaß bzw. viel tanzen wollen.

Würdest du dich als politischen DJ sehen?

Schwierige Frage. Sagen wir es so. Mein Anliegen ist es, Musik zu spielen, die aus verschiedenen Teilen der Welt kommt, zu der dann eben solche Menschen kommen sollen. Egal, ob Deutsche, Spanier, Latinos, Araber oder Franzosen. Klar ist mein Schwerpunkt spanisch-lateinamerikanische Musik. Davon ausgehend versuche ich Verknüpfungspunkte zu französich-arabischer Musik oder anderen Worldbeats, auch deutsche, zu finden. Mein Ziel ist es musikalisch „eine Welt“ zu schaffen.

Also doch politisch?

Vielleicht auf eine andere Art politisch.

Und was ist dir noch beim Auflegen wichtig?

Ich habe mal ein Interview mit Laurent Garnier, glaube ich, gehört. Er hat, denke ich, etwas sehr Wahres gesagt. Auflegen ist wie eine Geschichte erzählen. Man erzählt den Leuten eine Geschichte. Man hat einen Faden in der Hand, den man weiterspinnt. Und manchmal hat man vielleicht einen Abend, wo man dem Publikum und sich einen absoluten Glücksmoment verschaffen kann. Für ein paar Songs werden die Leute mit sich und dem Raum eins, und fühlen nur noch die Musik. Das sind dann echt die absoluten Glücksmomente. Aber leider schafft man das nicht immer.

Warum nicht?

Es hängt einfach von ganz vielen Faktoren ab. Wie man selber drauf ist, oder die Leute. Oder es treten am Anfang des Abends, wenn noch niemand da ist, technische Probleme auf. Da spielen manchmal ganz dumme Kleinigkeiten mit rein, die man nicht planen kann

Zum Schluss noch eine Frage. Welche DJ´s kannst du noch empfehlen?

Ein DJ bzw. DJane, die ich sehr mag ist DJ´in Seekyou. Sie spielt auch spanisch-lateinamerikanische Musik. Dazu viele italienischen Sachen, manchmal etwas russische Musik, und dann auch einige schöne alte spanische Klassiker. Ich kann sie nur empfehlen. Sie spielt übrigens auch im Lauschangriff, ab September jeden ersten Samstag im Monat.

Alles klar, das war‘s. Danke für das Interview.

Autor: Anne

matthias | Fr., 08. Aug 2003 | Interview

"Mach woggle!"
Angefangen hatte alles in Fürstenwalde. Laut einer Zeitung sollte dort ein SKA Konzert stattfinden. Also fuhren wir in einen ominösen Club, an dessen Namen ich mich nur noch dunkel erinnern kann: „Club Im Park“.

Auf dem Plakat stand eine für mich bis dahin unbekannte Band. Aber schon nach den ersten zu vernehmenden Tönen, war nicht nur ich begeistert. Innerhalb kürzester Zeit schafften es Dr.Woggle And The Radio das Publikum zum Tanzen zu bewegen. Nach zwei weiteren Konzerten der Band wurde mir klar: Die Woggles haben es einfach drauf! Ihre Musik, die den Weg in den Gehörgang über die Milz bis hin zu den Zehnspitzen in Rekordzeit zurücklegt, überzeugt ab der ersten Minute!

Nachdem ich lange nach einer Dr.Woggle And The Radio - Platte gesucht hatte, fand ich das Debutalbum endlich auf einem Flohmarkt. „Geile Wurst!“ Total rund vor Freude ging ich nach Hause. Dort konnte ich endlich die „Skannibal Party“ aus meiner Anlage nehmen, auf der das einzige mir bis dahin bekannte Lied der Band, „Ten-Nine-Eight-Seven-Six“ schon seit Erwerb des Samplers auf Repeatschleife lief. „Suitable“, so der Titel des ersten Albums ist eine stark vom Reggae beeinflusste Skaplatte. Bei den ersten Hörproben überraschte mich das Tempo, hatte ich sie doch etwas schneller in Erinnerung. Doch meine Zweifel sollten mich bald verlassen. Mehrere Lieder konnte ich kurze Zeit später zu meinen Favoriten zählen.

Wer die Platte kennt, ist höchstwahrscheinlich genau wie ich über den Song „Never Ride A Camel“ gestolpert. Auch wenn die Jungs aus Weinheim darin penetrant das kleine Wörtchen OI! benutzen, versteckt sich dahinter keineswegs eines der Sauf und Fick Gröl- Lieder an die man vielleicht automatisch gedacht hätte. Der Song stellt nach Aussagen der Band eigentlich nur eine Verarbeitung eines traumatischen Urlaubserlebnisses in Israel dar. Auf dieser Reise wurden sie nämlich ausdauernd genötigt, eines dieser „netten“ Tierchen zu reiten. Warum sie sich jedoch konsequent weigerten, lässt sich mit Leichtigkeit dem Text entnehmen. „You know camels got bad teeth, and camels are uuugly. You know camels stink, … camels never drink and camels are lazy, … camels are crazy-never ride a camel again!” Jedenfalls wird dieser Song angeblich nicht mehr gespielt, da die Rechte an eine führende Tabakfirma verkauft worden wären, was die Band ein gutes Stück weiter auf dem Weg zu Deutschlands ersten Skamillionären gebracht haben soll.
Nun stehen Dr.Woggle And The Radio, wieder ganz bescheiden, im Studio. Wegen anderen Verpflichtungen wie sinnlosem Arbeiten oder an der Uni rumhängen, hatte die neue Produktion immerhin zwei Jahre auf sich warten lassen. Doch kann sich eine Band, die gerade mal ihr fünfjähriges Bestehen feiert, angesichts fast zweier kompletter Alben durchaus stolz auf die Schulter klopfen. Zusammen fanden sich die Musiker 1998 im Umkreis von Weinheim.

Während der Eine sich noch in der Deathmetalband „Millenium Death“ versucht haben will, probten spätere Woggles bereits gemeinsam zusammen. Der Gitarrist und Backgroundsänger dieser fiktiven Deathmetalband wechselte also das Instrument und gab sich mit einem Mikrofon zufrieden. Diesen Posten füllt er seitdem mit Bravur und einzigartiger Bühnenpräsenz aus. Nach einigen ersten Konzerten gesellten sich noch andere Musiker zur Band. Ab 1999 wurden die Woggles bereits für größere Touren geordert und im Frühling 2000 nahm die Band ihre erste CD auf. Davor waren sie, wie erwähnt mit einem Song auf dem ersten Skannibal Party Sampler vertreten.
War das der entscheidende Schritt, der die Band berühmt machte, fragen wir in einem Interview:

„Also über dieses eine Lied ... sind wir gar nicht bekannt geworden. Also das wissen wir gar nicht, ob wir überhaupt über diesen Sampler bekannt geworden sind, wir wissen überhaut sowieso nicht, über was überhaupt wir... oder ob wir überhaupt bekannt SIND.“ Also überhaupt gar nicht! „Wir wissen nur dass wir geil sind. Es würde sich auf jeden Fall lohnen, dass wir bekannt werden“ fügt der Sänger mit einem schelmischen Lachen hinzu.

Zu der Band selbst gäbe es wahrscheinlich noch eine Menge zu erzählen, doch an diesem Abend war im Interview nicht viel mehr verlässliches rauszuholen. Viel zu lachen haben sie, das steht fest, denn immer wieder geht mit den Woggles die Liebe zur Unterhaltung und zum Geschichtenerzählen durch. Angesprochen auf die Bedeutung ihres Namens, bekamen wir gleich mehrere Erklärungen die u.a. bereits eine Art Gründungsmythos enthielten: „Also wenn du im Wörterbuch nachsehen würdest, da ist der Woggle ein Knoten bei den Pfadfindern, aber damit haben wir nichts zu tun.

Wirklich zugetragen hat es sich so: Wir waren mal zusammen im Zeltlager. Eines Nachts, es hatte geregnet, es herrschte Sturm und Donner und Blitz, ein Unwetter eben. Wir hatten damals unser Siebenmannzelt dabei und lagen schon so ineinander rum. Und dann auf einmal, ging total der Blitz ab... Wir gehen raus, da ist ein Baum und da steht vom Blitz reingeritzt: Dr. Woggle And The Radio.“

Autor: Stefan

matthias | Di., 22. Jul 2003 | Interview

Auf dem 13. Potsdamer Ska-Fest hat sich für uns die Möglichkeit ergeben, mit der in Hannover ansässigen Ska-Punk-Band Wisecräcker, die gerade ihr neues Album „Para mi Gente“ rausgebracht hat, ein Interview zu führen. Et voilá, seht selbst.

Wie seid ihr zu Eurem Namen gekommen?

Alex: Wisecräcker heißt halt Klugscheißer und wir wurden bei uns in Hannover in der Szene und auch privat halt immer so als Besserwisser bezeichnet. Und da haben wir gedacht, das ist eigentlich ganz passend.

Ihr habt im Jahr 2000 und 2001 eine ausdehnende Tour durch Mexico / Californian gemacht. Wie seid ihr dazu gekommen?

Alex: Das war eigentlich ganz einfach. Wir haben an der VHS angefangen Spanisch zu lernen. Und da hatten wir halt spanische Lieder und da ich auch ziemlich auf Latin-Ska stehe und spanische Mucke, haben wir halt zu diesem Label, Atzlan Records‚ ne Cd geschickt. Da haben die uns auf einen Sampler drauf gepackt („Puro Eskanol“) und dann traf es sich, dass ich meinen Urlaub in San Fransisco verbracht habe, wo die ansässig sind. Ich hab mich mit dem dann mal getroffen und unterhalten, und er meinte: Leute, ich mach für Euch ´ne Tour klar.

Das ist für eine deutsche Band doch nicht schlecht.

Alex: Ja klar, aber man muss auch sagen, eine Tour da drüben ist nicht das, was eine Tour hier ist. Da gibt es halt so Sachen wie einen proportionalen Anstieg. Je länger du dabei bist und je bekannter du wirst, desto mehr Bier kriegst du hingestellt, desto besser ist die Gage. Und da drüben ist es halt so, dass alle Underground Bands, die du hier abfeiern würdest, dort immer noch unter Underground laufen. Und dann hast du halt die großen Bands wie Green Day und hast nicht gesehen. Und die kleinen Bands sind halt Scheiße da. Es war schon eine Scheiß-Tour, aber es war geil. Aber es war eine ganz andere Erfahrung.

Die Resonanz, wie war die?

Alex: Die war super.

Wie viele Leute waren ungefähr auf den Konzerten?

Alex: Also ich weiß nicht wie viele Leute da waren, aber wir haben pro Konzert 50 CD´s und 20 T-Shirts verkauft. Ich gebe einen Akkord und dann hast du da gleich diesen Circle-Pit. Und dann gehen die ab wie...

Ja, die Amis feiern ja auch ganz anders.

Alex: Ja, und dann sagst du noch zwei Wörter auf Spanisch, „Me gusta la cerveza mexicano“ oder so und dann ist Stagediving auch kein Problem mehr...

Ihr habt ja auch mit größeren Bands gespielt (z.B. King Changó), wieso war die Tour dann trotzdem eine schlechte Tour?

Alex: Ja, das sind trotzdem kleine Bands da drüben. King Changó können froh sein, wenn die da einen Backstage-Raum bekommen.

Können die Bands da drüben davon leben?

Alex: ja, die können davon leben.

Könnt ihr davon leben?

Alex: Wir haben alle noch Jobs nebenbei.

Du hast ja auch dein Label Übersee-Records. Machst du noch etwas anderes?

Alex: Ich arbeite aber auch noch mal richtig.

Was wolltet ihr früher mal werden?

Alex: Berühmt!

Und da gab es nichts davor?

Alex: Nee, wir wollten alle berühmt werden, aber es hat nicht geklappt. Nee, aber ganz im Ernst, wenn du einmal auf der Bühne stehst und da sind nur 10 Leute, die dir was zurück geben...

Wie habt ihr Euch kennen gelernt?

Alex: Ganz am Anfang, da war er 14 (zeigt dabei auf Keks) und ich war 17, 1989, da hab ich gesagt, du spielst bei mir in der Band Bass.

Und was ist mit den anderen?

Alex:Ja, da gab es noch einen, der war 13 und der wurde zum Schlagzeug spielen verdonnert. Und so hat‘s angefangen.

Der erste Gig?

Alex: Der erste Gig war in Sarstedt 1990, anderthalb Stunden, und danach hatte ich eine Woche Mandelentzündung.

Erste Lieblingsband?

Alex: Damals waren wir alle so mit komischen blonden Haaren. So Psychobilly und sowas.

Ihr habt eine große Bindung zu dem Club „Chez Heinz“ in Hannover. Woher kommt das?

Keks: Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir alle, die meißten von uns, innerhalb einer viertel Stunde nach Hause wanken können. Und außerdem...

...weil das Bier billig ist?

Keks: Ja genau, kennst du das „Chez Heinz?“

Nein, war bloß eine Vermutung.

Alex: Ja, die haben gutes Bier. Und jedenfalls machen die immer so Aktionen, dass zu irgend einem bestimmten Thema ganz viele Bands ein Lied covern. Na jedenfalls kam denen die Idee, die wollten so was wie „Heavy Metal will never die“ machen, und dann haben die Bands gefragt, ob sie Heavy Metal Stücke covern. Jedenfalls haben wir da einmal mitgemacht, fanden es richtig geil und sind schon ein bisschen abgegangen wie ein Zäpfchen. Wir haben Judas Priest gecovert und sind mit einer Schwalbe auf die Bühne gefahren, haben die ausgepeitscht, ist sogar etwas Sprit ausgelaufen. War ein großes happening. Das haben wir dann noch ein paar mal gemacht.

Was sind eure musikalischen Wurzeln? Ihr gebt immer Madness und Iron Maiden an.

Alex: Ja, genau so ist es. Ich find doch Iron Maiden auch geil.

Ihr braucht immer relativ lange, um eine neue Platte heraus zu bringen. Woran liegt das?

Alex: Na wenn wir genug Kohle hätten und von der Musikleben könnten und uns jeden Tag auf einen Kaffee treffen und danach in den Proberaum gehen würden, dann könnten wir jedes Jahr eine neue Platte rausbringen. Aber wahrscheinlich kaufen nicht genug Leute unsere Platten. Und wie die Prozente im Moment aussehen, bekommt die Band nur 16-20 % von der Platte, vom Händler-Einkaufspreis. Also von CD-Verkäufen kann man einfach nicht leben.

Was ist in Planung für die Zukunft?

Alex: Wir haben die Möglichkeit eine Argentinien-Tour zu machen, aber wie man weiß, geht´s denen da nicht so gut. Also könne die auch nicht den Flug bezahlen. Geplant ist egal wie lange aber Argentinien und Chile. Ist auf jeden Fall geplant und soll auch kommen, aber da müssen wir erst mal Kohle zusammen kratzen. Und was wir vielleicht noch vorhaben, ist mit Ska-P in Spanien zu spielen. Aber wir müssen halt mal gucken, das ist immer eine Urlaubs- und Geldsache.

Das wars. Danke für das Interview.

Krizn | Di., 15. Jul 2003 | Interview

Ein Emailinterview mit Chris MeFirstAndTheGimmeGimmes.

Ohne Worte, macht euch selbst ein Bild.

Who chooses the songs you play?? How does it work, do you play your favorite songs or does some "superstar" (like R.kelly **grrr**) wants you to play his/her hit??

Chris:
R. kelly has been hounding us to cover his shit for years. i guess he needs the cash.

Is there any "holy" song you would never cover, because you thing you couldn´t made it better???

Chris:
No. gimme's make everything better.

Do the original interprets react on your cover-versions??? What was the strangest?

Chris:
John denver contacted us from the "other side" which was pretty creepy.

When will you release your first german-folk-music-cover-album???

Chris:
How did you find out about that?

When will you play live in europe??

Chris:
Probably never again. .

What can we expect from you in the future??

Chris:
A big disappointment.

What do your other band-members (foofighters) think about mefirst..??

Chris:

They are all jealous superstars

By the way, are there some special news about foofighters you can tell??

Chris:
No.

How many people asked you these questions before??

Chris:
All you fucking music "journalists" ask the same boring shit.

matthias | Do., 10. Jul 2003 | Interview

An einem schön verregneten Freitag im Juli ergab sich für uns die Möglichkeit für ein Treffen mit der Gipsy-Folk-Rock-Punk-Band KULTURSCHOCK aus Seattle, die abends mit Brachial-Gewalt den schwitzevollen Mudd-Club rockten, und ihrem Label-Chef Billy Gould (Faith No More), der für dieses Konzert eigens nach Berlin geflogen kam. Nach einigen Unklarheiten wann denn die Band überhaupt im Mudd-Club aufschlagen sollte, kam es dann 21.30 Uhr doch noch zu einem überaus interessanten und netten Treffen mit diesen Musikern der Extra-Klasse. Und ich muss schon sagen, besser hätte es nicht sein können. Wenn alle Interviews so interessant und freundlich verlaufen, dann mach ich das gern hauptberuflich.

Wir wurden also äußerst freundlich vor dem Mudd-Club von der ganzen Truppe, die gerade erst aus Spanien angekommen war, in Empfang genommen. Am Vorabend hatten sie mit Cheb Balowski und O Jarbanzo Negro in Barcelona zusammen gespielt, die beide auch auf der neuen Kultur Shock Platte mit erscheinen werden.

Die Band wurde 1996 von dem charismatischen bosnischen Sänger Gino Yevdjevich und dem sympathischen Gitarristen Mario Butkovich in Seattle gegründet. Beide hatten während des Krieges in Jugoslawien gelebt. Yevdjevich arbeitete zu der Zeit am Theater während Butkovich mit Ausbruch des Krieges nach Kroatien flüchtete, wo er 5 Jahre in einem Refugee Camp verbrachte. 1995 waren beide dann in Seattle bzw. Portland gelandet wo sie beschlossen die Band Kultur Shock zu gründen. Der Rest der Band stieß nach und nach dazu. Im Jahr 2000 kamen der Gitarrist Val Kiossovski aus Bulgarien, der früher in einer Progressive-Rock-Band gespielt hatte, und der japanische Bassist Masa Kobayashi dazu und 2001 wurde dann auch Amy Denio (Saxophon, Gesang) Mitglied der Band (und die Frau hat Power!). Die derzeitige Besetzung besteht seit Mai letzten Jahres, Drummer Chris Stromquist kam als letztes Mitglied dazu.

Wie schon erwähnt, kommt die Band aus Seattle, die Stadt an der Westküste der Staaten, in der es am meisten regnet, in der am meisten Kaffee konsumiert wird und in der die Kunst und Literaturszene äußerst ausgeprägt ist. Und wir erinnern uns, Anfang der 90‘er ging hier der Grunge-Boom los. (Val Kiossovski arbeitet übrigens im letzten übrig gebliebenen Grunge-Club, dem „Crocodile Cafe“, das zu Teilen einem Mitglied von R.E.M. gehört). Das Seattle Art College soll laut Gino, der dort Theater Kurse unterrichtet, das beste der Westküste sein. Wie dem auch sei, dass die Band aus so vielen verschiedenen Nationalitäten und kreativen Einflüßen besteht, wirkt sich natürlich maßgeblich auf die Musik aus. Gesungen wird in traditionellem Gipsy, Kroatisch/Bosnisch/Bulgarisch und Englisch, auf der neuen Platte kommt sogar noch Italienisch und Japanisch hinzu. Und der Mix aus Sprachen und Stilen (Rock, Punk, zum Teil schon Hardcore, Folk, traditionelle Gipsy-Klänge) geht mit solcher Brachial-Gewalt nach vorn, ohne dabei die Qualität auf der Strecke zu lassen, dass man meint, hier geht es darum, das letzte Mal zu spielen. Was im Grunde genommen auch das Motto der Band ist. Durch die Erfahrungen, die Yevdjevich und Butkovich im Krieg machen mußten, wurden sie so stark geprägt und letzlich erst zu dem gemacht, was sie heute sind, dass sie nun sagen: „spiele jedes Lied, als ob du nur noch 5 Minuten zu leben hättest“. Immerhin hätte damals jeder Tag ihr letzer sein können. Auf gut Deutsch gesagt heißt das auch genauso viel wie : Nie wieder Pop-Musik!

Was Kultur Shock machen, ist Musik die direkt ins Herz geht. Da bleibt gar keine Zeit zum Überlegen mehr, man wird einfach mitgerissen. Was auf der Platte ansatzweise durchkommt, zeigt sich auf den Konzerten mit doppelter und dreifacher Wucht. Die Konzerte strotzen nur so vor Energie, da tropft der Schweiß schon von der Decke (aber das war in Anbetracht der Räumlichkeiten des Mudd-Clubs auch kein Wunder). Für die Mitglieder der Band bedeutet Kultur Shock Herzblut. Und seitdem es die Band gibt, würde keiner mehr zurück gehen und das machen, was er vorher gemacht hat. Kein Pop, kein Prog-Rock, nichts anderes. Wenn Val in den 80‘ern noch Musik machte, die zum Nachdenken anregte, dann ist Kultur Shock jetzt genau das Gegenteil. Hier haben sich die richtigen Musiker zur richtigen Zeit am richtigen Ort getroffen, auch wenn sie dafür um die halbe Welt reisen mußten. „Der Mensch sollte frei sein und von Ort zu Ort ziehen können, ohne Grenzen. Der Begriff Gipsy zeichnet sich ja dadurch aus, aus verschiedene vielfältigen Einflüssen zu bestehen. Und genau das drücken wir auch in unserer Musik aus. Es ist halt nervend und schwierig, wenn ich immer erst ein Visum beantragen muß, wenn ich in Europa auf Tour gehen will, was 500$ kostet, und die anderen brauchen bloß ihren Pass zu zeigen“ (Gino).

Und trotzdem, Musik ist und bleibt die stärkste Sprache der Welt. Und das Ziel, „durch die Musik für eine kurze Zeit mit unterschiedlichen Menschen eine community zu schaffen“ (Amy) haben sie auf jeden Fall schon längst erreicht. Thanx for the show and the nice interview. Diese Band kann es noch weit bringen.

Autor: Anne

matthias | Sa., 05. Jul 2003 | Interview

Feel tha Jogit Beat

Jogit Beat haben es einfach nicht verdient vor einem Publikum zu spielen, das nicht mehr als 20 Leute zählt.
Am 21.04.03 gaben die sechs Aachener ein Konzert im Berliner Tommy Haus. Doch wie schon angedeutet, war das Konzert ein Reinfall. Die Vorband war schrecklich und die Tanzfläche war mehr als spärlich besiedelt.

Ich konnte mir das nur so erklären, dass Jogit Beat bis zum Großteil der Ska- und Reggaegemeinde in Berlin noch nicht vorgedrungen waren. Deshalb fühlten wir uns verpflichtet, auf diese unterstützenswerte, außergewöhnliche Reggaeband, die durch schnelle Offbeats, rhythmische Bläser und eine brillante Stimme überzeugt, mit einem Interview aufmerksam zu machen. Wir trafen die Band auf der fünften Aposkalypse.
Da ich während des Auftritts im Tommy Haus das Gefühl hatte, dass die Band sich durch die geringe Publikumsresonanz in keinster Weise die Stimmung verderben lies, sprach ich sie direkt darauf an:

Ihr habt ja teilweise eure Konzerte schon vor relativ wenigen Leuten spielen müssen, wie z.B. im Tommy Haus ...
Basti: Ich glaub wir können euch jetzt nicht anlügen, ihr wart ja selber da oder?
Lars: Ja das war eigentlich auch ganz cool. In solch einer Situation muss man sein Programm nicht so runterrasseln, außerdem ist man lockerer wenn man vor wenigen Leuten spielt und sieht das mehr wie eine öffentliche Probe. Wenn man das dann aufnimmt merkt man manchmal, dass man viel besser gespielt hat, als vor zweitausend Leuten. Das ist halt viel relaxter.

Da ist dann auch nicht eurer Selbstvertrauen geknickt?
Lars: Nein, eigentlich nicht. Wir feiern da eine Party, erinnern uns am nächsten Tag sowieso an nichts mehr und dann ist das auch wieder gut.

Natürlich war das nicht das letzte Konzert der Reggae Band in Berlin. Zur Fête De La Musique hatte ich dann nochmals die Gelegenheit Jogit Beat live zu sehen, wo schon wesentlich mehr Leute vor Ort waren. Wie ich mich belehren lassen musste, waren die Jungs allerdings auch schon einmal anlässlich der Hanfparade 2002 in Berlin, um für die Legalisierung zu kämpfen.

Toto: Wir sind extra für das eine Konzert auf der Hanfparade nach Berlin gefahren und haben auch noch selbst Spritgeld gezahlt. Offiziell sollte das Fest bis 22 Uhr gehen und wir sollten um 21 Uhr spielen. 10 Minuten nach dem wir angefangen hatten, stellte die Polizei den Strom ab. Eine richtige Erklärung gab es von Seiten der Polizei nicht, aber bis um 22:00 Uhr lief auf der großen Bühne Musik. Das war für uns schon ziemlich frustrierend.

Als ich noch völlig unwissend das erste Lied dieser Band „Who Declared That War?“ hörte, hatte ich vor meinem inneren Auge das Bild einer älteren, erfahrenen Reggaeband aus den Gründerzeiten und hoffte insgeheim, diese noch einmal lebend zu Gesicht zu bekommen. Da ich mich aber auf ihren Konzerten vergewissern konnte, dass die Bandmitglieder doch etwas jünger waren als erwartet, stellte sich mir die Frage:

Wie lange gibt es Jogit Beat eigentlich schon?
Lars: Die Band gibt es in dieser Konstellation jetzt 2 ½ Jahre. Die ursprünglichen Gründungsmitglieder waren Basti und ich. Wir haben schon ein Jahr früher angefangen, aber das war nur akustisch und auch nicht wirklich ernstzunehmende Musik. Die eigentliche Band wurde gegründet durch Toto am Schlagzeug, Basti der singt und Gitarre spielt, Ralf am Keyboard, Ich [Lars am Bass] und unseren ehemaliger Trompeter Lukas, der nun leider nicht mehr dabei ist.
Wir haben aber alle auch verschiedenste musikalische Vorgeschichten. Die wenigsten davon haben aber was mit Reggae zu tun, das war dann halt unser gemeinsamer Nenner. Jogit Beat ist schon eine sehr geile Band, die auch sehr cool fluppt.

Hat es Bands gegeben, die euch überzeugt haben, diese Musikrichtung einzuschlagen?
Basti: [lachend] Nö nö, gar keine, da sind wir selber drauf gekommen ... Nein natürlich gibt es solche Bands z.B. Sublime, eine sehr geile Band. Bob Marley natürlich, die Wailers, Desmond Dekker ...
Toto: … Toots And The Maytals, The Slackers …
Basti: Also die alten Rocker.

Mit den Slackers habt ihr ja bereits gespielt. Ist das dann auch sozusagen das Highlight gewesen oder gab es andere Konzerte, auf die ihr noch stolzer sein konntet?
Basti: Mh, ja aber das sind oft unbekannte Bands gewesen. Ich bin der Meinung jedes Konzert mit einer coolen Band ergibt auch ein geiles Konzert und wenn die Leute abgehen kann man stolz drauf sein.
Lars: Aber mit den Slackers aufzutreten war schon ein Highlight.

Wie seid ihr dazu gekommen The Slackers zu supporten?
Basti: Wir haben die Slackers einfach mal eingeladen und dann haben wir ordentlich Werbung gemacht, wir haben uns sogar an die Lokalzeitung verkauft.

Und das hat auch funktioniert?
Basti: Ja, das war geil, sogar The Slackers waren begeistert... also jetzt nicht nur von uns, das wollte ich gar nicht sagen, sondern mehr wie wir das organisiert haben.

Habt ihr so was schon öfter gemacht? Oder gibt’s das regelmäßig, Parties von der Band, oder von euch organisiert?
einstimmig: täglich!

Wie sieht die Ska und Reggaeszene in Aachen aus?
Basti: Das Problem ist, da gibt es nicht besonders viel... also die Reggaeszene besteht eigentlich aus den Jin Jin, Quicksteps und der TUF band [The Unforgetable Forgetaboutits], unseren Onkels...
Mit den Quicksteps haben wir auch schon öfter zusammen gespielt. Mit denen verstehen wir uns ganz gut.

Lars, du hast hat ja mal bei den Quicksteps mitgespielt, dann hattest du ja damals eine Doppelrolle. Wenn ihr da teils die gleichen Musiker habt, wie wird das geregelt?
Lars: Das war halt das Problem, dass sich das zu sehr überschnitten hat. Da musste ich mich entscheiden.
Basti: Momentan sind wir auf der Suche nach einem neuen Posaunisten, übergangsweise ist netterweise der Bernd von den Quicksteps [als Saxophonist] eingestiegen.

Wie sucht ihr nach den Musikern?
Basti: Ja bisher haben wir uns noch nicht so... [der Rest geht im Gelächter unter]
Lars: Wir warten immer noch darauf, dass jemand vorbeikommt.
Basti: Normalerweise kommen die immer so angeschwebt, puff auf einmal...
Im Musikbunker wo unser Proberaum ist, haben wir einen Aushang, und wir hoffen das sich da mal jemand meldet, der sollte schon aus dem Raum Aachen kommen.

Musikerprobleme hin oder her, jedenfalls habt Ihr schon einige Konzerte hinter Euch. Gab es auch schon eine größere Tour?
Basti: Wir haben bisher eine Tour gemacht, eine Deutschlandtour, leider aber auch nur in Deutschland.
Lars: Ja, ja [traurig] wir wohnen zwar an der belgischen und der holländischen Grenze aber wir haben es da noch nicht rüber geschafft. Wir kennen da keinen. Und keiner von uns kann holländisch...

Dann sind natürlich noch einige Fragen zu Euren Texten offen. Gibt es da eine Hauptproblematik, oder eine generelle Message?
Lars: Es geht halt meistens darum, dass jeder seinen eigenen Weg finden und gehen und sich nicht irgendwelchen gesellschaftlichen Konventionen unterordnen sollte. Wir sind weniger politisch fixiert, es geht eher um Toleranz allgemein.

Also die politische Seite von Reggae verfolgt ihr nicht so sehr?
Lars: Na ja klar wir sind schon dafür, dass Gras legalisiert wird, aber wir haben ansonsten nichts direkt mit dem Rastafarikram zu tun.
Basti: Die Texte kommen einfach aus Aachen, und sind nicht einfach nur in der Art, wie dieser normale Reggae, der immer irie ist...
Lars: Die Texte kommen jedenfalls mehr aus dem Leben, als dass wir versuchen Reggae Klischees zu erfüllen.

Wer schreibt die Texte oder macht ihr das zusammen?
Toto: Meistens schreibt Lars die Texte.
Lars: Das ist schon ein wichtiger Punkt, weil Basti sie singt und ich dann nicht besonders persönliche Sachen schreiben kann. Ich kann ihn ja schlecht von meinen Problemen singen lassen. Das würde er wohl auch kaum machen.

Habt ihr schon mal überlegt auch deutsche Texte zu singen?
Lars: Nein, auf deutsche Texte hab ich kein Bock.
Basti: Nein auf deutsch sing ich nicht... bisher hat mich noch keine Reggae Band mit deutschen Texten inspiriert, so dass ich versuchen würde das nachzuahmen. Wir versuchen echt den Roots Reggae wieder aufleben zu lassen, so wie die Wailers ihn gespielt haben. Das wird zwar wahrscheinlich nie so richtig klappen, aber es kommt auf jeden Fall eine ganze Menge guter Spaß dabei raus.

Gibt es dementsprechend Lieblingssongs, die euch am besten gelungen sind und die eurer Meinung nach so sind wie Ihr sie erreichen wollt?
Basti: Also da könnte ich „The Right One“ empfehlen!
Lars: Oder „Grand Day Out“ ist ein bisschen Wailers mäßig. Wir haben auch schon ein Wailers cover, dass ist aber leider noch nicht auf der Platte drauf.

Habt Ihr schon Pläne für eine Neue CD?
Basti: Ja die gibt’s. [dickes Lachen]
Lars: Wir wissen aber selber noch nicht wann wir Zeit haben. Wir wollen das Ende des Jahres in Angriff nehmen.

Wie habt ihr Euer Debutalbum „Freakin Out“ produziert?
Lars: Wir hatten ein Aufnahmegerät und haben das alles selbst gemacht.
Basti: Wir haben es dann aber woanders mastern lassen. Davon hatten wir alle nicht so richtig Plan.
Lars: Das wurde bei unserem Label Valve Records gemacht.

Es gab ja dann zwei Ausgaben von der Cd, mit zwei verschiedenen Covergestaltungen. War die erste Ausgabe so schnell ausverkauft?
Basti [lachend]: Eigentlich könnte man das so hinstellen...aber ein paar sind auch spurlos verschwunden.

Da im Hintergrund nun schon mittlerweile das dritte Lied von Mark Foggo`s Skaster`s lief, wurden die Jogits langsam unruhig, denn sie wollten das auf keinen Fall verpassen. Also entließen wir sie in die wohl verdiente Festivalfreiheit.

Krizn | Mo., 21. Apr 2003 | Interview

Es ist ja nun mal so, daß Plattenfirmen irgendwelche freischaffenden Journalisten (sei es Radiomoderator, Fanzinemacher, etc.) gerne mal dazu überreden, mit jemanden mehr oder minder gemochten Künstler ein Interview zu führen und dafür auch ein paar Freikarten für das (meist am selben Abend stattfindenden) Konzert springen lässt. So auch vor einigen Tagen geschehen mit den Fehlfarben. Normalerweise ist mir das so ziemlich schnuppe, aber als ich diese Mail bekommen habe, nahm ich Beides gern in Kauf. So machte ich mich am 4. Februar auf dem Weg in die Berliner Volksbühne. Um 18.30 Uhr war das Interview geplant und ich traf für meine Verhältnisse relativ pünktlich vor Ort ein.

Herr Hein hatte (nach 2 Fernsehinterviews) erstmal genug davon und gönnte sich eine Pause, während ich im Flur rum saß und ein Fanzine durchblätterte, welches sich vom Inhalt her allein auf Fehlfarben, Blumfeld und ähnliche Bands beschränkte, was ich nach 5 Minuten doch eher langweilig fand. Egal wir haben ja alle mal angefangen und ich tu es ja auch gerade erst.
Nebenan machte gerade Jürgen Engler ordentlich Lärm und mit seiner alten Band Male Soundcheck. Ich bekam das erst mit, als ich an der Garderobentür eben jenen Namen las und freute mich tierisch, die Düsseldorfer, die mit Zensur & Zensur angeblich die erste deutschsprachige Punkrockplatte und damit, so sagt man auch, einen Meilenstein der deutschen Musikgeschichte produzierten, live zu sehen. Nach kurzer Zeit bekam ich mit, wie der Tourmanager erstmal gnadenlos die Gästeliste zusammenstrich, da das Konzert auch heute (das dritte innerhalb von 6 Tagen) wohl darauf hinauslief, ausverkauft zu sein. Was sich später auch bestätigte.
Nach ca. 30 minütigem Warten ging es aber dann endlich los und überraschenderweise schloss sich uns nun auch Thomas Schwebel (Gitarre) an.
Auf dem Weg zu einer Kneipe erzählte mir Peter Hein noch, daß Jürgen Engler jetzt eigentlich in Amerika wohne und das sie heute abend nur so aus Spaß auftreten und generell ein paar Dates mit den Fehlfarben mitmachen wollten. Ob das eine gute Entscheidung war?Man muss sich vorstellen, daß die Volksbühne in Berlin (dort fand das ganze auch statt) ein Saal mit lauter Sitzplätzen ist. Also nix mit wildem Pogo. Und eher verloren wirkten sie nun da auf der Bühne und mussten sich Sprüche wie: „Geht doch nach Hause“ oder „Wir wollen die Fehlfarben“ anhören. Was mich bei diesem Yuppie-Publikum auch nicht wunderte. Immerhin verloren sie nicht ganz den Spaß, schafften es kurz, die Leute mit: Sie: „Keine Atempause – Geschichte wird gemacht…“ – Publikum: „Es geht VORAN!“ zu animieren, um darauf zu kontern: „Ja und das das einzige Lied, daß Ihr heute abend von den Fehlfarbe garantiert NICHT zu hören bekommt. Gut gemacht.
Ich kam etwas verspätet, bekam trotzdem noch die Songs wie „Polizei“, Zensur & Zensur“ oder „Risikofaktor 1:X“ mit und war begeistert. Einige andere auch und dann war´s auch leider schon vorbei.
Man schlenderte sich zum Bierstand, um sich mal eben für 2 Euro die kleine Flasche Beck´s zu erfrischen. Ließ aber vorsichtshalber seine Jacke auf dem Sitz zurück um die Leute anzufauchen, die sich fort hingesetzt haben, wenn man zurückkam. Egal. Sitzen wollte ich sowieso nicht.
Danach fing alles ganz gut an. Schöne Dia-Show auf die Leinwand hinter der Band projeziert, konnte man über die etwas dürftige Bühnenshow der Jungs hinwegsehen. Naja, sie sind ja auch ein wenig älter geworden. Die Leute klatschten artig nach den Songs wie „Grauschleier“, „Apokalypse“ oder neueren Sachen wie „Schnöselmaschine“, „(Geh) Du ran Du ran“ und einigen anderen. Immerzu mit ein paar Zwischenrufen (und den gleichen), nämlich „Paul ist tot“ begleitet. Mag er ja sein. Aber die Band besteht ja schließlich nicht nur aus dem einen Song. Als sich das dann häufte und die Leute kaum noch Notiz von der Band nahmen, war es mir zuviel und verließ den Saal eben genau bei „Paul ist tot“.

In einem „Stehladen“ hätte das ganze sicher mehr Spaß gemacht, kann man aber nun mal nicht ändern. Was bleibt, war ein (für mich) interessantes Gespräch. Was Ihr hier nun nachlesen könnt. Viel Spaß.

Was denkt man über einen Interviewer, wenn sich die erste Frage auf etwas bezieht, was über 20 Jahre her ist und die Worte „Monarchie“ & „Alltag“ drin vorkommen?

PH:
Ja, da guckt man erstmal, wie alt der ungefähr aussieht. Und wenn der halt ungefähr so alt aussieht wie ich, dann gibt´s wenig Antworten. Weil das müsste der eigentlich alles wissen. Naja aber ich denke mal, Du bist nicht ganz halb so alt – eher so um die 30´er…

Ich bin 25.

PH:
…Oh, sorry, bin ich Dir jetzt zu nahe getreten? Aber ja siehste mal, als die Platte raus kam warst Du vielleicht zwei Jahre alt. Da darfst Du natürlich alle Fragen dieser Welt stellen. Bis auf die, die Du vielleicht im Buch nachgelesen hast.

Hehe, das ist ja wohl Eure Standartantwort, auf Fragen, die sich darauf beziehen, oder?

PH:
Haha, ja genau.

Was hat es denn für Euch bedeutet, genau für diese Platte nach über 20 Jahren den Status „Gold“ zu bekommen? Gerade weil es von einigen Leuten als „Meilenstein“ der deutschsprachigen Musik angesehen wird.

TS:
Ja, es war sehr angenehm. Eine nette Geste dieser Firma, auf die wir sie hingewiesen haben, daß die überfällig wäre. Tja, mein Gott. Jede Benjamin Blümchen – Kassette wird vergoldet, warum dann nicht auch „Monarchie & Alltag“.

Sind die nicht selbst zu Euch gekommen?

TS:
Nein, nein, da muss man schon hinterher sein. Die haben ja keinen Grund, so was nach zwanzig Jahren zu machen. Die wussten, das Ding läuft immer und ob da nun ´ne goldene Platte verliehen wird, oder ´n Sack Reis fällt um, das interessiert die nicht. Ich hab da irgendwann mal angerufen und gesagt: „Hey Leute, ist es nicht irgendwann mal soweit?“, und die dann: „Ja, ja, ja, doch, hast ja auch recht, na ja dann machen wir mal.“

Und wie lief das so ab? Schnell mal die „Goldene“ im Büro in die Hand gedrückt und gut iss.

TS:
Nee, das war im Foyer des brandneuen hochschicken EMI-Gebäudes in Köln, was, glaube ich, mittlerweile schon zur Hälfte leer steht, weil alle Leute rausgeflogen sind, die damals zugeguckt haben. Es wurde sogar für eine halbe Stunde die Dekoration für die letzte Beatles-Veröffentlichung weggeräumt für unsere Platte. Und dann kriegten wir die goldene Platte in die Hand gedrückt, dann gab´s Schnittchen und Bier, war also nicht ganz so profan, wie man immer dachte aber es war auch nicht so, daß jetzt irgendwie die Welt stehen blieb.

Waren bei der Verleihung auch alle Mitglieder bei, die damals an der Platte mitgewirkt haben?

PH:
Ja, alle, außer Uwe, also der Schlagzeuger der damals dran beteiligt war. Uwe war irgendwie verhindert, aus welchen Gründen auch immer. Wir haben ihm auch Bescheid gesagt. Ansonsten waren alle da.

Peter, Du hast ja damals vor der ersten großen Tour die Band verlassen. Warum eigentlich und würdest Du das heute jederzeit wieder tun?

PH:
Ja, vielleicht aus den damaligen Gründen. Eventuell schon. Also ich haeb es ja nicht wirklich bereut. Im Moment gibt´s keinen Anlass dazu. Die Konstellation ist auch anders. Das war ´ne ganz persönlich, private Geschichte. Und auch viel Verwirrung und Kommunikationsschwund untereinander. Alle haben irgendwie was gesagt & ich habe nicht zugehört und umgekehrt. Aber ich kann jetzt nicht sagen, würde ich nie wieder machen. Genauso wenig wie, das mache ich jetzt dauernd oder so. Das ist ja Blödsinn. Ein gewisser Faktor, der damals mitgespielt hat – falls der jetzt wieder so wäre – könnte ich mir das auch wieder vorstellen, aber….

Was war das für einer?

PH:
Aahh, da sage ich jetzt nichts zu.

War das vielleicht ein Grund vom ehemaligen Schlagzeuger, jetzt nicht an dieser Tour mitzuwirken?

PH:
Nee. Ich glaube nicht. Nein. Ich glaube…

TS:
Das waren auch private Gründe…

PH:
…über die wir uns hier auch nicht auslassen wollen. Ich kenn mich da auch nicht so aus. Er sagt, es ist für ihn besser. Das ist seine Entscheidung und das muss man völlig respektieren. Er kommt hoffentlich auch gleich zum Konzert. Also wir haben da keinen Streit, oder so was.

Was geschah´ nach dem Peter ausgestiegen ist. Vor allem in den Zeiträumen ´85 (also nach der endgültigen Auflösung) und ´89/´90, als Ihr Euch das erste Mal wieder vollständig getroffen habt, eine kleine Tour gespielt habt und im Zeitraum ´91/´92 – 2000, als Ihr Euch zur Goldverleihung getroffen habt?

TS:
Nachdem Peter weg war, wurde die ganze Sache erstmal so richtig erfolgreich, was jetzt nicht unbedingt damit was zu tun hat. Haha. Aber das ergab sich einfach so. Und es war ja nicht zu ahnen, daß das…

PH:
…Als ich ging, war ja noch kein Erfolg da.

TS:
Das war ja noch so eine kleine Undergroundgeschichte. Wir haben dann noch zwei Platten bei der EMI gemacht. „33 Tage in Ketten“ und die „Glut + Asche“, die…

Ward Ihr tatsächlich auch 33 Tage im Studio, wie es manche behaupten. Und daß es eine wahre „Folter“ war und Ihr überhaupt keine Lust mehr verspürtet?

TS:
Nee, nee, nee. Das ist auch eine Legende, genauso wie die, alle zehn Jahre eine Platte aufzunehmen. Oder einige andere Sachen. Das ist völliger Quatsch.
PH:

Den Titel haben wir schon zusammen gemacht, als ich noch dabei war.

TS:
Ich glaube, daß war damals irgendeine Entführung. Ich weiß nicht, ob das Oetker war oder Aldi, oder… Irgendeiner, der damals 33 Tage irgendwo angekettet war.
PH:
Genau wie später der Reemtsma.

TS:
Reemtsma. Ja genau. Dieselbe Schlagzeile. Das war wirklich unglaublich, aber das nichts mit der Studiozeit zutun. Ich weiß nicht, wer das in Umlauf gebracht hat.

PH:
Es war damals bei der Produktion der Platte auch niemand wirklich unzufrieden. Also daß jemand unzufrieden war, das kam erst hinterher. Aber die waren auch wirklich gut. Also „Glut + Asche“ war Platte des Monats im Musikexpress. Das war bis irgendwann Mitte oder Ende der Neunziger, also 15 Jahre lang, die deutsche einzige Platte, die das irgendwie geschafft hat. Also das war o.k.. Und dann ´85 war dann irgendwann Ende und alle zigen in verschiedene Städte. Und dann war erstmal Schluß. Und dann haben wir ´89 erst wieder in der Originalbesetzung zusammengefunden.

Peter, Du warst ja in der ganzen Zeit musikalisch nicht untätig.

PH:
Nein. Ich bin praktisch bei den Fehlfarben raus. Und hab dann ein halbes Jahr oder ein Jahr nicht wirklich was gemacht. Dann haben wir in der Zeit, also Thomas und ich mit Xao und Peter Glaser unglaublichen Blödsinn gemacht und bei Alfred Hilsberg auf´m Label veröffentlicht. Die Liedermachoost (???), die Orafs (???) also wir haben uns praktisch selbst, unseren eigenen Scheiß verarscht. In unsäglicher Qualität. Im Keller oder Wohnzimmer aufgenommen.
Dann habe ich, ich glaube noch mal ab ´81 oder so, noch mal so einen blöden Witz gestartet, Xao und ich haben irgendwie gedacht, wir müssen jetzt so´n bisschen – damals war so ???? (die Namen der beiden Bands kannte ich nicht und finde sie trotz intensiver Suche im Netz nicht – und ehe ich hier was Falsches schreibe… - Anm. d. T.) angesagt, da haben wir gesagt, komm wir schmeissen ´ne Platte auf den Markt. Das machen wir auch, haben uns irgend ´nen blöden Namen ausgedacht. Das musste englisch sein, obwohl wir deutsch gesungen haben. Da mussten irgendwelche blöden Zahlen drin sein. Ja, kam Family 5 bei raus.
Eine Single wollten wir machen und die kam dann irgendwie an und es kam ein Angebot und dann gab´s irgendwie 15 Jahre lang die Band Family 5. Mit ´ner 4-jährigen Pause zwischendurch. Die habe ich so bis ´97 irgendwie gemacht. Mit, ich weiß nicht, 500 Konzerten. Also wir haben alle Jugendheime Deutschlands gerockt und auch ein paar größere Dinger. Aber nicht so viel, vielleicht ein bisschen Österreich und Schweiz, also, was so dazugehört. Tja dann haben wir ´ne Weile nichts gemacht und dann kam jetzt so mit den Fehlfarben auch wieder so ein Family 5-Ding….

Da gab´s ja gerade noch mal 2 Veröffentlichungen. Eine „Best of“ und so´ne Platte mit Coverstücken…

PH:
Ja genau. Dann hieß es: „Naja, gehen wir mal wieder spielen.“ Und so weiter.

Bei Schwarz auf Weiss“ hast Du auch was gemacht…

PH:
Ja, bei „Schwarz auf Weiss“ habe ich ein Stück mitgesungen. Bei „Anglika Express“ habe ich ein Stück mitgesungen. Ich habe zwischendurch, glaube ich, diverse „Blödsinns-Projekte“ gestartet. Mit anderen Leuten und so. Ist aber nichts draus geworden.

Also hattest Du immer was Musikalisches zu tun. Konntest Du irgendwann von der Musik leben?

PH:
Nein. Definitiv nicht Ich habe noch nie davon leben können. Aber ich weiß auch jetzt nicht wie es aussieht, weil ab Juni werde ich dann arbeitslos sein. Da weiß ich nicht, wie es weitergeht.

Wie kam es dazu, daß Ihr schließlich die neue Platte aufgenommen habt. Wie lange hat es von der ersten Idee gedauert, bis die Platte letztendlich in den Läden stand? Habt Ihr die in Eurem eigenen Studio aufgenommen.

TS:
Also, wir hatten die Idee irgendwie bei der Goldverleihung…

PH:
Ja genau, das waren dann 2 Jahre fast.

TS:
Also Frank und Kurt, unsere beiden Keyboarder in der Band, sie sind ja 2 / 3 der legendären Band „Der Plan“ und die haben schon seit Ewigkeiten ihr eigenes Studio in Düsseldorf und ihr eigenes Label und da haben wir das eben aufgenommen. Und der Kurt, auch „Pyrolator“ genannt, der hat das ganze dann produziert. Aber das ist jetzt nicht ein Fehlfarben-Studio. Das ist sein Studio und der nimmt da tausend Sachen auf.

PH:
Wir haben das ja auch bezahlt.

TS:
Genau, der hat ja auch Geld für seine Arbeit gekriegt. Ja, fast 2 Jahre hat´s gedauert.

PH:
Also nicht, daß wir jetzt 2 Jahre jeden Tag im Studio waren und uns Gedanken gemacht haben.
TS:
Im Laufe der 2 Jahre haben wir uns immer irgendwie getroffen.

Was versprecht Ihr Euch von der neuen Platte „Knietief im Dispo“. Wollt, oder könnt Ihr in der heutigen Zeit damit noch etwas bewirken? Oder habt Ihr die Platte komplett für Euch selbst gemacht?

TS:
Naja, wir haben ja auch nicht „Monarchie & Alltag“ mit dem Gedanken gemacht, um damit jetzt was zu bewirken. Wir wollten auch da zuallererst auch unseren Spaß haben. Wir waren ´ne ganz ordentlich funktionierende Band. Und wollten einfach ´ne gute Platte machen. Und größer werden als Hans-A-Plast. Das klingt heute etwas absurd. Die hatten damals irgendwie 4000 Platten verkauft und wir wollten 6000 Platten verkaufen. Oder 5000. Das war unser Ziel. Insofern sind die Startbedingungen nicht großartig anders. Ob die Platte etwas bewirkt merkt man erst hinterher. Als die „Monarchie & Alltag“ raus kam haben die Leute ja auch nicht flach auf dem Boden gelegen.

Musikerkollegen haben auch nicht gesagt, das sind jetzt die fehlenden Gesetzestafeln vom Berg Sinai. Sondern die haben eher gesagt: „Na ja, klingt ´n aber bisschen glatt“….

PH:
„…..ey bei der Industrie, ey… Is´ ja nich so doll.“ (lachen)

TS:
Das kam ja auch erst so im Lauf der Jahre. Vielleicht ist es ja mit „Knietief im Dispo“ auch. Ich weiß es nicht.

Aber kann man denn mit Musik noch was bewirken?

PH:
andere Frage. Konnte man das je. Einerseits denke ich, ´n bisschen vielleicht schon. Wir haben ja immerhin Stoiber erfolgreich verhindert mit ´nem Lied (Er spielt hier auf eine Single bzw. einen nur im Internet erhältlichen Song an. Eine „Band“ Namens J. Erwin Blues Explosion – Anm. d. T.).
TS:
Man bewirkt ja insofern was. Oder wir haben zumindest was bewirkt, weil irgendwelche Leute, die die Platte gehört haben, oder uns live gesehen haben, gesagt haben. Ja das will ich auch machen. Ich will auch Musik machen. Insofern haben wir natürlich was bewirkt weil wir was bei den Leuten verändert haben.
Man sagt ja immer so ganz pathetisch: „Ja wenn ich nur einen erreicht habe...“, irgendwelche politischen Liedermacher, „…würde mir das schon reichen.“. Also wir haben sicher dutzende erreicht. Da könnten wir also hochzufrieden sein. Ob das aber alles nun zum Besseren deswegen geworden ist, weiß ich nicht. Vielleicht hätten die auch ohne uns Musik gemacht.

Was unterscheidet denn die Fehlfarben 2003 / 2003 von den Fahlfarben 1980 / 1981 oder noch früher? Jetzt mal abgesehen von der Besetzung.

TS:
Naja, das Alter. Wir sind jetzt einfach 20 Jahre älter und entsprechend gelassener. Zumindest, was jetzt so die Tour anbelangt, hat es damals nicht so viel Spaß gemacht. Erstmal waren damals die Bedingungen auch beschissener. Aber auch insgesamt war man nicht so nett miteinander, vielleicht.

Inwiefern beschissener?

TS:
Naja, wir waren ´ne kleine Band als wir noch mit Peter zusammen waren. Da haben wir die Verstärker irgendwie hinten in´nen VW auf den Rücksitz getan und sind mit 3, mehr oder weniger funktionierenden Privatautos durch halb Deutschland gegurkt, um dann irgendwo zu spielen. Die PA´s waren immer kacke, das Publikum war auch nicht so viel…

PH:
Ja und damals waren die PA-Fritzen wirklich noch aus der Generation „verhinderte Hardrockstars“….

Ist doch heute eigentlich auch noch so, oder?

PH:
Nee, gar nicht mal so. Das hat sich gebessert. Heute sind gerade so bei den lokalen PA´s, wenn Du irgendwo hinkommst, die Typen viel offener als früher. Die können ihren Job, die machen nicht mehr den großen Max…
TS:
Kein „Smoke on the water“ und so.
PH:
Nee, is nicht mehr. Naja, gut, den Sound, den sie so beim einstellen in der Halle hören ist immer noch grauenhaft. Aber, nee, ehrlich. Das ist einer der wenigen Sachen, wo ich sage: Dat hat´n Fortschritt gegeben. Ansonsten nicht wirklich viel.

Manche Interviewer (o.k, daß mache ich ja auch gerade), fragen immer nach dem „Früher“, was Ihr, so habe ich gelesen, manchmal gar nicht so toll findet. Was könnt Ihr denn zum „Heute“ oder der „Zukunft“ sagen, wenn NICHT über die Vergangenheit.
PH:
Na über die Zukunft kann man natürlich wenig sagen, außer daß, wenn man die 6000-jährige Geschichte unseres Volkes in zwei kurzen Sätzen zusammenfasst: Es wird nicht besser. Und: Et het no immer jotjejange.

In letzter Zeit ist mir aufgefallen, vielleicht kommts mir aber auch nur so vor, daß es unheimlich viele Revivals gibt. Zum Beispiel kommen demnächst Stunde X hier nach Berlin…
PH:
…Die „Monsters of Mod“. Da war ich auch mal Mitglied. Ich kenn alle. Von Stunde X habe ich die erste LP raus gebracht.

Echt? Sollte die nicht noch mal wiederveröffentlicht werden? Oder ist sie das schon?

PH:
Die haben für ´ne CD, also die haben ja 2 LP´s gemacht. Diese Mini-LP bei mir „Hey Du“ und dann haben sie die „Graf Porno für Deutschland“, bei Weser-Label, glaube ich, gemacht. Und alles zusammen reicht´s wohl nicht für eine CD. Und deswegen, ich meine ich hätte, habe ich Fabsi mehr oder weniger gesagt er kann das von mir natürlich auch mit rauf nehmen. Also er will das auf CD. Aber das hängt wohl irgendwo noch in den Seilen. Ich hab´ keine Ahnung., was eigentlich das Problem ist.
Die wollen das gerne auch wieder raus bringen, weil das ist auch so ´ne Sache, die man auch wirklich auf CD haben muss, finde ich. Weil das ist so klasse. So´ne Super Band gewesen.
Das war für mich 80´er Jahre und nicht NENA und Konsorten.

Ihr ward nicht „Knietief im Dispo“, als Ihr Euch entschlossen habt, die neue Platte aufzunehmen?

TS:
Zumindest wäre „Musik machen“ im Augenblick die dümmste Lösung für das Problem, wenn man knietief im Dispo wäre. Ich glaube mittlerweile hilft nur, wie früher, ´ne Bank überfallen…
Nee, ich glaube, Musik machen aus diesen Gründen – dann sollte man es sein lassen.
PH:
Ich bin natürlich trotzdem Knietief im Dispo gewesen. Haha, aber das war nicht der Grund. Sondern als ich das dann hörte, sagte ich: „Stimmt“.

Das heutige Konzert ist nun schon zum dritten Mal in Folge ausverkauft, obwohl es ein Zusatzkonzert ist. Ich habe mal gelesen, daß Ihr Euch früher vor „taz“-Redakteuren hier in Berlin rechtfertigen musstet für Eure Platten oder Konzerte. Was war das genau? Und läuft man solchen Leuten heutzutage noch über den Weg?

TS:
Das war der, der uns damals für die TAZ interviewt hat, das war 1981, das weiß ich noch. Und die dachten alle wir wären eben Ton Steine Scherben Teil 2, weil die gab´s damals, glaube ich nicht, weiß ich nicht mehr. Und die dachten, daß wir mit ´ner 7-Mann-Band sieben verschiedene Häuser besetzen, parallel zu unseren Konzerten und waren dann ganz enttäuscht, daß wir irgendwo gewohnt haben, vielleicht im Hotel sogar noch von ´nem Veranstalter. Da gab es eben merkwürdige Geschichten. Die wollten uns einfach so als ihre Hausband, die Band der Bewegung, irgendwie vereinnahmen. Da haben wir damals gesagt, nee, seid ihr eigentlich völlig verrückt geworden.

Gabs darauf irgendwelche Anfeindungen? Kann man sich ja durchaus vorstellen.
TS:

Bei der TAZ scheint das ja nach wie vor ein Thema zu sein. Als jetzt unsere Platte raus kam haben sie das ja auf ihrer Doppelseite „Pro und Kontra“ abgearbeitet.

PH:
Ja genau. So „Fehlfarben - Fluch oder Segen?“.
TS:
Als wär das so ´ne verdammte Regierungserklärung, die wir da abgegeben hätten. Aber vielleicht war das für die auch so. Ich glaube das ist für die Generation irgendwie wichtg. Und nach wie vor entstehen da Probleme, weil die so falsche Hoffnungen rein projizieren. Ich glaube auch Rio Reiser war nicht glücklich damit, daß er immer nur „Keine Macht für Niemand“ brüllen sollte bis in die neunziger Jahre. Es war einfach sehr einseitig.

Aber früher habt Ihr Euch schon versucht zu rechtfertigen. Heute ist Euch das egal, oder wie?

TS:
Also jetzt ja. Also heute ist mir das völlig wurscht.

PH:
Die TAZ muss sich rechtfertigen. Ich doch nicht.
TS:
Also nach der Bandgeschichte haben wir überhaupt keinen Grund, uns für irgendwas rechtfertigen zu müssen. Wir haben mehr Plattenkäufer gefunden als die TAZ Abonnenten hat. Hehe.
Insofern haben wir da auch überhaupt kein Problem. Es ist einfach so einseitig, wie: „Ich möchte Mitglied in einem Club sein, der mich als Mitglied überhaupt aufnimmt“. Also ich will doch nicht jetzt hier in so´ner TAZ-Bewegungsband sein. Dann ist man in dem Moment erledigt, wo diese TAZ-Bewegung vorbei ist. Und da war so viel in dieser linken Szene damals, aus der auch diese TAZ entstanden ist. Da war dermaßen viele Schrebergartenspießigkeit am Werk und Verklemmtheit und protestantische Gutmenschenscheisse.

PH:
Die haben ja überhaupt nichts mit dem zu tun gehabt, was wir eigentlich auch so waren. Natürlich, wir haben gute Musik gemacht und haben immer versucht etwas zu texten, was nicht ganz blöd ist. Und mehr wollten wir ja nicht.

Wie setzt sich heute Euer Publikum zusammen? Wer Eure Platten kauft, könnt Ihr ja wahrscheinlich nicht sehen.
TS:
Das ist ganz unterschiedlich. Total gemischt. Man kann nicht sagen, das sind nun die oder die, die da hin gehen. In allen Konzerten war das eine absolute Mischung aus allen Altersgruppen, allen subkulturellen Zugehörigkeitsgruppen, ob lange Haare oder kurze Haare, oder was auch immer. Ich könnte da jetzt nicht fest machen, daß wir nun ein bestimmtes Klientel bedienen. Das ist das einzige, was sich durch die ganze Fehlfarbengeschichte wirklich kontinuierlich zieht. Und für mich ist das auch auch gut. Also nichts wäre langweiliger, wenn Du nur dein eigenes kleines Klientel bedienst, dein gut laufenden Gemischtwarenladen hast und keine Chance mehr hast, aus so einem Ghetto von einem Publikum raus zu kommen. Also das wäre nun todlangweilig.
Man muss auch immer wieder einigen Leuten vor den Kopf stoßen, die sich zu sicher fühlen, dieser Band gegenüber. Kann passieren, daß einige Leute, die jetzt „Knietief im Dispo“ gut finden von der nächsten Sache vielleicht vorm Kopf gestoßen sind und dafür andere Leute das gut finden. „Glut + Asche“ war zum Beispiel so ein Schritt.

Im Zuge der Veröffentlichung von “Knietief im Dispo“ werdet Ihr ja meistens nur auf eben diese Platte und die „Monarchie & Alltag“ reduziert. Stört das einen? Sagt man da manchmal: „Hey da waren aber noch 2 andere Alben! dazwischen“…

TS:
…Drei sogar. Oder vielleicht auch 4. Die Songs auf der „Platte des himmlischen Friedens“ von 1991 waren alle klasse. Die Produktion ist ein bisschen in die Hose gegangen…

…Ich meine, nervt das?

TS:
Klar nervt einen das. Ja logisch. Deswegen spielen wir ja auch die Songs von der…
PH:
…Das nervt Thomas, genauso wie mich das nervt, daß, eben diese 15 Jahre Family 5, mit glaube ich 7 LP´s völlig unter den Tisch gekehrt werden. Das wir nicht in den Charts waren ist ja was ganz anderes, aber das man nichts gemacht hat – das ist nervig. Und das immer eben auch von Leuten, die so ankommen: „Naja, ich kenn Eure Platte noch nicht, aber Ihr seid ja berühmt, also sag doch mal was…“. Und dann erklär ich auch nichts. Das nervt.

Ziehen die anderen Platten jetzt mit der Veröffentlichung der „Neuen“ noch mal mit an?

TS:
Was soll da anziehen? „33 Tage in Ketten“ und „Glut + Asche“ gibt´s nicht.
PH:
Die werden jetzt erst wieder raus gebracht.
TS:
„Platte des himmlischen Friedens“ gibt´s leider auch nicht mehr bei der WEA. Wenn´s die gäbe würden die Leute das sicher kaufen.
PH:
Wenn wir jetzt im Sommer noch ein wenig spielen wird man das auch vielleicht merken. Ich hoffe mal, daß wir o.k. bleiben. Das wir nie schlechter als „Mittelscheiße“ werden.
TS:
Nein, das ist ja auch klar, daß es noch mehr gibt als „Monarchie & Alltag“. Das sieht man auch auf Konzerten. Also es kommen auch Stücke ganz besonders gut von der „Platte des himmlischen Friedens“ an. Und ein Hit des Konzerts ist zum Beispiel auch ein Stück von der „33 Tage in Ketten“, was auch erstaunlich viele Leute immer wieder kennen. Was mich auch wundert. Ich denke mir, daß Leute, die zu Fehlfarben 2003 gehen und sich ´ne Karte kaufen, wissen daß Fehlfarben mehr ist als „Es geht voran“ und „Monarchie & Alltag“.

Wie ist das mit den Journalisten heute? Mittlerweile fragen ja viele nach und man kümmert sich um Euch. Wie war es denn damals. Hat sich da jemand für Euch und Eure Inhalte ernsthaft interessiert und nach dem „dahinter“ gefragt. Habt Ihr Interviews für Fanzines gegeben?

Beide:
Ja, immer. Klar.
TS:
Es gab ja keine Musikzeitungen.
PH:
Hehe, außer der SPEX. SPEX war ja damals ´n Fanzine eigentlich. Also nur mit Fanzines eigentlich. SPEX fing damals ´81 an, SOUNDS war damals noch sehr Mainstreammässig orientiert. Musikexpress war völlig indiskutabel. Zu der Zeit gab es eigentlich keine Musikpresse.
`Ne größere Tageszeitung wie jetzt die Süddeutsche oder die FAZ. Ich weiß nicht. Marcel Reich-Ranicki hat damals den Kulturteil gemacht. Da wär doch kein Artikel über die Fehlfarben erschienen.

Welche Bands haben Euch denn damals interessiert, oder interessieren Euch noch immer. Oder interessieren Euch gerade im Moment.

TS:
Also die Bands, die mich damals interessiert haben, die gibt´s ja alle nicht mehr. Zum großen Teil.
PH:
Zum Beispiel The Jam, The Clash, Gang of Fall, Buzzcocks. Elvis Costello.Wire.

Und momentan?
TS:
Also ich habe in der ganzen Zeit die englische Musik doch relativ intensiv verfolgt.
Pulp ist sicherlich ´ne tolle Band. Radiohead fand ich auch ´ne Zeit lang ganz klasse, wobei ich mit den letzten Platten auch ´n bisschen Probleme habe.
PH:
Ich bin erstaunt, im Moment, wie viele wirklich gut Platten von so alten Säcken wie uns selber auch rauskommen Also ich war wirklich begeistert von Wire. Softboys haben ´ne Super Scheibe gemacht Auch zum Beispiel jetzt, Anfang des Jahres habe ich mir zum erstem Mal in meinem Leben ´ne neue Bowie-LP gekauft (Oh ja, das muss nun aber wirklich nicht sein, oder – Anm. d. T.), weil ich die gut fand. Ist mir bisher noch nie passiert. Haha. Selbst bei Costello gibt´s irgendwie noch so´n Bonus. Aber von so richtig neuen Sachen juckt mich nichts wirklich. Das habe ich alles schon, oder ich will es nicht haben.

Gut und das war es auch schon. Man musste noch schnell die Gästeliste absegnen & dann ging es auch schon los. Ich fand´s informativ und ich hoffe, Ihr auch. Die neue Platte ist gut und lohnt sich allemal. Schönen Tag auch.

mieschka | Di., 04. Feb 2003 | Interview

2002

Die Herren von The Real McKenzies standen Mieschka zum Interview bereit. Lest selbst was dabei so geplaudert wurde!

Wie sieht den Euer gegenwärtiges LineUp aus & wie lautet die Antwort auf die ewig gestellte Namensfrage?

Paul McKenzie: Ich beschäftige mich schon mehr als mein halbes Leben damit, Rock´n´Roll mit der traditionellen schottischen Musik zu vermischen & diese spezielle Mischung nennt sich dann „The Real McKenzies“.
Viele Menschen denken, daß ich die Band nach mir selbst benannt habe. Aber die Wahrheit ist, daß sie nach dem billigsten „Single Malt Scotch“, den man in Schottland kaufen kann, benannt wurde. Daher kommt also der Name.
Die jetzige Besetzung ist die Beste, die ich jemals in den vergangenen 10 Jahren, die ich jetzt in der Band bin, hatte – und ich bin einer der Gründungsmitglieder. Kurt kam 2 Jahre später dazu & diese Gentlemen hier sind in der Band seit – äähh – Matti der Dudelsacker –Wie lange bist Du jetzt in der Band?

Matthew Hawley: Ich glaube seit 2 ½ Jahren….

Paul McKenzie: Und Mr. The Bone, an der Gitarre….

Mark "the Bone" Boland: Seit fast 4 Jahren – 4 Jahre bin ich bald in dieser Band.
Paul McKenzie: 4 Jahre! Und schau sie Dir an, sie sehen immer noch ziemlich glücklich aus.

In welchen Ländern tourt Ihr am liebsten? Ist es wahr, daß Ihr z.B. gern mal nach Skandinavien oder Irland wollt – diese Länder aber zu teuer sind, um dort eine Tour zu machen?

Paul McKenzie: Ja, das ist wahr. Aber wir können es nicht genau wissen, da wir dort ja noch nie waren – Weil es zu teuer ist. Soweit ich das richtig mitbekommen habe, ist das Bier dort sehr teuer und deswegen: Ja, es wäre sehr, sehr teuer, denn diese Band trinkt sehr viel Bier. Daher mögen wir es auch so durch Deutschland zu touren, wegen den strengen Braugesetzen hier. Und es ist einfach wundervoll hier.
Ich meine, ich muß hier nichts essen. Ich denke, zum touren sind Deutschland & Schottland meine Lieblingsländer.
Es ist sehr schwer in Kanada zu touren. Einmal aus dem Grund, daß es von einer Küste zur anderen 3000 Meilen sind & zum anderen sind wir eine Clubband. Aber die Menschen in Kanada machen nur am Wochenende Party und unter der Woche gehen sie nicht weg. Und so ist es fast überall in Kanada und auch fast überall in den USA. Aber hier in Europa ist es sehr leicht, jeden Abend irgendwo zu spielen.

In älteren Interviews hast Du mal davon gesprochen, daß das deutsche Publikum teils Eure Message nicht versteht oder verstanden hatte. Ist das heute immer noch so & wie sieht es in anderen Ländern aus?

Paul McKenzie: Ich glaube, es gibt bestimmte Leute, die unsere politische Message missdeuten. Das sind die Leute, die jede Message falsch auslegen würden. Ich habe oft mit ihnen gesprochen und es ist meist sehr einfach für mich, ihnen klar zu machen, was in dieser oder jener Hinsicht gemeint war.

Und wie würde Deine politische Message aussehen?

Paul McKenzie: Unser Grundsatz ist der, der schottischen Souveränität. Aber wir sind keine Mitglieder des rechten Flügels bzw. der SNP. Wir würden es außerdem begrüßen, wenn das Konterfei der Königin vom kanadischen Geld entfernt wird, weil wir wollen, daß die Monarchie abgeschafft wird, die für mich, für die Band und für viele Kanadier einfach lächerlich wirkt.
Und weißt Du, was kann man über einen Mann sagen, der zu seiner Geliebten, nicht mal seiner Frau, sprach und sagte: „Ich wünschte ich wäre Dein Tampon, so daß Du mich mit Dir rum tragen könntest.“? Das war ein direktes Zitat von Prinz Charles und wir haben eine Verschwörungstheorie, daß Charles und Elisabeth Diana töteten. Und ich glaube, daß vielleicht, eines Tages, diese Verschwörungstheorie bestätigt wird.

Wie sieht die Punkszene in Kanada bzw. Vancouver aus?

Matthew Hawley: Ich erzähle Dir alles über die Musikszene in Vancouver. Es gibt keine.

Paul McKenzie: Es ist irgendwie interessant. Denn wenn wir irgendwelche Medienberichte über Auftritte von uns bekommen, gibt es ganz gute Reaktionen, weil die Menschen neugierig sind. Aber es gibt nicht viele Punkrocker. Auf einer unserer Shows sind vielleicht ¼ der Zuschauer Punks und der Rest sind Crossoverfans.
Wir bekommen ein ganz gutes Feedback, wenn es um die Undergroundszene geht. Ich denke, es könnte immer besser sein, aber es ist schade, daß wir kein größeres Medienecho bekommen, da sie, glaube ich, Angst vor uns haben.

Matthew Hawley: Ich könnte Dir so viel von den Punkbands in Vancouver erzählen….

Mark "the Bone" Boland: Aus irgendeinem Grund verschwand sie, sie ist nicht mehr da….

Paul McKenzie: Naja, ich sage Dir was ich glaube, was passiert ist. Denn ich war da. Punks werden erwachsen und kaufen sich Häuser und kriegen Kinder. Das ist eine normale Sache. Ich mein, jeder schaut mich an und fragt: „Warum hast Du noch keine Familie…“? und so weiter.
Weil ich mit Punkrock verheiratet bin.

Matthew Hawley: Aus diesem Grund und wegen ein paar sehr engen Jeans in den 70´er Jahren.

Paul McKenzie: Oh yeah! – Aber darüber werden wir hier jetzt nicht sprechen?

Matthew Hawley: Nein!

Wie sehen sonst die Reaktionen aus, die Ihr für Eure Shows in Kanada bekommt?

Paul McKenzie: Es gibt viele gute Feedbacks auf unserer Webpage und es scheint so, als ob sich viele Menschen der Ostküste an keltischer Musik und keltischer Punkmusik interessiert sind. Wir versuchen eine geschichtliche Message rüber zubringen.
Es gibt viele Menschen in Nordamerika, die denken, sie seien weißer Abschaum und haben keine Ahnung, daß der Grund, warum sie in Amerika oder Kanada sind die „Scottish Highland Clearences“ im 17. Jahrhundert sind.
Ich bekam einige eMails wo drin stand: „Mr. McKenzie. Danke, daß ich durch Sie etwas von meinen Familienwurzeln erfahren habe. Ich hatte keine Ahnung.“.
Also wenn ich ihnen ein Gefühl ihrer selbst geben kann und dabei noch eine ganze Menge Spaß habe, ist es das größte für mich. Das ist meine Hauptmotivation.

Ihr habt ja nun auch Euer Label gewechselt. Warum?

Paul McKenzie: Leider war Sudden Death, unser altes Label, wohl nicht darauf vorbereitet, daß wir härter arbeiten als sie selbst. Obwohl sie anfangs für uns okay waren. Aber sie hatten weder die Einrichtungen, die Möglichkeiten noch das Geld, unsere Platten an den Orten zu veröffentlichen, die wir wollten. Natürlich haben wir uns deswegen nach jemanden umgesehen, der sich unseren Bedürfnissen besser anpassen konnte. Aus diesem Grund haben wir gewechselt

mieschka | Mo., 09. Sep 2002 | Interview
Interviews-Archiv abonnieren